Skip to main content

Full text of "Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 




(f. S. !■■■ -^ * 






/ / 



DIE 



PHILOSOPHIE DER GRIECHEN 



IN IHBEB 



aESGHIGHTLIGHEN ENTWIGKLüNGt 



DARGESTELLT 



VON 



Dr. EDUARD ZELLER. 



2 a 

ZWEITER THEIL, ZWEITE ABTHEILnN&. 

ARISTOTELES UND DIE ALTEN. PEBIPATETIKER 



DRITTE AUFLAGE. 



LEIPZIG, 

FUES'S VEBLAG (R. BEISLAND). 

1879. 



Alle Rechte vorbelialten. 




OF OXFORD 4^i 






Vorwort. 



Der vorliegende Band ist schon seit Jahren vollständig ver- 
grifiPen; aber andere unau&chiebbare Arbeiten machten es mir 
unmöglich, die neue Auflage desselben früher erscheinen zu lassen. 
Auch jetzt war mir aber die Zeit nicht so reichlich zugemessen, 
als ftkr die erschöpfende Bewältigung meiner Aufgabe zu wün- 
Bcheu gewesen wäre. Die aristotelischen Schriften und Lehren 
bieten nicht allein an sich selbst, so oft man wieder auf sie zu- 
rQckkommt, inuner neuen Anlass zu Fragen, auf welche die Ant- 
wort oft schwer zu finden ist; sondern sie haben auch in den 
siebzehn Jahren, welche seit dem Erscheinen meiner zweiten 
Auflage verflossen sind, so viele und theilweise so werthvoUe 
Erörtenmgen hervorgerufen, dass ich mir das wiederholte Stu- 
dium dieser Literatur zwar selbstverständlich zur Pflicht machen 
musste, dass aber eine vollständige Berücksichtigung derselben 
weit über die Grenzen hinausgeftihrt hätte, die ich meiner Ar- 
beit zu stecken genöthigt war. So weit Raum und Zeit es er- 
laubten, habe ich mich bemüht, ftir sie zu benützen, was zu 
ihrer Ergänzmig, Berichtigung und Erläuterung dienen konnte; 
muss mich aber freilich zum voraus darauf gefasst machen, dass 
das eine und andere, was ihr hätte von Nutzen sein können, 
mir en^;angen, dass in der Auswahl dessen, was ausdrücklich 
berücknchtigt wurde, — denn auf alles liess sich ja nicht ein- 



IV Vorwort. 

gehen — im einzelnen vielleicht nicht immer ganz gleichmässig 
verfahren worden ist. Der Umfang des Bandes ist trotz der 
Beschränkung, welche ich mir in dieser Beziehung auferl^te, 
um elf Bogen gewachsen, von denen kaum mehr als der vierte 
Theil auf Rechnung des veränderten Druckes konmien wird. 
Im übrigen wird der aufmerksame Leser die Abschnitte, in 
denen eingreifendere Aenderungen oder Erweiferungen vorgenom- 
men wurden, ohne Mühe herausfinden. 

Berlin, 22. November 1878. 



Der Verfasser. 



InhaltS7erzeiohniss. 



Zweite Periode. 

Dritter Abschnitt 
Aristoteles und die alten Peripatetiker. 

S«it« 
Aristoteles' Leben 1 

Geburtsjahr, Familie, Knabeigahre — 2. Eintritt in die plato- 
nische Schale, Verhältniss zu Plato, wissenschaftliche Entwick- 
lang — 6. Arist. in Atamens — 19; in Macedonien — 22. 
Rückkehr nach Athen, Lehrthätigkeit, wissenschaftliche Arbei- 
ten — 28. Spannung mit Alexander — 33. Flacht aas Athen, 
Tod — 37. Charakter — 42. 

2. Aristoteles' Schriften. A. Einzelantersachong 50 

Die Schriftenverzeichnisse — 50. Briefe und Gedichte — 56. Ge- 
spräche and andere Schriften aus der früheren Zeit — 57. 
Logische Schriften — 67. Rhetorische — 76. Metaphysische 

— 78. Katarwissenschaftliche: allgemeine und die anorga- 
nische Natur betreffende — 85; über die lebenden Wesen — 
91. Ethische und politische — 101. Zur Knnsttheorie und 
Kunstgeschichte — 107. 

3. Fortsetzung. B. Allgemeine, die aristotelischen Schriften betref- 
fende Fragen 109 

Verschiedene Klassen aristotelischer Schriften — 109. Die exo- 

terischen Werke — 112. Die wissenschaftlichen Lehrschriften 

— 126. Das Schicksal der arist. Schriften — 138. Abfas- 
sungsseit und Reihenfolge derselben — 154. 

4. Standpunkt, Methode und Theile der arist. Philosophie. . . . 160 
Aristoteles und Plato ^ 160; ihre Uebereinstimmung — 161; 

ihr QegensaU — 164. Methode: Dialektik — 169; Empiris- 



VI Inhaltsverzeichniss. 

Seite 
mu8 — 170; logischer Formalismus — 173. Eintheilung: 

Theoretische, praktische, poetische Wissenschaft und ihre 

Theile — 176. Logik, Metaphysik, Physik, Ethik, Kanstlehre 

— 183. 

5. Die Logik. 185 

Aufgabe und Bedeutung der Logik — 1S5. Entstehung des Wis- 
sens: seine Quellen — 188; seine Entwicklung — 190. Auf- 
gabe der Wissenschaftslehre — 202. 

Die allgemeinen Elemente des Denkens : der Begriff — 202 : Zu- 
falliges und Wesentliches, das Allgemeine, die Gattung, der 
Begriff — 202; Identität, Gegensatz, Arten der Entgegensetzung 

— 214. Das Urtheil — 219; Bejahung und Verneinung — 
220; Quantität und Modalität der Urtheile — 222; Umkeh- 
rung der Urtheile — 225. Der Schluss — 225; Schlussfiguren 

— 227; syllogistische Technik — 229. 

Die Beweisführung: ihre Aufgabe und ihre Bedingungen — 232; 
ihre Grenzen, das unmittelbare Wissen — 234. Die Axiome, 
der Satz des Widerspruchs — 236. Die Induktion, der Wahr- 
Bcheinlichkcitsbeweis und die Dialektik — 240; die Mängel 
des induktiven Verfahrens bei Arist. — 245. Die Begriffs- 
bestimmung — 251. Die Unter- und Ueberordnung der Be- 
griffe — 255. Die höchsten Gattungsbegriffe — 256. 

6. Die Metaphysik. A. Einleitende Untersuchungen 258 

l.Dio Kategorieen: die zehn Kategorieen, ihre Abzweckung — 

258. Ob sie nach einem bestimmten Princip abgeleitet sind? 

— 263. Die einzelnen Kategorieen — ^ 267. Bedeutung der 
Kategorieenlehre — 271. 

2. Die erste Philosophie als Wissenschaft des Seienden: ihre 
Aufgabe — 273; ihre Möglichkeit — 275. 

3. Die metaphysischen Grundfragen und ihre Behandlung bei den 
früheren Philosophen: die Hauptprobleme der damaligen Meta- 
physik, und ihre Darstellung bei Arist. — 27S. Kritik der 
früheren Lösungsversuche: die vorsokratischen Philosophen ^ 
284. Sophisten, Sokrates, kleinere sokratische Schulen — 291. 
Plato — 292: die Ideen — 298; die Ideen als Zahlen — 297; 
die Urgründe, das Eins und die Materie — 298. Beurthei- 
lung dieser Kritik Plato's — 302. 

7. Fortsetzung. B. Die metaphysische Uauptuntersuchung . . . 303 
l.Das Einzelne und das Allgemeine. Nur das Einzelwesen ist 

Substanz — 304. Schwierigkeiten dieser Bestimmung — 309. 

2. Die Form und der Stoff, das Wirkliche und das Mögliche. 

Ableitung des Gegensatzes von Form und Stoff — 313. 

Nähere Bestimmung desselben: das Wirkliche und das Mög- 



Inhaltsverzeichniss. VII 

Seit« 
liehe — 318. Bedeutung desselben bei Aristoteles — 323. 
Die dreifache Ursächlichkeit der Form — 327. Die Wir- 
kungen der materialen Ursache: Leiden, Natumothwendigkeit, 
Znlall — 330. Wesentlichere Bedentang des Stoffes — 336. 
Das Einzeldasein und die Substantialität in ihrem Verhältniss 
zu Form and Stoff — 339. Wechselbeziehung von Form und 
Stoff — 348. 
3. Die Bewegung und das erste Bewegende: die Bewegung — 351. 
Bewegendes und Bewegtes — 353. Ewigkeit der Bewegung — 
357. Das erste Bewegende: seine Nothwendigkeit — 358; 
sein Wesen — 362 ; seine Wirksamkeit auf die Welt — 372. 

S. Die Physik. A. Der Begriff der Natur und die allgemeinen 

Grunde des natürlichen Daseins 384 

Die Natur als Grund der Bewegung — 384. Arten der Be- 
wegung — 389. Die räumliche Bewegung und ihre Bedin- 
gungen: das Unbegrenzte — 393. Raum und Zeit — 397; 
weitere Untersuchungen über die räumliche Bewegung — 403. 
Die qualitative Veränderung. Widerspruch gegen die mecha- 
nische Phjsik — 406; der qualitative Unterschied der Stoffe 

— 408; die Stoffverwandlung — 414; die Mischung — 420. 

— Die Zweckthätigkeit der Natur — 421; Widerstand der 
Materie — 427; Stufenreihe des natürlichen Daseins — 431. 

9. Fortsetzung. B. Das Weltgebäude und die Elemente .... 431 
Anfangslosigkeit der Welt — 431. Die irdische und die himm- 
lische Welt, der Aether und die Elemente — 434. Die vier 
Elemente — 439. Einheit der Welt — 446. Gestalt der 
Welt — 447. 
Das Weltgebände. Sphärentheorie — 451. Zahl der Sphären, 
rückläufige Sphären — 459. Der Fixsternhimmel — 463. 
Die Planetensphären — 465. Diesseits und Jenseits — 466. 
Die elemeutarische Region, der Wechsel von Entstehen und Ver- 
gehen — 467. Meteorologie — 471. Unorganische Physik 

— 474. 

10. Fortsetzung. C. Die lebenden Wesen 479 

l.Die Seele und das Leben: die Seele — 479; ihr Verhältniss 
zum Körper — 481. Der Leib als organisches Ganzes, die 
Zweckbeziehung der organischen Natur — 487. Stufen des 
Seelenlebens — 497; stetige Entwicklung des Organischen, 
das Gesetz der Analogie — 501. Andeutungen des Lebens 
in der unorganischen Natur, die Geschichte der Erde und der 
Menschheit — 506. 
2. Die Pflanzen — 509. 

3. Die Thiere — 513. Ihr Leib: die gleichtheiligen Stoffe— 514. 
Die Organe und ihre Verrichtungen — 517. Entstehung der 



VIII Inhaltsverzeichnisü. 

Seite 
Thiere, Geschlechtsunterschied — 524. Die sinnliche Wahr- 
nehmung — 533; die fünf Sinne -- 537; der Gemeinsinn — 
542. Einbildung, Gedächtniss, Lust, Unlust, Begierde — 545. 
Schlaf und Wachen, Traum — 550. Tod — 552. — Werth- 
unterschiede unter den Thieren — 553. Eintheilnng der 
Thierwelt — 559. 

11. Fortsetzung. Der Mensch 563 

Sein Leib — 563. Seine Seele: die Vernunft - 566. Thätige 

und leidende Vernunft — 570. Unmittelbare und vermittelte, 
reine und gemischte Vemunftthätigkeit — 578. Begehren und 
Wollen — 581 ; die praktische Vernunft und der vemünftige 
Wille — 586; Willensfreiheit, Freiwilligkeit, Vorsatz — 588. 

— Die Frage über die Einheit des Seelenlebens — 592: die 
Entstehung der Seele — 593; das Zusammensein ihrer Theile 

— 596; die Fortdauer nach dem Tode — 602; die Persön- 
lichkeit — 606. 

12. Die praktische Philosophie. A. Die Ethik 607 

1. Das Ziel der menschlichen Thätigkeit, die Glückseligkeit — 
609. Ihre wesentlichen Bestandtheile — 610; die äusseren Gü- 
ter — 615; die Lust ~ 61t. Werthverhältniss derselben— 619. 

2. Die ethische Tugend. Die Tugend als Willensbeschaffenheit 
624, im Unterschied von den natürlichen Trieben ( — 625) 
und der Einsicht (— 627). Entstehung der Tugend — 630. 
Der Inhalt des tugendhaften Wollens, die richtige Mitte — 
632. — Die Tugenden — 633. Tapferkeit, Selbstbeherrschung 
n. s. w. — 637. Gerechtigkeit — 640: austheilende und aus- 
gleichende — 641 ; vollkommenes und unvollkommenes, natür- 
liches und gesetzliches Recht u. s. w. — 645. Die dianoe- 
tischen Tugenden, die Einsicht — 647. Das richtige Verhal- 
ten zu den Affekten — 658. 

3. Die Freundschaft. Ihre ethische Bedeutung — 66 1 . Ihr Be- 
griff und ihre Arten — 663. Weitere Erörterungen — 667. 

13. Fortsetzung. B. Die Politik 672 

l.Nothwendigkeit, Begriff und Aufgabe des Staats — 672. Die 

aristotelische Politik — 672. Der Staat in seiner sittlichen Bedeu- 
tung — 679. Sein Zweck — 681. 

2. Das Hanswesen als Bestandtheil des Staates — 687. Mann 
und Weib — 688. Eltern und Kinder — 689. Herr und 
Knecht — 690. Ueber Erwerb und Besitz — 693. Gegen 
Weiber-, Kinder- und Gütergemeinschaft — 696. 

3. Der Staat und die Staatsbürger: ihr Begriff — 700; die Unter- 
schiede unter den Bürgern — 702; ihre Bedeutnpg für die 
Verfassung — 704. 

4. Die Staatsverfassungen — 705. HauptTcrfassungsformen — 709. 



k 



Inhal tsverzeichniss. IX 

Seite 
Werth und Berechtigung derselben — 715. Das Königthum, 
Monarchie und Republik — 719. 

5. Der beste Staat l^atarliche Bedingungen desselben — 727. 
Yolkswirthschaftliche Einrichtungen — 729. Bildung der Bür- 
ger, Erzeugung, Erziehung — 730; die Musik — 734. Dieser 
Theil der Politik unvollendet: die Verstandesbildnng, die Strafe 
u. a. — 736. Die Verfassung — 789. 

6. Die unvollkommenen Staaten — 741. Demokratie — 742. 
Oligarchie — 744. Aristokratie und Politie — 745. Tyrannis 

— 749. Die politischen Gewalten und ihre Vertheilung, die 
Verfassungsänderungen u. s. w. — 749. 

14. Die Rhetorik 754 

Aufgabe der Rhetorik — 754. Die Beweismittel — 757: die 

Beweisführung — 75S; die Redegattungen in ihrer Bedeutung 
ffir die Beweisführung — 759; die übrigen Beweismittel — 761. 
Ausdruck und Anordnung — 762. 

15. Die Kunsttheorie 763 

Das Schöne — 764. Die Kunst als Nachahmung — 767. Wir- 
kung der Kunst, Katharsis — 770. Die Künste — 781. Die 
tragische Poesie — 783. 

16. Das Verhältniss der aristotelischen Philosophie zur Religion . . 787 
Religiöser Standpunkt des Aristoteles — 787. Philosophische 

Theologie — 789. Bedeutung und Ursprung der Volksreligion 

— 792. 

17. Rückblick auf das aristotelische System 797 

Sein Standpunkt — 797. Seine Entwicklung — 799. Seine 

Lücken und Widersprüche — 801. Die Richtung der peripa- 
tetischen Schule — 805. 

18. Die peripatetische Schule. Theophrast 806 

Sein Leben — 806. Schriften — 810. — Wissenschaftlicher 

Sundpunkt -— 813. Logik — 815. — Metaphysik: Aporieen 

— 821. Positives: Theologie — 826. — Physik: allgemeine 
und unorganische Physik — 829. Das Weltgebäude und die 
Weltgeschichte — 836. Pflanzenlehre — 838: Natur der 
Pflanze — 839; Theile — 840; Entstehung — 841; Einthei- 
Inng — 844. Zoologisches — 845. Anthropologie : die Seele 
bewegt — 846; die Vernunft, thätige und leidende Vernunft 

— 847; höhere und niedere Seelentheile — 850; die Sinne 

— 851; Willensfreiheit — 854. — Ethik ~ 854: die Glück- 
seligkeit — 856; sonstige Bestimmungen — 860. Politik — 
864. Religionsansicht — 866. Rhetorik und Kunsttheorie 

— 867. 

19. Fortsetzung. Eudemus, Aristoxenus, Dicaarchus u. a. . . - . 869 



X Inhaltsverzeichniss. 

* 

Seite 
Eudemus — 869. Logik; Physik — 871. Metaphysik — 873. 

Ethik: die Tugend als Gabe der Gottheit — 874; Gottes- 

erkenntniss — 876; Rechtschafienheit — 878; sonstige Eigen- 

thümlichkeiten der eudemischen Ethik — 879. 
Aristoxenus — 881. Seine Sittenlehre — 883. Theorie der 

Musik — 884. Seelenlehre — 888. 
Dicäarchus: seine Anthropologie — 889; das theoretische und 

das praktische Leben — 891; Politik — 892. 
Phanias, Klearchns u. s. w. — 894. 

20. Theophrast's Schule; Strato 897 

Theophrastische Schüler, Demetrius aus Phalerus n. a. — 897. 

Strato 90 L Logik und Ontologie — 904. Die Natur und die 
Gottheit — 904. Physikalische Principien, Wärme und Kälte 

— 906. Die Schwere, das Leere, die Zeit, die Bewegung — 
908. Kosmologie und Meteorologie — 913. Anthropologie 

— 916. 

21. Die peripatetische Schule nach Strato, bis gegen das Ende des 

zweiten Jahrhunderts 921 

Lyko — 922. Hieronymus — 923. Aristo — 925. Kritolaus 

— 927. Phormio, Sotion u. a. — 930. 
Die pseudoaristotelische Literatur. Logische, metaphysische, phy- 
sische Schriften — 935. Die grosse Moral — 941. Oekono- 
mik, Rhetorik an Alex. — 944. Schluss — 945. 



i 



Zweite Periode. 



Dritter Abschnitt. 
Arigtoteles und die alten Peripatetiker. 



1. Aristoteles' Leben. 

Zwischen den drei grossen Philosophen unserer Periode 
findet schon in den äusseren Umständ^a ihres Lebens ein Ver- 
hftltniSH statt, welches mit dem Charakter und dem Um&ng ihrer 
Leistungen in gewisser Beziehung gleichen Schritt hält. Wie 
sich die attische Philosophie anfangs ganz in das Innere des 
Menschen vertieft, um sich sodann von diesem Kern aus in zu- 
ndmiendem Masse tlber die gesammte Wirklichkeit auszubreiten, 
so erscheint auch das Leben ihrer hauptsächUchsten Vertreter 
zuerst in der engsten örtlichen Beschränktheit, welche es in der 
Folge mehr und mehr abstreift. Sokrates ist nicht blos ein 
Bürger Athens, sondern er empfindet auch gar kein Bedürfiiiss, 
üb^ den Umkreis seiner Vaterstadt hinauszugehen. Plato ist 
g^eichfidls Athener, aber sein Wissenstrieb ftihrt ihn in die Feme, 
and mannigfistch eingreifende persönHche Verbindungen erhalten 
ihn fortwährend mit auswärtigen Städten im Zusammenhang. 
Aristoteles hat zwar seine wissenschaftliche Ausbildung und seinen 
eigentlichen Wirkungskreis Athen zu verdanken; er gehört je- 
doch durch Geburt und Abstammung einem andern Theil Grie- 
chenlands an, seine erste Jugend und ein^Q beträchtUchen Ab- 
schnitt seines männUchen Alters hat er ausserhalb Athens, meist 
in dem neuaufstrebenden macedonischen Reiche, zugebracht, und 
in Athen selbst lebte er als Fremder, in das athenische Staats- 
nicht v^ochten, und durch keine persönUchen Verhält- 

X«lUr, PlüloB. d. Gr. n. Bd. 3. Aufl. 1 






2 Aristoteles. [2] 

niflse gehindert, seiner Philosophie jene rein theoretische, allen 
G^enständen des | Wissens gleichmässig zugewandte Haltung zu 
geben, welche sie auszeichnet^). 

Die Geburt unseres Philosophen fkllt nach der wahrschein- 
lichsten Berechnung in das erste Jahr der 99. Olympiade*), 



1) Die alten Lebensbeschreibungen des Aristoteles, welche wir noch 
besitzen, sind folgende : 1) Diogenes V, 1 — 35, weitaus der reichhaltigste Zeuge. 
2) DioNYS von Halikamass epist. ad Ammaeum I, 5. S. 727 f. 3) Der 
Anonymus Menagii (Agnn. ßCog xal (SvyyQafAfiaxa avrov). 4) Ein Lebens- 
abriss, der uns in drei verschiedenen Bearbeitungen erhalten ist: a) dem 
ß(ogy der gewöhnlich Ammonius, in Arist. Opp. ed. Aid. 1496 — 1498, wo er 
zuerst erschien, Fhiloponus beigelegt wird, aber keinem von beiden gehört 
(Pseudo-AHMON.) ; b) der vita Arist e cod. Marciano edita» welche Robbe 
1861 veröffentlichte (v. Marc); c) der Arist vita ex vetere translatione, 
welche Nr. b noch ähnlicher ist, als Nr. a (Ammon. lat). 5) *Havx^ov 
MiXfialov TT. xov uiQttrr, 6) Suidas IdgiaT. Alle diese Stücke, ausser 4, b, 
finden sich bei Buhle Arist Opp. I, 1 — 79, Nr. 3. 4, a auch in Westeb- 
H ANN*8 Anhang zum CoBET*schen Diogenes und seinen Vit Script S. 397 ff., 
Nr. 4, b. c bei Robbe a. a. O. Den Verfasser von Nr. 4 vermuthet Rose 
(Arist libr. ord. 245 f.)^ dem aber die vita Marciana noch nicht vorlag, in 
•dem jüngeren Olympiodor; was ich in Betreff der den drei Recensionen zu 
Grunde liegenden Darstellung zwar für möglich, aber nicht für erweisbar 
halte. Unter den Neueren vgl. m. Bchle a. a. O. S. 80 — 104. Stahb 
Aristotelia I, 1—188. Brandis Gr.-röm. Phil. II, b, 1 S. 48—65. G. Grote 
Aristotle (Lond. 1872) I, 1 — 87. A. Gbant Aristotle (1877) 1—29. Stahr 
S. 5 ff. bespricht auch die verlorenen Werke alter Schriftsteller, welche das 
Leben des Arist. besprochen oder einzelnes daraus berührt hatten. Aus 
welchen Quellen diese verschiedenen Zeugen geschöpft haben und welchen 
Glauben sie verdienen, können wir freilich bei keinem einzigen von ihnen 
zum voraus feststellen. Rose's Behauptung jedoch (a. a. O. 115 f.), dass 
sie sammt und sonders ihre Nachrichten nur unterschobenen Schriften und 
willkürlichen Kombinationen verdanken, entbehrt jedes Beweises und jeder 
Wahrscheinlichkeit. Es verhielt sich vielmehr damit bei verschiedenen ohne 
Zweifel sehr verschieden. Uns bleibt nur übrig, jede einzelne Angabe nach 
Wahrscheinlichkeitsgründen zu prüfen. 

2) So Apollodor bei Dioo. 9, wohl auf Grund der Nachricht (ebd. 10. 
DiOKYS. Ammon.), welche wir für die sicherste Zeitbestimmung im Leben 
<les Arist halten dürfen, dass er unter dem Archon Philokles (Ol. 114, 8) 
etwa 63jährig {(t(ov TQttiv nov xal i^xovray bestimmter Dionys: tq^o nnog 
Toig i^j^xovta ßmiaag hrj) gestorben sei. Ebenso Dionys, welcher nur darin 
irrt, dass er (a. a. O. und ebd. c. 4) Demosthenes drei Jahre jünger, als 
Arist., nennt, während er vielmehr in dem gleichen Jahre mit ihm, oder hoch- 
atens ein Jahr früher (Ol. 99, 1 Anfang, oder 98, 4 Ende) geboren ist (s. Stahr 
I, 30 f.). Damit stimmt Gellius' Angabe (N. A. XVII, 21, 25), dass Arist 



p] Leben. 3 

884 y. Chr. ^). Seine Vaterstadt Stagira lag in der thracischen 
Landschaft | Chalddice ^), welche damals ein durchaus griechisches 
Land, von blühenden Städten bedeckt und daher ohne Zweifel 
auch im vollen Besitz griechischer Bildung war *). Sein Vater 

• 

im 7ten Jahr nach der Befreiung Roms von den Galliern geboren sei, überein, 
dt jenes Ereigniss in*s Jahr Roms 364, 390 v. Chr., gesetzt wird. Ebenso 
T. Marc S. 3. Ammon. lat S. 12 R.: er sei unter Diotrephes (d. h. Ol. 99, 1) 
geboren, unter Philokles 6djährig gestorben. Wenn ein uns im übrigen un- 
bekannter Schriftsteller, Ecmelcs (b. Dioo. 6), statt dessen behauptet, Arist. 
sei 70 Jahre alt geworden, so haben wir um so weniger Grund, dieser An- 
gabe mit Rose a. a. O. 116 den Vorzug zu geben, da der weitere Zusatz 
des Eumelns: nimv axovtrov heXevTTjaeVj hinreichend zeigt, wie es mit 
seiner Zuverlässigkeit bestellt ist. Wie hiemit die Todesart des Sokrates auf 
Arist abertragen wird, so wurde ihm auch das Lebensalter desselben bei- 
gelegt; möglicherweise auf Grund der ihm unterschobenen Vertheidigungsrede 
(s. n. 8. 33, 1 2. Aufl.), welche in diesem Fall S. 17, D der platonischen 
Apologie nachgeahmt hätte. Aber auch abgesehen von diesem Zug wird 
Enmelos durch die Uebereinstimmung der anderen Zeugen, unter denen sich 
ein so sorgfältiger Chronolog, wie Apollodor, befindet, ausreichend widerlegt. 
Ueber das Alter, das ihr Stifter erreichte, musste doch in der peripatetischen 
Schule eine glaubwürdige Ueberlieferung zu finden sein; wie sollten da alle 
unsere Zeugen, ausser dem Einen sonst unbekannten, und in diesem Fall 
nachweislich schlecht unterrichteten, dazu gekommen sein, statt der leicht 
festzustellenden richtigen übereinstimmend eine falsche Angabe zu bringen? 

1) Dass er in der ersten Hälfte der Olympiade, also noch 384 v. Chr. 
geboren ist, folgt ans den Angaben über sein Todesjahr (s. u.), und würde 
sich auch aus denen über seinen athenischen Aufenthalt (s. u. S. 6, 3) ergeben, 
wenn sie streng zu nehmen wären. Denn wenn er 1 7jährig nach Athen kam und 
20 Jahre lang mit Plato zusammen war, so müsste er bei Plato^s Tod 37 Jahre 
alt gewesen sein, und wollen wir statt dessen auch nur 36 Va J« setzen, und 
Plato's Tod bis in die Mitte des Jahrs 347 v. Chr. herabrücken, so kämen wir 
immer noch in die zweite Hälfte des Jahrs 384 v. Chr. Indessen ist es auch 
möglich, dass der Aufenthalt in Athen nicht volle 20 Jahre gedauert hat. 

2) So genannt, weil die meisten jener Städte Kolonieen des euböischen 
Chalcis waren; Stagira selbst war ursprünglich von Andros aus bevölkert, 
hat aber vielleicht (nach Dionvs. a. a. O.) später gleichfalls aus Chalcis einen 
Kachschab von Pflanzern erhalten. 348 v. Chr. wurde es mit 31 andern 
Städten jener Gegend von Philipp zerstört, später(s.u.S. 25) auf Aristoteles* Ver- 
wendung wieder aufgebaut. M. s. hierüber, sowie über die Form des Namens 
(ZTuyiiQos oder — «als neutr. plur.) Stahb 23 f. Ob A.s väterliches Haus, 
dessen sein Testament b. Dioo. 14 erwähnt, von der Zerstörung verschont 
blieb oder wiederhergestellt wurde, wissen wir nicht. 

3) Wenn Bernays Dial. d. Arist. 2. 55 f. 134 Aristoteles einen „Halb- 
griechen'* nennt, halten ihm Grote I, 3 und Grant 2 mit Recht entgegen, 

!• 



4 Aristoteles. [3] 

Nikomachus war Leibarzt und Freund des macedonischen Kö- 
nigs Amyntas ^) ; und die Vermuthung liegt nahe, dass die ärzt- 
liche Kunst des Vaters, welche ein altes Erbtheil seines Ge- 
schlechts war, auf die Geistesrichtung und den Bildungsgang des 
Sohnes eingewirkt, dass auch seine Verbindung mit dem mace- 
donischen Hofe zu der späteren Berufung des Philosophen an 
denselben den Anstoss gegeben habe. Indessen ist uns über 
keinen von beiden Punkten etwas überliefert. Lässt sich auch 
annehmen, dass durch Nikomachus dessen Familie mit in die 
Nähe des Königs gezogen wurde 2), | so wissen wir doch nicht» 

dass eine griechische Familie in einer griechischen Kolonie, in der nnr griechisch 
gesprochen wnrde, ihre Nationalität völlig rein bewahren konnte. Arist. war 
kein Athener, und wiewohl Athen seine geistige Heimath war, wird man bei 
ihm doch Sparen davon finden, dass sein politisches Gefühl ursprünglich nicht 
von diesem Boden genährt war ; aber ein Hellene war er darum doch so gut, 
wie Pythagoras und Xenophanes, Parmenides, Anaxagoras, Demokrit u. s. w. 
Was Bernays und W. v. Humboldt (in dem von B. angeführten Brief an 
Wolf, Werke V, 125) an Arist. ungriechisch finden, lässt sich, wie mir scheint, 
weniger mit seinem Geburtsort in Zusammenhang bringen, als mit seinem 
Zeitalter und seiner Indiyidualität ; im übrigen zeigt z. B. der Vollblutathener 
Sokrates seinen Zeit- und Volksgenossen gegenüber viel auffallendere und 
scheinbar ungriechischere Züge, als Aristoteles, und wenn die Schriften des letz- 
tem im Vergleich mit den platonischen ungriechisch sein sollen, kann diess 
doch theils von seinen Dialogen (s. u.) keinenfalls gesagt werden, theils 
finden sich ebenso grosse Differenzen auch zwischen soliihen, deren Her- 
kunft und Bildungsgang sich so nahe steht , wie diess z. B. in neuerer Zeit 
bei Schelling und Hegel, Baur und Strauss der Fall war. * 

1) Dioo. 1 nach Hermippus. Dionys. Ammon. v. Marc. Amni. lat. Süid, 
Die Familie des Nikomachus leitete sich nach diesen Zeugen, wie so viele 
ärztliche Familien, von Asklepios her, und Tzetz. Chi!. X, 727. XII, 638 
gibt kein Recht, diess zu bezweifeln, wogegen die drei Recensionen des 
Ps. Ammon. die Angabe wohl mit Unrecht auf A.s Mutter, Phästis, ausdehnen; 
nach DioG. war diese ans Stagira gebürtig, und nach Dionys. stammte sie 
von einem der Kolonisten aus Chalcis. Damit könnte zusammenhängen, dass 
im Testament b. Diog. 1 i ein Garten und Landhaus in Chalcis vorkommt. 
Dass Nikomachus 6 Bücher ^[atQixa und 1 B. *Pvatxa geschrieben habe, sagt 
SuiD. Ntxofji, nach unserem Text nicht (wie Buhle S. 83. Stahr S. 34 
angeben) vom Vater des Philosophen, sondern von dessen gleichnamigem 
Ahnherrn, allerdings geht aber die Angabe ursprünglich wohl auf jenen. 
Einen Bruder und eine Schwester des Arist. nennt Anon. Menag. v. Marc. 1. 
Amm. lat. 1. 

2) Denn Diog. 1 sagt, nach Hermippus, ausdrücklich: avviß(o} [Nixo- 
jua/os] ^A^vvrtf t^ MaxiöCron» ßaatlei ioTQoO xnl (pUov XQ^^^' ^^ muss 



[4] Leben. 5 

wie alt Aristoteles in jener Zeit war, wie lange dieses Verhältniss 
gedauert, und welche persönlichen Beziehungen es ftlr ihn herbei- 
geführt hat Ebensowenig ist uns über die erste Entwickelung 
seines Geistes, über die Umstände, unter denen sie vor sich 
gieng. und den Unterricht, welchen er erhielt, etwas näheres be- 
kannt^). Das einzige, was aus diesem Abschnitt seines Lebens 
berichtet wird, besteht in der Angabe des falschen Ammoniüs *), 
nach dem Tode seiner beiden Eltern^) habe ein gewisser Pro- 
xenus aus Atameus ^) seine Erziehung übernommen, dessen Sohn 
Kikanor der dankbare Zögling in der Folge den gleichen Dienst 
geleistet, ihn an Eindesstatt angenommen und ihm seine Tochter 
zur Frau gegeben habe. Ist aber auch diese Nachricht, trotz 
der UnZuverlässigkeit des Zeugen % wie es scheint, richtig % so 
verschafft sie uns doch über das, woran uns am meisten | liegen 

tiM) seinen bleibenden Aufenthalt in Pella genommen, und wird dann die 
Seinigen nicht in Stagira zurückgelassen haben. 

1) Auch die Angabe Galbn's anatom. administr. II, 1. Bd. II, 280 K., 
dtss die Asklepiaden ihre Söhne -^x nalStov^ wie im Lesen und Schreiben, 
to auch im nvarifiVHV geübt haben, nützt uns nicht yiel; denn theils wissen 
wir nicht, wie viel Vertrauen diese Angabe verdient, theils auch nicht, wie 
ilt Aristoteles war, als sein Vater starb. Ebenso fragt es sich, ob hiebei an 
Zergliederung von menschlichen oder von thierischen Leichnamen zu denken 
Ilt. Vgl. S. 66, 1 Schi. 2. Aufl. 

2^ D. h. seiner drei Recensionen, 8. 43 f. Buhle, 1 f. (wo statt (prjfifig 
jQOifijg zu lesen ist) 10 f. Robbe. 

S) Von diesen gedenkt er selbst im Testament (Dioo. 1 6) seiner Mutter, 
indem er eine Bildsäule derselben als Weihgeschenk aufzustellen verordnet. 
Eines Bildes von ihr, das er von Protogenes malen Hess, erwähnt Plin. H. nat. 
XXXV, 10, 106. Dass der Vater im Testament nicht genannt wird, kann zu 
riele natürliche Gründe haben, xaa. auffallend zu sein. 

4) Wie es scheint, ein Verwandter des Arist, der nach Stagira ausge- 
wandert war, denn sein Sohn Nikanor heisst bei Sbxt. Math. I, 258 Zrayii' 
^rri^ und olxtios jigiaroTiXovg, 

5) Denn welchen Glauben verdfent ein Schriftsteller, der unter anderem 
erzählt (Anun. S. 44. 50. 48. v. Marc. 2. 5. Amm. lat 11. 12. 14), Arist sei 
drei Jahre lang Schüler des Sokrates gewesen, und später habe er Alexander 
bis nach Indien begleitet? 

6) Aristoteles bestimmt nämlich in seinem Testament (Dioo. 12 ff.), Nika- 
nor solle seine Tochter, wenn sie herangewachsen sei, zur Frau erhalten ; er 
überträgt ihm,iiir sie und ihren Bruder zu sorgen, as xal narriq cur xal d(feX(f6g; 
er verordnet, dass die von ihm selbst schon beabsichtigten Bilder von Kikanor, 
Proxenus und Nikanor*s Mutter angefertigt, und wenn Nikanor glücklich 



Q Aristoteles. [5} 

müsste, die Bildungsgeschichte des Philosophen, keine weitere 
Aufklärung ^). 

Erst mit seinem Eintritt in die platonische Schule^ gewin- 
nen wir hieflir einen festeren Boden. In seinem achtzehnten 
Lebensjahre kam Aristoteles nach Athen '), und trat in den pla- 



durchkomme, das von ihm gelobte Weihgeschenk in Stagira aufgestellt werde. 
Diese Anordnungen beweisen, dass Nikanor von Arist. an Rindesstatt ange- 
nommen war, und dass A. gegen dessen Mutter sowie gegen Proxenus beson- 
dere Verpflichtungen hatte, welche, wie es scheint, denen gegen seine eigene 
Mutter, deren Bild gleichfalls bestellt wird, ähnlich waren. Da sich nun 
unter Voraussetzung des von Pseudo - Ammonius berichteten Sachverhalts 
alles auf's beste erklärt, so empfehlen sich dessen Angaben in hohem Grade. 
Dass Nikomachus nicht mehr am Leben war, als A. zu Plato kam, sagt auch 
D10NY6IC6. Nun könnte es freilich scheinen, da Aristoteles 63jährig starb, so 
hätte der Sohn seiner Pflegeeltern für seine damals noch unerwachsene Tochter 
zu alt sein müssen. Diess ist jedoch nicht nothwendig. Wenn Arist. beim 
Tod seines Vaters schon in den Knabenjahren stand und Proxenus damals 
noch ein jüngerer Mann war, konnte dieser leicht einen Sohn hinterlassen, 
welcher 20—25 Jahre jünger, als Aristoteles, und noch um 10 Jahre jünger, 
als der damals mindestens 47jährige Theophrast war, dem Pjthias für den 
Fall, dass Nikanor vor der Zeit sterben würde, zur Gattin bestimmt wird 
(Dioo. 13). — Unser Nikanor ist wahrscheinlich jener Stagirite Nikanor, welchen 
Alexander von Asien aus nach Griechenland sandte, um bei den olympischen 
Spielen d. J. 324 v. Chr. seinen £rlass über die Eückkehr der Verbannten 
zu verkündigen (DiNARCH adv. Demosth. 81 f. 103. Diodob. XVIII, 8, vgl. die 
psendoaristotelische Rhet. ad Alex. 1. 1421, a, 38 und Grote Arist. 14 f.)^ 
und das Gelübde seines Adoptivvaters bezieht sich auf eine Reise an das 
Hoflager des Königs, dem er über den Erfolg seiner Sendung berichtet und 
der ihn in seinen Diensten zurückbehalten hatte. Vgl. S. 5, 4. Der gleiche 
Nikanor wird es auch sein, der nach Arriam b. Phot. Cod. 92. S. 72, a, 6 
unter Antipater Statthalter Kappadociens war, und nach Diodor XVIII, 64 f. 
68. 72. 75. 318 v. Chr. von Kassander, dem er zu Land und zur See be- 
deutende Dienste geleistet hatte, aus dem Wege geräumt wurde. Der Zeit- 
rechnung nach passt diese Annahme wenigstens vollkommen zu dem, was 
S. 21, 2 g. £. über Pythias angeführt ifit. 

1) Erfahren wir doch weder über das Alter, in welchem Aristoteles zu 
Proxenus kam, noch über den Ort, an welchem er von diesem erzogen wurde 
(denn dass diess Atarneus war, ist nach S. 5, 4 nicht wahrscheinlich, und 
keinenfalls erweislich), noch über die Art seiner Erziehung das geringste. 

2) Wohin ihn Amm. 44. ▼. Marc. 2. Amm. lat. 1 1 alberner Weise durch 
das delphische Orakel geschickt werden lassen. 

3) Apollodor b. DioG. 9: naQaßaXilv cTi IlkaTtart, xal SiuTQiif/M nag' 
avT^ (fxoaiv Ir?;, inra xal 64xa iToiv avardria. Auf dieses Zeugniss scheint 



[5] Erster Aufenthalt in Athen. 

tonischen Schtderkreis ein ^), dem er bis zum Tode des Meisters, 



dch sowohl die Aassage des Dionys (S. 728) zu gründen, dass er in seinem 
18ten Jahr, als die des Diogenes 6, dass er ijrraxM^cxiTrjg, und der drei 
AmmoDiasrecenBionen, dass er knxaxaC6kxa hiov yivofiivos nach Athen 
gekommen sei; ebenso die Berechnung des Dionysius, welcher diese An- 
kooft onter den Archon Poljzelas (366/7 v. Chr. Ol. 103, 2) setzt, wogegen 
die Angabe (v. Marc. 3. Amm. lat. 1 2), er sei nnter dem Archon Nansigenes 
(Ol. 103, 1) dorthin gekommen, statt des vollendeten das laufende 17te Le- 
bensjahr zum Ausgangspunkt nimmt. Euseb. im Chronikon weiss zwar, dass 
er ITjährig nach Athen kam, verlegt aber dieses Ereigniss irrig in Ol. 104, 1 
Die Behauptung des Eumelus b. Dioo. 6, dass er schon 30 Jahre alt ge- 
wesen sei, als er mit Plato bekannt wurde, kombinirt Grote 3 f. mit den 
Angaben des Epikur und Timäus über sein ausschweifendes Jugendleben 
(s- ü. 8, 2. 3), ohne sich zwischen dieser „durch die frühesten Zeugen er- 
luütenen*' Ueberlieferung und der gewöhnlichen, die sich nicht über Hermippus 
hinauf verfolgen lasse, zu entscheiden. Es ist jedoch bereits gezeigt worden, 
velchen Glauben Eumelus* Aussage über Aristoteles' Tod und das Alter, das 
er erreichte, verdient (s. S. 2, 2); mit dieser fällt aber auch die vorliegende; 
denn da Arist. dem Andenken seines Mitschülers, des Cypriers Eudemus, 
eine Elegie und das Gespr&ch „Eudemus** gewidmet hat (s. S. 12, 1), dieser 
aber 357 v. Chr. mit Dio nach Sicilien gegangen und dort umgekommen 
wir, so müsste er freilich, wenn er erst im 30. Jahr nach Athen kam, mehrere 
Jifare vor 384 geboren sein. Wir wissen aber auch nicht, wann Eumelus 
gelebt und von wem er seine Angabe entlehnt hat; wenn er, wie zu ver- 
Dndien, der Peripatetiker Eumelus ist, dessen Schrift Tiigl rrjg aQ^f'^fS 
tmutpdCag ein Scholion zu Aeschines* Timarch. (ed. Bekker, Abb. d. Berl. 
Akid. 1S36. hi8t..phil. Kl. S. 230 §. 39 vgl. Rose Arist. libr. ord. 113) 
•aiohrt, so wird er der alexandrinischen, möglicherweise aber auch erst der 
nachalexandrinisehen Periode angehören ; keinenfalls aber kann er, nach dem 
S. 2, 2 smgeführten, auf Zuverlässigkeit Anspruch machen. Ueber Epikur 
and Timäus vgl. S. 9, 1. Die vita Marc. 3 hat gar die Behauptung zu 
bekämpfen, dass Arist. erst in seinem 40. Jahr zu Plato gekommen sei, und 
der Amm. lat. macht daraus den weiteren Unsinn, dem er dann auch das 
folgende anpasst: es werde von manchen behauptet, dass A. 40 Jahre bei 
Plato gewesen sei. Was er übersetzt: XL annü immorahu est tub FUUone 
lautete wohl in seinem Original: fi Hri yiyoytog rjv vtto IlXarmvi, oder: 
fi (rtiv &¥ MtixQißiv u. s. w. ; in dem letzteren Fall könnte das Miss- 
rerstandniss durch ein Ausfallen des (ov in der Handschrift veranlasst sein. 
1 ) Flato selbst war vielleicht damals auf seiner zweiten sicilischen Reise 
abwesend (s. erste Abth. S. 368). Stahr S. 43 vermuthet, aus einer miss- 
verstandenen Erwähnung dieses Umstands sei die vorhin bertihrte Angabe 
(Amm. 44. 50. v. Marc. 2. Amm. lat. 11. 12. Olymfiod. in Georg. 42) ent- 
standen, dstfs er zunächst drei Jahre lang Sokrates, und erst nach dessen 
Tod Plato gehört habe ; der Verfasser möge in seiner Quelle gefunden haben^ 



8 Aristoteles. [6J 

zwanzig Jahre lang, angehörte ^). £b wäre vom höchsten Werth, 
über diesen Zeitraum, die langen Lehrjahre des Philosophen , in 
denen zu seiner ausserordentlichen Gelehrsamkeit und seinem 
eigenthiimlichen System der Grund gelegt wurde, etwas ge- 
naueres zu wissen. Leider gehen aber unsere Nachrichten an 
der Hauptsache, dem Gang und den näheren Umständen seiner 
wissenschaftlichen Entwicklung, mit tiefem Stillschweigen vor- 
über, um uns dafbr mit allerlei Übeln Nachreden über sein Le- 
ben und seinen Charakter zu unterhalten. Der eine hat gehört, 
dass er sich zuerst als Quacksalber sein Brod verdient habe^); 
ein anderer will gar wissen, er habe erst sein Erbe verprasst, 
dann sei er in der Noth in Kriegsdienste getreten, als es ihm 
damit auch nicht glückte, habe er es mit dem ärztlichen Ge- 
werbe versucht, und schliesslich zu Plato's Schule seine Zuflucht 
genommen ^). Doch diesen Klatsch hat schon Aristokles mit 



dass Arist. drei Jahre in Athen zubrachte, ohne Flato zu hören, und während 
dieser Zeit sich an andere Sokratiker anschloss, statt deren er dann Sokrates 
setzte. Unter der gleichen Voranssetznng könnte man den Gmnd jener An- 
gabe in der Bemerknng vermathen, dass Arist während Plato^s Abwesenheit 
von Xenokrates unterrichtet worden sei. Oder man könnte darin die Sporen 
einer Notiz finden, nach der er (vor oder neben Plato) den Isokrates drei 
Jahre lang gehört hatte, dessen Namen mit dem des Sokrates oft verwechsolt 
wird. Das wahrscheinlichste ist mir aber, dass der Anlass zu dem aben- 
tenerlichen Missverständniss in der von der v. Marc, und Amm. lat berührten 
Aeussemng eines (ächten oder nnächten) Briefs an Philipp lag, womach er 
in seinem 20. Jahr mit Plato bekannt geworden war ; sei es, weil Plato jetzt 
erst aus Sicilien zurückkam, oder weil er vorher Isokrates' Schule be- 
sucht hatte. 

1) S. S. 6, 3 DiONYB. a. a. O.: avara&ilg niartavi s^qovov €ixoaa€Tri 
d$iTQiifßt avv avTtp, Ammon. rovr^ (Flato) avvioxiv hti efxoa^, 

2) Aribtokl. b. Eus. praep. ev. XV, 2, 1: nöig av rig dnodi^ito 
Tifiaiov xov TavQOfi€v(Tov Xiyovtog iv rats lajoQlaig, ddo^ov O^v^ceg avrhv 
iajQiCov xal rag tvxovdag (hier scheinen einige Worte zu fehlen) oy/k Hjg 
^Xixiag xletatu. Das gleiche theilt Polyb. XII, 7. Suid. jiQiOrox. noch 
ausführlicher aus Timäus mit. 

3) Aribtokl. a. a. O.: niag yaq olov r€, xaS-antQ tpti&iv *En(xovQog 
iv vj ntgl TW inixfidivfidxoiv ijutnoly, v(ov fikv ovxa xaraipayttv ainbv 
riiv TtttTQtpa^ ovaCaVy fnena ^k inl t6 atQanvia&tu avvtmaf^ai^ xaxtSg 6k 
nQdrTOvra iv rovroig inl to (paQfiaxontoülv H&bTv, Umira dvaninrafiivov 
tov nXdxuvog mqindxov 7ra<T», nagalaßetv avrov (nach Athen, ist zu 
lesen : na^ßalttv avtov seil. $tg xbv neginatov). Das gleiche aus derselben 



[7] Erster Aufenthalt in Athen. 9 

Recht zurückgewiesen '). Qröasere | Beachtung verdient die £r- 
zfihhmg von dem 2^erwtbr&is8, welches einige Zeit vor Plato's 
Tod zwischen ihm und seinem Schüler ausgebrochen sein soll. 
Sdion der Dialektiker Ecbulides hatte uns^*n Philosophen des 

Schrift, meist mit denselben Worten, b. Athen. VIII, 354, b. Dioo. X, 8, 
ond offenbar ans der gleichen Quelle b. Aelian V. H. V, 9. 

1) Füt's erste nämlich fehlt es diesen Angaben an jeder zuverlässigen 
Beglanbignng. Schon dem Alterthum waren für dieselben keine anderen 
Zeogen bekannt, als Epiknr and Timäus ; ausser diesen hatte sie, wie Athe- 
oaos ausdrücklich bemerkt, selbst von den erbittertsten Gegnern des Arist. 
keiner vorgebracht. Nun ist aber Timäus' gewissenlose Schmähsacht bekannt ; 
gegen Aristoteles hatten ihn namentlich dessen (geschichtlich richtige) An- 
gaben über den niedrigen Ursprung der Lokrer erbittert. Ebenso wissen wir 
Ton Epiknr, dass er kaum irgend einen seiner philosophischen Vorgänger 
und Zeitgenossen, sogar Demokrit und Nausiphanes, denen er selbst alles 
verdankt, nicht, mit seinen Verläumdungen und herabsetzenden Urtheilen 
verschonte. (M. s. über Timäus Polyb. XII, 7 f. 10. Flut. Dio 36. Nie. 1. 
DioDOB V, 1 ; über Epiknr Dioo. X, 8. 13. Sext. Math. I, 3 f. Cio. N. D. I, 
33, 93. 26, 73 und unsem 1. Th. S. 946, 3.). Aussagen solcher SchriftsteUer, 
die im gehässigsten Ton vorgebracht werden (wie diess namentlich von denen 
des Timäus gilt), kann man nur mit dem äussersten Misstrauen aufnehmen, 
ind auch ihre Uebereinstimmung gibt nicht die geringste Bürgschaft ihrer 
Wahrheit, da es sehr möglich ist, dass Epiknr die Quelle des Timäus, oder 
(was ich vorziehe) Timäus die Quelle £pikur*s war. Diesen so höchst ver- 
dächtigen Zeugen steht aber nicht blos eine Reihe anderer, ungleich achtungs- 
wertherer, entgegen, welche einstimmig behaupten, Arist. habe sich seit seinem 
!S. Jahr in Athen seinen Studien gewidmet, sondern die Angaben der ersteren 
find anch an sich selbst äusserst unwahrscheinlich. Wäre Aristoteles nichts 
weiter gewesen, als, wie ihn Timäus schilt, ein aotpuntje &^aaifs tifX^^S 
n^ntTTif, so möchte man diesen Prädikaten mit Demselben auch noch das 
o^ifia^fis beifügen; wer dagegen weiss, dass er neben dem grossen Philo- 
sophen auch der erste Gelehrte seiner Zeit und zudem ein wegen seiner 
Anmnth bewunderter Schriftsteller war, der muss es, sollte man meinen, 
durchaus unglaublich und beispiellos finden, dass dieser Wissensdurst erst 
im 30. Jahre nach einer elend vergeudeten Jugend erwacht sein sollte, und 
dass er dann noch die Früchte hätte bringen können, die wir selbst als den 
Ertrag eines vollen, der Wissenschaft unverkürzt gewidmeten Lebens kacun 
begreifen. Davon nicht zu reden, dass alle Schriften des Stagiriten und 
alles, was wir sonst von ihm wissen, den Eindruck einer inneren Vornehm- 
heit machen, wie sie sich nach einer solchen Vorgeschichte, wie die angeb- 
liche des Arist., wohl noch nie gefunden hat, und dass man auch nicht sieht, 
wo er nach der Verschwendung seines Vermögens die Mittel zum Aufenthalt 
in Athen hergenommen haben sollte. Grote (s. o. 6, 3) erweist daher Epikur 
und Timäus viel zu viele Ehre, wenn er ihre Angaben als gleichwerthig mit 



10 Aristoteles. [7.8] 

Undanks g^en seinen Lehrer bezüchtigt ^). Andere werfen ihm 
vor, dass er diesem wegen seiner stutzerhaften Kleidung, seines 
vorlauten Wesens und seiner Spottsucht zuwider gewesen sei*), 
dass er noch bei Plato's Lebzeiten die Ansichten desselben an- 
gegriffen und seine eigene Schule der platonischen entgegen- 
gestellt ^) j ja dass er einmal die Abwesenheit des Xenokrates | 
benützt habe, um den hochbejahrten Meister auf eine empörende 
Weise aus den gewohnten Räumen in der Akademie zu Ver- 



den entgegenstehenden behandelt; ich meinerseits halte sie für nackte, ans 
der Luft gegriffene Lügen, und möchte desshalb nicht einmal so viel daraus 
ableiten, als Stahr S. 38 f. nnd Berkays Abh. d. Bresl. EUst-phil. Gesell- 
schaft I, 193 f. wahrscheinlich finden, dass Aristoteles in Athen von seinen 
naturwissenschaftlichen Kenntnissen wohl auch ärztlichen (gebrauch gemacht 
haben möge; denn weder Aristokles noch sonst ein glaubhafter Zeuge weiss 
von dieser ärztlichen Thätigkeit, die umgekehrt, welche ihrer erwähnen, thun 
es so, dass die ganze Sache nur verdächtig wird. Arist selbst rechnet sich 
Divin. p.s. 1.463, a, 6 sichtlich zu den Laien (^^ rcj^trat) in der Heilkunde. 

1) Aristokl. b. EuBEB. pr. ev. XV, 2, 3: xal EvßovkCdjig 6k ngo^riltog 
iv J(ß xaf^ avTov ßvßKtfi yjiv^itai . . . (paaxotv . . . riXfvrdSvTi niartüvi fifj 
TtaQayiviisBtti ra r€ ßißkCa avTov 6ta(pd-(iQai, Keine von beiden Anschul- 
digungen hat freilich viel auf sich. Die Abwesenheit bei Plato's Tod kann, 
wenn die Sache überhaupt wahr ist, ihre gerechtfertigten Gründe gehabt 
haben: Plato soll ja ganz unvermuthet gestorben sein (s. 1. Abth. S. 370). 
Das Verderben der Bücher ist, wenn damit eine Verfälschung ihres Textes 
gemeint ist, eine ebenso handgreifliche als ungereimte Verläumdung; bezieht 
es sich andererseits, was auch möglich wäre, auf die von A. an den plato- 
nisches Schriften geübte Kritik, so werden wir später noch sehen, dass diese 
zwar scharf und nicht immer billig ist, aber auf ein persönliches Missver- 
hältniss kann man aus dieser auf dem Standpunkt und bei der Geistesrich- 
tnng des A. vollkommen erklärlichen, rein sachlichen Polemik nicht schliessen. 
Als verläumderisch bezeichnet ausser Aristokles auch Diog. II, 109 die 
Vorwürfe des Eubulides. 

2) Aelian V. H. III, 19, welcher im einzelnen beschreibt, wie sich A. 
geputzt habe, 

3) Diog. 2: anitnrj 6k Ulatavog ht n^Qwvxoq* Sare ipaaiv ixsivov 
eijiiiv j^QiaroT^Xrig tjuäg amlaxrtai xa^anegil ra nailuQui yewrj&^vra 
rriv firitiQa, Das gleiche bei Aelian V. H. IV, 9. Hslladius b. Phot. 
Cod. 279. S. 533, b. Auch Theodoket cur. gr. äff. V, 46. S. 77 sagt, A. 
habe Plato noch bei Lebzeiten offen angegriffen, Philop. Anal. post. 54, a, o. 
Schol. in Arist. 228, b, 16, er habe ihm, wie erzählt werde, wegen^der 
Ideenlehre auf *s stärkste zugesetzt, Auoustim Civ. D. VIII, 12, er habe schon 
damals eine zahlreiche Schule begründet. 



[8.9j Erster Aufenthalt in Athen. H 

drängen ^). Auf Aristoteles wurde endlich schon im Alterthum 
von manchen die Angabe des Aristoxenüs bezogen : während 
Plato's sicilischer Reise sei im G^ensatz gegen seine Schule von 
Fremden eine andere errichtet worden*). Alle diese Angaben 
and aber sehr unsicher und das meiste darin verdient keinen 
Glauben 3). Die Aussage des Aristoxenüs könnte, wenn sie auf 
Aristoteles gehen soll, keinenfalls wahr sein : nicht blos aus chro- 
nologischen Gründen*), sondern auch desshalb, weil wir von 
Aristoteles unzweideutige | Zeugnisse darüber besitzen , dass ^ 
noch lange nach Plato's letzter sicilischer Reise zu seiner Schule 

1) Dieser VorfaU wird von Ablian (V. H. UI, 19 vgl. IV, 9, Schi.), 
welcher nnser einziger Gewährsmann dafür ist, so erzählt : Als Plato bereits 
SCjjährig and desshalb schwachen Gedächtnisses gewesen sei, habe A. einmal, 
da Xenokrates eben abwesend und Spensippas krank war, von einem Haufen 
leiner Anhänger umgeben, mit Plato eine Streitunterredung angefangen und 
den Greis dabei in böswilliger Weise so in die Enge getrieben, dass sich 
dieser aus den Hallen der Akademie in seinen Garten zurückgezogen habe. 
Erst nach drei Monaten, als Xenokrates zurückkam, habe dieser dem Speu- 
sippos seine Feigheit ernstlich vorgehalten und Aristoteles genöthigt, den 
streitigen Raum Plato wieder zu überlassen. 

t) Aristokl. b. Ecß. pr. ev. XV, 2, 2: T{g ö* äv Tiuc&ein ^ots vn^ 
'AquixoI^vov rov fdovaixov Xiyofiivoig iv r^ ßitp rov nkarotvos; iv yag 

Ufäg TiiQlnarov ^Ivoig ovrag, otovrat ovv ^vtot raOra negl uigiaror^kovi 
Uyttv ttVTOv, *AqtaTO^ivov Sia navxog iVtpfjfiiOvvTog *^QKnoT^Xrjv. Tax 
diesen tvioi. gehört auch Aelian, welcher IV, 9 ohne Zweifel in Erinnerung 
tn die Ausdrücke des Aristoxenüs von Aristoteles sagt: avTtfixodo/urjatv 
aift^ (Plato) 6iat^ißr\v. Ebenso sagt die vita Marc. S. 3 : oi/x aqa avrqixoöo' 
fiTjacv *^Qi(not(lri£ a/oXriv , . . cog ji^KfroUvog n^tarog iavxotfdvrrfae xal 
'A^mi(6fig vffTiQov tjxoXovd^rjatv, Das letztere bezieht sich auf Abistid. 
De quatuorv. II, 324 f. Dind., der übrigens Aristoteles so wenig nennt, als 
diess Aristoxenüs gethan hat, dessen Angaben er wiederholt und weiter 
ausführt. Statt seines Namens setzt dann der Ammon. lat. 11 den des 
Aristokles. Dagegen begnügt sich der griechische Ps. Ammon. S. 44 f. mit 
der Bemerkung: ov yaq hi ^6ivxog rov nXaTiovog avrtfixo^ojuiriaiv avrtp 
t6 Avxiiov 6 ui., üg rtv^g vnoXafißavovoi. 

3) Man vgl. zum folgenden Stahr I, 46 ff., welchen Hbrmakk Plat. 
Phil. S. 81. 125 keineswegs widerlegt hat. 

4) Als Plato von seiner letzten Reise zurückkam, war Aristoteles noch 
nicht 24 Jahre alt (s. o. S. 2, 2 vgl. mit Abth. 1. S. 369, 4); ist es aber, 
auch abgesehen von allem anderen, wahrscheinlich, dass er schon so frühe 
als Haupt einer eigenen Schule gegen den damals auf dem Gipfel seines 
Ruhms stehenden Plato hätte auftreten können? 



12 Aristoteles. [9] 

gehörte und ihm mit der höchsten Verehrung zugethan war *). 



]) Diess erhellt ausser anderem, was sogleich zu besprechen sein wird, 
aas drei Umständen. Für's erste hat Arist mehrere platonische Vorträge 
herausgegeben (s. u. und Abth. 1, 362, 2); dass aber diese in die Zeit zwischen 
Plato*8 zweiter und dritter sicilischer Reise fallen, ist aus mehreren Gründen 
unwahrscheinlich, von welchen für mich schon ihre nachweisbare bedeutende 
Abweichung von der in Flato's Schriften niedergelegten Lehrform (vgl. erste 
Abth. 805 f.) entscheidend ist. Wenn aber dieses, so kann sich Arist. nicht 
schon während der letzten sicilischen Reise von der platonischen Schale ge- 
trennt haben. Sodann werden wir später finden, dass der Eudemus des Arist. 
dem platonischen Fhädo nachgebildet war, und dass Arist, als er ihn schrieb, 
wahrscheinlich der platonischen Schule noch angehört hat; dieses Gespräch 
ist aber jedenfalls lange nach Plato's letzter Reise geschrieben, da es dem An- 
denken eines verstorbenen Freundes gewidmet ist, welcher 352 v. Chr. umkam. 
Endlich sind uns bei Olympiodob in Gorg. 166 (Jahn*» Jahrbb. Supple- 
mentb. XIV, 395) einige Verse aus Aristoteles* Elegie auf Eudemus (auch 
bei Bergk, Lyr. gr. S. 504) erhalten, worin dessen Verbindung mit Plato 
so beschrieben wird: 

ilS^rbv (f* elc xIhvov Ktx^onirjg ^dnnfov 
ivaeßimg mfitijg tfiUrfc Idqvaato ßto/uiov 

dv^QOSj ov ov6* aivitv roiai xaxoTai i^ifiis' (Plato) 
oV fiovog rj ngatog &vriT(ov xatidn^v ivuQyag 

ofxi^tp T£ ßCifi xai fii&66oi(Si loytav, 
wg aya&og t€ xal tvSaffitüV afia ylviiat, av^Q, 

ov vvv ä* ton Xaßitv ov6€vl tuvra nori. 
BuHLE^s Zweifel an der Aechtheit dieser Verse (Arist. Opp. I, 53) werden 
sich durch unsere Ansicht über ihren Sinn und ihre Bestimmung lösen lassen; 
nimmt man freilich an, dass Arist hier, in einem Gedicht an Eudemus den 
Rhodier, von sich selbst rede, so haben sie viel auffallendes. In dem letzten, 
offenbar verdorbenen, Vers schlägt Bbrnays (Rh. Mus. N. F. XXXIII, 232 ff.) 
vor, statt ov vvv zu setzen: ^oi;ra|(„da8S dagegen niemand dieses beides getrennt 
erlangen könne"). In der Erklärung der Stelle weicht er von mir ab, indem 
er den ßajfiog von einem wirklichen Altar versteht, den Endemas dem 
Sokrates als demjenigen errichtet habe, og fiovog u. s. w. Von Plato, glaabt 
B., hätte sich diess nicht sagen lassen, and ihm hätte von seinem Schüler, 
den er überlebte, kein Altar errichtet werden können. Was indessen den 
letzteren Grund betrifft, so hat mich auch Bcmayv nicht überzeugt, dass der 
Frcnndschaftsaltar nicht figürlich gemeint sein kann, so dass das iftUvig 
lÖQvaaio ßtofibv nur bedeutet: er schloss eine innige Freundschaft, und 
zwar ivaißdig, mit der Pietät des Schülers gegen den Lehrer, die ja Arist. 
auch Eth. IX, 1. 1164, b, 3 ff. mit der gegen Götter und Eltern vergleicht 
Wenn femer Sokrates auch überzeugt war, dass nur der Gate glückselig sei, 
so zeigt doch seine Begründung dieser Ueberzengung so viele Blossen (vgl. 
1. Abth. 124 ff.), dass man es sich recht wohl erklären kann, wenn ein 



[9. lü] Erster Aufenthalt in Athen. 13 

Sie bezieht sich aber wahrscheinlich überhaupt nicht auf unsem 
Philosophen*). Aelian's Erzählung über | Plato's Verdrängung 
aus der Akademie steht erstens mit anderen, älteren Nachrichten') 
im Widerspruch, nach denen Plato seinen Unterricht in jenem 
Zeitpunkt aus den öffentlichen Räumen des akademischen Oym- 
nasiiUDB schon längst in seinen Garten verlegt hatte; und sie 
«hreibt, zweitens, Aristoteles ein Benehmen zu, wie wir es einem 
Manne, der sonst durchaus edle Gesinnungen ausspricht, nur auf 
die zwingendsten Beweise hin zutrauen dürften ; hier aber haben 
wir statt dessen blos das Zeugniss eines Anekdotenkrämers, der 
auch handgreifliche Unwahrheiten kritiklos weiter zu geben ge- 
wohnt ist Wird endlich behauptet, dass Aristoteles durch sein 
ganzes Verhalten Plato's Missfallen erregt habe und von ihm 
ferne gehalten worden sei ^), so können wir Dem zunächst schon 

fiemmderer Plmto's dieselbe erst von diesem itcQywg erwiesen fand. Und 
andererseits scheint mir der ßaj/n6g tpiXtag entschieden auf eine persön- 
liche Verbindung des Setzenden mit dem, dem er gewidmet ist, zu weisen; 
Eodemos kann aber den Sokrates nicht mehr persönlich gekannt haben. 
Aach in der olympischen Inschrift unter der Bildsäule, die Eumolpus seinem 
Lehrer und Grossoheim Gorgias setzte (Archäol. Ztschr. 1877, 43), be- 
zeichnet tfiKa sein persönliches Verhältniss zu ihm. 

1) ABI8TOKLE8 a. a. O. sagt ausdrücklich, Aristoxenua habe von seinem 
Lehrer nicht anders als in anerkennender Weise geredet, und diesem be- 
Btimmten, auf Kcnntniss seiner Schrift gegründeten Zeugniss gegenüber könnte 
die Angabe, dass er Aristoteles nach seinem Tod angegriffen habe (Suid. 
^^^Mrro^), selbst dann nicht in Betracht kommen, wenn sie besser verbürgt 
wire; auch in diesem Fall müssten wir vielmehr annehmen, im Leben Plato^s 
wenigstens, aus dem die von Aristokles angeführte Nachricht stammt, sei 
dicM nicht geschehen. Scheint aber der n€q(naxog auf Aristoteles zu deuten, 
10 zeigt doch schon die S. 8, 3 mitgetheilte Aeusserung Epikur's, dass dieser 
Ausdruck auch von anderen Schulen gebraucht werden konnte; in dem 
Index Herculanensis (über den Abth. 1 , 836) heisst es 6, 5 : Speusippus sei 
gestorben txri xaxaoxbiv oxrcu xov niQlnaxoVt und 7, 9: Heraklides sei in 
»eine Heimath gegangen, wo er txfqoy mqinaxov xnl Sttaqißrjfv xaxiaxriaaio. 
Ich möchte vermuthen, dass sich die Angabe des Aristoxenus auf die Abth. 1. 
S. 369, 3 berührte Thätigkeit des Heraklides bezieht, welche er dann frei- 
lich, nach seiner Weise, missdeutet hätte. 

2) B. Dioo. III, 6. 41 vgl. Abth. 1, 361, 1. 

3) Für diese Angabe beruft sich Buhle S. 87 auch darauf, dass Plato 
in seinen Schriften des Aristoteles nicht erwähne, und selbst Stahr S. 58 
icfaenkt diesem Umstand einige Beachtung. Aber wie konnte er denn in 
lokratischen Gesprächen den Aristoteles nennen? Davon gar nicht zu 



14 Aristoteles. [10. 11] 

mehrere Aussagen entgegenstellen, welche ein ganz anderes Ver- 
hältniss beider voraussetzen ^). Wollen wir aber auch auf diese 
Mittheilungen, deren Beglaubigung gleichfalls ungenügend ist, 
kein weiteres Gewicht legen, kann anderes ohnedem, dessen Un- 
richtigkeit am Tage liegt*), hier nicht in Betracht kommen, so 
stehen uns ! doch immer noch entscheidende Ghründe zu Gebot, 
durch welche nicht allein Aelian's Erzählung, und was sonst 
noch ähnliches tiberliefert ist, sondern die ganze Voraussetzung 
widerlegt wird, als ob es noch vor Plato's Tode zwischen ihm 
imd seinem Schüler zum Bruche gekommen sei. Für's erste 
nämlich sagen Zeugen, mit welchen sich Aelian und Seines- 



reden, dass wahrscheinlich alle platonischen Werke, ausser den Gesetzen, 
Tor Aristoteles' Ankunft in Athen verfasst sind. 

1) Philoponüs aetorn. mundi VI, 27: C^qkit,) vno niarotvog Toaovrov 
T^f ay^ivottts rj'yda&rj, (og vovg rrjg (^luTQißrjs vn* avTov 7T^ogayoQ€v€(l9ai, 
Ammon. V. Arist. S. 44: Plato habe die Wohnung des Aristoteles oixog 
^Vttyvfoarov genannt Weiter vgl. man Abth. 1, 842, 1. Eben dahin gehörte 
der Abth. 1, 363, 2 erwähnte Vorfall, und die Nachricht (bei Ammon. a.a.O. 
S. 46. Philopon. in qu. voc. Porph. Schol. in Arist. 11, b, 29), dass 
Aristoteles seinem Lehrer nach dessen Tod einen Altar mit einer bewundern- 
den Inschrift gewidmet habe; indessen ist jener Vorfall schwerlich geschicht- 
lich und der Altar ist ohne Zweifel ebenso, wie seine angebliche Inschrift, erst 
aus der Elegie an Eudemus (s.o. 12,1) entstanden, deren bildlich gemeinter 
Freundschaftsaltar eigentlich genommen und Aristoteles beigelegt wurde. 

2) Wie die Meinung, deren Philop. in qu. voc. Schol. in Ar. 11, b, 23 
(wo aber Z. 25 statt l^QiaroT^Xrjv -Xovg stehen sollte) und David ebd. 20, 
b, 16 erwähnt, dass Aristoteles sich gescheut habe, einen Lehrstuhl zu be- 
steigen, so lange Plato lebte, und dass daher der Name der peripatetischen 
Philosophie stamme, und die Behauptung (Ammon. in qu. voc. Porph. 25, b, u. 
Ps. AMMON. V. Ar. S. 47. v. Marc. 5. Amm. lat. 14. Philop. Schol. in Ar. 35, 
b, 2. David Schol. 24, a, 6), dass der Name der Peripatetiker ursprunglich 
der platonischen Schule eigen gewesen sei; als Aristoteles und Xenokrates 
gemeinschaftlich nach Plato's (Ps.ammon. v. Marc. Amm. lat. und David 
genauer: nach Speusipp's) Tode die Schule übernahmen, seien die Schüler 
4es einen Peripatetiker aus dem Lycenm, die des andern Peripatetiker aus 
der Akademie, in der Folge aber nur jene Peripatetiker, diese Akademiker 
genannt worden. Die letzte Quelle dieser Annahme ist ohne Zweifel An- 
tiochus, in dessen Namen Varro bei Cic. Acad. I, 4, 17 (vgl. prooem.: tibi 
dedi partes Antioehituu) ganz ähnliches erzählt; um so klarer ist es aber, 
dass die ganze Angabe nur ein Erzeugniss jenes von Antiochus zuerst auf- 
gebrachten Eklekticismus ist, der jeden wesentlichen Unterschied zwischen 
Plato und Aristoteles läugnete. 



[]M2j Erster Aufenthalt in Athen. 15 

gleschen weder an Alter noch an Zuverlässigkeit irgend messen 
können, er sei zwanzig Jahre bei Plato geblieben^), was ofien- 
bar nicht der Fall gewesen wäre , wenn er zwar so lange in 
Athen blieb, aber von Plato sich schon früher getrennt hatte; 
nnd DiONTS fügt ausdrücklich bei, er habe in dieser ganzen 
Zdt keine eigene Schule gerundet *). Sodann rechnet Aristo- 
teles noch in weit späterer Zeit, irnd auch da, wo er die Grund- 
lehre der platonischen Schule bestreitet, sich selbst fortwährend 
zu ihr % und über ihren Stifter und sein persönliches Verhält- 
niss zu demselben äussert er sich so, dass man deutlich sieht, 
wie wenig in ihm, neben der schärfsten Betonung ihres wissen- 
schaftlichen Gegensatzes, das Gefllhl der Verehrung imd der 
liebe fiir seinen grossen Lehrer ^loschen war*). Ebenso wurde 
«von gleichzeitigen Gegnern als Platoniker behandelt, wenn 
Oephisodor, der Isokrateer, in seiner Streitschrift gegen ihn die 
platonische Lehre, und so namentlich die Ideenlehre angrifft), 
ond Theokrit von Chios ihm vorwarf, dass er die Akademie mit 
Hacedonien vertauscht habe ^). Weiter steht es | fest, dass er bis 
zu Plato's Tod in Athen blieb, immittelbar nach diesem Ereig- 
niss dag^en diese Stadt ftir lange Jahre verliess; warum an- 
ders, als weil jetzt erst der Grund aufhörte, welcher ihn bis 

1) S. S. 6, 3. 8, 1. 

2) £p. ad Amm. I, 7. S. 733: awfjv nXdrmvt xal dtirgiif/ev ^cuc ItcSv 
hna xal TQidxovTa, ovt€ (J/o^V^ r^yovfiivog our* fdCav nenoirjxtog a^ecnv. 

3) Arist. redet öfters von den Piatonikern communicatiy : xtt&* ovs 
t^OTfovg ^ifxvvfitv or* IcTr* rä etSri' xatä ttiv VTioXrjifjiv xo^* ijv ilvaC 
qafifv rag iSiag n. dgl. Metaph. I, 9. 990, b, 8. 11. 16. 23. 992, a, 11. 25. 
c 8. 989, b, 18. III, 2. 997, b, 3. c. 6. 10U2, b, 14 vgl. Alex, und Asklbp. 
n 990, b, 8. Alex, za 990, b, 16. 991, b, 3. 992, a, 10. 

4) In der berühmten Stelle, welche bereits auf Vorwürfe Rücksicht za 
nehmen scheint, die ihm seine wissenschaftliche Polemik gegen Plato zuge- 
zogen hatte, £th. N. I, 4, Anf. : ro <f^ xad-oXov ßHnov Xatag intaxiipaCd-ai 
«oi Suinoqriaat nrng Xfyerai, xaCneg nQogdvrovg Ttjg roiavTrig Cfl^V^ftog 
ywofjLimrfi Siä ro (pCXovg avSgag etgayayetv tu ifSrj. d6^fi€ (f* av ffftog 
ßütiov elvat xal Sbiv Inl aofTtjQCtf ye r^g aXtid-iCag xal ra oixela dvatgeiv, 
aiXttg Ti xal (ptXoa6(povg ovrag" dfitpolv yciQ ovxoiv tpCXoiv 8aiov nQorifi^v 
njy dXfid-iuty, Hiezu vgl. m. Abth. I, 801, 3 und über das, was A. einem 
Ldirer gegenüber für Recht hielt, Bd. I, 971. 

5) KüMBK. b. Eüß. pr. er. XIV, 6, 8. 

6) In dem S. 21, 2 zu berührenden Epigramm, wo es heisst: 
^fUro vaUiv avt* läxadrifi^Cag BogßoQOv (ein Fluss bei Pella) Iv n^o^oalg. 



1(5 Aristoteles. [12.13] 

dahin in Athen festgehalten hatte, weil seine Verbindung mit 
Pkto jetzt erst getrennt wurde. Endlich wird uns berichtet ^), 
zugleich mit ihm sei Xenokrates nach Atameus gegangen; und 
dass er auch später mit diesem Akademiker in freimdschaftlichem 
Verhältniss stand, wird durch die Art, wie er dessen Ansichten 
zu besprechen pfl^t, wahrscheinlich ^). Von Xenokrates aber 
Ittsst sich bei seiner Charakterfestigkeit und seiner unbedingten 
Verehrung fbr Plato nicht annehmen, dass er seine Verbindung mit 
Aristoteles fortgesetzt und sich zum Besuch in Atameus an ihn an- 
geschlossen hätte, wenn sich derselbe von Plato in einer fbr 
diesen verletzenden Weise losgesagt, oder gar den greisen Lehrer 
durch ein Benehmen, wie es ihm Aelian zuschreibt, kurz vor 
seinem Tod auf's roheste gekränkt hätte. Das allerdings ist 
ganz glaubUch, dass ein so selbständiger Geist, wie Aristoteles, 
auch einem Plato gegenüber sich des eigenen Urtheils nicht be- 
gab, dass er mit der Zeit an der unbedingten Wahrheit des 
platonischen Systems zu zweifeln imd den Grund seines eigenen 
zu legen begann, dass er vielleicht manche Schwäche des erste- 
ren schon damals mit derselben Unerbittlichkeit aufdeckte, wie 
später *), und wenn sich daraus eine gewisse Spannung zwischen 
beiden erzeugt haben sollte, wenn sich Plato in den Schüler, 
der sein Werk zugleich fortzusetzen und zu widerlegen | be- 
stimmt war, nicht besser zu finden gewusst hätte, als mancher 
andere Philosoph nach ihm, so wäre diess nicht zu verwundem. 
Dass aber diese Spannung wirklich eintrat, lässt sich weder be- 

1) Strabo XIII, 1, 57. S. 610, dessen Zeagniss wir zu misstraaen keinen 
Grund haben. 

2) Es ist auch schon anderen aufgefallen, dass Arist. den Xenokrates 
fast nie nennt, und seinen Namen auch da, wie geflissentlich, umgeht, wo er 
es augenscheinlich mit seiner Ansicht zu thun hat (wie in den Abth. 1, 
6Ö6, 2. 867, 1. 868, 4. 871, 2. 876, 4 angeführten Fällen), während Spenaipp 
in dem gleichen Fall einigemale genannt wird. Ich möchte darin aber nicht, 
wie man wohl gewollt hat, ein Zeichen von Missachtung sehen, sondern sein 
Verfahren vielmehr daraus erklären, dass er seinem neben ihm in Athen 
lehrenden Mitschüler gegenüber die Form der persönUchen Bestreitung ver- 
meiden wollte. 

3) So hatte er, wie wir finden werden, schon in den Bflchem über die 
Philosophie (Arist. Fragm. 10. Jl. S. 1475), die noch vor Plato's Tod ver- 
fasst zu sein scheinen, die Ideenlehre offen bestritten, und in der gleichen 
Schrift (Fr. 17. 18) die Ewigkeit der Welt behauptet. 



[13j Erster Aufenthalt in Athen. 17 

weisen, noch auch nur zu einem höheren Grade der Wahrschein- 
fichkeit erheben % und dass Aristoteles durch seine Undankbar- 
keit und durch absichtUche Kränkung seines Lehrers einen offe- 
nen Brach mit demselben herbeigeführt habe, ist eine Behaup- 
tung, wdche durch die sichersten Thatsachen widerlegt wird. 
Und dieselben Thatsachen machen es auch unwahrscheinlich, 
dass Aristoteles schon während seines ersten athenischen Aufent- 
balts eme eigene philosophische Schule eröffnete; denn in diesem 
Fall hätte theils seine eben nachgewiesene Verbindung mit Plato 
and dem platonischen Kreise kaum fortdauern können, theils 
wäre es unerklärlich, dass er Athen gerade in dem Augenblick 
verlassen hätte, als der Tod seines grossen Nebenbuhlers ihm 
hier freie Bahn machte *). 

War nun Aristoteles wirklich von seinem achtzehnten bis 
in sein siebenunddreissigstes Lebensjahr mit Plato als sein Schü- 
ler verbunden, so folgt von selbst, dass wir den Einfluss dieses 
Verhältnisses auf seine Bildung kaum zu hoch anschlagen kön- 
nen; und wenn uns seine Bedeutung fiir das philosophische 
System des Aristoteles aus jedem Zuge desselben entgegentritt, 
80 rühmt der dankbare Schüler selbst ^) vor allem die sittliche 
örösae und die erhabenen Grundsätze des Mannes, „den ein 
Schlechter auch nicht einmal zu loben das Recht habe.^ Diese 
Verehrung seines Lehrers schliesst aber natürlich nicht aus, dass 
Aristoteles seine Aufmerksamkeit zugleich allem anderen zu- 
wandte, was ihn fbrdem und seiner unersättlichen Wissbegierde 
Befriedigung gewähren konnte; | wir dürfen vielmehr mit Sicher- 
keit annehmen, er habe gerade seine lange athenische Vor- 

J ) Denn wir sind darchans nicht berechtigt, an Plato und seinen Freun- 
<^krei8 den späteren Masstab philosophischer Schalorthodoxie so streng ah- 
^egeOf dass wir annähmen, der grosse Philosoph hätte die Selbständigkeit 
^ei Schülers, wie Aristoteles, nicht ertragen können. Hat doch, um des 
°cniUides and Endoxns nicht zu erwähnen, selbst Speusippus die Ideenlehre 
faüen lassen. 

2) Die Bemerkung des angeblichen Ammonicb dagegen, dass Chabrias 
lind Thnotheus Aristoteles verhindert haben würden, Plato eine neue Schale 
^nigegenznsleUen , ist ungereimt. Wer konnte ihm denn diess verbieten? 
Aber Chabrias ist schon 358 v. Chr. umgekommen und Timotheus ein Jahr 
dtimaf, hochbetagt, für immer aus Athen verbannt worden. 

3) In den S. 12 angeführten Versen. 

ZelUr, Philos. d. Gr. U. Bd. 8. Aufl. 2 



18 Aristoteles. [14] 

bereitongszeit zur Erwerbung seiner staunenswerthen Gelehrsam- 
keit auTs eifrigste benützt, und auch mit den naturwissenschaft- 
lichen Untersuchungen, welche Plato doch immer nur als Neben- 
sache behandelt hatte, sich eingehend beschäftigt '). Ebenso ist 
es ganz glaublich, dass er noch als Mitglied des platonischen 
Schülerkreises selbst Lehryorträge hielt '), ohne damit aus seinem 
Verhältniss zu Plato herauszutreten oder sich ihm als das Haupt 
eines selbständigen Philosophenvererns gegenüberzustellen. So 
hören wir namentlich von dem Unterricht, welchen er in der 
Bhetorik ertheilt habe, um damit der Schule des Isokrates ent- 
gegenzutreten ^), dessen gutes Verhältniss zu Plato damals schon | 



1) Unter den Vorgängern, deren Werke er schon damals benutzte, mag 
namentlich auch Demokrit gewesen sein, dessen Namen Plato so auffallend 
umgeht; in seinen Schriften wenigstens geschieht keines anderen von den 
Physikern so häufig Erwähnung. — Im übrigen sind wir hier ganz auf Ver- 
muthungen beschränkt, da es uns an jeder Ueberlieferung über A/s Studien- 
gang fehlt. 

2) Strabo XIII, 1, 57. S. 610 sagt von Hermias, er habe in Athen 
sowohl Plato als Aristoteles gehört. 

8) Cic. de Orat. III, 35, 141 : ArtttoteUs, cum ßorw Itocratem nobiUUiU 
diseipulorum videret, . . . mutavit rip§iUe totam formam prope düeiplinae auae (was 
freilich lautet, als ob A. damals schon eine philosophische Schule gehabt 
hätte ; Cicero ist eben hier nicht genau unterrichtet), ver»um^u$ quendam Fhi' 
loctelas pauUo secut dixit, tue enim turpe tibi ait eite faeere, cum barbaros: hie 
auUm, cum Itoeratem pateretur dieere. üa omavü et üluetravü doetrmam üUtm 
omnetn, rerutnque eognitionem eum'orationü exereitatüme eot^'unant. neque vero kee 
Jugü Mpientieeimum regem Fhüippum^ qui huno Alexandra ßlio doetorem aöeimit. 
Auch Orat 19, 62 (Arietoielee Itoeratem ipettm laeeeeivitj^ weniger bestimmt 
ebd. 51, 172 (quie . . . aerior Arietotele fuitf quie porro leoerati eet advereatue 
impeneiue fj Tusc. 1,4,7 setzt Cicero voraus, dass Arist. noch bei Isokrates' 
Lebzeiten gegen diesen aufgetreten sei, was nur während seines ersten atheni- 
schen Aufenthalts möglich war, denn als er 385/4 v. Chr. dorthin zurück- 
kehrte, war Isokrates schon mehrere Jahre todt. Quiktil. III, 1,14: eoqite 
[laoerate] jam teniore . . . pomeridianie eehoHe ArietoteUe praedpere artem Oratorium 
eoepü, noto quidem illo (ut traditurj vereu ex FhHoeteta frequenter ueuei aitrj^Qov 
CKunqv *IaoxQaTfiv [d *] i^v Xfyeiv. (Minder wahrscheinlich liest Diog. S 
statt ^laoxQCLTriv Sevoxgarfiv und rerlegt demgemäss den VorfiiU in die Zeit 
der Begründung des Lyceums.) Sehr bestimmt redet Cicero auch Offic. I, 
\y i (de Arietotele et leoerate . . . quontm vterque euo etudio deteetatue eonUmeit 
akerumj von Reibungen zwischen Arist. und dem noch lebenden Isokrates, 
und dieser selbst macht ep. V. ad Alex. 3 f. einen versteckten Ansfan auf 
den Philosophen, welcher diese Angabe bestätigt (denn Panath. 1 7 f. könnte 



[15.16] Erster Aafenthalt in Athen. 19 

längst einer Spannung gewichen war, bei der es der berühmte 
Redekünstler an Aasfällen gegen die Philosophen nicht fehlen 
liesa^j. In die gleiche Zeit haben wir endlich, nach sicheren 
Spuren, auch den Anfang seiner schriftstellerischen Thätigkeit zu 
setzen; und wie entschieden er sich dem Einfluss des platonischen 
ßdstes hingegeben und in die platonische Weise eingelebt hatte, 
erhellt aus dem Umstand, dass er in Schriften aus dieser Periode 
semen Lehrer in der Form und im Inhalt nachahmte '). In der 
Folge hat er allerdings, und ohne Zweifel noch ehe er Athen 
yerliess, auch als Schriftsteller eine grössere Selbständigkeit ge- 
wonnen, und er war überhaupt dem Verhältniss eines platoni- 
«iien Schülers der Sache nach wohl schon längst entwachsen, 
als dieses Verhältniss durch den Tod seines Lehrers auch äusser- 
Bch gelöst wurde. | 

Mit diesem Ereigniss beginnt ein neuer Abschnitt im Leben 
des Philosophen. So lange der greise Plato den Mittelpunkt der 
Akademie bildete, hatte er sich von derselben nicht entfernen 



nuui doch nur dann anf ihn beziehen, wenn er vor seiner Uebersiedelung 
oaeh Macedonien wieder nach Athen zarückgekehrt wäre und seinen rheto- 
rischen Unterricht wieder aufgenommen hätte); vgl. Spenoel über die Rhetorik 
d. Arist. Abhandl. d. Bayer. Akad. VI, 470 ff. Gegen Aristoteles schrieb 
«n Schäler des Isokrates, Cephisodorus (oder -dotus), eine Vertheidigung 
sdnes Lehrers, welche Dionys. De Isoer. c. 18, S. 577 zwar bewundert, von 
der wir aber aus Athen. II, 60, d vgl. III, 1 22, b. Akistokl. b. Eüs. pr. 
er. XV, 2, 4. Nümen. ebd. XIV, 6, 8 f. Themist. or. XXIII, 285, c wissen, 
dass sie mit den leidenschaftlichsten Schmähungen gegen Arist. angefiillt war. 
Iq fibrigen lässt sich Aristoteles durch diese Reibungen von einer gerechten 
Würdigung der Gegner nicht abhalten. Seine Rhetorik wählt ihre Beispiele 
tos keinem andern Redner mit solcher Vorliebe, wie aus Isokrates, auch 
Cephisodor's erwähnt er zweimal (Rhet. III, 10. 1411, a, 5.23). Ob er selbst 
vieUeicht früher den Unterricht des Isokrates benützt hatte, wissen wir nicht, 
aber bei der Berühmtheit dieses Lehrers ist es nicht unwahrscheinlich; vgl. 
S. 7, 1. Ausführlicher handelt vbn der Gegnerschaft des Aristoteles und 
Iiokrates Stahb I, 68 ff. II, 285 ff. 

1) S. Abth. 1, 416, 2. 459, 1 und Spenoel, Isokrates u. Piaton, Abh. 
d. Mfinchn. Akikd. VII, 731 ff. 

2) Die näheren Kachweisungen hierüber werden später gegeben werden. 
Von den uns bekannten aristotelischen Schriften scheint namentlich der 
grössere Theil der Gespräche und einiges Rhetorische, vielleicht die Zvvaytoyri 
T()[vtiv, hl die erste athenische Periode zu gehören. 

2* 



20 Aristoteles. [16] 

wollen; nachdem Speusippus an dessen Stelle getreten war^), 
fesselte ihn nichts mehr an Athen; denn die Errichtung einer 
eigenen philosophischen Schule, fUr welche diese Stadt ohne 
Zweifel der geeignetste Ort war, scheint er zunächst noch nicht 
beabsichtigt zu haben. So folgte er denn zugleich mit Xeno- 
krates einer Einladung des Hermias, des Herrn von Atameus 
und Assos*), welcher selbst früher eine Zeitlang dem platoni- 
schen Verein angehört hatte ^). Bei diesem ihnen nahe' befreun- 
deten*) Fürsten blieben die beiden drei Jahre lang^); hierauf 
begab sich Aristoteles nach Mytilene®), nach Strabo um seiner 
Sicherheit willen, als Hermias durch treulosen Verrath in 
die Gewalt der Perser gerathen war, vielleicht aber auch 
schon vor diesem Ereigniss'). Nach Hermias' Tod nahm er 
Pythias, die Schwester oder Nichte seines Freundes®), zur | 



1) Auch diess hat man auffallend gefunden, aber mit Unrecht. Möglich 
allerdings, dass Plato für Speusippus grössere Neigung hatte, als fiir Aristo- 
teles, oder dass er von jenem eine treuere Fortpflanzung seiner Lehre erwar- 
tete, als von diesem. Aber Speusippus war auch der weit ältere, Plato*s 
Neffe, von ihm selbst erzogen und ihm seit Jahrzehenden mit der treuesten 
Anhänglichkeit zugethan, zudem der natürliche Erbe des Gartens bei der 
Akademie. Uebrigens wissen wir auch nicht, ob ihm das Scholarchat von 
Plato selbst durch Vermächtniss übertragen wurde. 

2) BoECKH Hermias von Atariieus, Abh. d. ßerl. Akad. 1853. Hist.-phil. 
Kl. 8. 133 flF 

3) Strabo XUI, 1,57. S. 610. Apollodor b. Dioo. 9. Dionys. ep. ad 
Amm. I, 5, welche darin übereinstimmen, dass A. erst nach Plato^s Tod zu 
Hermias gieng. Das Gegentheil könnte man aus dem S. 10, 1 angeführten 
Vorwurf des Eubulides auch dann nicht schliessen, wenn die Sache wahr 
wäre. Als den Ort, wo Aristoteles in dieser Zeit lebte, nennt Strabo Asaos. 

4) S. S. 16, 1. 18, 2. Gegner des Arist. (b. Dioo. 3. Anon. Menag. Suid. 
'jigtOT.) machen natürlich aus dieser Freundschaft ein päderastisches Ver* 
hältniss, welchem schon das beiderseitige Lebensalter widerstreitet (Boeckh 

a. a. O. 137). 

5) Apollodor, Strabo, Dionys. a. d. a. O. 

6) Ol. los, 4 (345/4 v. Chr.) unter dem Archen Enbulus: Apollodor 

b. DioG. V, 9. DioNYS. a. a. O. 

7) Wie diess Bobckh a. a. O. 142 ff. zwar nicht vollkommen erwiesen, 
aber doch gegen Strabo a. a. O. wahrscheinlich gemacht hat. 

8) Der Anon. Men., Suid. (I^qiötot. ^Egfifag), Hesych. nennen sie seine 
Tochter, der unzuverlässige Ari8tipp b. Dioo. 3 gar sein Rebsweib. Beide 
Angaben widerlegen sich nun schon durch den Umstand, dass Hermias Eunuch 
war (denn was der Anon. Menag. Suid. u. Hesych: sagen, um seine vermeint- 



[ITj Aufenthalt in Atarneus. 21 

Gattin ^). Er selbst hat seiner treuen Anhänglichkeit an beide 
mehr als Ein Denkmal gesetzt ^). 



liehe Vaterschaft zu erklären, ist an sich auffaUend und mit Demetr. De 
elocQt 293 anvereinbar). Aristokles b. Eus. pr. ev. XV, 2, 8 f. sagt unter 
gleichzeitiger Anführung eines aristotelischen Briefs an Antipater und einer 
Schrift des Apellikon von Teos über Hermias und seine Verbindung mit 
Aristoteles, sie sei die Schwester und zugleich die Adoptivtochter des Hermias 
gewesen. Strabo XIII, 610 bezeichnet sie als seine Bruderstochter, Demetrius 
Magnes b. Dioo. V, 3 als seine Tochter oder Nichte. Boecku a. a. O. 140 
gibt der Annahme, dass sie seine Nichte und Adoptivtochter war, den Vor- 
zog, und es ist allerdings möglich, dass Aristokles die nähere Bezeichnung 
der Pythias als Schwester des Hermias bei Aristoteles und Apellikon nicht 
rorgefanden, oder dass er selbst oder sein Text die ttJtX(ftJfi mit einer 
ihX(pi verwechselt hatte. Adoptivtochter des Tyrannen nennt sie auch 
HispoKBATioN, das Etym. M., Scid. (^Eq^(ttg\ der aber unmittelbar zuvor 
das Gegentheil gesagt hat, Phot. Lex. 

1) So Aribtokl. a. a. O. , welcher nnter Berufung auf den Brief an 
Antipater sagt: ti^'itixog yuQ *EQfii(ov dia tfjv nghg ixetvov evvoiav 
^T'lfifv avTfiVf aXXcag filv aw(f>Qova xal dya&fiv ovaavy dTv^ovcfav fnivrot, 
^ti rag xaraXaßovaag av/j(poQag tov adiXipov avrrjg. Nach Stuabo a. a. 
0. hätte ihm Hermias selbst noch seine Nichte zur Frau gegeben, was aber, 
falls der Brief acht war, nicht richtig sein kann; nach Aristokl. a. a. O. 
4 f. 8 wurde ihm, wie es scheint schon bei seinen Lebzeiten , der Vorwurf 
gemacht, dass er, um sie zu erhalten, ihrem Bruder unwürdig geschmeichelt 
^be, ond der Pythagoriker Lyko wollte gar wissen, er habe der Pythias 
Oich ihrem Tod als Demeter geopfert. JTdvra cf^, fagt Aristokles hier- 
über, vniQTtaXaUi fito^ftf rä vnö AvxiDvog dgrifLiiva, doch ist es der Flüch- 
tigkeit des Diogenes (V, 4) gelungen, seinen Vorgänger noch zu überbieten, 
indem er den Philosophen seiner Frau gleich als er sie bekam opfern lässt. 
LcciAN Eun. c. 9 weiss auch von einem Hermias dargebrachten Opfer, und 
auf die gleiche Behauptung weist Athen. XV, 607, a. 

2) Nach DioG. 6 Hess er Hermias eine Bildsäule in Delphi errichten, 

<i^n Inschrift Diog. mittheilt. Ebd. 1 1 und bei Aristokl. a. a. O. Plut. 

^ exil. c. 10, S. 603 finden sich die unwürdigen Spottverse, welche Theo- 

krit von Chios, ein durch seine, beissenden Witze bekannter Rhetor aus der 

iioknteischen Schule, der in Chios an der Spitze der demokratischen, anti- 

■DAcedonischen Partei stand (Müller Hist gr. II, ^% f.), auf dieses Denk- 

^i, wie es scheint noch während Aristoteles* Aufenthalt am macedonischen 

Bof, gemacht hatte. (Vgl. S. 15, 6.) Weiter widmete A. Hermias das 

<ckdne von Dioo. 7. Athen. XV, 695, a aufbewahrte Gedicht. Ueber Py- 

tMas bestimmt er in seinem Testament (Dioo. 16), dass ihre Gebeine, wie 

sie selbst verordnet habe, neben den seinigen beigesetzt werden. ' Da der 

Ort, wo sie bis dahin bestattet waren, nicht genannt wird, so möchte man 

«^ermnthen, sie sei in der Nähe begraben gewesen, also erst in Athen, und 



22 Aristoteles. [18] 

I. J. 343 oder auch erst 342 v. Chr. (Ol. 109, 2) i) folgte 
Aristoteles einem Ruf an den macedonischen Hof), um die Er- 
ziehung des jungen, damals dreizehnjährigen'), Alexander zu 
leiten, welche bis dahin nicht in den passendsten Händen ge- 



somit nach Ol. 111, 2 gestorben. Keinenfalls kann diess aber lange vor- 
her geschehen sein, da die bei Aristoteles' Tod noch nicht heirathsfahige 
Pythias (s. o. 5, 6) ihre Tochter war (Aristokl. a. a. O. Anon. Menag. 
SuiD., welche letzteren aber die Fythias fälschlich vor ihrem Vater sterben 
lassen). Nach dem Tode der Pythias heirathete (l/17/if Aristokl.) Aristo- 
teles Herpyllis ans Stagira (diess bei Aristokl. vgl. Dioo. 14), welche ihm 
einen Sohn, Nikomachns, gebar; sollte er sie aber anch nicht förmlich ge- 
heirathet haben (Timäcs bei Schol. in Hes. ^E, x, 'H. V. 375 nnd Dioo. 
y, 1, wo Müller Fragm. Hist gr. I, 211 seinen Namen an die Stelle des 
Timotheus setzt, den die Ausgaben haben; Athen. XIII, 589, c, angeblich 
nach Hermippds, der aber doch vielleicht den Beisatz: Tijg kxafqug nach 
*EQnvXUdog nicht gehabt hat; Scid. und Anon. Menag. mit der sinnlosen 
weiteren Angabe, dass er sie nach der Pythias von Hermias erhalten habe), 
so mnss er sie doch als seine Frau behandelt haben ; sein Testament wenig- 
stens erwähnt ihrer ganz ehrenvoll, sorgt aasreichend für ihre Bedürfnisse, 
und bittet seine Freunde: InifjiEXua&ai^ . . . fivria^ivxag fjLtov, xal ^Eq^ 
nvXKdog^ ort anov6aia 71€qI ifih iy^viro^ rwy ri aXltav ar«! iäv ßovXfira^ 
avÖQa XaußttveiVf onwg fiti ava^^tp ^fucSv JoÖ^J (Dioo. 13). Ueber Aristo- 
teles' Tochter wissen wir aus Sext. Math. I, 258. Anon. Menag. Sum. 
^f^iorn, dass sie nach Nikanor noch zwei Männer hatte, den Spartaner Pro- 
kies und den Arzt Metrodor; von jenem hatte sie zwei Söhne, welche 
Schüler Theophrast^s wurden, von diesem Einen, Aristoteles, welcher bei 
Theophrast's Tod, wie es scheint, noch unerwachsen in seinem Testament 
seinen Freunden empfohlen wird. Nikomachus, von Theophrast erzogen 
(^Aristokl. b. Eus. XV, 2, 10. Dioo. V, 39. Suid. GiotfQ. Nut6fA.\ soll in 
jungen Jahren (fieiQttx^axog) im Krieg umgekommen sein (Aristokl., dessen 
Angabe Theophrast's Testament b. DioG. V, 51 f. bestätigt, da Nikom. 
darin nicht bedacht, aber für ein Bild desselben Sorge getragen wird). Um 
so zweifelhafter werden die ihm von Suid. Nik. beigelegten Schriften: eine 
Ethik in 6 Büchern, und eine Arbeit über seines Vaters Physik. 

1) Diese Zeitbestimmung gibt Apollodor b. Dioo. 10. Dionys. a. a. 0. 
Der Scholiast (Schol. in Arist. 23, b, 47), welcher unsem Philosophen 
schon zur Zeit von Plato's Tod bei Alexander verweilen lässt, bedarf keiner 
Widerlegung. 

2) Zum folgenden vgl. m. Geier Alexander u. Aristoteles (Halle 1856)» 
der aber seinen Gegenstand freilich, trotz aller Ausfiihrlichkeit , doch nur 
ungenügend behandelt hat. 

3) Dioo. sagt: 15 jährig, was aber ein Versehen des Abschreibers oder 
des Sammlers sein muss, denn Apollodor lässt sich dieser Verstoss nicht 
zutrauen; vgl. Stahr 85 f. 



[JS.19] Macedonischer Aufenthalt. 23 

wesen war ^). Dieser Ruf traf ihn wahrscheinlich noch in My- 
tilene*). üeber die j näheren Veranlassungen , welche Philipp's 
Aafinerksamkeit auf Aristoteles lenkten, ist nichts sicheres über- 
liefert'). Wajs aber mehr zu bedauern ist: wir sind über die 
Beschaffenheit des Unterrichts, welchen der Philosoph dem jungen 
imd hochstrebenden Eönigssohn ertheilte, und über die er- 
ziehende Einwirkung, welche er auf ihn ausübte, fast ganz ohne 
Nachrichten *) ; dass aber diese | Einwirkung eine sehr bedeutende 

1) Plüt. Alex. c. 5. Quintil. I, 1, 9. 

2) Stahr S. 84. 105, A. 2 ist zwar der Annahme nicht abgeneigt, A. 
sei vpn Mytilene zunächst wieder nach Athen zurückgekehrt, allein von un- 
Sern Berichterstattern weiss keiner etwas davon, vielmehr gibt Dionys. a. 
A. 0. ausdrücklich an, er sei von Mjtilene aus zu Philipp gegangen , und 
dus Arist. in einem Brie£fragment (b. Demstr. De elocut. 29. 154) sagt: 
^yw h fih ld&7ivwv ifs ZiayuQa r^Xd-ov dui rov ßaaiXia tov fufyav, ix 
^^ ZjuysiQüiv €is l/i^vas ^it tov ;^€*^wyo rov fiiyav^ beweist nichts, 
toch wenn der Brief acht war, da es sich in diesen scherzhaften Wor- 
ten nicht um Genauigkeit der geschichtlichen Aufzählung , sondern nur um 
Gensoigkeit der rednerischen Antithese handelte: Athen als Anfangspunkt 
<ler ersten und Endpunkt der zweiten, Stagira als Endpunkt der ersten und 
Anfangspunkt der zweiten Beise werden sich entgegengesetzt, die Zwischen- 
stationen, wie wichtig sie an sich sind, übergangen. 

3) Nach einer bekannten Erzählung hätte er schon bei der Geburt 
Alexander's gegen Aristoteles die Hoffnung ausgesprochen, dass e r ihn zum 
grossen Mann erziehen werde; m. s. seinen angeblichen Brief bei Gell. 
IX, 3. Allein dieser Brief ist gewiss nicht acht; denn wie lässt sich an- 
nehmen, dass der König an den damals erst 27jährigen jungen Mann, der 
noch keine Gelegenheit, sich auszuzeichnen, gehabt hatte, in diesem Tone 
der änssersten Bewunderung geschrieben, oder dass er andererseits, wenn 
er ihn wirklich von Anfang an zum Erzieher seines Sohnes bestimmt hatte, 
ihn nicht schon vor Ol. 109, 2 nach Macedonien gezogen hätte? Dagegen 
mag Aristoteles in der Folge, nachdem er sich als einen der ausgezeichnet- 
iten Platoniker bewährt hatte, die Augen des Fürsten auf sich gezogen 
haben, der ein lebhaftes Interesse für Wissenschaft und Kunst hatte, und 
gewiss von aUem, was in Athen von sich reden machte, wohl unterrichtet 
war; auf Cicero's Zeugniss hiefiir (oben S. 18, 3) möchte ich freilich kein 
ta grosses Gewicht legen. Endlich ist es sehr möglich, dass Arist noch 
▼on seinem Vater her Verbindungen am macedonischen Hofe hatte, und 
dass er selbst (wie Stahr S. 33 vermuthet) in jüngeren Jahren mit dem 
ungefähr gleich alten Philipp, dem jüngsten Sohn des Amjntas, bekannt ge- 
wesen war. 

4) Es gab zwar eine eigene Schrift (welche indessen vielleicht nur 
Theü eines grösseren Werks war) über die Erziehung Alexanders von dem 



24 Aristoteles. [20] 

und vortheilhafte war, müssten wir annehmen, wenn auch die 
Zeugnisse über die Verehrung des grossen Zöglings gegen seinen 
Lehrer und über die Liebe zur Wissenschaft, welche jener ihm 

einflösste % weniger bestimmt lauteten. Wenn Alexander nicht 

__ — • 

macedonischen Geschichtschreiber Marsyas (Suid. Maga, wozu Müllbb 
Script Alex. M. S. 40 f. Geier Alex. Hist Script 320 if. z. TgL), und 
ebenso hatte OnesikHtus in einem Abschnitt seiner Denkwürdigkeiten davon 
gehandelt (Diog. VI, 84. Geier a. a. O. 77 ff.), nichtsdestoweniger sind 
die Ueberlieferungen über diesen Gegenstand äusserst spärlich, nnd dass sie 
auf zuverlässigen Quellen beruhen, steht keineswegs sicher. Plctarch 
(Alex. c. 7 f.) rühmt Alexanders Wissbegierde , seine Freude an Büchern 
und belehrenden Gesprächen, seine Vorliebe fiir die Dichter nnd Geschicht- 
schreiber seines Volks; er setzt voraus, dass er von Aristoteles nicht blos 
in die Ethik und Politik, sondern auch in die tieferen Geheimnisse seines 
Systems eingeführt worden sei; er beruft sich hiefür auf die bekannten, voll- 
ständiger von Gelliub XX, 5 (aus Androkikus) und Simpl. Phys. 2, b, m. 
mitgetheilten Briefchen, worin sich Alexander beschwert, dass Aristoteles 
seine akroamatischen Vorträge veröffentlicht habe, und dieser ihm antwortet, 
wer sie nicht selbst gehört habe, verstehe sie doch nicht; er bringt endlich Alexan- 
ders Liebhaberei fiir die Heilkunde, in der er sich bisweilen persönlich bei 
seinen Bekannten versuchte, mit dem aristotelischen Unterricht in Verbin- 
dung. Diess sind aber doch nur mehr oder weniger wahrscheinliche Ver- 
mnthungen, und gerade was darin am urkundlichsten aussieht, die zwei 
Briefe, das ist in Wahrheit das unzuverlässigste. Denn diese Briefe drehen 
sich ganz um jene Vorstellung über die akroamatischen Vortrage und 
Schriften, deren Grundlosigkeit später erwiesen werden wird, als ob die- 
selben ein wenigen Eingeweihten vorbehaltenes Geheimniss gewesen wären. 
Eine zuverlässige Nachricht über den Umfang und die Richtung des aristo- 
telischen Unterrichts lässt sich diesen Zeugnissen nicht entnehmen. Dagegen 
hören wir von zwei Schriften, n. BaaUilag und vn^g linoCxMv^ welche 
Arist an seinen Zögling gerichtet habe; vgl. S. 75, 3 2. Aufl. Nach Plut. 
Alex. 8 revidirte Arist für Alexander den Text der Ilias. Zugleich mit 
Alexander scheint Marsyas, welchen Suid. a. a. O. als seinen avvrgofpog 
bezeichnet, den Unterricht des Philosophen benützt zu haben; weiter nennt 
Justin XII, 6 (vgl. Plut. Alex. 55. Dioo. V, 4. Arrian. IV, 10) Kalli- 
sthenes seinen oondüeipulus, welcher aber um ein merkliches älter gewesen 
sein muss (Geier Alex. Hist Script. 192 ff.); auch Eassander (Plut. Alex. 
74) war vielleicht schon damals, vielleicht aber auch erst später, Schüler 
des Aristoteles. Durch denselben war endlich Alexander (Plut. Alex. 17) 
mit Theodektes, und ohne Zweifel auch mit Theophrast bekannt geworden, 
hinsichtlich dessen freilich weder auf Diog. V, 39, noch auf Aelian V. H. 
IV, 19 zu bauen ist, der aber auch nach Dioo. V, 52 mit Arist in Stagira 
gewesen zu sein scheint — Die fabelhaften Angaben des falschen Kallisthenes 
über Alexanders Jugend können wir übergehen. 

1) Plut. Alex. c. 8: ^AgiaroT^Xri ^k &ttv fia^tov Iv dgxy xal ^ayarnSv 



I 



[20.21] Macedonischer Aufenthalt. 25 

bIo8 der unwiderstehliche Eroberer, sondern auch der umsichtige, 
über seine Jahre gereifte Regent gewesen ist, wenn er mit der 
Herrschaft der griechischen Waffen zugleich auch die | des grie- 
chischen Geistes zu begründen bemtLht war, wenn er den grössten 
Versuchungen zur Selbstüberhebung, denen ein Mensch aus- 
gesetzt sein kann, Jahre lang widerstanden hat, wenn er trotz 
aller späteren Verimmgen doch immer noch durch Edelmuth, 
Sittenreinheit, Menschenfreundlichkeit imd Bildung über alle an- 
deren Weltbezwinger hervorragt, so wird diess die Menschheit 
nicht zum kleinsten Theü dem Erzieher zu danken haben, 
welcher seinen empfanglichen Geist durch die Wissenschaft 
bildete und den ihm angeborenen Sinn fiir alles Grosse und 
Schöne durch Grundsätze befestigte ^). Aristoteles seinerseits soll 
Ton dem Einäuss, welchen ihm seine Stellung gewährte, 
den wohlthätigsten Gebrauch gemacht haben, indem er sich 
fär Enzelne und ganze Städte bei dem König verwendete*); 
unter den letzteren hatten sich, wie erzählt wird, namentlich 
Stagira, dessen Wiederaufbau er bei Philipp durchsetzte^). 



» T 



o»;if y[Ttov, (üg avTog lAfyf, tov nargog, tug di fxiivov fikv Cwy, <f*a jov- 
^ov dk xalt5g ^ci5y, vojiQov dk vnonrotfQov Icgrey (hierüber später), ov/ 
*<rr{ 7toifjaa£ Jt, xaxov, dXl* al ffiXotp^oauvat 16 atpoS^bv ixilvo xal 
^^i^xTixuv ovx (^ovcfai ngog avtov dlXotgioTfirog iyivovro TBXfxriqiov. 6 
fUnoi TTQog (fnXoaofpittV ifine<pvxiog xal awxBd^QafXfxivog dn* agxv^ avr^ 
Äiof xal no&og ovx lU^^vri TTJg iffv^fig, wie sein Verhalten gegen Anaxarch, 
leDokntes und die Indier Dandamis und Ealanus beweise. Themist. or. 
^ni, 106, D kann man nicht als Gegenbeweis anführen. 

1) Dass er in praktischen Fragen, anch in so wichtigen, wie die von 
PiüT. yirt Alex. I, 6, S. 329 (wozu Stahr S. 99, 2. Dbovsen Gesch. d. 
Hellen. I, b, 12 ff. s. vgl.) erwähnte, von den Ansichten des Aristoteles 
*'»^ich, steht dem nicht im Wege. 

2) Ammon. 8. 46. V. Marc. 4. Amm. lat. 13. Ael. V. H. XII, 54. 

3) 80 Plüt. Alex. c. 7, vgl. adv. Col. 33, 3. 8. 1126. und Dio 
Chrysost. or. 2, Schi. or. 47, 224 R. wogegen Dioo. 4. Ammon. S. 47. v. 
Mwc. 4. Amm. lat. 13. Plin. h. nat. VII, 29, 109. Ablian V. H. III, 17. 
^ 54. Valbr. Max. V, 6, ext. 5 die Wiederherstellung (letzterer freilich 
Uch die Zerstörung) Stagira^s Alexander zuschreiben. Plutarch zeigt sich 
^ hier nicht blos überhaupt genauer unterrichtet, sondern seine Angabe 
^ anch durch die eigenen Aeusserungen des Aristoteles und Theophrast 
(■• Q. 27, 3) bestätigt. Nach Plut. adv. Col. 32 , 9. Dioo. 4 hatte A. der 
ocQgegrändeten 8tadt auch Gesetze gegeben, was ganz glaublich ist. Nach 
^0 or. 47 hatte er bei der Neugründung seiner Vaterstadt mit vielen 



26 Aristoteles. [21.22 

Eresus^) und Athen ^^ theils damak, theils später, seiner Flu 
spräche zu erfreuen. | 

Als Alexander, erst sechszehnjährig, von seinem Vater zui 



Schwierigkeiten zu kämpfen, über die er selbst sich in einem Brief, desse 
Aechtheit wir freilich nicht benrtheilen können, beklagt hatte. Sein Wer 
hatte auch keinen langen Bestand: Dio a. a. O. und Strabo VII, Fr. 3 
bezeichnen Stagira als unbewohnt. Dass es aber zunächst gelang, stel 
ausser Zweifel. Vgl. auch S. 27, 3. 41, 1. 2. 

1) Nach Ammon. S. 47 schützte er diese Stadt vor dem Zorn Alezaz 
ders, welcher sie der y. Marc, und dem Amm. lat zufolge sogar hatte zei 
stören wollen. Diese Zeugnisse sind freilich ungenügend. 

2) Dass er auch den Athenern Dienste geleistet habe, safct die v. Mar 
4 f. und der Amm. lat. 13, mit Berufung auf seine Schreiben an Philip 
und mit dem Beisatz, es sei ihm dafür eine Bildsäule auf der Akropoli 
errichtet worden. Liegt aber auch bei dieser Angabe der Verdacht nah< 
dass sie sich nur auf einen unterschobenen Brief gründe, in dem Aristoteh 
eine Verwendung für Athen in den Mund gelegt war, so sagt doch auch Diog. C 
(prial 6k xal "Egfiinnog iv roig ß^otg, ori' nQeaßevoyrog avxov n^g 4^i 
Unnov vnlq lA^vaCtov cfxoXägxfig iyivito Ttjg iv Idxa^rjfiiif cfx^^^^ Sevc 
XQUTrjg* iXd^ovTa 6rj avrov xal d^Eaaafxivov vn* allip triv a^olriv iliad^ 
ntginarov rov Iv AvxeC({U Diess kann nun freilich so, wie es hier steh 
unmöglich richtig sein, denn zur Zeit von Speusipp's Tod (339 v. Chr 
war Arist. schon seit Jahren Erzieher Alexanders ; von einer Gesandtschaft! 
reise nach Macedonien konnte daher in dieser Zeit, auch abgesehen vo 
allem andern, nicht die Rede sein. Stahr S. 67. 72 will daher diese Reis 
in Aristoteles' ersten AufenthiJt in Athen verlegen, indem er annimmt, Die 
genes, welcher im folgenden sein über Isokrates gesprochenes Wort (s. < 
18, 3) auf Xenokrates überträgt, habe auch schon hier die Zeit, in welche 
er gegen Isokrates auftrat, mit der späteren, wo er neben Xenokrates ii 
Ljceum lehrte , verwechselt. Diess ist aber nicht wahrscheinlich. Den 
1) führt Diog. jene spätere Angabe (s. 3) nicht, wie die unsrige, auf Hei 
mippus zurück; 2) ist es ganz unmöglich, in dem aus Hermippus angeführte 
an die Stelle des Xenokrates Isokrates zu setzen, Diogenes müssto also di 
ganze Angabe erfunden haben; 3) endlich sieht man nicht ein, was di 
Athener schon vor Plato's Tod veranlasst haben könnte, einen Auslände] 
der keine politische Stellung hatte, wie Aristoteles, als Gesandten an Phi 
lipp zu schicken, welcher sich damals noch weit mehr um sie bemühte, al 
dass sie eines Fürsprechers bei ihm bedurft hätten. Ich glaube daher, das 
sich die Nachricht auf einen späteren Vorgang, am wahrscheinlichsten au 
den zwei Jahren zwischen der Schlacht bei Chäronea und Philipp's Ermoi 
düng, bezieht. Damals mochte Aristoteles, der jetzt am maoedonischen Uo 
Einfluss hatte, Athen durch seine Verwendung einen Dienst leisten, wn 
diess mochte Hermippus mit dem Ausdruck n^aßivHv bezeichnet, oder e 
mochte Diogenes einen anderen Ausdruck von einer Gesandtschaft gedentc 



[22.23J Macedonischer Aufenthalt. 27 

Eeichsverweser bestellt wurde ^), musste der aristotelische Unter- 
richt natürlich auf hören, und auch in der Folge kann er nicht 
wieder in regelmässiger Weise aufgenommen worden sein, da 
der frühreife Zögling in den nächsten Jahren an den entschei- 
denden Kriegen seines Vaters den lebhaftesten Antheil nahm; 
was aber doch eine Fortsetzung des wissenschaftlichen Verkehrs 
in den ruhigeren Zwischenräumen nicht ausschliesst^). Aristo- 
teles scheint sich jetzt in seine Vaterstadt zurückgezogen zu 
haben ^); Pella | hatte er schon ftliher mit seinem Zögling ver- 
lassen *). Auch nach Alexanders Thronbesteigung muss er noch 
einige Zeit hier geblieben sein. Mit dem Beginn des grossen 
Pwserzugs dag^en fielen flir ihn die Gründe weg, welche ihn 
bis dahin in Macedonien festgehalten hatten, und es hinderte ihn 
nidits mehr, an den Ort zurückzukehren, welcher, ihm persön- 



baben. — Der Einfluss des Aristoteles hatte vielleicht überhaupt einigen 
Antheij an der Schonung und Gunst, mit der Alexander Athen behandelte 
(Plot. Alex. c. 13. 16. 28. 60). 

1) Ol. 110, 1, 340 V. Chr., als Philipp gegen Byzanz zog. Diodok 
XVI, 77. Plüt. Alex. 9. 

2) Aristoteles konnte daher in jener Zeit Alexanders Lehrer genannt 
verdea oder nicht, wie man wollte^ und vielleicht haben wir es uns theil- 
*eise daraus zu erklären, dass die Dauer dieser Lehrzeit so verschieden 
iQgegeben wird: von Diomys auf acht Jahre (die Gesammtheit seines Aufent- 
•^t« in Macedonien), von Justin XII, 7 auf fünf, was aber für den eigent- 
lichen Unterricht freilich immer noch zu viel ist. 

3) Dass er die letzte Zeit vor seiner Rückkehr in Stagira zubrachte, 
^0 sein elterliches Haus noch stand oder wieder aufgebaut war (s. S. 3, 2), 
wird von der 8. 23, 2 angeführten Aeusscrung vorausgesetzt, deren Aecht- 
b^t freilich nicht gesichert ist Jedenfalls aber muss er Stagira fortwährend 
^ seine und seiner Familie Heimath betrachtet haben, denn in seinem 
Testament (Dioo. 16) verordnet er, dass die Weihgeschenke für Nikomachus 
dort aufgestellt werden. Auch seine zweite Frau war aus Stagira gebürtig 
(s* 0. 21, 2) und Theophrast besoss ein Grundstück in dieser Stadt (Dioo. 
V, 52), mit der er sich auch Uist. plant III, 11 , 1. IV, 16, 3 wohl be- 
Uont zeigt. 

4) Nach Plut. Alex. c. 7 war ihm und Alexander das Nymphäum bei 
Hieza zum Aufenthalt angewiesen. Stahr 104 f. glaubt dieses in die un- 
mittelbare Nähe Stagira*s verlegen zu dürfen; Gbibr, Alex, und Arist 33 
2«igt jedoch, dass Mieza südwestlich von Pella in der Landschaft Erna- 
thia lag. 



28 Aristoteles. [29. 24] 

lieh am meisten zusagte ^), und seiner Wirksamkeit als Lehrer 
das ergiebigste Feld darbot*). 

Dreizehn Jahre nach Plato's Tode, Ol. 111, 2, (335/4 v. 
Chr.) traf Aristoteles wieder in Athen ein^). Die Zeit, welche 
ihm hier | noch zu wirken vergönnt war, beträgt nur etwa zwölf 



1^ Das melrrerwBhnte Bruchstück (s. o. 23, 2) nennt den rauhen thra- 
cischen Winter als das, was ihn aus Stagira vertrieben habe; der Hauptgrund 
wird diese aber nicht gewesen sein. 

2) Ammon. S. 47 lässt Aristoteles nach Speusipp's Tod durch die Athe- 
ner (als ob diese über die Nachfolge in der Akademie zu verfügen gehabt 
hätten), v. Marc. 5 lässt ihn durch die platonischen Schüler nach Athen 
berufen werden, wo er gemeinschaftlich mit Xenukrates die Leitung der 
Schule übernimmt (vgl. oben S. 14, 2). Diese Lebensbeschreibung gibt aber 
hier überhaupt, in ihren drei Bearbeitungen, ein Gewirre von Fabeln. Nach 
Ammon« lehrt A. in Folge jenes Rufs im Lyceum, muss aber späterhin nach 
Chalcis flüchten, geht von hier wieder nach Maccdonicn, begleitet Alexan- 
der auf seinen Zügen bis nach Indien, sammelt bei dieser Gelegenheit seine 
255 Politieen, und kehrt nach Alexanders Tod in seine Vaterstadt zurück, 
wo er, dreiundzwanzig Jahre nach Plato, stirbt. Der Lateiner (14. 17) und 
die V. Marc. (5. 8) lassen ihn gleichfalls Alexander nach Persien begleiten, 
dort die 255 Politieen sammeln, und nach beendigtem Krieg in seine Hei- 
math zurückkehren, aber dann erst den Lehrstuhl im Lyceum einnehmen, 
nach Chalcis flüchten und hier, 23 Jahre nach Plato, sterben. Auch Am- 
mon. Categ, 5, b. David. Schol. in An. 24, a, 34 Ps.-Porph. ebd. 9, b, 26. 
Anon. ad Porph. b. Rose Ar. pseud. 393 wissen von der Sammlung der 
Politieen auf den Zügen im Gefolge Alexanders. Es wäre verlorene Mühe, 
in dieser Spreu nach einem Korn geschichtlicher Wahrheit zu suchen, welche 
über das sonst bekannte hinausgienge. 

3) Apollodor b. DioQ. 10. Dionys. a. a. O. Beide nennen überein- 
stimmend Ol. 111, 2, ob aber Aristoteles in der ersten oder in der zweiten 
Hälfte dieses Jahres, d. h. im Herbst d. J. 335 oder im Frühjahr 334 nach 
Athen kam, wird nicht angegeben. Für die letztere Annahme spricht der 
Umstand, dass erst im Sommer 335, nach der Zerstörung Thebens, die 
feindselige Haltung Athens gegen Alexander aufgehört hatte und der mace- 
donische Einfluss in dieser Stadt wieder befestigt war, und dass Alexander 
erst im Frühjahr 334 nach Asien aufbrach. Für die entgegengesetzte An- 
sicht kann man das Zeugniss des Dionys (s. folg. Anm.) anführen, von dem 
es aber freilich wahrscheinlicher ist, dass es nicht auf einer genauen Ueber- 
lieferung, sondern auf eigener Berechnung aus den Jahresbestimmungen 
Apollodor*s (Ol. 111, 2 für die Ankunft in Athen, Ol. 114, 3 für den Tod, 
etwas früher, also Ol. 114, 2 Flucht nach Chalcis) beruht 



[U] Schule und Lehrthätigkeit in Athen. 29 

Jahre ^), aber was er in diesem kurzen Zeitraum geleistet hat, 
grenzt an's unglaubliche. Dürfen wir auch annehmen, dass er 
die Vorarbeiten für sein philosophisches System grossentheils 
schon vorher gemacht hatte, waren auch vielleicht die natur- 
wissenschaftlichen Untersuchungen und die geschichtUchen Sanmi- 
langen, welche ihm den Stoff für seine philosophische Forschung 
darboten, bei seiner Bückkehr nach Athen schon zu einem ge- 
wissen Abschluss gekommen, so scheinen doch seine eigentlichen 
Lehrschriften fast alle erst der letzten Periode seines Lebens an- 
zugehören *), Mit diesen umfassenden und anstrengenden schrift- 
stellerischen Arbeiten geht aber gleichzeitig jene Lehrth ätigkeit Hand 
in Hand, durch welche er seinem grossen Lehrer jetzt erst als 
Stifter einer eigenen Schule ebenbürtig gegenübertrat. Als Ver- 
sammlungsort für seine Zuhörer wählte er die Bäume des Ly- 
ceams ^. In den Baumgängen dieses Gymnasiums auf- und ab- 
wandelnd pflegte er sich mit seinen Schülern zu unterhalten*), 
and von dieser Gewohnheit erhielt die ganze Schule den Namen 
der peripatetischen ^); für eine zahlreichere | Zuhörerschaft musste 



1) D10NV8. a. a. 0. : ia^oXaCiv iv ^vxe((p ^9^"^^^ htav ötaStxa' t^j 
^^ TQiixaiJtxaTqt, fiftä rriv *Ali^av^Qov TeXtVTtiv , inl Krjquao^coQov uq- 
X^^Oi^ ttTUfftcig eis XaXxlSa voacp rcXevul. Da Alexander 323 im Juni, 
Arutoteles (g. S. 40) 322 im Herbst starb, so ist diese Rechnung genau richtig, 
veno letzterer im Herbst 335 nach Athen kam, und es im Herbst 323 wie- 
<lw verliess. Das gleiche wäre freilich auch dann der Fall , wenn Arist. 
ent im Frühling 334 nach Athen und im Sommer 322 nach Chalcis gieng. 
I^och ist das letztere (s. S. 39, 1) nicht wahrscheinlich. 

2) Das nähere hierüber im nächsten Kapitel. 

3) Man vgl. über dieses in einer Vorstadt gelegene, mit einem Tempel 
^^ Apollo Lykeios verbundene Gymnasium Suid. und Harpokration u. 
^ W. Schol. in Aristoph. pac. V. 352. 

4) Hermipp. b. DioG. 2 u. a., s. folg. Anm. 

5) Hermifp. a. a. O. Cic. Acad. I, 4, 17. Gell. N. A. XX, 5, 5. 
^00. I, 17. Galen, h. phil. c. 3. Philop. in qu. voc. Schol. in Ar. 11, b, 
^ (vgl. in Categ. Schol. 35, a, 41 ff. Ammon. in qu. voc. Porph. 25, b, u. 
ÖAviD in Cat. 23, b, 42 ff., und dazu oben S. 14, 2). David Schol. in 
^f* 20, b, 16. SiMPL. in Categ. 1, e. Dass diese Ableitung richtig ist, und 
^^ Name nicht (wie Suid. IA^iotot, ^mxgar. Hesvch. vit. init. wollen, und 
^iele Neuere annehmen) von dem Versammlungsort der Schule (dem ne(i(- 
^nog des Lyceums) herstammt, wird tbeils durch seine Form, welche sich 
^r Ton ntoinatHv herleiten lässt, theils durch den Umstand wahrschein- 
lieh, dass der Aasdruck m^lnajoi in der älteren Zeit nicht auf die aristo- 



30 Aristoteles. [25 

er aber natürlich eine andere Form des Unterrichts wählen^). 
Ebenso musste, wie diess schon bei Plato mehr oder weniger der 
Fall gewesen war, die sokratische Weise der Gesprächführung 
dem fortlaufenden Vortrag weichen, sobald es sich um eine 
grössere Schülerzahl oder um solche Darstellungen handelte, in 
denen nach Stoff und Gedanken wesentlich neues mitzutheilen, 
oder eine Untersuchung mit wissenschaftlicher Strenge in's ein- 
zelne auszuführen war*); wogegen er da, wo kein solches Be- 
denken im Weg stand, das wissenschaftHche Gespräch mit seinen 
Freunden ohne Zweifel gleichfalls nicht ausschloss % Neben dem 

telische Schale beschränkt ist (s. o. 13, 1). In der Folge erhält er aber 
allerdings diese Beschränkung, und man sagt ot ix (oder dno) roü ni^t' 
TittTov ähnlich wie ot dno rrjg ^Axadri^fttg^ rrjg atong (e. B. Sext, Pyrrh. 
III, 181. Math. VII, 331. 369. XI, 45 u. o.) oder auch ol fx rtov tkqi' 
ndrtov Strabo XIII, 1, 54. S. 609. 

1) Gell. a. a. O. sagt zwar, Arist habe zweierlei Unterricht ertheilt, 
exoterischen und akroatischen; jener habe sich auf die Rhetorik, dieser auf 
die phüotophia remoHor (die Metaphysik), die Physik und die Dialektik be- 
zogen. Dem akroatischen Unterricht, der nur für die bewährten und ge* 
hörig Torbereiteten bestimmt war, habe er die Morgenstunden, dem exo« 
terischen, ^u dem jedermann Zutritt hatte, die Abendstunden gewidmet; 
(vgl. QuiitTiL. III, 1, 14: pomeridanit tcholia A. ^aeeipere artem oratoriam 
€oepit)\ jener sei daher der i(u&iv6g, dieser der ^eiXtvog n^qCnaiog genannt 
worden: utroque enim tetnporc ambulant ditaer&bat. Allein vor einer grösseren 
Zuhörerschaft kann man nicht im Gehen sprechen. Dioo. 3 hat daher ohne 
Zweifel das richtigere : inei^rj ^k nXetovg (yivovxo tj^rj xal fxa&iaev. Die 
Gewohnheit des Auf- und Abgehens kann er desshalb doch beibehalten 
haben, sobald die Zahl der Anwesenden diess erlaubte. 

2) Auf solche Vorträge muss es sich beziehen, wenn Aristox. Harm. 
Elem. S. 30 sagt, Aristot. habe in seinem Unterricht vor der Erörterung 
des Einzelnen den Gegenstand und Gang der Untersuchung angegeben. Von 
manchen aristotelischen Schriften ist es, wie später gezeigt werden wird, 
wahrscheinlich, dass sie theils aus Aufzeichnungen von Vorträgen ergänzt 
wurden, theils zur Vorbereitung fiir solche dienen sollten, und am Schlnss 
seiner Topik (soph. el. 34 Schi.) wendet sich Arist. mit einer ausdräck- 
lichen Anrede an seine Zuhörer. 

8) Es liegt diess theils in der Natur der Sache, zumal da Arist. ge- 
reifte und wissenschaftlich bedeutende Männer, wie Theophrast, unter seinen 
Zuhörern hatte, theils wird es durch die dialogische Form wahrscheinlich, 
deren er sich wenigstens in jüngeren Jahren auch fUr Schriften bedient 
hatte, theils scheint es aus der Sitte des peripatetischen Unterrichts hervor- 
zugehen, welche an und fiir sich auf Wechselreden hinweist; vgl. Dioo. IV, 
10 (über Polemo): alXd fxfiv ovdk xn^t^iov tkiy^ n^og tag &iüng, tfa&k, 



[25. 26j Schule und Lehrthätigkeit. 31 

phflosophischen Unterricht scheint er seine filihere Redner- 
schule wieder au%enommen zu haben ^)y mit welcher auch Rede- 
übungen I verbunden waren*); und hierauf bezieht sich die An- 
gabe, dass er sich des Morgens nur einem engeren und gewähl- 
teren Kreise, Nachmittags allen ohne Ausnahme gewidmet habe ^) ; 
an populärwissenschaftliche Vorträge filr grössere Versammlungen 
ist dabei nicht zu denken. Auch die aristotelische Schule wer- 
den wir uns aber zugleich als einen Verein von Freunden in 
Tieiseitiger Lebensgemeinschaft zu denken haben. Gerade ftlr 
die Freundschaft hat ja ihr Stifter, im platonischen Kreise gross- 
genährt, in Wort und That einen so warmen und schönen Sinn 
bewährt; und so hören wir denn auch, dass er sich mit seinen 
Schülern, nach akademischem Muster, bei gemeinsamen Mahlen 
zu versammeln pä^te, und dass er eine bestimmte Ordnung 
^ diese Mahle, wie fdr das ganze Zusammensein, eingeftlhrt 
hatte*). 



^(QtnttTtSv dk i7r$xfiQH, Uqo^ d-iüiv Xiynv bezeichnet den fortlaafendeu 
Vortrag über ein bestimmtes Thema, fmxnQeiv die Deputation. Vgl. 
S. 51. 2. 

1^ Dioo. 3 freilich ist hiefiir ein schlechter Zeuge, da das, was er hier 
>ucheinend von Aristoteles* späterer Zeit sagt, einer Quelle entnommen zu 
Mio fcheint, in der es sich auf den früher, im Kampf mit Isokrates, er- 
eilen Unterricht bezog (s. o. 18, 3). Allein die aristotelische Rhetorik 
iBicbt es doch sehr wahrscheinlich, dass auch im mündlichen Unterricht 
<^ Philosophen die Rhetorik nicht fehlte. Auch Gell. a. a. 0. redet aus- 
<lfockIich vom Unterricht im Ljceum. 

2) DioG. 3: xal nQtg &ia$v aweyvfivaCe roifg f^a^tas S/na xal 
^o^arctff fnaaxtSv. Cic. orator 14, 46: unter einer ^ia^g yerstehe man 
^e allgemeine, auf keinen besondem Fall bezügliche Frage. (Weiteres 
ober diesen Begri£f bei Dems. Top. 21, 79. epist ad Att. IX, 4. Qdintil. 
ni, 5, 5. X, 5, 11 vgl. Frei, Quaest. Prot. 150 f.) In hoc ArtMtoletea ado- 
^MflMtet, non äd phüoaophormm monm tenuüer düterendi, ted ad wpiam rhs- 
tfum m tttramque jMtrttm, ut ormUim §t uberiut dici pouet , exercuü. Keiner 
von beiden sagt, ob er dabei die erste, oder die zweite Rednerschule des 
Arist im Auge habe, es wird aber von beiden gelten. Vgl. folg. Anm. 

3) Gell. a. a. O. (s. o. 30, 1): (^»TiQixä diceiatUur, quae ad rhetori- 
€m wudttaü^ttet faeuUatmnque airg^itiarum ewüiumqu0 nrum notüiam eondueebant 
. . . tZbff 90ro ^zoUrwu audittonsi ^x^reUmmque dieendi. 

4) Nach Athen. I, 3 f. V, 186, b schrieb er (für die gemeinsamen 
Mahle) yo/«of av/unouKol (was aber freilich auch auf die S. 73, 1 2. Aufl. 
sa besprechende Schrift gehen kann), und nach Dioo. 4 (der diese Notiz 



32 Aristoteles. [26. 27] 

Die wissenschaftlichen Hül&mittel, deren Aristoteles fär 
seine weitschichtigen Arbeiten bedurfte, soll ihm die Gunst der 
beiden macedonischen Könige, und namentlich Alexandera könig- 
liche Freigebigkeit verschaflft haben ^); und so übertrieben die 
Angaben der | Alten hierüber auch zu sein scheinen, so wahr- 
scheinlich es auch ist, dass Aristoteles schon von Hause aus 
wohlhabend war^), so lässt uns doch der Umfang seiner Lei- 
stungen allerdings auf Mittel schliessen , wie sie ihm ohne jene 
Hülfsquelle vielleicht nicht zu Gebot standen. Jene gründliche 
und vielseitige Kenntniss der Schriftwerke semes Volkes, welche 
uns in seinen eigenen Darstellungen entgegentritt*), war ohne 
Bücherbesitz kaum denkbar; und es wird auch ausdrückUch be- 
zeugt, dass er der erste gewesen sei, welcher eine grössere Bi- 



nar an einen ganz falschen Ort gestellt hat) führte er das Amt eines alle 
10 Tage wechselnden Schalvorstandes ein. Den vofioi avfxnorixol scheinen 
die Worte bei Athen. 186, e anzugehören. Vgl. hiezu Abth. I, 839, 1. 

1) Aelian V. H. IV, 19 lässt schon Philipp dem Philosophen die 
reichlichsten Mittel {nlovjov dvev^eij) für seine Forschungen, nnd nament- 
lich für die Thiergeschichte, gewähren; Athen. IX, 398, e redet von 800 
Talenten, mit denen Alexander dieses Werk unterstützt habe; Plin. H. nat. 
VIII, 16, 44 berichtet, Alexander habe ihm alle Jäger, Fischer und Vogel- 
fänger seines Reichs, alle Aufseher königlicher Jagden, Fischteiche, Heer- 
den u. s. w., mehrere tausend Menschen, für dasselbe zur Verfügung ge- 
stellt. Indessen bemerkt über die letztere Angabe Brandis S. 117 f., in 
Uebereinstimmung mit Humboldt (Kosmos II, 1 9] . 427 f.), dass sich in den 
naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles keine Beweise für seine 
Bekanntschaft mit Dingen finden, welche erst durch Alexanders Zng zu 
seiner Kunde gelangen konnten; und wenn diess auch (z. B. hinsichtlich 
der Elephanten) einige Ausnahmen erleiden sollte, erscheint doch die An- 
gabe des Plinius nicht gerechtfertigt. 

2) Diess zeigt sich nicht blos in seinem Testament, welches für die 
frühere Zeit nicht unmittelbar beweisend ist, und es wird nicht blos durch 
den Vorwurf der Ueppigkeit nnd Prunkliebe vorausgesetzt, welchen Gegner 
ihm gemacht haben (s. n.) ; sondern alles, was wir von seinem Lebensgang 
wissen, macht den Eindruck eines unabhängig gestellten Mannes, der bei 
der Wahl seines Aufenthaltsorts, bei seiner Verheirathnng, bei seinen schon 
in jüngeren Jahren gewiss sehr umfassenden und bedeutende Hülfsmittel er- 
fordernden Studien durch keine Vermögensrücksicbten gehemmt ist — denn 
die Fabeln des Epikur und Timäus (s. o. 8, 2. 3) verdienen keine Beachtung. 

3) Ausser den noch vorhandenen gehören hieher namentlich auch die 
nur in den Titeln und in dürftigen Bruchstücken erhaltenen zur Ge- 
schichte der Philosophie, der Rhetorik und der Po§sie. 



27.28] Wissenschaftliche Uülfsmittel. 33 

Uiothek anlegte^). Werke femer, wie die Politieen und die 
Sammlnng ausländischer Gesetze ^), konnten nur durch müh- 
same und wohl auch kostspieUge Erkundigungen zu Stande 
kommen. Namentlich aber die Thiergeschichte und die ver- 
wandten naturwissenschaftlichen Schriften setzen Untersuchungen 
I voraus, wie sie kein Einzelner fertig bringen konnte, wenn er 
nicht über weitere Kräfte zu gebieten hatte, oder sie zu gewin- 
nen im Stande war. Es ist daher eine höchst erfreuliche Fügung 
der Umstände, dass dem Manne, welchen sein umfassender Geist 
nnd seine sdtene Beobachtungsgabe zum einflussreichsten Be- 
gründer der Erfahrungswissenschaft und der gelehrten Forschung 
gemacht hat, die äusseren Verhältnisse günstig genug waren, 
um ihm die nöthige Ausrüstung filr seinen grossen wissenschaft- 
lichen Beruf nicht zu versagen. 

In den letzten Lebensjahren des Aristoteles trübte sich das 
schöne Verhältniss, in welchem er bis dahin zu seinem grossen 
Zögling gestanden hatte ^). Der Philosoph mag wohl an man- 
chem Anstoss genommen haben, was Alexander vom Glücke 
beransdit that, an mancher Massregel, die jener zur Befestigung 
semer Eroberungen nöthig fand, der sich aber die hellenische 
Sitte und das Selbstgeftlhl unabhängiger Männer nicht ftigen 
tonnte, an den Härten und Leidenschaftlichkeiten, zu welchen 
sich der jugendUche Weltherrscher, von Schmeichlern umringt, 
durch den Widerstand einzelner Persorfen erbittert, durch verrätheri- 
sche Nachstellungen misstrauisch gemacht, hinreissenliess ^) ; und an 
Zwischenträgern, welche dem Könige wahres und unwahres 
Iwnterbrachten, wird es bei der Eifersucht, mit der sich die Ge- 
lehrten und Philosophen in seiner Umgebung gegenseitig zu ver- 



1) Strabo XIII, 1, 54. S. 608: tiqwtos fov la/mv cfwayayuiv ßi^ßkCa 
^ SiSu^ag tovs (v uilyvnrcp ßaaiXiag ßißXiod^tjxrig avvra^iv. Vgl. Athen. 
\ 3, a. Für Spensipp^s Werke soU er drei attische Talente bezahlt haben ; 
GuL. III, 17, 3. 

2) Ueber beide tiefer nnten. 

3) S. o. S. 24, 1. Als ein Zeichen dieses freundlichen Verhältnisses 
^ der Briefwechsel der beiden angeführt, von dem wir aber freilich nicht 
Milien, ob and wie viel achtes darin war. 

4) Dass er mit Alexanders ganzer, anf Gleichstellung und Verschmel- 
2Qog von Griechen und Orientalen berechneter Politik nicht einverstanden 
vtr, sagt wenigstens Plutarch s. o. S. 25, 1. 

Zell«r, Pliilof. d. Gr. H. Bd. 8. Aufl. 3 



34 Aristoteles. [28. 21 

drängen suchten^), um so weniger gefehlt haben, da auch d 
Höflinge und Feldherm ohne Zweifel die wissenschaftlichen Ve 
bindungen und Liebhabereien des Fürsten in ihr Ränkespi 
mit hereinzogen. Weiter scheint das nahe Verhältniss, in dei 
Aristoteles mit Antipater stand % den König bei der | Spannunj 
welche allmählich zwischen ihm und seinem Feldherm eintra 
auch gegen jenen verstimmt zu haben ^). Was jedoch d< 
jBüheren Anhänglichkeit des Königs an seinen Lehrer de 
schwersten Stoss versetzte, war das Verhalten des Kallisthenes ^ 
Die Unbeugsamkeit, mit welcher sich dieser Philosoph der nei 
eingeführten orientaUschen Ho&itte widersetzte, der herbe us 
rücksichtslose Ton, in dem er dagegen eiferte, die AbsichtUd 
keit, mit der er seinen Freimuth zur Schau trug und die Blicl 
aller Unzufriedenen im Heer auf sich richtete, die Wichtigkei 
welche er sich als Greschichtschreiber Alexanders heilste, ui 
die Selbstüberhebung, mit der er diess aussprach, hatten d( 
König schon seit längerer Zeit mit Groll und Misstrauen gegc 
ihn erfüllt. Um so leichter ward es den Feinden des Phil 
sophen, ihn von der Mitschuld desselben an einer Verschwörui 
unter den Edelknaben zu überzeugen, welche Alexanders Lelx 
in die höchste Gefahr brachte, und Kallisthenes verlor mit d< 
Verschworenen, deren verbrecherischem Unternehmen er oh] 



1) M. vgl. z. B. Plüt. A1&. c. 52. 53. Arrian IV, 9—11. 

2) Dieses Verhältniss erhellt nasser dem Umstand, dass Antipaters Sol 
Eassander ein aristotelischer Schüler war (Plut. Alex. 74), aus den Brief 
des Philosophen an Antipater (Aristokl. b. £u8. pr. ev. XV, 2, 9. Dio 
27. Demetr. De elocnt. 225. Aelian V. H. XIV, l), namentlich ab 
daraus, dass Antipater von Arist. bei Dioo. 11 zu seinem obersten Test 
mentsvollstrecker bestimmt wird. «Anch die falsche Nachrede über sein 
Antheil an Alexanders Tod (s. u.) setzt es voraas. 

3) M. s. Plüt. a. a. O. (freilich ein Vorfall aas Alexander's letzter Ze 
nach der Hinrichtang des Kallisthenes). Ueber Antipater vgl. ebd. 39. 4 
Arrian VII, 12. Cürt. X, 31. Diodor XVII, 118. 

4) Das nähere über ihn geben Plut. Alex. 53 — 55 vgl. Sto. rep. 20, 
S. 1043. qa. conv. I, 6. S. 623. Arrian TV, 10—14. Cürt. VIII, 18 i 
vgl. aach Chareb b. Athen. X, 434, d. Theophrast b. Cic. Tasc. III, 10, 2 
Sbnboa nat. qu. VI, 23, 2, von Neaeren Stahr, Arist. I, 121 ff. Drovsb 
Gesch. Alex. D, 88 ff. Grote, Hist of Greece XII, 290 ff. u. a. Aaf d 
weit aaseinandergehendcn Urtheile dieser Männer über Kallisthenes kann i* 
hier natürlich nicht eintreten. 



I 



[29.30] Späteres Verhältniss zu Alexander. 35 

Zweifd ganz fremd war '), das Leben *). Im ersten Augenblick 
wandte rieh der Verdacht des gereizten Herrschers selbst gegen 
Arigtoteles ^), der seinen Verwandten Kallisthenes bei sich | auf- 
eraogen und ihn später Alexander empfohlen hatte*); wie drin- 
gend auch jener selbst den unbesonnenen jungen Mann zur Vor- 
gkJit ermahnt haben mochte ^). Doch hatte diess flir ihn, ausser 
einer merklichen Erkältung seiner Beziehungen zu Alexander, 
keine weiteren Folgen •*). Wenn sich nichtsdestoweniger an den 
Tod des Kallisthenes die Behauptung angeknüpft hat, dass Ari- 
stotdes bei der angeblichen Vergiftung Alexanders durch Anti- 
pater mitgewirkt habe ^), so ist die vollkommene Grundlosigkeit 



1) Inwiefern ihn die Schuld traf, die jungen Leute durch unvorsichtige 
nod anfreizende Reden in ihrem Vorhaben bestärkt zu haben, lässt sich nicht 
ausmittelo, eine wirkliche Mitwissenschaft oder Miturheberschaft dagegen, 
wie Bie ihm zur Last gelegt wurde, ist nicht allein unerweislich , sondern 
lach höchst unwahrscheinlich. 

2) Die Art seines Todes wird bekanntlich verschieden angegeben. 

3] Bei Plct. Alex. 55 schreibt er an Antipater: ol fx^v naidig vno 
w Maxi66vtüv xaTflfvad^aaV tov dk aotfioxtiv (Kallisth.) iya) xolccotj 
^ Toi'f ixn^fi%l/avTas avToV xal roifg vnoSfxofJt^vovq xatg noXeOt rovg 
tfi'jt (nißoi'ltvovrag. Nach Charss (Pldt. a. a. O.) hatte er anfangs im 
Sion, in Gegenwart des Aristoteles über Kallisthenes Gericht zu halten. 
Nor eine rednerische Uebertreibung, keine geschichtliche Angabe, ist die 
Behtaptong des Dio Chrysost. or. 64, S. 338: Alexander sei damit umge- 
giogen, Aristoteles und Antipater tödten zu lassen. 

4) Plüt. a. a. O. Arbian IV, 10, 1. Dioo. 4 f. Süid. KalXiOd^. 

5) Dioo. a, a. O. Valer. Max. VII, 2, ext. 8 vgl. Plut. Alex. 54. 

G) Plutarch sagt diess ausdrücklich, s. o. 24, 1, und die Angabe bei 

I)iOG. 10, dass Alexander, um seinen Lehrer zu kränken, Anaximenes von 

Lampsakus und Xenokrates Beweise seiner Gnade habe zukommen lassen, 

wurde das Gegentheil nicht beweisen, wenn sie auch glaubhafter wäre. Aber 

^ so kleinliches Verfahren liegt nicht in Alexanders Charakter und würde 

>nf Aristoteles auch schwerlich viel Eindruck gemacht haben ; Plut. a. a. O. 

<ieht in der Huld, welche der König Xenokrates erwies, gerade eine Nach- 

virkong des aristotelischen Unterrichts. Was freilich Philop. in Meteorol. 

(Ariel Meteorol. ed. Ideler I, 142) über einen angeblich ans Indien ge- 

fcbriebenen Brief Alexanders an Arist mittheilt, kann man für die Fortdauer 

Ihres freundschaftlichen Verkehrs nicht anführen. 

7) Der erste Zeuge dafür ist ein gewisser Hagnothemis b. Plct. Alex. 77, 
der die Sache von König Antigonus (wohl Antig. I.) gehört haben wollte; 
weiter erwähnt der Sage Arrian VII, 27, indem er ihr, wie Plutarch, wider- 
spricht; auch Plin. H. nat. XXX, 16, Schi, behandelt sie als Erdichtung. 



36 Aristoteles. [30. 31 

dieser Anschuldigung längst nachgewiesen ^). Und wirklich halt 
ja auch | Aristoteles so wenig Ursache, den Tod seines könig 

Nach XiPHiLiN LXXVII, 7. S. 1293 R. entzog Kaiser CaracaUa wege 
Aristoteles* angeblicher Blutschuld den Peripatetikern in Alexandrien ihi 
Privilegien. 

1) Der I^eweiS) welchen schon Stahr Arist. I, 136 ff, geführt nn 
Droysen Gesch. d. Hellen. I, 705 f. 1. Aufl. ergänzt hat, beruht, abgesehe 
von der moralischen Undenkbarkeit der Sache, hauptsächlich auf folgende 
Gründen. Erstens bezeugt Plut. a. a. O. ausdrücklich, dass der Verdacl 
einer Vergiftung erst 6 Jahre nach Alexanders Tod aufgetreten sei, als c 
der leidenschaftlichen Olympias einen willkommenen Vorwand bot, ihre 
Hass an Antipaters Familie zu kühlen, und die öffentliche Meinung gege 
Kassander, den angeblichen Ueberbringer des Gifts, aufzuregen ; ein Umstam 
welcher an und für sich schon die Angabe mehr als verdächtig macht. Nicl 
minder verdächtig ist 2) das Zeugniss des Antigonus, da auch dieses doc 
nur aus der Zeit stammen kann, in der er mit Kassander verfeindet war 
dabei fragt es sich aber immer noch, ob dieser auch schon Aristoteles de 
Theilnahme an dem Verbrechen beschuldigt hatte. Denn höchst auffallen 
ist 3j, dass von den leidenschaftlichen Gegnern des Stagiriten, denen sone 
keine Verläumdung gegen ihn zu schlecht ist, einem Epikur, Timäus, De 
mochares, Lyko u. s. w. (m. s. über dieselben Aristokl. b. Ecs. pr. ev. XV, 
und was S. 8 f. weiter angeführt wurde) eine Erwähnung dieser Anacbul 
digung, die ihnen doch vor allem willkommen sein mnsste, nicht bekann 
ist. Dazu kommt 4), dass fast alle, die von Alexanders Vergiftung reden 
die fabelhafte, allem nach schon bei der ersten Verbreitung jener Sage ii 
Umlauf gesetzte, und auf die Volksphantasie auch ganz gut berechnete An 
gäbe haben, sie sei durch Wasser von der nonakrischen Quelle (der Styx 
bewirkt worden; was wieder beweist, dass wir uns hier nicht auf geschieht 
* lichem Boden befinden. 5) weist das, was Arrian und Plutarcii über dei 
Gang von Alexanders Krankheit aus der Hofchronik mittheilen, durchau 
nicht auf Vergiftung. Wenn femer 6) Aristoteles durch Kallisthenes* Schick 
sal zu seinem Verbrechen bestimmt worden sein soll, so kann dieses wede 
einen so unauslöschlichen Groll in ihm erzeugt haben, dass derselbe nocl 
6 Jahre später einen derartigen Ausbruch genommen hätte, da er selbst jt 
bei der Gemüthsart und dem Benehmen seines Verwandten diesen Ausgani 
vorausgesehen hatte, noch kann er andererseits den Tod des Königs zi 
seiner eigenen Sicherheit nöthig gefunden haben, nachdem eine so lang 
Erfahrung gezeigt hatte, wie wenig er ftir sich von ihm zu fürchten habe 
Wahrscheinlich stand aber sein eigener Adoptivsohn im Dienst Alexander! 
von dem ihm wichtige Aufträge anvertraut wurden (s. o. S. 5, 6). Wa 
aber 7) das Gerücht von Alexanders Vergiftung für sich schon widerlegt 
das ist der weitere Gang der Ereignisse. Alexanders Tod gab für Griechen 
land das Zeichen zum Ausbruch eines Aufstands, durch welchen gerad 
Antipater im lamischen Krieg aufs äusserste bedrängt wurde. Jeder, de 



[31.32] Flucht aus Athen. 37 

liehen Schülers zu wünschen, dass viehnehr dieses Ereigniss flir 
ün selbst ernstliche Gefahren herbeiftihrte. 

Die unerwartete Kunde von dem plötzlichen Ende des ge- 
fiirditeten Eroberers rief nämlich in Athen die äusserste Auf- 
regöDg gegen die macedonische Oberherrschaft hervor, und so- 
Wdman | darübervolle Gfewissheit erlangt hatte, brach diese Auf- 
regang in oflFenen lirieg aus. Athen stellte sich an die Spitze aller 
derCT, welche die Freiheit Griechenlands erstreiten wollten, und ehe 
der macedonische Statthalter Antipater hinreichend gerüstet war, 
sah er sich von einer Uebermacht angegriflFen, deren Bewältigung ihm 
nur nach langem gefahrvollem Kampf in dem lamischen Kriege 
gdang ^). Gleich bei ihrem Beginn wandte sich diese Bewegung, 
wie sich diess nicht anders erwarten liess, gegen die hervor- 
ragenden Mitglieder der macedonischen Partei, und mochte auch 
Aristoteles keine politische Rolle gespielt haben ^), so war doch 
sein Verhältniss zu Alexander, seine freundschaftliche Verbindung 
Jöit Antipater zu bekannt sein Name zu berühmt, er hatte auch 



mit den damaligen Verhältnissen bekannt war, konnte eine solche Bewegung 
Tdr diesen Fall mit YoUkommener Sicherheit voraussehen. Wäre Antipater 
^om Tode des Königs nicht ebenso, wie alle andern, überrascht worden, so 
^örde er seine Vorkehrungen getroffen haben, um den Aufständischen ent- 
weder die Stirne bieten zu können, oder sich als Befreier an ihre Spitze zu 
AteHen. Hätte man andererseits Antipater für den Urheber des Ereignisses 
gebalten, welches die Griechen als den Anfang ihrer Freiheit feierten, so 
^rde sich die Bewegung nicht vom ersten Augenblick an gegen ihn ge- 
wendet haben, und hätte man Aristoteles einen Antheil daran zugeschrieben, 
^ würde er in Athen nicht sofort auf Leben und Tod verklagt worden sein. 

1) Das nähere über diese Vorgänge bei Dbovsen, Gesch. d. Hellenism. 
^ 59 ff. (1. Aufl.) 

2) Nach Aristokl. b. Euß. pr. cv. XY, 2, 3 hatte Demochares (ohne 

Zweifel der Neffe des Demosthenes, über welchen Cic. Brut. 83, 286. De 

<^^t, II, 23, 95. Seneca de ira III, 23, 2. Plut. Demosth. 30. vit X. orat. 

^^II, 53. S. 847. SüiD. u. d. W. z. vgl.) dem Philosophen vorgeworfen, es 

<eien Briefe von ihm aufgefangen worden, welche feindselig gegen Athen 

Waren, er habe Stagira den Macedoniem verrathen, und nach der Zerstörung 

OljTDth's Philipp die reichsten Bürger dieser Stadt angegeben. Aber schon 

die zwei letzten, selbst den äusseren Verhältnissen nach unmöglichen Be- 

btoptungen zeigen, was auch von der ersten zu halten ist. Aristokles hat 

ganz Recht, wenn er sagt, man brauche diese Dinge nur anzuführen, um sie 

n widerlegen. Nicht einmal die Ankläger des Arist scheinen etwas der Art 

rorgebracht zn haben. 



38 Aristoteles. [32. 33] 

der persönlichen Neider und Feinde ohne Zweifel zu viele, ab 
dass er, der Erzieher des macedonischen Herrschers, unangefoch- 
ten bleiben konnte. Eine Klage wegen Verletzung der be- 
stehenden Religion, welche an sich selbst ungereimt genug war, 
musste den Vorwand zur Befriedigung des politischen und per- 
sönlichen Hasses hergeben *). Aristoteles | fand es gerathen, dem 
drohenden Sturm auszuweichen^): er flüchtete sich nach Chalcis 

1) Die Klage, von Demophilns auf Betrieb des Hierophanten Earymedon 
eingebracht, gieng auf die Vergötterang des Hermias, für welche der Beweis 
in dem S. 21, 2 erwähnten Gedicht und wohl auch in dem angeblichen Opfer 
(S. 21, 1) liegen sollte (Athen. XV, 696, a., 697, a. Dioo. 5. Anon. Men. 
SuiD. Hesych.; Orio. c. Geis. 1,65 nennt stattdessen wohl nur aus eigener 
Vermuthung nrä doyfjtara rijg (fiXoaofftag aviov a Ivofiiaav elrai dofßfj 
ot *A&rivatoi). Die Schwäche dieses Klagegrundes beweist aber zur Genüge, 
dass er blosser Vorwand war, wenn auch vielleicht der Hierophant in dem 
Philosophen neben dem Freund Antipaters auch den Aufklärer hasste. Eine 
ehrlich gemeinte Anklage wegen Gottlosigkeit war in dem damaligen Athen 
wohl kaum noch möglich, wogegen allerdings die grosse Masse auch durch 
eine solche, die anderen Motiven zum Vorwand diente, in Bewegung gesetzt 
werden konnte; und dass es in dieser Beziehung auf die Athener Eindruck 
machen konnte, wenn ihnen gesagt wurde, Arist. habe einen Eunuchen, der 
erst Sklave dann Tyrann war, wie einen Heros geehrt, zeigt Grote 18 f. 
Derselbe macht S. 14 f. darauf aufmerksam, wie verletzend für das helle- 
nische Selbstgefühl jener Befehl war, den Aristoteles' Adoptivsohn überbracbt 
hatte (vgl. S. 5,6 g.E.). Grote's (S. 37) und Grakts (8.24) weitere Ver- 
muthung, dass auch die Feindschaft der isokratischen Schule bei der Klage 
gegen Ar. mitbetheiligt gewesen sei, kann richtig sein, aber sie wird durch 
den Umstand, dass Demophilus ein Sohn des Ephorus, und dass dieser, 
vielleicht auch jener, ein Schüler des Isokrates war, nicht erwiesen. Noch 
weniger haben wir eine Veranlassung, mit den Genannten such der Ab' 
neigung der Akademiker gegen ihren abtrünnigen Mitschüler einen Theil 
der Verantwortlichkeit für die Verfolgung des letztem aufzubürden. 

2) Seine Aeusserungen hierüber: er wolle den Athenern keine Gelegen* 
heit geben, sich zum zweitenmal an der Philosophie zu versündigen, und: 
Athen sei der Ort, wo, nach Homer, oy/yij In^ oy/vj yriQttOXftj avxow J* 
^Til avxii) (Anspielung auf die Sykophanten), finden sich bei Diog. 9. Aelias 
III, 36. Orio. a. a. 0. Eustath. in Odyss. H, 120. S. 1573. Ammom. S. 48. 
V. Marc. 8. Ammon. lat. 17. Die letztern lassen ihn diess in einem Brief 
an Antipater äussern; nach Favorim b. Diog. a. a. O. war der homerische 
Vers in der Vertheidigungsschrift angeführt, die auch der Anon. Menag. g. 
£. und Athen. XV, 697, a kennt. Indessen bezweifelt schon Athen. 
die Aechtheit dieser Schrift (für die auch Grote S. 22 keine wei- 
teren Gründe angibt), und der Anonymus rechnet sie zu den Pseud- 
epigraphen; und man sieht auch nicht ein, was Aristoteles, der sich in 



[33.34] Flacht aus Athen. 39 

auf Eaböa ^), wo er ein Landhaus besajss ^, und sieh wohl auch 
sonst schon zeitenweise aufgehalten hatte ') ; seine Feinde konn- 
ten ihm ausser einigen leicht zu verschmerzenden Beleidigungen ^) 
nichtg anhaben. Das Lehramt im Lyceum | übernahm, zunächst 

Sicherheit befand, und sich gewiss über die Erfolglosigkeit eines solchen 
Schritts nicht tauschte, zn dieset- Selbstyertheidignng hätte bewegen können. 
Es ist ohne Zweifel ein rednerisches Uebnngsstück, eine Kachuhmnng der 
sokntischen Apologieen. Was Athenäns daraus mittheilt, ist, den Gedanken 
betreffend, dem Ausspruch des Xenophanes entnommen, welcher Th. I, 490, 1 
aus Aristoteles (Ehet II, 23. 1400, b, 5) angeführt ist; im übrigen erinnert 
es tn die Art, wie die platonische Apologie 26, D ff. den Ankläger in einen 
Widerspruch zu verwickeln sucht. Der Verfasser Ycrfährt aber dabei sehr 
ungeschickt: er lässt Arist. sagen, wenn er den Hermias für d^avarog hielte, 
wurde er ihm kein Grabmal errichtet haben, als ob der, dessen Asche im 
Gnb liegt, nicht zugleich als Heros fortleben könnte. 

1) Es wäre diess nach Apollo dor b. Dioo. 10. Ol. 114, 3, also nach der 
.Vitte d. J. 322 t. Chr. geschehen. Diess ist jedoch nicht wahrscheinlich. 
Denn theils redet Strabo a. a. O. und Heraklidks b. Dioo. X, 1 so, als 
ob Arist längere Zeit in Chalcis gelebt hätte, theils ist es an und für sich 
riel wahrscheinlicher, dass die Anklage gegen Aristoteles gleich während der 
ersten Aufregung gegen die macedonische Partei, als dass sie später, nach 
Antipater's entscheidenden Siegen in Thessalien, erhoben wurde, und dass 
Aristoteles bei Zeiten flüchtete, statt den ganzen Verlauf des lamischen Kriegs 
in Athen abzuwarten. Ich vcrmuthe daher, dass er schon im Spätsommer 
323 Athen verliess, und dass auch Apollodor nur gesagt hat, was bei Dionyk. 
ep. ad Amm. I, 5 steht, Aristoteles sei Ol. 114, 3, nach Chalcis geflüchtet, 
gettorbeu. Andererseits kann man aber auch nicht (mit Stahr I, 147) auf 
eine noch frühere Uebersiedelung dorthin aus der Angabe des Heraklidbs 
A. t. 0. schliessen, dass Aristoteles, als Epikur nach Athen kam, sich in 
Chilcis i^ufgehalten habe; TiXevrriaavTog J* liXe^dv^Qov . . . fĀT(k^iTv (sc. 
EnixovQoy) iig KoXotfxSva. Denn da die Flucht des Philosophen nach 
Chalcis nur durch die ihm in Athen drohende Gefahr veranlasst war, diese 
Gefahr aber erst in Folge von Alexanders Tod eintrat, welchen kein Mensch 
^rhersehen konnte, so kann Arist. unmöglich früher nach Chalcis gegangen 
Min, ala die Nachricht vom Tode des Königs nach Athen kam, also nicht 
vor der Mitte d. J. 323. Jene Angabe des Heraklides oder Diogenes' Be- 
richt Ton derselben muss demnach ungenau sein. David SchoL in Arist. 26, 
b, 26 begeht das unglaubliche, die Flucht nach Chalcis in die nächste Zeit 
OAch Sokrates* Tod, der falsche Ammonius (s. o. ?8, 3), sie in die Zeit vor 
Altxanders Perserzug zu verlegen. 

2) S. o. S. 4, 1. 

3) Vgl. Strabo X, 1, U. S. 448. 

4) Im Fragment eines Briefs an Antipater bei Aeli an V. U. XIV, l(s. u. 48, 1) 
erwähnt er, wahrscheinlich aus dieser Zeit, ttov iv ^fiXtpotg if/rjtp&ad^ivreav 



40 Aristoteles. [3^ 

wohl nur für die Zeit seiner Abwesenheit^), Theophrast*). Ir 
dessen sollte sich Aristoteles seines Asyls nicht lange Erfreue] 
Schon im folgenden Jahr, im Sommer d. J. 322 v. Chr. ') , ei 
lag er einer Ejrankheit, an der er schon länger gelitten hatte ^ 
so dass er demnach von seinen zwei grossen Zeitgenossen, Al( 
xander und Demosthenes, den einen nur um ein volles Jal 
überlebt hat, imd dem andern um weniges im Tode vorangienj 



lioi xa\ (ov aififji^fjLai vvv. Was diess aber war, ob eine Bildsäule od< 
irgend ein Ehrenrecht, z. B. Proedrie, oder was sonst, und von wem er < 
erhalten hatte, wird nicht mitgetheilt. War es ihm von den Athenern vei 
liehen, so könnte es mit den S. 26, 2 erwähnten Diensten zusammenhänge] 

1) Vgl. hierüber S. 42, 1. 

2) DioG. V, 36, und nach ihm Süid. SiotfQ, 

3) Das Olympiade^jahr 114,3 nennt Apollodor b. Diog. tO. ▼. Marc. 2 
Ammon. lat. 12 vgl. Dionts. a. a. O. Die nähere Zeitbestimmung ergil 
sich aus der Angabe (Apollodor a. a. O.), er sei um dieselbe Zeit, wi 
Demosthenes, oder genauer (Gell. K. A. XVII, 21, 35) kurz Tor Demosthene 
gestorben. Da nun dieser nach Pldt. Demosth. 30. Ol. 114, 3 am K 
Fjranepsion (322, 14. Oktbr.) starb, so muss Aristoteles' Tod in die Zeit toi 
Juli bis zum September dieses Jahrs fallen. 

4) Dass er an einer Krankheit starb, sagen Apollodor und Diokyi 
a. d. a. O., vgl. Gell. XIII, 5, 1; Censorin di. nat. 14, 16 fügt bei: huf 
ferufU naturalem »tomaehi inßrmüatem ereöratque wwrbidi corporis oßmnone» ad 
virtute animi diu suttofUaase, ut magia mirum sit ad annot »exaginta tres ou 
vitam protulistOy quam ultra non pertulisae. Die Behauptung des Eumslub 
Diog. 6 (über den S. 2, 2. 6, 3), welcher der Anon. Menag. S. 61 und na< 
ihm Sdid. folgt, dass er sich mit Schierling vergiftet habe (oder gar, w. 
Hesych. will, zum Schierlingsbecher verurtheilt worden sei), scheint ai 
einer Verwechslung mit Demosthenes oder einer Kachbildung von Sokrate 
Ende herzurühren; keinenfalls aber ist sie geschichtlich, da sie die zuve; 
lässigsten Zeugnisse gegen sich hat, und weder mit den Grundsätzen d« 
Philosophen (Eth. N. IH, 11. 1116, a, 12. V, 15, Auf. IX, 4. 1166, b, IJ 
noch mit der Sachlage übereinstimmt; denn in Euböa war er ja ausser all« 
Gefahr. Das Märchen vollends, welches sich aber in dieser Form doch m 
bei Elias Cretensis S. 507, D Col. findet, dass er sich in den Enripi 
gestürzt habe, weil er die Ursachen seiner Erscheinungen nicht eigründc 
konnte, bedarf keiner Widerlegung, und auch das, was der angebliche Jcstj 
Cohort c. 36. Greg. Naz. or. IV, 112, A. Procop. De hello Goth. 1\ 
579, C (denen noch Stahr I, 155, 5 trotz Baylb's richtigerer Auffassniii 
Art. Aristote, Anm. Z, die gleiche Angabe zuschreibt) allein haben, uo 
was selbst Bayle a. a. O. des Philosophen höchst würdig findet, daas ili 
sein vergebliches Nachsinnen über jene Erscheinung durch Kummer uo 
Anstrengung aufgerieben habe, ist sehr unglaubhaft. 



i 



[35] Tod. 41 

Sem Leichnam | soll nach Stagira gebracht worden sein ^) ; sein 
letzter Wille, ein Beweis treuer Anhänglichkeit und umfassender 
PöiBorge für die Seinigen, auch für Sklaven, ist uns noch er- 
hahen'). Zum Vorstand seines Schülerkreises bestimmte er 



1) Was freilich nar v. Marc. 4 and Ammon. lat. 13, und zwar mit dem 
Zusatz berichten, es sei auf seinem Grab ein Altar errichtet und an diesem 
Orte die Rathsversammlung gehalten worden. Auch ein Fest ligiOroTikHa 
soll begangen, und ein Monat IdgiOrordHo^ genannt worden sein. Die 
Zeogen sind schlecht; aber wenn man erwägt, dass A. nicht allein der 
berfihmteste Bürger, sondern auch der Gründer der Stadt war, (bei Dio or. 
47, 224 wird Ton ihm gesagt : er sei der einzige, der das Glück hatte, xrig 
nn^Sog oixtarriv yev^ad^ai)^ so wird man die Sache nicht für unmöglich 
oder besonders unwahrscheinlich halten können. 

2) Er steht bei Diog. 11 ff Nach V, 64 ist zu vermuthen, dass er 
ebenso, wie die Testamente Theophrast*s, Strato's und Lyko*s, bei Aristo zu 
finden war; wenn jedoch dieser im Cobet*schen Text o XTog genannt wird, 
80 ist diess eine verfehlte Correctur des älteren Itigiffnov 6 oixetog, statt 
dessen vielmehr Ltf . 6 Ketog, der bekannte Peripatetiker aus der zweiten 
Hilite des dritten Jahrhunderts (vgl. S. 750 f. 2. Aufl.), zu setzen war. 
(^«gen das Ende des gleichen Jahrhunderts hatte nach Athen. XIII, 589, c 
Hermippus diese Urkunde angeführt, welche nach v. Marc. 8 f. Amm. lat. 17 
ioch Andronikus und Ptolemäus ihren (später zu berührenden) Verzeichnissen 
der aristotelischen Schriften beifugten; es heisst nämlich dort: Arist. habe 
•ine Siu&i^xTi hinterlassen, ij (f^^erai naga te ^AvSgovtxtp xai üroXifiaCf^ 
."Ta . . . nlvax . . t&v avrov avyyQafXfxajüsv^ was Hbitz Verl. Sehr. d. 
Aii8t34 unter Berufung auf die Uebersetzung des Lateiners: eum vohtminibut 
'iMrsNi traeUthnum richtig ft, rä>r ntvaxtov ergänzt. Die äussere Bezeugung 
^ diher günstig genug ; und diess um so mehr, da sich annehmen lässt, 
<Ke Testamente des Aristoteles und seiner Nachfolger seien von der peri- 
P^tetischen Schule, für welche das des Theophrast, Strato und Lyko den 
Werth von Stiftungsurkunden hatten, sorgfältig aufbewahrt worden, Aristo 
^^T der unmittelbare Nachfolger Lyko's war. Auch in ihrem Inhalt trägt 
'^ diese Urkunde alle Merkmale der Aechtheit, und was derselben ent- 
gegengehalten werden könnte (vgl. Grant a. a. O. 26 f ), beweist nicht vieL 
E« kann auffallen, dass in dem Testament weder eines Hauses in Athen, 
^ doch Arist. dort ohne Zweifel besass, noch seiner Bibliothek erwähnt 
''nd. Aber gerade ein Späterer würde die letztere, welche für die peri- 
P^tetische Schule das meiste Interesse hatte, wohl am wenigsten übergangen 
^^*^ ; wogegen es sehr möglich ist, dass Aristoteles selbst sich schon früher 
<tober erklärt hatte, wie er es damit gehalten wissen wollte, und diess in 
^tr uns überlieferten letztwilligen Verfügung, die überhaupt mehr eine An- 
weisimg für ("reunde, als ein förmliches und vollständiges Testament ist, und 
nidit so, wie die seiner drei Nachfolger, über alle Theile seines Vermögens 
Bestimmungen trifft, zu wiederholen nicht nöthig fand. Ist es Grant 



42 Aristoteles. [3i 

Theophrast *) ; derselbe erhielt auch den werthvollsten Theil seini 
Hinterlassenschaft seine Bücher^). 

Ueber die Persönlichkeit unseres Philosophen sind wir du« 
die Ueberlieferung nur sehr unvollständig unterrichtet. Aus8< 



femer anwahrscheinlicli, dass Pythias beim Tod ihres Vaters noch nie 
heirathsfahig nnd Nikomachus noch ein Kind (oder Knabe) gewesen se 
sollte, so kann ich diess nicht finden: warum hätte Pythias ihrem Gatt4 
nicht (vielleicht nach dem Tod älterer Kinder) ein Jahrzehend nach ihr 
Verheirathang eine Tochter schenken, und Aristoteles nicht in seinem 63. Ja! 
Ton einer Frau, an deren Wiederverheirathnng noch ernstlich gedacht werd< 
konnte (vgl. S. 22 m.), einen Sohn haben können, der das Knabenalter noi 
nicht überschritten hatte? Wir wissen ja aber auch sonst, dass die Erziehm 
des Nikomachus Theophrast anheimfiel. Erweckt femer die Nennung Ani 
paters bei Grant den Verdacht, dass sich hier der Fälscher eines berühm t« 
Namens bediene, so erklärt sie sich doch, die Aechtheit des Schriftstücl 
vorausgesetzt, sehr natürlich aus dem Wunsche des Arist., die Ausflihrui 
der Anordnungen, die er zu Gunsten seiner Angehörigen getroffen hatt 
unter den Schutz seines mächtigen Freundes zu stellen; nur diess bedeut 
aber seine Nennung: er ist in dem Ehrenamt eines iniTQonos ndvrt 
vorangestellt, die Ausführung des Testaments selbst, das Geschäftliche, wii 
Theophrast und den übrigen intfieXtiTal übertragen. Wird endlich in d< 
Aufstellung von vier Thierbildem, die Arist. Zeus dem Erretter und Athei 
der Erretterin für Nikanor gelobt habe (Dioo. 16), eine Nachahmung di 
sokratischen Opfers für Asklepios (Plato Phädo 118, A) gesucht, so scheii 
mir diese Parallele doch zu weit hergeholt; in der Sache aber ist dieser Zi 
ganz unbedenklich. Denn so wenig Aristoteles an die Wirkung eines G 
lübdes, oder an die mythischen Gestalten des Zeus und der Athene geglau^ 
hat, so vollkommen entsprach es seiner Denkweise, in dieser der griechische 
Sitte angemessenen Form seiner Liebe zu seinem Adoptivsohn in ihrer g< 
meinsamen Ueimath (die hilder sollen nach Stagira kommen) ein Denkmi 
zu setzen. Kr selbst rechnet Etl# IV, 5 Auf. Weihgeschenke und Opfer i 
dem, worin sich die Tugend der fdeyaXonQiTttia zeigt. 

1) Die artige Erzählung über die Art, wie er diese seine Willensmeinui 
ausdrückte (Gell. N. A. XIII, 5, wo aber statt „Menedemus" Eudemus stehe 
sollte, selbst wenn der Verfasser „Menedemus*' geschrieben hat), ist bekann 
Die Sache ist auch ganz glaublich, und würde Aristoteles, wie wir ihn son 
kennen, ähnlich sehen. Wo sie sich zutrug, in Athen vor seiner Abreise od« 
in Chalcis, lässt sich nicht sicher ausmachen, doch hat die letztere Annahn 
mehr für sich. In diesem Fall kann dann aber die Uebergabe des Leh 
amts vor der Flucht aus Athen nur eine interimistische gewesen sein, wi 
diess auch an sich wahrscheinlicher ist. 

2) Strabo XIII, 1, 54. S. 608. Plüt. Sulla c. 26. Athen, I, 3, 
vgl. Dioo. V, 52. 



[35.36] Tod. 43 

dnigen Angaben über sein Aeusseres ^) sind die Anschuldigungen 
aemer Gegner fast das einzige, was uns mitgetheilt wird. Die 
meisten von diesen sind nun schon früher in ihrem Unwerth ge- 
würdigt worden: | so diejenigen, welche sich auf sein Verhält- 
ms& zu Plato, zu Hermias, zu seinen zwei Frauen, zu Alexan- 
der, auf die angeblichen Unwürdigkeiten seuier Jugend und die 
politischen Schlechtigkeiten seiner späteren Jahre beziehen*). 
Audi das übrige aber, was aus den Schriften seiner zahlreichen 
Fände ^ mitgetheilt wird, hat grösstentheils nicht viel auf 

1) Dioo. 2 nennt ihn iaj^roaxelrig nnd fxixQOfjifjLaTo^^ ein schmähendes 
Epigramm in der Anthologie (III, 167 Jak.), auf das nichts zu geben ist, 
^fiixQog, (fulaxqoft nQoyaanog^ namentlich geschieht aber eines Sprachfehlers 
Erwthniing, der in einer zu weichen Aussprache des R bestanden zu haben 
scheint ; darauf nämlich wird sich das Prädikat TQavXog bei Dioo. a. a. O. 
Anon. Menag. Sein. Plct. aud. poet c. 8, S. 26. adulat. c. 9, S. 53 be- 
liehen; Einer angeblichen bildsäule von ihm erwähnt Pacsan. VI, 4, 5; 
aber andere Aristoteles-Bilder s. m. Stahr I, 161 f, über die noch Tor- 
handenen, und namentlich über die lebensgrosse sitzende Statue im Palazzo 
Spada in Rom: Schuster über die erhaltenen Porträts der griechischen 
Philosophen (Leipzig lb76) S. 16 f., der auch ihre Photographieen gibt. Jene 
Statue zeigt uns ein ernstes tiefsinniges Denkergesicht, durch das eine an- 
gestrengte geistige Arbeit ihre Furchen gezogen hat, hager und von scharfem 
feinem ProfiL Sie macht den Eindruck einer so lebensvollen Naturwahrheit, 
nnd die Arbeit daran ist so voi-trefflich, dass sie recht wohl ein Original 
MS der Zeit des Philosophen oder seines nächsten Nachfolgers sein kann. 
^ Theophrast's Testament (Dioo. V, 51) wird verordnet: es solle das von 
ihm begonnene fiovaetov ausgebaut werden, Ifnena rriv llQiaror^Xovg eixova 
T<*^'«* (fg To ItQCV xal ra Xotnä ara^rifiaTa Saa ngorgQov VJirJQ^iv iv 
^V ^f^, was meines Erachtens nur von einem schon früher in dem Museum 
anfgeitellten, nicht von einem neuen Bild verstanden werden kann. 

2) Vgl. S. 8 ff. 2U, 4. 2], 1. 2. 35, 7. 36, 1. 37,2. Zu diesen Verläumdungen 
gehört auch die Angabe Tertcllian's (Apologet 46) : Ariitoteles familiärem 
'*K"i Htrmiam turpüer loco ixoedere ßcUf was nach dem Zusanmienhang doch 
^^r beissen kann, er habe ihn verrathen, eine Behauptung, so ungereimt 
^^ iQgleich so schlecht, dass gerade ein TertuUian nöthig war, um sie zu 
B^oben, oder auch zu erfinden. Um nichts besser verbürgt ist die Angabe 
^ Philo von Byblos b. Sein. IlaXaCtf,^ der Historiker Paläphatus aus 
^bydog sei sein Geliebter gewesen. 

3) TnsMiST. orat. XXIII, 285, c redet von einem axQajoq olog solcher, 
belebe den Arist. verläumdet hätten; theils bei ihm, theils bei Aristoklub 
(Ec8. pr. ev. XV, 2) und Diog. 11. 16 werden in dieser Beziehung noch 
tof der Zeit des Arist. und der nächsten Folgezeit genannt: Epikur^ Timäus, 
Bobnlides, Alexinus, Cephisodor, Lyko, Theokrit von Chios, Demochares 



44 Aristoteles. ^ [36.37 

sich ^) ; und ebenso wenig geben uns sonstige Nachrichten das Recht 
ihn einer egoistischen Lebensklugheit oder eines ungemessenei 
und kleinlichen Ehrgeizes zu beschuldigen*). | Der erste vor 
diesen Vorwürfen stützt sich hauptsächUch auf sein Verhältnis« 
zu den macedonischen Machthabern, der zweite auf die Kritik 
welche er in seinen Schriften über Zeitgenossen und Vorgänge! 
ergehen lässt. Allein dass er in unwürdiger Weise um die Guns^ 
eines Philipp oder Alexander gebuhlt habe, lässt sich nicht be 
weisen^), und dass er die Unbesonnenheiten eines Kallisthene« 



(uns sind diese alle a. d. a. O. schon vorgekommen); mit welchem Rechi 
Th£m16t. diesen Gegnern Dicäarch beifügt, wissen wir nicht. 

1) So jene Anschuldigungen, welche sich bei Aristokl. und Dioo. a. d 
a. O. SüiD. *^Qiat. Athen. VIII, 342, c. XIII, 566, e. Plin. h. n. XXXV, 
16, 2. Aelian V. H. Iir, 19. Theodoret cur. gr. affect. XII, 51. S. 173. 
LuciAK Dial. mort. 13, 5. Paras. 36 finden: Arist. sei ein Schlemmer ge- 
wesen, sei nur desshalb an den macedonischen Hof gegangen, habe Alexander 
unwürdig geschmeichelt, in seinem Kachlass haben sich 75 (oder gar 300) 
Schüsseln gefunden; er sei femer (wegen Pythias und Herpyllis) geschlecht- 
lich ausschweifend und auch in seinen Schüler aus Phaseiis (Theodektes) 
verliebt gewesen; überdiess so weichlich, dass er in warmem Oel gebadet 
habe (was ohne Zweifel aus medicinischen Gründen geschah; vgl. Dioo. 16 
und oben S. 40, 4), und so geizig, dass er dieses Oel nachher verkauft 
habe; er habe sich in jüngeren Jahren mehr, als einem Philosophen zieme, 
geputzt (was ja bei einem reichen, in der Kähe des Hofs aufgewachsenen 
jungen Mann möglich ist), sei vorlaut gewesen und habe einen spöttischen 
Zug im Gesicht gehabt. Es lässt sich jetzt nicht mehr ausmitteln, ob diesen 
Beschuldigungen etwas thatsächliches und was ihnen zu Grunde liegt, aber 
die Beschaffenheit der Zeugen lässt ganz entschieden vermuthen, dass dieses 
thatsächliche jedenfalls nur auf unbedeutende Dinge hinausläuft, weit das 
meiste dagegen böswillige Erfindung oder Consequenzmacherei ist Wie die 
Grundsätze des Philosophen über den Werth der äusseren Güter und über 
die Lust zu solchen Verdächtigungen benützt wurden, zeigt n. a. Lüciak 
a. a. O. Theodoret a. a. O. und der von ihm angeführte Attikub. 

2) Vorwürfe, denen selbst Stahr I, 173 ff. eine grössere Berechtigung 
einräumt, als ich ihnen zugestehen kann. 

3) Stahr findet zwar, es klinge fast wie Schmeichelei, wenn Arist. bei 
Ael. V. II. XII, 54 (Arist. Fragro. Kr. 611) an Alexander schreibt: o &vft6s 
xal Tj oQyri ov ngbg fffovg (wofür mit Kutoers var. lect. I, 6. Rose und 
Hbitz fjaaovg zu lesen ist) aXXa TiQOg rovg xQidTOVag yfvtraif ao\ di 
ot'Jdf faog. Allein wenn Arist. diess auch wirklich an Alex, geschrieben hat, so 
hat er damit nichts weiter als eine unläugbare Wahrheit ausgesprochen. Er 
schrieb es ihm nämlich nach Aelian, um seinen Zorn gegen gewisse Personen 
SU besänftigen; zu diesem Zweck stellt er ihm vor: zürnen könne man 



rir 



37.38] Charakter. 45 



gutheissen oder nachahmen sollen, lässt sich nicht ver- 
langen; nimmt man aber daran Anstoss, dass er sich überhaupt 
ZOT macedonischen Partei hielt, so heisst das einen falschen imd 
fremdartigen Masstab an ihn anlegen. Aristoteles war allerdings 
nach Geburt und Bildung ein Grieche. Aber wenn schon seine 
pereönKchen Verbindungen wesentlich dazu beitragen mussten, 
ihn flir das Fürstenhaus zu gewinnen, welchem er und sein Vater 
so nahe standen und so vieles verdankten, so konnte die Be- 
trachtung der allgemeinen Lage nicht dazu dienen, ihn von 
diesem Weg abzulenken. War doch schon Plato von der Un- 
haltbarkeit der bestehenden Zustände überzeugt gewesen, hatte 
doch er schon ihre durchgreifende Umgestaltung gefordert. 
Dieser üeberzeugung seines Lehrers konnte sich der Schüler 
wohl um so weniger entziehen, je schärfer und unbestechlicher 
er die Menschen und die Dinge zu beobachten verstand , je 
klarer er die Bedingungen durchschaut hatte, an welche die 
Lebens&higkeit der Staaten und der Verfassungsformen geknüpft 
ist Nur dass er mit seinem praktischen Sinn nicht an das 
platonische Staatsideal glauben konnte, sondern statt dessen in 
den gegebenen Verhältnissen und unter den bestehenden poli- 
tischen Mächten den Stoff zu einem staatUchen Neubau suchen 
musste. Dieser war aber damals schlechterdings nur im mace- 
donischen Reiche vorhanden, die griechischen Staaten waren 
iiicht mehr fähig, ihre Unabhängigkeit nach aussen zu behaupten 
und ihr inneres Leben aus sich zu verbessern. Die ganze bis- 
herige Erfahrung bewies diess so schlagend, dass selbst ein 
Phocion im lamischen Krieg erklärte, ehe die | sittlichen Zu- 
stände seines Vaterlands andere geworden seien, lasse sich von 
ön» bewaflfoeten Erhebung gegen die Macedonier nichts er- 



innern, über dem man stehe, er aber stehe über allen. Diess war ja aber 
S*nz richtig: wer konnte sich denn dem Eroberer des Perserreichs an Macht 
gleichstellen? In diese Zeit müsste nämlich der Brief fallen. Ob er freilich 
^^t war, lässt sich nicht ausmachen ; wenn jedoch Heitz verlorene Schriften 
^- Arist. 2b7 dieser Annahme entgegenhält, dass unser Bmchstück mit dem 
^- Plüt. tranqu. an. c. 13, S. 472 n. ö. angeführten (Arist. Fragm. 614. 
l^Sl, b) nicht übereinstimme, in dem er sich selbst wegen seiner reinen 
voTsteHungen über die Götter dem macedonischen Eroberer gleichstellt, so 
ut mir zwar die Aechtheit des letztem noch viel zweifelhafter als die des 
slitnischen, beide wären aber auch, wie mir scheint, nicht unverträglich. 



46 Aristoteles. [SS] 

warten^). Dem Freund der macedonischen Könige, dem Bür- 
ger des kleinen, von Philipp zerstörten und als macedonische 
Landstadt wiederhergestellten Stagira, lag die gleiche Ueber- 
zeugung gewiss weit näher, als einem athenischen Staatsmann. 
Können wir es ihm verargen, wenn er sich ihr nicht verschloss, 
imd in richtiger Erkenntniss der Sachlage sich auf die Seite 
stellte, welche allein eine Zukunft hatte, imd von der allein, 
wenn überhaupt noch, Griechenland eine Rettung aus seiner in- 
neren Zerfahrenheit und Erschlaflftmg, seiner äusseren Unselb- 
ständigkeit hätte kommen können? wenn er die bisherige Frei- 
heit der griechischen Einzelstaaten flir imhaltbar ansah, nachdem 
ihre tiefste (Grundlage, die politische Tugend der Staatsbürger, 
verschwunden war? wenn er in seinem Alexander die Bedingung 
erfüllt glaubte, unter der er die Alleinherrschaft für naturgemäss 
und gerecht hält*), dass Einer über alle andern an Tüchtigkeit 
so hervorrage, um ihre Gleichstellung mit ihm unmöglich zu 
machen? wenn er die Hegemonie Griechenlands lieber in seinen 
Händen wissen wollte, als in denen des persischen Grosskönigs, 
um dessen Gunst sich die griechischen Staaten seit dem pelo- 
ponnesischen Krieg wetteifernd bemühten? wenn er von ihm 
hoflfte, dass er den Griechen geben werde, was ihnen, wie er 
glaubt*), allein fehlte, um Herren der Welt zu sein, die staat- 
liche Einheit? Die politische Haltung unseres Philosophen wird 
daher, so weit wir sie zu beurtheilen im Stande sind, keinen 
Tadel verdienen, wenn man sie nur aus dem richtigen Stand- 
punkt betrachtet. Was den Vorwurf des Ehrgeizes betrifit, so 
ist allerdings seine wissenschaftUche Polemik nicht selten schnei- 
dend und selbst ungerecht; aber doch nimmt sie niemals eine 
persönliche Wendung, und überhaupt wird niemand beweisen 
können, dass sie aus einer anderen Quelle entspringe, als aus 
dem Bestreben, seinen Gegenstand möglichst scharf zu behan- 
deln und möglichst vollständig zu erschöpfen; und wenn sie 
trotz dem inmier noch bisweilen den Eindruck einer | gewissen 



1) Plut. Phoc. 23. 

2) Polit. lil, 13, Schi. 

3) Polit. VII, 7. 1327, b, 29, wo Arist. die Vorzüge des griechischen 
Volks aaseinandersetzt: dioneg iifv^sQov rf ^lareXfi xa) ß^Xriara noXi- 
revo/ufVov xai dvvafiivoi' aQ/ftv narrtov fnäg rvy/dvov noXixifaq, 



[39] Charakter. 47 

Rechthaberei macht, so dürfen wir andererseits auch die Ge- 
wisBenhaftigkeit nicht tibersehen, mit welcher der Philosoph jeden, 
aach den verborgensten Keim des Wahren bei den Früheren 
ao&Qcht, so dass hier schUesslich doch nur eine sehr begreifliche 
und entschuldbare Einseitigkeit übrig bleibt. Noch weniger wer- 
den wir, um anderes zu tibergehen ^), darauf ein Gewicht legen 
dürfen, dass Aristoteles gehofft haben soll, die Philosophie bald 
vollendet zu sehen ^); denn daniit hätte er sich doch nur der 
^cben Selbsttäuschung schuldig gemacht, welche noch man- 
chem Philosophen nach ihm, und darunter auch solchen be- 
gegnet ist, die nicht, wie er, fUr Jahrtausende Lehrer der Mensch- 
heit gewesen sind. Indessen scheint sich jene Aeusserung in 
einer Jagendschrift des Philosophen ^) gefunden, und nicht seine 
eigene, sondern die platonische Lehre als diejenige im, Auge ge- 
habt zu haben, welche die Aussicht auf einen baldigen Abschluss 
der Wissenschaft eröflftie*). 

So weit uns die wissenschaftlichen Schriften des Philosophen, 
die dürftigen Ueberbleibsel seiner Briefe, die Bestimmungen 
Kines Testaments imd die unvollständigen Nachrichten über sein 
Leben ein Bild seines Charakters gewähren, können wir nur 
▼ortheilhaft von ihm denken. Reine Grundsätze, ein richtiges 
sittliches GefUhl, ein feines und treffendes Urtheil, EmpfängUch- 
^t fiir alles Schöne, ein warmer und lebendiger Sinn für Fa- 
milienleben und Freimdschaft, Dankbarkeit gegen Wohlthäter, 
Anhänglichkeit gegen Angehörige, menschenfreimdUche Milde 
gegen Sklaven und Hülfsbedürftige % treue Liebe gegen seine 

1) Wie dtL8 Geschichtchen, welches Valer. Max. VIII, 14, ext. 3 als 
^cn Beweis für A.s siiit in eapetsenda laude anführt, welches aber offenbai* 
eine massige, ohne Zweifel aus der missyerstandenen Stelle Rhet. ad Alex, 
c I, Schi. (vgl. Rhet. III. 9. 1410, b, 2) geschöpfte Erfindung ist. 

2) Cic. Tusc. in, 28, 69: Arütotele» veteres phüotophot aceusanSf qui 
***'twiafü$enl, phüotophiam mit ingeniit etse perfeetam , ait 009 out ttuUiatitnos 
^ 9^^fi9*i*9iti%os fuiste : ted »e videre^ quod paueia annia magna aceetiio facta 
'"^j brevi tempore phHoeophiam plane abtolutam fore. 

3) Dem Gespräch mql (ptXoao(f{agy dem sie Rose (Ar. Fr. Kr. ]) und 
Hbitz (Ar. Fr. S. 88) mit Recht zuweisen. 

4) Wie auch Bvwater (Joum. of Philol. VII, 69) annimmt. In seinen 
"0€h Torhandenen Schriften verweist Arist. , wie wir finden' werden, nicht 
'^n auf die Kothwendigkeit weiterer Untersuchung. 

5) Hinsichtlich der ersteren vgl. m. sein Testament, welches u. a. ver- 



48 Aristoteles. [40] 

Gattin, eine edle, über das griechische | Herkommen weit hinaus- 
gehende Auffassung der Ehe — diess unge&hr sind die Züge, 
welche uns an seiner moralischen PersönUchkeit in die Augen 
fallen. Ihr eigentlicher Schwerpunkt liegt aber in dem sittlichen 
Takte, auf den auch die Ethik des Philosophen alle Tugend zu- 
rückflihrt, und welcha: bei ihm durch die umfassendste Men- 
schenkenntniss und das tiefste Nachdenken unterstützt war. Wir 
werden annehmen dürfen, dass jene Scheu vor aller Einseitigkeit 
und Uebertreibung, jene gemässigte Gesinnung, welche nichts 
in da: menschlichen Natur begründetes verschmäht, aber den 
geistigen imd sittUchen Vorzügen allein einen unbedingten 
Werth beilegt, wie sie in seiner Sittenlehre sich ausspricht, so 
auch sein Leben geleitet habe ^). Erscheint aber so sein Cha- 
rakter, so weit wir ihn kennen, bei allen den kleinen Schwär 
chen, welche ihm ja inunerhin anhängen mochten, edel und 
ehren werth, so sind die Eigenschaften und die Früchte seines 
Geistes durchaus bewunderungswürdig. Es ist wohl niemals ein 
gleicher Reichthum an gelehrten Kenntnissen, eine gleich sorg- 
fältige Beobachtung, ein gleich unermüdUcher Sammlerfleiss mit 
so viel Schärfe und Strenge des wissenschaftlichen Denkens, mit 
einem so tief in das Wesen der Dinge eindringenden philoso- 
phischen Geiste, mit einem so grossartigen, stets auf die Einheit 
und den Zusammenhang alles Wissens gerichteten, alle Theile 
desselben umfassenden und beherrschenden BUcke verknüpft ge- 
wesen. An dichterischem Schwung, an Fülle der Phantasie, an 
Genialität der Anschauung kann Aristoteles allerdings mit Plato 
nicht wetteifern; seine geistige Ausrüstung liegt ganz auf der 
wissenschaftlichen, nicht auf der künstlerischen Seite 2); auch 



ordnet, dass keiner von denen, die ihn persönlich bedient haben, verkauft, 
mehrere freigelassen und selbst aasgestattet werden; hinsichtlich der andern 
das Wort bei Dioo. 17: ov rov XQonov^ aXXa rov avd^Qfonov rjX^fjaa. 

1) Uieher gehören die Aeusserungen in dem Brief an Antipater bei 
Aelian V. H. XIV, 1, und bei Dioo. 18. Dort sagt er über die Ent- 
ziehung der ihm früher zuerkannten Ehren (s. o. 39, 4): ovtoje ^j^oi* »c 
fi^T€ fxoi atfio^Qu fJiiXuv vnkQ avraiv f^i^r^ fJioi firi^kv fxiXuv , hier über 
jemand, der ihn hinter seinem Rücken geschmäht hatte: unovra /*€ xal 
fAaariyovttü, , 

2) Aach das wenige, was wir an dichterischen Versuchen von ihm be- 
sitzen , beweist keine bedeutendere dichterische Begabung. Dagegen wird 



[41] Charakter. 49 

der Zauber der Sprache, | mit dem jener uns fesselt, fehlt den 
erluJtenen Werken des Stagiriten &at durchaus, mit so vielem 
Recht ohne Zweifel manchen andern eine anmuthige Darstellung 
nachgerühmt wird^). Aber an Vielseitigkeit und GründUchkeit 
der Forschung, Beinheit des wissenschaMichen Verfiahrens, Reife 
des UrtheOs , umsichtiger Erwägung aller Entscheidungsgriinde, 
an gedrungener Kürze und unnachahmUcher Schärfe des Aus- 
drucks, Bestimmtheit und allseitiger Ausbildung der wissenschaft- 
lichen Terminologie, an allen jenen Vorzügen, welche das Mannes- 
alter der Wissenschaft bezeichnen, ist er seinem Lehrer über- 
legen. Er weiss uns lange nicht in demselben Masse, wie^ dieser, 
zu begdstem, uns im Innersten zu ergreifen, das wissenschaft- 
liche und das sittliche Streben in Eines zu verschmelzen; seine 
TTissenschaft ist trockener, schulmässiger, ausschUesslicher auf 
die Aufgabe des Erkennens beschränkt, als die platonische; aber 
innerhalb dieser Grenze hat er, so weit diess dem Einzelnen 
mög^ch war, ein höchstes geleistet: er hat der Philosophie dir 
Jahrtausende ihr Verfahren vorgezeichnet und zugleich die Pe- 
riode der Gelehrsamkeit ftir die Griechen begründet, er hat in 
gleidunässiger Ausbreitung des Wissens alle Gebiete, die seiner 
Zeit offen standen, mit selbständigen Forschimgen bereichert und 
mit neuen Gedanken befruchtet ^. Mögen wir auch die Hülfs- 
mittel, welche seine Vorgänger ihm darboten, die Unterstützung, 
welche ihm von Schülern und Freunden, vielleicht auch von 
gebfldeten Sklaven zu Theil wurde ^), noch so hoch anschlagen: 



KU Witc gerühmt (Demetr. De elocnt. 128), von dem auch die Apophtheg- 
men bei Diog. 17 ff. und die BriefTragmente bei Demetr. a. a. O. 29. 233 
Z«iigni88 ablegen. Dass sich hiemit dann eine gewisse Neigung zum Spott 
^d eine Torlaute Gesprächigkeit {axaigog attofivXia) verband, wie diess 
A>L. V. H. III, 19 von den jüngeren Jahren des Philosophen behauptet, 
ist inuaerhin möglich, aber durch diesen Zeugen freilich entfernt nicht be- 
ritten. 

1) Hierüber später. 

2) Das nähere wird in dieser Beziehung die Uebersicht seiner Schriften 
«Igeben. 

3) So soll ihm z. B. Kallisthenes ans Babylon über dortige astrono- 
^Mhe Beobachtungen Mittheilungen gemacht haben (Sxbipl. De coelo, Schol. 
^) t, 26 nach Porphyr), welche Nachricht aber freilich durch den Zu- 
**^ daaa dieselben 31000 Jahre weit zurückgegangen seien, wieder ziemlich 
Bnbmchbar wird. 

Zeller, PhUoe. d. Or. D. Bd. 2. Abth. 3. Aafl. 4 



50 Aristoteles. [41.42] 

der Umfang seiner Leistungen ragt doch immer noch so weit 
über das gewöhnliche Mass hinaus, dass wir kaum bereifen, 
wie Ein Mann in einem Leben von beschränkter Dauer diess 
alles vollbringen konnte; zumal da sein rastloser Greist über- 
diess noch einem schwächlichen Körper die Kraft zu der rie- 
sigen Arbeit abzuringen hatte '). Seinem geschichtlichen | Beruf 
ist Aristoteles so treu nachgekommen, seine wissenschaftliche 
Aufgabe hat er so glänzend gelöst, wie nur selten ein anderer; 
was er ausserdem als Mensch gewesen ist, darüber sind wir Id- 
der nur sehr imvoUstttndig imterrichtet, aber wir haben keinen 
Qrund, den Anschuldigungen seiner Feinde zu glauben imd dem 
günstigen Eindruck zu misstrauen, der durch seine sittlichen 
Grundsätze hervorgerufen imd durch manche andere Spuren be- 
stätigt wird. 

2. Aristoteles* Schriften. A. Einzelontersaehiing. 

Die schriftstellerische Thätigkeit unseres Philosophen err^ 
zunächst schon durch ihre Vielseitigkeit und ihren Umfang un- 
sere Bewunderung. Die Werke, welche unter seinem Namen 
auf uns gekommen sind, erstrecken sich nicht allein über alle 
Theile der Philosophie, sondern sie verbinden damit eine Fülle 
der umfiEissendsten Beobachtung und des geschichtUchen Wissens; 
zu diesen erhaltenen Werken fligen aber die alten Verzeichnisse 
noch eine Menge weiterer Schriftien hinzu, von denen jetzt nur 
noch die Titel oder dürftige Bruchstücke übrig sind. Wir be- 
sitzen zwei derartige Verzeichnisse, von denen das eine in einer 
doppelten Bearbeitung durch Diogenes (V, 21 ff.) und, den Ano- 
nymus des Menage, das andere durch einige arabische Schrift- 
steller überUefert ist^). Das erste derselben enthält bei Dio- 
genes 146 Titel; von diesen hat der Anonymus*) den grösseren 



1) Vgl. S. 40, 4 und Dioo. V, 16. 

2) Beide finden sich jetzt in den von Boss nnd Heitz besorgten 
Sammlangen der Aristotelesfragmente, Arist. Opp. V, 1463 f. der Berliner, 
IV, b, 1 fi*. der Pariser Ausgabe. 

3) Nach der wahrscheinlichen Vermuthung Bobb^b (Arist libr. ord. 48f.) 
der um 500 lebende Hesychius von Milet. 



Verzeichnisse seiner Schriften. 51 

Theil^) aufgenommen, einen kleineren^) hat er weggelassen ^)y 
dagegen sieben oder acht neue beigefügt. Em Anhang bringt 
noch 47 Titel, von denen aber mehrere*) nur Wiederholmigen 
oder Varianten von firiiheren sind, und 10 Pseudepigraphen. Die 
GeBammtzahl der Bücher wird von beiden Schriftstellern über- 
diistinmiend auf &8t 400 angegeben ^). Für den Verfasser dieses 
Verzeichnisses wird aber nicht mit Ro^e*^) der Rhodier Andro- 
nikus, der bekannte Herausgeber und Ordner der aristotelischen - 
Werke ^j, zu halten sein; so wenig sich auch bezweifeln lässt, 
dass dieser Peripatetiker ein Verzeichniss der aristotelischen 
Schriften aufgestellt hatte ^). Denn will man auch davon ab- 
sehen, dass Andronikus den Umfang dieser Schriften auf 1000 
Büdier angegeben haben soll^), während imser Verzeichniss 
ihrer nicht ganz 400 zählt, und dass in dem letzteren die von 
jenem verworfene *<^) Schrift ttbqI eQ^rjvilag Auftiahme gefunden 
hat^^), so müsste man doch bei Andronikus vor allem die 

1) Nach dem älteren Text 111, nach dem von Robe ans einer ambro- 
sümischen Handschrift vervoUständigten 132. 
2] 14, beziehungsweise 27. 

3) Ueber die möglichen Gründe dieser Anslassang s. m. Heitz Die ver- 
lownen Schriften d. Arist. (1865) S. 15 f. 

4) Wenn ich recht gezählt habe 9, nämlich Nr. 147 Q=^ 106 des nr- 
sprtngKchen Verzeichnisses), 151 (7), 154 (111), 155 (91), 167 (98), 171 
(16), 172 (18), 174 (39), 182 (11). 

5) Dioo. 34; der Anon. im Eingang seines Verzeichnisses. Das des 
Diogenes ergibt wirklich, wenn man von den Briefen so viele Bücher zählt, 
ab Empfänger derselben genannt sind, die Folitieen dagegen als Ein Bach 
rechoet, 375 Bücher, das des Anonymns, nach Bose's Ergänzung, ohne den 
Anhing 891. 

6) Arist. psendepigr. 8 f. 

7) Vgl. T^^ in, a, 549, 3 2. Aufl. 

S) Es erhellt diess ausser der a. a. O. besprochenen Stelle Plntarch^s 
(Sid]a26) auch ausderT.M. 8(s.o. S.41, 2) und David Schol. in Ar. 24, a, 
19; und dass Andr. hiebei nur das Verzeichniss des Hermippus anfgenom- 
>Mn habe (Hbitz Ar. Fragm. 12), das zu seiner Aristotelesausgabe gar nicht 
«tunmte, ist nicht glaublich. Ein ähnliches Verzeichniss der Werke Theo- 
phnsff schreiben ihm die Scholien am Schluss der theophrastischen Meta- 
phjok und am Anfang des 7. Buchs der Hist. plant, zu. 

9) David a. a. O. 

10) Alex, in Anal. pri. 52, a, u. Weiteres hierüber später. 

11) Ein Umstand, der um so auffallender ist, da nach Dioo. 34 das 
Verzeichniss nur die anerkannt ächten Werke enthalten soll. Bernays 

4* 



52 Aristoteles. 

Schriften zu finden erwarten, welche unsere, ihrem wesentlichei 
Bestände nach auf ihn zurückgehende, Sammlung enthält; dies 
ist aber so wenig der Fall, dass viele wichtige BestandtheQe de 
letztem darin entweder ganz fehlen, oder wenigstens nicht unte 
ihren späteren Titeln und hi ihrer späteren Gestalt auftreten ^] 
Wollte man andererseits *) vermuthen, das Verzeichniss bei Die 
genes solle nur diejenigen Werke bringen, welche von Androni 
kus' Sammlung der aristotelischen Lehrschriften ausgeschlosse 
waren, so verbietet diess der Umstand, dass es vieles und wicl 
tiges aus ihr enthält, und sich selbst mit aller Bestimmtheit al 
eine vollständige Aufzählung der Werke des Philosophen an 



(Dial. d. Arist. 134) nimmt daher an, diese Schrift sei vielleieht erst to 
einem Späteren dem Verzeichniss des Andr. eingefügt worden. 

1) Von dem Inhalt unserer aristotelischen Sammlung nennt das Ve 
zeiclmiss des Diogenes nur die folgenden: Nr. 141: die Kategorieen; \Aj 
n, kqfii\vilaq\ 49; nqoxi^tav dvaXvTixtiSv'^ 50: avalvr. var^QtoV; 102: ^ 
C^a>r 9 B. , womit ohne Zweifel die Thiergeschichte gemeint ist, deren (ai 
achtes) 10. Buch gleichfalls n. d. T. vnhQ tov fir^ yiw^v (107) aufgefüb 
wird; 123: /irixavaedh d; 75: nokiTixijg dxQoaffitoe 8 B.; 23: olxovofux^ 
«; 78: r^x'^s ^toqixtjs aß'; 119: noirjrixtSv ct. Dazu kommt wab 
scheinlich (s. u.) die Topik unter zwei verschiedenen Titeln; ferner 9< 
TT. ffvanüg ä ß' y und 45 (115): n, xivrjffttag a, womit Theile der PhyaiJ 
39: 71. ato^x^ltov a ß' y\ womit die zwei Bücher vom Entstehen und Ve 
gehen in Verbindung mit B. 3 f. De coelo oder Meteor. B. 4 gemeint sei 
können; 70: &iaii^ In^x^iQ^fianital xiy wohl eine Recension der Pp 
bleme; 36: n. töjv noaax^ Xeyo/n^vuVf ohne Zweifel die von Arist. dfte; 
so angeführte Abhandlung, welche jetzt B. V der Metaphysik bildet; Si 
TJ&ixi5v, aber nur 5 Bücher. Aber selbst wenn man diese letzteren Anfnl 
rungen gleichfalls auf die entsprechenden Theile unseres Aristoteles bezieh« 
will, fehlen in dem Verzeichniss noch sehr erhebliche Stücke unserer Sami 
lung. Der Anonymus fügt die Topik (seine Nr. Z2) unter diesem Nam< 
und die Metaphysik bei, gibt jedoch dieser, wenn der Text in Ordnung i 
(hierüber später), 20 Bücher; der ersten Analytik gibt er (134) ihre 2 Buche 
und die Ethik nennt er (39) ^&utöh x', was aus A — K entstanden se 
wird. £^t der Anhang zu demselben nennt 148: die (pvaix^ oM^oao 
(wobei statt »^ wohl blos i) zu setzen ist), 149: n, yevioing xal 9^0^ 
150: 71. /jternoQtüV «T, 155: 7i. l^tptov laro^lag l, 156: 7t, l^i^^nf xinjacs 
(aber 3 B.), 157: 71. C^oir fAOQCtov (nur 3 B.), 158: tt. (qictiy y^viait 
(gleichfalls 3 B.), 174: TtiQi ri^txwif Nixofiaxiitov. 

2) Mit Berkays a. a, O. 133 f. Rose a. a. O.; gegen diesen Hsn 
VerL Sehr. S. 19. 



Verzeichnisse seiner Schriften. 53 

köndigtO- Ebensowenig kann es, aus dem gleichen Grrunde, 
▼on Nikolaus von Damaskus *) oder sonst jemand herrühren, 
wddieiü die Schriftsammlung des Andronikus bereits bekannt 
war. .Sem Urheber muss vielmehr ein Gelehrter der alexandri- 
nischea Zeit, am wahrscheinUchsten Hermippus^), gewesen 
Bein^); und dieser muss nicht die Mittel gehabt oder sich nicht 
die Mühe genommen haben, mehr zu geben, als eine Au&ählimg 
der Handschriften, welche in einer ihm zugänglichen Bibliothek 
(der alexandrinischen) enthalten waren ^) , da ihm sonst unmög- 
lidi Hauptwerke entgangen sein könnten , deren Gebrauch in 
den zwei Jahrhunderten vor Andronikus sich, wie wir finden 
werden, urkundUch feststellen Ittsst^). Dieses Verzeichniss be- 
weist daher zimächst nur, was ftir Schriften zur Zeit seiner Auf- 



1) 2wfyQaipe (f^, wird es von Dioo. V, 21 eingeleitet, nufmXtiOTa 
ßißUat uniQ axoXovd-ov riyrjadfiriv vnoyQaipai (fra ttjv niqi ndvras lo- 
yov; TuvS^f dQtrrjv, Das heisst doch nicht: er wolle sie mit Ausnahme 
der wissenschaftlichen Hauptwerke verzeichnen. Das gleiche erhellt ans 
§34: die Arbeitskraft des Arist. sei ix rtov ngoyeyQafifA^vtov ot^yyQafXfidreDV 
enichtlieh, deren Zahl sich auf fast 400 belaufe. 

2) Dessen auf Aristoteles bezügliche Arbeiten Th. III, a, 556 2. Aufl. 
genjumt sind. Vgl. Heitz a. a. O. 3S f. 

3) Von diesem (8. 757 2. Aufl. besprochenen) Gelehrten, welcher der 
petipatetischen Schule zugezählt wird, ist uns zwar nicht ausdrücklich übor- 
fiefert, dass er die aristotelischen Schriften verzeichnete. Da er aber eine 
Ml mindestens zwei Büchern bestehende, von Diogenes benützte Lebens- 
bcichreibnng des Aristoteles verfasst hatte (Dioo. V, 1. 2. Athen. XIII, 
5S9, c XV, 696, £), da femer seiner dvayQa(pri rtSv SiOfpQdarov ßißUwv 
Mahnung geschieht (in den S. 51 , 8 genannten Schollen, vgl. Heitz 
L i. 0. 49. Ar. Fragm. 11), so lässt sich kaum bezweifeln, dass es auch 
ein ihnliches Verzeichniss der aristotelischen Werke von ihm gab. Durch 
welchen Mittelsmann dieses Diogenes zukam, kann hier um so weniger 
onterracht werden, da hierüber immer nur Vermuthungen möglich sind. 

4) Heitz 46 f., dem Grote I, 48 f. beistimmt. Susemihl Arist. über 
äie Dichtk. 19 f. Arist. PoUt. XLHL Nietzsche Rhein. Mus. XXIV, 181 ff. 

5) Dass die Veneichnisse der aristotelischen und theophrastischen 
Schriften bei Diog. nichts anderes seien, hat schon Brandis Gr.-röm. Phil. II, 
\ 1, 81 wahrscheinlich gemacht. 

6) Unerheblicher ist der Umstand (Brandis a. a. O. Heitz 17), dass 
Di06. selbst anderwärts aristotelische Werke anfuhrt, die in seinem Ver- 
idchnlss fehlen; hieraus folgt nur, dass diese Anführungen aus anderen 
QneDen abgeschrieben sind, als das Verzeichniss. 



54 Aristoteles. 

Stellung in der alexandrinischen Bibliothek unter AristoteleB 
Namen vorhanden waren. 

Weit jünger ist diejenige Aufeählung der aristotelischei 
Werke, welche zwei arabische Schriftsteller aus dem 13* Jahr 
hundert^) von Ptolemäus entlehnt haben; wahrscheinlich einen 
Peripatetiker des zweiten Jahrhunderts n. Chr., der auch vor 
griechischen Schriftstellern erwähnt wird^). Dieselbe schein* 
aber den Arabern nur unvollständig zugekommen zu sein ; dem 



1) Die näheren Nachweisungen über dieselben gibt Rose S. 1469 dei 
akademischen Textaasgabe des Aristoteles. 

2) Von den beiden Arabern sagt der eine (Ibn el Eifti f 1248) in dec 
von Rose a. a. 0. mitgetheilten Stellen: er sei ein Verehrer des Arist. ge* 
wesen, und es sei von ihm eine Schrift: ^^htatoriae ArittoUUa st mortü efm 
et 9oriptorum ^'%n ordo*^ verfasst, die an Aalas (oder A*tlas) gerichtet gewesei 
sei; der andere (Ibn Abi Oseibia tl269) redet gleichfalls von seinem lii^ 
ad OaUu de vita Arittoteli» et eximia pietate testamenti ^'ue et indioe seriptonm 
^'ue notorum; ausser dem Bücherverzeichniss haben ihm beide auch biogra- 
phische Notizen entnommen, aber über seine Person scheint keinem toi 
ihnen mehrbekanntgewesen znsein, als dasser (nach Ibn el kifti) ^^inprovmeü 
Bum**, also im römischen Reich lebte, und vom Verfasser des Almagesi 
verschieden war. Was sie über sein Werk sagen, passt nun vollständig aoi 
den Ptolemäus, von dem David Schol. in Ar. 22, a, 10 (wie ans Z. 22 
erhellt, nach Proklns) angibt, er habe die Zahl der aristotelischen Schriftei: 
(mit Andronikus; s. o. 51, 9) auf 1000 Bücher berechnet, dvayQafpii* 
aifjwv noiTjaa/nivog xal tov ß(ov airroiy xaX ttiv ^lad^sffiv, und die vit« 
Marc. (s. o. 41, 2)i er habe seinem Verzeichniss der aristotelischen Schriften 
das Testament des Philosophen beigefügt. Wenn freilich David diesen Ptol. 
für den Ptol. Philadelphus hält (der allerdings nach Dioo. V, 58 eia 
Schüler Strato*s, nach Athen. I, 3, a. David und Ammon. Schol. 28, tL, 
13. 43 ein Sammler aristotelischer Werke war), so ist das ^'ild^ilffos zwaf 
schwerlich in ^^ipiXoaoffOü^^ zu verwandeln, um so mehr aber in dieser Ans' 
sage ein Beweis von der Unwissenheit I>avid*s oder des Schülers, der seine 
Erklärungen aufgezeichnet hat, zu sehen. Dass Ptol. jünger war, als Androni« 
kus, geht schon aus der Erwähnung des Andronikus in Nr. 90 und des 
Apellikon in Nr. 86 seines Verzeichnisses hervor. Unter den uns bekannten 
Männern dieses Namens möchte ich weder (mit Rose Arist. libr. ord. 45) 
an den von Jambl. b. Stob. Ekl. I, 904 und Prokl. in Tim. 7, B genannten 
Neuplatoniker, noch an den Zeitgenossen Longin's denken, der nach Porpr. 
V. Flot. 20 keine wissenschaftlichen Werke verfasst hat, sondern am ehesten 
an den Peripatetiker, dessen Einwendungen gegen Dionjsius^ des Thraciers 
Definition der Grammatik Sext. Math. I, 60 und der Scholiast in Bbkker*8 
Anecd. 11, 730 anfuhren, der also zwischen Dionys und Sextus (70 — 220 
n. Chr.) geschrieben haben muss. 



Verzeichnisse seiner Schriften. 55 

wählend PtolemAus den GTesammtumfang der aristoteÜBchen 
Werke auf 1000 Bücher geschätzt hatte % umfassen ihre Ver- 
leiclmisse nur etwa 100 Nummern mit einer G-esammtzahl von 
uoge&hr 550 Büchern^); von den Bestandthdlen unserer Samm- 
lung {dAea darin nur wenige, deren Ausfallen theUweise zufäl- 
lige Gründe haben kann % einige andere kommen wiederholt 
Tor. Dass das Verzeichniss einem griechischen Original ent- 
nommen ist, wird durch die griechischen Titel bestätigt , die es 
bei der Mehrzahl der Schriften , mitunter freilich bis zur Un- 
kenndichkeit entstellt, beifügt. 

Es li^ nun am Tage, dass Verzeichnisse, mit deren Be- 
schaffenheit und Ursprung es sich so verhält, weder für die 
VoDständigkeit ihrer Au&ählung noch für die Aechtheit der in 
ihnen enthaltenen Werke eine ausreichende Bürgschaft darbieten; 
dass yielmehr nur eine umfassende und eingehende Einzelunter- 
sadiimg darüber entscheiden kann, wie es sich mit den Schrif);en 
und Bruchstücken verhält, die uns als aristotelisch überliefert 
oder genannt sind. Kann nun auch diese Untersuchung hier 
nnmöglidi erschöpfend gefiihrt werden, so erscheint es doch an- 
gemessen, mit einer vollständigen Uebersicht über die sämmt- 
Kchen Aristoteles zugeschriebenen Werke eine gedrängte An- 
gabe und Erwägung der Momente zu verbinden, welche für die 
Beortheilung ihrer Aechtheit in Betracht kommen ^). 



1) 8. vor. A|im. 

2) Eine genauere Angabe ist nicht möglich, ohne auf die, nicht sehr 
ccbeUiehen, Abweichnngen der beiden Zeugen nnd ihrer Handschriften ein- 
<Bgiheii. Wollte man die 171 Politieen besonders zählen, so erhielte man 
c^ 720 Bflcher. 

3) Die wichtigsten davon sind die nikomachische Ethik und die Oekono- 

nik. Dam kommen: die Rhetorik an Alexander, die Schrift über Melissus 

>• I. w., die Abhandlungen n, dxov<nioVy n. avanvoijg, n. hrvnvlttVy n, 

futrtmjf tijg iv roig vnvotg, n. veoTtirog »al yVQ^ii ^« ^ttvov xaX 

h^ffyo^^K^ n, /^Qi/uara»!'; femer n, xoofiovy n, «QiTiSv xal xaxiiuv^ n, 

^Vfioaiw dxovafidruvy und die Physiognomik. Von den kleinen natur- 

«ititnsehaftlichen Schriften mögen aber ausser Nr. 40 (De memoria et 

•OBao)^ auch andere unter Einem Titel zusammengefasst sein. 

4) Der Frage, wie es sich in dieser Beziehung mit deigenigen Schriften 
▼ahiH, welche wir nur aus ihren Titeln und Bruchstücken kennen, hat 
Hdtz (Die rerlorenen Schriften d. Arist. 1S66) eine gründliche und nm- 
•lebtige Untersuchung gewidmet, während der von ihm bestrittene Val. Roftib 



56 Aristoteles. 

Um hiebei mit dem zu bäumen, womit die alten Verzeich- 
nisse schliessen, so können wir zunächst von den wissenschaft- 
lichen Arbeiten des Philosophen dasjenige unterscheiden, was 
sich auf persönUche Verhältnisse bezog: Briefe, G-edichte und 
Qelegenheitsschriften. Indessen ist die Zahl dieser Schriften yet- 
hältnissmässig klein, und wenn wir diejenigen ausscheiden, deren 
Aechtheit fraglich oder deren Unäcfatheit unzweifelhaft ist, bleibt 
nur sehr wenig übrig: einige Qedichte und G-edichtfragmente^), 
vielleicht auch ein TheQ dessen, was aus den Briefen ^ angeftlhrt 



in seinen zwei gelehrten Werken (De Arist. libromm ordine et anctoritate 
1854. Arist pseudepigraphns 1863) neben einem Theil der erhaltenen 
Schriften die sämmtlichen verlorenen viel zu summarisch verwirft. — Die 
in den alten Verzeichnissen genannten Schriften führe ich im folgenden 
unter den Nummern an, die sie bei Rose (s. o. 50, 2) haben. Von den 
Verzeichnissen bezeichne ich das des Diogenes mit D., den Anonymus des 
Menage mit An., den Ptolemäus der Araber mit Pt. Ar. Fr. bezeichnet die 
Sammlung der Fragmente von Rose im 5. Bd. der Berliner, Fr, Hz. die 
von Heitz Bd. IV, b der Didot*schen Ausgabe, 

1) Man findet dieselben nebst den Angaben der Alten darüber bei 

Berok Lyr. gr. 504 ff. Robe Ar. pseudepigr. 598 ff. Arist Fr. 621 £ 

S. 1583. Fr. Uz. 383 f. Die bedeutendsten sind die schon oben 8. 12. 

21, 2 besprochenen, an deren Aechtheit zu zweifeln wir keinen Grund haben. 

^ETtri und lUy^Ta nennt D, 145. An. 138 f., lyxtifua ri vfivovs An. App. 180. 

2) Die aristotelischen Briefe, von Demetrius De elocut 230. Suifl. 
Categ. 2, y, Schol. in Ar. 27, a, 43 und andern (b. Ross Ar. ps. 587. 
Heitz a. a. O. 285 f. Arist Fr. 604-620, S. 1579. Fiv Hz. 321 fL) als 
unerreichte Muster des Briefiityls gerühmt, hatte ejn gewisser, uns nicht 
näher bekannter, Artemon in 8 Büchern gesammelt (Dbmstr. elocot^228. 
David Schol. in Ar. 24, a, 26. Ptol. Nr. 87); Andronikus (über den auch 
Gell. XX, 5, 10) soU 20 Bücher gezählt haben (Pt Nr. 90); vieUwcht 
sprach er aber auch nur von 20 Briefen; so viele hat der An. Nr. 137. 
DiOG. Nr. 144 nennt Briefe an Philipp, Briefe der Selybrier, 4 an Alezander 
(vgl. Dejaetr. a. a. O, 234. Ammon. V. Ar. S. 47), 9 an Antipater, 7 an 
ebensoviele andere Personen. Philop. De an. E, 2, 6. kennt Briefe an 
(oder: von) Diares (über den Simpl. Phys. 120, b, o. z. vgl.), welche bei 
Dioo. fehlen. Aus den Sammlungen des Artemon und Andronikus scheinen 
die sämmtlichen überlieferten Bruchstücke entlehnt zu sein. Ob aber ein 
Theil derselben ächten Schreiben entnommen war, läset sich um so weniger 
ausmachen, da ein anderer Theil diess offenbar nicht ist Aosser Rose 
(a.a.O. 585 ff. Ar. libr. ord. 113 f.) hält auch Heitz (280 ff. Fragm. 321) 
alle jene Briefe für unterschoben. Unzweifelhaft sind diess die sechs noch 
vorhandenen (bei Stahr Aristot H, 169 ff. Heitz Fr. 329 f.), über die 



Schriften: Gespräche. 57 

iriri; wogegen die angebHche Vertheidigungsschrift des Ariato- 
tdeB^), sowie die Reden über Plato und Alexander ') nur spätere 
Machwerke gewesen sein können. 

Eine zwdte Klasse aristotelischer Schriften beschäftigte sich 
zwar mit wissenschaftlichen Fragen, aber sie unterschied sich 
ih%r Form nach wesentlich von allen uns erhaltenen Werken: 
die Gespräche^). Dass sich Aristoteles in einem Theil seiner 
Schriften der Qesprächsform bedient hatte, wird vielfach be- 
zeugt ^); und als eine Eigenthümlichkdt seiner Dialogen im 
Unterschied von den platonischen wird hervorgehoben, dass es 
ihnen an einer individuellen Charakteristik der auftretenden Per- 
sonen fehlte^), und dass ihr Verftusser die Leitung des Gesprächs 
ach sdbst zutheilte ^). Unter den ims bekannten Werken dieser 



HxiTz 8. a. O. mit Recht ortheilt, dass sie in Aitemon's Sammlung noch 
nicht enthalten gewesen sein können. 

1) 8. o. S. 88, 2. Arist. Fr. 601, S. 1578. Fr. Hz. 320. 

2) Ein lyxtofAiov mdxtovog (Fr. 603. Fr. Hz. 319) wird von Oltm- 
i*iODOR in Gorg. 166 (Jahrbb. f. Philol. Suppl. XIY, 395) angeführt, ist aber 
■cbon dadurch mehr als verdächtig, dass kein anderer Schriftsteller, von 
dem wir wissen, 4ie8e urkundlichste QneUe für Plato's Leben benützt hat 
^ Panegyrikns auf Alexander (Fr. 602. Fr. Hz. 319) b. Thbmibt. or. III, 
^^t ichon an sich nnglanblich genng, wird durch das Fragment b. Rutil. 
I^CFcs De fig. sent I, 18 (wenn dieses dorther stammt) vollends verurtheilt, 
^ der Ausweg von Bsrnays (Dial. d. Ar. 166), ihn auf einen älteren 
•^exander zu beziehen, ist sehr unwahrscheinlich. Eine lyxlriala liiXc- 
üvdffov nennt nur An. Nr. 193 als pseudepigraph; bei Eustath. in Dionjs. 
^er. V. 1140 (das 5. Buch nt^l *AU^dvSqov) ist Aristoteles aus Arrian 
i^enchrieben, und ähnlich mag es sich mit den 8 Büchern n. IdXi^S^ov 
verbalten, die der Anhang des Anon. Nr. 176 (nach Bose's Lesung) auf- 
fthrt Vgl. Heitz 291 f. Müllbb Script, ren Alex, praef. V. 

3) J. BsRUAYS Die Dialoge d. Arist. 1863. Heitz S. 141—221. Bobb 
Arist. pseudepigr. 23 ff. 

4) CiG. u. Babil. s. folg. Anmm. Plut. adv. Col. 14, 4. Die. Chrys. 
or. 53, S. 274 B. Alex. b. David Schol. in Ar. 24, b, 33. David ebd. 24, 
b, 10 ff. 26, b, 35. PfinLOP. ebd. 35, b, 41. De an. £, 2 u. Pbokl. b. 
Phiix>p. aetem. m. 2, 2 (Arist. Fr. 10). Derselbe in Tim. 338 D. AjfMOM. 
Categ. 6, b (b. Stahb Arist. II, 255). Simpl. Phjs. 2, b, m. Pribcian 
S(Aa%, prooem. 8. 553, B. Dübn. u. a. 

5) Basil. ep. 135 (167) abgedruckt bei Bobe Ar. pseud. 24. Ar. Fragm. 
1474. Heitz 146. 

6) Cic. ad Att. Xni, 19, 4 (wogegen ad Qu. fratr. III, 5 nicht auf 
Gespräche geht). Eine weitere Bedeutung hat der ArisMeiiut mo$ ad Famil. I^ 



58 Aristoteles. 

Art scheinen der Eudemus ') , die drei Bücher über die Philo- 
sophie ^)j und die vier über die Gerechtigkeit ^) die bedeutendsten. 

9, 23 (vgl. Heitz 149 f., der mir nur auf den Unterschied zwischen Aristoteles 
und Arcesilans zu viel Gewicht legt; mir scheint hier bei dem Ausdruck ebenso, 
wie De orat. III, 21, 80, nur an das in utramque partem düputare gedacht 
zu sein). 

1) Dieses merkwürdige Gespräch (worüber Bebmays 21. 143 ff. 64 
Ders. im Rhein. Mus. XVI, 236 ff. Rose Ar. ps. 52 ff. Fragm. 82—43, 
S. 1479 f. Fr. Hz. 47 f.) wird bald EvSfi/uog (Themist. De an. 197, 5 Sp. 
Philop. SiMPL. Olimpiodor unter Fr. 41) bald tkqI V/i';t'% 0^- 13. An. 13. 
Plüt. Dio 22) bald EvSfi/Liog rj n. V^vxrjs (Plüt. cons. ad Apoll. 27, S. 115- 
SiKPL. in Fr. 42) genannt. Aus Plut. Dio 22. Cic. Divin. I, 25, 53 erfahren wir, 
dass es von Arist. dem Andenken seines 352 ▼. Chr. in Sicilien gefallenea 
Freundes Endemus (s. o. S. 12) gewidmet war; seine Abfassung faUt wohl 
(wie schon Krische annimmt Forsch. I, 16) in die nächste Zeit nach 
Eudemus Tod. Von den Bruchstücken, die Rose ihm zuweist, werden sich 
uns für Nr. 36. 38 u. 43 andere wahrscheinlichere Orte zeigen. Aristoteles 
selbst bezieht sich De an. I, 4 Anf.« wie später daigethan werden wird, 
wahrscheinlich auf eine Erörterung im Eudemus (Fr. 41). 

2) D. 3. An. 3 (der wohl nur aus Versehen 4 Bücher angibt); vgl. 
Berkayb 47. 95. Robe Ar. ps. 27. Fragm. 1--21. S. 1474. Heitz 179 ff. 
Fr. Hz. 30 f. Bywater Ar. Dialogue „on philosophy** (Jouinal of Philologe 
VIL 64 ff.). Dass dieses Werk ein Gespräch war, sagt Prisciam a. a. O. 
(s. o. 57, 4), und bestätigt wird es durch die Angabe Fr. 10 (Prokl. b. 
Philop. aet. m. 2, 2. Plut. adv. Col. 14, 4), Arist habe in seinen Ge- 
sprächen die Ideenlehre angegriffen und erklärt, er könne sich damit un- 
möglich befreunden, sollte man ihm diess auch als Rechthaberei auslegen, 
wenn wir damit die Stelle aus dem 2. Buch n, ipiloa, (Fr. 11) zusammen- 
nehmen, worin er sich gegen die Idealzahlen wendet. Angeführt wird es 
(mit seinem 3. Buch) nach dem Verzeichniss des Diogenes zuerst von 
Philodbm. n, evaeßeCttg col. 22 und aus ihm von Cio. N. D. I, 13, 33; 
dagegen ist mir Arist. Phys. II, 2. 194, a, 35 i^ix^^ Y^ *'<' o^ Ivixa' 
et^rai S* Iv rotg tkqI ifuloaotfCag) der Beisatz tlgrirat u. s. f. mit Heitz 
8. 180 ff. sehr verdächtig, da Arist. sonst nie eine seiner dialogischen 
Schriften namentlich anfuhrt, andererseits aber die Verweisung weder auf 
die Schrift vom Guten noch auf die Metaphysik (XII, 7. 1072, b, 2) bezogen 
werden kann, denn jene konnte nicht n. tpiloooipias genannt (s. u. 64, 1\ 
diese, da sie Arist. unvollendet hinterliess, in der Physik noch nicht ange- 
führt werden. Rose^s Einwendungen gegen die Aechtheit unserer Schrift 
ist SusBMiHL Genet Entw. d. plat. Phil. H, 534 beigetreten; seine Gründe 
scheinen mir aber nicht überzeugend. 

3) D. 1. An. 1. Pt. 3. Fragm. 71—77, S. 1487. Bern. 48 f. Rose Ar. 
ps. 87 f. Hsrrz 169 f. Fr. Hz. 19. Der 4 „umfangreichen^* Bücher dieses 
Werks erwähnt Cio. Rep.'lU, 8, 12. Nach Plut. Sto. rep. 15, 6 hatte es 



1 



Schriften: Gespräche. 59 

gewesen zu sein. Von besonderem Interesse sind für uns die 
bdden ersten desshalb, weil sie nicht blos ihrer Form, sondern 
auch ihrem Inhalt nach den platonischen Werken so nahe stehen, 
dass die Vermuthung viel für sich hat, ihre Abfassung falle in 
die Jahre, in denen Aristoteles noch dem platonischen Schüler- 
kreis angehörte und erst im Uebergang zu seiner späteren selb- 
ständigen Stellung begriffen war ^). Einige andere Stücke, deren 



aber schon ChiTsippns angegriffen (*A^<noTilH negl ^ixaioavvfjg cevri- 
Y^(f>»v, was allerdings kaum anders verstanden werden kann), nnd ebenso 
Kheinen sich die von Lactanz Epit 55 (ans Cio. Bep. IID erwähnten 
Angriffe des Eameades speciell auf diese Schrift bezogen zn haben. Eine 
Stelle derselben berührt, wahrscheinlich vor Cicero, Dembtb. De elocnt. 28. 
I^m de ein Gespräch war, wird nicht ansdrücklich berichtet, aber durch 
^ SteDnng an der Spitze des Verzeichnisses bei Diog. wahrscheinlich, 
^eees beginnt nämlich (nach Bbrnays' Wahrnehmung, S. 132) mit den, 
der Bficherzahl nach geordneten, Gesprächen. Doch werden wir finden, da^s 
<^hen den Gesprächen in dem Protreptikos auch ein Stück steht, das 
wibiBcbeinlich kein Dialpg war, nnd dass die von Bern, noch hieher ge- 
*<>S«nen Stücke Kr. 17 — 19 es gleichfiEÜls nicht waren. Es fhigt sich daher, 
^^ nicht der Anonymus hier die ursprüngliche Anordnung erhalten hat, und 
^ Beine ersten 13 Nummern nebst dem bei ihm durch Veränderung seines 
'^teli an eine falsche Stelle gerathenen Symposion zu den Gesprächen 
«•körten. 

1) Es gilt diese an erster Stelle von dem Eudemus. Alle Ueber- 
^eibiel dieses Gesprächs beweisen, dass ihm der Phädo zum Muster gedient 
^ Mit diesem Dialog hatte ee nicht allein das Thema, die Frage über 
^e Uofterblichkeit der Seele, gemein, sondern auch die Behandlung dieses 
^^•SCQstandes erinnert in künstlerischer wie in philosophischer Beziehung 
'^^Bt^bst an ihn. Wie der Phädo (60, E) knüpfte auch der Endemus (Fr. 32) 
'^ ^ne Offenbarung im Traum an, deren unmittelbares Vorbild wir aller- 
^^ in einem andern Gespräch ans den letzten Tagen des Sokrates, Erito 
H A, zu sudien haben. Wenn femer der Phädo seine Erörterung 108, D ff. 
Büt einem fiirbenreichen Mythus abschlieest, hatte auch der Eudemus 
■tyiliitehen Schmuck nicht verschmäht; vgl. Fr. 40, wo die Worte des 
°i^: Sa(fiovos irnnopov n. s. w. im Ton zugleich an Rep. X, 617, D 
^Himem, und Fr. 37, welches sich auch nur ab mythisch auffassen lässt; 
^eim sich jener 69, C auf die Mysterienlehre beruft, macht dieser Fr. 30 
die Sitte der Todtenverehrung für sich geltend. Noch auffallender zeigt sich 
tber die Verwandtschaft der beiden Gespräche in ihrem Inhalt Denn mit 
der Unsterblichkeit trug Arist im Eudemus auch die Lehre von der Prä- 
existenz und den Wanderungen der Seele vor, indem er die Annahme, dass 
dieselbe beim Eintritt in dieses Leben der Ideen vergesse, auf eigenthümliche 
vertheidigte (Fr. 34. 35); wie der Phädo den entscheidenden Beweis 



QQ Aristoteles. 

difdogische Form aber meistens nur durch ihre Stellung in dea 



für die Unsterblichkeit auf die Verwandtschaft der Seele mit der Idee des 
Lebens gründet (106, C ff.), so nannte sie auch der Eudemns eidof r» 
(Fr. 42); und wie jener diese Bestinimnng durch eine ausführliche Be- 
streitung der Annahme vorbereitet, dass die Seele die Harmonie ihres Leibe« 
sei, so war ihm auch dieser (Fr. 41) hierin gefolgt. Ganz in Plato's Sinn ist auch 
Fr. 36, wo das Elend der an den Leib gefesselten Seele in einer grellen 
Yergleichung geschildert wird; und wenn auch Bywatbr (Joum. of Philo- 
logy II, 60) und R. Hirzel (Hermes X , 94 f.) dieses Bruchstück wohl mit 
Recht dem Protreptikus zuweisen, scheint doch die Abfassung des letstem 
von der des Eudemus nicht weit abzuliegen. (S. S. 63, 1). Selbs&ndiger trat 
Arist in den Büchern über die Philosophie der platonischen Lehr» 
gegenüber. Denn so platonisch die Ausführungen lauten, in denen er den 
Glauben an Götter, die Einheit Gottes und die vernünftige Natur der Ge* 
stime vertheidigt (das glänzend geschriebene Fr. 14 b. Cic. N. D. 11, 37, 
das wahrscheinlich gleichfalls unserer Schrift entnommene Fr. 13, femer 
Fr. 16. 19—21 und die von Bbamdis II, b, 1, 84 und Hbitz 228 im Gegen- 
satz zu Rose Ar. ps. 285 mit Recht hieher, und nicht unter die zoologischen 
Bruchstücke verwiesene Stelle b. Cic. N. D. II, 4Q, 125), so unverkennbar 
Fr. 15 (über dessen aristotelischen Ursprung Bernayb a. a. O. 110 ff. und 
Heitz Fr. Ar. 37 zu vergleichen sind) Plato (Rep. II, 380, D ff.) nach- 
gebildet ist, so erklärte er sich doch in dieser Schrift (Fr. 10, 11 ; s. o. 58, 2) 
auf's entschiedenste gegen die I^ehre von den Ideen und Idealzahlen, be- 
zeichnete die Welt nicht blos mit Plato als unvergänglich, sondern bereits 
auch als anfangslos (in den wahrscheinlich aus unserer Schrift, jedenfaUs 
wohl aus einem Gespräch stammenden Fr. 17. 18, wozu By water a. a.0. 80. 
Plut. tranqu. an. 20, S. 477 passend vergleicht) und gab in seinem ersten 
Buch (so wie Bywateb a. a. O. dieses aus Philop. in Nicom. Isag. Anf. 
Cic. Tusc. III, 28, 69. Prokl. in Eucl. 8. 28 Friedl. Vgl. Fr. 2—9 recon- 
struirt) eine Uebersicht über die Entwicklung der Menschheit zur Kultur 
und Philosophie, die zwar mit der Bemerkung (b. Philop.), dass das Geistige 
und Göttliche trotz seines Glanzes uns dui xry inixiifiiVTiv rov aufiatof 
dx^ifv dunkel erscheine, und mit der Annahme periodischer Fluthverheerungen, 
welche die Menschen immer wieder in den Rohznstand zurückwarfen (ebd. 
vgl. Plato Tim. 22, B f. Gess. HI, 677, A f. 681, E), an Plato anknüpft, 
die aber zugleich seine eigene, durch ihre Beziehung auf die Ewigkeit der 
Weh über Plato hinausgehende Geschichtsansicht (Meteorol. 1, 14. 352, b, 16. 
Polit. VII, 9. 1329, b, 25. Metaph. XII, 8. 1074, a, 38 vgl. Bbrmays Theophr. 
Schrift ü. d. Frömmigk. 42 ff.) und seine Annahmen über den Gang der 
geistigen Entwicklung (Metaph. I, 1. 981, b, 13 ff. c. 2. 982, b, 11 ff.) deutlich 
erkennen lässt. Wenn er in dieser Darstellung femer von den Magiern, von 
Orpheus, von den sieben Weisen gesprochen, und die Entwicklung der 
Philosophie, wie wir annehmen dürfen, von hier aus bis auf seine Zeit herab 
verfolgt hatte, so spricht sich darin sein Interesse für gelehrte Forschung 



Schriften: Gespräche. 61 

Verzddinissen wafarschemlich wird, liegen theib ihrem Inhalt 

nach Yon dem Mittelpmikt des philosophischen Systems weiter 
ab^)j theils ist ihre Aechtheit zu bezweifeln^). 



ebeiuo bestimmt ans, wie in seiner Bestreitung der Sage von Orpheus (Fr. 9) 
sein kritiicher Sinn. Erwägt man aHes dieses, so zeigen ans die Bücher 
aber die Philosophie im Vergleich mit dem Rndemns einen erheblichen Fort- 
Kloitt in grosserer wissenschaftlicher Unabhängigkeit, und die Vermuthung 
liegt nahe, sie seien später als jener, erst in Plato*s letzter Zeit verfasst. — 
KxncHs's (Forsch. I, 265 ff,) Versubh, die 3 Bücher n. (piloao(piag in 
Metaph. I. XI. XXI nachzuweisen, hat durch den gegenwärtigen Stand dieser 
Intennchung ihren Boden verloren. Vgl. Hsitz 179 und unten S. 58 f. 
2. Aufl. Weit mehr empfiehlt sich die Vermuthung (Blass Rhein. Mus. 
^^^, 1875. S. 481 ff.), dass dieselben an verschiedenen Stellen der Meta- 
pliysik (B. I u. Xn) und der Schrift tt. ovquvov benützt seien. Im einzelnen 
*ird man aber vielfach abweichender Meinung sein können, und wenn Blass 
^ mehrere von jenen Stellen eine wörtliche Aufnahme der entsprechenden 
iu n, (ffiloa. annimmt, und daraus die Vermeidung des Hiatus in denselben 
ud überhaupt ihre gefeiltere Sprache erklärt, steht dem ausser anderem der 
Umstand im Wege, dass so sinnverwandte Ausführungen, wie Metaph. Xn, 
S- 1074, a, 38 ff. De coelo I, 3. 270, b, 16 ff. Meteor. I, 3. 339, b, 19 ff. 
in ihrem Wortlaut so weit auseinandergehen. 

1) Dahin gehören die drei Bücher tt. nottirmv (D. 2. An. 2. Pt. 6. 
Beräays S. 10 ff. 60. 139. • Rosb Arist. ps. 77 f. Ar. Fr. 59—69, S. 1485. 
Heitz 174 ff. Fr. Hz. 23). Die von Müller Fragm. Hist. II, 185 be- 
^eÜelte dialogische Form dieses Werks wird mittelbar durch seine Stellung 
in den Verzeichnissen, ausdrücklich von der vita Arist Marc S. 2 R. bezeugt 
^ durch Fr. 61 bestätigt. Als aristotelisch ist es vielleicht schon von 
^'ntotthenes und Apollodor gebraucht worden, doch sind wir nicht sicher, 
ob ihre Anführungen (Fr. 60 b. Dioo. Vm, 51) sich auf unsere oder eine 
^dere Schrift (etwa die Politieen) beziehen. Dagegen beruft sich Aristoteles 
*«n)tt Poet. 15, Schi, auf eine Erörterung in den ixSiSofi^voi loyoi, bei der 
''^ am natürlichsten an unsere Schrift denken wird. (In der Rhetorik, 
*nf die Robb Ar. ps. 79 verweist, findet sich nichts der Art.) Das wenige, 
**• tos der letzteren angeführt wird, fast durchaus historische Notizen, gibt 
'^nen Grund, ihre Aechtheit zu bezweifeln; auch die Angaben über Homer, 
^^ ^r. 66 offenbar nach einer in los einheimischen Sage bringt, können 
^ dem Qefpr&ch vorgetragen worden sein, ohne dass der Verfasser für ihre 
'Wahrheit selbst einstände; man kann daher aus ihnen nicht (mit Nit^oh 
^ Hist. Hom. n, 87. Müller a.a.O. Rose Ar. ps. 79) auf die Unächtbeit der 
Schrift scUieasen. Statt n. noiTjreiv findet sich (Fr. 65. 66. 69 ; vgl. Spenobl 
Abfa. d. Mfinchn. Akad. 11, 213 f. Rittsr Arist. poSt. X. Hsitz 175) auch der 
Titel: n. noititiMrjg ; wenn diess nicht blos von Verwechslung herrührt, weist es 
danwf hin, dass unser Werk kein rein historisches war, sondern mit dem über die 
Dichter gesagten sich Erörterungen über die Dichtkunst verbanden. — Auf die aus 



52 Aristoteles. 

An die Gespräche schliessen sich einige andere Schriften 
an, welche zwar nicht die gleiche Form hatten, welche sich aber 
gleichfalls von den streng wissenschaftlichen Werken durch ihren 



mehreren Büchern bestehenden Dialoge folgt in den Verseichnissen der 
üoliTixos nach D. 4 ans zwei, nach An. 4 aus Einem Buch bestehend 
(Fr. 70, S. 1487. Rose Ar. ps. 80. Bbbnays 153. Hbitjk 189. Fr. Hx. 41); 
hierauf in je E^nem Buch: n. ^riroQix'^g rj rQiklog (D. 5. An. 5), der 
offenbar falsch tt. noUtunj^ ^ rg. y hat, während Pt. 2, b (bei Ibn Abi 
Oseibia) Bt arU £äuH III gibt (Fragm. 57 f. S. 1485. Boss Ar. ps. 76. 
Bern. 62. 157. Heitz 189. Fr. Hz. 41); NiiQiv&og (D. 6. An. 6. Fragm. 
53, S. 1484. Ar. pseud. 78 f. Bern. 84. Heitz 190. Fr. Hz. 42) ohne 
Zweifel von dem didloyos Koqiv&iog nicht verschieden, über den Tusmist. 
or. 33, S. 356 Dind. berichtet, ohne dass man desshalb den Titel zu ändern 
brauchte; ZotfiaTtjg (D. 7. An. 8. Pt. 2. Fragm. 54-56, S. 1484. Ar. 
pseud. 76. Fr. Hz. 42), aus dem nur einige Bemerkungen über Empedokles, 
Zeno und Protagoras erhalten sind; Mevi^ivog (D. 8. An. 10; Fragmente 
sind nicht vorhanden); *Eq(otix6s (D. 9. An. 12. Fragm. 90—93, S. 1492. 
Ar. ps. 105. Heitz 191. Fr. Hz. 43); 2:vfAn6aiov (D. 10. An. 19, wo 
dafür avlXoyiafttbV nur durch Schreibfehler zu stehen scheint Fragm. 107 f. 
S. 1495. Ar. ps. 119. Fr. Hz. 44. Heitz 192, welcher mit Recht zweifelt, 
ob Plct. n. p. suav. v. 13,4 sich auf unsere Schrift beziehe); n. nlovrov 
(D. 11. An. 7. Fragm. 86—89 S. 1491. Ar. ps. 101. Heitz 195. Fr. Hz. 45), 
wahrscheinlich schon von dem Epikureer Metrodor bestritten (wenn nämlich 
bei Philodem. De virt. et vit. IX, col. 22, wie ich mit Spsnobl Abh. d. 
Münchn. Akad. V, 449 und Heitz annehme, n. nlovrov^ und nicht n. 
TioXiTiiag, zu ergänzen ist), aber nie ausdrücklich angeführt (von den Bruch- 
stücken, welche diesem Gespräch angehören können, sondert Heitz Fr. 88 
mit Recht aus); n. €vxvs (D- 14. An. 9. Fragm. 44—46, S. 1483. Ar. 
ps. 67. Fr. Hz. 55. Bern. 122), wovon uns indessen nur Eine mit Sicherheit 
dieser Schrift zuzuweisende Anführung (Fr. 46) vorliegt, die der platonischen 
Erklärung Rep. VI, 508, £ f. zu nahe steht, um zur Verwerfung derselben 
Anlass zu geben. 

2) Diess gilt unbedingt von dem Gespräch n. tvytvelag (D. 15. 
An. 11. Pt 5. Fragm. 82—85, S. 1490. Ar. ps. 96. Bern. 140 t Heitz 202. 
Fr. Hz. 55), das schon Plut. Arist 27 bezweifelt, es müsste denn, wie Hbits 
anzunehmen geneigt ist, die Behauptung, dass darin von der Doppelehe des 
Sok|ates gesprochen wurde (worüber II, a, 51, 2), auf einem groben Miss- 
verständniss beruhen ; was mir nicht wahrscheinlich ist, da jene Fabel gerade 
in der peripatetischen Schule so häufig und so früh vorkommt Wie 
es sich mit der Aechtheit der andern vor. Anm. besprochenen Grespräche ver- 
hält, lässt sich bei den wenigsten auch nur mit annähernder Sicherheit 
bestimmen, entscheidende Zeichen der Unächtheit scheinen mir bei keinem 
vorzuliegen. 



Schriften: Protreptikos u. a. 63 

populäreren Ton unterschieden zu haben scheinen, und wenig- 
stens theUweise der gleichen Zeit angehörten, wie jene ^). 



1) In denselben Jahren, wie derEndemns, ist wohl der nqoTQimixoQ 
\D. 12. An. H. Ft. 1, wo demselben vielleicht dnrch Verwechslung mit dem 
Geiprich n, (fiXoaotplag 3 Bücher gegeben werden, ohne dass wir doch den 
Titel desshalb mit Hbitz anf dieses Gespräch selbst beziehen durften. Fragm. 
47-50 S. 1483. Fr. Hz. 46) verfasst worden, der nach Teles (um 250 
V. Chr.) b. Stob. Floril. 95, 21 an den cyprischen Fürsten Themiso gerichtet, 
ond schon Zeno und seinem Lehrer Krates bekannt war. Dass diese Schrift 
nicht, wie Rose (Arist. ps. 68 mit einem Jortatte)^ Bywater (Jonm. of 
Pkilol. II, 55 ff.) und Usener (Rhein. Mus. XXVIII, 392 if.) annehmen, 
an Gespräch, sondern ein fortlaufender Vortrag war, ist mir mit Heitz 
(196) und R. Hirzel (über d. Protr. d. Ar. Hermes X, 61 ff. — Bermays 
116 entscheidet sich nicht) wahrscheinlich: theils weil Teles sagt: xov 
-^^m, TtQOTQtnrixov ov fy^axf/s n^g Bifilftwva (ein Gespräch kann man, 
wie ein Drama, zwar jemand widmen, tivl Tr^ogy^dtpeiv, aber nicht an 
jem&nd richten, n^og riva yQa(psiv), theils weil alle andern uns bekannten 
^^T^Tiiutoif so viel wir wissen, Vorträge, nicht Gespräche waren; denn 
>nch der pseudoplatonische Elitophon macht mit seinem unpassenden Neben- 
^tsl n^ojQenTixos (Thrasyll. b. Dioo. III, 60) keine Ausnahme: er ist 
gleichfalls kein Gespräch, sondern eine Rede, die nur mit ein paar dialogi- 
schen Worten eingeführt wird, und kann desshalb mindestens ebensogut 
^^T^iTiTuede genannt werden, als der Menexenns, mit seiner längeren dia- 
logischen Einleitung, "Enitaffiog (Thras. a. a. O. Arist. Rhet III, 14. 1415, 
^1 30). Wenn er aber Cicero lür seinen Uortensius zum Vorbild diente 
(Script bist. ang. v. Sal. Gallieni c. 2), fragt es sich, ob diess auch von 
winer dialogischen Form gilt Wie Usemer a. a. O. zeigt, hat ihn Cicero 
^^h fär den Traum Scipio's, Rep. VI, benützt, ebenso, wenigstens mittelbar, 
^sorin d. natw 18, 11, und nach By waters Nachweisungen a. a. O., die 
Aber Hirzel modificirt, Jamblich für seinen Protreptikus. — Verwandten 
^ti war, wie es scheint, n. naiSiCag (D. 19. An. 10. Pt. 4. Fragm. 
^1 t, 8. 1484. Ar. ps. 72. Heitz 307. Fr. Hz. 61). Ob n. Ti^ovTJg (D. 16 
^Sl 66. An. 15. Ft. 16. Heitz 208. Fr. Hz. 59) ein Gespräch war, können 
^ nm so weniger benrtheilen, da nichts davon erhalten ist. Dagegen war 
^* tQ Alezander gerichtete, wie es scheint, schon von Eratosthenes (b. 
^'«ABo 1,4,9. S.66) berücksichtigte Schrift TT. ßaatXeiag (D. 18. An. 16. 
^t 7. Fragm. 78 f., S. 1489; auch Fr. 81 scheint aber hierher z^ gehören. 
^^* Hz. 59) wohl eher eine Abhandlung (Heitz 204), als ein Dialog (Rose 
^•pt. 93 f. Bernayb 56); wogegen der Titel "AXi^avS^og ^ vnkQ 
I^<e0 anolxtav ['Xiiuv'] (D. 17. Fragm. 80. Bern. 56. Heitz 204. 
^' Hx. 61) allerdings, wenn er in Ordnung ist (Heitz 207 vermathet: 
^^ UX^, vnk^ anolxoiv xal n, ßaOiXiCag^ ich würde itn. dnoix. d. n, 
Mii. d lassen), eher auf ein Gespräch deuten würde. Einige andere von 



54 Aristoteles. 

Aus demselben Zeitraum muss die Schrift über das G-ute^) 
herstammen, ein Bericht über den Inhalt platonischer Vorträge ^, 
dessen Aechtheit zu bezweifeln das wenige, was aus ihm und 
über ihn milgetheilt wird, keinen Grund gibt^). Unsicherer ist 

BosE gleichfaUs anter die Dialogen aufgenommene Stücke werden später 
aufgeführt werden. 

1) /7. taya^ov nach D. 20 in 3, nach An. 20 in 1, nach Pt. S in 
5 Büchern; Alex, zn Metaph. IV, 2, 1003, b, 36. 1004, b, 34. 1005, a, 2 
fuhrt wiederholt B. 2 an, und die stehende Bezeichnung bei Citaten ist: 
iv tolg n, Tay. Wir kennen diese Schrift ausser den Verzeichnissen 
nur aus den Commentatoren des Aristoteles, deren Angaben Brandis (De 
perd. Arist libr. de ideis et de bono. 6r.-röm. Phil. II, b, 1, 84), Erische 
(Forsch. I, 263 ff.), Rose (Ar. ps. 46 ff. Ar. Fragm. 22—26, S. 1477 f.) und 
Hbitz (S. 209 ff. Fr. 79 f.) gesammelt und besprochen haben. Indessen hat 
schon Brandis (perd. Ar. 1. S. 4. 14 f.) gezeigt, dass kein Ausleger nach 
Alexander die Schrift selbst in Händen gehabt hat; und auch von Alexander 
bezweifelt es Hbitz 213 f., weil er die von Arist. Metaph. IV, 2, 1004, e, 2 
erwähnte (später zu berührende) ixXoyrj rwf ivavriütv bald von dem zweiten 
Buch n. jayad-ov unterscheide (S. 206, 19 Bon.), bald in diesem suche 
(S. 218, 10. 14). Mir scheint jedoch aus diesen Stellen nur hervorzugehen, 
dass ihm eine ^Exloyi] xwv ivavrltov als besondere Schrift nicht bekannt 
war, wogegen er aus dem 2. Buch n, rayad-ov eine Erörterung kannte, auf 
welche sich Aristoteles a. a. O. seiner Meinung nach hätte berufen können, 
und dass er desshalb darüber nicht sicher war, ob das aristoteUsche Citat 
auf dieses oder^iiuf eine eigene Abhandlung gehe; was jedenfalls eher für 
als gegen seine Bekanntschaft mit den Büchern über das Oute spricht. Wenn 
SiHPL. De an. 6,b, u. Philop. Dean. C,2 (Arist Fragm. 1477, b, 35) Suid. aya^. 
S. 35, b glauben, bei Abist. De an. I, 2. 404, b, 18 (Th. n, a, 636, 4) gehen die 
Worte : ^v rolg mgl (piloao(p{ag liyofjiivois auf unsere Schrift, während sie sich 
vielmehr auf platonische Vorträge beziehen, so beweist dieses Missverständniss 
allerdings, dass sie jene Schrift nur aus dritter Hand kannten. Rose^s Meinung, 
sie habe zu den Gesprächen gehört, hat Heitz 217 f. widerlegt. Ob Arist 
seine Aufzeichnung über die platonischen Vorträge noch bei Lebzeiten anderen 
mittheilte, oder ob sie erst nach seinem Tode bekannt wurde, wissen wir 
nicht; nur wenn die von ihm angeführte ixloyri rtS lvavt((ov in ihr stand, 
müsste das erstere angenommen werden. Dass die Schrift vor dem Ende 
des dritten Jahrhunderts v. Chr., und jedenfalls vor Andronikus, im Ge- 
brauch war, erhellt, nach dem S. 50 ff. bemerkten, aus ihrer Erwähnung im 
Verzeichniss des Diogenes. 

2) Der II, a, 362, 2. 596, 3 nach Aristoxenus und anderen besproche- 
nen. Ausser Arist. werden von Simpl. Phys. 32, b. 104, b (Schol. 334, 
b, 25. 862, a, 8) Speusippus, Xenokrates, Heraklides und Hestiäus als solche 
genannt, die den Inhalt jener Vorträge niederschrieben. 

3) Wie ich diess Th. II, a, 805, 4 gegen Susemihl Genet. Entw. d. 
plat. Phil, n, 533 ff. zu zeigen versucht habe. 



Schriften ans der früheren Zeit. 55 

dk Ab&ssongszeit des Werkes über die Ideen ^), das Aristoteles 
selbst allem Anschein nach in der Metaphysik ^) berücksichtigt 
und Alezander noch in Händen gehabt hat '). Dagegen werden 
die Auszüge aus einigen platonischen S9hriften ^) und die Mono- 
graphieen über firühere und gleichzeitige Philosophen*), so weit 

1) Die griechiBchen Verzeichnisse (D. 54. An. 45) nennen dieses Werk 
n.jij; td^ag oder tt. iS^ag nnd geben ihm nnr Ein Bnch; dagegen fuhrt 
Alex. Metaph. 564, b, 15 Br. 59, 7 Bon. das erste, 573, a, 12 (73, It) das 
xweite, nnd 566, b, 16 (6^, 15} das vierte Buch n, iSetiv an; statt des 
letzteren ist aber wohl (mit Rose Ar. ps. 191. Ar. Fragm. 1509, b, 36) das 
ente {ji statt z/) zn setzen. Zwei Bücher gibt der Schrift „tt. toüv fMcur*' 
Snaix in Metaph. 901, a, 19. 942, b, 21. Keine andere wird auch Ptol. 14 
mit den 3 Büchern Ik nnaginibut utrum exittant an non meinen, wenn auch 
die Bezeichnung „/art aiduln** yermuthen lässt, der Araber habe statt n, 
üSiv „71, ildtüXwv^*^ gelesen. Die Bruchstücke b. Rose Ar. ps. 1S5 IT. Ar. 
FrigÄ. 180—184, S. 1508. Fr. Hz. 86 f. 

2) I, 990, b, 8 ff., wo nicht allein Alexander diese Beziehung annimmt, 
sondern auch der aristotelische Text den Eindruck macht, dass auf eine 
den Lesern schon bekannte ausführlichere Darstellung der für die Ideenlehre 
geltend gemachten Grunde Rücksicht genommen werde. 

3) BosE bestreitet diess (Ar. ps. 186); aber die eigenen Aussagen 
Alexanders sprechen dafür; so namentlich Fr. 183, Schi. 184, Schi. 

4) r« Ix Ttov vofiMv nXatiovog 3 (D. 21) oder 2 (An. 23) B. 
7*« U r^c noXittCag a ß' (D. 22. Prokl. in Remp. 350. Ar. Fragm. 
176,8. 1507). Ta ix tov TifxaCov xal tmv 14qxvt€C(ov (oder: xat 
'-^^vTov. D. 94. An. 85. Simpl. De coelo, Schol. 491, b, 37: ai}Vo\\fiv ij 
hiToiiiiy jov TtfjLaCov YQUifHV ovx antj^ittai). Vgl. Fr. Hz. 79. 

5) n. Ttiv IIvS-ayoQiCtov D. 101. An. 88, ohne Zweifel das gleiche 
Werk, welches auch Zwayfoyi] rwv ITv^ayo^iotg agfoxorrtov (Simpl. De 
coelo Scliol. 492, a, 26. b, 41 ff.), nv&ayogcxa (Ders. ebd. 505, a, 24. 35), 
nv^uyoQtxog (oder -oy, Theo Arithm. 5), tt. rijg Jlv&ayo^ixav do^g 
(^ux. Metaph. 560, b, 25 Br. 56, 10 Bon.), n, Ttjg Uvd'ayoQtxijg tpiloaoiplag 
(Jajibl, t. Pyth. 31) genannt wird. Vielleicht nur ein Theil dieser Schrift 
^ die von Diog. 97 besonders aufgeführte: nQog rovg JIv&ayoQeiovg ; Diog. 
wenigstens gibt jeder von beiden nur Ein Bach, während Alexander und 
Sioplicios das zweite Buch über die pythagoreische Philosophie anführen. 
^>ch die Ton Dioo. VIII, 34 vgl. 19 überlieferte Angabe wird dem Werk 
über die Pjrthagoreer entnommen sein, mag man nnn iv r^ neQl xvdfimv 
(itin der Erörterung über das Bohnenverbot**) oder mit Cobet blos n. xvafji, 
1<*^ Was sonst aus diesem Werk mitgetheilt wird, findet sich bei Rose 
Ar. ps. 193 ff. Ar. Fr. 185—200, S. 1510 f. Fr. Hz. 68. — Drei Bücher 
*• T^ff W^;ifi;T«/oü (oder -vroi/) (piloaoffCag (D. 92. An. 83. Pt. 9. 
fio«E Ar. ps. 211. Fr. Hz. 77). Ta ix rwr l4^;^t;r £/Qir s. vor. Anm, 
O^ogrä jiXxfiaitovog (D. 96. An. 87). — IlQoßXrj fiara ix rtSr 

ZelUr. PUlot. d. Gr. U. Bd. 2. Abth. 8. Aafl. 5 



QQ Aristoteles. 

sie acht waren ^)y jedenfalls zum grösseren Thdl während Aristo- 
teles' erstem Aufenthalt in Athen oder doch vor seiner Rück- 
kehr aus Macedonien verfasst sein. Eine angebliche Sammlung 
platonischer Emtheilimgen war jedenfalls unterschoben *). 

^IrifioxQiTov 7 (oder 2) B. (D, 124. An. 116). Rose Ar. ps. 213. Ar. 
Fr. 202, S. 1514. Fr, Hz. 77.) /Zpof rä M^lCaaov (D. 95. An. 86); 
ng. ra roQyiov (D. 98. An. 89); tiq. t« Sivoifavovs (Codd. -XQarovi 
I). 99); TiQ. Ttt Zrivtovog (D. 100), unsere Schrift De Melisse n. s. f.; 
zu der aber ansser dem verlorenen Abschnitt über Zeno auch ein diesem 
vorangehender, von Philop. Phys. li, 9, u. mit einem y«al als ßißKor 
TtQOs TTjV IlaQfiivCdov öo^ttV angeführter gehört zn haben scheint. Ueber 
die Benützung dieser Schrift durch Simplicius vgl. Th. I, 474 f. — iZf^r 
T^f SmvaCnnov xnX SivoxQarovs (sc. (filoaotfias) D. 93. 

An. 84. 

1) Wie es sich damit verhielt, lässt sich bei den Schriften, von denen 
uns nur die Titel überliefert sind, nicht ausmachen; denn einerseits ist es 
nicht unmöglich, dass sich unter den nachgelassenen Papieren des Arist. 
Auszüge aus philosophischen Schriften und Bemerkungen über einzelne 
Philosophen fanden, die er beim Studium derselben niedergeschrieben hatte^ 
und dass von diesen Abschriften genommen wurden, andererseits können 
nber auch derartige Arbeiten fälschlich mit seinem Namen geschmückt wor- 
den sein. Dass das letztere bei den in unserer Sammlung befindlichen Ab- 
handlungen über die elea tischen Philosophen der Fall war, habe 
ich Th. I, 464 ff. gezeigt. Schwerer lässt sich die Aechtheit der Schrift 
über die Pjthagoreer beurtheilen. Wären darin alle die Fabeln, welche 
Fr. 186 bringt (vgl. oben Th. I, 285, 2), als Thatsachen erzählt worden, so 
könnte der Bericht freilich unmöglich von Arist. herrühren; aber bei der 
Beschaffenheit unserer Zeugen ist es sehr denkbar, dass sie erst zur Ge- 
scliichte machten, was er nur als pythagoreische Ueberliefenmg erwähnt 
hatte. Ebenso sind die Deutungen pythagoreischer Symbole Fr. 190 f. und 
das, was Isidor b. Clemens Strom. VI, 641, C (Fr. 188) falschlich Aristo- 
teles selbst beilegt, blosses Referat. Was andererseits über die pythagoreische 
Lehre aus jener Schrift angeführt wird, gibt keinen Grund zu ihrer Ver- 
werfung; auch der scheinbare Widerspruch zwischen Fr. 200 (Simpl. De 
coelo, Schol. 492, b, 39 ff.) und Arist. De coelo II, 2. 285, b, 25 lässt sich 
heben (vgl. Th. I, 40S, 1), selbst ohne dass man zu Alexanders Ver- 
muthung einer Verwechslung im Text der Stelle seine Zuflucht nimmt, die 
allerdings Fr. 195 (Simpl. a. a. O. 492, a, 18 ff.) für sich hat. 

2) Dieselbe wird unter nnsem Verzeichnissen nur von Ptol. 53 als i>t>/«io 
(wofür früher unrichtig ju^'urandum oder tettttmuUum übersetzt war) FUUoms 
erwähnt, war aber vielleicht identisch mit den sonst genannten aristotelischen 
JiaigiaHg (vgl. S. 78, 4). Eine solche Schrift, offenbar eine spätere Re- 
cension der von Diog. III, 80 ff. für seine Darstellung des platonischen 
Systems benützten pseudoaristotelischen, theilt Rose Arist pseud. 677 — 695 



[49] Logische Schriften. 67 

lieber afle diese Schriften ragen aber an geschichtlicher Be- 
deutung die Werke, welche das eigene System des Philosophen 
in streng wissenschaftlicher Form darstellten, schon desshalb 
weit empor, weil sie allein ihrer Mehrzahl nach die ersten Jahr- 
hunderte der christlichen Zeitrechnimg überdauert und dadurch 
dem Mittelalter und der Neuzeit die urkundliche Kenntniss der 
aristotelischen Philosophie vermittelt haben; was sie ihrerseits in 
erster Reihe dem Umstand zu verdanken haben werden, dass 
diese Philosophie hier erst in der ausgereiften Gestalt und der 
systematischen Form niedergelegt war, in der sie ihr Urheber 
während seiner Lehrthätigkeit in Athen mitgetheUt hatte. 

Vergegenwärtigen wir uns nun, was uns von diesen Wer- 
ken noch erhalten oder anderweitig bekannt ist, so begeg- 
nen uns zunächst jene wichtigen Werke, welche die Grund- 
lage der ganzen späteren Logik bildeten: 1 über die Haupt- 
kkssen der Begriffe^), die Bestandtheile und die Arten der 

uu einer MarciaDischen Handschrift n. d. T. ^fiaiQ^aeig ^Aqiorozikovg and 
nach ihm Heitz Fragm. 91 ff. mit. Weiteres darüber Th. II, a, 382. 

1) Der Titel der Schrift, welche dieser Erörterung gewidmet ist, lantet 
nach der gewöhnlichen, wahrscheinlich richtigen Angabe: Karriyo^lat. 
I^neben finden sich aber auch die Ueberschriften : n. rtav xaTfiyoQitJV, 
»ttniyo^air d{xaj zr. töHv J/x« xaTtiyoQidjVj n. twv Ja« yfywv, n, tdv 
ytvw 10V ovTog, xarriyoQfai ijTOi n. tdOv S^xa y€vtx(OTttT(üV yercur, n. ruh 
xa^olov XoytoVj tiqo twv ronixöiv (oder ro/riuy); vgl. Waitz Ari8t.Org.I,81 und 
SuiFL. in Cat. 4, ß Bas. David Schol. in Ar. 30, a, 3. Die Ueberschrift: t« ttqo 
rwuTiw kannte nach Simpl. a. a. O. 95, C- Schol. 81, a, 27, mit dem Boetu. in 
pfMi IV, Anf. 8. 191 offenbar aus der gleichen Quelle (Porphyr) geschöpft 
^^ schon Andronikus. Herminus (um 160 n. Chr.) hatte ihr vor der ge- 
wöhnlichen den Vorzug gegeben (David Schol. 81, b, 25. Dioo. 59. An. 57 
nennen ra ngb röüv rontov neben den KanjyoQ^ai, [D. 141. An. 132. Pt. 25, b] 
n^ scheinen diese nicht damit zu meinen). Andronikus hat aber wahrschein- 
Hch richtig gesehen, wenn er diesen Titel (nach Simpl. a. a. O. Schol. 81, 
h 27) mit dem unächten Anhang der sog. Fostprädikamente (s.u.) in Verbindung 
brachte; mag derselbe nun (wie er annimmt) von dem Verfasser dieses An- 
't'n^ selbst oder von einem anderen herrühren, der die ursprüngliche Be- 
idchnang für die um denselben vermehrte Schrift zu eng fand. Auf seine 
^tejrorieenlehre verweist Arist. De an. I, 1. 5. 402, a, 23. 410, a, 14. Anal, 
pri. I, 37 (die Stellen sind tiefer unten, S. 189, 2 2. Aufl. angeführt) als auf 
ctwu den Lesern bekanntes, und das gleiche setzt er (wie a. a. O. gezeigt 
ut) Aach an anderen Stellen voraus; wobei doch immer die Annahme zu- 
nächst liegt, dass er sich darüber in einer ihnen zugänglichen Schrift aus- 
gesprochen habe. Bestimmter erinnert £th. N. II, 1, Anf. an Kateg. c. 8 

5* 



68 Aristoteles. [49. 50] 



(vgl. Trends LBNBUBO Hist. Beitr. I, 174), wogegen Eth. End. I, 8. 1217, 
by 27 allerdings anch auf eine Schrift des Eademus gehen kann, nnd Top. 
IX (soph. el.), 4. 22. 166, b, 14. 178, a, 6 sich ohne Zweifel auf die in 
derselben Schrift, Top. I, 9, Anf., gegebene Aufzählung bezieht; die aber 
freilich, so kurz und unerläutert, wie sie dasteht, gleichfalls auf eine frühere 
etwas eingehendere Auseinandersetzung hindeutet. Nach Sixpl. Categ. 4, C- 
Schol. 30, b, 36. David Schol. 30, a, 24 hätte Ar. unseres Buchs auch in 
einer andern (jetzt verlorenen) Schrift u. d. T. KatrjyoQiai oder ^ixa Kar. 
erwähnt Nach seinem Vorgang sollen Eudemus, Theophrast und Phanias 
nicht allein Analytiken und Schriften | tt. *EQ/nfive(agf sondern auch Kategorieen 
geschrieben haben (Ammon. Schol. 28, a, 40. Ders. in qu. v. Forph. 15, m. 
David Schol. 19, a, 34. 30, a, 5. Anon. ebd. 32, b, 32. 94, b, 14), was aber 
freilich in Betreff Theophrasfs von Bramdis (Bhein. Mus. I, 1827, S. 270 f.) 
mit Grund bestritten, und auch fiir Eudemus bezweifelt wird. Dass Strato 
c. 12 der Kategorieen berücksichtigte, lässt sich aus Simpl. Cat 106, a. 107, 
a, ff. Schol. 89, a, V. 90, a, 12 ff. nicht beweisen. Dagegen haben die alten 
Kritiker die Aechtheit unserer Schrift nicht bezweifelt, während sie eine 
zweite Becension derselben verwarfen (Simfl. Cat. 4, C- Schol. 39, a, 36. 
Anon. ebd. 33, b, 30. Philop. ebd. 39, a, 19. 142, b, 38. Ammon. Cat 13. 17. 
BoETU. in praed. 113 Bas., sämmtlich nach Adrastus, einem geschätzten 
Ausleger um 100 n. Chr. vgl. Fr. Hz. 114); nur Schol. 33, a, 28 ff. scheinen 
Zweifel berücksichtigt zu werden, die aber schwerlich von Andronikus her- 
rühren. Allerdings zeigt aber die innere Beschaffenheit des kleinen Buches 
manches auffallende, worauf sich Spenoel (Münchn. Gel. Anz 1845, 41 ff.), 
Prantl (Gesch. d. Logik I, 90, 5. 204 ff. 243) und Rose (Arist libr. ord. 
232 ff.) gestützt haben, um seine Aechtheit zu bestreiten; nach Praktl 
(S. 207) kann sein Verfasser nur* in „irgend einem peripatetischen Schul- 
meister*' aus der Zeit nach Chrysippus gesucht werden. Nicht alles freilich, 
was fiir diese Ansicht vorgebracht ist, dürfte einer strengeren Prüfung Stand 
halten. Wenn Prantl z. B. S. 207 f. an der Zehnzahl der aristotelischen 
Kategorieen Anstoss nimmt, so sind doch Top. I, 9 die gleichen zehn 
Kategorieen angegeben, und nach Dexipp. in Cat. 40. Schol. 48, a, 46. 
Simpl. ebd. 47, b, 40 hatte Aristoteles dieselben auch noch in anderen 
Werken genannt; und nimmt auch der Philosoph in der Regel nur einen 
Theil der 10 Kategorieen in Gebrauch, so kann er darum doch, wo es ihm 
um Vollständigkeit zu thun ist, sie alle aufgeführt, oder er kann auch Arüher 
ihrer mehr gezählt haben, als später. Eine fest abgegrenzte Zahl derselben 
setzt er durchweg voraus. (Vgl. S. 189 2. Aufl.) Wenn die Kategorieen von 
divnqai ovalai, reden, so entsprechen diesem Ausdruck anderswo nicht 
allein nq6irai, ovafai, (z. B. Metaph. VII, 7. 13. 1032, b, 2. 1038, b, 10), 
sondern auch t^Crai ovaCai (ebd. VII, 2. 1028, b, 20. 1043, a, 18. 28); nnd 
wenn sie c. 5. 2, b, 29 sagen: eixotti^ . . . fiova . . . r« Mri jrol ra yirti 
divxiqai ovalai l4yovrat^ so braucht man diess nicht zu übersetzen: mit 
Recht ist für die Gattungen der Ausdruck d^vt, ovalai gebräuchlich (der 



[51] Logische Schriften. 69 

Sätze ^), über die Schlüsse und das wissenschaftliche | Verfahren 



freilich Tor Aristoteles nicht gebräuchlich gewesen sein kann)| sondern der 
Sinn ksnn anch der sein : wir haben Grand, als eine zweite Klasse von 
Snbsttiuen nar die Gattungen und Arten gelten zu lassen. Wenn Kat. c. 7. 
8, a,31. 39 bemerkt wird, ein ttqos rt seien strenggenommen nur die Dinge, 
welche nicht blos überhaupt zu einem andern in einem bestimmten Verhält- 
nis stehen, sondern deren Wesen in dieser Verhältnissbeziehung aufgehe 
{ois ro tlrair rayrov itnir r^ nQog ri natg ^JC^^v\ so braucht man hierin 
am so weniger stoische Einflüsse zu vermuthen, da das ngos rl nats ^X^^^ 
Mch Top. VI, 4. 142, a, 29. c. 8. 146, b, 4. Phys. VII, 3, 247, a, 2. b, 3. 
£tb. N. L 12. 1101, b, 13 ebenso vorkommt Nichtsdestoweniger lassen sich 
schwerlich alle Anstösse beseitigen. Aber doch trägt die Schrift im ganzen 
ein äberwiegend aristotelisches Gepräge, sie ist namentlich der Topik an 
Ton ond Inhalt verwandt, und auch die äusseren Zeugnisse sprechen ent- 
schieden zu ihren Gunsten. Ich glaube daher nicht, dass sie als Ganzes 
onterschoben ist, und möchte mir das, was uns in ihr als unaristotelisch 
anffillt, lieber durch die Annahme erklären, ihr ächter Grundstock reiche 
DU bis c. 9. 1 1, b, 7, das weitere aber sei in der uns allein erhaltenen Kecension 
weggelassen und durch die kurzeBemerkungc. 9. 11« b, 8 — 14 ersetzt worden. 
Von den sog. Postprädikamenten (c. 10—15) hat schon Andronikus behauptet 
(SixpL. a. a, O. Schol. 81, a, 27. Ahmon. ebd. b, 37), und in der Polge 
BsjütDis (Ueb. die Beihenfolge d. Bücher d. arist. Organon. Abh. d. Berl. 
Abd. Hist phil. KL 1833, 267 f. gr.-röm. PhU. II, b, 406 ff.) nachgewiesen, 
^ sie von fremder Hand beigefugt sind ; ob aus aristotelischen Bruch- 
Stöcken, wie er annimmt, ist eine andere Präge. Ebenso machen aber die 
Sehlnitworte c. 9. 11, b, 8—14 ganz den Eindruck, an die Stelle von Er- 
örtenmgen getreten zu sein, welche der Ueberarbeiter auswarf, indem er 
zQ^ich dieses Verfahren durch die Bemerkung rechtfertigte, sie haben nichts 
enthalten, was nicht schon in dem früheren vorgekonunen sei ; und so kann 
toch in dem Uauptkörper der Schrift einzelnes von ihm weggelassen oder 
gefügt sein; manche Ungelenkigkeit der Darstellung und des Ausdrucks 
^'Aon aber anch davon herrühren, dass die ELategorieen die früheste unter 
<len logischen Schriften und vielleicht längere Zeit vor den Analytiken 
verfasst sind. 

1) n. 'EQfifiPiitts, Diese Schrift wurde in älterer Zeit (nach Albx. 

Anal, pri« 52, a, u. Schol. in Ar. 161, b, 40. Ammom. De Interpret 6, a, n. 

ekd. 97, b, 13. Boeth. ebd. 97, a, 28. Anon. ebd. 94, a, 21. Philop. De 

tt* A, 13, o. B, 4, n.) von Andronikus, neuerdings von Qcmposoh 

(iib. d. Logik und d. log. Sehr. d. Arist. Lps. 1839. S. 89 ff.) und Boss 

(a» a. O. 232) Aristoteles abgesprochen; Brahdis (aogeC Abh. 263 ff. vgl. 

David SchoL in Ar. 24, b, 5) hält sie für einen unvollendeten Entwurf des- 

idben, welchem c. 14, schon von Animonins verworfen und von Porphyr 

(Ajocom. De Interpret. 201, b, Schol. 135, b), wahrscheinlich 



70 Aristoteles. [52] 

im ganzen^), über den Wahrscheinlichkeitsbeweis *), | die Trug- 



von fremder Hand beigefügt sei. Die äusseren Zeugnisse sind günstig genug, 
da nicht allein die Verzeichnisse (D. 142. An. 133. Pt. 2) unser Buch fiber- 
einstimmend enthalten, sondern auch Theophrast in der Abhandlung ticq) 
xaratpaffetos xal anotpaaeats (Dioo. V, 44) es berücksichtigt haben soll, 
(Alex, ^uel, pri. 124, a, u. Schol. 183, b, 1; ausführlicher, nach Alex., 
BoETH. ebd. 97, a, 38. Anon. Schol. in Ar. 94, b, 14( vgl. das Scholion b. 
Waitz Arist. Org. I, 40, welches zu De interpret. 17, b, 16 bemerkt: ngog 
rpvro (fTjrnv 6 S^otfQaarog n. s. w. auch Ammon. De interpret. 73, a, m, 
128, b, u.). Auch Ecdemüs tt. Af^itog (Alex. Anal. pri. 6, b, m. Top. 38. 
u. Metoph. 63, 15 i5on. 566, b, 15 Brand. Anon. Schol. in Ar. 146, a, 24) 
könnte unserem Buch (nicht, wie das Söholion S. 94, b, 15 will, den Kate- 
gorieen) nachgebildet gewesen sein, vgl. was vor. Anm. aus Ammonics u. a 
angeführt wurde. Indessen ist nicht blos die letztere Annahme ganz un- 
sicher, sondern auch die Angabe über Theophrast steht nicht unbedingt fest. 
Denn aus den angeführten Stellen selbst geht hervor, dass er die Schrift 
n. iQfd. nicht genannt hatte; sondern Alexander glaubte nur aus der Art, 
wie er das Thema derselben in der seinigen behandelt hatte, auf ihre Be- 
. rücksichtigung schliessen zu dürfen, ob er aber dazu ein Recht hatte, wissen 
wir nicht. Noch weniger beweist das Scholion bei Waitz, dass sich die dort 
angeführte hemerkung Theophrast's gerade auf die Stelle unseres Buches, 
und nicht ganz allgemein auf den von Aristoteles öfters besprochenen Satz 
des ausgeschlossenen Dritten (s. u. 157, 5 2. Aufl.) bezieht. Andererseits ist 
es aufifallend, dass die Abhandlung n, iQfi.y während sie selbst in keiner 
andern aristotelischen Schrift angeführt oder in Aussicht gestellt wird (vgl. 
ßoNiTZ Ind. arist. 102, a, 27), ihrerseits neben der ersten Analytik (c. 10. 19, 
b, 31. Anal. 46. 51, b, 36) und der Topik (c. 11. 20, b, 26. Top. IX, 17. 
175, b, 39 — die Erwähnung der Rhetorik und Poetik c. 4. 17. a, 5 enthält 
keine Beziehung auf die entsprechenden aristotelischen Werke), auch die 
Schrift von der Seele (c. 1. 16, a, 8), und zwar diese für einen Satz an- 
fuhrt, dessen Besprechung weder die alten Gegner des Andronikus noch die 
neueren Gelehrten darin nachzuweisen vermocht haben (vgl. Bonitz Ind. 
arist. 97, b, 49, dessen Vorschlag mich abe^ auch nicht befriedigt). Dazu 
kommt, dass die Schrift zwar ihrem Inhalt nach mit der aristotelischen 
Lehre durchaus übereinstimmt, aber sich vielfach über Sätze der elemen- 
tarsten Art in schulmässigen Erörterungen verbreitet, wie sie Aristoteles, 
sollte man glauben, in der Zeit, in welche ihre Abfassung fallen muaste. 
nicht mehr nöthig gefunden hätte. Es fragt sich daher, ob sie von ihm oder 
einem andern herrührt, oder vielleicht auch (wie Gkamt vermuthet, Aristotel. 
57) auf Grund mündlicher Vorträge, bei denen das Bedürfhias der Anfänger 
mitberücksichtigt wurde, von einem seiner Schüler niedergeschrieben worden ist 
1) Von den Schlüssen handeln die *u4vaXvT&xtt n gortQu, vom 
wissenschaftlichen Verfahren die L^yaJl. vürtQa in je zwei Büchern. Dass 
Dioo. Nr. 49. An. 46 der ersten Analytik neun Bücher geben (während sie 



[53] Logische Schriften. 71 



An. 1S4 noch einmal mit 2 Büchern aufführt), rührt yielleicht nur von einer 
tndero Einüieiliiiig her; möglich aber auch, dast dabei andere Btfarbeitangen 
dieser Schrift mitgezahlt sind : nach dem Ungenannten Schol. in Ar. 33, b, 
32 Tgl David ebd. 30, b, 4. Philop. ebd. 39, a, 19. 142, b, 3S. Simpl. 
Categ. 4, C hatte Adraatns 40 Bücher Analytiken erwähnt, von denen unsere 
Tier allein als acht anerkannt wurden. Das^ sie diess sind, kann auch 
keinem Zweifel unterliegen, und ist ausser ihrer innem Beschaffenheit auch 
dsreh die eigenen Anführungen des Ari8toteles und durch den Umstand zu 
erweisen, dass schon seine ersten Schüler mit Beziehung auf dieselben ähn- 
üehe Werke verfasst haben (vgl. S. 68. Brandib Rhein. Mus. von 
Niebohr und Brandis I, 267 if.) So kennen wir von Eudemus ehie 
Analytik (Alex. Top. 70, u.), und von Theophrast wird das erste Buch 
seiner nQoriQa ^Avalvrixa angefahrt (Albx. Anal. pri. 39, b, u. 51, a, o. 
ist, b, o. Schol. 15S, b, 8. 161, b, 9. 184, b, 36. Simpl. De coelo, Schol. 
h09y a, 6); von beiden theilt Alexander in seinem Commentar zahlreiche 
Bestimmungen mit» in denen sie die aristotelische erste Analytik ergänzten 
oder ferbesserten (s. u S. 648 if. 2. Aufl. Theophrast Pragm. ed. Wibcmer 
S. 177 f. 229. Eud. Fr. ed. Spenoel S. 144 ff.); für die zweite Analytik 
fehlen uns gleich sorgfältige Nachweisnngen, doch werden von Alexander 
(bei einem Ungenannten Schol. in Ar. 240, b, 2 und bei Ecstbat. ebd. 242, 
t, 17), TuEMisT. (ebd. 199, b, 46), Philop. (ebd. 205, a, 46) Aeusserungen 
Theophrast' 8, von einem Ungenannten ebd. 248, a, 24 eine Bemerkung 
des EüDEMCs angeführt, welche sich sämmtlich auf dieses Werk zu beziehen 
seheinen; und wenn sich von Theophrast nicht allein aus dem Titel der 
-^fnlvTtXtt nqottqa^ sondern auch aus ausdrücklichen Zeugnissen (Dioo. V, 
42. Galbic. Hippocr. et Plat II, 2. Bd. V, 213 K. Alex. qu. nat. I, 26) 
ergibt, dass er neben seiner ersten auch eine zweite Analytik schrieb, so 
^^ er bei dieser ebensogut, wie bei jener, dem aristotelischen Vorgang 
gefolgt sein. Aristoteles selbst citirt die beiden Analytiken mit dieser Be- 
zeiehonng Top. VIII, 11. 13. 162, a, II. b, 32. soph. el. 2. 165, b, 8. Rhet. 
\ 2. 1356, b, 9. 1357, a, 29. b, 24. II, 25. 1403, a, 5. 12. Metaph. VII, 12, 
Ai£ Etfa. N. VI, 3. 1139, b, 26. 32; ebenso De interpr. 10. 19, b, 31. M. 
^.11, 6, 1201, b, 25. £th. Eud. I, 6. 1217, a, 17. II, 6. 1222, b, 38. c. 
1^ 1227, a, 10 (weitere Verweisungen, ohne Namen, b. Bonitz Ind. arist. 
1^1 1, 30 ff.) ; diess ist demnach ihr ursprünglicher Titel, wie er auch 
'P'^ der allgemein gebräuchliche geblieben ist; und dass Arist. gewisse 
A^hoitte der ersten Analytik u. d. T. ^y xotg n%Qi avlloy^afnov anführt 
(Anal. post. I, 3. 11. 73, a, 14. 77, a, 33), dass Alex. Metaph. 437, 12. 
^ 11. 718, 4 Bon. und Ptol. Nr. 28 seines Verzeichnisses die zweite 
AüilTtik uinodiixrtTtii nennt, dass Galen (De puls, different. IV, Schi. Bd. 
^ÜI, 765 K. De libr. propr. Bd. XIX, 41 f.) statt der, wie er selbst sagt, 
SewohnKeheii Titel lieber tt. avlXoyiafdov und n, dno^ii^itog setzen will, 
<laf OBS niciil irre machen. Aus inneren Gründen aber die erste Analytik 
^. mfiloytüfiov^ die zweite Mt&odtxit zu nennen (Gumposch. Log. d. ArisL 



72 Aristoteles. [53] 



115 ff.), haben wir kein Recht Richtig bemerkt übrigens Brakdis (ab. d. 
arist. Org. 261 ff. gr.-röm. Phil. II, b, 1, 224. 275 f.): die erste Analytik sei 
ungleich sorgfältiger und gleichmässiger ausgeführt, als die zweite, die Arist. 
selbst schwerlich als abgeschlossen betrachtet hätte, und die beiden Bücher 
der ersten scheinen nicht unmittelbar nach einander verfasst zu sein. 

2) Aristoteles hat dieseif Gegenstand, wohl im Zusammenhang mit seinem 
rhetorischen Unterricht, in mehreren Schriften bebandelt. Wir besitzen noch 
die Ton IX ä in 8 Büchern, von denen aber das letzte, und vielleicht auch 
das dte und 7te längere Zeit nach den andern ausgearbeitet zu sein scheint 
(Brandis üb. d. arist Org. 255. gr.-röm. Phil. II, b, 330 f.); ihre Aechtfaeit 
und ihr Titel sind schon durch die Anfuhrungen in aristotelischen Schriften 
(De interpr. 11. 20, b, 26. Anal. pr. I, 11. 24, b, 12. II, 15. 17. 64, a, 37. 
65, b, 16. Rhet I, 1. 1355, a, 28. c. 2. 1356, b, 11. 1358, a, 29. U, 22. 1396, 
b, 4. c 23. 1398, a, 28. 1399, a, 6. c. 25. 1402, a, 36. c 26. 1403, a, 31 
m, 18. 1419, a, 24) sichergestellt Die Kunst des Wahrscheinlichkeits- 
Beweises nennt A. Dialektik (Top. Anf. Rhet Anf. u. o.), und mit der 
gleichen Bezeichnung {nqayfiania ntgl rriv S&altTeTixiip) verweist er auch 
auf die Topik (Anal. pr. I, 30. 46, a, 30). Um so wahrscheinlicher ist es, 
dass auch mit den fuS-odixa Rhet I, 2. 1356, b, 19 die Topik gemeint 
ist, welche es gleich in ihren Anfangsworten als ihre Aufgabe bezeichnet, 
fiiS^oSov iVQiiv u. s. f., und in welcher das hier berührte I, 12. 105, a, 
16. VIII, 2 Anf. vorkommt, nicht (wie Hbitz 81 ff. Fr. 117 annimmt) eine 
verloren gegangene Schrift Vgl. Rose Arist libr. ord. 120. YAHLSii Z. 
Krit arist Sehr. Sitzungsber. d. Wiener Akad. XXXYIII, 99. Bomitz Ztschr. 
f. d. Österreich. Gymn. 1866, 11, 774. Auch in manchen Handschriften 
scheint die Topik diesen Titel geführt zu haben, und dadurch schon frühe 
die Meinung entstanden zu sein, dass beides verschiedene Werke gewesen 
seien. Diomys. ep. I ad Amm. c. 6, S. 729 spricht diese Ansicht zwar nicht 
aus, denn er redet aus Anlass der Stelle Rhet I, 2 (in welcher er die von 
Heitz ftir interpolirt gehaltenen Worte bereits gelesen hat) nur von der 
ttvaluTunj xal fii^oducri nqayfAaxtCaj ohne der Topik neben der letzteren 
noch besonders zu erwähnen. Dagegen nennt D. 52 die M%9o6uta in acht. 
An. 49 dieselben in 7 Büchern, während beide die Topik gleichfalls kennen 
(s. u. 74, 7); Vf 29 unterscheidet Dioo. ra n ron^xä xal fjn&oSixuy und 
SiMPL. Cat 16, a. Schol. 47, b, 40 (bezw. Porphyr) scheint die letzteren zu 
den sog. hypomnematischen Schriften zu rechnen, zu denen die Topik nicht 
gehört. D. 81 kommt noch ein zweites fu&odixbv a, Dass unsere Topik 
erhebliche Lücken in ihrem Text habe, scheint mir durch die Stellen, welche 
Sfsnoel (Abh. d. Münehn. Akad. VI, 497 f.) dafür anführt, Rhet 1, 2. 1366, 
b, 10. n, 25. 1402, a, 34 nicht bewiesen, da für die erste von diesen An- 
fUhrnngen Top. I, 1. 12 ausreicht (auf die Topik wird nämlich hier blos 
hinsichtlich des Unterschieds von 0vlloYi0fAOs und inaywyii verwiesen, wie 
auch Brakdis üb. d. Rhet d. Arist Philologus IV, 13 f. annimmt), bei der 
zweiten aber, welche allerdings auch anf Top. VIII, 10. 161, a, 9 C nicht 



[54] Logische Schriften. 73 

scMtisse qid ihre Widerlegung '). Neben diesen Bestandtheilen 
unseres jetzigen Organon *) wird uns aber noch eine grosse An- 
zahl verwandter Schriften genannt: Erörterungen über Wissen 
und Meinen*); über Definition*), Unter- und Ueberord- 



paist, die Worte xa&dneQ xal iv roTg ronucots nicht als Anfiihnmg einer 
beituDiDten SteHe gefasst zu werden branchen, sondern anch die £rk1äning 
inlasien: ,,von Einwendungen gibt es in der Rhetorik, wie in der Topik 
(im rednerischen Gebranch, wie bei der Disputation) viererlei Arten*'; was 
toeh dann gesagt werden konnte, wenn dieser Unterschied in dem früheren 
Werke nicht berührt war. Ebenso steht tSamg iv totg tonixotg nnd ahn- 
lieh« öfters; Tgl. Bonitz Ind. arist. 101, b, 44 ff. 52 ff. Vahlen a. a. O. 
140, wo die Worte Rhet. II, 25 erklärt werden : „Instanzen bringt man hier 
in der Art, wie in der Topik, nnd zwar vierfache/' 

1) /7. ao(p&arixnv (liyx*ov oder (nach Alex. Schol. 296, a, 12. 
21. 29. BoETHius in s. Uebersetzung) ffotpiarucol iXiyx^t,, Indessen macht 
Waitz Arist. Org. II, 528 f. (dem Bomitz Ind. ar. 102, a, 49 beistimmt) mit 
Becht gehend, dass Arist. selbst De interpr. eil. 20, b, 26. Anal. pri. II, 
17. 65,. b, 16 anf SteHen unserer Schrift (dort c. 17. 175, b, .39. c. 30, hier 
c 5. 167, b, 21) mit der Bezeichnung iv rotg ToTtucoTg verweise, dass er 
iopb. el c. 9, Schi. c. 11, Schi. vgl. Top. I, 1. 100, b, 23 die Kenntniss 
der Trugschlüsse znr Dialektik rechne, nnd c. 34 nicht allein für die Ab- 
luDdluDg über diese, sondern für die ganze Topik den Epilog gebe. Er will 
deuhslb die ao<f>t<rnxol H, lieber als 9tes Buch der Topik bezeichnen. Nun 
Mheint Arist. allerdings c. 2. 165, b, 8 vgl. Rhet I, 3. 1359, b, 11 beide 
Mich wicüder zu unterscheiden (Brakdis gr.-rÖm. Phil. II, b, 148); doch folgt 
^ntM nur, dass die Abhandlung von den Trugschlüssen später verfasst wurde, 
^ die übrigen Bücher der Topik, nicht, dass sie nicht mit diesen Ein Ganzes 
l'il^ sollte. Die Verzeichnisse des Diog. und Anon. übergehen die aotpiar. 
^^. unter dieser Bezeichnung (denn An. 125 ist, wie Rose zeigt, dieser Titel 
^ttiQwerfen), wiewohl sie der Topik (fifd-oSixä) nur 8 Bücher geben, während 
^l 29 sie von der Topik (26 b) getrennt aufführt; wahrscheinlich haben 
*)< tber auch jene unter dem Titel; n. igiffuxäv (D. 27) oder tf, /^mtt. 
^tn (An. 27) 2 B. 

2) Ueber diesen Namen für das Ganze der logischen Schriften vgl. m. 
8. 132, 3 2. Anfl* 

8) JT, imariifirig D. 40; n. imnxnfiüv (D. 26. An. 25); n, 
<^o|ijf (An. App. 162). Gegen die Aechtheit dieser Stücke spricht schon 
^ Umstand, dass sie sonst nirgends erw&hnt werden. 

4) Anf diese beziehen sich mehrere Titel im Verzeichniss des Ptole- 
aiiiis: Nr. 60 4B. 6^ft(rr»xa (der gleiche Titel unter den theophrastischen 
Sdiriften Dioo. V, 50), Nr. 63 2 B. über die Objekte der Defini- 
tionen, Nr. 63 b: 2># tontnuKeUüm d$finäumiimj Nr. 63 c: Ih 0H0 d^ 
^ Nr. 64 2 B. ngog toi/g oqnxfiovg (ein solches b. Dioo. V, 45 



74 Aristoteles. [54] 

nung ^), Gegensatz und Unterschied *J, und einzelne Arten ^) der 
B^riflfe ; über den sprachlichen Ausdruck *) ; über Bejahung und 
Verneinung ^) ; zur Schlusalehre ®) ; namentlich aber über Gegen- 
stände aus dem Gebiete der Topik und Eristik ^). Indessen sind 

als theophrastlsch), De tabula deßniendi erklärt, lieber die Sammlungen Yon 
Definitionen und Eintheilungen S. 78. 

1) n, ildoiv xal yivtov (D. 31; An. 28 nur: n. iiSiop); stns( 
unbekannt. 

2) lieber das Verhältniss des Gegensatzes unter den Begriffen handehe 
die Schrift n. rcuy avttxnfjiiv^v, die ohne Zweifel Ton der n. ivar- 
rCtov (D. 30. An. 32) nicht verschieden ist. Einiges nähere über diese 
Schrift und ihre casuistischen Erörterungen (ein anoqiwv nl^^og dfi^j^avov 
Fr. 115) theilt Simplicius an verschiedenen Stellen seines Commentars zu 
den Kategorieen (Arist Fr. 115—121 8. 1497 f. Fr. Hz. 119) mit. Rore 
Ar. psend. 130 weist sie dem Zeitalter Theophrast*s zu. 4 B. tt. 6 latfOQa^ 
nennt Ptol. 12. 

.1) De rekUa (tt. toi; tiqos t*) 6 B. (Pt. 84). 

4) De eignifieatione (Pt. 78; sein griechischer Titel sei ^4faramJnm^\ d. h. 
Y^fjiftanxov oder -air). Ein weiterer hieher gehöriger Titel: n. li^vg^ 
wird S. 76, 2 besprochen werden. Auch die pmrtüio eonäitümum^ quae ata- 
tuuntur in voce et ponuntur (Pt. 54. 6 Bücher) mag grammatischen Inhalts 
gewesen sein. 

5) Alex. Metaph. 286, 23. Bon. 680, a, 26 Br. citirt diese Schrift zwar nur 
^v T^ mgl xaTa<fna€tos% si« hiess aber vielleicht, wie die ihr ent- 
sprechende, möglicherweise mit ihr identische, Theophrast*s (Dioo. V, 44) 
mit ihrem voUst&ndigen Titel tt. xaraffaains xa^ anoti-daing. 

6) JSv lloyia/utHv d ß' (D. 56. An. 54); avlloytatiKov xa) 
oQot (D. 57. An. 55: 'xwv oq(ov)\ avXioyia ^ol d (D. 48). 

7) Dahin gehören zunächst die in den Verzeichnissen neben den Mt' 
&odixa genannten Schriften: td ttqo rtiv jothov (D. 59. An. 57); 7 B. 
OQOi n q6 Tbiv TOTTtxav (D. 55); t omxwv ngog rovg ogovg d ß' 
(D. 60. An. 59; PL 62: tabula deßnitumum^ quae aäÄibetUur m topica, nqoq 
oQOvg Tonixtiv genannt, 3. B.); De äeßnündo topieo (Über die topische Defi- 
nition Pt. 61); n. fSitov (D. 32); n. f^toriiaitog xal dnoxqCoittg 
(D. 44. An. 44). Indessen glaubt Brandis a. a. O., diese Titel bezeicknen 
nur einzelne Theile unserer Topik: rd ttqo rtüv Tonw, sonst für die 
Kategorieen gesetzt (s. o. 67, 1), das erste Buch, welches wirklich von Ein- 
zelnen so bezeichnet worden sein soU (Ungenannter Schol. in Ar. 252, a, 46), 
Sgoi 7 (UV TOTT. (wie Br. statt 7t(fi t. r, vorschlägt) B. 2 — 8, toti. ngög 
Tovs o(fovs B. 6. 7, TT. l^itfT B. 5, TT, iQioTtjaitog X. dnoxQ. B. 8, von 
dem Albx. Scbol. 292, a, 14 bezeugt, manche nennen es so, andere^ mit 
Rücklicht auf seine Anfangsworte, n, rafccuc xal dnaxg^oitog. Diese An- 
nahmen empfehlen sich mir gleichfalls; nur hinsichtlich der 7 B. o^» nQo 
r. Ton. ist es mir noch wahrscheinlicher, dass der Text des Diogenes nicht 



[bi] Logische Schriften. 75 

selbst die ältesten von diesen Schriften wahrscheinlich erst aus 
der peripatetischen Schule nach Aristoteles hervorgegangen. 

ganz in Ordnang ist. Der Anon. gibt nämlich dafür die zwei Titel: 51 : 
o^uv ßtßiiov et, 52: Tonixtüv ^'; und hier wird man die oqoi am natür- 
lichsten aaf B. I unserer Topik beziehen, das wirklich in seiner ersten 
Hälfte (c. 1—11) aus Definitionen und ihrer Erklärung besteht, die 7 B. 
Ton ata auf B. 2 — 8. Ich möchte nun theils desshalb, theils wegen der Sieben- 
aüü der Bücher in beiden Verzeichnissen Ycrmuthen, auch in dem des Diog. 
seien die oqoi ursprünglich gleichfalls von den Topika unterschieden ge- 
wesen, indem sein Text lautete: o^oi ngo rtüv TonuetlSv ct. Tonmoiv a ß' 
y' i' i g' C» Weiter nennen D. 65. An. 62 /tti/« *^iyjU«Toiy « ß' (Pt. 
55 39 B. 83 1. B.), D. 33. An. 33 vTrofAVi^fiara inixiigtifiaTixct 
3 B. D. 70. An. 65 ^iang ^jri/f s^ij^arixftl x/, wie auch Theo Pro- 
gymn. S. 165 W. (Rhet. ed. Sp. II, 69), Aristoteles und Theophrast /iolU< 
ßißlta ^(atwv iniyQatp6fdeva beilegt, die näher (nach Alex. Top. 16, u. 
^ol 254, b, 10 Ttjv ifs ra uvTixdfjtva J»* Mo^tov imxtfQriaiv enthielten. 
(n^ 9(aiv inix^iQtTv heisst: das Für und Wider in Beziehung auf einen 
gegebenen SaU erörtern, vgl. Ind. arist. 282, b, 57 f. 283, a, 6 f . ; &iacis 
^^^X^ifplpatucvl sind also Themata für dialektische Ausführungen, dialektische 
•Ao/gaben mit einer Anleitung zu ihrer Bearbeitung). Die *E7iix(iQTffiar€c 
>ind wohl identisch mit den loyixa ^7r»/«»^}i^ara, deren zweites Buch 
^Lop. Schol. 227, a, 46 anführt; die viiofiiri/iaTa Ini^Hgiifiarixa mit der 
▼on Dexipf. Cat. 40. Schol. 48, a, 4. Simpl. Schol. 47, b, 39 (nach Porphyr^ 
einfach vnofzvrjfxaTtt genannten Schrift; Ptol. 69. 82. 82 b nennt zuerst 
2) dinn 16 B. amtumata oder i/umHnata (vnofivrjfiaTa)^ dann noch ein wei- 
teres Buch. Dagegen verweist Athen. IV, 17;% e. XIV, 654, d mit 
-^^(nojdrjc h SiOifQaOTos iv tois vnofAViifiaai nicht auf ein bestimmtes 
^Qch dieses Titels, sondern unbestimmt auf eine nicht näher bezeichnete 
Schrift. Wie sich die von Ptol. Nr. 79. 80 genannten 33 (oder 23) und 31 
l^er 7) Bücher ngoraam zu den ^iaag fnixe^Qfifiarixal verhalten, 
1^ sich um ao weniger angeben, da auch Diog. zweimal (46. 67) und 
^ 38 nQoxaaug d hat. Die Int^ft^fdarueol loyot, deren Ahist. n. fivtjfj, 
^' 2 Anf. erwähnt, beziehen sich nicht (wie Themist. z. d. St. 97, a, u. 
S< 241 Sp. glaubt) auf eine von dieser Abhandlung verschiedene Schrift, 
>oodem anf ihr erstes Kapitel (449, b, 13 ff. 45(), a, 30 ff. b, 11 ff.); vgl. 
^mz Ind. arist. 99, a, 38. — Zur Topik gehören femer die ivardae^s 
D. 35. An. 36. Pt 55 b; die ngordaiig igiarixal cf (D. 47. An. 44), 
^iotii fgiGnxal <f (D. 28. An. 29), JtaiQ^asig aotpiaxixaX d' 
(D. 29. An. 31). Ueber die iQiarixol loyot s. m. S. 73, 1 Schi. Eine 

Schrift Ttagä rrjv li^iv, deren Simtl. CaL Schol. 47, b, 40 erwähnt, 

(Fr. 113, S. 1496. Boss Ar. ps. 128. Fr. Hz. tl6) wurde, wie er bemerkt. 

fchon im Alterthum angezweifelt. Dieselbe handelte vielleicht (nach Soph. 

d. 4) von den Trugschlüssen naga trjv li^iv. Unter den Psendepigraphen 

nflint An. 196: n, /ni^o^ov. 



76 Aristoteles. [55] 

I An die Topik schliessen sich die rhetorischen Werke der 
Sache nach an^), wenn auch wohl mehrere derselben der Zdt 
nach ihr vorangiengen, andere erst nach langem Zwischenraum 
nachfolgten; indessen ist uns von den vielen theils aristoteUsch^i 
theils wenigstens als aristotelisch überUeferten Schriften, in denen 
die Theorie der Beredsamkeit entwickelt*), die Geschichte der 



1) Vgl. Rhet. I, 1, Anf. c. 2. 1356, a, 25. Soph. el. 84. 184, a, 8. 

2) Ausser den beiden noch vorhandenen Werken gehört hieher zunächst 
die theodektische Rhetorik. D. 82. An. 74 nennen diese T^/riy; rfc 
Stod^xTov avvaytuyri (wofür sich auch eigaytoyri findet); jener gibt 
ihr Ein, dieser drei BQcher. Unsere Rhetorik verweist HI, 9, SchL auf eine 
Aufsählung iv roTs Seod€X7i{oiCj was sich nur auf ein aristotelisches Werk 
beziehen l&sst, und jedenfalls, auch wenn das dritte Buch der Rhetorik 
unächt ist, das frühe Dasein der Schrift beweist. Der Verfasser der Rhet 
ad Alex. 1. 1421, b, 1 lässt Arist. von tatg vn ijnov r^x^ais Biodixn^ 
yqaipfiaaig reden, und auch dieses Zeugniss wird jedenfalls älter sein, als 
Andronikus. Ob damit eine Rhetorik bezeichnet werden soll , die 
Theodektes gewidmet, oder eine solche, die von Arist. verfasst, aber von 
Theodektes unter seinem eigenen Namen veröffentlicht war, lässt der Aus- 
druck unentschieden; die Späteren geben aber dem Titel „Rhetorik des 
Theodektes'' {S^oSixiixal t^x^m Anon. Seguer. in Arist. Fr. 125, S. 1499. 
Fr. Hz. 125) nicht selten diese letztere, an sich höchst unwahrscheinliche 
Bedeutung (Qcimtil. II, 15, 10 mit dem Beisatz: ut eredihtm est; bestimmter 
Valer. Max. VIII, 14, 3 ext.), oder nennen sie auch Theodektes geradezu 
als Verfasser (Cic. orat 51, 172. 57, 194. Q^intil. IV, 2, 63. Spätere bei 
Rose Arist. pseud. 141. Ar. Fragm. 123. Fr. Hz. 124 f.), wie das gleiche 
(eben bei Cicero) auch bei der nikomachischen Ethik vorkommt (s. S. 72, 1 
2. Aufl.) ; oder sie schreiben Aristoteles und Theodektes zu, was sie in der 
theodektischen Rhetorik gefunden hatten (Diomts. comp. verb. 2, S. 8. De 
vi Demosth. 48, S. 1101. Quintil. I, 4, 18. Ar. Fr. 126). Wenn die Schrift 
acht war — und die Fragmente geben wenigstens keinen Anlass, diess zu 
bezweifeln — so wird man sie nur für ein an Theodektes gerichtetes (nicht 
etwa für ein von Theodektes verfasstes und von Arist. nach dessen Tod 
herausgegebenes) Werk halten können ; und da nun dieser Redner Alexanders 
asiatischen Feldzug nicht mehr erlebt hat, aber durch Aristoteles mit Alexan- 
der bekannt geworden war (Flut. Alex. 17, Schi.), wird ihre Abfassung wohl 
in die Jahre fallen, die Arist. in Macedonien zubrachte. Dass sie mehr als 
Ein Buch hatte (Robb Arist ps. 139\ scheint der Ausdruck rZ/ra» in der 
Rhet ad Alex, vorauszusetzen, aus dem Plural Seo^ixteia Rhet III, 9, 
Schi, würde es nicht folgen. Ausführlicher bespricht sie Robe a. a. O. 135 ff. 
Heitz 85 f. — Von den übrigen Titeln rhetorischer Werke in den Veneich* 
nissen geht rl/vi} (oder -17c) a D. 79. An. 73 wahrscheinlich auf untere 
Rhetorik an Alexander; D. 80 schwanken die Handschriften zwischen allr^ 



{66] Rhetorische Schriften. 77 

Bhetorik | dargestellt >), rednerische Muster gegeben ') waren, nur 



T^X^^ ^^ aZXi| TixviSv awaytayrj ; in jenem Falle hätte man wohl an ein 
iwdtM Exemplar unserer Rhetorik, in diesem an ein solches der rc/ycJr 
9wuywpi, nicht an eigene, von ihnen verschiedene Werke zu denken. Unter 
den Einzelahhandlnngen , die genannt werden, wurde der rgt/Hos schon 
S. 61, 1 berührt; eine blosse Doublette desselben scheint An. App. 153: 
n. ^ijTo^ixrjg zu sein. In n. l^^eioc d ß* (D. 87; An. 79: n. li^. 
MaHquq — über eine gleichnamige Schrift des Eudemus S. 698, 3 2. Aufl.) 
Tennnthet Bbakdis gr.-röm. Phil. II, b, 1, 79 das 8te Buch unserer Rhetorik, 
deren 12 erste Kapitel sich damit beschäftigen, mit um so grösserer Wahr- 
sdieinlichkeit, da Diog. 78 der Rhetorik nur zwei (dagegen An. 72 drei) 
BScber gibt. J7. fityi&ovg d (D. 85. An. 77; über den Gegenstand s. m. 
Rket I, 3. 1359, a, 16.11, 18 f. 1391, b, 81. 1393, a, 8), n. avfißovlUs (oder 
■is) « (D. 88. An. 80. Ar. Fragm. 136, S. 1501. Ar. pseud. S. 148. Fr. Hz. 126), 
^'^flTOQog tj noliTixov {An. App. 177), r/jifyi; iyxto^iaaTixri 
(ebd. 178) waren ohne Zweifel alle unächt, ebenso das fivrifAOVixov (D. 
117. An. 109), das auch eine Hül&wissenschaft der Rhetorik betreffen würde. 
Di« naQayyduara (Ptol. 68i scheinen mit den bei Dioo. V, 47 Theo- 
phrut beigelegten naQayyiXfAara ^titogixrjg identisch, keinenfalls aristo- 
telisch zu sein. 

1) Eine Darstellung aller bis auf seine Zeit herab aufgetretenen rheto- 

wehen Theorieen (r^/ycrt) gab die Ti/yiov awaytoyq (D. 77 zwei BB. 

An. 71. Pt. 24 1 B.), wovon D. 89 (avvayüfyfjg aß') und 80 (falls hier 

allri ^^X^' away, zu lesen ist) blosse Wiederholungen zu sein scheinen. 

Mittheilangen aus derselben (ans Cic. De invent. II, 2, 6. De orat. II, 38, 

160. Brut. 12, 46 u. a.) Ar. Fragm. 180—135. S. 1500 f. Robk Arist. ps. 

H5 f. Fr. Hz. 1 22. Die gleiche Schrift oder ein Auszug daraus scheint mit 

^ (TUTo/ifi ^rjroQtov (Dbmbtr. Magn. b. Dioo. II, 104) gemeint zu sein. 

2)*Evd^vjLii^ßÄaTa ^TiroQixa a' D. 84. An. 76. ^Ev&v (irifiartiv 

^^oigfafig d (D. 84; An. 88 offenbar verschrieben: ivd-vfi. xal algimw/v). 

Aoch TtQootfiltov d (An. 127) gehörte hieher; es ist aber wohl nagoi- 

f^^f (D. 138) dafür zu setzen. Zu den rednerischen Schriften könnte man 

>Qch die Xgeiui' rechnen, eine Sammlung treffender Ausspräche, wie 

fhitarch*s Apophthegmen, welche Stob. Floril. 5, 83. 7, 80. 81. 29, 70. 90. 

^) 140. 57, 12. 93, 38. 116, 47. 118, 29 anführt. Da aber aus dieser Schrift 

*vch ein Wort des Stoikers Zeno mitgetheilt wird (57, 12), und da sich eine 

*olek6 Anekdotensammlung Aristoteles überhaupt nicht zutrauen lässt, so 

OiQSi sie entweder unterschoben oder von einem gleichnamigen späteren 

Schriftsteller, etwa dem b. Dioo. V, 35 genannten Grammatiker, verfasst sein. 

fiosB Arist ps. 611 f. glaubt, uigiaTOT^lovg sei hier aus uigimtovog ver- 

Khrieben. Die gleiche Schrift scheint b. Stob. 38, 37. 45, 21 mit dem 

Lemma: ix nur xoivwv jlgtaroxilovi diargißtuv gemeint zu sein. (Ihre 

Ueberbleibsel b. Rose a. a. O. Fr. Hz. 335 f.) — Zwei Prunkreden: iyxto- 

fitov loyov and iyxtofji, nXovrov^ rechnet schon An. 190. 194 zu den 



78 Aristoteles. [56] 

Eine erhalten^), an der wir aber allerdings ohne Zweifel die 
rei&te Zusammenfassung der aristotelischen Rhetorik besitzen; 
wogegen die an Alexander gerichtete Rhetorik jetzt allgemein 
für tmächt erkannt ist^ . 

Unter den Schriften, welche der materiellen Ausführung des 
philosophischen Systems gewidmet sind, werden tms zimächst, 
als Hülfsmittel zur Orientirung über dasselbe, Sammlungen von 
Definitionen^) und Eintheilungen *) genannt, unter denen sich 

Fseudepigraphen. Die von Arist. aogeführten Gnomen und Apophthegmen 
(Rose Ar. ps. 606 ff. Fr. Hz. 337 ff.) sind verschiedenen Quellen entnommen. 

1) Die 3 Bücher der Rhetorik. Ueber die Abfassungszeit dieser Schrift, 
welche dem letzten athenischen Aufenthalt des Philosophen angehören muss, 
vgl. m. Brandis Ueb. Arist. Rhetorik, Philologus IV, 8 ff. Dass indessen auch 
sie nicht ohne alle Interpolationen und Versetzungen ist, dass namentlich 
im 2ten Buch c. 18 — 26 vor c. 1—17 gehörte, zeigt Spengel Ueb. d. Rhe- 
torik d. Arist. Abh. d. Münchn. Akad. VI, 483 ft., dem Vahlbn Z. Krit. 
arist. Sehr. (Sitzungsber. d. Wiener Akad. XXXVIII) 92. 121 ff. hierin bei- 
stimmt. Gegen die Aechtheit des dritten Buchs sind in neuerer Zelt von 
Sadppe (Dionysios u. Arist. Gott lb63 S. 32 ff.), Rose (Arist. ps. 137, 
Anm.), Heitz (S, 85. 89), Schaarschmidt (Samml. d. plat. Sehr. 108) Be- 
denken erhoben worden, denen auch ich mich II, a, 389 angeschlossen habe. 

2) Diese Schrift scheint allerdings schon dem Verfasser unseres ältesten 
Verzeichnisses (Diog. Nr. 79 vgl. S. 76 unt) bekannt gewesen zu sein, in- 
dessen ist an ihre Aechtheit nicht zu ^denken. Spengel {Zvvay. rf/v. 182 ff. 
Anazim. Ars Rhet Proleg. IX. ff. vgl. 99 ff.) weist sie, mit Ausnahme des 
ersten und letzten Kapitels, Aristoteles' Zeitgenossen Anaximenes von Lam- 
psakus zu. Diese Annahme unterliegt jedoch erheblichen Bedenken; vgl. 
Rose Arist libr. ord. 100 ff. Kampe im Philologus IX, 106 ff. 279 ff. Denn 
auch abgesehen davon, dass wir die Zueignung an Alexander von der übrigen 
Schrift zu trennen kein Recht haben, verräth sich der Einfluss der aristo- 
telischen Lehre auf die letztere theils in ihrer stehenden Methode schul- 
mässiger Definitionen und Eintheilungen, theils in einzelnen Stellen. So 
gleich c. 2, Anf. vgl. mit Rhet I, 3; c. 3. 1424, a, 12—19 (Polit. VI, 4. 
1318, b, 27—38); c. 5. 1427, a, 30 (Eth N. V, 10. 1135, b, 11 ff. Rhet I, 
13. 1374, b, 6); c. 8. 1428, a, 19 ff. {Rhet II, 25. 1402, b, 12 ff.); c 8. 
1428, a, 25 (Anal. pr. II, 27 Anf.); c. 9 Anf. ^Rhet I, 2. 1357, b, 2S); 
c. 12 Anf. (Rhet II, 21. 1394, a, 22 — auch die Unterscheidung von 
ivOvfA.tjfia und yrtofAi], c. 11 f., wenn auch hier anders gefasst, ist Ursprung- 
lieh aristotelisch; vgl. Rhet II, 21. 1394, a, 26); c. 17 (Rhet I, 15. 1376, 
b, 31 ff.); c. 28 Anf. 29 Anf. (Rhet III, 9. 1410, a, 23). 

3) "OqiafAoX (Pt ogoi) nach D. 64. An. 61 13, nach Pt 59 16 Bücher, 
sicher eine spätere Schularbeit, ahnlich wie die platonischen Definitionen. 
Ausserdem nennt An. 51 oqohv ßißUov a, worüber S. 75 ob. 

4) Die Verzeichnisse nennen von solchen, ausser der S. 66, 2 berührten 



[56] Metaphysik. 79 

aW nichts achtes befrmden zu haben scheint. Um so wichtiger 
ist die Schrift über die erste Philosophie ^) , ein Torso , mit dem 



Sammloog platonischer fiintheilungcn : ^laiQ^atig (13. 42; An. 4i: nfgl 
^lüi^hffov) tC'; ferner äiai{i€tix(5v a (D. 43. An. 42), wo aber Rose 
^un^iTuiov vermnthety wie bei der Wiederholung dieses Titels D. B2 auch 
steht. Pt 52 gibt den öiaiQ^ffug, die sich nach seiner näheren Angabe 
ibret Inhalts über alles mögliche erstreckten, 26 Bücher. An die Aechtheit 
dieser Schrift ist nicht zu denken, mag sie nan von den platonischen 
Diäresen verschieden, oder, wie mir wahrscheinlicher ist, damit identisch 
gewesen sein. Was Alex. Top. 126, n. Schol. 274, a, 42 aus Arist. iv 
Tiiuv aya&oiv Sittig^Od anführt (Fr. Ar. 110, S. 1496. Fr. Hz. 119), er- 
klärt sich genügend aus M. Mor. I, 2. 1183, b, 20 ff. vgl. Eth. N. I, 12. 
noi, b, 11, kann aber allerdings eben daher auch in die Diäresen gekom- 
men sein. — Aristoteles selbst nennt eine *ExXo'yrj Ttov ivavTttov Me- 
taph. IV, 2. 1004, a, 1, wo er zu der Bemerkung, dass alle Gegensätze sich 
schliesslich auf den des ^V oder Sv und seines Oegentheils zurückführen 
Iwsen, hinzufügt: T€&€0}Qriad^(o <f ' rj/itv ravTa iv rjf ixXoy^ tcüv (vavrftav (in 
der Parallelstelle XI, 3. 1061, a, 15 nur: iarwaav ytcQ alxai TS&fotgrjfxi- 
'"'); vgl- b, 33: nttVTtt dk xal raila «vayo^iva ipaivnat, €ig ro ?y xal 
ro 7ilij9og' liXrjtflho yag rj avaytoyr, fifiiv. Auf die gleiche Darstellung 
bezieht sich offenbar X, 3. 1054, a, 29: (On 31 rov fih hog, utaniQ xal 
^' Tj <r»«tp/a«t Twv ^yavrCiov Snygaipa^iv^ xo javro xn\ o/doiov 
xtti taov u. s. w. (gerade das tuvtov und Sfioiov waren IV, 2. 1003, b, 
^ als Beispiele der in der (xkoyri t. iv. besprochenen ftdrj roij ivog an- 
geführt) vgl. c. 4, Schi.; wogegen XII, 7. 1072, b, 2 die Worte: ij dta^Qf- 
^'C irjloi nicht auf eine Schrift dieses Inhalts, sondern auf die unmittelbar 
^^nf angegebene Unterscheidung eines doppelten oi 'drtxa gehen. Ob mit 
^^ hloyr, r. ivavT, eine eigene Abhandlung oder ein Abschnitt der Schrift 
▼om Guten bezeichnet werde, wusste schon Alexander nicht zu sagen (s. o. 
H 1); da er aber das, wofür Arist. sich auf die ixXoyij beruft, im 2. Buch 
71. ra^a^^ot; gefunden zu haben scheint, ist mir wahrscheinlich, dass Arist. 
auch nnr dieses im Auge hat. 

1) Mit dieser Bezeichnung wird das Werk zuerst angeführt (De motu 

"Qim. 6. 700, b, 8). Dass Aristoteles selbst ihm diesen Titel geben 

»olltc, wird durch Metaph. VI, 1. 1026, a, 15. 24. 30. XI, 4. Iü61, b, 19. 

%s. I, 9. 192, a, 35. II, 2, Schi. De coelo I, 8. 277, b, 10. gen. et corr. 

^ 3. 318, a, 6. De an. I, 1. 403, b, 16 wahrscheinlich; statt nQtaTrj (piXo- 

''oq>{a Bieht auch tfdoaotptK allein (Metaph. XI, 3. 4. 1061, b, 5.25), ^fo- 

^oywrij (Metaph. VI, 1. 1026, a, 19. XI, 7. 1064, b, 3), i} n^ql r« »ua 

(piloaotpfa (pi|rt. an. I, 5. 645, a, 4), aofpta (Metaph. I, 1. 2), fi^&odog 

^i^ TJjf agxVC T^C ngiaTTis (Phys. VIII , 1 . 25 1 , a , 7) zur Bezeichnung 

Kines Inhalts. Demgemäss führte die Schrift auch die weiteren Titel: ao- 

^Uy tf$Xoöoip(ay ^€oXoy{a (Asklep. Schol. in Ar. 519, b, 19. 31). Vgl. 

tioüiTZ Arist. Metaph. II, 3 f. 



80 Aristoteles. [56] 

in imserer Metaphysik ^) eine Anzahl weiterer, theils ächter theils 
unftchter Stücke äusserlich zusammengefasst ist^j; die ersteren 



1) Der Name fjura rä <pvaixä begegnet uns zuerst bei Nikolaus 
Yon Damaskus, der nach dem Scholion zu Theophrast^s Metaphysik S. 823 
Brand, eine d-c(og{a Ttüv ^AQiaroxikovg /nsrä rä (fvaixa verfasst hatte, dann 
bei Plut. Alex. 7 und seitdem. Da Nikolaus ein jüngerer Zeitgenosse des 
Andronikus war, lässt sich der Titel, der vor ihm nie, von da an aber ganz 
stehend vorkommt, mit Sicherheit auf Andronikus zurückfuhren, ans dessen 
Zusammenstellung der aristotelischen Schriften er sich auch allein erklart; 
denn er bedeutet (nach Albx. Metaph. 127, 21 Bon. Asklep. Schol. 519, 
b, 19 f.) das, was nach der Ordnung des Lehrgangs und der Schriftsamm- 
lung auf die naturwissenschaftlichen Schriften folgt, nicht, wie Simpl. Phys. 
1, a, m. und der Neuplatoniker Uerennius (b. Bonitz Ar. Metaph. II, 5) 
meint: was über die Natur hinausgeht. Von unsem Verzeichnissen nennt 
der Anonymus (Nr. 111 und dann noch einmal im Anhang Nr. 154) und 
Ptol. 49 die Metaphysik: dieser, nach der gewöhnlichen Zählung der 
Griechen, mit 13 B., jener das erstemal mit »', das zweitemal mit (\ wo- 
bei sich nicht ausmachen lässt, ob diese Angaben von der Unvollständig- 
keit der betreffenden Exemplare herrühren (indem das eine nur die Bücher 
A — K, das andere A — I enthielt), oder ob das K und I aus N (d. h. A — N) 
verschrieben wurden; das x könnte auch aus der Schlusssylbe von /ufra- 
ifvatxä entstanden sein. 

2) Die Frage über die Zusammensetzung unserer Metaphysik ist durch 
die Untersuchungen von Brakdib (üb. d. arist. Met. Abb. d. Berl. Akmd. 
1834. Hist..phil. Kl. S. 63—87. Gr.-röm. Phil. II, b, 1, 541 €,) und 
Bonitz (Ar. Metaph. II, 3 — 35), zu denen inzwischen nichts erhebliches 
hinzugekommen ist, auf so sichere Grundlagen gestellt worden, dass es ge- 
nügen wird, hinsichtlich der früheren Versuche zu ihrer Aufklärung auf 
den übersichtlichen Bericht von Bonitz a. a. O. 30 ff. zu verweisen. — 
Den Hauptkörper des von Arist. begonnenen, aber nicht vollendeten Weiks 
bilden hiernach die Bücher I. III (B). IV. VI — IX, in welchen nach der 
historisch-kritischen Einleitung des 1. Buchs Eine und dieselbe Untersuchung, 
über das Seiende als solches, methodisch geführt, aber allerdings weder zu 
Ende gebracht, noch im einzelnen der letzten Peile unterworfen ist. Für 
eine etwas spätere Stelle der gleichen Untersuchung scheint B. X bestimmt 
gewesen zu sein (vgl. X, 2 Anf. mit III, 4. 1001 , a, 4 ff. X, 2. 1U53, b, 
16 mit VII, 13), aber Arist. hat es mit B. IX in keine ausdrückliche Ver- 
bindung gesetzt, es macht vielmehr, so wie es vorliegt, den Eindruck einer 
selbständigen Abhandlung. Zwischen diese zusammengehörigen Bücher ist 
nun in B. V eine Erörterung über die verschiedenen Bedeutungen von 30 
philosophischen Begriffen und Ausdrücken gestellt worden, welche weder 
mit dem vorangehenden, noch mit dem folgenden Buch verknüpft ist. Der 
aristotelische Ursprung dieses Stücks lässt sich nicht bezweifeln: Arist. selbst 
führt es Metoph. VII, 1 Anf. X, 1 (vgl. gen. et corr. II, 10. SS6, b, 29. 



[56] Metaphysik. gl 



Pbyg. I, 8. 191, b, 29) mit der Bezeichnung: iv roic negl tov noaa^ 
Z^s (oder: n. tov noa. liytrai ^xaarov) an; nnd dass diese Citate in un- 
terem 5. Buch ihre Erledigung nicht finden, dieses daher nicht von Arist. 
kernhren, sondern nur an die Stelle eines ächten von ähnlichem Inhalt 
getreten sein könne (Sdsemihl Genet. Entw. d. plat. Phil. II, 586), ist 
eben«) entschieden zu bestreiten, als Robb's (Arist. libr. ord. 154) Urtheil, 
der eg des Philosophen durchaus unwürdig findet. Arist. berücksichtigt es 
vielmehr auch noch an anderen Stellen der Metaphysik: X, 4. 1055, a, 23 
W V, 10. 1018, a, 25); X, 6. 1056, b, 34 (V, 15. 1021, a, 25), und eine 
V, 7 Schi einem andern Ort aufgesparte Untersuchung findet sich IX, 7. 
Aber einen Theil des Werks über die erste Philosophie kann die Schrift 
^' roO noaaxtog ursprünglich nicht gebildet haben; sie muss vielmehr, wie 
<iiett auch ihre Berücksichtigung in der Physik und der Schrift vom Ent- 
itehen und Vergehen beweist, viel früher, als ein Hülfsmittel zum richtigen 
GebfBQch nnd Yerständniss der philosophischen Begriffe, verfasst worden 
tein; nnd so wird sie auch wirklich in den Verzeichnissen (D. 36. An. 37 
Büt dem eigepthümlichen Zusatz: n. r. noa. l€y, rj rtSv xarä nQos&eaiv) 
*1> eigenes Werk angeführt. Da jedoch Aristoteles Metaph. VI, 2 Anf. 
nit den Worten: all' ine) t6 Sv änXdic Xeyofifvov Xiynai, nollaxfost tov 
h ftky ^y t6 xara avfißeßTjxos u. s. w. unverkennbar auf V, 7, 1017, 
*f '. 22 fi*. 31 verweist, und diese Erörterung wie etwas dem Leser der 
Metaphysik schon vorgekommenes (rj v) anführt, so scheint es, er habe unser 
Buch J oder den Inhalt desselben wirklich (an dieser Stelle) in sein Werk 
mfiaehmen wollen, sei aber nicht dazu gekommen, es ihm schriftstellerisch 
öoufogen. Von Buch XI ist die zweite Hälfte (c. 8. 1065, a, 26 ff.), eine 
Compüation aus der Physik, anerkanntermassen unächt; die erste trifft in 
ihrem Inhalt mit B. III. IV. VI durchaus zusammen, und ist entweder ein 
^nter noch sehr skizzenhafter Entwurf dessen, was in der Folge in diesen 
löchern eingehender ausgeführt wurde, oder (wie Rose Arist. libr. ord, 
156 annimmt) ein späterer Auszug aus denselben. Für die letztere Annahme 
ipricht das anffaUende siebenmalige Vorkommen der Partikel y^ fiijVj welche 
<^eD aristotelischen Schriften sonst fremd ist (Eucksn De Arist die. rat. I, 
1^ t Ind. arist 147, a, 44 f.). Doch erscheint diess den entgegenstehen- 
^^ dem Inhalt unseres Buches entnommenen Gründen (Bonitz Ar. Me- 
^h. II, 15. 451) gegenüber um so weniger entscheidend, da auch sein 
%1 im übrigen aristotelisches Gepräge hat und da ähnliche Erscheinungen 
*Qch sonst vorkommen. So findet sich r^ . . . t^ bei Arist. fast blos in der 
Kthik nnd Politik (Encken 16), d^ ye fast nur in der Physik, Metaphysik 
»Dd Politik (ebd. 33), in denen auch fjiivTO^, xairoi und toCvvv viel häufiger 
tind, als in den andern Schriften (ebd. 35. 51), aga in den späteren Bü- 
ebcrn der Metaphysik öfter, als in den friiheren (ebd. 50); unter den 10 
Büchern der Ethik weichen die drei letzten von I — IV und V — VII, und 
diese von einander mehrfach ab (ebd. 75 f.). In unserem Buch selbst stehen 
/onf von den sieben yk fi^v im 2. Kapitel. Da überdiess yh sehr oft erst 
Z elUr , PhUot. d. Gr. IL Bd. 2. Abth. 3. Aufl. 6 



82 Aristoteles. [56] 



von den Abschreibern beigefügt wurde, könnte auch die Hand eines solchen 
ans früher Zeit mit im Spiele sein. — Als eine selbständige Abhandlnag 
stellt sich B. XII dar, welches auch an keines der früheren Bücher erinnert, 
aber c. 7. 1078, a, 5 die Physik (VIII, 10, besonders 267, b, 17 ff.) und 
c. 8. 1073, a, 32 ausser ihr (VIII, 8 f.) auch De coelo II, 8 ff. zu berück- 
sichtigen scheint. Da dasselbe zwar c. 6 — 10 die Ansichten des Philosophen 
über die Gottheit und die übrigen ewigen Wesenheiten etwas ausfuhrlicher 
entwickelt, dagegen c. 1 — 5 die Lehre von den veränderlichen Substanzen 
und ihren Ursachen nur in einem äusserst gedrängten Umriss und in einer 
oft bis zur Unverständlichkeit knappen Darstellung gibt, da femer in diesem 
Umriss zweimal (c. 3, Auf. «-ebd. 1070, a, .4) die Formel vorkommt: fAtia 
Tavxa (sc. kixriov) oti, so ist zu vermuthen, [dieses Buch sei überhaupt 
keine von Arist veröffentlichte Schrift, sondern eine Aufzeichnung', welche 
Vorträgen zur Grundlage zu dienen bestimmt war, und desshalb vieles nur 
in den kürzesten Worten andeutete, was seine verständlichere Fassung erst 
in der mündlichen Ausführung erhalten sollte. Das Uauptthema dieser 
Vorträge bildeten wohl die Punkte, denen in der zweiten Hälfte unseres 
Buchs eine besondere Sorgfalt gewidmet ist; während die allgemeinere 
metaphysische Erörterung, die ihnen als Einleitung und Grundlage voran- 
gieng, nur leichter umrissen wurde. Der Inhalt derselben sollte aber 
ohne Zweifel in das Werk von der ersten Philosophie aufgenommen wer- 
den, zu dessen Abschluss sich c. 6 — 10 unseres Buches der Sache nach 
vorzüglich eigneten (c. 1 — 5 enthalten nichts, was nicht in den früheren 
Büchern stände). Was Rose Ar. libr. ord. 160 ff. gegen unser, durch die 
ältesten Zeugnisse (s. folg. Anm.) ganz besonders geschütztes Buch ein- 
wendet, beweist nicht gegen seinen aristotelischen Ursprung, sondern nur 
gegen seine Zugehörigkeit zur Metaphysik. — Unklar ist das Verhältniss 
der letzten zwei Bücher (von denen mit Böse S. 157 nur das XIV. für 
aristotelisch gelten zu lassen kein Grund vorliegt) zu dem übrigen Werke, 
Ursprünglich muss sie Arist. in dasselbe aufzunehmen beabsichtigt haben, 
da XUI, 2. 1076, a, 39 auf in, 2. 998, a, 7 ff., Xm, 2. 1076, b, 39 auf 
III, 2. 997, b, 12 ff., xm, 10. 1086, b, 14 auf III, 6. 1003, a, 6 ff. ver- 
wiesen, und umgekehrt VIII, 1. 1042, a, 22 eine Erörterung über das Ma- 
thematische und die Ideen in Aussicht gestellt wird, welche nach XIII, 
Auf., wie es scheint, der Theologie zur Vorbereitung dienen sollte (Bbandis 
S. 542, 413 a). Andererseits fehlt aber XIV, 1 die naheliegende Beziehung 
auf X, 1, auch B. VII u. VIII sind in XIII u. XIV nicht berücksichtigt 
(BoNiTz S. 26). Namentlich aber ist unglaublich, dass Aristoteles einen 
grösseren Abschnitt fast wortgleich zweimal gebracht hätte, wie diese jetzt 
I, 6. 9 und XIII, 4. 5 geschieht; und da nun doch das erste Buch als 
Ganzes, ebenso wie das dritte, worin es angeführt wird (III, 2. 996, b, 8 ff. 
vgl. m. I, 2. 982, a, 16. b, 4. 1. 9; ebd. 997, b, 3 vgl. I, 6 f.), älter sein 
muss, als das 13te, so ist mir das wahrscheinlichste, dass die Darstellung 
I, 9, welche auch wirklich später und reifer als die des 13ten Buchs zu sein 



Metaphysik. 83 

adiemen aber schon in der nächsten Zeit nach Aristoteles' Tod 
in diese Verbindung gebracht worden zu sein ^). Von den übrigen 



icheint, erat einer zweiten Bearbeitung des Isten Buchs angehört, zu der 
Aristoteles veranlasst wurde, als er in der Folge B. XIII und XIV von dem 
PUo des metaphysischen Hauptwerks ausschloss. Das zweite Buch (a), eine 
Stmoüang von drei kleinen, eher zur Einleitung in eine Physik als in eine 
Metiphjsik geeigneten und (nach c. 3, Schi.) bestimmten Aufsätzen, rührt 
gewiss nicht von Arist. her; die Alten (Scholion zu 8. 993, a, 29 der aka- 
öcmischen Ausgabe, Schol. in Ar. 589, a, 41 wiederholt; der sog. Fhilo- 
ponns, Bekker's Anonymus Urbin. , in der Einleitung zu a ; auch Asklbp. 
SchoL 520, a, 6 hat offenbar die gleiche Notiz vorgelegen, nur dass er sie 
tofw^ aberträgt; vgl. Bonitz a. a. O. 15 f.) hielten theilweise (angeblich 
ol nli(ovg) einen Neffen des Eudemus , den Rhodier Pasikles (An. Urb. : 
Piaikntes) für seinen Verfasser. Dass es erst nach der Zusammenstellung 
<ler obrigen Stücke eingeschoben wurde , erhellt theils ans seiner Bezeich- 
noog, theils aus der Art, wie es den Zusammenhang der eng verbundenen 
Böeher A u. B unterbricht; wesshalb es auch manche der Physik, andere 
wenigstens dem ersten Buch der Metaphysik voranstellen wollten (Schol. 
^1 b, 1 ff.). Wenn Syrian^s Angabe, dass einzelne Ausleger Gross- 
Alpba verworfen haben (Schol. 849, a, 3), nicht die gleiche VerwechBlung 
ZQ Gnmde liegt, wie der obenberührten des Asklepius , hat er ein Recht, 
Wittes Urtheil lächerlich zn finden. 

1) Es ergibt sich diess (wie ich in den Abhandlungen d. Berl. Akad.. 

1^77. Eist. -phil. Kl. 145 ff. nachgewiesen habe) mit Wahrscheinlichkeit 

tu dem Umstand, dass von den meisten ächten Büchern nnseres Werkes 

^ts in den Schriften und Bruchstücken der ältesten Peripatetiker Ge- 

^ch gemacht wird, und dass dieselben schon frühe unter einer gemein- 

"tnien Bezeichnnng zusammenge&sst gewesen zu sein scheinen. Das erste 

I^och hat nämlich, wie dort gezeigt ist, nicht allein Theophrast für das 

*^ seiner Geschichte der Physik zum Vorbild gedient, sondern auch bei 

^emiu finden sich deutliche Spuren desselben, nnd der Verfasser der Ab- 

liAQdlangen über Melissus n. s. w. hat den Gesichtspunkt, nach dem er bei 

^ Abfiusnng rerfnhr, ihm entlehnt; das dritte (B) und vierte werden 

^OD Eudemus, das vierte auch von Theophrast berücksichtigt ; das sechste 

^OQ Theophrast, das siebente von Eudemus, das neunte von Theo- 

Pbnst; das zwölfte von Theophrast, Endemus, den Verfassern der grossen 

Ifonl und der Schrift thqI C<?iQiy xtVTjaetos; das dreizehnte von Eude- 

'»m, das vierzehnte, wie es scheint, von Theophrsist, das fünfte (die 

Abhindlnng TTtQl rtov noaaxtog XeyofAivojv) von Strato. Den Beweis für 

bitten Sachverhalt liefert die Vergleichung der folgenden Stellen: 1) Me- 

^h. I, 1. 98 J, a, 12 ff. EüDEM. Fr. 2 Speng. 2) I, 3. 983, b, 20. Theo- 

^Hi.Fr. 40. 3) Ebd. Z. 3ü. Eüd. Fr. 117. 4) I, 5. 986, b, 18 ff. De 

HdBi«), Xenoph. u.s.w. vgl. Bd. I, 468. 484. 5) Ebd. Z. 21 ff. Thbopur. 

6» 



g4 Aristoteles. 

Schriften, die sich ihrem Inhalt nach der Metaphysik anreihen, 
würden, können nur einige Aristoteles' fiilherer Zeit angehörig^ 
für acht gehalten werden *). 

Fr. 45. 6) Ebd. Z. 27 ff. Thbophb. Fr. 43. 44. Eud. Fr. 11. S. 21, 7- 
7) I, 6 Anf. Thbophb. Fr. 49. 8) I, 6. 987, b, 32. Edd. Fr. 11. S. 22, T 
8p. 9) I, 8. 989, a, 30 ff. Thbophb. Fr. 46. 10) IH, 2. 996, b, 26 ff. 
IV, 3. 1005, a, 19 ff. Eüd. Fr. 4. 11) III, 3. 999, a, 6 ff. Eth. Ead. I» 

8. 1218, a, 1 ff. 12) IV, 2. 1009, b, 12. 21. Thbophb. Fr. 42 g. E. 13) IV,. 
6. 1011, -a, 12. c. 7. 1012, a, 20. Thbophb. Fr. 12, 26. 14) V, 11. Stbato 
b. SiMPL. Categ. Schol. in Arist. 90, a, 12-46. 15) VI, 1. 1026,4,13—16- 
Thbophb. Fr. 12, 1. 16) VII, 1. 1028, a, 10 ff. 20 ff. Eüd. Fr. 5. 17) IX^ 

9. 1051, b, 24 ff. Thbophb. Ft. 12, 25. 18) XII, 7, Anf. vgl. c. 8. 1073, 

a, 22 ff. De motu an. 6. 700, b, 7 f. 19) XII, 7. 1072, a, 20 ff. Thbophb. 
Fr 12, 5. 20) XU, 7. 1072, b, 24 f. c. 9. 1074, b, 21 ff. 83. Eth. End. 
VII, 12. 1245, b, 16 ff. M. Mor. II, 15. 1213, a, 1 ff. 21) XII, 10. 1075, 

b, 34 ff. Thbophb. Fr. 12, 2. 22) XIII, 1. 1076, a, 28. Eth. End. I, 8- 
1217, b, 22. 23) XIV, 3. 1090, b, 13 ff. Thbophb. Fr. 12, 2. Da hier- 
nach auch solche Theile unserer Metaphysik, die ursprünglich nicht su dem. 
aristotelischen Hauptwerk gehörten, wie namentlich das zwölfte Buch, ebenso 
früh und ebenso häufig benützt wurden, wie die zu ihm gehörigen, so i8& 
ZH vormuthen, beide seien bereits in der nächsten Zeit nach ArisV^teles' Tod. 
mit einander verbunden worden; und eine bemerkenswerthe Bestätigung er- 
hält diese Vermuthung dadurch, dass schon in der Schrift n. ^(ptav aui^ij- 
accuCy die ohne Zweifel noch dem dritten Jahrhundert angehört, c. 6. 700, 
b, 8 gerade das 12te Buch mit der von Aristoteles für sein metaphysisches 
Hauptwerk bestimmten Bezeichnung : iv toig negl T^g nQcirrjg tfiloaoffiag 
angeführt wird; denn die Verdächtigung dieser Worte (Kbischb Forsch. 
267, 3. Hbitz Verl. Sehr. 182) ist durchaus unberechtigt; vgl. Bonitz Ind. 
arist. 100, a, 47 f. Wir werden daher mit Wahrscheinlichkeit annehmen 
können, es seien nach Aristoteles' Tod mit den von ilim fertig gesteUten 
Theilen des Werks über die erste Philosophie, d. h. mit B. I. III. IV. VI 
bis X unserer Metaphysik, die übrigen von ihm hinterlassenen Aufzeich- 
nungen verwandten Inhalts, die erste Hälfte von B. XI, B. Xn, Xm u. 
XIV, als Schriften über die n^torri (filoao(p{a zusammengestellt, und ebenso 
damals schon B. V zwischen IV u. VI eingeschoben worden; wogegen 
Klein-Alpha und die zweite Hälfte von B. XI erst von Andronikus mit dem 
Werke, dem sie ihrem Ursprung und Inhalt nach fremd sind, verbunden 
wurden. Wer nun jene erste Redaktion vornahm,^ lässt sich natürlich nicht 
mit Sicherheit bestimmen; indessen verdient die Angabe Albxamdbbs (z. 
Metaph. 760, b, 11 ff. Bekk. 483, 14 Bon.), dass es Endemns gewesen sei, 
alle Beachtung; während der hievon abweichenden Erzählung des Askle- 
pius (Schol. in Ar. 519, b, 38 ff.) die stärksten Bedenken entgegenstehen. 
Näheres hierüber a. a. 0. S. 156 f. 

1) Ausser den Büchern über die Philosophie (oben S. 58, 2. 60), das 



[5S-60J Natarwissenschaftliche Schriften. 85 

Den grössten Baum nehmen unter den G^isteserzeugnissen 
des Phflosophen die naturwissenschaftlichen Werke ein. Unter 
dwiselbCTi treten zunächst einige wichtige Untersuchungen her- 
vor, welche von Aristoteles selbst mit ^nander verknüpft, die 
allgemeinsten Gründe und Bedingungen der Eörperwelt, das 
Weltgebäude und die Himmelskörper, die elementarischen Stoffe, 
ilire Eigenschaften und Verhältnisse, nebst den meteorologischen 
Erachdnungen behandehi: die Physik 0, die zwei zusammen- 

Gote und die Ideen (S. 64, 1. 65, 1) war vielleicht auch mgl evxvs (S. 61, 1 Schi.) 
•cht; die 3 Bucher n, rvxvf (Aji* ^PP* 1^2) dagegen wohl ebensowenig 
ibder May&x6gy den zwar Dioo. I, 1. 8. II, 45 und ohne «Zweifel auch 
Pus. H. n. XXX, ], 2 als aristotelisch benützt, der aber von dem Anon« 
Men. Nr. 191 zu den Pseudepigraphen gerechnet wird, und nach Suid. 
*Anuj^. auch Antisthenes, theilsdem Sokratiker theils(nach Bernhabdt^s glück- 
licher Vermnthung : y^PoSlto^^ statt ^PoStovi) dem Peripatetiker aus Rhodos (um 
180 T. Chr.) beigelegt wurde. (Ueber denselben : Rosb Ar. ps. 50 f., der ihn 
iv einen Dialog hält. Ar. Fragm. 27-30, S. 1479. Heitz S. 294. Fr. 
Hl 66). Die 0£oXo/ot;ficva, welche Macrob. Sat. I, 18 Arist bei- 
legt, und von welchen auch die Theogonie (Schol. Eurip. Rhes. 28) und 
^^iiiixal (Schol. Laur. in Apoll. Rhod. IV, 973 — die Stellen finden 
sieh mit verwandtem b. Rose Ar. ps. 615 fi*. Fr. Hz. 347 f.) Theile ge- 
«eien zu sein scheinen, weist Rose a. a. 0. dem Rhodier Aristokles (einem 
Zeitgenossen Strabo's) zu; mir ist diese Vermuthung mit Heitz (S. 294 f.) 
^wahrscheinlich. Ein achtes aristotelisches Werk können sie aber nicht 
gevesen sein, und ihren Inhalt scheinen nicht philosophische Untersuchungen 
ober die Gottheit, sondern Zusammenstellungen und vielleicht auch Deu- 
tongen von Mythen und Kultusgebräuchen gebildet zu haben, n. dgxv^ 
scheint zwar nach seiner Stelle im Verzeichniss des Diog. 41 eher eine metaphy- 
(iiche oder physische, als eine politische Schrift gewesen zusein; indessen wissen 
^ lonst nichts darüber. Ueber eine „Theologie des Aristoteles'^, 
<lie an« der neuplatonischen Schule hervorgegangen und in einer arabischen 
^'Übersetzung erhalten ist, vgl. m. Dibterci Abhandl. d. D. morgenl. Gesellsch. 
'871,1, 117 ff. 

1) 4>vaixi] läxQoaaig in 8 B. (auch An. 148 sollte statt iti' wohl 

1 stehen). So nennen die Handschriften, auch die der Ausleger, Simpl. 

%i. Bing., An. 148. Pt. 34 u. a. das Werk. Aristoteles selbst bezeichnet 

Wohnlich nur die ersten Bücher als (fvouca oder r' ntgl (pvasotg (Phys. 

^11, 1. 251, a, 8 vgl. m. HI, 1; VIII, 3. 258, b, 7 vgl. II. 1. 192, b, 20; 

VIII, 10. 267, b, 20 vgl. III, 4 ff.; Metaph. I, 3. 983, a, 38. c. 4. 985, a, 

12. c. 7. 988, a, 22. c. 10, Anf. XI, 1. 1059, a, 34 vgl. Phys. II, 3. 7; Me- 

Uph. I, 5. 986, b, 30 vgl. Phys. I, 2 f.; XIII, 1, Anf. c. 9. 1086, a, 28 

f'gl. Phys. I.), die späteren dagegen nennt er in der Regel tu thqI xin^- 

mig (Metaph. IX, 8. 1049, b, 36 vgl. Phys. VIII. VI, 6 f.; De coelo I, 



gg Aristoteles. [60 

gehörigen Werke über den Himmel und über das Entstehen onc 



5. 7. 272, a, 80. 275, b, 21 vgl. Phys. VI, 7. 2.^8, a, 20 ff. c. 2. 233, a. 31 
Vm, 10; De coelo III, 1.-299, a, 10 vgl. Phys. VI, 2. 233, b, 16; gea. 
et corr. I, 8. 318, a, 3 vgl. Phys. VIII; De sensu c. 6. 445, b, 19 vgl 
Phys. VI, 1 f.; Anal, post II, 12. 95, b, 10). Doch wird Phys. VIII, 5 
257, a, 34 mit den Worten iv rotg xa&olov mgl (pvasmg auf B. VI , I f 
4, Metaph. VIII, 1, Schi, mit (fvOixä atif B. V, 1 verwiesen, und Metaph. 
I, 8. 989, a, 24. XII, 8. 1073, 32 geht der Ausdruck ra n. (pvanog nich' 
allein auf die ganze Physik, sondern auch auf andere naturwissenschafüichi 
Schriften (vgl. Bomitz und Schweqler z. d. St). Dem Inhalt nach wirc 
B. in, 4 f. De coelo I, 6. 274, a, 21 mit den Worten: iv roig mgl rai 
uQxäs^'B. IV, 12. VI, 1 De coelo III, 4. 303, a, 23 mit 7t€Ql xQovov xal 
xivrjaeagf viele andere Stellen (vgl. Ind. arist 1 02, b, 1 8 ff.) werden mit all- 
gemeineren Bezeichnungen angeführt. D. 90.45(115) nennt tt. (fvaeoDg uuc 
n. x&vriae(ogf aber jenes nur mit drei Büchern, dieses mit Einem (vgl. ^ 
52, 1). SiMPLiciüS (Phys. 190, a, o. 216, a, m. 258, b, u. 320, a, u.) be- 
hauptet, Aristoteles selbst sowohl, als seine haigot (Theophrast und Eo- 
dem), nennen die fünf ersten Bücher (pvaixa oder n, agx^ (fv<nxiov, B- 
VI — VIII TT. xivria€(og. Ohne Zweifel hat aber Porphyr (b. Suipl. 190, 

a, m) Recht, wenn er das mit B. VI so eng verbundene B. V unter dem 
Titel 77. xivriatag mitbefasste. Denn mögen auch zur Zeit Adrxst's (bei 
SiMPL. 1, b. m. 2, a, o.) bei manchen die fünf ersten Bücher die lieber- 
Schrift: n, agxoiv oder n, ag^^iv (pvaixuiv getragen haben, welche andere 
dem ganzen Werk gaben, B. VI — VIII dagegen den Titel: n. x&vriai«»g 
unter dem sie auch Andronikus anführte (Simpl. 216, a, o.), so lässt siel 
doch nicht beweisen, dass diess auch schon in der älteren Zeit geschah; 
wenn vielmehr Thbophrast B. V u. d. T. ix rtiv (pvaixtov anführte, sc 
kann er dabei (pv'atxa recht wohl in jener weiteren Bedeutung genommeB 
haben, in der es nicht allein unser ganzes Werk, sondern auch noch ander« 
naturwissenschaftliche Schriften bezeichnete (s. o. und Simpl. 216, a, m) 
und wenn Damasus, der Lebensbeschreiber und wohl auch Schüler det 
Eudemus, ix r^; mgl (piaemg ngayfianias Trjg uiQiaToriXovg ttSv niQi 
xiVTJaetag tqCa nennt (Simpl. 216, a, m, wo für Damasus den Neuplatonikei 
Damascius zu setzen durchaus nicht angeht), so folgt doch nicht, dass ei 
damit B. VI— VIII, und nicht vielmehr B. V. VI. VIII meinte (vgl. Rosb Arist 
libr.ord. 198 f. Bramdis II, b, 782 f.). B. VII machte nämlich schon auf die Altei 
den Eindruck, dass es nicht recht in den Zusammenhang des Ganzen ver 
arbeitet sei, und Eudemus hatte es nach Simpl. Phys. 242i, a, o. in seinei 
Bearbeitung der Schrift übergangen. Für unächt (wie Rose S. 199 will 
wird es desshalb doch nicht zu halten sein, wohl aber mit Brandis (II, b 
893 ff.) für eine Zusammenstellung vorläufiger Aufzeichnungen, die keinei 
Theil des physikalischen Werks bildeten. In seinen Text sind aus ein« 
schon Alexander und Simplicius bekannten Paraphrase (Simpl. 245, a, o 

b, u. 253, b, n.) vielfache Zusätze und Aenderungen gekommen (a. Spbkobj 



[61] Natarwissenschaftliche Schriften. 87 

Vergehen ^), die Meteorologie *). Mit diesen Hauptwerken hängen, 



Abhandl der Münchn. Akad. III, 313 ff.); den nrsprün^lichen Text gibt 
die kleinere BEKKER'sclie nnd die PRAMTL'sche Aasgabe. Die Aechtheit 
Ton B. VI, c. 9. 10 yertheidigt Brandis II, b, 889 mit Recht gegen 
Weisse. 

\) n. OvQavov in vier, tt. rev^a$(og xal 4>d-OQäs in zwei Bü- 
chern. Die gegenwärtige Abtheilnng dieser zwei Werke rührt aber schwer- 
lich Yon Aristoteles her, denn B. III n. IV n. Ovgavov ist den Ansfüh- 
ron^n der zweiten Schrift näher verwandt, als den vorangehenden Büchern. 
Aof beide Schriften verweist Aristoteles darch einen knrzen Rückblick auf 
ihren Inhalt am Anfang der Meteorologie; auf De coelo 11^ 7 ebd. I, 3. 
339, b, 36 (vgl. 341, a, 17 ff.) mit den Worten: rä 7r€^l tov äv(o tonov 
^iu^fiara; auf gen. et corr. 1, 7 De an. II, 5. 417, a, 1 (iv Tolg xaS-olov 
^oyoii ntQi TOV noulv xai naax^iv y ähnlich gen. an. IV, 3. 768, b, 23: 
^y Tois nfQl TOV TioteTv xal Traax^iv SttoQiüfiivoig); auf gen. et corr. I, 10 
(nicht: Meteor. IV) De sensu c. 3. 440, b, 3. 12 {iv tois ttsqI /i/|«a»ff); auf 
gen. et corr. 11, 2 ff. De an. II, 11. 423, b, 29. De sensu c. 4. 441, b, 12 
ih Toig ni^l aroi^^eCtov), Eine Schrift n. Ovgavov hatte nach Sihfl. De 
coelo, Schol. in Ar. 468, a, 11. 498, b, 9. 42. 502, a, 43 auch Theophrast 
veHust und die aristotelische darin berücksichtigt; ausser ihm sind Xenar- 
choa und Nikolaus der Damascener die friihesten Zeugen für das Dasein 
diewr Schrift (s. Brandis gr.-röm. Phil. II, b, 952), deren Aechtheit übrigens 
*> wenig, als die der Bücher n, yiväaeojg x, (pd-,, einem Zweifel unterliegt. 
Ana Stob. £kl. I, 486. 536 kann man nicht (mit Idbler Arist. Meteorol. 
h 415. II, 199) schliessen, dass die Bücher vom Himmel ehmals voUstän- 
<^iger oder in einer andern Becension vorhanden gewesen seien; aus Cic. 
^- D. II, 15. Plut. plac. V, 20 ohnedem nicht. 

2) Die Meteorologie (M€Ti(OQokoyixäy b. An. App. 150: n, Me- 

utoQw 6' ^ fiiTitoQoaxoniä, von Pt. 37 mit 4, 76 mit 2 Büchern an- 

^ben) setzt sich, wie bemerkt, mit den eben genannten Werken in un- 

ii^Ibare Verbindung. Die Aechtheit dieser Schrift kann nicht bezweifelt 

^^en: Aristoteles selbst nennt sie zwar nicht, (denn De plant. II, 2. 822, 

^* 32 gehört einer unachten Schrift an), beruft sich aber wiederholt auf ihre 

Attiföhrungen (vgl. Bonitz Ind. arist. 102, b, 49); nach Albx. Meteor. 91, 

^ u. Oltmpiod. b. Idbler Arist. Meteor. I, 137. 222. 286 scheint sie schon 

/^eophrast (in s. MiTag€f$oloyixa Dioo. V, 44) nachgebildet zu haben; 

^titR a. a. O. I, VII f. zeigt, dass sie Aratus, Philochorus (?), Agathe- 

^TUB, Polybius, Posidonius bekannt war. (Eratosthenes dagegen scheint 

n'e nicht gekannt zu haben ; s. ebd I, 462.) Von ihren vier Büchern scheint 

^ das letzte, seinem Inhalt nach, ursprünglich nicht zu ihr gehört zu 

btben. Albxandbr (Meteor. 126, a, m) und Ammonids (bei Olympiod. 

Arist Meteor, ed. Id. I, 133) wollen es lieber der Schrift vom Entstehen 

Qod Vergehen zuweisen; auch zu dieser passt es aber nicht, und da es nun 

doch acht aristotelisch aussieht und von Aristoteles (part an. II, 2. 649, a, 



88 Aristoteles. [61.62; 

80 weit sie nicht als Theile darin enthalten, oder als unächt zu 
beseitigen sind, verschiedene andere naturwissenschaftliche Ab 
handlungen zu^nunen ^) ; eine eigene | Klasse, den genannten nui 

33 vgl. Met. IV, 10. gen. an. H, 6. 743, a, 6 vgl. Met. IV, 6. 383, b, 9 
384, a, 33) berücksichtiict wird, so wird es fiür eine abgesonderte Abband 
long zu halten sein, welche beim Anfang der Meteorologie noch nicht ii 
dieser Form beabsichtigt (vgl. Meteor. 1,1, Schi.) , in der Folge an di« 
Stelle der Erörterungen ti*at, die am Schlnss des dritten, den Plan de 
Werks \)fienbar noch nicht zu Ende führenden Bnchs noch in Aassicht ge 
steUt werden. Es selbst führt c. 8. 384, b, 33 (wie auch Bonitz Ind. arisi 
98, b, 53 gegen Heitz bemerkt) die Stelle Meteor. III, 6/7. 378, a, 15 an 
(Vgl. hiezn Idbler a. a. 0. II, 347 — 360. Spbnobl üb. d. Reihenfolge d 
natnrwissensch. Schriften d. Arist Abhandl. d. Müqchn. Akad. V, 150 fi 
Bbanbib gr.-röm. Phil. II, b, 1073. Iu76 f. Rosb Arist. libr. ord. 197. 
Die Zweifel gegen das erste Buch, deren Oloipiod. a. a. 0. I, 131 erwähnt 
haben nichts auf sich. Dass es im Alterthum eine doppelte Becension de 
Meteorologie gegeben habe, scheint mir durch das, was Ioblbb I, XII i 
beibringt, nicht erwiesen. Die Angaben, welche er aus einer zweiten Ge 
stalt unseres Werks ableitet, können meist auch andern Schriften entnom* 
men sein, und wo diess nicht der Fall ist (Sbn. qu. nat. VII, 28, 1 vgl 
Meteor. I, 7. 344, b, 18), lässt sich ein Irrthum des Berichterstatters an 
nehmen. Möglich ist es aber allerdings, dass die Schrift auch in einer er 
weitemden Ueberarbeitung oder einer mit mancherlei Zusätzen versehenei 
Ausgabe vorhanden war. Vgl. Brandib S. 1075. 

1) Auf die Physik gehen die Titel: n. uigvcHv fj 4>va(tog d (An. 21) 
iv Toig TT, rdSv aQx^v Trjg oltig (f^voitog (Thbmist. De an. II, 71. 76 Sp.) 
iv Tois TT. Tüiv aQXtov (ebd. 93), n. K&vi^(X€iog (D. 45. 115. An. 102 IB. 
Pt. 17 8 B., das gleiche aber als au$eultatio physioa noch einmal Nr. 34] 
vielleicht auch n. ui^xv^ (^* ''O) ^i^ ^^ sich in dieser Beziehung mi 
den Titeln n, 4>vaetos (D. 90 3 B., An. 81 1 B.), 4>vaixbv d (D. 91] 
TT. ^vaixtov d (An. 82) verhält, lässt sich nicht ausmachen. Auch n 
Xqovov (An. App. 170. Pt. 85) könnte möglicherweise nur der Abschnif 
Phys. IV, 10 — 14 sein, doch möchte ich eher an eine besondere Abband 
lung von irgend einem Peripatetiker denken. Mit der Bezeichnung iv rot 
n. atoix^Cbjv verweist Arist. selbst De an. II, 11. 423, b, 28. De sensu A 
441, a, 12 auf gen. et. corr. II, 2 f.; ob aber auch bei Dioo. 39. An. 3 
der Titel n. ^ro»/f/wv y' nur auf diese Schrift geht, etwa in Verbin 
düng mit B. 3 und 4 De coelo (s. o. 52, 1 , oder mit Meteor. 4 (UBrr 
Fr. S. 156). ob vielleicht aus mehreren aristotelischen Werken das die EU 
mente betreffende besonders zusammengestellt, oder ob endlich eine eigen 
Schrift über die Elemente, welche aber nicht für aristotelisch gehalten werde; 
könnte, vorhanden war, muss dahingestellt bleiben. Aehnlich verhält es sie 
mit dem Buch n. tov Udaxeiv rf mnov&ivat (D. 25). Arist selbs 
verweist De an. II, 5. 417, a, 1. gen. anim. IV, 3. 768, b, 23 mit de 



[63] Natarwissenschaftliche Schriften. 89 



Fonnel: h roTg thqI tov nontv xal naa^^v auf gen. et corr. I, 7 ff. (was 
iwar Trkndblbnbüro z. d. St. De anima und Heitz S. 80 bezweifeln, was 
aicb mir aber ans einer Vergleichang der Stellen unabweislich za ergeben 
tcbeint; m vgl. mit gen. an. a. a. O. S. 324, a, 30 ff., mit De an. 416, b, 
35 S. 323, a, 10 ff., mit De an. 417, a, 1: tovto Sk ntag Swaxbr rj 
iivftnovj etgi^xafiev u. s. w. S.*325, b, 25 : ntog dk iv^^x^Tai tovto avfi- 
ßtivHVj naUv l(yfofJL€v a. s. f ). Es liegt daher nahe, auch bei Diogenes 
nv an diesen Abschnitt, oder anch an das ganze erste Bnch der genannten 
Schrift zn denken; sollte aber auch eine eigene Abhandlung gemeint sein, 
10 ist es mir doch jedenfaUs wahrscheinlicher, dass sie der Erörterung gen. 
et corr. analog war, als dass sie (wie Trendelenburo glaubt, Gesch. d. 
Kategorieenl. 130 f.) die Kategorieen des Thuns und Leidens im allgemeinen 
behandelte, und dass auch die zwei aristotelischen Citate sich auf eine solche 
lUgemein logische Untersuchung beziehen. — An die Physik würde sich 
weiter die Abhandlung D« quaestionüut hylieia (Pt. 5U) und vielleicht auch 
Jk teeütntibua umver$aliöus (Pt. 75) anschliessen; dieselben waren aber ohne 
Zweifel unächt; anch n, xüa/uov yeviasfos (An. App. 184) kann der 
Philosoph, welcher die Weltentstehung so entschieden bestreitet, selbstver- 
itändlich nicht geschrieben haben. — Das Buch n, xocffiov, selbst nnsem 
<irei Verzeichnissen noch unbekannt, ist frühestens 50 — ] v. Chr. verfasst; 
vgl Th. III, a, 55S ff. — Das angebliche Bruchstück einer Schrift tt. 
fiiUms^ welches Minoides Mynas seiner Ausgabe des Gennadius gegen 
Pl^o beigefügt hat, (Heitz Fragm. S. 157) stammt vielleicht aus den 
8> 78, 4 besprochenen Diäresen. — Auch unter den Abhandlungen, welche 
in das Gebiet der sog. Meteorologie gehören, scheint viel unächtes gewesen 
w«in. Eine Schrift tt. dväfnuv (Achill. Tat. in Ar. c. 33. 8. 158, A. 
fr- Hz. 350. Robe Ar. ps. 622) ist Aristoteles vielleicht nur durch >'er- 
wechalnng mit Theophrast (über welchen Dioo. Y, 42. Alex. Meteor. 101, 
\ 0. 106, a, m. u. ö. z. vgl.) beigelegt, ebenso die arj/neia ;|f€i/iiuyQ)V 
(I)lt2, bei An. »9: arjfiaafa, oder -cti, ;^ft/u. in der Ueberschrift des 
brochttäcks Arist. Opp. II, 973: n. arijusftov), deren Ueberbleibsel sich 
^ Ar. 237 ff. S. 1521. Fr. H. 157. Arist. pseud. 243 ff. finden. Die Schrift 
^- noTufidSv (Ps.-Plüt. De fluv. c. 25, Schi. Heitz 297. Fr. H. 349) scheint 
^ ip&tes Machwerk gewesen zu sein; weit älter (Rose glaubt, aus der Zeit, 
^ lelbst ein Werk Theophrast's) ist die tt. rijc tov NfClov ava- 
ßioKog (An. App. 159. Pt. 22), worüber Robe Ar. ps. 239 ff. Ar. Fr. 1520. 
^^■H. 211. Die Abhandlungen De humoribua und De siccitate (Pt. 
'^' 74) sind schon desshalb nicht für acht zu halten, weil sie sonst nie 
erwähnt werden. Gegen die Schrift n. XQta^aTtav hat Prantl. (Arist. 
"b- die Farben, Mönch. 1849, S. 82 ff. vgl. 107 ff. 115. 142 f. u. ö.) begrün- 
dete Einwendungen erhoben. Dass Arist. ein Buch n» Xv fÄtuv geschrieben 
^ nimmt Alex, in Meteor. 98, b, u. Olympiodor in Meteor. 36, a (b. 
'i>CLER Arist. Meteor. I, 287 f.) an, keiner von beiden scheint es aber selbst 
K^kannt zu haben; so bemerkt auch Micuael Ephes. zu De vita et m. 175, 



90 Aristoteles. [64j 

theilweise verwandt, bilden die mathematischen, mechanischen^ 
optischen und astronomischen Schriften ^). 



b, u., die Schriften des Aristoteles n, (fVTtuv xal x^^^ seien verloren., 
wesshalb man sich an Theophrast halten müsse. Arist. selbst verweist Meteor. 
II, 3. 359, b, 20 auf eine eingehendere Erörtemng über die schmeckbaren. 
Eigenschaften der Dinge; da er aber über denselben Gegenstand in der 
späteren Abhandlung De sensu c. 4, Schi, weitere Untersuchungen für d&s 
Werk über die Pflanzen in Aussicht stellt, fragt es sich doch sehr, ob wijr 
diese Verweisung auf eine besondere Schrift n, Xvfioivy nnd nicht vielmelmr 
(als später eingetragen) auf De sensu c. 4. De an. II, 10 zu beziehen haben.. 
Eine Untersuchung über die Metalle stellt Arist. Meteor. III, Schi, in Aas- 
sieht, seine Ausleger erwähnen auch einer fiovoßißlog n. fiSTaXltov (Simpx«. 
Phjs. 1, a, u. De coelo, Schol. in Ar. 468, b, 25. Damasc. De coelo ebd. 
454, a, 22. Puilop. Phys. a, ], m., der aber zur Meteorologie, I, 135 Id.., 
redet, als ob er von einer solchen Schrift nichts wüsste. Olympiod. in 
Meteor. I, 133 Id.), die aber mit mehr Grund Theophrast beigelegt wird 
(PoLLDX Onomast. VII, 99. X, 149 vgl. Diog. V, 44. Thbophr. De lapi<i. 
Anf. Alex. Meteor. 126, a, o. U, 161 Id. u. a.). Vgl. Rose Arist. ps. 254 tf- 
261 ff. Ar. Fr. 242 f. S. 1523. Fr. H. 161, und gegen die Beziehung vo» 
Meteor. lU, 7. 378, b, 5. IV, 8, 384, b, 34 auf die Schrift n, fiir. (die abNC^r 
auch Heitz S. 68 nicht behaupten will) Bonitz Ind. ar. 98, b, 53. Wie sio^ 
hiezu die Schrift JDe metaUi fodinis (Hadschi Khalfa b. Wbnrich De ano^* 
Gr. vers. arab. 160) verhält, wissen wir nicht. Die Schrift über den Magn^^ 
(tt. TTJg ll&ov D. 125. An. 117. Rose Ar. ps. 242. Fr. H. 215) war schwer- 
lich acht, die von den Arabern viel gebrauchte De lapidibuB (Hadschi K^^ 
a. a. O. 159; weiteres bei Meyeb Nicol. Damasc. De plantis praef. S. XX' 
Rose Ar. libr. ord. 181 f. Ar. ps. 255 f.) gewiss nicht. 

1) Ma&rjfiarixov d (D. 63. An. 53), n, Trjg iv jolq fnad-rifiaai ^ 
ovalug (An. App. 160), tt. //oraJof (D. 111. An. 100). n. fiiyid^ovg if^^ 
85. An. 77, wenn diess nicht vielmehr eine rhetorische Abhandlung war, s. (7^ 
76, 2 g,E.). Die Abhandlung n. arofitov rgafjifitav (Ar. Opp. DL, 969ff.> 
in nnsem Verzeichnissen nur von Ptol. 10 genannt, von Arist. selbst ni^^ 
angeführt, wurde nach Simfl. De coelo, Schol. in Ar. 510, b, 10. Philo^^ 
gen. et corr. 8, b, m. auch Theophrast beigelegt, (wogegen Puilop. a.a. O^ 
37, a, n. Phys. m, 8, m. die Schrift einfach als aristotelisch behandelt) wa^ 
manches für sich hat. (Gegen ihre Aechtheit auch Rosb Ar. libr. ord. 193.^ 
Dasd Arist. über die Quadratur des Zirkels geschrieben habe, sagt Eutoc^ 
ad Archim. de circ dimeus. prooem. nicht; seine Aeusserung geht auf soph^ 
el. 11. 171, b, 14. Phys. I, 2. 185, a, 16. Ohne nähere Angabe nennt Simpl» 
Categ. 1, C (Bas.) Aristoteles' yeto/LUTguca n xal firixavtxa ßißUa. Unserer 
MTj/avixä jedoch (D. 123. An. 114: firixavtxov oder -cjr), die richtiger 
(wie bei Ptol. ] 8) firixttvixa ngoßkrj/naTa genannt würden, sind gewiss nicht 
aristotelisch. (Vgl. auch Rose a. a. 0. 192.) Ein Buch ^Onxixov (-ctiy sc. 
nqoßXrifxttXtov) nennt D. 114. An. 103, onxixa ßißUa David in Categ. Schol. 



[65] Natarwissenschaftliclie Schriften. 91 



Auf die Physik und die verwandten Schriften folgen die 
zahlreichen und wichtigen Werke über die lebenden Wesen. 
Dieselben sind theils beschreibende, theils untersuchende. In die 
erste Klasse gehört die Thiergeschichte ^X und die anatomischen 

25, a, 36. Anon. proleg. in metaph. (b. Robb Ar. ps. 377. Heitz Fr. 215), 
miT. itQoßlrifjiartt ▼. Marc. S. 2 vgl. S. 8 B. Dass eine solche Schrift schon 
frühe unter Aristoteles* Namen im Umlauf war, zeigt ihre Anführung in 
einer lateinischen Uebersetzung von Hero^s (um 230) Katoptrik (b. Rosb 
Lt. 0. 378. Ar. Fr. 1534. Fr. H. 216) und den (psendo-) aristotelischen 
Problemen XYI, 1, Schi. Ihre Aechtheit ist damit freilich noch nicht ver- 
borg so möglich es immerhin ist, dass sich unter den ächten Problemen 
nch optische befanden. Mit der Schrift De tpeculo, welche arabische und 
christliche Schriftsteller des Mittelalters Anst beilegen, scheinen Euklid's- 
KttTOTiTQixa gemeint zu sein (Robe Ar. ps. 376). Ein ^AaTQOVOfiixov kennt 
Dicht blos D. 113. An. 101, sondern auch Aristoteles verweist Meteor. 1,3. 
S39, b, 7 (rj^rj yäg tanrai diä rtiSv dfngoXoytxdav d-iwqrifittxtuv rifilv)^ ebd. 
c 8. 345, b, 1 (xaO^aneq delxvurai iv roTg tisqI aargoloylttv S-fWQTjftaaiv) 
ood De coelo 11, 10. 291, a, 29 {n€Ql ^t rrig roi^iiog avrtov u. s. w. ix 
lif nt^ daiQoXoyCav d^ttüqila&to' Ifyetai ydg Ixavtog) auf ein derartiges 
Werk; auch Simpl. z. d. St De coelo, Schol. 497, a, 8 scheint an ein 
solches zu denken. Derselben Ansicht ist unter den neueren Gelehrten 
BoMTz Ind. ar. 104, a, 17 ff., ebenso nimmt Prantl zu Arist. n. ov(i. S. 303 
u, dass es ein solches Werk von Arist. gegeben habe, auch Heitz S. 117 
findet es wahrscheinlich, während er Fragm. 160 sich nicht entscheiden 
^11 Blabb Rhein. Mus. XXX, 504 bezieht die Anführungen auf fremde 
Schriften, Idelbr Arist. Meteor. I, 415 denkt an eine andere Bearbeitung 
der Bächer vom Himmel, was nichts für sich hat. Dass diese astronomische 
(oder wie sie Arist. nach Heitz' richtiger Bemerkung genannt haben würde : 
><tro]ogische) Schrift die Form von Problemen hatte, ist mir nicht wahr- 
Kbeiiüich, da Arist wiederholt von d-noQrifAara redet Nicht um sie, son- 
dern nur um spate Unterschiebungen, wird es sich bei den von Habbchi 
^4LFi (S. 159 — 161 genannten Titeln: L« »idtrum areanig, De aideri- 
^»nimqu0 arcanitjDe itellig lab$nt%bu8^ Mille verba d$ a$trologia 
J^dieinria handeln. Wie es sich sonst mit der Aechtheit der mathemati- 
■chen und der verwandten Schriften verhielt, lässt sich nicht ausmachen; 
^ keine derselben von Aristoteles verfasst sein könne, sucht Robe Ar. 
"^' ord. 192 f. vergeblich zu beweisen. 

1) n, TU Z^a laro^Ca (tt. C^cuy larogCag l An. App. 155; das 

gleiche Werk meinen aber D. 102. An. 91 offenbar mit ihren 9 Büchern 

*• ^^, und Ptol. 42. Die Araber zählen bald 10, bald 15, bald 19 Bücher, 

lie hatten also unsere Thiergeschichte durch allerlei Zusätze erweitert, 

*• Wekbich De auct. graec. vers. 148 f.). Aristoteles selbst führt diese Schrift 

unter verschiedenen Namen an: larogiai (oder auch — ia) n, rä Cv"^ (part. 

•mm. m, 14. 674, b, 16. IV, 5. 680, a, 1. IV, 8, Schi. IV, 10. 689, a,18. 



92 Aristoteles. [66] 



IV, 13. 696, b, U. gen. an, I, 4. 717, a, 83. I, 20, 728, b, 13. respir. c. 16, 
Anf.); tOTOQia& n, rdh C(p(ov (part. anim. II,' 1, Anf. c 17. 660, b, 2. gen. 
anim. I, 3. 7J6, b, 31. retpir. c. 12. 477, a, 6), itoixri laxoqCa (part anim« 
III, 5, Schi.), loToQia (pvauni (part. an. 11, 3. 650, a, 31. ingr. an. c. ly 
Schi.), auch einfach laroQiat oder laroQCa (De respir. 16. 478, b, 1. gea. 
anim. I, 11. 719, a, 10. II, 4. 740, a, 23. c. 7. 746, a, 14. III, 1. 750, b, 31. 
c. 2. 753, b. 17. c. 8, Schi. c. 10, Schi. c. 11, Schi.). Ihrem Inhalt nach ist 
sie mehr eine vergleichende Anatomie and Physiologie, als eine Thierbe^ 
Schreibung; über ihren Plan s. m. J. B. Meyeb Arist. Thierkunde 114 ff. 
An ihrer Aechtheit ist im übrigen nicht zu zweifeln; nur das lOte Bacli 
wird nicht blos mit Spenqbl (De Arist. libro X bist. anim. Heidelb. 1^42]) 
för die Rückübersetzung aus der lateinischen Uebersetzung einer aristotelischen, 
hinter B. YII gehörigen, Abhandlung, sondern mit Schneider (IV, 262 f. 

I, XIII s. Ausg.) Rose (Ar. libr. ord. 171 ff.) und Brandis (gr.-röm. PhiU 

II, b, 1257 f.) für unächt zu halten sein. Ausser allem andern würde schoa 
die unaristotelische Annahme eines weiblichen Samens diess beweisen. Mit 
diesem Buch ist ohne Zweifel die Schrift i; 77 ^ ^ (oder ttc^O tov fiii yevvq^^ 
(D. 107. An. 90) identisch. Ueber Alexanders angebliche Mitwirkung för 
unser Werk vgl. S. 32 f., über seine Quellen auch Rose Ar. libr. ord. 206 AT. 
— Neben der Thiergeschichte existirten im Alterthum noch mehrere ähn^ 
liehe Werke. So benützt namentlich AthbnXus mit den Bezeichnungen : 
h r^ 7t, ZtpcDVy iv roTs n. Z., (wofür mit Rose Ar. ps. 277. Hbitz 22^ 
durchweg gleichfalls Zmxaiv zu setzen, mir nicht nöthig scheint) iv rtp n^ 
ZfpCxdiVf fv T(p fniyqaffOfi^vM Ztp'ix^j iv rrp n, Ztptov rj [xal] '^^vorr* 
iv rq) TT. Ztpixtov xal '//^ucw, iv T(ß n. ^f^i^vojv Eine und dieselbe, voia 
unserer Thiergeschichte, wie aus seinen Mittheilungen selbst erhellt, ver- 
schiedene Schrift, während er zugleich seltsamerweise das 5te Buch der 
Thiergeschichte oft als nifinrov n, Ztptov fjioQ(ojv anfuhrt (m. s. d. Register 
zu Athen.; die Anmerkungen| Schweighäusers zu den betreffenden Stellen, 
namendich zu II, 63, b. UI, 88, c. VII, 281, f. 286, b; Rose Ar. ps. 276 ff. 
Ar. Fr. Nr. 277 ff.; Hbitz 224 f. Fr. M. 172). Auch Clemens (Paedag. II, 
150, C vgl. m. Athbk. VII, 315, e) scheint sich auf dieses Werk zu- be- 
ziehen; desselben erwähnt Apollon. Mirabil. c 27, indem er es ausdrück- 
lich von dem tt. Z(fi(ov (unserer Thiergeschichte) unterscheidet Blosse Theile 
desselben bezeichnen, wie es scheint, die Titel: tt. ^ri^Ctov (Eratosth. 
Catasterismi c 41 und wohl nach ihm das Scholion zu Qermanicus Aratea 
Phaenom. V. •127, Arat. ed. Buble II, 88); iinkg rtüv fiv&oloyov- 
fiivQjv ^(^(ov (D. 106. An. 95); vnk^ twv aw^^rtov ^cJoiv (D. 
105. An. 92); tt. rtov (ftoXfvovTOtv (Ptol. 23: „/art tufulin^^ Diog. V, 
44 legt eine Schrift dieses Titels, ohne Zweifel die gleiche, Theophrast bei, 
dessen Fragm. 176— 178 Wimm., aus Athen. II, 63, c III, 105 d. VII, 314, 
b, ihr entnommen sind. Ebendaher stammt wohl auch die Notiz b. Plct. 
qu. conv. 8, 9, 3, die Robb Ar. Fr. Nr. 38 dem Dialog Eudemus, Hbitz 
Fragm. Ar. 217 den iazQixä zuweist). Was aus diesen und ähnlichen 



[66] Naturwissenschaftliche Schriften. 93 

Beschreibimgeii ^); | die zweite eröffiien die drei Bücher 
von der Seele *), j denen sich viele weitere anthropologische 



Sehriften, bald unter Aristoteles' bald unter Theophrast^s Namen, angeführt 
wird, findet sich bei Rose Ar. ps. 276—372. Ar. Fr. 257—334, S. 1525 ff. 
Heitz Fragm. Ar. 17 t ff. Plin. H. nat VIII. 16, 44 lässt den Philosophen 
gegen 50, Antioomus Mirab. c. 60 (66) gar gegen 70 Bücher über die Thiere 
schreiben. Aecht waren von den so eben genannten Schriften ohne Zweifel 
nnr die ersten nenn Bücher nnserer Thiergeschichte; das von Athenäns be- 
nöme Werk, schon nach der Sprache der Fragmente nicht aristotelisch, 
scheint eine aus ihnen und andern Quellen geflossene Compilation gewesen 
n ieio, welche nach dem so eben aus Antigonus angeführten noch dem 
3. Jahrhundert angehören muss. 

1) Die 'AvttiofjiaX (nach D. 103. An. 93 sieben Bücher) werden von 
Aristoteles sehr oft angeführt (m. s. die Belege bei Bonitz Ind. arist. 104, 
a, 4 C Heitz Fr. Ar. 160 f.), und es ist nicht möglich, diese Verweisungen 
(mit Boss Arist. libr. ord. 188 f.) wegzudeuten; nach U. an. I, 17. 497, a, 
31. IV, 1. 525, a, 8. VI, 11. 566. a, 15. gen. an, II, 7. 746, a, 14. part an. 
IV, 5. 680, a, 1. De respir. 16. 478, a, 35 waren sie mit Zeichnungen aus- 
gestittet, welche vielleicht ihren Hauptbestandtheil bildeten. Der Scholiast 
n ingr. anim. (hinter Simpl. De anima) 178, b, u. citirt sie schwerlich aus 
eigener Anschauung; Apulejcs De Mag. c. 36. 40 bezeichnet ein aristoteli- 
>chei Werk n. i^t^tov avarofiTJg als allgemein bekannt, sonst wird aber diese 
Schrift selten erwähnt, und auch Apnlejus meint damit vielleicht die n. 
(^ fiOQ{<üV, Ein Auszug daraus C^xloyti dvaroßiMV D. 104. An. 94. 
Apollon. Mirab. c. 39) war gewiss nicht aristotelisch. Kose's Meinung (Ar. 
P>eQd. 276), dass die dvarofial mit den C^ixa £in Werk seien, widerspricht 
HiiTz Fr. Ar. 171 mit Becht. Eine Idvarofiri dv&Qwnov führt An. 187 
nnter den Pseudepigraphen an; Arist. machte keine Sektionen an Menschen; 
^H. an. in, 3. 513, a, 12. I, 16, Anf. Lewes Aristoteles S. 161. 169. 
^ Usbersetzung. 

2) 7i. ^^vx^S wird von Aristoteles an vielen Stellen der gleich zu er- 
eignenden kleineren Abhandlungen (worüber Bonitz Ind. arist. 1 02, b, 60 ff.) 
^ gen. an H, 3. V, 1. 7. 736, a, 37. 779, b, 23. 786, b, 25. 788, b, 1. 
P«t an. m, 10. 673, a, 30 (De interpr. 1. 16, a, 8. De motu an. c. 6, Anf. 
^ 11, Schi.) angeführt, muss daher früher sein, als diese Schriften. Dass 
•Q< Meteor. I, I, Schi, das Gegentheil folge (Idbler Arist. Meteor II, 360), 
*< nicht richtig. Die Worte ingr. an. c. 19, Schi,, welche unsere Schriflt erst 
^ Aussicht stellen, während sie die von den Theilen der Thiere voraus- 
setzen, sind wohl mit Bbandis (a. a. O. 1078) für eine Glosse zu halten. 
Von ihren drei Büchern erscheinen die zwei. ersten vollendeter, als das dritte; 
üid«ssen hat Torstkik im Vorwort zu seiner Ausgabe (1862) gezeigt, dass 
i'om sweiten Buch noch Bruchstücke einer anderen Recension erhalten sind, 
nnd dass ebenso in dem jetzigen Text des 3. Buchs durch eine Vermischung 
^00 zwei Bearbeitungen, welche über die Zeit Alexanders von Aphrodisias 



94 Aristoteles. [67 

Abhandlungen anreihen ^). Die weiteren Ausftihrungen | über 



hinaufreicht, störende Wiederholungen entstanden, und das gleiche sc] 
auch schon im erstea Buch der Fall gewesen zu sein. — Diogenes unc 
An. Men. nennen auffallender Weise unser Werk nicht, während es P 
anführt; dafür haben sie (D. 73. An. 68) Giaeig n. ipv/rjg «. Zur Se 
lehre gehört auch der Eudemus; s. o. S. 5S, 1. 59, 1. 

1) Von den erhaltenen Schriften gehören hieher folgende Abhandlui 
welche sich sämmtlich auf die xoiva atofiarog xctl ipv^^rjg IfQya (De an 
10, 433, b, 20) beziehen: 1) n. uito^rjaetog x«i Aia(^rit dv. Arist« 
citirt diese Schrift, deren Titel aber vielleicht nur n, aiad^aetog lautet 
Ideler Arist. Meteor. I, 650. II, 358), in denen über die Theile unc 
Entstehung der lebenden Wesen (Bokitz Ind. ar. 103, a, 8 if.), De me 
c. 1, Anf., De somno 2. 456, a, 2 (De motu anim. c. tl, Schi.), währei 
sie Meteor. I, 3. 341, a, 14 als künftig ankündigt Trendelenbcbg D< 
118 (106) f. (gegen ihn Rose Ar. libr. ord. 219. 226. Brandts gr.-röm. 
n, b, 2. S. 1191, 284. BoNiTz Ind. ar. 99, b, 54. 100, b, 30. 40.) gl 
die Schrift n. aiad-. sei verstümmelt und ein von ihr abgeriesenes S 
sei uns unter der Ueberschrift : ix xov n^ql axovarmv (Ar. Opp 
800 ff.) erhalten. Und es lassen sich wirklich für einige Verweisu: 
späterer Schriften die entsprechenden Stellen in der unsrigen nicht 
ständig aufzeigen. Nach gen. an. V, 2. 781, a, 20. part. an. II, 10. 65 
27 soll iv Tois TiiQl t(ia9-^€fitog auseinandergesetzt sein, dass die Kanäle 
Sinnesorgane vom Herzen ausgehen; dagegen lesen wir in der einzigen S 
unserer Abhandlung, an die man hiebei denken kann, c. 2. 438, b, 2S 
die Organe des Geruchs- und Gesichtssinns haben ihren Sitz in der Ge] 
des Gehirns, aus dem sie auch gebildet seien, der Tastsinn und Gescho 
im Herzen. Erst De vita et m. 3. 469, a, 10 ff. wird beigefügt^ dass es i 
für die andern Sinne der Sitz der Empfindung sei, nur nicht (pavtQ^g, 
für jene; wobei aber Z. 22 f. auf die Stelle n. alad-, verweist (nur 
nämHch, nicht in der vom Ind. arist. 99, b, 5 angegebenen Stelle part. ai 
10 ist der Grund für die verschiedenen Orte der Sinneswerkzeuge angegel 
Allein daraus folgt nicht, dass in unserer Schrift ein Abschnitt, der 
fragliche Erörterung enthielt, ausgefallen ist; sondern die Anfuhrungsfon 
h roTg n, ataO^. wird gen. an. V, 2. part. an. H, 10 in weiterem Sini 
nehmen sein, so dass sie alle die tt. afad-, 1 Anf. mit einer gemeinscl 
liehen Einleitung eingeführten anthropologischen Abhandlungen nmfi 
Ebenso haben wir es zu erklären, wenn nach part. an. 11^ 7. 653, a 
^v T€ Toti Tiiql ataf^i^aetog xal negl vnvov ditoQtafifyotg über die Ursac 
und Wirkungen des- Schlafes gesprochen worden sein soll. Diese Erörtei 
findet sich nur De somno 2. 3. 455, a, 13 ff., und es lässt sich in der 
handlung über die Sinneswahmehmung kein geeigneter Ort für sie aufzei} 
sie wird daher auch schon ursprünglich nicht in ihr gestanden haben, i 
dem 7i. ttiad-, gibt die Stelle, wo sie sich fand, allgemein, n. vnvov spe 
an (und es ist desshalb vielleicht in den Worten: iv t€ roig u. s. w. r^ 



KatarwiBsenschaftliche Schriften. 95 



itracben). Wird endlich gen. an. V, 7. 786, b, 23. 788, a, 84 auf Erörterungen 
ober die Stimme verwiesen, die sich iv Toig n, tf/v/rjg und tt. aiadrflfeoig 
finden, so lässt sich diess neben der Hauptstelle De an. II, 8 recht wohl 
tnf c. 1. 437, a, 3 ff. c. 6. 446, b, 2 ff. 12 ff. unserer Schrift beziehen. 
Dagegen sagt sie selbst c. 4 Anf., dass eine so eingehende Besprechung von 
Ton und Stimme, wie in unserem Bruchstück tt. axot/orcuv, nicht in ihrem 
Plan liege. Das letztere, von Aristoteles nie angeführt, und ohne jede aus- 
drnckliche Beziehung auf eine seiner Schriften, zeigt schon durch seine breit 
uigelegte Darstellung^ dass es eher von einem späteren Mitglied als von dem 
Stifter der peripatetischen Schule herrührt. Doch scheint es noch einer 
ihrer ersten Generationen anzugehören. — 2) n. Mvrjfirjg xalldvafAvr^" 
ff(u;. De motu an. c. It, Schi., von Ptol. 40 und von den Commentatoren 
togefohrt; mit ihr hat die S. 76, 2 g.£. berührte unächte Schrift über Mnemonik 
nicht« zu thun. — 3) tt. "Yttvoi/ xal *EyQtiy6 Qaeeag^ Delongit. v., part. 
«0., gen. an., motu an. angeführt (Ind. ar. 103, a, 1 6 ff.), De an. III, 9. 
432, b, 11. De sensu c. 1. 436, a, 12 ff. angekündigt. Diese Abhandlung 
^rd nicht selten, aber offenbar nur aus äusserlichen Gründen, mit der vorigen 
m Einer Schrift, n. fivrjfdTjg xal vnvoVf zusammengefasst (Gbll. VI, 6. 
Aux. Top. 279, m. Schol. 296, b, 1, den Suid. fivrjfifi ausschreibt. Ders. 
^ lensn 125, b, u. Michabl in Arist. De mem. 127, a, o. Ptol. 4); dagegen 
cigibt sich aus Arist. Divin. in s. c. 2, Schi., dass sie mit 4) n. ^Evvnvitov 
^ h) n. Tfjg xa^* "Ynvov Mavrtxrjg zuammengehört. Von den letz- 
teren wird Nr. 4 auch De somno 2. 456, a, 27, als zukünftig, erwähnt. — 
^]jf- MaxgoßtoTriTog 'xal Bqoxv ßiorriTog, ohne den Titel part. 
^- QI, 10. 673, a, 30, mit demselben von Athen. VIII, 353, a. Ft. 46, 
^dleicbt auch An. App. 141 angeführt 7) n. Ztorjg xal Savarov. Mit 
^eier Abhandlung gehört nach Aristoteles' Absicht 8) die n. ui van vorig 
«> onnüttelbar zusammen, dass sie Ein Ganzes mit ihr bildet (De vita et m. 
^ 1, Anf. 467, b, 11. De respir. c. 21. 480. b, 21); einer dritten Erörterung, 
^'^hotriTog xal FriQiog^ welche Arist. S. 467, b, 6. 10 ankündigt, 
*tiien zwar unsere Ausgaben die zwei ersten Kapitel n. ^toiig x, d-av, zu, 
tber offenbar mit Unrecht ; es scheint vielmehr, diese Untersuchung sei von 
^t entweder gar nicht ausgeführt worden, oder schon sehr frühe verloren 
SC|iogen (vgl. Bramois S. 1191 f.; jenes ist Bonitz Ind. ar. 103, a, 26 ff., 
^(lei Ueitz S. 58 anzunehmen geneigt). Da De vita et m. c. 3. 468, b, 31 
^ De respir. c. 7. 473, a, 27 die Erörterungen über die Theile der Thiere 
(*obei nicht wohl mit Rose Arist. libr. ord. 217 an Hist. an. III, 3. 513, 
h 21 gedacht werden kann) als schon vorhanden angeführt, longit. v. c. 6. 
^h b, 6 die Untersuchungen über Leben und Tod u. s. w. als Schluss aller 
^'i>citen über die Thiere bezeichnet werden, so vermuthet Brandis 1192 f. 
^ die erste Abtheilung der sog. parva Naturalia (Nr. 1 — 5) sei unmittelbar 
^h den Büchern von der Seele verfasst, das weitere dagegen, das auch im 
Verzeichniss des Ptolemäus Nr. 46 f. von den Abhandlungen über die Sinne, 
den Schlaf und das Gedächtniss durch die zoologischen Werke getrennt ist, 



96 Aristoteles. [68] 

TheQe der Thiere 0, nebst den mit ihnen zusammenhängenden über 

sei zwar schon früher beabsichtigt gewesen, aber erst nach den Werken fibei 
die Theile, den Gang .und die Entstehung der Thiere niedei^eschrieben. 
Und wirklich werden gen. anim. IV, 10. 777, b, 8 Untersuchungen über die 
Gründe der verschiedenen Lebensdauer (welche in diesem Werk selbst nicht 
mehr berührt werden) erst in Aussicht gestellt. Andererseits bezieht sich 
aber Arist part. an. III, 6, 669, a, 4 auf De respir. c. tO. 16; IV. 13. 696, 

b, 1. 697, a, 22 auf De resp. c. 10. 13; gen. an. V, 2. 781, a, 20, wie wir 
nach dem vorhin bemerkten annehmen müssen, auf De v. et morte 3 469t 
a, 10 ff. (unsicherer sind die andern im Ind. ar. 103, a, 23. 34 ff. ange- 
gebenen Verweisungen). Diese Anführungen müssten daher, wie diess aller- 
dings nicht ganz selten vorkommt, den schon fertigen Schriften erst später beige- 
fügt sein. Die Aechtheit der ebenbesprochenen Abhandlungen ist neben den 
inneren Gründen durch die angeführten Verweisungen in andern aristoteli- 
schen Schriften verbürgt. Eine beabsichtigte Abhandlung n. Noaov xal 
*Yyie{ttg (De sensu c. 1. 436, a, 17. long. vit. c. 1. 464, b, 32. respir. c. 21. 
480, b, 22. part. an. II, 7, 653, a, 8) ist vermuthlich nicht ausgeführt worden 
(anderer Ansicht ist Heitz S. 58. Fr. Ar. 169); schon Albx. De sensu 94 

a, o. weiss nichts davon. Um so unwahrscheinlicher ist die Aechtheit einei 
bei den Arabern (Hadschi Khalfa b. Wenrich a. a. O. 160) vorkommendei 
Schrift D« tanüate et morbo. 2 Bücher n, ^Otpeotg (An. App. 173) und 1 B 
TT. ^tovijg (ebd. 164) waren schwerlich acht. (Ueber die *OnT&xa S. 90, 1- 
— Eine Schrift n. TQotprjg scheint durch die Stelle De somo* 

c. 3. 456, b, 5 (Meteor. IV, 3. 381, b, 13 ist allzu unsicher) vorausgeseta 
zu werden; De an. II, 4. Schi. gen. an. V, 4. 784, b, 2. part. an. II, 3. 65^ 

b, 10. c. 7. 653, b, 14. c. 14. 674, a, 20. IV, 4. 678, a, 19 wird sie in Aui 
sieht genommen. Dagegen geht De motu an. 10. 703, a, 10 das elgtirai i 
äkloig nicht, wie Michael Ephes. z. d. St. S. 156, a glaubt, auf n, TQOtpfji 
sondern auf die Schrift n, Hvivfiarog; denn dort heisst es: jlg ^kv ov 
17 aajTTiQia tov Qvfitpvjov nvsvfjiatog elgfiTat iv äXloig, was offenbar ao 
die Anfangsworte von tt. nvevfi,: xCg 17 rov ifi(ffVtov nvtv^arog &tafioni 
hinweist. (So auch Bonitz Ind. ar. 100, a, 52, während Robb Ar. libr. ord 
167 die Schrift n, CV' xwr^a, trotz ihres cf^i/ra» von der n, Ttv^VfiKio 
berücksichtigt werden lässt, Heitz Fr. Ar. 168 ihr Citat auf n, T^ofprj 
bezieht.) Diese Schrift, bei Ptol. 20 zu 3 Büchern erweitert oder zerleg! 
bespricht ausser ihrem Hauptthema auch noch andere Gregenstände etwa 
aphoristisch; dass sie jünger ist, als Aristoteles, erhellt schon, daraus, das 
sie den Unterschied der Venen und der Arterien kennt, welcher jenem noc; 
unbekannt ist (vgl. Ind. arist 1 09, b, 22 ff.). Aus der peripatetischen Schul 
stammt sie allerdings. Weiteres bei Bobe Ar. libr. ord. 167 ff., mit dem i 
der Verwerfung der Schrift ausser Bonitz a. a. O. auch Brandib S. 120 
übereinstimmt. 

1) TT. Ztptov MoqCfov 4 B. (An. App. 157, 3 B.) Diese Schrift wir 
ausser den Büchern De gen. an., ingr. an., motu an. (worüber Ind. ar. lOS 
a, 55 ff.) auch De vita et m. und De respir. (s. S. 95 u.) angefahrt ; wogegei 



W Natarwissenschaftliche Schriften. 97 

die &zeugang *) und den Gang *) der | Thiere bringen Aristoteles' 
zoologisches System zum Abschluss. Der Ab&ssungszeit nax^h 
später^ der systematischen Stellung nach früher sind die ver- 

IM • 

De louiiio 3. 457, b, 28 auch auf De sensu 2. 438, b, 28 gehen kann; was 
frolicb ebd. c 2. 455, b, 34 steht, findet part. an. III, 3. 665, a, 10 ff. eine 
entsprechendere Parallele, als De sensu 2. 438, b, 25 ff. Als zukünftig wird 
nwere S<ihrifk Meteor. I, 1. 339, a, 7. Bist. an. II, 17. 507, a, 25 ange- 
köndigt Ihr erstes Buch gibt eine allgemeine Einleitung in die zoologischen 
Untenuchungen, mit Einschluss derer über die Seele, die Lebensthätigkeiten 
oDd Lebensznstände, welche ursprünglich nicht wohl für diesen Ort bestimmt 
geweien sein kann. Vgl. Spbngel üb. d. Reihenfolge d. naturwissensch. 
Schriften d. Arist, Abh. d. Münchn. Akad. IV, 159 fi. und die von ihm 
tngefahrten. 

1) 71, Ztptov riväa€ <og 5 B. (Dass ihm An. App. 158 nur drei gibt, 
Ftol. das Werk Nr. 44 mit fünf und Nr. 77 noch einmal mit zwei HB. auf- 
^iüiit, hat natürlich nichts auf sich.) Arist. verweist öfters auf dieses Werk, 
doch nur als ein künftiges (vgl. Bonitz Ind. ar. 163, b, 8 ff.); bei Diog. 
fehlt es; an seiner Aechtheit lässt sich aber nicht zweifeln; dagegen scheint 
B' V ursprünglich nicht dazu zu gehören, sondern eine ähnliche Ergänzung 
<B den Werken über die Theile und die Erzeugung der Thiere zu bilden, 
^e die parva naturalia zu der Schrift von der Seele. — Eine Uebersicht 
über den Inhalt der Schriften De part. an. und De gen. an. gibt Mbybb 
Anit. Thierk. 128 ff. Lbwbs Arist. Kap. 16 f. — Die Schrift D$ coüu (Had- 
Khi Kh. b. WsNBicH a. a. O. 1 59) war sicher unterschoben ; denn hiebei (mit 
Wikkich) an den Titel tt. fjtC^^wg^ De sensu c. 3, zu erinnern, ist ganz 
'erfehlt: s. o. S. 87, 1. Ueber das Buch tt. tov firj yevv^v S. 92, m. 

2) J7. Zfpmv TTOQiiag, Die Schrift wird part. an. IV, 11. 690, b, 
\l 692, a, 17 mit diesem Titel, ebd. c. 13. 696, a, 12 mit dem erweiterten: 
^' no^{ag xal xivriaiiug ttov C^tov, De coelo II, 2. 284, b, 13 (vgl. ingr. 
*"• c. 4. 5. c. 2. 704, b, 18) mit der Bezeichnung: iv roTg itigl ras xwf 
^ xtrriatig angeführt, citirt aber ihrerseits c. 5. 706, b, 2 gleichfalls part. 
""• (IV, 9. 684, a, 14. 34) mit einem et^rtu n(}6T$Qov iv Mgotg. Auch 
^ der Schlussbemerkung, c. 19, die uns freilich schon S. 93, 2 verdächtig 
*^e, ist sie später als die von den Theilen der Thiere, auf die auch ihre 
Anlingsworte zu verweisen scheinen, zugleich wird sie jedoch, wie bemerkt, 
ifi dieser öfters angeführt, und auch am Schluss derselben (697, b, 29) nicht 
"^ ils bevorstehend in Aussicht genommen. Vielleicht ist sie während der 
Aoiarbeitung des grösseren Werks verfasst worden. — Die Abhandlung n» 
^ptif x$viljaetog kann nicht wohl acht sein, wie diess u. a. aus der An- 
ßhnmg des Buchs n. lIvivfiaTog (s. o. S. 96, m.) hervorgeht. Für ihre Un- 
*<^htheit erklärt sich ausser Robb Ar. libr. ord. 163 ff. auch Bbandis II, b, 
'• & 1271, 482, wogegen Babth6lemy St. Hilaibb Psychol. d'Aristote 237 
^ Aechtheit nicht bezweifelt.) Von unsem Verzeichnissen nennt An. App. 
156. Ptol. 41 n. Zip, «»yijor., Pt 45 n. Z. nogeiag, 

ZtlUr. Phnoc d. Qr. n. Bd. 2. Abth. 8. Aufl. 7 



98 Aristoteles. [69 

lorenen Bücher über die Pflanzen ^ \ Andere in das | natui 

1) n. 4»vrtSv ß' (D. 108. An. 96. Pt. 48). Von Aristoteles Meteor. 

1. 339, a, 7. De sensu c. 4. 442, b, 25. long, vitae 6. 467, b, 4. De vr 

2. 468, a, 31. part. an. II, 10. 656, a, 3. gen. an. I, 1. 716, a, 1. V, 3. 78 
b, 20 versprochen, wird die Schrift H. an. V, 1. 539, a, 20. gen. an. l, 2 
731, a, 29 angeführt, und das Präteritum der AnfUhrungsformel in's Futum 
zu verwandeln, erscheint namentlich gen. an. I, 23 unzulässig. Müssen m 
auch diese Verweisungen erst nachträglich in die beiden Schriften gekomnK 
sein, so ist es doch möglich, dass diess schon durch Arist. selbst geschehe 
ist. Alex, zu De sensu a. a. O. S. 183 Thur. bemerkt, ein Pflanzenwei 
sei nur von Theophrast, nicht von Arist. vorhanden; ebenso Michai 
Ephes. zu De vita et m. 175, b, u., und wenn Simpl., Philop. u. a. di 
Gegentheil sagen (m. s. die Stellen bei Rose Ar. ps. 261 f. Hbitz Fr. A 
163), lässt sich doch nicht annehmen, dass sie aus eigener Kenntniss d« 
Bücher tt. (fvraiv reden. Auch Quintil. XU, 11, 22 beweist so wenig fa 
als Cic. Fin. V, 4, 10 gegen die Aechtheit derselben, und was Athen. XI'^ 
652, a. 653, d u. a. daraus anfuhren (Ar. Fr. 250 — 254), kann so gut ein* 
unterschobenen als einer ächten Schrift entnommen sein. Aber die aris^ 
telischen Anführungen in hist. an. und gen. an. machen es doch üb« 

'wiegend wahrscheinlich, dass Arist. wirklich 2 Bücher über die Pflans^ 
geschrieben hatte, die zur Zeit des Hermippus noch vorhanden waren, d 
aber in der Folge durch die reichhaltigeren Werke Theophrast's verdräü 
wurden. (So Ueitz a. a. 0. und Verlor. Sehr. 61 ff., während Rose a. a. * 
glaubt, die theophrastischen Bücher seien auch Aristoteles beigelegt wordef 
Aus ihnen scheint nach Amtio. Mirabil. c. 169 vgl. 129 (Ar. Fr. 253. f 
H. 223) Kallimachus noch geschöpft zu haben; und ebenso der Ver&stf 
jener 4»vTixa^ von denen Pollux X, 170 (Ar. Fr. 252. Fr. H. 224) nie 
weiss, ob sie Aristoteles oder Theophrast angehören, die aber jedenfalls, v* 
die Zmxa (oben S. 92, m.X von einem Späteren für lexikalische Zwecke m 
gefertigt wurden, und mit diesen eine von den Fundgruben des Athen»' 
und ähnlicher Sammler bildeten (vgl. Robb und Ueitz a. d. a. 0.). Hi 
wird wirklich einmal (Fr. 254. Fr. H. 225) zwischen Theophrast's oi 
Aristoteles' Ausdrücken unterschieden. — Unsere jetzigen, auch in de 
älteren lateinischen Text durch die Hände von 2 — 3 Uebersctzem hindnre 
gegangenen 2 Bücher tt. (fvrtiSv sind entschieden unaristotelisch ; Mbti 
(Nicolai Damasc. de plantis IL Lpz. 1841. Praef.) legt sie in ihrer ursprüi^ 
liehen Gestalt Nikolaus von Damaskus bei, vielleicht sind sie aber auch m 
ein überarbeitender Auszug aus demselben. — Für Jbssbm's Vermuthui 
(Rhein. Mus. Jahrg. 1859. Bd. XIV, 88 ff.), das ächte aristoteUsche We 
sei in den beiden theophrastischen Schriften erhalten, beweist der Umstai 
nicht das geringste, dass diese Schriften ihrem Inhalt nach vielfach mit de 
übereinstimmen, was Aristoteles anderswo ausgesprochen, oder für die Sehr 
von den Pflanzen versprochen hat; wir wissen ja, in welchem Umfang c] 
älteren Peripatetiker die Lehren und selbst die Worte des Aristoteles si 



[70j Naturwissenschaftliche Schriften. 99 

wissenschaftliche Gebiet einschlagende Werke, welche ftir aristo- 
tdisch ausg^eben werden , die Anthropologie *) und die Phy- 
siognomik*), die Schriften tiher Heilkunde^), Landwirth- 



ueigneten. Dagegen findet sich (um nur einiges anzuführen) die einzige 
Stelle aas dem aristotelischen Werk, welche wörtlich mitgetheilt wird (Fr. 
250 b. Athen. XIV, 652 « a). in den theophrastischen (die allerdings un- 
Tolktändig sind) nicht; diese ihrerseits enthalten keine einzige bestimmte 
HinweiBung auf aristotelische Schriften, ein Fall, der in so umfangreichen 
nod mit früherem in so vielfachem Zusammenhang stehenden aristotelischen 
Boehem ganz unerhört wäre, und gerade die Stelle, worin Jessen einen 
Hanptbeweis für seine Ansicht sieht, Caus. pl. VI, 4, 1, weist auf verschie- 
deoe in der peripatetischen Schule hervorgetretene Modificationen eines 
ttistotelischen Satzes hin. Von Aristoteles abweichend redet Theophrast 
Ton mannlichen und weiblichen Pflanzen (Caus. pl. I, 22, 1. Hist. III, 9, 
H n. ö.). Was weiter für sich schon entscheidet: er erwähnt nicht allein 
Alexanders und seines indischen Zuges in einer Weise, wie diess zu Aristo- 
teles' Lebzeiten kaum möglich war (Hist. IV, 4, 1. 5. 9 f. Caus. VUI, 4, 5), 
wildem er berührt auch Vorgänge aus der Zeit des Königs Antigonus (Hist. 
IV, 8, 4) und der Archonten Archippus (Hist. IV, 14, 11) und Nikodorus 
iCam. I, 19, 6), von denen jener 321 und 318, dieser 314 v. Chr. im Amt 
*v. Dass auch die Sprache und Darstellung der theophrastischen Schriften 
keinen Anlass gibt, sie Aristoteles beizulegen, würde eine genauere Unter- 
iQchang dartfaun. 

\) n. Idv&gdnov «Pvaemgj nur An. App. 183 genannt; einige 
Aenasernngen, die dieser Schrift angehört zu haben • scheinen, b. Rose Ar. 
!»• 379 ff. Ar. Fr. 257—264, 1^ 1525. Fr. H. 189 f. 

2) 4»va$.oyvoifiovixä bei Bekker S. 805, *Pvaioyvwfdovix6v a' D. 
109. itvaioyveofiovuctt ß' An. 97. Auf eine erweiterte Becension dieser Schrift 
^it eine Anzahl in unserem Text nicht enthaltener physiognomischer Be* 
"^^ungen in einer wahrsdieinlich von Apulejus herrührenden Phjsio- 
Snomik (in Rosb*b Anecd. gr. 61 ff.); m. s. darüber Heitz Fr. Ar. 191 f. 
Äo«i Ar. p«. 696 ff. 

3) D. 110 nennt 2 B. ^laxQixa; An. 98 2 B. n. iuTQixrjg, Ders. 

^PP. 167 7 B. n, tttTQUirjg; Pt. 70: 5 B. n^oflXrjfdaTa taxQixä (wonach 

*<^ die taTQixä bei Diog. Probleme zu sein scheinen ; aus solchen ärztlichen 

^en und Antworten besteht B. I unserer Probleme; ngoßk, tccT^ixa kennt 

•«chdie Vita Marc. S. 2 R.); 71: n. eiaCTtjg] 74 b: De puUu; 92: 1 B. 

'ftr^txof , Hadschi Khalfa bei Wbnrich S. 159: De arnffumis profutione; 

^KL. AusKL. celer. pass. II, 13, vielleicht nur durch ein Versehen im 

Ansdmck, das \. h. De adjtUoriia. Galen in Hippocr. De nat. hom. I, 1. Bd. 

^1 25 K. kennt eine laTQixri awaytoyti in mehreren Büchern, welche 

^ Namen des Aristoteles trage, welche jedoch anerkanntermassen von 

Naiem Schüler Meno verfasst sei, möglicherweise (wie Wenrich S. 158 

▼emrathet) mit der 2vvaytyyri in 2 B. bei Diog. 89 identisch. Das wenige. 



7* 



100 Aristoteles. [11] 

Schaft*) I und Jagd *), sind ohne Ausnahme unterschoben; und 
wenn den Problemen ^) allerdings aristotelische Aufiseichnimgen asa 
Grunde liegen *), so kann doch unsere jetzige Sammlung nur &tc 
ein allmählich entstandenes und ungleich ausgeibhrtes Erzeug- 
niss der peripatetischen Schule gehalten werden, das ausser der 
unsrigen noch in verschiedenen andern Bearbeitungen vorhan- 
den war^). 



was daraus mitgetheilt wird, findet sich bei Robe Ar. ps. 384 ff. Ar. Fr«. 
835—341, S. 1534. Heitz Fragm. 216 f. (über dessen Fr. 362 jedoch S. 92 ia. 
zu vergleichen ist). An die Aechtheit dieser Schriften oder einzelner von. 
ihnen ist nicht zu denken. Dass Arist. ärztliche Gegenstände technisch, und. 
nicht etwa nur nach ihrer naturwissenschaftlichen Seite, behandeln woUte, wird 
durch seine eigene S. 9, 1 Schi, berührte Erklärung (wozu De sensu I, !> 
436, a, 17. Longit. v. 464, b, 32. De respir. c. 21, Schi, part an. II, 7. 65^, 
a, 8 zu vergleichen ") ausgeschlossen, und eine so unbestimmte Aussage, wi^ 
die Aelian's V. U. IX, 22, kann das Gegentheil nicht beweisen. Ueber 
die Schrift n. voaov xai vyuiag S. 96. Galen kann (wie Ubitz a. a. O« 
richtig bemerkt) keine Schrift über Heilkunde von Arist. gekannt haben, 
er niemals einer solchen erwähnt, wiewohl er den Philosophen mehr 
600 mal anführt 

1) An. 189 nennt die retoQyixa unter den Pseudepigraphen, Pt. 72 dik^ 
gegen 15 (oder 10) B. JDe agrieuUura als acht, und eben daher, nicht au^ 
der Schrift von den Pflanzen, scheint die Angabe Geopon. III, 3, 4 (Ar«> 
Fr. 255 f. S. 1525) über Düngung der Mandelbäume genommen zu seim^ 
Was sonst vielleicht dorther stammt, gibt Hose Ar. ps. 2b8 fi*. Heitz FraguL^ 
1 65 f. Dass A. nicht über Landwirthschaft und ähnliche Gegenstände schrieb^ 
erhellt auch aus Polit. I, 11. 1258, a, 33. 39. 

2) Im Verzeichniss des Ptolemäus gibt Uadschi Khalfa Nr. 23 {n. rw»^ 
(peoXevovTtov) : i)# animalium capturay nee non de loeüf juiöm devereatUur eUqu^ 
deUteeeunt, I. 

3) M. s. über diese Schrift die gründliche Untersuchung von Praktlt 
Ueb. d. Probl. d. Arist. Abh. d. Münchn. Akad. VI, 841—377. Boss Arist. 
libr. ord. 189 ff. Ar. ps. 215 ff. Heitz Veri. Sehr. 103 ff. Fr. Ar. 194 ff. 

4) Arist. verweist an 7 Stellen auf die n^oßkr^^ata oder n^oßX'ti/ÄixTuia 
(Pramtl a. a. O. 364 f. Ind. ar. 103, b, 17 ff.), aber nur ein einziges von 
diesen Citaten passt einigermassen auf unsere Probleme, und das gleiche gilt 
(Pb. a. a. O. 367 ff.) von der Mehrzahl der späteren Anfuhrungen. 

5) Pbantl a. a. O. hat diess erschöpfend nachgewiesen, und Derselbe 
hat (Münchn. Gel. Anz. 1858, Nr. 25) gezeigt, dass auch unter den weiteren, 
von BussEMAKER in der Didot'schen Ausgabe des Aristoteles Bd. IV bei- 
gefügten 262 Problemen, welche früher theilweise, aber gleichfalls mit Un- 
recht, den Namen Alexanders von Aphrodisias trugen, (m. vgl. über diese 
auch UsENEK Alex. Aphr. probl. libri III. IV, Berl. 1859, S. IX ff.) sich 



[71.72] Naturwissenschaftliche n. ethische Schriften. 101 

Wenden wir uns weiter der Ethik und Politik zu, so be- 
atzen I wir über die erstere drei umfassende Werke ^), von denen 



nichts aristotelisches mit einiger Wahrscheinlichkeit aasscheiden lässt. Das 
gleiche gilt von denen, welche Rose Ar. ps. 666 ff. ans einer lateinischen 
Handschrift des 10. Jahrh. mittheilt. — Mit diesem Charakter der Problemen- 
aunmloog hängen nnn auch die vielen Abweichungen in den Angaben über 
ihren Titel und ihre Bücherzahl zusammen. In den Uandschriflen werden 
lie theils irgoßli^fiaTa theils 4»vaixä ITQofllTJfA.aTtt genannt, zum Theil mit 
dem Beisatz : xar elSog awayüyyfjg (nach den Materien geordnet). Gblliüb 
sagt gewöhnlich FrchUmata, XIX, 4 Probl. phytiea, XX, 4 (Probl. XXX, 10 
urfohrend) ngoßkrj/uaTa lyxvxha, Apdl. De magia c. 51 Froblemata, Athe- 
SAUS und Apollonius (s. die Indices und Prantl. 390 f.) immer ngoßki^- 
funa ipvatxa, Macbob. Sat. VII, 12 phyaieae quaestümes. Auf Froblemen- 
■uunlnngen beziehen sich die Titel: (pvaixcHv A17 xarä (no&j^ttov (D. 120. 
AiLllO; X. (noiXn dessen Erklärung bei Rose Ar. ps. 215 mir nicht ein- 
leuchtet, verstehe ich von der Anordnung der einzelnen Bücher nach der alpha- 
betischen Beihenfblge ihrer Ueberschriften); n^oßliifjLaxa (68 oder 28 B. 
Pt. 65); Inixi&iafiivtov ÜQoßlrifjLatoiV ß' (D. 121. An. 112); 
'^ytvxKfov ß' (D. 122. An. 113. nQoßlii/uuTa fyxvxL 4 B. Pt. 67); 
Ayn« Üroökmata, Ad^peetiva Probl. (Ammon. v. Arist. lat. S. 58); !^raxra 
*ß' (D. 127. [d]dtaTdxTiov iß' An. 119). Frasmiua qmettumibu» (Pt 66; 
^r griechische Titel sei brbimatn btttagrawa d. h. ngoßkrifiaTOtv TtQoyQuiprij 
^^ ngoat'aygafpi^)] 2vfifA(xTWV ZrjTtjfidTtov oß' (An. 66 mit dem 
Beisatz: «$• (f<7iaw EöxaiQog 6 dxovarrig avrov; von 70 Bächern n. avfifiix- 
^w h^fijLidTtüv an Eukairios redet auch David Schol. in Ar. 24, b, 8, von 
(f^üixu TiQoßlrifjiara in 70 Büchern die vita Marc. S. 2 R.); ^E^riyrifAiva 
i^tt (^aafiiva) xard yivog 16' (D. 128. An. 121). Ueber die nQoßXti" 
(utra fifu^avtxtt, onrixdj tccTQixä vgl. m. S. 90 u. 99, 3. Eine 'JTheorie der 
Aufstellung und Beantwortung von Problemen scheint die (unächte) Schrift 
^'U^oßXflfAdxiov enthalten zu haben, welche ausser D. 51 (und wohl 
vich An. 48, wiewohl hier das ntgl fehlt) auch Alex. Top. 34 Schol. in 
Ar. 258, a, 16 anführt M. s. darüber Rose Ar. ps. 126. Fragm. 109. 
8.1496. Fr. H. 115. Dagegen kann mit den iyxvxXia Eth. N. 1, 3. 1096, 
^ S nicht wohl B. 30 unserer Probleme (wie Hbitz 1 22 glaubt) gemeint sein, 
Arist scheint vielmehr damit das gleiche zu bezeichnen, was er sonst 
^hnt^xol Xoyot, De coelo I, 9. 279, a, 30 rä (yxvxXia (fiXoaoffjfifiaTa 
»«ujt. Vgl. BebAys Dial. d. Arist. 85. 93 ff. 171. Bonitz Ind. ar. 105, 
». 17 ff. Weiteres hierüber tiefer unten. 

l)*£r^^xa Nixofidxfitt 10 B., "H^ixd Evd^fiia 7 B., "H&ixd 
^fyaXa 2 B. Von unsem Verzeichnissen nennt D. 38 nur ^H&tx(Sv e' 
(«1 <r'), wiewohl vorher, V, 21, mit Beziehung auf Eth. Eud. VII, 12. 1245, 
^ 20 das 7te Buch der Ethik citirt ist; An. 39 hat *H&ix(i5v x (Eth. Nik., deren 
'^^ Buch X ist), und dann im Anhang 174 noch einmal, wie es scheint, 
^ioen Auszug daraus: n. ri&mf {'IXujv) NixofAax^C^v vnodrixaq\ Pt. 30 f. 



102 Aristoteles. [72] 

aber nur eines, die Nikomachische Ethik, unmittelbar aristote- 
lischen Ursprungs ist ^) ; ausserdem wird uns eine grosse Anzahl 



die grosse Ethik in 2, die endemische in 8 B. Aristoteles selbst dtixt 
Metaph. I, 1. 981, b, 25 nnd an 6 Stellen der Politik die ri&ixä, und xwar 
sichtbar die Nikomachien (vgl. Bei^dixbn im Philologns X, 203. 290 f. Ind. 
ar. 103, b, 46 f. 101, b, 19 ff.) Cic. Fin. V, 5, 12 meint, des Nikomachuf 
libri de moribus werden zwar Aristoteles zugeschrieben, indessen könne ja 
der Sohn recht wohl dem Vater ähnlich gewesen sein. Aach Dioo. Ylil, 
88 führt £th. N. X, 2 mit den Worten an: (pfjol J^ Nixofiaj^og 6 l^Qtaro^ 
xiXovg, Dagegen nennt Attikus b. Eus. pr. ev. XV, 4, 6 alle drei Ethiken 
mit ihren jetzigen Namen als aristotelisch; ebenso Simpl. in Cat 1, ^ 
43, € nnd der Scholiast zu Porphyr, Schol. in Ar. 9, b, 22, welcher die 
endemische Ethik an Endemns, die fieydXa N^xofiaxin (M. Mor.) an Niko* 
machus den Vater, die ^ixqa Nixofidxia (Eth. N.) an Nikomachns deo 
Sohn des Aristoteles gerichtet sein lässt Das gleiche wiederholt Davtd 
Schol. in Ar. 25, a, 40. Edstrat. in Eth. N. 141, ii, m (vgl. Arist. Etla. 
End. VII, 4, Anf. c. 10. 1242, b, 2) behandelt die endemische Ethik alfl 
Werk des Eudemns, d. h. er hat hier diese Angabe bei einem von den Vor« 
gangem, die er benützt (vgl. S. 12, h, m), nnd wie es scheint keinem gaim^ 
nngelehrten, gefunden, wogegen er 1, b, m nach eigener Vermnthnng odei 
einer gleich werthlosen Quelle Eth. K. einem gewissen Nikomachns, Etl>>< 
Eud. einem gewissen Eudemns gewidmet sein lässt. Auch ein Scholion, da^ 
AsPABius beigelegt wird, (b. Spenobl Ueber die unter dem Namen de< 
Aristoteles erhaltenen ethischen Schriften, Abh. d. Münchn. Akad. Ild 
439—551, S. 520 ans Schol. in Ar. Eth. Claas. Jonmal Bd. XXIX, 117] 
mnss Endemns für den Verfasser der endemischen Ethik halten, da es nn^ 
unter dieser Voraussetzung die Abhandlung über die Lust Eth. N. VII, 12 f^ 
ihm beilegen kann. Commentare (von Aspasins, Alexander, Porphyr, Enstnu' 
tins) sind uns nur über die Nikomachien bekannt Zum vorstehenden ygV- 
m. Spbsoel a. a. O. 445 ff. 

1) Nachdem noch Schleiekmachbr (Ueber die ethischen Werke d^ 
Arist., Abhandlung Vr J. 1817. W. W. Z. Philos. III, 306 ff.) die Aniichtf 
aufgestellt hatte, von den drei ethischen Werken sei die sog. grosse Moral 
das älteste, die nikomachische Ethik das jüngste, ist durch die angefahrte 
Abhandlung Spbsoel's die umgekehrte Annahme, dass die nikomachiacke 
Ethik das ächte Werk des Aristoteles, die endemische eine Ueberarbeitnnfl^ 
desselben durch Eudemns, die grosse Moral ein Auszngf zunächst ans der 
endemischen, sei, zur allgemeinen Anerkennung gebracht worden. Dagegeim 
ist die Stellung der drei Bücher, welche der nikomachischen und eudemiachen. 
Ethik gemeinsam sind (Nik. V— VII, Eud. IV— VI), noch streitig. Spbnobi^ 
(480 ff.) glaubt, sie gehören ursprünglich den Nikomachien an, nachdem aber 
die entsprechenden Abschnitte der Endemien friihe rerloren gegangen, aeiea 
sie zur Ausfüllung der Lücke in diesen verwendet worden; die Abhandhm|^ 
über die Lust, Nik. VII, 12 ff., welche auch Aspasius Eudemns beilegt (vor. 



[73] Ethische Schriften. 103 

Ton kleineren | Abhandlungen genannt, unter denen jedoch gleich- 
älls wenig achtes gewesen^ zu sein scheint ^). Auch von den 



Anm. Schl.)y ist er (S. 518 ff.) geneigt, für ein Bruchstück der endemischen 
Ethik sa halten, ohne doch die Möglichkeit ausschliessen ku wollen, dass 
sie ein Ton Aristoteles für die pikomachische hesdmmter und später durch 
X, 1 ff. ersetzter Entwurf sei ; arist. Stud. I, 20 (wogegen Walter Die Lehre 
T. d. prakt. Vernunft 8S ff.) wird auch Kik. VI, 13 Eudemns beigelegt. 
Digegen will Fischer (De Ethicis Eudem. et Nicom. Bonn. 1847) und an 
ihn sich anschliessend Fritzsche (Arist. Eth. End. 1851. Prolegg. XXXIV) 
nur Nik. V, 1 — 14 der nikomachischen, Nik. V, 15. VI VII der endemischen 
Ethik zuweisen, der Grant (Ethics of Ar. I, 49 ff.) diese 3 Bücher sogar 
Toilständig zutheilt; während Bemdixen (Philologns X, 199 ff. 263 ff.) um- 
gekehrt den aristotelischen Ursprung derselben, mit Einschluss von VII, 
12—15, mit beachtenswerthen Gründen vertheidigt, Brandis (gr.-röm. Fhil. 
n, h, 1555 f.), Fraktl (D. dianoet. Tugenden d. Ar. Münch. 1852. S. 5 ff.) 
md in der Hauptsache auch Ubbbrweo (Gesch. d. Phil. I, 177 f. 5. Aufl.) 
md Bassow (Forsch, üb. d. nikom. Ethik 26 ff. vgl. 15 ff.) Spengel's Er- 
gebnissen beitreten; der letztere mit der Modification, die manches für sich 
htt, dass Nik. V — VII, im wesentlichen aristotelisch, doch einer Ueber- 
trbeitang von fremder Hand unterworfen, und vielleicht in Folge einer Ver- 
itammlong aus der endemischen Ethik ergänzt .worden seien. 

1) £s sind diess, abgesehen von den S. 58, 3. 62 f. besprochenen Gesprächen 
7. iixaioa&yris, igattucog, n, nloviovy n. ivytveiag und tt. ^^ovrjgf die 
folgenden: Der noch vorhandene kleine Aufsatz n. liQiTtuv xal Ka- 
<»iüy (Arist. Opp. 1249 - 1251), die Arbeit eines halb akademischen halb 
pcripatetischen Eklektikers, schwerlich älter, als das erste vorchristliche 
Jahrhnndert (vgl. Th. III, a, 573 2. Aufl.); ngoruaeig n, "Ager^g (D. 
W.An. 342. m.); n. li^tTrjs (An. App. 163); n. Jixattav ß' (D. 76. 
An. 64 — Pt. 11 4 B.); tt. xov BiXrlovog «' (D. 53. An. 50); n, 
Sxovatov (-/ftw) «' (D. 68. An. 58); n. tov Al^erov xal tov 
^^ffißißrixorog a' (D. 58. n. algerov xal avfAßaCvovrog An. 56). Dass 
^^tdes auch eine eigene Schrift n. *En id-v fiCag verfasst hat, ist nicht 
^'l^ncheinlich : De sensu, Anf. stellt er Untersuchungen über das Begeh- 
'lu^ermögen als künftige in Aussicht, wir hören aber nicht, dass sie aus- 
lefähn wurden; was Senboa De Ira I, 3. 9, 2. 17, 1. UI, 3, 1 mittheilt, 
»»•geher in der Schrift n. Ila&mv (oder -ovg) oQyrjg (D. 37. An. 30) 
S^tanden haben, deren muthmassliche Ueberbleibsel Rose Ar. ps. 107 ff. 
^- Ar. 94—97, S. 1492. Hbitz Fr. 151 f. zusanmienstellen. Ob sie ein 
^ttpräch (Robb) oder eine Abhandlung (Hbitz) war, lässt sich nicht mit 
Sicherheit angeben; wahrscheinlicher ist mir das letztere. Ihre Aechtheit 
^mindestens unerweislich, der Titel lautet nicht aristotelisch. D. 61. An. 
^ haben ausserdem noch Jla&ii a\ Weiter werden neben dem S. 62 
Ehrten *EQioTtx6g noch 6 B. *EQ(OTixa (An. App. 181. Pt. 13: 3 B.) 
Bod 4 B. eiatig i^totixal (D. 71. An. 66; Pt. 56: 1 B.) genannt, beide 



104 Aristoteles. [74] 

staatswissenschaftiichen | Werken des Philosophen ist uns nur 
Eines, die acht Bücher der Politik^), erhalten, seinem Inhalt 



ohne Zweifel gleich unächt. 11, Ztoipqoavvrig zählt schon An. 162 anter 
die Pseudepigrapben. /7. tp&lias a' (D. 24. An. 24. Pt. 25) war ver- 
muthlich nicht eine Separatabschrift von £th. N. VIII. IX, sondern eine eigene 
Abhandlang,- die aber schwerlich acht war; noch weniger werden die S(- 
aeig (piXtxal ß' (D. 72. An. 67) Aristoteles zam Verfasser gehabt haben. 
Von den zwei Schriften: n* Svfiflieiaems avS^ds xul yvvaixbi 
(An, App. 165) and vofiovg (-o*) uvdQog xal yauerijs (ebd. 166) 
wird der ersten anch sonst einigemale erwähnt (Clemens, Olympiodor u. 
David in den bei Rose Ar. ps. 180 f. Ar. Fr. 178 f. S. 1507 abgedruckten 
SteUen). Zwei lateinische Uebersetzangen der v6fio& (oder der Schrift 7t' 
avfAßuoa.^ wenn nicht am Ende beides nar verschiedene Titel der gleichen 
Schrift waren), die sich als zweites Buch der Oekonomik geben, hat RoeB 
De Ar. libr. ord. 60 fi. nachgewiesen. Sie finden sich Ar. psend. 644 ^• 
Fr. H. 153 ff. Aus einer Schrift n, Mi&rigj vielleicht einem Qeapräcb 
theilen Plutarch, Athenäus n. a. einiges mit; vgl. Rose Ar. ps. 116 ff. AX 
Fr. 98—106, S. 1493 f. Fr. H. 64 f. Aecht war sie wohl keinenfalls; ehei 
könnte sie mit der gleichnamigen theophrastischen Schrift identisch gewesei 
sein (Heitz a. a. O.), nur müsste dann Athenäus, der beide und dazu nod 
eine dritte von Chamäleon anfuhrt, seine Citate verschiedenen Vorgänger* 
verdanken, von denen sie dem einen unter diesem, dem anderen unter jenen 
Namen vorgelegen hatte, was nicht eben wahrscheinlich ist. Was darai»^ 
mitgetheilt wird, weist theils auf historische theils auf physiologische £f 
örterungen; ob die Trunkenheit darin auch von der moralischen Seite be^ 
trachtet wurde, wissen wir nicht. Ebensowenig ist uns der Inhalt der Nu^ 
fioi avaairixol (wofür aber die Handschriften D. 139 vofdos av 
ararixog^ An. 130 vofnav avararixoiv a haben) näher bekannt, denn de^ 
Umstand, dass der platonischen Republik darin erwähnt wurde (Prokl. is 
Remp. 350. Ar. Fr. 177, S. 1507), gibt darüber keinen Anfschlnss; wii 
können daher auch nicht ausmachen, ob Rose (Ar. ps. 179) Recht hac. 
wenn er eine Erörterung über die Einrichtung der Symposien and das rich- 
tige Verhalten bei denselben, oder Heitz (Fr. Ar. 307), wenn er eine Zu- 
sammenstellung der auf sie bezüglichen Gebräuche darin vermnthet. Von 
ihnen ist wohl tt. avaatritov rj avfinoaltov (An. App. 161) nicht verachie« 
den; wohl aber die 3 B. Zvaauixtav ngoßlfifAariov (An. 136), deren 
Titel nicht blos an solche Fragen zu denken erlaubt, die sich auf die Mahle 
beziehen, sondern mit noch grösserer Wahrscheinlichkeit an solche, die bei 
einem Mahl aufgeworfen werden, wie Flutarch's avfinoaiaxa ngoßl^uartt. 
lieber die JlaQayy^l/btaTa vgl. S. 76, 2, Schi. 

1) Arist setzt dieses Werk mit der Ethik in die engste Verbindung, 
indem er die letztere als eine Hülfswissenschaft der Politik behandelt (£th. 
N. I, 1. 1094 a, 26 ff. 1095, a, 2. c. 2, Anf. c. 13. 1102, a, 5. VII, 12, 
Anf. Rhet. I, 2. 1356, a, 26), und die Verwirklichung der Gnmdsätae, 



[74. 75] Staatswissenschaftliche Schriften. 105 

nadi eines von den reifsten und bewunderungswürdigsten Er- 
zeagnissen seines Geistes^ das aber ähnlich, wie die Metaphysik, 
unvollendet geblieben ist^). Die Oekonomik kann nicht flir 
acht gehalten werden*); alles andere, darunter auch die un- 
«setzlichen PoÜtieen, ist bis auf dürltige Bruchstücke verloren *). 

welche die Ethik aufgestellt hat, von der Politik erwartet (ebd. X, 10); 
doch sollen beide nicht blos zwei Theile Einer Schrift sein (vgl. Polit. VII, 

1. 1323, b, 39. c. 13. 1332, a, 7. 21. II, 1. 1261, a, 30. III, 9. 1280, a, 18. 
c 12. 1282, b, 19). An seiner Aechtheit lässt sich, auch abgesehen von 
dem Citat Rhet. I, 8, Schi, nnd der Anführung in den Verzeichnissen (D. 
75. An. 70), nicht zweifeln, so selten es auch sonst von den Alten genannt 
wird (m. s. die Nachweisnngen bei Spbnoel. Ueb. d. Politik d. Arist. Ab- 
liAQdl. d. Mänchn. Akad. V, 44 u.) 

1) Das nähere hierüber in dem Abschnitt über die Politik, S. 520 ff. 

2. Aufl. 

2) Von dem zweiten Buch (über dessen Anfang Rose Arist. libr. ord. 
59 f. s. vgl.) ist diess längst anerkannt, in dem ersten will Göttling (Arist. 
Oecon. S. VII. XVII) einen Auszug aus einer acht aristotelischen Schrift 
Mhen; mir ist es wahrscheinlicher, dass es eine auf Polit. I ruhende Arbeit 
emes Spateren ist. Vgl. S. 768 f. 2. Aufl. D. 23. An. 17 nennen Olxovo- 
fuxog (oder -ov) a. Ueber ein anderes angebliches 2. Buch vgl. m. S. 104. 

3) Die politischen Schriften, welche ausser den angeführten genannt 
*ttden, sind die folgenden: 1) JIoliTetai , eine Sammlung von Nach- 
nchten über 158 Staaten (D. 145. An. 135, deren Text Bernays Rh. Mus. 
^ 2S9 unter Zustimmung von Rose Ar. ps. 394 einleuchtend verbessert), 
vdehe sich nach den Bruchstücken und den Angaben der Alten (Cic. Fin. 
V. 4, 11. Plüt. n. p. SU. V. 10, 4, der das Werk »xCauq xai noliT€itt& 
Aeimt) nicht blos auf ihre Verfassung, sondern auch auf Gebräuche, Sitten, 
^ der Städte, die Geschichte ihrer Gründung, ihre Localsagen u. s. f. 
ttttogen. Wenn Ptol. 81: 171 (oder nach der Angabe b. Herbelot Bibl. 
W.97I, a: 191), Ammoh. v. Ar. 48: 255, Ammon. lat. S. 56. Ps.-Porphvr. 
S«hol. in Ar. 9» b, 26. David ebd. 24, a, 34: 250, Philop. ebd. 35, b, 19: 
^fahr 250 Politieen zählt, scheint diess nicht von einer späteren Erwei- 
^^'vig der Sammlung, sondern von Lese - und Schreibfehlern herzurühren 
(^1- Rose Ar. ps. 394); und wenn Simpl. Categ. 2, y, Schol. 27, a, 43 
dwch die Worte : iv ratg yvriaCaig avrov noXixeCatg auf das Vorhanden- 
•ein Qoächter Politieen hinzudeuten scheint, so ist hier zwar schwerlich (mit 
^«Ue Arist. Meteor. I, XII, 40) statt noXireCttig „imarolarg^^ aber viel- 
^ht itott yrria£atg „^i^** (158) zu lesen (Heitz Fr. Ar. 219). Die zahl- 
'^chen BruchstScke der grossen Sammlung finden sich bei Müller Fragm. 
^t II, 102 ff. (vgl. BoüRNOT im Philolog. IV, 266 ff.) Rose Ar. ps. 
^02 C Ar. Fr. 343-560, S. 1535 ff. Fr. Hz. 218 ff. Der Aechtheit der 
^'ft, die Rose (Ar. libr. ord. 56 f. Ar. ps. 395 f.) bestreitet, stehen (wie 
^Tz S. 246 ff. zeigt) keine erheblichen Gründe entgegen; und wenn auch 



106 Aristoteles. [75] 



die äusseren Zeugnisse, unter denen das des Tim lue (b. Polyb. XII, 5. 1 1) 
das älteste nachweisbare ist, Ro8E*s Annahme nicht unbedingt ausschliessen 
würden, dass das Werk bald nach Aristoteles* Tod verfasst und ftühseitig 
unter seinem Namen in Umlauf gekommen sei, so wird die innere Unwahr- 
scheinlichkeit derselben doch immerhin durch sie verstärkt. Die Aussagen 
David^s a. a. O. und des Scholiasten zu Porphyr's Isagoge (b. Ross Ar. 
ps. 399. Ar. Fr 1535) sprechen für die Annahme, in den Folitieen seien 
die einzelnen Staaten nach alphabetischer Ordnung besprochen worden; und 
dazu stimmt, dass von den Athenern (nach Fr. 378, wo aber die Lesart 
unsicher ist) im Isten, den Ithakem (Fr. 466) im 42. Buch gehandelt wor- 
den sein soll. Der Umstand, dass die zahlreichen Fragmente alle nur ver- 
einzelte Notizen enthalten, ohne auf eine einheitlich ausgeführte Darstellaog 
hinzuweisen, wird sich zwar nicht (mit Rose Ar. ps. 895) als Beweis far 
die Unächtheit des Werkes benützen lassen; aber er empfiehlt in Verbin- 
dung damit, dass die aristotelischen Schriften nirgends auf unser Werk ver- 
weisen (denn auch £th. N. X, 10. 1181, b, 17 geht auf die Politik; vgl. 
Heitz 231 f.)» die Yermuthung (Heitz* 233 f.)* <lie Politieen seien nicht ein 
schriftstellerisch ausgearbeitetes Granzes, sondern eine von Aristoteles, in- 
nächst für seinen eigenen Gebrauch, angelegte Sammlung von Nachrichten ge- 
wesen, die er theils durch eigene Anschauung und Nachfrage, theils an* 
Schriften zusammengebracht hatte; in welchem Fall sie wohl erst nach 
seinem Tode abschriftlich 'verbreitet wurden. Ein Kapitel aus der noXtre^^ 
^A^vaCüiv mag zu dem Titel: n. rav 26liovog a^ovtov (An. App. 140) 
Anlass gegeben haben. Vgl. Müller a. a. O. 109, 12. — Eine ähnlieb« 
Sammlung waren 2) die Noßiifia BaQßuQ&xa, welche unter dieses^ 
Titel vonApoLLON. Mirabil. 11. Vajrro 1. 1. VII, 70. An. App. 186 (vofM,^' 
fjLtiv ßaqß. avvayoryrj) angeführt werden; aus demselben scheinen aber and^ 
die Bezeichnungen: rouoi a ß' y d' (D. 140), vofiijLKov cf (An. 131) ve^' 
schrieben zu sein. Zu ihnen werden die vo/iifia ^PtofxaCtiv (An. App. 18^-) 
und die vo^ifia Tv^^riviiv (Athen. I, 23, d) gehört haben. Unter d^^ 
wenigen Fragmenten (bei MIIller a. a. O. 178 ff. Rose Ar. ps. 537 ^' 
Ar. Fr. 561—568. S. 1570. Fr. Hz. 297 f.) lassen sich Nr. 562. 563. h&^ 
Aristoteles nur dann zutrauen, wenn er ihren Inhalt nicht in eigenem N^^^ 
men, sondern als irgendwo umgehende Sagen gegeben hatte. — Ueb^^ 
Streitigkeiten zwischen den hellenischen Staaten und ihre Entscheidui»^ 
scheinen 3) die Jtxaitofiaxa rmv noXcmv (Ammon. differ. vocab. N^i^) 
oder ^uc. kllfivCd(ov noXemv (v. Arist. Marc. S. 2 R) gehandelt sa habeUf 
welche auch kürzer blos J^xatotfjLara genannt werden (D. 129. An. 120* 
Harpokbat. jQVfiog). 4) Die G^aeig nolirixal ß' (An. 69; ebenso 
ist aber auch D. 74 zu lesen) waren wohl jedenfalls unächt; dem Qiylloi 
(s. o. S. 62) kann der Anon. 5 nur aus Versehen den Nebentitel: n, noh' 
Tixijs beilegen. Ueber den IToXttixog vgl. m. S. 62; über n. ßaatUivi 
und vnk^ dnotxttv S. 63unt Schi; über tt. ^ijro^oc f noXtnxov 76, 2g. £.; 
über TT. ttQX^i ^4» 1 Schi.; über ein mittelalterliches Machwerk: 



[76] Staatswissenschaftliche Schriften. 107 

Em blosses Bruchßtück ist { auch unsere Poetik ^) ; yod den übrigen 



ment vnm (oder: AristoUlis ad AUxanärum regtm de moribus rege dignie) 

Gins Aiist und Alex. 234 f. Kosb Arist libr. ord. 183 f. Ar. ps. 583 f. 

1) Diese Schrift hat in nnsem Ausgaben den Titel: n. IToirjTixrs. 

Arist selbst erwähnt ihrer in der Politik (VIII, 7. 1341, b, 38) als künftig, 

in der Rhetorik (I, 11, Schi. III, 1. 14U4, a, 38. c. 2. 1404, b, 7. 28. 1405, 

t, 5. c. 18. 1419, b, 5, wozu aber S. 78, 1 s. vgl.) als schon vorhanden 

mit der Bezeichnung: fv Toig negi noiriTtjeTJg oder (1404, b, 28) iv r. n, 

not^t»^. Die Verzeichnisse nennen: nqayfAar^tag T^x^rjg noiriTixrjg (( 

(D. 63), T^xvriQ TTOiijT. ß' (An. 75), De arte poett'ea eeeundum dUeipUnam Py^ 

ikegenu (diess ein Znsatz, der wohl aus der Vermischung von zwei ver- 

Khiedenen Titeln entstanden ist; vgl. Rose Ar. ps. 194) tr. II. Ps. Alex. 

soph. el. Schol. in Ar. 299, b, 44 hat iv t^ n. noiiiT., ebenso Herm. in 

Pbidr. 111 u. Ast: iv t^ n. n., Sixpl. Cat Schol. 43, a, 13. 27: iv t^ 

i.n.j David ebd. 25, b, 19: to n. tt., dagegen Ammon. De interpr. Schol. 

^, a, 12: iv TOic n, noi. Boeth. De interpr. 290: m liMe quoe de arte 

fiitka eertpeii. Die älteren Zeugen kennen somit zwei Bücher der Poetik 

(ein drittes wird nur in den S. 61, 1 berührten, auf die Schrift n. no&rjTiiv 

boäglichen Anfiihrungen erwähnt), die späteren nur noch eines; ausser 

iofern sie Aelteren nachschreiben, wie diess von Ammonius und Boethius 

lozonehmen ist Müssen wir nun schon hiemach vermuthen, dass unsere 

Behrift ursprünglich einen grösseren Umfang gehabt habe , als sie jetzt hat, 

>o wird diess zur Gewissheit durch die Verweisungen auf solche Partieen 

denelben, die in unserer Recension fehlen, wie die Polit VIII, 7. 1341, b, 

3S renprochene Untersuchung über die Katharsis, welche der Natur der 

^•die nach in dem Abschnitt über die Tragödie vorkommen musste, und 

B>di sicheren Sparen auch dort vorkam (vgl. Bbrnays Grunds, d. Abh. d. 

Arittnb. d. Wirkung d. Trag. Abh. d. hist.-phil Ges. in Breslau 160 ff. 

^^ f. SuBBMiHL S. 12, Yahlbn S. 81 f. s. Ausgabe u. a.); die Poet. c. 6 

^. verheissene, Rhet. I, 11 Schi, angeführte Auseinandersetzung über die 

Komödie, von der Bern Ars (Rh. Mus. VIII, 561 ff.) werthvoUe Ueber- 

^biel in Cramer*s Anecd. Paris. T. I Anh. nachgewiesen hat (jetzt bei 

SuinoHL S. 208 f. V AHLEN 76 ff.); die Erörterung über die Synonymen, 

^^ SiMPL. Categ. Schol. 43, a, 13. 27 erwähnt. Auch sonst zeigt unser 

• 

jet&ger Text manche kleinere oder grössere Lücken, daneben aber auch 

^Btnpolationen (wie c. 12 und viele kleinere) und Versetzungen (die er- 

iicUiehste die des 15. Kap., das hinter c. 18 gehört), die zur Genüge be- 

'ttien, dass wir das aristotelische Werk nur in einem verstümmelten und 

^MÜtch verdorbenen Texte besitzen. Wie sein jetziger Zustand zu erklären 

^ kann hier nicht untersucht werden (eine Zusammenstellung der verschie- 

<lciieii, zum Theil weit auseinandergehenden Erklärungsversuche g^bt Süss- 

ttHL a. a. O. S. 3 f.); Subbmihl mag aber im wesentlichen Recht haben, 

veno er glaubt, dass die Vernachlässigung der Schrift, die Willkür der Ab- 

iclireiber und ungünstige Zufälle die Hauptschuld tragen; nur für die Inter- 



108 Aristoteles. [77.78] 

Schriften zur Theorie und | Geschichte der Kunst und zur Er- 
klärung von Dichtem ^) ist nicht I einmal so viel übriggeblieh^i. 
Nur weniges hat sich endlich auch von den anderweitigen Bü- 
chern erhalten, welche ausser dem Fachwerk des wissenschaft- 



polationen wird man diese Faktoren, so weit dieselben über die Aufnahme 
einzelner Randbemerkungen hinausgehen, nicht verantwortlich machen 
können. 

1) Von dem Gespräch n. JToiijrmv y war schon S. 61, 1 die Rede. 
Neben diesem führt Anon. 115 noch ntvn'kov n. TroitjTtjVj gleichfaUs in 
3 Büchern, auf; mag nun dieser Titel aus dem des Gesprächs durch Ver- 
dopplung und Verderbnis 6 entstanden sein, oder (nach Hbitz 178) ein da- 
von verschiedenes Werk bezeichnen ; das xvxlov könnte aus (yxvxXtov (oder 
-itov) entstanden sein, was Nr. 113 steht. Verwandt damit scheinen n. 
Tgaytp^itjv a (D. 136. An. 128) und KwfAixol (Erotian ezp. yoc. 
Hippocr. s. V. ^HqaxX. voaov). Für einen Theil der Schrift über die Tn^ 
gödien hält Müller Hist. gr. II, 82 wohl mit Unrecht die didaaxalltn 
(D. 137. An. 129. Rose Ar. ps. 550 ff. Ar. Fr. 575—587, S. 1572 f. Hw« 
255. Fr. Hz. 302 ff.), ein, wie es scheint, chronologisches, auf die vorhan- 
denen Inschriften gegründetes Verzeichniss der in Athen aufgeführten Ttb- 
gödien. Weiter wird eine Reihe auf Dichter bezüglicher Schriften genannt 
welche die Form von Problemen hatten: *AnoQfifAdr(av noirit ixmv ^ 
(An. App. 145); AlrCai noirjTixai (ebd. 146 — ah^at scheint eb«^ 
die Form der Behandlung zu bezeichnen, welche den anoQrifAara oder KQf^ 
ßlflfiara eigen ist, dass nach dem S^a r( gefragt, und mit Angabe ^^^ 
SioTi oder der alria geantwortet wird); ^AnoQtifxaxmv 'OfirigtxmV ^ 
(D. 118. An. 106 C'. Hbitz 258 ff. Fr. Hz. 129. Rose Ar. ps. 14» ^ 
Ar. Fr. 137—175, S. 1501 f.), oder wie sie die vita Marc. S 2 R. nei^"^* 
*0/i. C»?Tii^ar«; IlQoßlrifiaroiV ^Ofifig&xav i' (An. App. 147. 
91. Ammon. V. Ar. 44. Amm. lat. 54, wahrscheinlich aus den dno^fn 
durch Verdopplung entstanden); IdnogiifiaTa *H aioSov a (An. A^' 
143); lAnoQ. uigx^^^X^^i EvQinldovg, XoiqUov y* (ebd. 1#^^ 
Ebendahin scheinen die uinogi^/naTa d-eta (An. 107) zu gehören; t^'* 
eines der homerischen Probleme wird die Abhandlung sein: Ef 6i nc^ 
"OjLiriQog (no{fjaev rag 'jSUov ßovg; (An. App. 142). Diejenige von die»^^ 
Schriften, für welche ein aristotelischer Ursprung am ehesten wahrschei^ 
lieh ist, sind die homerischen Aporieen ; auch sie können aber spätere Z^' 
Sätze erhalten haben. Dagegen ist an die Aechtheit des 11 in log (hS^ 
105. An. App. 169. Rose Ar. ps. 563 ff. Ar. Fr. 594 — 600, S. 1574 f- 
Heitz Fragm. 309 ff. vgl. Berok Lyr. gr. 505 ff. Müller Fragm. Hist 
II, 188 ff.) nicht zu denken. Aelter scheint das Buch n. Movatx^g ta 
sein, das sowohl Diog. (116. 132) als der Anonymus (104. 124) doppelt auf- 
führen, wohl identisch mit den von Labbbus Bibl. nova 116 (b. Brakdis 
II, b, 94) gesehenen musikalischen Problemen; aber acht war es wohl so 
wenig, wie das n. Kalov (D. 6Ö. An. 63: n. KaXlovg). 



[78] Schriften über die Kunst. 109 

Echen Systems stehend, noch zu erwähnen sind % und auch hier 
hat sich ohne Zweifel manches unächte eingeschlichen. 



3. Fortsetzung. B. Allgemeinere, die aristotelisclien Seliriften 

betreffende Fragen. 

Wenn man die Gesammtheit der Werke überblickt, die uns 
als aristotelisch überliefert oder bekannt sind, so lässt sich nicht 
verkennen, dass dieselben, auch abgesehen von den Briefen und 
Gedichten, einen verschiedenen Charakter trugen. Die Bestand- 
thefle unserer aristotelischen Sammlung sind sammt und sonders 



1) Hieher gehören die nachstehenden, meist historischen Werke : ''Olvfi' 

^lovixtti a' (D. 130. An. 122)-, JIv&iovixö>v "Eliyx^*^ «' (^' ^^4 

und wahrscheinlich auch An. 125), Uv&iovlxai a' (D. 131. An. 123 in 

der ttlUamen Fassung: Ilv^iovlxag ßtßXiov iv tp Mivaixf^ov MxTiaev)^ 

Ov^ixog a' (D. .13.3), vermuthlich nur verschiedene Titel der gleichen 

Schrift; Nixai ^lowaiaxal a (D. 135. An. 126: vixmv Ji,ov, «or»- 

^ nai Ijjvatoiv «'). M. vgl. über diese Schriften: Böse Ar. ps. 545 ff. 

Ar. Fr. 572—574, S. 157. Heitz 254 f. Fr. Hz. 300 f. MtJLLER Hist. 

ST- n, 182 f. Femer n, EvQtifiartov (Clemens Strom. I, 308, A, wo 

our denn doch eine aristotelische Schrift dieses Titels gemeint zu sein 

>cbdnt, die freiUch gewiss nicht acht war; die Notizen, welche derselben 

catDommen sein mögen, finden sich b. Müller a.a.O. 181 f.) — /7. Sav- 

f^^odav^AxovafiaTwv von Athen. (XII, 541, a vgl. d-avfi, dx. c. 96) 

^ ^,T. iv Bav(Aaa(oig^ vieUeicht auch von Antioon. Mirabil. c. 25 (vgl. 

"^Vft. ttxovofi. c. 30) angeführt, eine Sammlung von Abenteuerlichkeiten, 

^ deren Aechtheit nicht gedacht werden kann. Näheres über diese Schrift 

^ WifiTSRMANN UaQaSo^yQafpoi S. XXV ff., nameitlich aber bei Robb 

Ar. Ijbr. ord. 54 f. Ar. pseud. 279 f. , welcher den Hauptkörper derselben 

tB»c. 1—114. 130—137. 115—129. 138-161 bestehend, der Mitte des 

^ Jtltfh. zuweist. ICine erweiternde Bearbeitung oder ein vollständigeres 

UcmplAT derselben mögen die üagaßo^a gewesen sein, aus deren zweitem 

^Bch Plut. parall. gr. et rom. c 29, S. 312 etwas beibringt, was in unsem 

^It. ux, nicht steht. JlaQoifjiCat a (D. 188 vgl. An. 127), eine 

^ehwörtersammlung, deren Dasein mir mit andern auch aus Athen II, 

uO|d hervorzugehen scheint, wogegen Heitz Verl. Sehr. 163 f. Fragm. 219 

^eifelt, dass es eine aristotelische Schrift dieses Inhalts gegeben habe. 

^ die Angaben b. Ecbtath. in Od. N, 408 und Synes. £nc. Calvit. c. 22 

(^' fr. Nr. 454. Nr. 2) aus ihr oder andern Werken stammen , lässt sich 

^cht tosmachen. Dazu kommen noch einige Titel , die so unbestimmt 

'bitten, dass sich daraus nichts sicheres über den Inhalt der betreffenden 

^^ften abnehmen^ lässt: Uagaßolal (D. 126); Zdraxta (wozu wohl 

^^ßlfifuna oder vno/ÄVrjfiaTa zu ergänzen ist) i /9 ' (D. 127 vgl. S. 101, m.). 



WQ Aristoteles. 

wissenschaftliche Lehrschriften ^i; und fast alle diese Schrifte 
80 weit sie für acht gehalten werden können, sind mit einand 
(wie tiefer unten gezeigt werden wird) durch ausdrückliche V( 
Weisungen in einer Weise verknüpft, wie diess nur dann mö 
lieh war, wenn sie als zusammengehörige und sich gegenseil 
erläuternde Theile Eines Ganzen für denselben Leserkreis l 
stimmt waren. Anders verhält es sich in dieser Beziehung n 
denjenigen Schriften, welche von den Späteren als hypomnem 
tische bezeichnet werden; d. h. als Aufeeichnungen , die Arisl 
teles nur zu seinem eigenen Gebrauche gemacht, und denen 
aus diesem Grunde nicht die gleiche schriftstellerische Form ui 
Einheit gegeben habe, wie den zur Mittheilung an andere b 
stimmten Werken*), Unter den uns erhaltenen Büchern, i 
weit sie wenigstens acht sind, befindet sich keine derarti| 
Schrift^); wogegen von den verlorenen mehrere, wie es scheii 
hieher gehörten^). Von diesen beiden Klassen von Schrifo 
unterscheidet sich aber noch eine dritte. Wenn an Aristotd 
von Cicero, Quintilian und Dionys von Halikamass neben om 
wissenschaftlichen Grösse auch die Anmuth und Fülle sein 



1) Eine Ausnahme machen nur etwa die ,,wanderbaren Geschichte! 
diese sind aber nicht aristotelisch. 

2) SufPL. in Categ. Schol. in Ar. 24, a, 42: vnofAvrifiartxa 8aa tu 
vnofAVtioiv oixtlttv xal nXiCova ßdaavov aw^ra^tv 6 (piX6oo(f)og, Di 
Schriften gelten aber nicht für ndvTrj anovSrjg a^ia, man entnehme ibi 
daher keine Beweise für die aristotelische Lehre. 6 fiivrot IdH^avd^g 
VTro/Änjfiarueä avfinetpvQfi^va ipijalv elvai xai firi nqhg %va axonov d- 
ipigiO^ah und ebendesshalb werden die andern als avvray/uaTtxd von ih! 
unterschieden. David Schol. 24, a, 38: vnofivTifjLarutd fikv IfyoVTtu 
olg fiova Ttt xKpdXaia dney^fptjcfav i(x^ TiQooifjUiov xal intloymv 
rijg n^enovatig (xSoaetfiv dnayyillag. Vgl. Heitz Verl. Sehr. 24 f. 

3) Die Probleme, an die man vielleicht denken möchte, können ni 
blos zn eigenem Gebranch niedergeschrieben sein, da Arist. dieselben öf) 
anführt (s. o. S. 100, 4), und somit voraussetzt, sie seien seinen Lesern 
kannt. Anderes, wie die Abhandlungen über Melissus u. s. w. , ist ni 
für acht zu halten. Sollten endlich einzelne Theile unserer Sammli 
Lehrvorträgen zur Grundlage gedient haben, oder aus denselben entstand 
sein, 80 würden sie dadurch noch nicht zu blos hypomnematischen Schrif 

4) So die S. 65, 4. 5 genannten, vielleicht auch die Politieen (S. 105, 
ob auch niQl rdya^ov ist mir nach dem S. 64, 1 Schi. 78, 4 g. £l. bemerk 
zweifelhaft. 



Verschiedene Klassen aristotelischer Schriften. Hl 

Darstellung, „der goldene Strom seiner Rede" gerühmt wird ^), 
80 mufis sich diess zwar auf Werke , die ihr Verfasser für die 
Oeffendichkeit bestimmt hatte, aber es kann sich nicht auf die- 
jenigeQ beziehen, welche uns von Aristoteles erhalten sind, von 
denen indessen wenigstens den beiden Römern wahrscheinKch 
nur die w^gsten bekannt waren *) ; wir müssen vielmehr an- 
nehmen, es seien andere, flir uns verlorene Schriften gewesen, 
denen sie diese Vorzüge beilegen. Wer den Werth der sprach- 
lichen Form aus dem Standpunkt des wissenschaftlichen Be- 
dür&isses beurthdlt, der wird allerdings an unsem aristotelischen 
Werken vieles zu loben finden: die trefiende Bezeichnung der Be- 
griffe, die unnachahmUche Schärfe und Kürze des Ausdrucks, 
die sichere Handhabung einer festen Terminologie; aber für das, 
was Cicero an der aristotelischen Darstellung hervorhebt, flir die 
Anmuth einer voll und gefkUig hinströmenden Sprache, wird er 
selbst aus den populärsten von diesen Werken nur wenige Bei- 
spiele beibringen können, während im übrigen die Trockenheit 
der Behandlung, die Knappheit der wortkargen Darstellung, die 



1) Cic. Top. 1, 3: Die aristotelischen Schriften empfehlen sich nicht 
f^tm durch ihren Inhalt, §ed dicendi quogu4 incredibüi quadam cum eopia tum 
<fMM nuuiUtU, De invent. II , 2 , 6 (über die avvaytyyi\ rc/roir) : . Arist. 
^ die alten Bhetoren nuimUiU *t brwüate dicendi weit hinter sich gelassen, 
ße ont. I, 11, 49: m item Arittotties, «t Theophrattut j »i Cameades ... elo- 
fiiMM et m dicendo euavee atque orwtli fuere. De Fin. I, 5, 14 (über £pi- 
^): qmod ista FlaUmis Arittctelis Theophrasti arationis omamenta neghxerü, 
^ctd. II, 38, 119: veni$t ßwnen orationie aureum fundem Arittotelee, Quin- 
^L. lott. XI, 83 : quid Arietotekm f quem duhito eeientia rerum an eeriptorum 
*9«i m ehquendi eumitate . . . dariorem putein, DioMrs. De verb. cop. 24: 
onter den Philosophen seien Demokrit, Flato und Aristoteles die besten 
^Hiten. De cens. vet. Script. 4: naqalr\nT4ov Sh xaX Idgi^ajorfkri eis fif- 
f^^v tijs re nsQl rrjv iQfirjvei^v dHvorrixog xai r^f aaquveCag xal xoH 
Wo^ xal TtolvftaS'Ovg. 

2) Ausser der Topik und Rhetorik haben wir bei keinem derselben 
^^ond XU der Annahme, dass sie es aus eigener Anschauung gekannt haben ; 
^og«gen von Cicero ein Theil der S. 57 ff, besprochenen Schriften, die 
"^^ über die Philosophie, der Eudemus, der Protreptikus, vielleicht auch 
^ JfoUrueog, n. ßaailiiag und n, nlovrov, benutzt werden; vgl. Fin. II, 
'5, 40. Acad. II, 38, 119. N. D. II, 15, 42. 16, 44. 37, 95. 49, 125. Divin. 
^25, 53. Fragm. Hort. b. Aüoüstin c. Jnl. IV, 78. Fin. V, 4, 11. ad 
Q«mt fr. III, 5. ad Att. XII, 40, 2. XIII, 28, 2. Off. II, 16, 56 und oben 
8. 63, 1. 



112 Aristoteles. 

oft SO verwickelte Gestalt der anakoluthisch gebildeten, mit lan- 
gen Einschiebseln überladenen Sätze , zu CScero's Beschreibung 
schlechterdings nicht stimmt. Wir selbst können aber auch so- 
gar aus den dürftigen üeberbleibseln der verlorenen aristote- 
lischen Schriften noch erkennen, dass ein Theil derselben in 
einer viel reicheren und blühenderen Sprache verfasst war, und 
in seiner Darstellung dem Schmucke der platonischen Gespräche 
viel näher kam, als die wissenschaftlichen Untersuchungen des 
Philosophen, die unsere Sammlung enthält^); und wir werden 
uns diese Erscheinung nicht blos aus der ftliheren Abfassungs- 
zeit der ersteren , sondern auch daraus zu erklären haben, dass 
die einen nicht dem gleichen Zweck dienen sollten und nicht 
auf den gleichen Leserkreis berechnet waren, wie die andern*). 
Aristoteles selbst verweist einigemale auf die von ihm her- 
ausgegebenen , oder die im allgemeinen Gebrauch befindlichen 
Darstellungen in einer Weise, die vorauszusetzen scheint, dass 
andere von seinen Schriften, und so namentlich diejenigen, worin 
diese Verweisungen sich finden, nicht in der gleichen Weise, wie 
jene, der Oefientlichkeit übergeben W9rden seien ^); und durch 

1) M. vgl. in dieser Beziehung, was unter Kr. 12 — 14. 17 f. 32. 36. 
40. 48. 49. 71. 72 der Fragmente (akad. Ausg.) ans dem Eudemus, dem 
Frotreptikns , n, (f&loaoip{ag ^ n, dixttioavvijg angeführt ist, und oben S. 

59, 1. 

2) Hietüber sogleich. 

3) Poet. 15. 1454, b, 17: efgriraL dk tkqI avtmv iv rote ixdtdofiivoig 
loyoig Ixavtog. De an. I, 4, Anf. : xal äXlrj Si nq So^ na^ad^doxai ntqi 
xpvxrjSi Tnd^avrj fih nolXotg . . . loyovg <f ' SarrcQ ev&vvag (wofür Berkats 
Dial. d. Ar. 15 ff. unter Streichung von Xoyovg vermuthet: mankq ev&vvag 
dh) de^tüxvia xai rotg iv xoivtp ytyvofiivoig loyoig' a^/novCttv yaq rtva 
avTTiv läyovat u. s. w. Zu der ersten von diesen SteUen bemerkt Bbb- 
NAY8 a. a. O. 13, das „herausgegeben" sei hier gleichbedeutend mit: 
„früher herausgegeben*'. (Ebenso, die Worterklärung betreffend, Rose Ar. 
ps. 79.) Ich zweifle jedoch, ob diese Ergänzung erlaubt ist Das Prädikat 
ix^e^ofi^voi wird aUerdings nicht müssig dastehen, sondern die loyoi ixdi- 
dofiivot von gewissen andern Xoyoi unterscheiden sollen. Man wird auch 
Ixdidofiivoi nicht so erklären können, dass „die von mir herausgegebenen 
Schriften^^ eine blosse Umschreibung für „meine Schriften" wäre ; denn theils 
liegt eine solche Weitläufigkeit nicht in der Art des Aristoteles, welcher 
vielmehr da, wo er ohne Bezeichnung einer bestimmten Schrift auf früheres 
verweist, nur einfach: iv alXoig^ iv kxiqotg oder ;r^OT€^or zu sagen pflegt; 
theila geht daraus, dass es nicht heisst vn^ ifiov ixö^do^ivoi^ hervor. 



ffHeransgegebene*' Schriften. 113 

fleine Aasiger erfahren wir, dass eine von den Erörterungen, 
auf die er in der ang^benen Art hindeutet , sich in seinem 



dAss der Nachdruck auf dem fxS^iofiivoi als solchem ruht, die loyoi ixSe^ 
iofiivot im Gegensatz zu ^17 M^SofAivoi, gedacht sind. Allein bei den 
letiteren an später herausgegebene, und daher bei den ixdedofiivoi an 
früher herausgegebene loyoi zu denken, haben wir kein Recht Den 
Gegensatz zu ,,heransgegebenen*' Werken bilden nicht später heraus- 
gegebene, sondern nicht herausgegebene ; und aus dem Perfekt Medofiivoi 
hennsznlesen : „solche, die zur Zeit der Abfassung der Poetik bereits her- 
ausgegeben, also früher als sie waren*^ verbietet die Erwägung (Ueberweo 
X. d. St. Arist. üb. d. Dichtk. S. 75), dass jeder Schriftsteller sich dem 
Leser gegenüber in die Zeit versetzt, wo diesem seine Schrift schon vor- 
liegen wird. Wenn daher die Poetik ebenso herausgegeben d. h. der ganzen 
Letewelt vorgelegt werden sollte, wie die Xoyoij auf die sie verweist, hätten 
die letzteren nicht im Unterschied von ihr das Prädikat Medofi^voi er- 
halten können, denn für ihre Leser wäre sie so gut, wie jene, ein Xoyog 
Miiofihog gewesen. Wenn Rose die Xoyot MiS. erst (Arist. libr. ord. 
130) anf frühere Stellen der Poetik, dann (Ar. pseud. 79) auf die Rhetorik 
beäehen wollte, hat er beides in der Folge (Ar. ps. 714) mit Recht zurück- 
K^Qommen, denn das, wofür die Poetik anf die l6yot ix^id. verweist, findet 
Ach weder in der Rhetorik noch in der Poetik (vgl. Bern Ars a. a. O. 188), 
welche letztere ohnedem in ihr selbst nicht so hätte bezeichnet werden 
können. Ebensowenig kann man aber den Ausdruck (wie R. Ar. ps. 717 
will) anf Schriften über die Poetik ans der platonischen Schule, sondern nur 
>of aristotelische Schriften beziehen. — In der zweiten Stelle, De an. 
^t 4, können die Xoyot (v xoivtß yiyvofiivoi nicht (mit Torstrik Arist. De 
^' 123, dem hierin vielleicht schon die Urheber der Variante Xfyo^^votg 
itatt yiyvofjt. vorangiengen ) von Unterhaltungen, wie sie in gebildeten 
'Preisen vorzukommen pflegten, oder (mit Rose Ar. ps. 717) von Aensse- 
^i%en aus der platonischen Schule verstanden werden, denn das evf^vvttg 
^f^mvia weist auf eine bestimmte, dem Leser bekannte, Kritik der An- 
^'^e, dass die Seele die Harmonie ihres Leibes sei, nicht anf irgend welche 
8*f nicht näher zu bezeichnende , Unterhaltungen dritter Personen. (Vgl. 
'och BiRKAYS a. a. 0. 18 f.) Auch an mündliche Besprechungen des 
Anjtoteles mit seinen Schülern (Philop. s. folg. Anm.) möchte ich nicht 
^^ken: theils weil Arist. sich sonst nie auf solche Besprechungen beruft, 
^in einer Darstellung, die zwar vielleicht zunächst seiner Schule als 
l^hrboch dienen sollte, die aber doch nirgends zu erkennen gibt, dass sie 
^^^ für seine personlichen Schüler bestimmt sei, sich nicht wohl darauf be- 
"*f«n konnte, theils weil der Philosoph die hier berührte Erörterung wirk- 
"^h in einer seiner Schriften gegeben hatte. (Vgl. folg. Anm.) Und ans 
^ letzteren Orund empfiehlt es sich auch nicht, die Xoyot fv xotvt^ yiyv, 
(mit SufpL. s. folg. Anm.) auf den platonischen Phädo zu beziehen, für den 
*>< öberdiess eine gesuchte und mit der Art, wie ihn Plato sonst einfach 
Zfller, Philof. d. Gr. H. Bd. 2. Abth. 3. Aufl. 8 



114 Aristoteles. 

Eudemus fand ^). Noch häufiger bezieht sich der Philosoph ai 
die „exoterischen Reden", in denen ein Gegenstand schon zu 
Sprache gekommen sei*). Was jedoch damit gemeint sei im 

beim Namen nennt (vgl. Th. II, a, 398, 1 und Meteorol. II, 2. 355, b, 32^ 
nicht übereinstimmende Bezeichnung waren (Bbrnays S. 20). Will enc 
lieh Ueberweo (Gesch. d. Phil. I, 178 5. Aufl.) unter den Xoyoi iv x. y%y\ 
Philoponus* Erklärung erweiternd, Erörterungen verstehen, die gemeinsan 
entweder in wirklichen Unterredungen oder in dialogisch abgefassten Schril 
ten, angestellt seien, so scheint es mir, dass die letzteren nicht so bezeichne 
werden konnten, und der dialogischen Form jener Erörterungen zu erwähnei 
hier kein Anlass vorlag. Sprachlich werden dieselben wegen der Präsens 
form yi,yvo^ivoi,q (auf die Bonitz Ind. arist. 105, a, 46 mit Recht aufmerk 
sam macht) nicht zu erklären sein: „die der Oeffentlichkeit übergeben es 
Reden", denn in diesem Fall müsste yevofiivoig stehen, sondern mit Beb- 
VAYS Dial. d. Arist. 29: die in der Oeffentlichkeit befindlichen, der 
allgemeinen Benützung zugänglichen Erörterungen, indem das iv xoiv^ 
ebenso genommen wird, wie in den Ausdrücken : iv xoivt^ xaraTi&ead^i^ h 
xoiv^ dtfUvai (in medio relinquere Metaph. I, 6. 987, b, 14). Das gleiche, 
wie mit den Xoyoi iv xoivtf ytyvofifvoit scheint auch mit den. iyxvxlut 
oder iyxvxha (piloao(pfj/xaTa gemeint zu sein, deren Eth. I, 3. 1096, a, 2 
{xal Tiegl fikv rovrtov al&s' txavdSg ycco xal iv Toig iyxvxXlotg elgritw 
7T€qI avTt5v) und De coelo I, 9. 279, a, 30 (xal yag xa&aniQ iv tois ^T 
xvxUotf (ftXoao(ffifAaat mqi tu &€ia nolXdxig 7iQ0(paiveTa^ rotg loyon 
Ott t6 ^hov ttfjUTdßlijTov dvayxalov elvat u. s. w.) Erwähnung geschiebt 
'Eyxvxktog kann recht wohl ebenso, wie iv xoiv^ yiyvofievog, die Bedea- 
tung m medio potihu haben (weniger gefällt mir Bernays* Erklärung Di^ 
d. Ar. 124: „Schriften im gewöhnlichen Ton"), und es wird nicht allein 
von SiMPLicius so erklärt (z. d. St. De coelo, Schol. 487, a, 3: iyxv»^- 
(piX. nenne A. rä xard trflf rd^iv i^ dgxv^ ^^^ nokXoig nQOTid-ifAevat die 
iitüT€Qixä\ sondern wir sehen auch aus Ar. Fr. 77. 1488, b, 36 ff. nnd 
Fr. 15. 1476, b, 21, dass das, wofür sich Arist. auf die iyxvxlta bernft, 
wirklich in zwei von seinen Gesprächen ausgeführt war. Vgl. Bernats ^ 
a. 0. 84 ff. 98 f. 110 ff. 

1) Aus den bei Rose Ar. Fr. 41, S. 1481 f. Heitz Fr. Ar. 73, S.51 
abgedruckten Stellen des Philoponus, Simplicins, Themistius und Oljmfio' 
dor (deren gemeinsame Quelle Alexander gewesen sein mag) geht herrort 
dass Arist im Eudemus, nach dem Vorgang des Phädo, der Annahme, die 
Seele sei die Harmonie ihres Leibes, eine eingehende Prüfung gewidmet 
hatte, deren Hauptsätze von ihnen mitgetheilt werden. Auf dieses G«' 
sprach wird sich daher unsere Stelle beziehen, wenn uns auch Philoponi^^ 
De an. E, 2, u. zwischen ihm und den dyqaffOi awovalat ttqos lovs 
haCqovg die Wahl lassen will, und SufPLicics De an. 14, a, o. neben ö»*"* 
an den Phädo denkt. 

2) Die sämmtlichen Stellen sind tiefer unten angeführt. 



Exoterische Schriften. 215 

wie sich diese ;,Reden" zu unsem aristotelischen Schriften ver- 
halten; darüber sind die Meinungen getheilt. Die alten Schrift- 
Steuer, die ihrer erwähnen, beziehen sie durchweg auf eine be- 
stiminte Ellasse aristotelischer Werke, welche sich von den 
wissenschaftlichen Lehrschrift;en durch eine weniger strenge Hal- 
tung unterschieden habe^); indessen weichen sie in ihren näheren 
Bestimmungen über dieselben ebenfalls von einander ab. Cicero *) 
und Strabo *) beschreiben die exoterischen Werke im allgemei- 
nen als populäre *) ; der erstere denkt aber dabei unverkennbar 
zunächst an die Gespräche ^), die auch Plutarch ^) als exote- 
rische Schriften bezeichnet. Nach Gellius wären diejenigen 
Vorträge und Schriften, welche sich auf Rhetorik, Topik imd 
Politik bezogen, exoterische genannt worden, die auf Metaphy- 
sik, Physik imd Dialektik bezügUchen akroatische ^) ; weil näm- 

1) Eine Ausnahme machen nur zwei spät byzantinische, dorchaus an- 
merlässige Ausleger der Ethik, Eustratius 90, a, u. und der angebliche 
AsLBONLKCs (Hcliodor, um 1367) S. 69, indem jener die i^regtxol Xoyoi 
Mf die gemeine Meinung deutet, dieser auf mündliche Belehrung. 

2) Fin. V, 5, 12: über das höchste Gut gebe es von Aristoteles und 
Tbeophrast duo genera lürorum, ,^unum popularüer teri^tum, quod i^regucov 
^fftUabtmtj aUerum UmaHut {axgißtar^gtosj in strengerer Form), quod in eom- 
^»tnutriii religtderunt*^, im wesentlichen stimmen aber beide überein. 

3) XIII, 1, 54. S. 609: weil die Peripatetiker nach Theophrast seine 
^ Aristoteles* Schriften nicht hatten, niriv oXCytov xal fiaXiara rtSv i^m- 
^t^w, begegnete es ihnen, fjiri6kv ^x^iv <piXoao(petv ngay/xaTixiSg (in die 
^en eingehend, wissenschaftlich) aiXä ^iauq Xrixv&iiHV, 

4) Ebenso Simpl. Phjs. 2, b, m: die arist. Schriften zerfallen in akroa- 
Btttiscbe und exoterische, ola tit laroqixa xal rä 6ialoy&xä xal oiojg rä 
fni tat^s axQißi(ttg (pQOVttCovra, — Philop. De an. £, 2 (b. Stahr Arist. 
^ 261) : TU i^antgucä avyyQttfXfA.aTa, iv €toi xal ol ^idXoyoi . . . antg 
('<« xovTO f^€0T€Quta xixXijTai 8t& ov TiQOi Tovs yvjioiovg axQoaxag yt.- 

5) Vgl. ad Att. IV, 16, 2: qwmiam in tingulit librit (des Gesprächs über 
^ Staat) utor prooemiia, iU Aristoteles in iis quos ($(OT€Qtxovg vooat. Im 
^^nierschied von den Gesprächen heissen die streng wissenschaftlichen Werke 
(*• ^ori. Anm.) eommsntarii, fortlaufende Darstellungen, den avroTiQoaoma 
^ axQoaJixa der griechischen Ausleger (s.u. Anm. 7. 117, 1. 2j entsprechend. 

6) Adr. Col. 14, 4. S. 1115: Arist. bekämpfe die Ideen allenthalben: 
^* Totf ri&txoTg vnofAvrifAuaiv (gleichbedeutend mit Cicero's comm^ntarii s. 
'w. AxmL), iv totg (fvaixoTgj dia rtCv i^toTiQUctSv 6iaX6y(ov. 

1) N. A. XX, 5: Arist. Vorträge und Schriften zerfielen in zwei 
^^^*s«n, die i^tne^ixu und die tixgoauxd. *E^ojT{gixa dieebantur quae ad 



116 Aristoteles. 

lieh jene, wie Galen diese Benennung erläutert, fiir jedermann 
ohne Unterschied, diese nur für die Schüler des Philosophen be- 
stimmt waren ^). Wegen der Veröffentlichung der akroatischen 
Schriften stellt Alexander in einem schon von Andronikus mit- 
getheilten Briefchen *j seinen Lehrer zur Rede; da aber dieser 
sie doch veröffentlicht hat, muss die Vorstellung, als ob Aristo- 
teles selbst ihre Geheimhaltung gewünscht hätte, dem Verfasser 
jenes Schreibens noch fremd gewesen sein. Später begegnen 
wir auch dieser Annahme^); und damit verbindet sich die wei- 
tere Behauptung, dass sich Aristoteles in seinen akroatisclieii 
Werken absichtlich einer Darstellungsform bedient habe, die sie 
andern, als seinen Schülern, unverständUch machen sollte ^), wäh- 



rhetorica» meditationes foüultattmqus argutiarum &ivil*umque rerum noiitiam eon- 
dueebant, axQouTixcc autem voeabantur in quibua philotophia remotior tubtiUor- 
qu€ affitabatur quaeque ad naturae eontemplationes diteeptationetque diaUetidu 
pertinebant. Diesen sei im Lyceum der Morgen, jenen der Abend gewidmet 
worden. (Vgl. S. 30, 1.) Libros quoque tuoty earum omnium rerum common' 
tario9j teorsum divitü, ut alii exoteriei d%eer$ntur partim aeroatici. 

1) De snbst. fac. nat. Bd. IV, 758 K.: ^AQiaxoxilovq ^ Bio^Quotov 
ta fikv ToTg noklotg yfy^atf'ortoVf rag ^k dx^odang roTg ira{QOig, 

2) Bei Gell. a. a. 0. Plut. Alex. 7 s. o. 23, 4. Da es hier heisst: 
ovx oQSiiSg InoCijaag ixSovg rovg axgoarixovg rdiv loyouv, muss dem Ver- 
fasser des kleinen Briefs die Unterscheidung der loyoi dxQOttrtxol und 
l^wre^ixol schon bekannt gewesen sein. 

3) So Plut. Alex. c. 7: ioixt J* ^AlQav^Qog od [jtovov xiv r^^ixov 
. xal noUxtxov naQaXaßiiv Xoyov, aXXä xal rtav ano^^ritotv xai ßaQvxi- 

QtüV [ßad-vT,] StJaOxaXiäiv, ag ol av^Qig t6(tog ax^oafiarixng xai inoTtti' 
xäg {svie bei den Mysterien) nQogayogevovrig ovx i^^tfioov elg TToXlovg^ 
fAixaax^iv, Clemens Strom. V, 575, A: nicht allein die Pythagoreer und 
Platoniker, sondern alle Schulen haben Geheimlehren und Geheimschriften; 
Xfyovat cTI xal ol ^AQtaxoxiXovg ra [jilv (atoregtxa dvai x^v avyyQafAfit^- 
xoiv avxüiv [~ov] rcc <fi xotva x€ xal i^xi^xa. In demselben Sinn wird 
Rhet. ad Alex. c. 1. 1421, a, 26 ff. Arist. von Alexander um strengste Ge- 
heimhaltung dieser Schrift ersucht, welche er seinerseits jenem gleichfalls 
zur Pflicht macht. 

4) Diese Vorstellung spricht sich schon in der Antwort des Arist an 
Alexander bei Gell. a. a. O. aus, wenn er hier auf den Vorwarf des leti- 
tem in Betreff der axQoaxixol Xoyot erwiedert: Ta&t ovv avxovg xal h- 
dcSo/4ivovg xal fiti ixdtdofiivovg' ^vvcxol ydg eiai fiovoig xo^g rjfiuf 
icxovaaatv. Weiter vgl. m. Themist. or. XXVI, 319, A ff.: Arist. habe für 
die Masse nicht dieselben Reden passend gefunden , wie fiir die Philosophen, 
und desshalb jener die höchsten Geheimnisse seiner Lehre (die xiXia /f^, 



Exoterische Schriften. 117 

rend er doch seine Ueberzeugungen nur hier in ihrem wissen- 
schaftKchen Zusammenhang niedergelegt habe ^). Die exoterischen 
Schriften sollen sich demnach von den akroamatischen im all- 
gemeinen dadurch unterscheiden, dass sie Itir einen weiteren 
Kreis von Lesern bestimmt sind, und desshalb theils ihrer Form 
nach eine populärere Gestalt haben, theils in ihrem Inhalt die 
schwierigeren Untersuchungen bei Seite lassen und die strengere 
wissenschaftliche Beweisführung durch eine gemeinverständUchere 
ersetzen *). 

du ^i'OTixoy) darch Dunkelheit entzogen. Simpl. Phys. 2, b, m. , mit Be- 
ziehong auf die ebengenannten Briefe: h TOig axQoafxajixoTg nacupitav 
Inixiihidi u. s. w Das gleiche in Categ. Schol. 27, a, 38. David in 
Ca «Chol. 22, a, 20. 27, a, 18 tf. Daher Lücias V. auct. c. 26: Arist. 
sei hnlovgi ttlXog ftkv 6 ^xTonOtv (faivo/mvog aXXog ^h 6 (vroa&fVy exo- 
terisch and esoterisch. 

1) Alexaitder bemerkt Top. 52, m : Arist. rede bald Xoyixtogj so dass 
er die Wahrheit als solche entwickle, bald ^taXexTixäig rtgog So^av, So in 
der Topik, den ^toqixci und den iJ^ojreQixd. xal ya^ iv ixeivoig nXelara 
*ti\ jiiQl Tuiv Tf^ixtov xal 7t (gl itav (pvaixüiv h^o^tog Xfyerai. Aber schon 
dt« Beispiel der Topik und Rhetorik kann zeigen, dass sich diess nur auf 
die Begründung der in diesen Schriften dargelegten Ansichten , die Beweis- 
führung aus dem allgemein Anerkannten (dem ^vdo^ov)^ nicht auf den In- 
^t der Lehren als solchen bezieht. In dem gleichen Sinn sprechen sich 
t&ch noch die Späteren ,in der Regel aus; so Sihpl. Phys. 164. a, m: 
^iwf^ucu 6( ian rä xotva xal St^ Ivdo^tov neQa^yo/jfVic ilXXn /uri ano" 
^(ixfixä uri^i axQoa^axixd. Ammon. und David s. folg. Anm. Philop. 
Riyi. 8, 4, m. Dagegen verkehrt David Schol. in Ar. 24, b, 33 die An- 
gabe Alexanders, die er anführt, um sie zu bestreiten, dahin: oti iv /akv 
^oiV axQoufAttTixotg rä öoxovvxa nvTt^ Xiyei xal rä aXri&^t iv cT^ ror^ cf*o- 
^'«xorf T« aXXotg 6oxovvia^ ta ipivS^. 

2) Auf diese Bestimmungen kommen ausser den bisher abgehörten 
^^^Qgnigsen auch die weiteren Angaben zurück, die sich bei neuplatonischen 
^^onuaentatoren finden. So der angebliche Ahmon. in Categ. 6, b ff. (auch 
^ Stahk Aristotelia II, 255 fi.), welcher nach einigen andern Einthei- 
^en der aristotelischen Schriften unter den syntagmatischen uvrongoatona 
'<2 ix^afiaTuta und SiaXoy&xit xal i^airegixa unterscheidet. Jene seien 
^^ yTr\o(ovg dxQoarag, diese ngog riiv xöiv noXXdiv (otf^Xttav geschrieben; 
*o Jenen spreche Arist. seine eigene Ansicht mit streng wissenschaftlicher 
Beweif fohruog ans, in diesen rä Soxovvra ai*T^, äXX^ ov cfi' dno^HxrixtSt^ 
^^^X^i^fidrttoVf xal olg oloC ti staiv ol noXXol i7iaxoXov&€iv, Granz ähn- 
Kch, nur noch ausführlicher, David Schol. 24, a, 20 fi. , welcher gleichfalls 
^9 ffvrrayfiarixä in avroTtQoatona oder dxQoafittTixd und ^laXoyixä a 

* xal i^Tfgixd XfyovTnt theilt, jene Ttqog rovg incTtj^ifovg rj (fiXoaotfiq, 



118 Aristoteles. 

Die Richtigkeit dieser Annahmen wird nun freiUch durcl 
den Umstand, dass sich dieselben bis auf Andronikus und nocl 
etwas weiter hinauf verfolgen lajssen '), noch nicht ausser Zweife 
gestellt. Aber wenn sie auch in dem einen und anderen Punkt 
der Berichtigung bedürfen, werden sie doch in der Hauptsach 
durch die eigenen Aeusserungen des Aristoteles über die „exo 
terischen Reden" bestätigt. Denn wenn auch im allgemeinei 
jede Erörterung eine exoterische genannt werden kann, welch 
nicht zu der eben vorU^enden Untersuchimg gehört*), ode 
welche nicht tiefer in ihren Gegenstand eindringt ^), wenn ferne 



diese Tigog ttv^7TiTr\6ilovs ngbg tfi}.oao(p{av^ jene daher <fi* dvayxaCTixm'i 
loycoVy diese cf*o nid-avwv, geschrieben werden l&sst. Vgl. S. 115, 4. 

1) Zum Erweis dieses Satzes kann ich zwar der so eben besprochenei 
Stelle aus David kein solches Grewicht beilegen, wie Hbitz Verl. Sehr. 25 i 
Da Tielmehr David (24, b, 5) sich ausdrücklich auf Ammonius (zu n. Iq 
fjLfiVi(ag) beruft, und der angebliche Commentar des letztem zu den Ktte 
gorieen, wenn auch in seiner jetzigen Gestalt nicht von Ammonius her 
rührend, doch aus einem von ihm verfassten geflossen zu sein scheint, halt 
ich Ammonius fiir David*s nächste Quelle; und wenn dieser allerdings Ael 
tere (zunächst Alexander, den David 24, b, 33 bestreitet, und dem and 
seine Anführung des aristotelischen Eudemus ebenso entnommen sein wird 
wie die bei Philop. De an. E, 2 f. Ar. Fr. S. 1481, Nr. 41) benützt h*< 
wissen wir doch nicht, wie viel ihren Aussagen späteres beigemischt is^ 
Dagegen werden wir die Angaben bei Cicero , Strabo und Gellius (s. c 
115, 2 — 7) auf Tyrannio und Andronikus zurückfuhren müssen, und das 
dieser selbst die Unterscheidung exoterischer und akroatischer Schriften nn< 
die Annahme, dass die letzteren nur den Schülern des Philosophen habei 
verständlich sein sollen, schon vorfand, beweisen die S. 116, 2. 4 be 
sprochenen Briefe. 

2) Polit. X,'5. 1254, a, 33: aXla xavra fikv latog i^torfQuetaTiQas ^^ 
axi%fJ€(og, Aehnlich ebd. II, 6. 1264, b, 39: in der Republik habe Flat> 
von der Gesetzgebung nur unvollständig gehandelt, tu S* äXla rotg 1^ 
&€V loyotg nenXfJQttxe rov loyov. Die ^^^£f ilo^o^ enthalten in diesen 
Fall gerade die spekulativsten Untersuchungen. Ebenso Ecdemcs Fr. * 
(SiMFL. Phjs. IS, b, u.), wo statt des aristotelischen Üj^h (f* anogiav.. 
facjg ^k ol nqbg rov loyov (Phys. I, 2. 185, b, 11) steht: ?/€* iSf avr 
toOto anoqCav i^T€Qtxrjv. 

3) Phjs. IV, 10, Anf.: nq^tov 61 xaltog l/ff Sutno^aat niQl «^ 
rov {tov /^voi;) xal 6&a rtav i^ouTegixwv Xoytov. Die ^^r. koyoi b( 
zeichnen hier die unmittelbar folgende Erörterung, welche in ähnlich« 
Weise exoterisch genannt wird, wie Arist sonst das Logische dem Phys 
sehen entgegensetzt (s. u. 171, 2), weil sie noch nicht auf d( 



Exoterische Schriften. 119 

die „exoterischen Reden" nidit immer und nicht nothwendig 
dne bestimmte Klasse von Schriften bezeichnen^), so finden 
sich doch Stellen , in denen wir allen Grund haben, sie auf 
solche zu beziehen *) ; und dass damit Werke von einer popidäreren 

scharfen und yoUBtändigen Begriff der Zeit (das t( Iotiv 6 xqovoq^ 218, a, 
31) aasgeht, sondern nur vorläufig gewisse Eigenschaften derselben in Be- 
tracht zieht. Um exoterische Schriften handelt es sich hier nicht; eben- 
iowenig wird aber Pbantl (Arist Physik 501, 32) Recht haben, wenn er 
Dicht blos in unserer Stelle, sondern überall unter den exoterischeu Reden 
immer nur jene Besprechungen verstanden wissen will , welche damals über 
pikantere Themata überall auch bei gesellschaftlicher Unterhaltung gefuhrt 
worden. Dass diess an anderen SteUen nicht angeht, wird sogleich gezeigt 
werden; an der unsrigen verbietet es schon die streng dialektische und acht 
imiotelische Haltung der von S. 217, b, 32 — 218, a, 30 sich erstrecken- 
den Erörterung. 

1) So ausser der vor. Anm. besprochenen Stelle der Physik bei Eudemts, 
derEth. II, 1. 1218, b, 33 die EintheUung der Güter in äussere und geistige 
mit der Bemerkung einfahrt: xaS^aneg ^tatgovfie&a xal iv toT^ i^toTegixoTs 
io)^. In der Parallelstelle £th.N. I, 8.|1098,b, 10 sagt Aristoteles: erwoUeüber 
die Glückseligkeit reden xal ix r<uy l^yo^ivtav negl avTrjg, womit nach 
^ folgenden nur die herrschenden Annahmen gemeint sein können. Auf 
^ diese müssen sich daher auch die /|&ir. Xoyoi des Eudemus beziehen. 

2) Diess gilt zunächst von Polit. VII, 1. 1323, a, 21: vofiCaavrag ovv 
Wv; noXla Ifycad^tu xal riov iv roTg iSonsQtxoig Xoyotg ntgl rijs agCarrig 
^ xol vvv j^^or^oy airrolg. Dass hiemit nicht blos mündliche Aeusse- 
niigen in den Unterhaltungen des täglichen Lebens gemeint sind, geht aus 
dem nächstfolgenden klar hervor. Denn wenn Arist. fortfährt: mg dXri&dSg 
yii^ nQog ye fi£av dwCgiaiv ovde)g afjuptaßfirriaiuv u. s. w., wenn er also 
*>gt: Ton dem in den i^rsQixol l6yo& erörterten werde zunächst zwar das 
illgemein anjeriuuint werden, dass zur Glückseligkeit nicht aljein äussere und 
leibliche, sondern vot* allem auch geistige Güter nöthig seien, aber trotzdem 
P^e man sich mit einem viel zu kleinen Mass dieser geistigen Güter zu 
''cgnSgen, so müssen die i^wr. Xoyoi, mit denen die herrschende Denkweise 
Mr einige Schritte weit übereinstimmt, nothwendig etwas anderes sein, als 
<Üe Aensserungen eben dieser Denkweise (vgl. Bernays Dial. d. Arist. 40) ; 
i^Qd aoch die Worte : ngog ye fi(av ^ta/geaiv ov^clg d/^tpiaßrjrrjacuv deuten 
tof bestimmte, in einer Schrift niedergelegte, nicht blos in dem unfassbaren 
''«dion der mündlichen Gesprächführung sich herumtreibende Auseinander- 
"^^gen. Eher könnte man (mit Oncken Staatsl. d. Arist. I, 44. 59) an 
^i^üiidliche Vortrage des Aristoteles selbst denken. Indessen kann man sich 
^^ auf das Präsens Uyofnv (nebst dem ^lOQiCofAC&a Pol. III, 6. 1278, 
b, 32) nicht stützen, da Arist. nicht allein sehr häufig fremde, sondern nicht 
Mlten auch eigene Schriften so anfuhrt; vgl. Pol. VII, 13. 1332, a, 8: (pa/ukv 
'^«ü iv Totg rj&ixotg. Phys. VIII, 1. 251, a, 9: (pa/nhv ^rj u. s. w. (Phys. 



120 Aristoteles. 

Haltung, als die unserer aristotelischen Schriften, gemeint sii 



III, 1). De coelo I, 7. 275, b, 21: Xoyog <f* iv roig nSQl xtvi^aftog ( 
iar^v), Metaph. V, 30 Schi.: Xoyog J^ jovtov iv ir^QOig. Eth. VI, S. li; 
b, 26: (SaneQ xal iv roTg ttvaXvrixorg Ifyoftfv. Ebd. 32: oaa ulXa tt^ 
^iOQiCofii^a iv Totg avaXvTiXotg, Und andererseits spricht gegen diese I 
klärnng das vvv xQV^'^^^'^ avToTg^ da das folgende dadurch als etwas d 
exoterischen Reden entnommenes bezeichnet wird, eben diess aber za 1 
merken Arist. ungleich mehr Veranlassung hatte, wenn er aus einem fröbei 
Werk etwas entlehnte, als wenn er in einer Schrift wiederholte, wa< 
schon mündlich ausgesprochen hatte. Das letztere musste der Natur d 
Sache nach bei ihm gerade so gut, als bei einem heutigen Ui 
versitätslehrer, sehr oft vorkommen; wenn er in unserem Fall die Entlehnai 
aus den i^reQtxol Xoyoi ausdrücklich motivirt, so weist diess hier, wie I 
coelo II, 13. 295, a, 2. Meteor. III, 2. 372, b, 10, (wo mit dem gleich« 
XQrjGT^ov einige unserer Schriften citirt werden) auf eine in schriftlich 
Abfassung vorliegende Aeusserung hin. Eine aristotelische Schrift ma 
aber allerdings damit gemeint sein, da das, was im folgenden aus den l^ 
Xoyoi herübergenommen wird, durchaus aristotelisch lautet und mit dei 
was Arist. in eigenem Namen vorträgt (ri/neig ök igoüfiiv Z. 3S), Ein Gaiui 
bildet. Wenn sich endlich ähnliches, wie das hier aus den i^utr, Xoyot ^ 
geführte, in einigen Stellen der Ethik (I, 6 ff. X, 6 ff.) findet, auf welc^ 
ich in der 2. Auflage unsere Anführung beziehen zu können glaubte, mu 
ich doch Bern ATS (a. a. O. 71 f. vgl. Oncken a. a. O. 43, 5. VAiiLEN ari« 
Aufs. II, 6) einräumen, dass Arist. der Ethik, welche er in der Politik wiede 
holt als rid-utit anfährt, und mit derselben in die engste Verbindung sct 
(8. u. S. 127, 2 2. Aufl.), nicht mit der Bezeichnung: i^rcQueol Xoyoi « 
wähnt haben würde. Ist daher auch der Beweis dafür, dass das ers 
Kapitel des siebenten Buchs der Politik von dem sonstigen Styl der pnN 
matischen Werke auffallend abweiche und die deutlichen Spuren der £o 
lehnung aus einem Dialog trage (Bermayb 73 ff.), nach Vaulen's eil 
dringenden Gegenbemerkungen (arist. Aufs. II) schwerlich für erbracht : 
halten, so muss ich doch Bernays darin beitreten, dass mit den „exote] 
sehen Reden" an unserer Stelle eine für uns verlorene Schrift des Phil 
sophen gemeint ist, an welche sich Arist. in derselben ziemlich eng ani 
schliessen, und ebendesshalb auf sie, und nicht auf die sinnverwandten A\ 
führungen der Ethik, zu verweisen scheint. — Weniger beweisend ersehe: 
mir in dieser Beziehung, trotz Bernays' Einrede (a. a. O. 38. 51 ff.), Po! 
III, 6. 1278. b, 30 : dXXä firiv x«) r^f ^QX^S röve Xiyofjtivovi T^novg(i 
^ianoTfitt, die oixovo/uixrj und die noXiTixrj nc/^) ^q^iov 6i€Xetv' »tä y 
iv TOtg i^TfQixots Xoyots diOQiCofit&a Titgl aiiiav noXXdxig, Dieae Wo 
könnten, für sich genommen, nicht allein (mit Oncken a. a. O.) i 
mündliche Auseinandersetzungen des Aristoteles, sondern auch (indem « 
diogiCofit&tt communicativ genommen würde) auf solche Annahmen bezo( 
werden, die auch ausser der Schule und der wissenschaftlichen Untersucht 



i 



Exoterische Schriften. 121 

wird theils durch die ausdrückliche Unterscheidung der exote- 



Torkommen ; denn dai»8 sich Arist. hier „nicht für das Vorhandensein** 
(richtiger: die Unterscheidung) „verschiedener Arten der Herrschaft, sondern 
far die genaue Abgrenzung ihres Unterschiedes auf /|a>r. loyoi berufe*' 
(BiRXATS S. 38), kann man aus dem Stogt^ofii^a nicht herauslesen, da 
dieser Ausdruck jede Unterscheidung, nicht blos die genaue Unterscheid 
doDgf die «^abgewogen logische Antithese*' bezeichnet Vergleicht man aber 
6tilieh den ganz analogen Gebrauch des XfyofieVf 6ioQiC6f4€^a u. s. f. in 
den Torhin (S. 119 unt.) angeführten Stellen, so wird man dem ^toQiC6fi€^a 
nch hier die gleiche Bedeutung zu geben geneigt sein, und hat man sich 
am andern Stellen überzeugt, dass Arist. gewisse Schriften Xoyoi i^tortgtxol 
nennt, so wird diese Bedeutung auch für unsere SteUe wahrscheinlich. Und 
es finden sich allerdings unter den verlorenen aristotelischen Schriften einige, 
in denen die hier berührte Unterscheidung besprochen worden sein kann ; 
so namentlich der nolixixog und n, ßaaikiCaq (oben S. 61, 1. 63 u.). 
~ Aehnlich verhält es sich mit Eth. VI, 4, Auf.: %TiQov 6^ iorl noCriotg 
Mfi nga^is* nttnevofiiv cf^ ttsqI aordSv xal toTs i^tongixotg loyotg. Der 
Znsafflmenhang erlaubt hier unstreitig die Annahme, di^s sie auf £r- 
örternngen in aristotelischen Schriften von anderem Charakter, als die uns 
erhaltenen wissenschaftlichen Werke, wie etwa das Gespräch über die Dichter 
oder der Grjllos, verweisen wollen; aber dass er jede andere Annahme 
verbiete, davon hat mich Bern ays (S. 39. 57 ff.) nicht überzeugt. Wenn 
jesund den fraglichen Worten statt des von Bemays angenommenen engern, 
<len weiteren Sinn geben wollte : „es ist diess schon in meinen anderweitigen 
S^liriften nachgewiesen worden*', so stände dem an sich weder die Be- 
dentang von l^taTigixos noch der Zusammenhang im Wege, da jene den 
^•11S,2 angeführten Beispielen analog wäre, und dieser von der Frage, ob 
^riit hier auf wissenschaftliche oder populäre Schriften verweist, nicht be- 
'öhrt wird. Wollte man andererseits die l^r. loyoi von den Xiyofteva, 
<lan Ton andern gesagten verstehen, so könnte man sich, den Ausdruck 
^^^^ffend, auf Eudemos (vor. Anm.) berufen; |und wenn es Berkays, die 
Stehe anbelangend, unglaublich findet, dass wir uns den AufiBchluss über 
einen aolchen Angelpunkt des peripatedschen Systems, wie das Verhältniss 
^00 Tioiriot^g und nQu^ts, aus der gebildeten Conversation holen sollen, so 
Qiüote er es nicht minder unglaublich finden, dass wir uns Aufschlüsse über 
^ Schwerpunkt der ganzen Ethik, den Begriff' der Eudämonie, ebendaher 
^^ sollen. Und doch steht I, 8, Anf. unbestreitbar: axtnriov 6i] negl 
*^^^i . . . xai ix rdiv liyofi^viov ntqi avTrjg, Aber so wenig damit gesagt 
^ man soUe die wissenschaftlichen Bestimmungen über die 
vloebeligkeit „aus der gebildeten Conversation holen'*, ebensowenig wäre 
dien Eth. VI, 4 Anf. von denen über die noiriaig und TiQÜ^ig gesa|;t, wenn 
BSQ die i^nn, Xoyoi in dieser Stelle von den XtyofAiva verstände; sondern 
tt wäre nur dafür, dass überhaupt zwischen 7io(r]ats und ngähi zu 
Utericheiden sei, auf die allgemeine Ueberzeugung verwiesen, wie diess acht 



122 Aristoteles. 

rischen und der wissenschaftlichen Erörterungen^), theils auch 



aristotelische Art ist: r^i yitQ dXri&eT navra avva^n xa vnaQxovxa (Eth. I, 
8). — Viel bestimmter tritt Eth. I, 13. 1102, a, 26 die Absicht, auf aristo- 
telische Schriften zu verweisen, in den Worten hervor: Hytrai Sk mgl 
avTrjs (sc. Ttjg i//t//^f) xal iv Totg IS(ot€qixoIs loyoig aQxovvrtog €Via xal 
/(wyor/oy ccvroTg. olov t6 ^kv aXoyov avTrjg fJvat, t6 Sk Xoyov ?/ov. Denn 
wenn es auch an sich gar nicht so undenkbar ist, wie Bernays S. 36 glaubt, 
dass die Unterscheidung des Vernünftigen und des Vemunftlosen in der 
Seele aus der platonischen Schule in weitere Kreise gedrungen sein kann 
(kommt ihr doch schon viel früher Epicharmus mit seinem vovs 6q^ u. s. f. 
nahe genug), und wenn insofern der Deutung der i$(OT, loyoi auf Annahmen, 
die ausser der Schule verbreitet waren, schwerlich eine sachliche Unmöglich- 
keit entgegenstände, so sind doch die Worte, mit welchen jene Unter- 
scheidung hier eingeführt wird, den oben besprochenen aus Polit« VII, l 
zu ähnlich, und namentlich das Xfytrai agxovvTtJi evt^a xal vvv j^Qfiarior 
(tvTotg weist hier wie dort zu bestimmt auf schriftliclie Erörterungen, als 
dass wir die Anführung auf blosse Uyo/ueva beziehen könnten. Geht sie 
aber auf ein aristotelisches Werk, so wird diess eines der verlorenen, atn 
wahrscheinlichsten der Eudemus sein; denn auf n. tpi'XVi ^Q> 9* 432, *i 
22 ff. passt das Citat nicht recht, und diese Schrift wäre auch schwerlich 
mit dieser Bezeichnung, sondern, wie sonst immer, mit Iv roTg mgl y/vX^^ 
angeführt worden. — Ebensowenig werden wir Metaph. XIII, 1. 1076, a, 2* 
(über die Ideen als solche wolle er nur anXtog xal oaov vofiov /a^^' 
reden; xid^QvXkriTai yag ra noXXa xal vno rtav i^T€QixdSv Xoyatv) bei d^' 
i^(aT. X6yo& an mündliche Erörterungen dritter Personen, sondern nur ^^ 
die eigenen Ausführungen des Arist. denken können, da nur solche ihn eitx^ 
eingehenderen Kritik der Ideenlehre überheben konnten ; und dass wir die^' 
weder in den Lehrvorträgen noch in den streng wissenschaftlichen Schrift^' 
des Philosophen zu suchen haben, macht ausser der Bezeichnung iSatr. X6y^ 
namentlich das xal (^xal vno t. /|. X,) wahrscheinlich, durch welches d'^ 
i^uix. Xoyoi von andern, nicht exoterischen, unterschieden werden. Ko^?^ 
bestimmter erhellt es aber aus Eudemus, wenn dieser in augenscheialich^^ 
Erinnerung an unsere Stelle Eth. I, 8. 1217, b, 22 gleichfalls von de< 
Ideen sagt: in^axenrat 6k noXXoTg mgl avrov rgonotg xal iv roig i^utnaS'' 
xoTg Xoyoig xal iv rotg xaxa (ptXoaoipiav. Vgl. folg. Anm. 

1) Diese ist, wie bemerkt, schon darin angedeutet, dass in den vo^' 
Anm. angeführten Stellen, namentlich denen aus Polit. VII, 1. Eth. I, 13 < 
Metaph. XIII, 1, ausdrücklich bemerkt ist, es sei etwas auch in den exoteri' 
sehen Reden zur Genüge erörtert; sofern nämlich hiebei vorausgesetzt wird f 
dass man solche Erörterungen in ihnen weniger erwarten sollte. Bestimmte^ 
sagt es aber Eudemus, wenn er (vor. Anm. Schi.) den iiamgueol Xlyoi di^ 
Xoyoi xaxa (fiXoaotpCav gegenüberstellt Da die letzteren wissenschaftliche 
Untersuchungen sind, können die ersteren nur populäre Besprechungen, und 
wenn mit ihnen (wie wir gesehen haben) Schriften gemeint sind, nur populäre 



Exoterische Schriften. 123 

schon durch die Bezeichnung der ersteren wahrscheinUch '). 
Dass freüich mit den exoterischen Keden nur die aristoteHschen 
Gespräche gemeint seien, ist weder in diesem Ausdruck an- 
gedeutet, noch in einer sachUchen Nothwendigkeit begründet, da 
es ausser ihnen auch noch andere auf das Verständniss weiterer 



Schriften sein. Nan konnte es freilich scheinen, gerade die Kritik der Ideen- 
lehre auf die sich £th. £ud. I, 8 und Metaph. XIII, 1 a. d. a. 0. beziehen, 
hätte sich für populäre Schriften am wenigsten geeignet; indessen haben 
wir schon S. 82, 2. 60, m. gesehen, dass er dieser Lehre in dem Gespräch 
ober die Philosophie mit aller Entschiedenheit entgegengetreten war. 

1) 'E^T€Q&x6g bedeutet bei Arist. 1 ) das, was sich aussen befindet, 
das Äeussere, und 2) das, was nach aussen geht, sich auf Aeusseres be- 
zieht Die erste Bedeutung hat das Wort z. B. wenn eine auswärtige Pro- 
lin» eine i^jeQtxri aqxn (Polit II, 10. 1272, b, 19), oder wenn Hand und 
Fnss i^iQixtt fii^ (gen. an. V, 6. 786, a, 26) genannt werden ; ebendahin 
gehören die i^oiTSQuea dya&it Pol. VII, 1.. 1323, a, 25. In der zweiten 
Bedeatnng wird der Ausdruck in der Verbindung; i^tortgueal nga^eig (Pol. 
^n, 3. 1325, b, 22. 29) gebraucht. Gibt man ihm nun in unserem Fall die 
erste Bedeutung, so können unter exoterischen Reden an den Stellen, wo 
<Wt aristotelische Schriften einer bestimmten Gattung oder die in ihnen 
enthaltenen Untersuchungen gemeint sind, nicht solche Keden verstanden 
werden, die ausserhalb ^der Erörterung liegen, in der auf sie verwiesen wird, 
itnderweitige Reden*' (wie die f^tiQixojriQa ax^ij/ig und die i^o}&iv loyoi 
S- 118, 2. 119, 1); auch nicht (wie Bern ays will Dial. d. Ar. 92 £) solche, die 
in den Kern der Sache nicht eindringen, ihr äusserlich bleiben (wie S. 118, 3), 
denn diess wäre theils überhaupt eine seltsame Bezeichnung für ,, populäre 
Abhandlungen' ', theils würde es namentlich für d,ie Fälle nicht pasßen, in 
denen Arist. das in den i^an €Qixol Xoyoi gesagte als sachgemäss und ge- 
nügend in späteren Werken wieder aufnimmt, wie in den S. 119, 2 ange- 
^^luten Stellen der Politik, der Ethik und der Metaphysik. Sondern exoterisch 
^ dieser Bedeutung des Wortes müssten jene Schriften desshalb genannt 
"^ weil sie auch ausserhalb der aristotelischen Schule verbreitet und ge- 
braucht waren. Auf das gleiche kommt man aber auch, wenn man (was 
icb vorziehe) von der zweiten Bedeutung des l^(üT€Qix6g ausgehend, unter 
^^ ilw. Xoyot Schriften versteht, welche für die Draussenstehenden, für 
^ grossere Publikum, bestimmt waren, also im wesentlichen dasselbe, 
^ nnter den Xoyoi ix6i6ofji(voir oder Iv xoivdu yiyv6/4ivoi. Dass solche 
bchriften einen populäreren Charakter trugen, war mit dieser Bestimmung 
K^ben, aber es liegt nicht unmittelbar in dem i^areQtxog als solchem. Auch 
*enn Eademus die loyoi i^tfr. denen xarä (fiXoao(piav entgegensetzt 
C^or. Anm.), könnte man die letzteren zunächst von solchen verstehen, welche 
^em witsenschaftlichen Unterricht dienen sollten; indessen steht auch der 
^'^länmg: „sowohl in den für das grössere Publikum bestimmten als in 
<len wissenschaftlichen DarsteUungen^' nichts im Wege. 



124 Aristoteles, 

Kreise berechnete Werke gegeben haben kann und wirklich ge- 
geben zu haben scheint*); und wenn Spätere glauben, der Phi- 
losoph habe seine streng wissenschaMchen Schriften überhaupt 
nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt, oder er habe flir sie ab- 
sichdich eine dunkle und den Laien unzugängUche DarsteUungs- 
form gewählt, so widerspricht die erste von diesen Annahmen 
der gleichzeitigen Angabe über die Vorwürfe, die dem Philo- 
sophen wegen der Herausgabe solcher Schriften gemacht worden 
sein sollen^), die andere der thatsächUchen Beschaffenheit der 
aristotelischen Werke; denn so weit diese nicht fiir blosse Auf- 
zeichnungen zu eigenem Gebrauche zu halten sind , geben sie 
sich vielmehr alle Mühe, durch eine fest ausgeprägte wissen- 
schaftliche Terminologie, durch scharfe Begriffsbestimmimgen, 
durch Erläuterungen und Beispiele, durch methodischen Fort- 
schritt der Gedanken, durch Abwehr von Unklarheiten, Zwei- 
deutigkeiten und Missverständnissen dem Leser zu Hülfe zu 
kommen; wenn daher doch manches einzelne darin dem Aus- 
leger Mühe macht, wird der Grund davon in allem anderen eher, 
als in der Absicht des Schriftstellers zu suchen sein. Davon 
nicht zu reden, dass beide Annahmen dem Philosophen eine 
ganz kindische und aller vernünftigen Beweggründe entbehrende 
Geheimnisskrämerei zutrauen. Das scheint aber allerdings richtig 
zu sein, dass Aristoteles blos einen Theil seiner SchriflÄU selbst 
herausgegeben, d. h. flir ihre Verbreitung in einem grösseren 
Leserkreis ausdrückliche Fürsorge getroffen hatte, andere da- 
gegen, an seinen mündUchen Unterricht sich anschliessend, zu- 
nächst nur Lehrschriften zum Gebrauch seiner Schüler sein 
wollten^); dass er nur bei den ersteren auf die Fülle des Aus- 
drucks, die künstlerische Vollendung und die Gemeinverständ- 
lichkeit ausgieng, die an den exoterischen Werken gerühmt wer- 
den, während die andern, der wissenschafllichen Forschung als 
solcher gewidmet, sich von jenen durch eine strengere Haltung 
und eine schmucklosere Darstellimg imterschieden ; dass endlich 
die erste Klasse ganz überwiegend und vielleicht ausschliesslich 



1) Vgl. S. 63, 1. 

2) Vgl. S. 24, m. 116, 2. 

3) Ohne dass man doch desshalb anzunehmen braucht, es sei diesen 
ihre Mittheilnng an Dritte unbedingt verwehrt gewesen. 



Esoterische Schriften. 125 

aoB jenen bis auf einzelne Bruchstücke fiir uns verlorenen 
Schriftea bestand, die Aristoteles vor der Eröflftiung der peri- 
patedschen Schule in Athen, grossentheils noch als Genosse des 
piatoniflchen Kreises verfasst hatte ^). So gross aber auch unter 

1) In diesem Sinn habe ich mich schon in der 2. Auflage dieses Landes S. 9b 
über den der Unterscheidung exoterischer und esoterischer Schrifteu wahr- 
tchdnlich zu Grunde liegenden Sachverhalt ausgesprochen. Dagegen glaubte 
ich damals in den aristotelischen Stellen, welche der i$(OT€Qixol loyot erwähnen, 
dieien Ausdruck durchweg von solchen Erörterungen verstehen zu können^ 
welche nicht in den Bereich der eben vorliegenden Untersuchung gehören. 
(Ebenso Scbwegler Gesch. d. griech. Phil. 194.) Hievon bin ich jetzt zurück- 
gekommen, und finde es wahrscheinlicher, dass die allgemeine Bedeutung 
«les i^mfQixoSj wonach es etwas äusseres oder auf das Aeussere bezügliches 
bezeichnet, auch in der Verbindung: i^jegtxol Xoyot sich je nach dem 
Zosammenhang näher modificirt, und daher dieser Ausdruck nicht blos auf 
solche Erörterungen ^ehen kann, die ausserhalb eines bestimmten Gegen- 
Standes liegen (wie S. 118, 2), oder die nur das Aeusserliche desselben 
betreffen (S. 118, 3), sondern auch auf solche, die ausserhalb eines be- 
stimmten Kreises angestellt werden (S. 119, 1) oder für Aussenstehende 
bestimmt sind (S. 119, 2). Je nachdem nun von der einen oder der andern 
aristotelischen Stelle ausgegangen, und die von ihr an die Hand gegebene 
IMentong des Ausdrucks auch auf alle andern Fälle ausgedehnt wird, er- 
gibt sich diese oder jene Auffassung der i^toT. loyot, und es begreift sich 
so nm so mehr, dass sich auch heute noch die verschiedenartigsten An- 
sichten darüber gegenüberstehen. Am weitesten entfernt sich unter diesen 
von der seit Andronikus herrschenden Erklärung, welche unter denselben 
eine bestimmte Gattung aristotelischer Schriften versteht, die Annahme von 
Madvio (Exc. VII zu Cic. De Fin.), Pbantl (Arist. Physik S. 501, 32), 
Spesgel (Arist. Studien. Abh. d. bayr. Akad. X, 181 f.), Forchhammer 
(Arist. und die exoter. Reden, vgl. besonders S. 15. 64), Scsemihl (Philol. 
^' V, 674 f.), dass mit den f^tar, loyoi nur die Unterhaltungen nicht- 
pbüosophischer Kreise bezeichnet werden sollen. Etwas näher kommen ihr 
ÄAVAigso» (M^taph. d'Arist. I, 209 ff.) und Thürot (Etudes sur Aristote 
209 ff.), wenn sie dieselben auf die dialektischen Erörterungen (im Unter- 
whied von den streng wissenschaftlichen), die Beweisführungen ngog 66^av 
<l«nten, welche theils in aristotelischen Schriften theils in den mündlichen 
Ditpatationen der Schule vorgekommen seien; mögen sie nun desshalb 
^oteriscbe heissen, weil man es darin immer mit einem Andern zu thun 
^^ (vgl. den l|tti und tato loyog Anal. I, 10. 76, b, 24), oder weil sie 
^^ Gegenstand äusserlicher bleiben. Ihnen schliesst sich Grote (Aristotle 
^ ff.) an, nur dass er dabei neben den aristotelischen Gesprächen und 
^«Inen Abschnitten der akroamatischen Werke auch an Unterhaltungen 
Ausserhalb der Schule gedacht wissen will. Ebenso (doch mit Weglassung 
^^ tosserphiloacphischen Unterhaltungen) Ueberweo Gesch. d. Phil. I, 143 



126 Aristoteles. 

dieser Voraussetzung immerhin der formale Unterschied zwisdien 
den exoterischen und den akroatischen Schriften erscheint , und 
so vielfach die ersteren, oder wenigstens manche von ihnen^ auch 
ihrem Inhalt nach hinter dem Standpunkt zurückgeblieben sein 
können, auf welchem wir den Philosophen in seinen reiferen 
Jahren treffen, so wenig ist doch daran zu denken, dass er in 
den eSien oder den andern seine Ansichten zu verbergen oder 
dem Verständniss der Leser zu entziehen versucht hätte. 

Es ist aber nicht blos die Unterscheidung der ^herausgegebe- 
nen" oder „exoterischen" Schriften von den übrigen, welche auf 



5. Aafl. Nur an mündliche, neben den wissenschaftlichen Vorträgen, in 
denea der i^cjT. loyoi erwähnt wird, herlaufende, aber der Gattung nach 
von ihnen verschiedene Erörterungen denkt Oncren (Staatsl. d. Arist. I, 

43 f.). Dagegen hält sich Ritter (Gesch. d. Phil. IIJ, 21 ff.) strenger an 
die Angaben der Alten über ^ die zwei Klassen der aristotelischen Schäler 
und Schriften, wenn er annimmt (S. 29), die sämmtlichen streng wissen- 
schaftlichen Werke seien von Arist. nur zum Behuf seiner Vortrage aus- 
gearbeitet und erst später von ihm oder seinen Schülern, und viefleicht auch 
zuerst nur für seine Schüler ^herausgegeben worden; wogegen die übrigen 
(für uns verlorenen) Schriften, die für alle Bildungsbedürftige berechnet 
waren, ebenso, wie die entsprechenden Vorträge, exoterische genannt werden 
konnten. Auf dem gleichen Standpunkt befindet sich in der Hauptsache 
Bernays (Dial. d. Arist.), der bei den exoterischen Reden zunächst an die 
Gespräche denkt, Ubitz (Verl. Sehr. d. Ar. 122 ff.), der in der Sache mit 
ihm einverstanden nur dem Ausdruck (mit Beziehung auf Phys. IV, 10, 
Anf.) die weitere Bedeutung geben will, einen der eigentlichen Wissenschaft 
femer stehenden Standpunkt anzudeuten, und Bonitz (Ind. arist. 104, b, 

44 ff. Ztschr. f. östr. Gymn. 1866, 776 f.). Schwankender äussern sich 
Stahr (Aristotelia II, 239 ff. vgl. besonders 275 f.) und Brakdis (Gr.-rom. 
Phil. II, b, 101 ff.), wenn jener als exoterische Schriften theils solche be- 
zeichnet glaubt, in denen etwas nur gelegentlich besprochen wurde, theils 
und hauptsächlich solche, die nicht wesentlich in den systematischen Za- 
sammenhang der philosophischen Schriften gehörten, wie die Dialogen, theils 
endlich eine bestimmte Weise des Philosophirensj während dieser zwar 
im aUgemeinen die exoterischen Schriften den populären gleichsetzt, aber 
auf genauere Bestimmungen über sie und über den Ausdruck: „exoterische 
Reden** verzichtet. Ganz vereinzelt steht Thomas De Arist. i^tar. loyoH 
(Gött. 1860) mit dem seltsamen Einfall, die exoterischen Reden des Arist in 
der grossen Moral zu suchen. — Eine eingehendere Prüfung dieser ver- 
schiedenen Annahmen erlaubt mir der Raum nicht; die Entscheiduugsgründe, 
von denen sie auszugehen hätte, sind im vorhergehenden enthalten. Die 
ältere Literatur über unsere Frage gibt Stahr a. a. O. 



Wissenschaftliche Lehrschriften. 127 

die Vennuthuiig föhrt, die uns erhaltenen, streng wisßenschaft- 
liehen Werke des Philosophen seien zunächst nur als Lehrbücher 
fer seine Schiller verfasst worden; sondern auch in diesen Wer- 
ken sdbst findet sich manches, das mit der Voraussetzung, sie 
seien noch vor Aristoteles' Tod herausgegeben worden, schwer 
za veimigen ist. 

Dahin gehört zunächst die merkwürdige Erscheinung ^), dass 
nicht so ganz selten eine Schrift, die von einer andern angeführt 
wird, auf eben diese ihrerseits Bezug nimmt, oder dass die gleiche 
Untersuchung von einer fiüheren Schrift als bereits vorUegend be- 
handelt, von einer späteren erst für die Zukimft in Aussicht gestellt 
wird. Die Topik, welche in den beiden Analytiken öfters an- 
gefiihrt ist*), nennt ihrerseits jene an vier Stellen^); und wenn 
diese auch sämmtlich ihren späteren Theilen angehören , können 
sie doch nicht jünger sein als die Analytiken, in denen diese 
Bücher ebenso angeführt werden, wie die fiüheren*). Kann 
fem» auch die Physik bei der Hinweisung auf Erörterungen, 
welche ach jetzt nur in der Metaphysik finden, einen Abschnitt 
im Auge haben, der schon vor der Ab&issung der letzteren eine 
«dbständige Schrift bildete*), so wird dagegen in den Büchern 

1) Welche schon Ritter III, 29 nnd'BiiANDis 11, b, 113 in ähnlicher 
Weile, wie diese hier geschieht, erklärt haben. 

2) Vgl. S. 72, 2. Im abrigen gibt Bonitz Ind. arist. 102 f. die Belege 
20 der folgenden Erörterung, so weit sie nicht ausdrücklich angegeben sind. 

3) VII, 3. 153, a, 24 : Ix rCvtiV 6^ Sit xaraaxevaCeiv (sc. avlloyiafibv 
ofot) 9wQimM fikv iv higoig axQtß^ax^qov (vgl. Anal. post. II, 13). VIII, 
1^ 162, a, 11 : (pavegov <f' ix rdiv uvalvTixtSv (Anal. pr. II, 2). VIII, 18. 
^W, b, 32: To cf* iv agxv • • • ^^^ alTHtUi 6 igtoTioVf xar* dXrid'€iav fikv 
^^ ToT; uvttXvxutoU (Anal. pr. II, 16) efgriraij xarä 66^av Sk vvv Xixr^ov, 
^1 2 (soph. el.). 165, b, 8: nfQl ^kv ovv twv äno^Hxnxwv (se. avlloyia" 
f^wy) If joif dvaXvTixois efgrjTai. 

4) Anal. pr. II, 15. ^4, a, 36 (Jlaji dk di* alXtav iQdnrjfjuxTfov avX- 
^(oua^tti &dTiQov rj (og iv ToTg TonixoTg iX^j^d-rj Xaßetv) geht auf Top. 
^. Anal. pr. II, 17. 65, b, 15 (oneg tlgrirai xttl iv Totg Tontxotg) auf 
<ö« Stelle Top. IX, 4. 167, b, 21, an deren Wortlaut auch das folgende 
tnknüpft. 

5) Phys. I, 8. 191, b, 27 bemerkt Arist. nach einer Erörterung über 
*« Möglichkeit des Werdens: elg ^iv 6ri tgonog ovrog, äXXog J' Srt 
M^X^Ttti Tavrä Xfyeiv xtxra xriv dvvafnv xal ttiv iv(gynav' xovxo S* iv 
ßüoif duuQKnai «f«* dxQ&ße^ag fiäXXov. Diese Verweisung wird allerdings 
ffiit der grössten Wahrscheinlichkeit auf eine Stelle der Metaphysik bezogen 



128 Aristoteles. 

vom Himmel eine zoologische Abhandlung angefahrt *), von dei 
sich nicht bezweifeln lägst , dass sie später, als jene, ver&ss* 
wurde*). Die Meteorologie verweist auf die Abhandlung tibei 
die Sinne*), wiewohl sie gleich in ihrem Eingang (I, 1) sid 
selbst als den Abschluss der Untersuchungen über die unorga 
nische Natur bezeichnet hat, an welche die über Thiere und 
Pflanzen sich erst anschUessen sollen. In der Thiergeschichte 
wird das Pflanzenwerk angeflihrt, während es in anderen, nach- 
weisbar späteren Büchern erst als künftig in Aussicht gesteDl 
ist*); das gleiche Werk, welches die Schrift von der Ent- 
stehung der lebenden Wesen in einem der fillheren Abschnitte 
als schon vorhanden, in einem späteren als noch ungeschrieben 
behandelt ^). Die verlorene Schrift über die Emährong 
wird in der über den Schlaf benützt ®), in den späteren Werken 



werden (denn an eine der verlorenen Schriften zu denken, verbietet die Er- 
wägung, dass Arist. diese sonst nicht, wie die Lehrschriften, mit dem ein- 
fachen iv aXloig anzuführen pflegt; vgl. S. 112 ff.); ftber hier passt sie nicht 
blos auf IX, 6 ff., sondern auch auf V, 7. 1017, a, 35 ff., also die Ab- 
handlung TiiQi Tov noaa/djg vgl. S. 80, 1. Das gleiche gilt von gen. et 
corr. II, 10. 336, b, 29, vgl. Metaph. V, 7. 

1) De coelo II, 2. 284, b, 13: wenn die Welt eine rechte und linke 
Seite hätte, müsste sie auch ein Oben und Unten, Vorne und Hinten haben; 
^ifü^iarai ^kv ovv mql Tovrtov iv lolg n€Ql rag riav C^oiv xivifii*^ 
(ingr. an. 2. 704, b, 18 ff. ebd. c. 4 f.) (f»a x6 rrig (fvaecjg olxiTa rrj; 
fxffvütv elvttt, 

2) Wie diess ausser Meteorol. I, 1 Schi, schon daraus hervorgeht, dass 
die Thiergeschichte und n, (^.t^tov fiOQfmv darin angeführt werden ; Ind. arist> 
100, a, 55 f. 

3) III, 2 Schi.: ioTto ^k negl tovxmv rifiiv Ttd-ftüQti^^voy iv roig ntQ^ 
rag ala&i^aHg 6iixvv^(votg ' (De sensu 3) (fio to, /nkv KyutfAiVy roig 6 
tog vndgj^ovat ;(Qrja(6fĀ&a auTtov. Um so weniger haben wir Gnind 
Meteor. II, 3. 359, b, 21 dem elgfirai h äXXo&g eine andere Beziehung in 
geben, als auf De sensu 4. 

4) H. an. V, 1. 5'<9, a, 20: ttantQ il^rftat iv t^ d-ftogfif rj niqi 
ifVTtHv, Dagegen wird diese Schrift, wie S. 98, 1 gezeigt ist, in Werken, 
welche ihrerseits die Thiergeschichte Öfters anführen. De vita et m., part 
an., gen. an., erst versprochen. 

5) I, 23. 731, a, 29: dXXa nfQl fxhv (fVTÖiv iv ir^Qoig in^axinrai. 
Dagegen V, 3. 783, b, 23: &XXcc nc^l fjilv rovrtov (das Abfallen der Blätter 
im Winter) iv äXXoig to atnov Xtxr^ov (vgl. I, 1. 716, a, 1: niQl fjikv ovr 
<f>vTtoVi «i/T« xa&* «ür« /w^i? iniaxtmiov und S. 98, 1). 

6) C. 3, 456, b, 5: ^XqriTai 6k n^qi rovxtav iv roig 7if gl TQOtp^g. 



Wissenschaftliche Lehrschriften. 129 

aber die TheQe und die Entstehung der lebenden Wesen erst 
vereprochai ^). Dieselben Werke stehen mit einigen andern von 
den kidneren physiologischen Schriften *) in einem solchen Ver- 
isitim g^enseitiger AnAihrung, dass sich nicht entscheiden 
lässt, welche die firüheren und welche die späteren sind. Die 
Schrift von den Theilen der lebenden Wesen wird in der tiber 
ihren Gtsng einmal, diese in jener dreimal citirt '). Wie sollen 
wir nun diese Erscheinung ansehen? Sollen wir in allen diesen 
Men die AniUhrungsformeln der früheren Schriften so um- 
ändern, dass die späteren darin erst fllr die Zukunft angekün- 
digt, nicht als schon vorhanden angefUhrt würden? Allein diess 
wird thrik durch die Anzahl der Fälle, welche immerhin erheb- 
Hch genug ist^ theils durch den Umstiand verboten, dass in meh- 
w«n derselben die Berücksichtigung der späteren Schrift in d^n 
Teit der früheren zu tief eingreift, um sich auf diesem Wege 
beseitigen ^u lassen^). Die gleichen Gründe stehen der An- 
nahme im Weg, dass alle jene auffallenden Citate erst nach 
Aristoteles' Tod in den Text seiner SchriflÄn gekommen 



1) Vgl. S. 96, m und über das Zeitverhältniss der Schriften n. vnvov, 
'• C^tfv fAOQ(o>v, n, Cfp^v yiv^oitig Ind. arist. 103, a, 16 ff. 55 ff. 

2) n. Coiijs xal t^avarov nebst der dazu gehörigen n» dvanvo'^Sj vgl. 
8- 95 nnt f. 

3) Ingr. an. 5. 706, a, 33 : manche Thiere haben die vorderen und hhi- 
^rcn Thcile bei einander, oiov ra t€ fxaXaxta xal t« aTQo/aßojSrj Toh' 
^^oSfQfjKov^ elQrjTai ök negl Tovrojv ngoregov iv Mgoig (part. an. IV, 
*• 684, b, 10 ff. 34, wo dasselbe über die fialaxid re xal aigo/LißtoSr] tdSv 
'^^oSigfiiov steht). Dagegen part. an. IV, 11. 690, b, 14: 17 J* atrla 
^i üTfod^as avToiv (der Schlangen) itQrjrai iv roTg negl rijs nogiCug rdiv 
W (c 8. 708, a, 9 ff.) dnugiajuivoig. Ebd. 692, a, 16: mgl 6^ rrig t(3v 
^^fiJivluv xa/iipecDg iv rolg negi nogUug (c. 7. 707, b, 7 ff.) ngongov 
*^kxmTa& xoiv^ negl navriov. Mit Beziehung auf dieselben Stellen IV, 
i3. 696, a, 11 : t6 J' afriov iv rotg negl nogeCag xal xtvi^oeajg raiv C<^j(ur 

4) So Top. VII, 3. 153, a, 24, wo zur Entfernung des Citats zwei Zeilen 
^^worfen werden müssten, und Meteorol. III, 2 Schi. (s. o. 128, 3), wo 
^^vna0[ovai^ XQV^to/ue&a deutlich zeigt, dass es sich nicht um eine erst 
^ erwartende Darstellung handelt. Noch gewaltsamer, als die hier be- 
strittenen Textesänderungen, ist die Auskunft (Rose Ar. libr. ord. 118 f.), 
^i^tUgenfalls itgriTat die Bedeutung von ^rjOi^aeTai zu geben, und in Aus- 
"rtckcn, wie: iig ixitvov rov xaigov dnoxiCad^tOf die Beziehung auf die 
Zukunft zu läugnen. 

ZtlUr. PhUo». d. Gr. IL Bd. 2. Abth. 3. AufL 9 



\ 



130 Aristoteles. 



seien *). Viel einfacher erklärt sich die Sache, wenn dieser sdbst 
die Werke, in denen später abgefasste als schon vorhanden an- 
geführt werden, nach ihrer Abfassung nicht sofort herausgegeben, 
sondern zunächst nur im Zusammenhang mit seinem persönlichen 
Unterricht seinen Schülern ihre Benützung gestattet hatte. In 
solche Handschriften konnten im Verfolge mit andern Zusätzen 
auch Hinweisungen auf später geschriebene Werke eingetragen 
werden; und wenn ihr Verfasser selbst nicht mehr dazu kam, 
einem Werke zum Zweck der Veröffentlichung die letzte Feile 
zu geben, konnte es auch geschehen, dass die bei seiner ersten 
Abfassung der Sachlage entsprechende Hinweisung auf eine 
zu erwartende Arbeit auch nach ihrer Ausfiihrung 
dieser Form stehen blieb, während vielleicht an einer anderei 
Stelle desselben Werks oder in einer vor ifim verfasstei 
Schrift ein Zusatz Auftiahme geftmden hatte, welcher auf di( 
gleiche Arbeit als eine bereits vorhandene hinwies^ In der- 
selben Weise lässt es sich erklären, dass die Politik, welche 
ftir ein von Aristoteles nicht vollendetes und erst nach seiniiiiMi "" 
Tod, in ihrer unvollendeten Gestalt, herausgegebenes Werk zi 
halten allen Grund haben*), zugleich mit der in ihr erst ver- 
sprochenen 3) Poötik, in der Rhetorik angeftlhrt wird*): Aristo 

tdes hatte einen Theil der Politik früher niedergeschrieben 
die Rhetorik und Poötik, und konnte desshalb die Poötik in 
Politik als zukünftig, die Stelle der Politik in der Rhetorik 
schon vorhanden anführen; hätte er dagegen die Rhetorik selbst 




1) Ausser den vor. Anm, angeführten Stellen erscheint diese Auskunft^' 
namentlich De coelo II, 2 (s. o. 128, 1) bedenklich, da hier dem «fwü^arr«- 
jLihv ovv (Z. 13) das li Jk da xal t(^ ovqavt^ u. «. f. (Z. 18) entspricht^ 
so dass die ganze Stelle von 6uoQtaxat — ivloyov U7ra^/<ty iv aix^ 
(Z. 20), die allerdings entbehrt werden könnte, ein nacharistotelisches Ein- 
schiebsel sein müsste. 

2) Vgl. S. 520 ff. 2. Aufl. 

3) VIII, 7. 1341, b, 39: über die Katharsis vvv fikv änXdis, naliv d* Ir 
roTg nSQl Ttoirjrucrjs iQoufi^v aaipiojiQov^ was sich, wie ich mit Bbemays^ 
(Abh. d. bist. phil. Ges. in Breslau S. 139) annehme, auf einen verlorenen- 
Abschnitt unserer Poetik, nicht auf einen solchen der Politik (Heitz Verl— 
Sehr. 100 f.) beziehen wird. 

4) Die Politik I, 8. 1366, a, 21 (öirix^ißtorai yag Iv roig nolittxot^' 
7Te(jl TovTüjv\ die Poetik öfters, s. o. 107, 1. 



Wissenschaftliche Lehrschriften. 131 

noch herausgegeben, so hätte er sich in ihr auf die noch nicht 
veröffimtKchte Politik nicht in dieser Art berufen können*). 

Dass die aristotelischen Lehrschriften zunächst für die 
Schäler des Philosophen bestimmt waren, scheint sich auch aus 
den Schlussworten der Topik ^) zu ergeben. Wenn der Ver- 
tmer hier seine Leser anredet, um flir die Theorie, die er ihnen 
auseinandergesetzt hat, theils ihre Nachsicht theils ihren Dank 
in Anspruch zu nehmen ^), und sich dabei speciell an diejenigen 
von ihnen wendet, welche seine Vorträge angehört haben, so 
folgt daraus allerdings nicht, dass unsere Topik ein blosses Vor- 
iesongsheft des Philosophen oder eine Nachschrift eines Zuhörers 
ist; diesen beiden Annahmen steht vielmehr neben den Worten 
unserer Stelle^) der Umstand entgegen, dass Aristoteles selbst 
in späteren Schriften nicht selten auf die TopJk verweist *) , wie 
diess weder in Beziehung auf eine andern nicht mitgetheilte, noch 
in Beziehung auf eine von einem andern herausgegebene Vor- 
lesung möglich war. Andererseits passt aber eine solche An- 
rede auch nicht in ein Werk, das durch fbrmliche Herausgabe 
einem Leserkreis von behebiger Ausdehnung vorgelegt wird; 
wogegen sie sich vollkommen erklärt, wenn die Topik zunächst 

1) Schwieriger ist es, aus dieser Voraussetzung die eigenthümliche Er- 
Kheinung zu erklären, dass Bhet. III, 1. 1404, b, 22 von dem Schauspieler 
^"I^onis gesprochen wird, als ob er noch lebte und aufträte, während ihn 
^oHu VIII, 17. 1336, b, 27 wie einen der Vergangenheit angehörigen be- 
reit. Hier fragt es sich aber, ob wir im 3. Buch der Rhetorik das 
^eae Werk des Aristoteles vor uns haben oder die Arbeit eines Späteren, 
<ltr an unserer got' aristotelisch lautenden Stelle eine ältere Ausführung des 
^t. (möglicherweise die Geod^xreia) benützt haben könnte. Vgl. S. 78, 1. 

2) Soph. el. 33 Schi.: Für seine Theorie der Beweisführung habe Arist. 
pt kernen Vorgänger gehabt; et 6k (paivirai &taaafjLivotg vfiiv . . . Mx^iv 
\ fUMog IxavtSg nugä rag allag rt^yfiuteiag rag ix nagadotretog y^vIi}- 
h^^, loinov av iltj ndrrtav ifitÜv tj xöiv riXQoafjiivfav igyov rotg fxkv 
^^hUififi^votg TTJg fii^o^ov avyyvta/4T}v rotg ^ iVQtj^uivotg nollr^v 

3) Einige Handschriften lesen zwar statt vfitv und vfAuiv ^^rifjuv^^ und 
n^/uirr'*; aber Arist. konnte doch unmöglich sich selbst unter diejenigen, 
^^^^ er dankt und bei denen er sich entschuldigt, mit einschliessen. 

4) Welche ja unter den Lesern die r\xQoafjtivoi von den übrigen unter- 
Kheidet; nur wenn man das ^ vor r^v r\xQOttfjtiv(ov striche, «rhielte man 
äne einfache Anrede an Zuhörer, aber die Handschriften haben es alle. 

5) Ind. arist. 102, a, 40 ff. 

9* 



132 Aristoteles. 

nur den Schülern des Aristotdes zur Erinnerung an den Inhalt 
seiner Vorträge oder zum Ersatz für dieselben dienen sollte '). 
Und dass es sich wirklich mit einem Theil der aristotelischen 
Schriften so verhielt, müssen wir auch aus einigen anderen Bd- 
spielen schliessen. Die üebersicht über die verschiedenen Be- 
deutungen der Wörter, welche jetzt das fiinfte Buch unsere 
Metaphysik bildet, kann in dieser lexikalischen Gestalt, ohne 
Einleitung und Schluss, unmöglich von Aristoteles selbst ver- 
öffentlicht, sondern nur seinen Schülern als Hül&mittel des 
Unterrichts in die Hand gegeben worden sein; und doch wirA- 
wiederholt, und nicht erst in der Metaphysik, auf sie verwiesen ^ — 
Das gleiche scheint bei den oft citirten anatomischen BeschreL — 
bungen ^) der Fall gewesen zu sein, die schon wegen der Zeich — 
nungen, die einen wesentlichen Bestandtheil derselben bildet^i^a 
auf einen engeren Kreis beschränkt bleiben mussten. Warei^H 
aber Schriften, auf die Aristoteles verweist, nur seinen Schül< 
mitgetheilt worden, so muss es sich auch mit denen, worin e 
auf sie verweist, ebenso verhalten haben, da man sich unmöj 
lieh in einer veröffentUchten Schrift auf eine nicht veröfientlichl 
mit der Bemerkung berufen kann, ein in jener berührter Punk- 
sei in dieser genauer erörtert. 

Aus der gleichen Voraussetzung, wie die bisher bespreche 
nen Erscheinungen, erklären sich noch einige weitere Eigen^^ — 
thümlichkeiten der aristotelischen Schrift;en. J^ie vielbesprochc 
nen Nachlässigkeiten ihres Styls, jene Wiederholungen, welch« 

uns in diesen meist so knappen Darstellungen nicht selten übei ' 

raschen, jene Einschiebsel, die einen sonst wohlgefligten Fort — 
schritt der Rede unterbrechen, begreifen sich am leichtesten ^^ 
wenn man annimmt, an die SchriflÄn, worin sie sich finden^ ^^ 
habe ihr Verfasser selbst die letzte Hand nicht mehr angelegt--3 

und es sei bei ihrer Herausgabe ihrem ursprüngUchen Text 

sei es aus andern Aufzeichnungen, sei es aus den Vorträgen:* 
ihres Verfassers — das eine imd andere beigeftlgt worden*)—* 



1) Wie schon Stahr a. a. O. vermatliet. 

2) Vgl. S. 80 unt. f. 127, 5. 

3) Worüber S. 93, 1. 

4) Eine Annahme, zu der eine Reihe von Gelehrten, unter verschiedene 
näheren Modifikationen derselben, geführt wurde; so Ritter III, 29 (s. o 



Wissenschaftliche Lehrschriften. 133 

Am nächsten liegt diese Vermuthung, wenn sich in grösseren Ab- 
sdmittai eines Werks Spuren einer doppelten Recension finden, 
ohne dass wir doch ^) eme der beiden Fassungen Aristoteles ab- 
zusprechen Grund haben, wie diess bei den Büchern von der 
Seele der Fall ist ^ ; um von der Politik und Metaphysik nicht 
ZQ reden, die wir auch aus anderen Gründen für imvoUendete 
und erst nach dem Tod ihres Verfassers erschienene Werke 
Balten müssen *). Auch hier müssen wir aber von den Schriften, 
deren Herausgabe erst in die Zeit nach Aristoteles' Tod zu 
Men scheint, auf alle die zurückschUessen, welche durch An- 
fähnmgen der ersteren beweisen, dass sie später, als jene, ver- 
&88t sind. Sollte sich daher die obige Vermuthung auch nur 
für die Schrift von der Seele zu einem höheren Grade der 
Wahrscheinlichkeit erheben lassen, so würden daraus, da die 
letetere in mehreren anderen naturwissenschaftlichen Werken 
angeflihrt ist*), sehr weitgreifende Folgerungen hei^vorgehen. 

Wie weit fireilich diese Ansicht über die Entstehimg der 
aristotelischen Werke auszudehnen und wie sie näher zu modi- 
ficiren ist, lässt sich nur durch Untersuchung der einzelnen 
Schriften ausmachen. Da die oben besprochenen Erscheinungen, 
die Berufung auf herausgegebene oder exoterische Schriften, die 
Anftihnmg späterer Werke in fiüheren, die Wiederholungen und 
Nadiltfssigkeiten , welche die abschliessende Arbeit des Verfassers 
vermiasen lassen, sich durch alle oder &st alle Werke unserer 
SammluDg hindurchzieh^i, da schon die Topik und die Bücher 
▼on dop Seele zu der Vermuthung Anlass geben, sie seien zu- 
nächst nur flir die Schüler des Aristoteles niedergeschrieben wor- 

)j eben diese Bücher aber von den späteren vieU'ach an- 



S- 126, m.), Brakdis II, b, 113. Ueberweg Gesch. d. Phil. I, 174 5. Aufl. 
^otöDBL Arist Poet S. 1 f. Bernavs Arist Politik 212. 

1) Wie im 7. Buch der Physik, über das Spemgel Abh. d. Münchn. 
^H m, 2, 305 ff. Praktl Arist. Phys. 337 z. vgl. 

2) Vgl. S. 93, 2. Anders mag es sich mit den in der Ethik, nament- 
neh fi. 5 — 7^ vorkommenden Wiederholungen und Störungen des Zusammen- 
^ verhalten. Vgl 8. 102, 1. 

3) Vgl. 8. 80, 2 und 8. 520 ff. 2. Aufl. 

4) S. o. 93, 2. Ind. ar. 102, b, 60 ff. 

5) Vgl. 8. 131 ff. 



134 Aristoteles. 

geführt werden ^), so ist es allerdings wahrscheinlich, dass unsere 
ganze aristotelische Sammlung, so weit sie acht ist, nur aas 
solchen Werken besteht, die im Zusammenhang mit dem Unter- 
richt im Lyceum entstanden und zimächjst für die aristotelischen 
Schüler bestimmt, erst nach dem Tod ihres Verfiassers durch 
förmliche Herausgabe allgemein zugänglich gemacht wurden. 
Von der überwiegenden Mehrzahl dieser Werke müssen wir 
nicht allein wegen ihrer inneren BeschaflFenheit, sondern auch 
wegen der ausdrückÜchen Beziehung, in welche sie sich zu dn- 
ander setzen, annehmen, sie seien von Aristoteles selbst in schrift- 
licher Bearbeitung dessen, was er seinen Schülern bereits münd- 
lich vorgetragen hatte, verfasst worden*); wenn auch bei ihrer 
Herausgabe durch Dritte da und dort Zusätze gemacht und 
selbst ganze Abschnitte aus aristotelischen Vorlesungen oder 
Handschriften in ihren Text angenommen worden sein können'). 
Einzelne mögen auch als Hül&mittel des Unterrichts gedieai 
haben, ohne dass sie selbst den Inhalt bestimmter Lehrvorträge 
wiedergaben*); eines unserer metaphysischen Bücher^) scheiiil 
eine Aufzeichnung gewesen zu sein, die aristotelischen Vorträgen 
zu Grunde gelegt wurde, aber in dieser Gestalt nicht zur Mit- 
theilung an andere bestimmt war. Dass es sich aber vat 
einem grösseren Theil unserer Sanmilung ebenso verhielt, ISussi 
sich nicht annehmen. Denn diess verbieten theils die zahl- 
reichen, durch imsere ganze Sammlung sich hindurchziehenden 
Verweisungen der Schriften auf einander, welche ihrer Zahl wie 
ihrer Form nach weit über das hinausgehen, was Aristoteles fit^ 
den ang^ebenen Zweck sich selbst anzumerken veranlasst sffli^ 
konnte^; theils erscheinen die aristotelischen Werke, baä 



1) lieber die Bedeutung dieses Urostandes vgl. m. S. 132, m. 

2) M. vgl. was aus Anlass der Topik S. 131 f. bemerkt ist. 

3) Wie diess nach dem S. 80, 2. 133 bemerkten bei der Metaphysil^ 
und der Schrift von der Seele der Fall gewesen zu sein scheint. 

4) Wie die Schrift negl rov noaa/fSg (vgl. S. 80, 2. 132), weniger 
möchte ich es von den ^AvaxofAai vermuthen. 

5) Das zwölfte vgl. S. 82. 

6) B. Xn der Metaphysik hat in seiner ersten Hälfte, so manche Ver- 
anlassung dazu gewesen wäre, gar keine, in der zweiten, bereits viel voll- 
ständiger ausgeführten, (da das SiSettnai c. 7. 1073, a, 5 auf c. 6. 1071, b, 
20 geht) eine einzige Verweisung (c. 8. 1073, a, 32: ö^Stixrai J' iv rotg 



Wissenschaftliche Lehrschriften. 135 

Gedrungenheit ihrer Darstellung und trotz aller der oben 
(S. 132) besprochenen Mängel, doch schriftstellerisch immer 
noch viel zu ausgearbeitet, als dass wir in ihnen nur Aui&eich- 
nimgen zu eigenem Gebrauch sehen könnten; und schon die 
ungemein häufigen Einleitungs-, Uebergangs- und Schlussformeln 
und ähnliche Wendungen beweisen, dass sie von ihrem Verfasser 
nicht blos ftbr sich selbst, sondern auch für andere niedergeschrie- 
ben worden sind ^). Ebensowenig empfiehlt sich mir die Ver- 
muthung *), unsere aristotelischen Schriften bestehen alle oder einem 
erhebKchen Theile nach aus Aufzeichnungen, in welchen Schüler 
des Philosophen den Inhalt seiner Lehrvorträge dargestellt hatten. 
Dass sie mit diesen Vorträgen in einem nahen Zusammenhang 
stehen, hat sich uns allerdings bereits als wahrscheinUch ge- 
igt'). Aber eine andere Frage ist es, ob sie eine blosse Auf- 



ifvöoiois TtiQi rovTfov), Anders verhält es sich in den meisten übrigen 
Werken. Noch entscheidender ist ab.cr die Form der Verweisungen. Wen- 
«Ivigen, wie d&s S. 119unt. besprochene tpafuhy umständliche Formeln, wie: 
?x u riji icFTOQ{ag TTjg negl t« C^a tfavigov xal Tdüv ttVarofidSv xal varegov 
^^^ijWTot iv ToTg TTiQl yev^aeto; (part. an. IV, 10. 689, a, 18) und ähn- 
liche (Beispiele bietet der Ind. ar. 97, b ff.), oder wie die S. 118,3. 119,2 
ugefdhrten, gebraucht niemand sich selbst gegenüber. 

1) Dabin gehört der Schluss der Topik (worüber S. 131); das vvv 
^^Uytofitv (»oph. el. c. 2, Schi. Metaph. VII, 12, Anf. XIII, 10. 1086, b, 
J6i». 0.), &an€g Xfyo/4iv, diüneQ ^ilfyof^tv (Eth. N. VI, 3. 1139, b, 26. 
Mettph. IV, 5. 1010, a,'4. Rhet. I, 1. 1055, a, 28 u. o.), xa^aniq in^l&ofiev 
(Metiph. X, 2, Anf. XIII, 2. 1076, b, 39), xa&aneQ ^mlofie^a (Metaph. 
^1 1, Anf.), a 6iioQ(aafjLiv<, iv olg ^nogtaafdi&a, rä dttoqiafjiiva TjfAiv 
(Metoph. I, 4. 985, a, II. VI, 4, Schi. I, 7. 1028, a, 4), drjlov rnutv (Rhet. I, 
^* 1356, b, 9. 1357, a, 29), re^etogrirai ri/LiTv Ixavois negl ttuTtuv (Metaph. 
\ 3. 9S3, a, 33) ; femer jene Sätze, in welchen früher erörtertes znsammen- 
K^twt, und weiter auszuführendes angekündigt wird (wie Metaph« XIII, 9. 
^^^, a, 18 ff. Rhet. I, 2. 1356, b, 10 ff. soph. el. c. 33. 183, a, 33 ff. 
^«teorol. Anf.). Okcken a. a. O. 58 verzeichnet allein aus der nikomachi- 
■<^eQ Ethik und der Politik 32 Stellen mit derartigen Formeln. Nun wird 
^ doch niemand glauben, dass Aristoteles, wie ein angehender Docent, 
^ noch keines Wortes sicher ist, alle solche Redewendungen in sein Vor- 
l«9Qngiheft einzutragen nöthig gehabt hätte. 

2) OscKEK a. a. O. 48 ff. nach Scalioer. O. bemerkt dabei (62 f.), 
^ er diese Annahme zunächst nur für die Ethik und Politik wahrschein- 
uch gemacht zu haben glaube, aber seine Gründe würden von der Mehrzahl 
""»«w aristotelischen Schriften gelten. 

3) OxcKEK beruft sich dafür neben anderem (S. 59 f.) mit Recht auch auf 



136 Aristoteles. 

Zeichnung derselben oder eine freie Bearbeitung ihres Inhalts 
sein wollten, ob sie es auf eine möglichst getreue Wiedergabe 
der aristotelischen Worte oder auf eine geistige Reproduktion 
der Gedanken abgesehen hatten, ob sie von Schülern des Aristo- 
teles oder von ihm selbst niedei^geschrieben wurden. Die er8te= 



von diesen Annahmen könnte f^ sich anführen, dass sie di( 
Nachlässigkeiten der aristotelischen Darstellung am besten ab- 
kläre ^). Allein dieser Vortheil verliert sich bei näherer Unter- 
suchung. Denn es handelt sich hier nicht blos um solche Man- 



gel, wie sie in einem sonst regelrechten Vortrag bei ung6nauer-!=^^ 

Wiedergabe desselben durch einzelne Auslassungen oder Wiedö-- ^' 

holungen und ungeschickte Herstellung des gestörten Zusamm^ ■^- 

hangs zu entstehen pflegen; sondern um stylistische Eigenthüm -*- 

lichkeiten, deren Auswüchse der Schriftsteller zu beschneiden^cr^n 
versäumt hat, die aber an sich selbst zu charakteristisch un 
constant sind, als dass wir nur den Zufall und die Nachlässig 
keit dritter Personen dafUr vei*antwortÜch machen könnten*) 



< 



die Stellen der Ethik, worin von Zuhörern gesprochen wird: £th. I, 1. 1095, 
a, 2. 11: (T^o rijg noUuxrjs ovx fariv oixttog dxQoaTris 6 viog .... ni^^ 
fikv äxQoccTov . . . neqgoifMtaaf^o} roaavra. Ebd. c. 2. 1095, b, 4: S&6 Sil 
Tols H&iOiV rjj^^at xaXiSs tov niQi . . . ra>v noltrixiov dxovao^tpov, (Eth. 
X, 10. 1079, b, 23. 27. VII, 5. 1147, b, 9 gehören nicht hierher; anch Pol. 
VII, 1. 1323, b, 39: Mgag ydg ianv t^ov axolns Tavra will wohl nur 
besagen: diess gehört zu einer andern Untersuchung.) Weiter macht 0. 
geltend, dass bei der Verweisung einer Stelle auf andere Ausführungen nur 
Wendungen vorkommen, die einem im Sprechen begrififenen anstehen, wie 
etQTjTMf XiXTiov, äXXog loyog u. s. w. ; was aber freilich anch bei der Be- 
rufung auf Schriften (wie die Probleme und die l^fOTiQixol Xoyoi^ oben 
S. 100, 4. 119, 2) geschehen k^nn und heute noch sn geschehen pflegt. Anch 
auf den Titel der noXnix^ dxQoaaig b. Dioo. V, 24 verweist er; ebenso ist 
llir die Physik (pvaixri dxQoaatg allgemein gebrauchlich (s. o. 85, 1); da 
wir aber nicht wissen, von wem diese Titel herrühren, kann nicht zu viel 
daraus geschlossen werden. 

1) Und eben diess ist für Omckbn der Hauptgrund, auf den er sie stutzt. 
^yAvLB den naturgemässen Mängeln einmal des peripatetischen Monologs (sagt 
er S. 62) und sodann eilig nachgeschriebener, später schlecht redigiiter Zn- 
hörerhefte" seien die Mängel unserer Texte am leichtesten zu erklären. 

2) Dahin gehört die (von Bomitz arist Stud. II, 3 AT. eingehend be- 
sprochene) Art der Satzbildung, namentlich die zahlreichen und oft ziemlich 
langen parenthetisch eingeschobenen Erläuterungen und die dadurch ver- 
anlassten Anakoluthe; der häufige Gebrauch oder das Fehlen gewisser Par- 



Wissenschaftliche Lehrschriften. 137 

Das I^ztere wäre nur dann möglich, wenn sie blos in einzelnen 
Sdiriften vorkämen; da de dagegen zwar nicht in allen gleich 
stark hervortreten, aber sich doch thatsächlich durch alle hin- 
dordiziehen, können sie nicht von den yoraussetzlicfaen Heraus- 
gebern der aristotelischen Vorlesungen, sondern nur von Aristo- 
tdes selbst hergeleitet werden. Gerade der Styl und die Form 
unserer aristotelischen Werke bietet daher ein erhebUches An- 
zeichen dafür, dass sie nicht blos ihrem Inhalt sondern auch 
ihrer Abfassung nach von Aristoteles selbst herrühren. Das 
gldche ergibt sich, wie schon früher bemerkt wurde *), aus den 
durdigreifenden Verweisungen der Schriften auf einander; da 
man in einer Vorlesung wohl an die eine oder die andere 
frühere Auseinandersetzung, aber nicht an ganze Reihen von 
Vorträgen erinnern kann, die der Zeit nach weit auseinander- 
liegen müssten, von denen man daher nicht voraussetzen könnte, 
ihr Inhalt sei der Erinnerung der Zuhörer selbst in seinen Einzel- 
heiten noch g^enwärtig *). Für mündliche Vorträge geht femer 



titeln (wofür sich bei Eucken De Arist. dicendi ratione und in Bonitz* 
Anzeige dieser Schrift, Ztschr. f. d. östr. Gymn. 1866, 804 ff. Belege finden); 
^ ovv and atore zur Einföhmng des Nachsatzes (worüber Bonitz arist 
Stadien III, 59 AT. 106 ff.) und ähnliches. Ebenso sind die in allen aristo- 
telischen Schriften so oft vorkommenden Fragen zu benrtheilen, die bald in 
«nfather bald (wie De an. I, 1. 403, b, 7* ff, gen. et corr. II, 11. 337, b, 6 
^ in der von Bohitz arist Stnd. II, 16 f. erläuterten Stelle ebd. 6. 333, 
N 30) in disjunktiver Form gestellt, aber nicht beantwortet werden. Dass 
•olche nnbeantwortete Fragen in einer Schrift nicht h&tten vorkommen 
können (Oncken a. a. O. 61), kann ich nicht einräumen (wie viele finden 
"c^ z. B., um nur Einen zu nennen, bei Lessing!), und daher auch der 
V<rmathang (ebd. 59) nicht beitreten, sie seien im mündlichen Vortrag von 
den Znhörem oder dem Lehrer beantwortet worden ; sie scheinen mir viel- 
mehr bei Aristoteles wie bei Lessing eine für einen scharfen und lebendigen 
^ektiker ganz natärliche Wendung zu sein, die von unselbständigen Zu- 
hörern eher verwischt als erhalten worden sein würde. 

1)8. 134. 131. 

2) Man beachte nur in dieser Beziehung, wie Eine und dieselbe Schrift 
^^ht selten an den entlegensten Orten, und andererseits in derselben Schrift 
^verschiedenartigste angefahrt wird. So wird die Physik De coelo, gen. 
^ <^rr., ideteor, De anima, De sensu, part an., an vielen SteUen der Meta- 
P^Jtik und in der Ethik angeführt, die Bücher vom Entstehen und 
^^rgehen in der Meteorologie, der Metaphysik, De anima. De sensu, 
V*tl an. gen. an.; die Metaphysik ihrerseits citirt die Analytik, die Physik, 



138 Aristoteles. 

der Inhalt mancher Werke, namentlich der natm^wissenschaft- 
lichen, zu tief in Einzelheiten ein, deren Fülle auch den auf- 
merksamsten Zuhörern das Festhalten im Gedächtniss unmög- 
lich machen musste, von denen sich daher schwer einsehen 
lässt, wie sie ihnen bei der Aufzeichnung jener Vorträge so 
vollständig hätten zur Hand sein können ') ; und doch werden auch 
solche Werke, z. B. die Thiergeschichte, in der gleichen Weise, 
wie die übrigen, angeführt. Weiter hören wir, dass Theophrast 
und Eudemus in ihren Analytiken die des Aristoteles im Granzen 
und im Einzelnen berücksichtigten*), und wir selbst können 
noch den Nachweis führen, dass diese aristotelischen Schüler 
sich manche Stellen unserer Metaphysik bis auf den Wort- 
laut hinaus aneigneten ^) , Eudemus die aristotelische Ethik und 
in noch weiterem Umfang die Physik *) grossentheils wörtlich in 
die seinige herübergenommen hatte; ja wir besitzen noch Aus- 
züge aus Briefen, in denen sich Eudemus bei Theophrast nach 
dem Text einer gewissen Stelle erkundigt und dieser seine An- 
frage beantwortet^). Brandis hat gewiss Hecht mit der Be- 
merkung®): die Weise, in welcher diese aristotelischen Schüler 
sich an die Schriften ihres Meisters anschlössen, setze die An- 
nahme voraus, dass sie es in denselben mit seinen eigenen 
Worten zu thun haben. Dass endUch die Topik nur eine Schrift 
des Aristoteles, nicht eine blosse Nachschrifl eines Zuhörers sein 
kann und sich selbst auch so gibt, ist schon S. 131 gezeigt 
worden. 

Waren aber die Lehrschriflen des Aristoteles beim Tod 
ihres Verfassers noch nicht über den E^reis seiner persönlichen 



De coelo, die Ethik, die ixloyti t6iv IvavrCtov; in der Rhetorik wird die 
Topik, die Analytik, die Politik, die Poetik and die ßeod^xtita angeführt. 

1) Denn an förmliche Diktate wird man natürlich nicht denken können; 
woUte man es aber doch thnn, so erklärte man ebendamit unsere aristo- 
telischen Schriften für das eigene Werk des Arist., nicht für Aufzeichnungen 
seiner Schüler. 

2) Vgl. S. 71. 

3) Vgl. S. 83, 1. 

4) Hierüber S. 699 ff. 2. Aufl. 

5) Dieselben betreffen Phys. V, 2. 226, b, 14 und finden sich bei Simpl. 
Phys. 216, a, o. Schol. 404, b, 10. 

6) Gr.-röm. Phil. II, b, 1 14. 



[81] Schicksal s. Schriften. 139 

Schüler hinausgedrungen, so scheint ebendamit die Möglichkeit 
g^ben zu sein, dass sie auch nach diesem Zeitpunkt der 
OeSendichkeit noch längere Zeit vorenthalten bHeben, und durch 
eineD imgltlcklichen Zu&ll selbst der peripatetischen Schule wie- 
der abhanden kommen konnten. Und eben diess wäre nach 
ener bekannten Erzählung für zwei Jahrhunderte wirklich der 
FaD gewesen. Wie Strabo und Plutarch berichten, kamen 
die Werke des Aristoteles und Theophrast nach dem Tode des 
letzteren an seinen Erben, Neleus in Skepsis; | von den Erben 
des Neleus in einem Keller versteckt, wurden sie erst nach dem 
Än&ng des ersten vorchristHchen Jahrhunderts im verdorbensten 
Zustand durch den Tejer Apelliko entdeckt und nach Athen, 
dann von Sulla als Kriegsbeute nach Rom gebracht, wo sie in 
der Folge von Tyrannio, imd durch dessen Vermittlung von 
Andronikus, benützt und herausg^eben wurden^). Von diesem 
Schicksal der aristotelischen Schriften wollen es die Genannten 
kerieiten, dass den alten Peripatetikem nach Theophrast mit den 
Hauptwerken ihres Meisters auch seine ächte Lehre unbekannt 
geliehen sei; worauf aber diese AQnahme sich gründet, ob nur 
«of eigene Vermuthung oder auf bestimmte Zeugnisse, imd welche 
^«88 waren, wird uns nicht gesagt ^). Neueren war dasselbe 

1) Die Zeit, in der diess geschah, mass im allgemeinen in das zweite 

^Tittheil des letzten Jahrhunderts ▼. Chr. fallen. Denn da Tyrannio 71 

^- Chr. in Amisas znm Gefangenen gemacht und Ton Muräna freigelassen 

^^e (vgl. Th, III, a, 550, 1), konnte er schwerlich vor LncuUns* Rück- 

«ehr nm>]i £om (66 v. Chr.) in diese Stadt kommen. Andererseits wird die 

dortige Thätigkeit des Mannes, der bei seiner Gefangennahme schon ein 

Gelehrter von Rnf war, 57 v. Chr. Cicero's Söhne unterrichtete und mit 

ihm und Attikus verkehrte (Cic. ad Qu. Fr. II, 4. ad Att. IV, 4. 8), nicht 

^Ihn weit über die Mitte des Jahrhunderts herabreichen, wenn er auch 

^«•len letztes Drittheil vieUeicht noch erlebt hat. (Er starb nach Suid. 

'*• ö. W. yi)^^;, im 8. Jahr einer Olympiade, deren Zahl leider verschrieben 

*M Ueber Andronikus vgl. m. Th. III, a, 549, 8 und oben S. 51, 8. 

2) Unsere Quellen für die obige Erzählung sind, wie bemerkt, Strabo 
<^n, 1, 54. S. 608) und Plutarch (Sulla 26), denn Süid. ZvUaq schreibt 
^ Phitarch ans. Dieser selbst aber hat seinen Bericht unverkennbar aus 
°tfabo, and auch das einzige, was sich bei dem letzteren nicht findet, die 
Verkling, dass Andronikus durch Tyrannio Abschriften der aristotelischen 
"Wke erhalten, dieselben veröffentlicht und lohq vvv (fiQOjuirovg niraxag 
^^utt habe, kann er aus seiner sonstigen Kenntniss beigefügt, oder auch 
l'^« Stahr Arist. II, 23 annimmt) in Strabo's (unmittelbar nachher für 



140 Aristoteles. [81] 

ein willkommener Erklärungsgrund für die Unvollständigkeit und 
Unordnung unserer jetzigen Sammlung^). Und wenn es sich 
damit wirklich so verhielte, wie Strabo und Plutarch sagen, so 
könnten wir uns über den gegenwärtigen Zustand derselben so 
wenig verwundem, dass wir vielmehr eine viel tiefere und un- 
heilbarere Verderbniss befürchten mtissten, als sie in Wahrheit 
vorzuliegen scheint. Denn wenn gerade für die wichtigsten 
Werke des Philosophen die einzige Quelle unseres jetsdgen 
Textes in jenen Handschriften lag, welche ein Jahrhundert und 
länger im Keller von Skepsis moderten, bis sie ApeUiko, von 
Würmern zerfressen und durch Feuchtigkeit zu Ghrunde ge- 
richtet, ungeordnet und durcheinandeigeworfen an sich nahm; 
wenn Apelliko selbst, wie Strabo sagt, das fehlende schlecht 
ergäuzte, wenn auch Tyrannio und Andronikus keine weiteren 
handschriftlichen Hülfsmjttel zu Gebot standen: wer verbürgt 
uns, dass nicht in unbestimmbar vielen Fällen fremdes, was sich 

einen Vorfall ans Snlla^s Aufenthalt in Athen henütztem) Geschichtswerk 
gefanden haben; eine von Strabo unabhängige Quelle für seinen Bericht 
über Apelliko*s Bücherfund anzunehmen (Heitz Verl. Sehr. 10), haben wir 
kein Recht. Unser einziger selbständiger Zeuge hiefar ist daher Strabo. 
Wem aber dieser seine Mittheilungen verdankte, wissen wir nicht; die An- 
nahme, dass es Andronikus gewesen sei, ist sehr unsicher. Strabo bemerkt 
nämlich nach den Angaben über den Ankauf der aristotelischen Bücher 
durch Apellikon und über die fehlerhaften Ausgaben des letzteren: awißn 
^k Tots i* Ta>r neQtndrtoPj toTs fikv naXai roTg fierä B^otfqaaxov ov* 
^ovaiv SXctg rä ßißlCa nXriv 6Xfyt>Vf xal ^dXiata tüv i^toT€Qixi3vy ftiiSh 
ix^tv (ptXoaoffiiv TtQayfiauxiSg dXXä S'iaug Xr^^rv^C^uv' rotg (f' vartQoy^ 
d(p^ ol rd ßißXCa ravia nQoijX&tVf äfmvov filv IxiCvmv (fUoüofpiiv xtä 
dgiOToiiX^C^tVi dvayxdCfOd^a^ fiivrot rd noXXd tlxora Xfyciv ^id ro nX^^og 
luv dfiaQxmv. Diess kann aber nur dann dem Andronikus entnommen 
sein, wenn man die jüngeren Peripatetiker (rotg J* vartgov u. s. f.) auf 
diejenigen Vorgänger des Andronikus beschränkt, welche die Ausgaben des 
Apellikon und Tjrannio noch benützen konnten, und ob diesen uns ganz 
unbekannten Männern eine Verbesserung der peripatetischen Lehre und ein 
engerer Anschluss an Aristoteles beigelegt werden konnte, die sich Androni- 
kus freilich mit Grund zuschreiben Hessen, ist doch sehr fraglich. Ebenso- 
wenig wird man Tyrannio oder Boethus (an die Grote Aristotle I, 54 denkt) 
fiir Strabo's Quelle halten können, da jener über seine eigene Ausgabe und 
dieser über die jüngeren Peripatetiker sich anders geäussert haben würde, 
als Strabo. 

1) So Buhle Allg. Encykl. Sect. L Bd. V, 278 f., neuerdings Ubitz 
s. S. 141, 2. 



[82] Schicksal 8. Schriften. 141 

unter den Handschriften des Neleus befand^ in die aristotelische 
Sammlung mitaufgenommen , zusammengehöriges auseinander- 
gerissen, anderes irrthümiich verbunden, grössere und kleinere 
Lücken willkürlich ausgefüllt wurden? Indessen sind in neuerer 
Zeit gegen | jene Darstellung Strabo's Bedenken erhoben wor- 
den ') , welche auch durch die Vertheidiger derselben ^ 
nicht zum Schweigen gebracht sind. Dass Theophrast seine 
Büchersammlung dem Neleus vermacht hatte, ist allerdings un- 
bestreitbar ') ; dass aus dieser Sammlung die aristotelischen und 
theophrastischen Schriften an die Erben des Neleus gekommen 
rind, dass sie von diesen vor der Bücherliebhaberei der perga- 
menischen Könige in einen Kanal oder Keller geflüchtet, und im 
verwahrlostesten Zustand von Apelliko aufgeftmden wurden, 
brauchen wir gleichfalls nicht zu bezweifeln*); und insofern 
kann alles, was Strabo über diesen bestimmten Vorgang über- 



1) Nachdem schon um den Anfang des 18. Jahrhunderts die vereinzelte 
^d nicht weiter beachtete Stimme eines französischen Gelehrten diese Er- 
üUong io Zweifel gezogen hatte (m. s. was Staub Arist. II, 163 ff. aus 
dem Journal des S^avans v. J. 1717, S. 655 ff. über die anonyme Schrift: 
^ Amdnitez de la Critique mittheilt), war es zuerst Brakdis (Ueb. die 
^Ucksale d. arist. Bücher. Rhein. Mus. v. Kiebuhr und Brandis I, 236 ff. 
259 ff. vgl. jetzt gr.-röm. Phil. II, b, 66 ft.)» welcher dieselbe gründlich be- 
richtigte; einen Nachtrag hiezu gab Kopp Rhein. Mus. III, 93 ff.; mit er- 
■«köpfender Ausführlichkeit hat endlich Stahk (Aristotelia II, 1 — 166 vgl. 
^ f.) die Streitfrage erörtert. An diese Vorgänger haben sich die neueren 
^«hrten ihrer grossen Mehrzahl nach angeschlossen. 

2) Heitz Verl. Sehr. d. Ar. 9 ff. 20. 29 ff. Grote Aristotle I, 50 ff. 
^«AKT Ethics of Ar. I, 5 ff. Aristotle 3 ff. Einzelne Unrichtigkeiten in 
otnbo's und Plntarch*s Darstellung werden zwar auch von diesen Gelehrten 
^Qgeräamt, aber im wesentlichen soll sie doch richtig sein. Was für diese 
^luicht geltend gemacht wird, kann ich hier nicht in alle Einzelheiten ver- 
'<>lgen; die sachlichen Entscheidungsgründe werden aber im nachstehenden 
^oUitändig zur Sprache kommen. 

3] Theophrast's Testament b. Dioo. V, 52« Athen. I, 3, a mit dem 
^^^*^: Ptolemäus Fhiladelphus habe die ganze Sammlung von Neleus ge- 
^ft und nach Alexandrien bringen lassen. 

4) Denn wenn Athenäus, oder der Epitomator seiner Einleitung, a. a. O. 
^^ gtBze Bibliothek des Neleus nach Alexandrien wandern lässt , so kann 
°*^ leicht ein ungenauer Ausdruck sein, ebenso wie es ungekehrt ungenau 
^wenn Denelbe V, 214, d den Apelliko; die Bibliothek, nicht blos 
"'« Werke des Aristoteles besitzen lässt. 



142 Aristoteles. [S2. 8 

liefert, richtig sein. Ebenso steht es ausser Frage, dass Andn 
nikus' Aiisgabe der aristotelischen Lehrschrifien flir das Stadial 
wie fUr die Erhaltung derselben eine epochemachende Bedeatun 
gehabt hat. Wird nun aber weiter angenommen, diese Schrifte 
sdien ausser dem Keller zu Skepsis nirgends zu finden gewesei 
und sie haben namentlich der peripatetischen Schule seit Thec 
phrast's Tode gefehlt, so hat diese Voraussetzimg die gewid 
tigsten Gründe gegen sich. Zunächst ist es schon &st unbegrd: 
Uch, dass ein so ungemein wichtiges Ereigniss, wie die Eni 
deckung der verlorenen aristotelischen Hauptwerke, von keinei 
der Männer auch nur mit einem Worte berührt sein sollte 
welche sich seit jener Zeit als Kritiker und als Philosophen mi 
Aristoteles beschäftigt haben: nicht von CScero, der so viel 
Veranlassung dazu gehabt hätte, der während der ersten Au£ 
beutung der sullanischen Bücherschätze durch Tyrannio in Boi 
lebte, und mit | Tyrannio selbst in lebhaftem Verkehr stand 
nicht von Alexander, dem „Exegeten", nicht von einem einadgei 
jener griechischen Erklärer, welche die eigenen Schriften de 
Andronikus theils mittelbar theils unmittelbar benützt haben. J 
Andronikus selbst scheint Apelliko's Fund eine so geringe Bc 
deutung beigelegt zu haben, dass er weder bei der Untersuchun] 
über die Aechtheit eines aristotelischen Buches, noch bei de 
Frage über die richtige Lesart, auf die Handschriften des Neleu 
zurückgieng ^), und die Späteren glauben sich durch seine Les 
arten, welche nach Strabo die einzig authentischen sein müsstec 
keineswegs gebunden*). Soll ferner das Verschwinden de 
aristotelischen Werke daran schuld sein, dass Theophrasf s Nacb 



1) M. vgl., das erstere betreffend, die S. 69, 1 angeführten Mittheilonge 
über seine Zweifel gegen die Schrift n. *EQfiTiv€£tis, hinsichtlich des zweite 
Punkts Dexipp. in Arist. Categ. S. 25, Speng. (Schol. in Ar. 42, a, 30) 
nQtJTOv fxkv oiv ovx iv änaai rots u.vjiyqa(poig rö „6 Sk loyog Tr;g oi 
aias^* ngogxitTai., tog xal Boij^g fiVfjfjiovevH xal Idv^QOvueog — dass dies« 
den Streit aus den sullanischen Handschriften (oder wenn diese selbst ihi 
nicht zu Gebote standen, wenigstens aus den nach Flutarch von ihm ht 
nützten Abschriften Tyrannio's) geschlichtet habe, wird nicht gesagt. £ 
scheint also, dass diese Handschriften weder die einzigen, noch auch nu 
die Urschriften der betreffenden Werke waren. Vgl. Brandis Rhein. Mui 
I, 241. 

2) Vgl. SiMPL. Phys. 101, a, o. 



[S3. S4j Schicksal 8. Schriften. 143 

folgern die ursprüngliche Lehre ihrer Schule fremd geworden 
sei, dass sie entartet seien und sich in ihrer Philosophie auf 
rednerifiche Ausfuhrungen beschränkt haben, so steht diese Be- 
hauptung unverkennbar im Widerspruch mit den Thatsachen; 
d^m wenn sich auch die Peripatetiker des dritten Jahrhunderts 
rnft der Zeit von den naturwissenschaftlichen und metaphysischen 
Unt^michungen abwandten, so geschah dieses doch nicht schon 
seit Theophrast's Tod, sondern filihestens seit dem seines Nach- 
folgers Strato ; dieser selbst dagegen hat sich so wenig auf Ethik 
und Rhetorik beschränkt, dass er sich vielmehr mit einseitiger 
Vorliebe der Physik zuwandte; auch die Metaphysik und die 
h^ hat er aber nicht vernachlässigt. Hat er dabei Aristo- 
tdes vielfach widersprochen, so kann es doch nicht Unbekannt- 
schafi mit der aristotelischen Lehre gewesen sein, die ihn hiezu 
veranlasste, da er ja eben diese Lehre bestritt^). Und auch 
nach Strato scheint die wissenschaftliche Thätigkeit der Schule 
iiicbt sofort erloschen zu sein ^). Ebendamit fallt aber auch die 
Voraussetzung, als ob die Abweichung der späteren Peripatetiker 
von Aristoteles durch die Entfernung seiner | Schriften aus Athen 
herbeigeführt sei; dieselbe wird vielmehr ebenso zu beurtheilen 
sein, wie die entsprechenden Erscheinungen in der Akademie, 
welcher es doch an den platonischen Werken nicht gefehlt hat 
Wer wird es aber überhaupt glaublich finden, dass gerade die 
Hauptwerke des Philosophen beim Tod seines Nachfolgers in 
keinen anderen Abschriften vorhanden gewesen seien, als in 
denen, welche Ndeus von Theophrast erbte^^ Dass nicht allein 
^ seinen Lebzeiten , sondern auch in den neun Olympiaden 
zwischen seinem und Theophrast's Tod, von den zahlreichen 
^ülem der beiden Männer auch nicht Einer den Versuch ge- 
^J^t oder die Gel^enheit gefimden hätte, die wichtigsten Ur- 
k^den der peripatetischen Lehre sich zu verschaffen? Dass 
^emas, der treueste unter den aristotelischen Schülern, dass 
Strato, der scharfsinnigste unter den Peripatetikem, die Schriften 
des Meisters entbehrt, dass der Phalereer Demetrius seine ge- 
^^uie Sammlerthätigkeit auf sie nicht mit ausgedehnt, dass Pto- 



1) Die Belege für das obige werden theils sogleich, theils in dem Ab- 
whnitt über Strato {S. 728 if. 2. Aufl.) gegeben werden. 

2) Vgl. S. 760 ff. 2. Aufl. 



144 Aristoteles. [S4 

lemäus Philadelphus zwar die übrigen Bücher des Aristoteles 
und Theophrast fUr seine alexandrinische Bibliothek angekauft 
von ihren eigenen Werken dagegen Abschriften zu erwerber 
versäumt hätte? Man müsste denn annehmen, diess sei ihn^ 
von den Eügenthümem verwehrt worden, Aristoteles habe sein« 
Schriften in strengem Verschluss gehalten, Theophrast, wiewoh 
flir ihn jeder Grund dazu wegfiel, habe dasselbe Geheinmiss be 
wahrt und seinen Erben zur Pflicht gemacht. Aber dieser Ein 
fall wäre doch gar zu ungereimt, um ihn ernstlich zu wider 
l^en. Doch wir brauchen uns nicht auf Vermuthüngen zu be- 
schränken: so mangelhaft auch unsere Beweismittel flir einer 
Zeitraum sind, dessen philosophische Literatur uns ein herbe 
Verhängniss fast vollständig geraubt hat, so können wir docl 
von einem grossen Theil der aristotelischen Werke ^enügenc 
darthun, dass sie in den zwei Jahrhunderten zwischen Theo« 
phrast's Tod und der Eroberung Athens durch Sulla den Ge^ 
lehrten nicht unbekannt waren. Mag nun Aristoteles seine streng 
wisseüschafllichen Werke selbst schon herausgegeben haben 
oder nicht: jedenfalls waren sie als die Lehrschiiften der Schul( 
bestimmt, von den MitgUedem derselben benützt zu werden 
und schon die vielen Stellen, in denen sie sich auf einander be 
ziehen, Hefem den augenscheinlichen Beweis daftir, dass sie nacl 
der Absicht ihres Verfassers von seinen Schülern nicht blos ge 
lesen, sondern auch gründlich studirt und verglichen, also selbst 
verständlich auch in Abschrifl^n erhalten und vervielMtigt wer 
den sollten. Dass diess aber auch wirklich geschehen ist, er 
hellt, vorläufig noch abgesehen von den Nachrichten über ein 
zelne Werke, schon aus einigen allgemeineren Erwägungen. Wem 
der peripatetischen Schule mit der Büchersammlung Theophrast* f 
die acht aristotelische Lehre verloren gegangen sein soll, so sete 
diess voraus, dass die Urkunden derselben ausser dieser Samm 
lung nirgends zu finden waren. Nun hören wir aber nicht alleii 
von Theophrast, sondern auch von Eudemus, dass er in dei 
Titeln und dem Inhalt seiner Schriften die seines Lehrers nach 
geahmt habe^); und wie eng er sich dabei an den WorÜau 
wie an den Gedankengang der letzteren anschloss, sehen wii 



!) Vgl. S. 68. Tl. 



Schicksal s. Schriften. |45 

nodi an seiner Ethik und seiner Physik ^). Dann muss 
a* aber diese Schriften auch besessen haben ; vollends wenn er 
dieselben, wie eine unverdächtige Nachricht') angibt , zu einer 
Zeit benützt hat , in der er von Athen entfernt war ^). Dass 
ÜBmer die alexandrinische Bibliothek eine bedeutende Anzahl 
aristotdischer Werke enthielt, lässt sich kaum bezweifehi ^} ; und 
gesetzt audi, die Ver&sser des alexandrinischen Kanons, welche 
Aristoteles unter die philosophischen Musterschriftsteller au&ah- 
men^), haben dabei überwiegend die sorgfiLltiger stylisirten exo- 
terischen Schriftien im Auge gehabt, so können doch bei der 
Begründung jener grossartigen Büchersammlung die Lehrschrift^n 
des Philosophen nicht ausser Acht gelassen worden sein. Den 
thatsächlichen Beweis des Gegentheils liefert, wenn es wirklich 
ans der alexandrinischen Bibliothek stammt, das Schriftienver- 
zddmifls des Diogenes^); wäre aber auch diese (an sich höchst 



1) Vgl. S. 149, 2. S. 699 f. 704 f. 2. Aufl. 

2) Oben S. 1S8,5. 

3) Heitz (Verl. Sehr. \S) glanbt zwar, wenn die aristotelischen Werke 
lein bekannt nnd veröffentlicht gewesen wären, liesse es sich nicht 

^^^S^en, dass Endemns sich in seiner Physik (nnd Ethik) den Worten des 
•^nttoteles so genau anschloss. Mir scheint es jedoch, wenn Endemus Be- 
^Aken getragen hätte, diess veröffentlichten Werken gegenüber zu thun, so 
^tte ihm ein Plagiat an nicht veröffentlichten noch viel unerlaubter er- 
*^mtm müssen. Aber unter diesen Gesichtspunkt dürfen wir sein Ver- 
^^^ Oberhaupt nicht stellen, und wird er selbst es nicht gestellt haben; 
^dem seine Ethik und Physik wollten gar nichts .anderes sein, als Be- 
vbeitBDgen der in der peripatetischen Schule allgemein anerkannten aristo- 

^lischen Werke, die dem Bedürfniss seines eigenen Unterrichts angepasst 

»wen. 

4) Ausser dem, was S. 144 bemerkt wurde, gehört hieher die Angabe, 
Ptolemäof Philadelphus habe sich um aristotelische Bücher eifrig bemüht, 
°^^« Preise dafür bezahlt, und ebendadurch zur Unterschiebung solcher 
^«ike Anlass gegeben (Ammon. Schol. in Arist. 28, a, 43. David ebd. Z. 
14. SiMPL. Categ. 2, t). Auch was S. 68. 71 von den zwei Büchern 
^f Kategorieen und den 40 der Analytiken angeführt wurde , welche sich 
o^h Adrast in alten Bibliotheken fanden, wird vor allem von der alexan- 
^^'iQiicben gelten. Dass aber diese nur unterschobene Werke erworben, die 
^^ deren Vorhandensein die Unterschiebung selbst doch beweist, ent- 
i^lirt hftbe, lässt sich nicht annehmen. 

5) M. s. hierüber Stahr a. a. O. 65 f. 

6) Worüber 8. 60 ff. 

ZelUr, PhiloB. d. Gr. D. Bd. 2. Abth. 3. Aufl. 10 



146 Aristoteles. 

wahrscheinliche) Vermuthmig unrichtig, 89 würde es immer nodi 
beweisen, dass dem Urheber desselben, der jedenfalls jung« 
war als Theophrast und älter als Andronikus, ein grosser Theü 
unserer aristotelisch^i Sammlung vorlag'). Dass sein walir 
scheinlicher Verfasser, Hermippus, mit Theophrast's Werkei 
wohl bekannt war, die nach Strabo imd Plutarch zsugleich mii 
den aristotelischen in Skepsis b^raben gewesen wären, erheOl 
aus seinem, wahrscheinlibh von Diogenes aufbewahrten, Verzeidi- 
niss dieser Werke*); dass dieser Gelehrte von dem Verschwin- 
den der aristotelischen Schriften nichts gewusst hat, müssen wii 
aus dem Stillschweigen des Diogenes über diese Thatsache 
schliessen '). Einen weiteren schwerwiegenden Beweis ftr den 
Gebrauch der aristotelischen Werke im dritten vorchristlichen 
Jahrhundert können wir der stoischen Lehre entnehmen, wdche 
sich gerade in ihrer systematischeren Ausftlhrung durch Ghiy- 
sippus sowohl in der Logik als in der Physik so eng an Aristo- 
teles anlehnt, wie diess ohne Kenntniss seiner Schriften kaiun 
möglich war. Und auch von ausdrücklichen Zeugnissen für die 
Berücksichtigung dieser Schrifl»n durch Chrysippus sind wirnicW 

ganz verlassen *). Wie könnte femer von Ejitolaus gesagt wer- 
k 

1) Vgl. S. 52, J. 

2) M. vgl. hierüber das Scholion am Schluss der theophrastischen MeU 
physik : tovto t6 ßißXCov ^Avdgovueog ßikv xal "Eq/luttttos ayifoovtuv' ov^ 
yäg fivifav avrov oXong n^noCrfVTai fv ry dvayQa<pj raiy Geotp^turt^ 
ßißUiov. Auf das gleiche Verzeichniss geht aber offenbar auch das Sei»' 
lion am Anfang des 7. Buchs der Pflanzengeschichte (b. Ubkner AjbM 
Theophr. 23): GeotpQaarov nfgi *pvxtiv laroQ^ag ro 17. "Eg^tnnog * 
nkQi (fQvyavtxäiv xal noiüi^üv, Idv^Qovixog 6k mgl (pvTtiSv laro^Caq. X^ 
Schrift über Theophrast, von der es einen Theil gebildet haben wird, nea' 
DioG. II, 55. Dass die Verzeichnisse des Dioo. V, 46 ff. wenigstens tkel 
weise und mittelbar ans ihm geflossen sind, ist am so wahrscheinlicher, d 
Hermippns unmittelbar vorher, V, 45, genannt wird. 

3) Denn einerseits lässt sich nicht annehmen, dass Uennippus in seinei 
(S. 53, 3 besprochenen) ausführlichen Werk über Aristoteles dieses Vo 
gangs nicht erwähnt hätte, wenn er ihm bekannt war; andererseits ist < 
sehr unwahrscheinlich, dass der Schriftsteller, dem Diogenes seine viele 
Anführungen des Hermippus verdankt, diese Nachricht übergangen, od< 
Diogenes, dessen Manier sie sich so sehr empfehlen musste, sie nicht b 
gierig ergriffen hätte. 

4) Denn will man auch auf die S. 58, 3 berührte Polemik gegen ein 
der Gespräche kein Gewicht legen, so setzt doch die Aeusserung bei Plctt. St 



[88.89] Schicksal 8. Schriften. 147 

den, er habe die alten Meister seiner Schule (Aristoteles und 
Theophrast) nachgeahmt^), von dem Stoiker Herillus, er habe 
ach an sie angeschlossen ^)y von Panätius, er habe in seinen 
Schriften den Aristoteles und Theophrast beständig im Munde 
grführt^), wie könnte von der viel£BMihen Hinneigung des Posi- 
donius zu Aristoteles gesprochen werden*), wie hätte Gcero's 
Ldirer Antiochus die peripatetische Lehre für einerlei mit der 
akAdemischen erklären, und ihre durchgängige Verschmelzimg 
vereudien können*), woher könnten Gegner, wie StQpo und 
Hermarchus, den Stoff zu iliren Streitschriften g^en Aristoteles ^ 
I geschöpft haben, wenn die Werke dieses Philosophen erst durch 
Apelliko, und vollständig erst durch Tyrannio und Andronikus 
bekannt wurden? Wenn endlich schon Andronikus den Brief 
mitgetheilt hat, worin sich Alexander bei Aristoteles ilber die 
Veröffentlichung seiner Lehre beschwert^), so müssen schon 
längere Zeit vorher Schriften des Philosophen, und auch solche 
im Umlauf gewesen sein , die von den Späteren zu den esote- 
rischen gerechnet werden. Wir selbst können , so dürftig die 
Quellen auch fliessen, doch neben vielen von den verlorenen 
Werken, die als exoterische oder hypomnematische nicht hieher 
gdiören würden *), noch von der grossen Mehrzahl der aristote- 

^■U, S. 1045 die Bekanntschaft mit Aristoteles' dialektischen Schriften 
iforws. 

1) Cic. Fin. V, 5, 14. 

J) Ebd. V, 25, 73. 

8) Ebd. IV, 28, 79 vgl. Th. III. a, 503, 3 2. Aufl. 

4) Vgl. Th. III, a, 514,* 2 2. Aufl. 

5) Das nähere a. a. O. 535 ff. 

6) Stilpo schrieb nach Diog. II, 120 einen ^AQtOTor^krji^ Hermarchus 
(«bd. X, 25) n^g ^Aganoxikriv, Aus der Aeusserung des Kolotes freilich 
^ ^üT. ady. Col. 14, 1. S. 1115 lässt sich nichts schliessen. 

7) 8. S. 24, m. 116, 2. 

B) Die Briefe, s. o. 56, 2; die von Chrysippus, Teles, Demetrius 
(7- ^pjuijv.), wahrscheinlich auch Kameades , berücksichtigten 4 Bücher 
n. itxeuoavvfis (58, 3); der Protreptikus, welcher schon Krates, Zeno und 
'«lei bekannt ist (63, 1); der Eudemus (59, 1), den wenigstens Ciceit), die 
^^chevon der Philosophie (58, 2) und vom Reichthum (S. 62, m.), die vor 
^ schon Philodemas, das letztere auch £pikur*s Schüler Metrodor gebraucht 
*'M der i^wTuedg, den nach Athen. XV, 674, b der Keer Aristo, der Dialog 
^■^Oiiijuv (61, 1), den Eratosthenes und Apollodor benützt zu haben 
•chtittt, die ^Olvfintovhtcn, die Eratosthenes b. Dioo. VIII, 51, die Didas- 

10* 



148 Aristoteles. [8! 

lischen Lehrschriften nachweisen, dass sie schon vor Androniki 
gebraucht wurden. Für die Analytiken ergibt sich diess neb< 
dem Verzeichniss des Diogenes auch durch die Angaben üb 
den Gebrauch, den Theophrast und Eudemus von ihnen mad 
ten ^) , fUr die Kategorieen und 7t. fQ^r^veiag aus dem ersteren * 
die Kategorieen fand schon Andronikus um die unächten Pos 
prädicamente vermehrt und kannte von ihnen verschiedene AI 
Schriften mit abweichenden Titehi und Lesarten^), sie müsse 
also schon längere Zeit vor ihm in den Händen der Abschre 
ber gewesen sein*). Die Topik enthält das Verzeichniss d< 
Diogenes ^) ; berücksichtigt hat sie nach Theophrast ^) auch sd 
Schüler Strato^). Die Rhetorik wird in Schriften , die alk 
Wahrscheinlichkeit nach älter sind, als Andronikus, nachgeaho 
und angeftlhrt®), und das gleiche gilt von der theodektische 



kalieen, welche Didymus beim Scholiasten zu Aristoph. Av. 1379 (vgl. H£ii 
Verl. Sehr. 56) anfuhrt, die üagoif^iai, wegen deren Arist. (nach Athen. I 
60, d) von Cephisodor angegriffen wurde; überhaupt (nach dem S. 50 l 
bemerkten) alle im Verzeichniss des Diogenes aufgeführten Stücke; von d« 
unächten, aber viel benützten Schrift tt. tvyevefag (62, 2) nicht zu rede 
Auch die Schriften über ältere Philosophen, darunter unsere Abhandloi 
über Melissus u. s. w., finden sich bei Dioo. Nr. 92 — 101. 

1) S. 8. 71. 

2) 8. 67, 1. 69, 1. 

3) S. S 67, m. 69, m. 142, 1. 

4) Das gleiche würde aus der Angabe (Simpl. Categ., Schol. 79, «y 
folgen, dass Andronikus sich mit einer gewissen Bestimmung an die KaI 
gorieen des Archytas anschliesse, da diese jedenfalls den aristotelischen nac 
gemacht sind; Simplicius redet aber hier ohne Zweifel nur aus seiner falsch 
Voraussetzung von ihrer Aechtheit heraus. 

5) Vgl. S. 72, 2. 74, 7. 

6) Von Theophrast erhellt diess aus Alex, in Top. S. 5, m. (vgl. 68, ' 
72, u. 31, o. in Metaph. 342, 30. 373, 2. (706, b, 30. 719, b, 27.) Sud 
Categ. Schol. in Ar. 89, a, 15. 

7) Vgl. Alex. Top. 173, u. (Schol. 281, b, 2). Unter Strato's Schrift 
finden sich b. Dioo. V, 59: Tornov 7iQOo(fii(t, 

8) Jenes in der Rhetorik an Alexander (s. o. 78, 2), die schon Die 
Nr. 79 neben unserer Rhetorik (worüber S. 76, 2 g. £.) kennt (vgl. S. 76, i 
dieses bei Demetriüs De elocutione; Anführungen unserer Rhetorik fin^ 
sich hier c. 38. 41 (Rhet. III, 8. 1409, a, 1); c. 11. 84 (Rhet 111,9. 14< 
a, 35. b, 16); c. 81 (Rhet HI, 11, Anf.); auf dieselbe bezieht sich ebd. 
34 schon vor dem Verfasser Archedemus, vielleicht der Stoiker (um 1 
V. Chr.). 



Schicksal s. Schriften. 149 

Bhetorik^). Die | Physik hatten Theophrast und Eudemus be- 
arbdtet, und der letztere namentlieh sich so genau an den aristo- 
telischen Text gehalten, dass er geradezu als Zeuge für die 
, richtige Lesart gebraucht wird^. Ein Schüler des Eudemus^) 
fehrt aus der Physik des Aristoteles die drei Bücher über die 
Bewegung an. Ebenso lässt sich von Strato darthun , dass ihm 
dag aristotelische Werk vorlag*); auch der Stoiker Posidonius 
verräth seine Bekanntschaft mit demselben^). Die Bücher vom 
I Himmel lassen sich zwar vor Andronikus mit Sicherheit nur bei 
j Theophrast nachweisen*); dass aber dieses Werk nach Theo- 



1) Welche (nach S. 76, 2) gleichfalls bei Diogenes aufgeführt und von 
dir Rhet. ad Alex, genannt wird. 

2) Wir sehen diess ausser anderem namentlich aus den äusserst zahl- 
Richen Anführungen bei Simplicius zur Physik; beispielsweise vgl. m. über 
Theophrast Simpl. Phjs. 141, a, m. b, u. 187, a. m. 201, b, u. Ders. in 
Cit«g., Schol. 92, b, 20 ff. Themist. Phys. 54, b, o. 55, a, m. b, o. (Schol. 
409, b, 8. 411, a, 6. b, 28), und dazu Brandis Rhein. Mus. I, 282 f.; über 
Eudemus Simpl. Phys. 18,' b, u. (Arist. Phys. I, 2. 185, b, 11). 29, a, o. : 
^ Evdrifiog r^ 'A^imoi^kH navxa xaxaxoXov&wv, 120, b, o., wo zu Phys. 
^M. 208, b, 18 bemerkt wird: xaXXiov yctg^ olfiui, ro „l|ai rov äareiog^*^ 
ow»f ttxovfiv, log 6 Evd'HfAog Ivor^ai ra rov xa&rjyefiovog u. s. w. 121, b, 
^' h T*0* Sk [sc. avTty^d(foig] avrl rov „xotr^" „tt^joiti^". xal ovrat 
Y^ff'ft xal 6 EvJrjfiog. 128, b, o. : EijSrjfÄog <fl Tovroig naQaxoXov&tHv 
"^». w. 178, b, m: Eud. schreibt Phys. IV, 13. 222, b, 18 nicht UaQQtv, 
*oodem naQiov. 201, b, u.: EvJ, iv roTg iavtov (pvaixoig naquip^a^tov r« 
^^^^'A^motiXovg. 216, a, m: Eud. knüpft unmittelbar an das, was bei 
^toteles am Schluss des 5ten Buchs steht, den Anfang des 6ten. 223, a, 
^•' bei Aristoteles bringt (Phys. VI, 3. 234, At 1) ein in verschiedener Be- 
tiehnog wiederholtes ^nl rdSi eine Unklarheit in den Ausdruck; Eudemus 
•«t« fSr das zweite in\ rdSi „in^xHva^\ 242, a, o. (Anfang des Tten Buchs) : 
^'* i"(j|f?* Tov^i okfig ax^66v n^ayfiatfCag x€(faXa^oig dxokov&riaag, tovto 
f«f«i^ tag nfQiTTOv inl tu iv t^ TiUuraftit ßißUt^ x€(fdXaia fAiTrjX&t. 
^9, i,m: xal o yi EvS. na^atf^QaCory (7/e<f6y xal avrog rd ^A^iaxoxikovg 
^i^i tul ravTtt TU Tjui^fiaTa avvrofjifog. 294, b, o.: Arist. zeigt, dass das 
^te Bewegende unbewegt sein müsse, Eudemus fugt bei: ro nqtartog xivovv 
««*' haarriv xCvriaiV. Weiteres S. 700 f. 2. Aufl. und oben S. 138, 5. 

3) Damasus, s. o. S. 86 u. 

4) M. Tgl. SiBiPL. Phys. 153, a, o. (155, b, m.) 154, b, u. 168, a, o. 187, 
»> m ff^ 189, b, u. (vgl. Phys. IV, 10). 214, a, m. 

5) In dem Bruchstück b. Simpl. Phys. 64, b, m, von dem schon Simpli- 
^^ bemerkt, dass. er sich darin an Aristoteles (Phys. II, 2) anlehne. 

6) 8. o. S. 87, 1. 



150 Aristoteles. [9 

phraet verloren gewesen sein sollte, ist um so unwahrachei 
lieber, da seine Fortsetzung, die Schrift vom Werden und V( 
gehen, im Verzeichniss des. Diogenes steht'), und die mit beid 
60 eng I zusammenhängende Meteorologie in jener Zeit vielfadig 
braucht wurde *) ; ihre Lehre von den Elementen hatte sich F 
sidonius angeeignet'), ihrer Theorie über die Schwere ui 
Leichtigkeit der Körper Strato widersprochen*). Die (unächl 
Meclianik und die Astronomie nennt das Verzdichniss des Di 
genes *). Die Thiergeschichte wurde nach Theophrast ®) von de 
Alexandriner Aristophanes aus Byzanz bearbeitet^; dass s 
während der alexandrinischen Periode nicht verschollen W£ 
sieht man auch aus dem Verzeichniss des Diogenes (Nr. 10 
und einer aus ihr geflossenen viel gebrauchten Compilation ®). D 
Schrift von der Seele beniltzt ausser Theophrast •) auch der V€ 
fasser der Schrift über die Bew^ung der lebenden Wesen, d 
letztere zugleich mit der unächten Abhandlung über das Pne 
ma*®). Von den Problemen ^^) ist es mehr als unwahrscheinlic 
dass ihre Ueberarbeitung in der peripatetischen Schule erst na^ 
Andronikus b^ann. Die Metaphysik ist, wie wir gesek^ 
haben ^*), nicht allein von Theophrast und Eudemus in au 



1) Wenn nämlich Nr. 39: n, axotx^(tov d ß' y' auf sie gebt; woröl 
S. 52) m. 

.2) S. o. 87, 2. 

3) SijtfPL. De coelo, Schol. in Ar. 517, ii, 31. 

4) SiHPL. a. a. O. 4S6, a, 5. 

5) Jene Nr. 123, diese 113; s. o. 90, 1. 

6) DioG. y, 49 nennt von ihm *Enuo(Ativ *Aqi<noTiXovs n. Zt^v 

7) Nach HiBROKL. Hippiatr. praef. S. 4 hatte dieser Grammatiker ei- 
^EnixofÄfi derselben geschrieben, wofür Abtbmidor Oneirocrit. II, 1 4 viro/ii^ 
fjiaxa eis ^Aq^aiotilriv sagt. (S. Schkeidbb in s. Ansg. I, XIX.) An^ 
Dbubtb. De elocQt. 97. 157 {yg\. U. an. II, 1. 497, b, 28. IX, 2. 32. 61 
a, 27. 619, a, 16), oder der von ihm benutzte Vorgänger kennt sie. 

8) Worüber S. 92. Aus dieser Compilation sind vielleicht auch J 
vielen Anführungen der aristotelischen Thiergeschichte in Antigonns' Mir 
bilien (c. 16. 22. 27—113. 115) entnommen; für uns ist es unerheblich, c 
sie mittelbare oder unmittelbare Zeugnisse für den Gebrauch derselben sin 

9) Ueber welchen Themist. De an. 89. b, u. 91, a, o. m. Philo: 
De an. C, 4, u. 

10) VgL S. 93, 2. 94, 1. 

11) Worüber S. 100 z. vgl. 
n) S. 83, 1. 



Schicksal s. Schriften. 151 

giebiger Weise^ sondern auch nach ihnen von Strato und an- 
dern Peripatetikem benützt, vielleicht von Eudemus heraus- 
gegeben worden y wenn auch einige Abschnitte dieses Werkes 
erst durch Andronikus in die ältere Zusammenstellung der aristo- 
teÜBch^i Sdiriften über die erste Philosophie aufgenommen wor- 
den zu sein scheinen. Von der Ethik ohnedem versteht es sich 
von sdbst, dass sie nicht blos in Theophrast's Exemplar vor- 
handen war und nicht mit ihm verschwand, da sie ja in diesem 
Fall weder von Eudemus noch auch später von dem Verfasser 
der grossen Moral hätte bearbeitet werden können. Die PoUtik 
be^d sich, nach dem Verzeichniss des Diogenes zu schliessen, 
zugleich mit dem ersten, auch von Philodemus^) angeführten, 
Budi unserer Oekonomik in der alexandrinischen BibUothek^); 
dass die erstere Dicäarchus bekannt war, wird durch die An- 
gaben über seinen TripoUtikus ^) wahrscheinlich , dass der Ver- 
fasser des ersten Buchs unserer Oekonomik^) sie vor Augen 
batte, liegt auf der Hand. Mag daher auch ihre Benützimg in 
der grossen Moral nicht streng zu erweisen sein % und wissen 
wir auch nicht, wem Qcero das verdankt, was er ihr flir seine 
eigenen Darstellungen entnommen hat^), so lässt sich doch von 

1) De Vit. IX (Vol. Herc. II) col. 7, 38. 47. col. 27, 15, wo sie 
^^phrast zugeschrieben wird. 

2) 8. o. 104, 1. 106, 2. 

3) Worüber S. 721, 5 2. Aufl. 

4) Den wir nach S. 768 2. Anfl. eher in Endemns oder einem seiner 
P^npttetischen Zeitgenossen, als in Aristoteles zu suchen haben werden. 

5) Wenn hier I, 4. 1184, b, 33 ff. die Glückseligkeit als Mgyaut xal 
^9^^ rifg aQiTfjg definirt wird, so hat diess allerdings mit Polit. VII, 13. 
^^2, A, 7 (eine SteUe, an die Nickes De Arist. polit. libr. 87 f. erinnert) 
poliere Aehnlichkeit, als mit £th. N. I, 6. X, 6. 7. £nd. U, 1, da die 
^ckieligkeit hier zwar M^yeia xar' agerriv (oder rrjg aQiTijg) genannt 
^^ aber die ZusammensteHnng der iv^gytia nnd X9^^^^ fehlt Indessen 
^ loch Eud. 1219, a, 12 ff. 23. Nik. I, 9. 1098, b, 31 von der XQn^'^s 
K^^prochen, und so ist es immerhin möglich, dass dem Verfasser der grossen 
^ora] nnr diese Stellen vorschwebten. 

6) Dass in Cicero's politische Schriften das eine and andere ans der 
^UMelisehen Politik übergegangen sei, habe ich schon 2. Anfl. S. 526 ans 
^c. Leg. m, 6. Rep. I, 25 (vgl. Polit. III, 9. 1280, 6, 29. c. 6. 1278, b, 19. 
^ 2. 1253, a, 2). Rep. I, 26 (Pol. III, 1. 1274, b, 36. c. 6. 1278, b, 8. c. 7. 
^279, t, 25 ff.) Rep. I, 27 (Pol. III, 9. 1280, a, 11. c. 10. 11. 1281, a, 28 ff. 
^ 28. c. 16. 1287, a, 8 ff.) Rep. I, 29 (Pol. IV, 8. 11) geschlossen, nnd auch 



152 Aristoteles. 

ihr gleichfalls nicht bezweifeln, dass sie den Gelehrten au 
Theophrast zugänglich gewesen ist. Das gleiche gilt y 
Politieen, fUr deren Benützung während der alexandr 
Periode uns zahlreiche Beweise zu Gebote stehen *). Df 
lieh auch die Poätik den alexandrinischen Grammatikei 
bekannt war, ist durch neuere Untersuchungen ausser 
gestellt^). Alles zusammengenommen sind es daher i? 
ächten Bestandtheilen unserer aristotelischen Sammlung 
Werke über Theile, Entstehung und Gang der lebenden 
und die kleineren anthropologischen Abhandlungen, vor 
sich nicht durch bestimmte Zeugnisse nachweisen oder < 
hohem Grad wahrscheinlich machen Hesse, dass sie auc 
der Entfernung der theophrastischen Büchersammlung au 
noch gebraucht worden sind. Auch von jenen haben v 
keinen Grund diess zu bezweifeln, sondern wir können 
nicht positiv beweisen; und diess hat bei der Lückenhj 
unserer UeberUeferungen über die philosophische Literat 
Aristoteles nichts auffallendes. Wenn daher Strabo und 1 
glauben, die aristotelischen Lehrschriften seien nach Theo 
Tod der Benützung fast vollständig entzogen gewesen, \ 
diese Voraussetzung durch den nachweisbaren Thatbesta 
schieden widerlegt. Einzelne Schriften kann allerding 
licherweise das Schicksal betroffen haben, das nach jer 



SusEMiHL Arist. Pol. XLIVf 81 stimmt mir bei. Da aber Cicero 
stoteles in der Republik nicht nennt nnd Leg. HI, 6 nor in ganz unbc 
Ausdrucken auf ihn Bezug nimmt, scheint er nicht unmittelbar 
geschöpft zu haben, und es fragt sich, woher er jenes Aristoteli 
SusBMiHL S. XLV denkt an Tyrannio, man könnte aber auch auf 
rathen, den er bekanntlich mit Vorliebe benützt hat. 

1) Der älteste Zeuge dafür ist Timäus b. Folyb. XII, 5—11 v 
selbst; weiter, neben Dioo. (Hermippus) Nr. 145, der Scholiast de 
phanes, welcher (nach einer guten alexandrinischen Quelle) die 
«ehr oft anfuhrt; m. s. Arist. Fr. ed. Rose Nr. 352. B55— 358. 370. 
420 f. 426 f. 470. 485. 498 f. 525. 533. 

2) Ihr Vorhandensein in der alexandrinischen Bibliothek er 
dem Verzeichniss des Dioo. (Nr. 83), ihre Benutzung durch Arii 
von Byzanz und Didymus aus den Belegen, welche Susbmihl S 
Ausgabe nach Trendelsnbubo Grammat. graec. de arte trag, judic 
den Einleitungen und SchoHen zu Sophokles und Euripides zusf 
stellt hat. 



Schicksal s. Schriften. 153 

«De heimgesucht hätte; es kann das eine oder das andere Werk 
mit Theophrast's BibUothek der Schule in Athen verloren ge- 
gangen, von Andronikus nur nach einer Abschrift aus den ver- 
dorboien Exemplaren der suUanischen BibUothek herausgegeben 
worden sein. Allein dass diess bei irgend einem von den bedeu- 
tenderen Werken oder gar bei mehreren derselben der Fall ge- 
wesen sei, ist zum voraus nicht eben wahrscheinHch , da sich 
kaom annehmen lässt, es seien in der peripatetischen Schule zu 
AAen während Theophrast's langer Schulfiihrung von ihren 
wichtigsten Lehrbüchern keine Abschriften genommen wor- 
den; und da sich auch Theophrast selbst nicht zutrauen lässt, 
dasB er zwar in allen andern Beziehungen ftlr seine Schule auf's 
beste besorgt gewesen wäre, dass er ihr Garten und Häuser und 
Museom und die Mittel zum Ausbau des letzteren vermacht, zu- 
gleich aber seine kostbarsten und ftlr ihren Bestand unentbehr- 
lichsten Schätze, seine eigenen und die aristotdischen Schriften ihr 
entzogen hätte, wenn nicht ein anderweitiger Ersatz fUr sie beschaffi 
war. Sollte daher das eine oder das andere von unsem aristotelischen 
Büdiem zu der Vermuthung Anlass geben, dass eine Hand- 
schrift aus der Bibliothek ApeUikon's die einzige Grundlage seines 
Textes bilde, so mttsste diese Vermuthung doch immer filr den 
cinzeben Fall aus der Beschaffenheit dieses Werkes b^ründet 
werden: auf Strabo's und Plutarch's Behauptungen über das 
allgemeine Verschwinden der aristotelischen Lehrschriften nach 
Theophrast's Tod könnte sie sich nicht stützen. 

Nun lässt sich allerdings nicht läugnen, dass ein bedeuten- 
der Theil der aristotelischen Werke Erscheinungen darbietet, 
^dche zu der Vermuthung berechtigen, es seien bei der jetzigen 
^^^t derselben noch andere Hände, als die ihres Verfassers, 
^ Spide gewesen : Verderbniss des Textes, Lücken der wissen- 
*^WUichen Ausftlhrung, Versetzung ganzer Abschnitte, Zu- 
^ten, welche nur von Späteren herrühren können, andere, die 
zwar aristotelisch , aber ursprünglich nicht flir diese Stelle be- 
^^önmt scheinen^ Wiederholungen, die sich einem sonst so spar- 
^^^^ SchriftsteUer schwer zutrauen und doch auch kaum von 
V^mr Interpolation herleiten lassen ^). Zur Erklärung dieser 

1) M. vgl. in dieser Bezieh ung^ um anderes zu übergehen^ was früher 
»'»«rdie Kategorieen (S. 67, 1), n. iQjurjr€(as (69, 1), die Rhetorik (78, 1), 



154 Aristoteles. [10 

flrscheinungen reicht aber Strabo's Erzählung schon desshal 
nicht aus, weU sie sich auch bei solchen Schriften finden^ welcl; 
nachweisbar vor Apelliko im Umlauf waren. Die Gründe de 
selben werden vielmehr im wesentlichen theils in den Umstäi 
den, unter denen diese Schriften verfasst und veröffentlicht wu] 
den^), theils in dem Gebrauch, der beim Unterricht von ihne 
gemacht wurde ^)y theils endUch in der Nachlässigkeit der Äl 
Schreiber und den mancherlei Zufällen zu suchen sein, von dene 
die Abschriften betroffen werden konnten, und die von ein« 
einzigen auf alle aus ihr abgeleiteten zurückwirken mussten. 

Um schliesslich die Frage nach der Zeit und der Abfolg 
zu berühren, in welcher die aristotelischen Schriften verfasst wu 
den, so hat dieselbe bei ihnen lange nicht die gleiche Bedei 
tung, wie bei den platonischen. | Aristoteles war allerdings sdic 
während seines ersten Aufenthalts in Athen als SchriftstelL« 
aufgetreten'), und dass er diese Thätigkeit auch in Atameu 
Mytilene und Macedonien fortsetzte, lässt sich wenigstens ve 
muthen. Die uns erhaltenen Schrift;en jedoch scheinen alle d&. 
zweiten athenischen Aufenthalt anzugehören, so vieles auch ohi 
Zweifel schon filiher ftir sie vorbereitet war. Diess ergibt sie 
zunächst schon aus einzelnen Spuren ihrer Abfassungszeit, weld 
nicht blos ftir die Werke, in denen sie vorkommen, sonder 
auch für alle späteren beweisen^), sowie aus den | häufigen B 

die Metaphysik (80, 2), das 7. Buch der Physik (S6 n.), das 4te der Meteor 
logie (87, 2), das lOte der Thiergeschichte (91, 1), n. tffvxfjs (93, 2), B. 
De gen. an. (97, 1), die Ethik (102, 1), die Poetik (107, 1) bemerkt ist, nJ 
was S. 520 ff. 2. Aufl. über die Politik zn bemerken sein wird. 

1) Vgl. S. 112 ff. 

2) Wie leicht dadurch einzelne Erläuterungen und Wiederholungen 
den Text kommen, für kleinere und grössere Abschnitte doppelte Beccr 
sionen entstehen konnten, liegt am Tage und wird im grossen durch d^ 
Beispiel der endemischen Physik und Ethik bewiesen. 

.3) S. o. S. 69 ff. 

4) So geschieht Meteor. I, 7. 345, a, 1 [eines Kometen Erwähnuni 
welcher unter dem Archon Nikomachns (Ol. 109, 4. 341 v. Chr.) in Athe 
sichtbar war, indem sein Lauf und Standort genau, wie aus eigener späterer £i 
kundigung, angegeben wird. Die Politik berührt nicht blos den heilige 
Krieg wie etwas vergangenes (V, 4. 1304, a, 10), und den Zug des Phaläki: 
nach Kreta, welcher am Schluss desselben, um Ol. 108, 3 stattfand (Diodo 
XVI, 62), mit einem vetoGrl (II, 10, Schi.), sondern auch V, 10. 1311, b, 
die Ermordung Philipp*s (336 v. Chr.), und zwar letztere ohne jed* 



[104] Abfassungszeit ü. Schriften. 155 

Ziehungen auf Athen und selbst auf den Ort des aristotelischen 
Unterrichts, die sich schon in den frühesten von ihnen finden^). 
Wenn femer richtig ist, was sich uns über die Bestini- 
mang unserer aristotelischen Werke für die Schule des Phi- 
loflophen, über ihren Zusammenhang mit seinem Unterricht, über 
die Verweisimgen späterer Schriften auf frühere ergeben hat*), 



AndentiiDg davon, üass sie der neuesten Zeit angehöre. Die Rhetorik be- 
nehtiich II, 23. 1397, b, 81. 1399, b, 12 ohne Zweifel auf Vorgänge aus 
den Jahren 338—336 v. Chr.; HI, 17. 1418, b, 27 führt sie Isokrates* 
Philippas (345 v. Chr.) an; von derselben zeigt Bbandis (Philologus IV, 
10 ff.), dass die vielen in ihr angeführten attischen Redner, welche jUnger 
ils Demosthenes sind, kleinsten Theils vor Aristoteles* erste Abreise von 
Athen gesetzt werden können, und das gleiche wird von den zahlreichen 
Werken des Theodektes gelten, welche hier und in der Poetik benützt sind. 
Metaph. I, 9. 991, a, 17. XU, 8. 1073, b, 17. 32 wird von Eudoxus und 
dem noch jüngeren Kallippus, Kth. N. VII, 14. 1153, b, 5. X, 2, Auf. von 
Spensipp und Eudoxns so gesprochen, als wären sie nicht mehr am Leben. 
VoD der Thiergeschichte hat Rose (Arist libr. ord. 212 ff.) aus VIII, 9. II, 
^t An£ u. a. St gezeigt, dass sie erst einige Zeit nach der Schlacht bei 
^H)elt, in welcher den Macedoniem zuerst Elephanten zu Gesicht kamen, 
uul wahrscheinlich nicht vor dem indischen Feldzug, verfasst (oder doch 
Sendet) sei. Dass aber andererseits auch viel früheres mit einem vvv 
ugefuhrt wird, wie Meteor. III, 1. 371, a, 30 der ephesinische Tempelbrand 
(OL 106, 1. 366 v. Chr.), Polit. V, 10. 1312, b, 10 der Zug Dio's (Ol. 105, 
^ f)» kann bei der Unbestimmtheit dieses Ausdrucks nichts beweisen. Eben- 
"^cnig folgt aus Anal. pri. II, 24, dass Theben damals noch nicht zerstört 
^; eher könnte man aus Polit. III, 5. 1278, a, 25 für diese Schrift das 
^cgentheil abnehmen. 

1) Vgl. Brandis gr.-röm. Phil. II, b, 1 16. Ich setze hier bei, was mir 
Miser dem eben angeführten derartiges aufgestossen ist. Kateg. 4. 2, a, 1. 
^- 9, Schi. : 710V, olov tv Avx^(t^. Anal. pri. II, 24: Athen und Theben, als 
^ele von Nachbarn. Ebenso Phys. IH, 3. 202, b, 13. Ebd. IV, 11. 219, 
^20: ro iv Avxiitp tlva&. Metaph. V, 5. 30. 1015, a, 25. 1025, a, 25: 
^^ nUCaai eig Alytvav^ als Beispiel einer Geschäftsreise. Ebd. V, 24, Schi.: 
^* Athenischen Feste der Dionysien und Thargelien (auch der attischen 
Monate bedient sich Arist z. B. Hist. an. V, 11 u. ö., doch will ich darauf 
^«»n Gewicht legen). Rhet II, 7. 1885, a, 28: 6 h AvxiCt^ xov (fOQfxov 
^o»f. Ebd. in, 2. 1404, b, 22. Polit. VII, 17. 1336, b, 27: der Schauspieler 
^^oras. Athen*6 und der Athener geschieht ohnediess ausserordentlich 
^» Erwähnung (Ind. ar. 1 2, b, 34 ff.) Auch die Bemerkung über die Corona 
^<>reali8 Meteor. II, 5. 362, b, 9 passt, wie Idbler z. d. St. I, 567 f. zeigt, 
^^ die Breite von Athen. 

2) S. 112 ff. vgl. besonders S. 126 f. 131 ff. 



156 Aristoteles. [104. lOS 

80 können alle diese Werke nur in Athen während Aristotde» 
letzter Anwesenheit in dieser Stadt verfasst sein. Nicht mindei 
entscheidend ist endlich hiefÜr die Wahrnehmung^ dass in diesei 
ganzen so umfassenden Sammlung kaum irgend eine nennens. 
werthe Aenderung in den Ansichten oder der Terminologie z% 
bemerken ist. Alles ist so reif und fertig, alles stinmit bis in'' 
einzelste so vollständig überein , die wichtigsten Schriften sin« 
untereinander, mit wenigen Ausnahmen, theils durch ausdrüds 
liehe Verweisungen, theils durch ihre ganze Anlage in einen m 
engen Zusammenhang gesetzt, dass wir in ihnen nicht weitaus 
einanderli^ende Erzeugnisse verschiedener Lebensperioden, sok 
dem nur das planmässig ausgeführte Werk einer Zeit seh^ 
können, in der ihr Verfasser, mit sich selbst vollständig zun 
Abschluss gekommen, die wissenschaftlichen Früchte seines Im^ 
bens zusammenfiEtöste, und auch von den ftllheren Arbeiten dL^ 
jenigen, welche er mit den späteren verknüpfen wollte, ein-^ 
nochmaligen Durchsicht unterwarf. Ebendesshalb ist es aber tt 
diejenige Benützung dieser Schriften, welche uns obliegt, vc 
keiner grossen Wichtigkeit, ob ein Werk filiher oder später ^ 
ein anderes verfasst wurde. Doch muss auch diese Frage imme?^ 
hin untersucht werden. 

Einige Schwierigkeit macht nun zwar hiebei der scha 
fiiiher ^) besprochene Umstand, dass die Verweisungen der arist-^ 
telischen Werke | auf einander mitunter g^enseitig sind; doc:: 
werden dieselben dadurch nicht in dem Mass unbrauchbar, w^ 
man wohl geglaubt hat, da es im Verhältniss zu der grosse 
Anzahl der Anftihrungen doch immer nur Ausnahmen sind, um dfi 
es sich hier handelt, und unser UrtheU über die Reihenfolge dö 
Schriften nur in wenigen Fällen durch die Gegenseitigkdt dö 
Verweisimgen in's Schwanken gebracht wird. Im besonderea 
werden wir unter den uns erhaltenen Werken, so weit sie siel 
nicht jeder derartigen Bestimmung entziehen^), die logischen 

1) Vgl. S. 127 ff. 

2) Was aber nur bei solchen Schriften der Fall ist, deren Aechtheil 
auch aus anderweitigen Gründen zu bestreiten ist. Von ihnen wird nicht 
allein selbstverständlich keine in den ächten, und nnr eine einzige in einei 
nnächten Schrift angeführt, sondern es verweisen auch nur die wenigstei 
auf andere Schriften, während unter den für acht zu haltenden Werken keii 
einziges ist, das nicht andere anführte oder von ihnen angefiihrt oder docl 



I 



[106] Reihenfolge d. Schriften. 157 

mit Ausniüiine des Schriftchens über die Sätze ^), für die ersten 
zu I halten haben. Denn theils ist es natürlich und dem metho- 
dischen Verfahren des Aristoteles entsprechend, dass er der ma- 
tddlen Ausführung seines Systems jene formalen Untersuchungen 
voranschickte^ durch welche die Begeln und Bedingungen alles 
wissenschaftlichen Denkens festgestellt werden sollten; theils er- 
heDt auch aus seinen eigenen Anftihrungen, dass dieselben den 
natorwissenschaftUchen Werken , der Metaphysik, Ethik und 
Rhetorik vorangiengen '). Unter den logischen Schriften selbst 
schonen die Kategorieen die erste zu sein; auf sie folgte die 
Topik, mit Einschluss des Buchs über die Trugschlüsse, dieser 
die zwei Analytiken ; erst später ist die Abhandlung von den 
Sitzen beigeftlgt worden *). Jünger als die Analytik, aber älter 
^ die Physik scheint die Erörterung zu sein, welche jetzt das 

'V'oraoggesetzt würde, bei den meisten aber beides der Fall ist. Näher verhalt 

^s sich damit so. I. Von den entschieden anächten Werken werden a) 

^cder angefahrt noch fuhren sie andere an: tt. xogjuov; ji. XQtafiaxtov; n. 

««owrioh»; ifvtnoyvaifiovtxd; n, (pvxiov (vgl. S. 98, u.); n, &av^aai(ov 

'^ovafittTUP ; jUJixavtxa; it. arofitov yQafÄfitäv; avifJLtav f^^OHg; n. S(vo~ 

ywovff a. s. w.; rjS^ixa fnydXa; n. aqnmv xtil xaxüov; oixovofjuxa; 

^ro^ur^ TiQog IdXi^av^QOV. b) II, nvevfAttTog fuhrt keine andere an, wird 

^^ in der anächten Abhandlang n, C^ory xivriaetog angeführt, c) Umgekehrt 

^^ die letztere selbst nie angeführt, während sie einige andere Schriften 

^«nnt; ebenso die endemische Ethik, falls ihre Citate auf aristotelische 

^^ke gehen. II. Unter den übrigen Schriften sind die Kategorieen die 

einzige, welche keine andere anführt, and sie werden auch nicht direkt 

*Dgefnlirt (doch vgl. S. 67, u.) ; n. iQfxtjviiag, n. r. xtt&^ vnvov juavrix^s 

'^nd die Rhetorik fuhren andere an, werden aber nicht angeführt; n. ^t^tjv 

ytf^ttf hat viele Anführungen, wird aber nur Einmal als zukünftig ge- 

'»&Qt; Ton der Metaphjrsik wird nur B.Y in ächten, B. I. XII und XIII in 

<>i>ichten Schriften angeführt oder benützt (vgl. S. 80, 2. 83, 1), sie ihrerseits 

«tirt die Analytik, die Physik, De coelo, die Ethik. 

1) Worüber S. 69, 1. 

2) Ausser den S. 70, 1. 72, 2 gegebenen Nachweisungen gehört hieher 
'^^ eotKheidende Stelle Anal. post. II, 12. 95, b, 10: fiäXXov Jk fpave^i 
" ToiV xa^oXov neql xiv^aftog cfcr Xe^^vai ntQl avrtov. Die Physik aber 
^ ^ früheste von den naturwissenschaftlichen Werken. Auch das nega- 
^* Merkmal trifit zu, dass in den Kategorieen, den Analytiken und der 
^^Pik keine von den übrigen Schriften angeführt wird. 

3) S. S. 67, 1. 70, 1. 72 und die S. 69, m. angeführte Abhandl. von Brandis, 
deiche 8. 256 ff. durch eine Vergleichung der Analytiken mit der Topik die 
^ere Abfassung der letzteren darthut. 



158 Aristoteles. [106. 

flinfte Buch der Metaphysik bildet '). An dieae Untersuchui 
schliessen sich die naturwissenschaftlichen , und unter ihnen 
nächst die Physik an, welche in der Analytik erst für die 
kunft in Aussicht gestellt wird und die ebengenannte meta] 
sieche Abhandlung berücksichtigt, welche aber nicht allein 
der Metaphysik und Ethik, sondern auch von der Mehrzahl 
übrigen naturwissenschaftlichen Werke angeflihrt oder vor 
gesetzt wird, während sie ihrerseits keines von ihnen als an 
vorhanden anfllhrt oder voraussetzt ^). D^iss auf sie die Bü 
vom Himmel*) und vom Eijtstehen und Vergehen nebst 
Meteorologie in dieser Ordnung folgten , sagt die letztere 
bestimmt*). Ob diesen Untersuchungen über die unorgani 
Natur die Thiergeschichte oder die Schrift von der Seele 
Zeit nach näher steht, lässt sich nicht entscheiden; sehr mög 
dass das erstgenannte Werk, weitschichtig, wie es ist, vor t 
zweiten begonnen, aber erst nach ihm vollendet wurd 
Mit der Schrift von der Seele sind jene kleineren 
handliingen zu verbinden, welche | theils ausdrückHch *), tl 
durch ihren Inhalt auf sie zurückweisen; doch ist dn Theil 
selben wohl erst nach den Werken über die Theile, den Q 
und die Erzeugung der Thiere oder während der Ausarbeit 
derselben verfasst worden '), welche sich im übrigen zunä 
an sie anreihen; denn dass sie jünger sind, als die TI 
geschichte, die Schrift von der Seele und die ihr zunächst 



1) Denn sie wird einerseits in der Physik und De gen. et corr. bei 
sichtigt (s. o. SO u. 127, 5), andererseits scheint sie e. 30 Schi, auf J 
post. I, 6. 75, a, 18 ff. 28 ff. hinzudeuten; doch ist das letztere nicht si 

2) S. o. 85, 1. Ind. arist. 102, a, 53 ff. 98, a, 27 ff. 

3) Welche man schon wegen der auf sie gehenden Verweisungen, 
auch aus anderen Gründen, nicht mit Blass (Rhein. Mus. XXX, 498. 
fiir eine hjpomnematische Schrift halten kann. 

4) Meteor. I,], wozu man weiter S. 87, 1. Ind. arist 98, a, 44 ff., 
das Citat der Schrift n. Ctpfov nogiiag De coelo II, 2 betreffend S. 
vergleiche. 

5) Dass die Vollendung der Thiergeschichte nicht zu frühe gc 
werden kann, wird aus dem hervorgehen, was S. 154, 4 angeführt wun 

6) So TT. aia&^a€togf n, vnvov, n, Ivvnvtmv, n. avanvorjg (Ind. ar. 
b, 60 ff.) 

7) S. o. 95 unt. foig. 



[107.108] Reihenfolge d. Schriften. 159 

genden Abhandlungen, steht ausser Zweifel ^) ; dass sie anderer- 
sdts d^ Ethik und PoUtik vorangehen, ist desshalb wahrschein- 
ficb; weil sich nicht annehmen lässt, Aristoteles habe seine natur- 
wissenschaßlichen Darstellungen durch ausfUhrUche Arbeiten in 
80 ganz anderer Eichtung unterbrochen ^). Eher könnte man 
fragen, ob die ethischen Schriften nicht überhaupt vor die phy- 
fflkalischen zu setzen seien'*). Wiewohl sich aber diese Frage 
durch ausdrückliche Verweisungen der einen auf die andern (ab- 
gesehen von einer Anführung der Physik in der Ethik)*) nicht 
^tscheiden lässt, werden wir doch ftlr die frühere Abfäawsung 
der naturwissenscliaftlichen Bücher stimmen müssen; denn wer 
so, wie Aristoteles, überzeugt war, dass der Ethiker die mensch- 
lidie Se§|e kennen müsse ^), von dem lässt sich erwarten , dass 
er die Untersuchung über die menschliche Seele der über die 
sittKchen Thätigkeiten und Verhältnisse voranstellte; und wirk- 
lich sind auch in der Ethik die Spuren der Seelenlehre und der 
ihr gewidmeten Schrift kaum zu verkennen ®). An die Ethik 
adiliesst sich unmittelbar die Politik | an^); später als beide wäre 
den Anführungen nach die Rhetorik zu setzen, vor dieser , aber 
^MMih der PoUtik, die Poetik verfasst worden. Indessen gilt diess 
wahrscheinlich nur von einem Theil, oder höchstens von allen 
den Theilen der PoUtik , welche Aristoteles überhaupt ausge- 
breitet hat; an der Vollendung des Ganzen dagegen scheint 
^ der Tod verhindert zu haben ^). Ebenso sind in unserer 



1) S. 8. 93, 2. 94, 1. 91, 1. Ind. arist. 99, b, 30 ff. 

2) Die weitere Frage nach der Reihenfolge der genannten drei Schriften 
'^^ schon S. 96 f. erledigt. 

3) So Rose Arist. libr. ord. 122 ff. 

4) Eth. X, 3. 1174, b, 2 vgl. Phys. VI—VIII. 
5)Eth. I, 13. 1102, a, 23. 

6) Bemft sich auch Arist Eth. I, 13. 1102, a, 26 ff. nicht auf De an. 
^1 9. 432, a, 22 ff. II, 3, sondern auf die i^tuTigtxol Xoyoi, so scheint 
*^k II, 2, Anf. die Mehrzahl der theoretischen Schriften schon vorauszu- 
*****»• Wenn es aber solcher Spuren nicht mehrere sind, haben wir uns 
^^ vielleicht daraus zu erklären, dass Aristoteles bei der praktischen 
AJ^weckung der ethischen Werke (Eth. I, 1. 1095, a, 4. JI, 2, Anf.) keine 
^Btenuchungen hereinziehen wollte, welche für diesen Zweck entbehrlich 
*»^; Tgl. I, 13. 1102, a, 23. 

7) 8. S. 104, 1. 

8) Vgl. S. 130. S. 520 ff. 2. Aufl. Ist aber diese Annahme richtig, so 



160 Aristoteles. [] 

Metaphysik allen Anzeichen nach mit einem Werke, das 
teles unvollendet hinterliess, mehrere andere, theils ächt( 
nnächte Stücke verbimden worden^). 

4* Standpunkt, Methode und Theile der aristotelis« 

Philosophie. 

Wie Plato an die sokratische, so knüpft Aristoteles z 
an die platonische Philosophie an. Auch die früheren 
sophen hat er zwar in umfassender Weise benützt. V 
diger, als irgend ein anderer vor ihm, mit den Lehre 
Schriften seiner Vorgänger vertraut, liebt er es, der 
Untersuchung eine Uebersicht über ihre Ansichten v 
schicken; er lässt sich von ihnen die Aufgaben bezeichne 
die es sich handelt, er will ihre Irrthümer widerlegen, il 
denken lösen, das richtige, was sich bei ihnen findet, au: 
Aber einen bedeutenderen Einfluss üben die vorsokn 
Systeme bei ihm weit mehr auf die Behandlung | einzelne 
gen, als auf das Ganze seines Standpunkts. Im Princi 
sie schon von Plato widerl^; Aristoteles findet es nich 
nöthig, sich mit ihnen so eingehend auseinanderzusetz 
jener*). Noch weniger lässt er sich, wenigstens in de: 
vorhandenen Schriften, auf jene propädeutischen Erörtc 
ein, durch welche Plato das Recht der Philosophie und c 
griff des Wissens theils dem gewöhnlichen Bewusstsein, 
der Sophistik gegenüber erst festgestellt hatte. Er setzt c 
gemeinen Standpunkt der sokratisch - platonischen Begrii 
Sophie voraus, und will nur innerhalb dieses Standpunkts 

wird es auch dadurch unwahrscheinlich, dass die mit der Politik 
zusammenhängende Ethik vor den naturwissenschaftlichen Werken 
sein sollte. 

1) Vgl. S. soff., und über die Citate der Metaphysik S. 156, 2. 
Annahme (Arist. libr. ord. 135 ff. 186 f.)» dass die Metaphysik dei 
liehen naturwissenschaftlichen Schriften, oder doch den zoologische] 
gehe, macht die thatsächliche Beschaffenheit dieser Schrift zum unerk 
Käthsel. Die Physik ohnedem nebst den Büchern vom Himmel 
zahlreichen Stellen der Metaphysik (Ind. ar. 101, a, 7 ff.) als sei 
banden, die Metaphysik Phys. I, 9. 192, a, 35 als erst zukünftig ai 

2) Auch Metaph. I, 8 werden ihre Principien nur kurz, vom a 
sehen Standpunkt aus, beurtheilt, und gerade die Eleaten und Hen 
denen sich Plato so viel beschäftigt, übergangen. 



i 



[109] Standpunkt. Igl 

genauere Bestimmung der leitenden Grundsätze^ durch ein stren- 
geres Verfahren, durch Erweiterung und Verbesserung der 
wissenschaftlichen Ergebnisse ein vollkommeneres Wissen ge- 
winnen. Wiewohl daher in seinen eigenen Schriften neben der 
yid£sM^en und scharfen Polemik gegen seinen Lehrer die spär- 
liche Aeusserungen der Zustimmung fast verschwinden^), ist 
doch in der Hauptsache seine Uebereinstimmung mit Plato weit 
grösser, als sein Gegensatz gegen denselben ^) , und sein ganzes 
System lässt sich nur dann verstehen, wenn wir es als eine 
Umbildung und Fortbildung des platonischen, als die Vollendung 
der von Sokrates begründeten und von Plato weiter geführten 
Begrifbphilosophie betrachten. 

Mit Plato stimmt Aristoteles zunächst schon in seiner An- 
sicht über den Begriff und die Aufgabe der Philosophie grossen- 
thols überein. Ihr Gegenstand ist auch nach ihm nur das 
Seiende als | solches'), nur das Wesen, und näher das allgemeine 
Wesen des Wirklichen*); es handelt sich in ihr um die ür- 



1) Jene Polemik, wie sie namentlich gegen die Ideenlehre Metaph. I, 9. 
^Sl. XIV o. o. geführt ist, wird uns noch später beschäftigen ; Stellen, worin 
■ich Arist ansdrücklich mit Plato einverstanden erklärte, finden sich nur 
^«oige; ansser dem, was S. 12. 15, 4 angeführt wurde, s. m. Eth. N. I, 2. 
JW5,a,32. II, 2.1104, b, 11. De an. III, 4. 429, a, 27. Polit. 11,6. 1265, a, 10. 

2) M. Tgl. hierüber auch die guten Bemerkungen von Strümpell Gesch. 
^' theor. Phil. d. Gr. 177. Aristoteles selbst fasst sich, wie schon S. 15, 3 
^i&erkt wurde, nicht selten in der ersten Person mit der übrigen platoni- 
'^«n Schule zusammen. Sein gewöhnliches Verfahren ist aber freilich das 
^'^theil des platonischen. Während Plato auch sein eigenes, selbst wo 
^ <lem ursprünglich sokratischen widerspricht, seinem Lehrer in den Mund 
gelegt hatte, bestreitet Aristoteles den seinigen nicht selten auch da, wo sie 
U) der Hauptsache einverstanden und nur in Nebenpunkten verschiedener 
Meinung sind. 

3) Anal. post. II. 19. 100, a, 6: ix J' (fjiniiq(ag . . . J^x^fli «Qxh *«^ 
«^'ffr^^jjf, luy ijikv mgl y^viOiVf r^ri^j, iitv dk m^l t6 ov, inunrijdrjs, 
^«toph. IV, 2. 1004, b, 15: t^ ovti y ov tan xiva Mi«, xai ravt" larl 
^^^ m Tov (piXoOoffov intaxiipaa&ai. tälri&ig. Ebd. 1005, a, 2. c. 3. 
1^, b, 10. 

4) Metaph. III, 2. 996, b, 14 ff., wo u. a.: xb ilS{vtti exacrrov . . . ror* 
*'ö^*o {maQxfiV, orav elSei^iv rCiariv. VII, 1. 1028, a, 36: eiSivai tot* 
^'Ofu^ IxaOTov fialiora, orav tC iartv 6 avS-^nog yv^juev ^ rb nvQy 
'If^^ 5 ro noibv rj ro noaov rj ro nov u. s. w. c. 6. 1031, b, 20: tö 
^^i^tim^at txaatov tovto Ioti t6 tC t^v ilvai inlaxaa&ai. Ebd. Z. 6. XIII, 

2«U§r, Philo!, d. Gr. U. Bd. 2. Abth. 8. Aufl. 11 



162 Aristoteles. [110^ 

Sachen und Gründe der Dinge ^), und zwar um ihre hödiBten 
und allgemeinsten Gründe, und in letzter Bezidiung um daf 
schlechthin Voraussetzungslose ^) ; wesshalb er denn auch, mit 
Rücksicht auf diesen Einheitspunkt alles Wissens, dem Ph3o- 
sophen in gewissem Sinn ein Wissen um alles zuschreibt*) 
Wie femer Plato das Wissen, als die Erkenntniss des Ewigen 
und Nothwendigen , von der Vorstellung oder Meinung, deroi 
Gebiet das ZuMlige ist, unterschieden hatte, so auch Aristoteles: 
das Wissen entsteht ihm, wie Plato, aus der Verwunderung, am 
dem Irrewerden der gewöhnlichen Vorstellung an sich sdbst*), 
imd Gegenstand desselben ist auch ihm nur das Allgemeine und 
Noth wendige, das Zu&llige kann nicht gewusst, sondern nur ge- 
meint werden; wir meinen, wenn wir glauben, dass etwas auch 
anders sein könnte, wir wissen, wenn wir die Unmöglichkeit de» 
Andersseins einsehen; beides ist daher so wenig einerlei, dasse» 
viehnehr, nach Aristoteles, geradezu immöglich ist, dasselbe zu- 
gleich I zu wissen und zu meinen^). Ebensowenig kann das 



9. 1086, b, 5: die Begriffitbestimmung ist unerlässlicb, uv€v fikv yäg tov 
xcc^oAou Ol'« (OTiv iTnarrjfirjv Xaßtlv. c. 10. 1086, b, 33: ij iniarrifiri ruf 
xa^Xov. in, 6, Seh].: xa(^6Xov al iniaTrjfiai nuvTiov, III, 4. 999, b, 26: 
rb fnCaittad-ai, ntSg itnai, (t jui^ xi forai ?r inl navrtov; ebd. a,28. b»!' 
XI, 1. 1059, b, 25. Anal post. I, 11, Anf. II, 19. 100, a, 6. I, 24. 85, b, 
13. Eth. N. VI, 6, Anf. X, 10. 1180, b, 15. Weitere» unten, in der Lehre 
vom Begriff. 

1) Anal. post. I, 2, Anf. : ijiCaraa&at dk oiofii^^ ixaorov . . . oraf f^^ 
t' aUCav ottjfjied^a yivtüoxeiv J*' ^v rb nQäyjud iattv . . . xal firi M^«f9i^ 
Tovt" alXtos h^iv. Ebd. c. 14. 79, a, 28. II, 11, Auf. n. o. Eth. N. VI, 7. 
1141, a, 17. Metaph. I, 1. 981, a, 28. 982, a, 1. c. 2. 982, a, 12. 982, b, 2 ff. 
VI, 1, Anf. Vgl. ScHWBOLBK Arist. Metaph. III, 9. 

2) Phys. I, 1. 184, a, 12: toi« yaq olojued^a yivmaxHV HxaaroVf of«' 
rä ahia yvtoQCaojftev r« nQtSra xal ras ag^äs rag nQuiras xal fiix^ ^^ 
OTOix^ttav. Ebd. II, 3 Anf. Metaph. I, 2. 982, b, 9: dit yag tavtifv (!^^ 
jenige Wissenschaft, welche den Namen der aoipCa verdienen soll) ^^ 
TTQmrtov uQX^'^ ^"^^ alruSv elvai ^etaQTjT$xriv, c. 3, Anf.: tot« yuQ dSif^ 
tfufikv exaaroVf orav rrjv nqmriv alxCav ol<ofi€9a yvtigCCeiv. III, 2. 9^ 
b, 18. IV, 2. 1003, b, 16. IV, 8. 1005, b, 5 ff. 

3) Metaph. I, 2. 982, a, 8. 21. IV, 2. 1004, a, 35. 

4) Metaph. I, 2. 982, b, 12 : Sicc yag rb »av^ainv ol av&^noi %^ 
vvv xttX rb 71 QtSrov ^^larro (fiXoao(feiv u. s. f. Ebd. 983, a, 12. y$ 
1. Abth. 511, 4. / 

5) Anal. post. I, 33 vgl. ebd. c. 6, Schi. c. 8, Anf. c. 30 ff. Metaph. Vt^ 



[111] Standpunkt. 163 

Wksen in der Wahrnehmung bestehen, da uns die letztere nur 
über das Einzehie, nicht über das AUgemeine , nur über die 
Thatsachen, nicht über die Ursachen unterrichtet ^) ; und ähnlich 
unterscheidet es sich von der blossen Erfahrung dadurch, dass 
ans diese nur von dem Dass eines Gegenstandes Kunde gibt, 
jenes auch von dem Warum*;; das gleiche Merkmal, wodurch 
Hato das Wissen von der richtigen Vorstellung imterschieden 
hatte. Auch darin endlich begegnet sich Aristoteles mit seinem 
Lehrer, dass er ebenso, wie dieser, die Philosophie für die Be- 
berrsdierin aller andern Wissenschaften, und die Wissenschaft 
überhaupt für das höchste und beste, was der Mensch er- 
reichen kann, ftir den wesentlichsten Bestandtheil seiner Glück- 
s^eh erklärt^). 



15. VI, 2. 1026, b, 2 ff. Eth. N. VI, 3. 1139, b, 18. c 6, Anf. Ebendahin 
gehört die Widerleguiu; des Satzes, dass für jeden wahr sei, was ihm als 
wilir erscheint, die Metaph. IV, 5. 6 ähnlich, wie im platonischen Tbeätet, 
g«fthrt wird. 

1) Anal. post. I, 31 : ovdh (Tt'* alad-rjaeatg tartv iTiiaraad-ai. Denn die 
Wihmehmiuig geht jmmer auf Einzelnes (mehr hieVüber tiefer nnten). to 
ii xa^okov xttl (nl naotv udvvaTov aia&aveaO^a^ n. s. w. Selbst wenn 
litt tehen könnte, dass die Winkel eines Dreiecks zwei Rechten gleich sind, 
^er dass bei der Mondsfinstemiss die Erde } zwischen Sonne und Mond 
^t, wäre diess doch noch kein Wissen, so lange^die allgemeinen Gründe 
jener Erscheinungen nicht erkannt wären. 

2) Metaph« I, 1. 981, a, 28. 

3) M. s. Metaph. I, 2. 982, b, 4: («(»/ixctirar?; dk rüjv ^Tridrij^aiy, xal 
1^^ uQX'^i ^^ vnriQiTovOrjSi »5 yptaqliovaa xlvog ävtxiv iart ngoxriov 
^^fmov' TovTO <f' laxl rayaS^ÖP iv ixdarois. Jene Wissenschaft aber sei 
^«1 welche die obersten Gründe und Ursachen untersucht, da ja das Gute 
^ der höchste Zweck auch zu diesen gehöre. Ebd. Z. 24: drjlov ovv, tas 

^We^ 6 avxov ^vixa xal jurj älkov cSr, otroi xal avjfj fiovti HtvS'iQa 
owtt r(»v IntOTTifiiav' fiovri yag avrri ceut^; €v€x^v lanv dtb xal dutalotg 
^ 9ix av&QomivTi vofil^ono airtrii i} xtfiati . . . dlX* out« t6 9-iiov (p&ovi' 
9^ h64xiTai elva^ . . ovre rfjg rotavTiis clllfjv x^h vofillivv T^fiian^Qav ' 
' yo^ ^CiOTCtri} xal rifnondxr\ .... dvayxaioJi^i. fihv ovv näaa$ Tavrrjg, 
^fiiimf (f* ovd%fiCa. XU, 7. 1072, b, 24: 17 d^etogia ro ^itarov xai ägiorov, 
^^ N. X, 7 : die Theorie ist der wesentlichste Bestandtheil der vollendeten 
ölfidueligkeit; vgl. z. B. 1177, b, 30: ei 6ri S^eiov 6 vovg ngog rov dv&QtDnov, 
**i xaxä rovTov ßlog ^eiog nqbg t6v itvd-qtanivov ßloV ov x^h ^^ *«^« 
^^k naoaivovvrag dv&Qiamva if^ovHv av&{ito7tov ovra oidk ^ijrä rov 
**^w, oZJl' ifp* ooov M^x^rat a^avarC^Hv xal ndvxa noulv nQog t6 

11* 



164 Aristoteles. [! 



Vollkommen fällt aber allerdings der aristotelische Be( 
der Philosophie mit dem platonischen nicht zusammen. N 
Plato ist die Philosophie ihrem Umfange nach der Inbej 
aller geistigen und sittlichen Vollkommenheit, sie umfasst di 
bei ihm ebenso das Praktische, wie das Theoretische, um 
schärfer wird sie dagegen ihrem Wesen nach von jeder and 
G^testhätigkeit unterschieden; Aristoteles hat sie einestl 
g^en das praktische Leben genauer abgegrenzt, andemä 
mit den Er&hrungswissenschaften in ein näheres Verhältniss 
setzt. Die Philosophie ist nach seiner Ansicht ausschliess 
Sache des theoretischen Vermögens; von ihr unterscheide! 
sehr bestimmt die praktische Thätigkeit, welche ihren Zweci 
dem von ihr hervorzubringenden, nicht, wie jene, in sich se 
hat, und nicht rein dem Denken, sondern auch der Mein 
und dem vemunftlosen Theil der Seele angehört; ebenso a 
das künstlerische Schaffen (die ftoir^oig), welches gleichfalls 
etwas ausser ihm liegendes gerichtet ist'). PafÜr verknüpf) 
mm aber die Philosophie enger mit der Er&hrung. Plato h 
alle Betrachtung des Werdenden und Veränderlichen aus ( 
Gebiete des Wissens in das der Vorstellung verwiesen, imd a 
den üebergang von dieser zu jenem nur in der negativen W 
gemacht, dass die Widersprüche der Vorstellimg von ihr v 
ftlhren und zur reinen Betrachtung der Idee hintreiben solli 
Aristoteles, wie wir sogleich sehen werden, gibt der Erfisihr 
ein positiveres Verhältniss zum Denken, er lässt dieses aus y 
auf affirmativem Wege hervorgehen , indem das in der Er 
rung gegebene zur Einheit zusammengefasst wird. Plato li 
femer geringes Interesse, von der Betrachtung des Begriffi 
dem einzelnen der Erscheinung herabzusteigen; der eigentl 
G^enstand des philosophischen Wissens sind ihm nur die re 



C^v xara to XQtiTKTTov raiv (v avTtp . . . ro oixiiov ixaartp rj (pvati xi 
arov xal ^itarov iartv ixdUTtp' xal r^ avS-gtüirtp ^ri 6 xarä tov vovr 
ilniQ loVTo ^akiata av^^tonog' ovrog uqu xal ivdaifiovitnajoq, 

1178, b, 28: lip* oaov dri diarehei ril&itoQCa, xal ^ ^v6a^fiov(a. Vgl 

1179, a, 22. Eth. Eud. VH, 15, Schi. Weiteres in der Ethik. 

1) M. 8. ausser dem eben angefahrten: Eth. N. VI, 2. c. 5. 1140, i 
b, 25. X, 8. 1178, b, 20. VI, 1. 1025, b, 18 ff. XI, 7. De an. III, 10 
a, 14. De coelo III, 7. 306, a, 16. Das gleiche wiederholt dann £ce 
Eth. I, 5 g. E. und der Verfasser von Metaph. II, 1. 993, b, 20. 



I 



[113] Standpunkt. 165 

B^riffe. Aristoteles gibt zwar gleichfalls zn, dass es die Wissen- 
schaft mit dem aUgemeinen Wesen der Dinge zu thun habe, 
aber er bleibt nicht hiebei stehen , sondern als ihre eigentliche 
I Aufgabe betrachtet er eben die Ableitung des Einzelnen aus 
dem Allgemeinen (die aTtodei^tg s. u.): die Wissenschaft soll mit 
dem Allgemeinen und Unbestimmten anfangen, aber zum Be- 
läniiiten fortgehen^), sie soll das Gegebene, die Erscheinimgen 
erklären^), und sie soll hiebei nichts, auch das unbedeutendste 
nicht, geringschätzen, denn auch in solchem Uegen imerschöpf- 
Eche Schätze des Erkennens^). Aus diesem Grunde macht er 
nmi allerdings an das wissenschafdiche Denken selbst weniger 
strenge Anforderungen, als sein Vorgänger. Er gibt dem Wissen 
imd dem wissenschaftUchen Beweis nicht blos das Nothwendige, 
sondern auch das Gewöhnhche (to wg €7vl to 7io?.v) zum In- 



1) Metaph. XHI, 10. 1087, a, 10: t6 Sk rrjv iniorijfinv ilvai xa&okov 
niouv . . . ?/«« fikv ^akutj^ anooCttv TtüV li)^&ivT(av^ od /utjv all^ latt 
fih US uXfj^hg TO X(y6fÄivoVf eari d* ws ovx alij&^g' ij yag IniaT^fiti, 
*»07itQ xal TO iTtiaraa^aiy dirrbv, (ov to fjh dwa/uH rb dk lviQye((f' ^ 
fih ovv Svvapng tag iXr} [tov] xa&okov olaa xai aoQKTTog tov xa&olov 
»oi noQfarov iorlv, rj ö* iv^Qy€ia wqta^^vr) xnl taQM^vov ro^e n ovaa 
^oC'ii uvog. 

2) Metaph. I, 9. 992, a, 24 (gegen die Ideenlehre) : oAcu; ^k Cv^ovarig 
^i ootpiug thqI rtÜv (f.av€Q«5v rb uItiov, tovto juhv eidxttfxev (ov&kv yaq 
^yofiiv Titgl T^ff aliCag o&iv ij olqx^ tr^g jueraßoXijg) n. s. w. De coelo III, 
1. 306, a, 16 : riXog dk rijg fxh' notrjTiXTJg iTnori^inTjg lo tqyoVy rrig dk 
^i^ixiff ro ifMVo^evov del xvgCwg xartt Ttjv afad^rjaiv. De an. I, 1. 402, 
*» 16: doixe J' ov fiovov ro rC iari yvoSvai /(>i}(T*jMov e7vai nqog t6 
^i*»^ittt^ ritg atttag ra>v avfiß^ßrptortov raig ovaCmg . . . dlXu xal dvdnaliv 
»« ovftßißrixora avfißdXXnat fiiya fii^og n^bg to tiSivai xo rC iartV 
''««foir yuQ fj[€a/Äiv dnodtdovat xard ttiv (pavraaCav mgl tiuv avfißißrixo- 
"•»' »j ndvtnv rj räv nXciartov, tot« *al negl rijg oiaCag ^^/uv Xfynv 
««uiiffTo' ndofig yuQ dnodiiU^S dg/rj to ri iariVf aton xaS-* oaovg Ttov 
^fitav fiti avfißaivH td avfißeßrjxora yviog^C^tv . . . Sfjlov Sri dialiXTi- 
^ itifritra^ xal xivt^g anavreg. Vgl. c ö. 409, b, 11 ff. 

3) Part an. I, 5. 645, a, 5: Xoinbv negi rrjg C^^^ix^g tpvaeojg tintlv, 
(^^^9 TiagaUnovrag üg dvvufuv fATJre drifÄoreQov ^rixi Ti/xuoregov' xal 
'/■? h roTg firi xtXftQMifi,ivoig aimuv ngbg ttiv ala^OiV xaTa ttiv d^itogCaV 
®M«»f ^ 6fifi$ovgyiiaaaa <pvatg dfifixdvovg ridovdg naglet Totg dwafiivoig 
*«f alr/fff yrmgl^HV xal (pvaei tfiXoaoifoig . . . <f«o dil fiij Svgx^ga(vuv 
^*touuag Tifv mgl Ttiv dTifiwtigtov itfitov iniaxtrptv' Iv näoi ydg Toig 
V-'^^aig tviOTl T* SavfiaCTov u. s. w. De coelo II, 12. 291, b, 26. 



166 Aristoteles. [113] 

halt^); er hält es für ein Zeichen wissenschaftlicher Unreife, 
wenn man flb: alle Arten der Untersuchung die gleiche wissen- 
schaftliche Strenge verlange ^)y während es doch von der Natur 
des Gegenstands abhänge ^ welche Genauigkeit sich in jeder 
Wissenschaft erreichen lasse ^); und wo ihm zwingende Beweis- 
gründe fehlen, will er sich mit dem Möglichen und Wahrschein- 
lichen b^nügen, die bestinmitere Entscheidung dagegen auf fer- 



1) Anal. po8t. I, 30. II, 12, Schi. part. an. III, 2. 663, b, 27. Metiph. 

VI, 2. 1027, a, 20. XI, 8. 1064, b, 32 ff. Eth. N. I, 1. 1094, b, 19. 

2) Eth. N. I, 1. 1094, b, 11—27. c. 7. 1098, a, 26. H, 2. 1104, «, 1. 

VII, 1, Schi. IX, 1. 1166, a, 12. (Polit. VII, 7, Schi, gehört nicht Weher.) 
Die ethischen Untersuchungen besonders sind es, für welche A. hier die 
Anforderung einer durchgingigen Genauigkeit abweist, weil die Nator der 
Sache sie nicht verstatte : denn bei der Beurtheilung der Menschen und der 
Erfolge unserer Handlungen beruhe vieles auf einer nur im allgemeinen and 
in der Regel zutreffenden Schätzung. 

3) Genauer (ax^ißect^Qa) ist nach Anal. post. I, 27 diejenige Wissen' 
Schaft, welche mit dem ort zugleich das 6i6t& feststellt, die, welche es mit 
rein wissenschaftlichen Bestimmungen, nicht mit ihrer Anwendung auf ein 
Gegebenes zu thun hat, (rj juri xa&* vnoxHfiivov [ttXQiß^aT^Qa] Ttjg x«^ 
vTioxHfiivovy oiov aQi&^tiTixTi ttQfjiovixijg), endlich die, welche ihre Er- 
gebnisse aus einer kleineren Zahl von Voraussetzungen ableitet, (s. B. die 
Arithmetik im Vergleich mit der Geometrie) also die abstraktere (i; l^ ihtt' 
lovtov rrjg ix ngog^^atag^ wie auch Metaph. I, 2. 982, a, 26, unter An- 
führung des gleichen Beispiels sagt). Das letztere wird auch so ansgedräekt 
(Metaph. XIII, 3. 1078, a, 9): oatp cf^ av nfQi ngorigtay rtfi Xoytp (^ 
dem Begriff oder seiner Natur nach frühere, *den Principien naher stehende; 
Tgl. S. 138, 2 2. Aufl.) xal anlovar^gtav, roaovrtp fjiällov l/c« rax^ß^- 
Hieraus folgt von selbst, dass die erste Philosophie nach Arist. der höchsten 
Genauigkeit fähig ist (vgl. Metaph. I, 2. 982, a, 25: axqißiinajfu Sk rtfV 
iniortififSv at ftdliara rtov ngtortav iiaC)y jede andere Wissenschaft eiocf 
um 80 geringeren, je mehr sie zum Sinnlichen herabsteigt (vgl. a. a. 0. 1018, 
a, 11 f.); denn in diesem nollii ^ tov aoQlatov fpvaig Ivirni^x^^ (Metaph. 
IV, 5. 1010, a, 3; weiteres S. 250 ff. 2. Aufl.); und so sind denn die Natur- 
wissenschaften noth wendig weniger genau, als di^enigen, welche sich mit 
dem Unbewegten beschäftigen, wie die erste Philosophie, die reine Mathe- 
matik und die Seelenlehre (an der De an. I, 1 Anf. ihre axQi߀ui rühmt), 
die, welche das Vergängliche zum Gegenstand haben, weniger, ak die Astro* 
nomie (Metaph. 1078, a, 11 ff.). Wenn jedoch Kampe (Erkenntnisstheorie 
d. Ar. 254) sagt, in der Scala der axqtßva nehme die Wissenschaft der 
Nator die niederste Stelle ein, so wäre diess, nach dem vor. Anm. ange- 
führten, eher von der Ethik und Politik zu sagen. 



[114] Standpankt. 167 

nere Betrachtung auBgesetast | sein lassen^). Indessen sind es doch 
nickt die eigentlich philosophischen Fragen, bei denen sieh Aristo- 
teles 80 anssinicht, sondern immer nur speciellere ethische oder 
OAturwissenschaftliche Bestimmungen, für die auch Plato von der 
Strenge des dialektischen Verffdurens nachgelassen, und die 
Wahrschdniichkeit an die Stelle der wissenschaftlichen Beweise 
gesetzt hatte; sie unterscheiden sich nur dadurch, dass Aristo- 
teles auch diesen angewandten Theil der Wissenschaft mit zur 
Philosophie rechnet, Plato dagegen alles andere, ausser der reinen 
Begri&wissenschaft, nur als eine Sache der geistreichen Unter- 
haltong oder eine nothgedrungene Anbequemung des Philosophen 
ui das praktische Bedürfiiiss betrachtet wissen will ^), Warum 
aber, firagt Aristoteles mit Recht, sollte der, welcher nach Wissen 
dfiistet, nicht wenigstens einiges zu erkennen suchen, wo er 
Dicht aUes eigrUnden kann^)? Ebensowenig möchte ich unsem 
Philosophen darüber tadehi, dass er durch die Unterscheidung 
1er dieoretischen Thätigkeit von der praktischen die Einheit der 
gsstigeii Bestrebungen beeinträchtigt habe^); denn diese Unter- 
Khddang hat unstreitig ihr gutes Becht, jene Einheit aber ist 
^ Aristoteles dadurch hinreichend gewahrt, dass er die Theorie 
^ die Vollendung des wahrhaft menschUchen Lebens, die prak- 
Mie Thätigkeit dagegen gleichfidls als einen unentbehrlichen 



1) De co«lo II, 5. 287, b, 28 ff. c. 12, Anf. gen. an. III, 10. 760. b, 27, 
^ er einer Eröiternng über uli« Entstehung der Bienen die Bemericnng bei- 
%t: ov /Ätir lUfinrai yi rä avfißaCyovxa ixavtSg, dXl^ idv nore Aij^^jf, 
'w« rj ala&Tiaei fiallov raiv loytav TiiOrevrioVy xal roig loyo&g, idv 
^liohyovfitya diuevvmai xoig tpaivofi^voig. H. a^. IX, 37 Schi. c. 42. 629, 
»»«.27. Metaph. XII, 8. 1073, b, 10 ff. 1074, a, 15. Meteor. I, 7, Anf.: 
«f^ TttTF dfptrpmv rj aia^aei yofi^CofHv havus dnoitSilx^m xatd rov 
^^, fav iis t6 dvrtarop dvmydymfiiv. Vgl. Eückbn Meth. d. arist. Forsch. 
125 f. Ich werde im nächsten Kapitel noch einmal hieranf zurückkommen. 

2) Bep. VI, 511, B f. VII, 519, C ff. Theät. 173, E. Tim. 29, B f. u. a. 
^gL 1. Abth. S. 490. 516. 536 f. 

3) De coelo II, 12, AnC: nngaviov Xiyuv xo tpaiyofiivoVf aldovg 
^ iJnu yofil^prras tr[P ngod-vfiiav fidllov rj S-gdaovs (dass er sich 
Bgekehrt wegen nnphilosophischer Bescheidenheit zu yerantworten haben 
ionte, ftOt ihm nicht ein), et Ti>g did ro (piXoOotpfag di\pjv xai /nixQds 
wogitis dyan^ negl wv Tag fi^ytarag Ijjfo^^r dnoqCag. Vgl. a. a. O. 292, 
14. c. 5. 287, b, 31. part. an. I, 5. 644, b, 31. 

4) RiTTSB m, 50 ff. 



168 Aristoteles. 1115] 

Bestandtheil desselben, die sittliche Erziehung als eine unerläss- 
liche Vorbedingung der ethischen Erkenntniss darstellt^). Hai 
aber allerdings jene Beschränkung der Theorie auf sich selbst, 
jene Ausscheidung alles praktischen Triebs und Bedürhiisses au£ 
ihrem Begriffe, wie | sie namentlich in der aristotelischen Schilde- 
rung des göttlichen Lebens (s. u.) zum Vorschein kommt, dei 
späteren Zurückäehung des Weisen aus der praktischen Thätig- 
keit vorgearbeitet, so dürfen wir doch nicht übersehen, dass Aristo- 
teles auch hierin nur der von Plato vorgezeichneten Richtung 
gefolgt ist: auch der platonische Philosoph würde ja, sich selbst 
überlassen, ausschliessUch der Theorie leben, und ninunt nur ge- 
zwungen am Staatsleben Antheil. Am wenigsten ist es aber zc 
billigen, wenn Aristoteles darüber angegriffen wird, dass er siel 
in seiner Ansicht von der Aufgabe der Philosophie nicht nacl 
einem der menschlichen Art unerreichbaren Ideal, sondern nacl 
dem in der Wirklichkeit ausfuhrbaren gerichtet habe*), ubc 
zwar von derselben Seite her, auf der man es an Plato löblid 
findet, dass er sein Ideal des Wissens von der menschlicbei 
Wissenschaft zu unterscheiden gewusst habe '). Wäre jene An 
sieht über das Verhältniss des Ideals zur Wirklichkeit an sici 
selbst und im Sinne des Aristoteles gegründet, so würde daram 
nur folgen, dass er, wie der Philosoph soll, nicht abstrakte! 
Idealen, sondern dem wirklichen Wesen der Sache naohgegaog^ 
sei. Diess ist aber nicht einmal der Fall; wie vielmehr die Ide 
in Wahrheit zwar über die Erscheinung übei^greift, und in keine 
einzelnen Erscheinung schlechthin aufgeht, darum aber doc 
kein unwirkliches Ideal ist, so hat auch Aristoteles wohl 9X 
erkannt, dass das Ziel der Weisheit hoch gesteckt, und nid 
für jeden, ja auch für die Besten inmier nur unvollkommen ^ 
erreichen sei^), wie wenig er aber darum geneigt ist, es i 
schlechthin unerreichbar zu halten, und seine Anforderungen * 



1) Ausser dem» was später, bei der Untersuchung ül>er das höcb 
Qnt, beizubringen sein wird. Tgl. m. Eth. N. X, 10. 1179, b, 20 ff. Ii 
1094, b, 27 ff. 

2) RiTTBR a. a. O. und S. 56 f. 

3) Ders. II, 222 ff. 

4) Metaph. I, 2. 982, b, 28. XH, 7. 1072, b, 24. Eth. N. VI, 7. 1141, b, 2 
X, 7. 1177, b, 80. c. 8. 1178, b, 25; Tgl. ebd. VH, 1. 



[115.116] Methode. 169 

die Plulosophie nach der Schwäche der Menschen zu bemessen, 
und wie vollständig er gerade hier mit Plato übereinstimmt, 
nmss schon nnsere bisherige Darstellung gezeigt haben. , 

Auch in sdnem wissenschafUichen Ver&hren folgt Aristo- 
tdes im wesentlichen der Eichtung, welche Sokrates und Plato 
begründet hatten: seine Methode ist die dialektische, und er 
selbst ist es, der diese Dialektik zur höchsten Vollendung ge- 
bracht hat Zugleich verbindet er aber mit derselben die Beob- 
achtang des Naturforschers, und wenn es ihm auch nicht ge- 
Iimgen ist, diese beiden Elemente völlig in's Gleichgewicht zu 
bringen, so hat er doch durch ihre VerknUpAmg unter den 
Griechen ein höchstes geleistet, | und die Einseitigkeiten der Be- 
grifisphilosophie, so weit diess ohne eine gänzliche Umgestaltung 
ihrer Grundlagen möglich war, ergänzt. Wie Sokrates und 
Plato vor allem nach dem Begriff jedes Dings gefragt imd seine 
Erkenntmss allem anderen Wissen zu Grunde gelegt hatten, so 
Hebt es auch Aristoteles, mit der Untersuchung über den Begriff 
Kines jeweiligen G^nstandes zu beginnen ^). Wie femer jene 
biebei in der Regel von dem ein&chsten, von Beispielen aus 
dem täglichen Leben, von allgemein anerkannten Ueberzeugungen, 
Ton der Betrachtung der Wörter und des Sprachgebrauchs aus- 
gdien, so pflegt auch er die Anhaltspunkte flb: seine Begriffs- 
beetinmiungen in den herrschenden Meinungen, den Ansichten 
der früheren Philosophen, vor allem aber im sprachlichen Aus- 
dmck, in den flb: eine Sache üblichen Bezeichnungen und der 
Bedeutung der Wörter zu suchen*). Wie aber schon Sokrates 
die Unsicherheit dieser Ghnndlage durch eine allseitige dialek- 
tische Vergleichung der verschiedenen Vorstellungen imd Eräth- 
nisgen zu verbessern gesucht hatte, so hat Aristoteles dieses 
^er&hren noch umfassender und mit bestimmterem Bewusstsein 
^ber seinen wissenschaftlichen Zweck angewendet; denn er er- 
^et in der Regel jede wichtigere Untersuchung mit einer ein- 

1) So werden z. B. Phjs. II, ]. III, 1. IV, ] ff. IV, 10 f. die Begriffe 
^ Natur, der Bewegung, des Banme«, der Zeit, De an. I, 1 ff. II, 1 f. wird 
^ Begriff der Seele, Eth. K. U, 4 f. der Begriff der Tagend, Polit III, 1 ff. 
^^ Begriff det Staats gesucht a. s. £ 

2) Es wird spftter noch gezeigt werden, welche Bedentang die aUgemeine 
«cbioig und der ans ihr abgeleitete Wahrscheinlichkeitsbeweis, als Gmnd- 
W« der Induktion, für Aristoteles hat. 



170 Aristoteles. [116. ir 

gehenden Erörterung der Gesichtspunkte, aus denen ihr G^eo 
stand betrachtet werden kann, der Schwierigkeiten und Widei 
Sprüche, die sich aus den verschiedenen Annahmen über den 
selben ergeben, der Gründe, welche für und gegen jede An 
nähme sprechen; und er stellt der Wissenschaft nun eben di 
Aufgabe, durch eine schärfere Bestimmung der Begriffe eim 
Lösung jener Schwierigkeiten zu findai^). Aristoteles beweg 
sich so wesentlich auf dem Boden und in der Richtung der so 
kratisch-platonischen Dialektik; er hat die sokratische Induktioi 
zur bewussten Technik | entwickelt, hat sie durch die Lehre yoi 
der Beweisftlhrung, deren eigenüicher Schöpfer er ist, und durcl 
alle damit zusammenhängenden Erörterungen ergänzt, hat ii 
seinen Schriften das vollkommenste Muster von einer nach allei 
Seiten hin streng und scharf durchgeführten dialektischen Untei 
suchung gegeben. Wenn wir es auch nicht vorher wüsstec 
schon an seinem wissenschaftlichen Verfahren würden wir de 
Schüler Plato's erkennen. 

Mit diesem dialektischen Element verknüpft sich nun abe 
bei ihm eine Meisterschaft in der Beobachtung der Thatsachei 
dn Streben nach ihrer physikalischen Erklärung, welches i 
diesem Masse nicht allein Sokrates, sondern auch Plato fr&oi 
war. Die vollkommenste B^riffisbestimmung ist seiner Ansicfa 
nach diejenige, welche die Gründe der Dinge aufiseigt^ di* 



1) Auch hierüber werden später die näheren Kachweisnngen gegeben 
werden. 

2) De an. II, 2, Anf. : ov yuQ fiovov ro oti, Sei xov b^iotuthv loya' 
drjXovv . . . dlka xal ttjv atrfav ivvnaqx^iv xaX ifi(f>a(vea^at. vvv 6 
toone^ aufinegdafiad-* ol loyoi rtSv oQory elaCv* olov tl laxt xijQayfuv^ 
fjios'^ To faov hegofifixa oQd-oytoviov tJrai faoTtlivgov, 6 dk rofoi/roc oqo> 
loyos TO0 av^ntgaOfitttoi. 6 Sk iJytop ori i<nlv 6 riTQayüfytffjuof /i^* 
lijQ^at/e, tov nQtcyfAOTOf liyet ro attiov. Anal. post. II, 1 f.: Ee handri 
sich bei jeder Untertucknng um vier Stücke, das oTh das cf^ort, daa ei ^or« 
das r/ ioTiv. Diese lassen sich jedoch auf die zwei Fragen: el for» /a^aoi 
und r/ l<n& ro fjiiaov zurückführen. t6 fikv yaq atrtov ro fiiaovy ir anaa 
$k rovTO C*;T€rrai. Und nachdem einige Beispiele angeführt sind : iv anaa 
yäg TOVTO&S tpavtQOP lortv 5ri to avro (ari ro ri lart xikI Si>ä tl iara 
n. s. w. Ebd. c. 3, Anf. c. 8, Anf. Ebd. I, 31. 88, a, 5: ro <f^ xad^okov Hfuoi 
ori dffXoi TO alitov, Metaph. VT, 1. 1025, b, 17: diit ro Ttjg avTijg ilva 
SiavoCag to ti tl lati Srjlov notitv xai it Üattv. Ebd. VII, 17, wo u. a 
1041, a, 27: (pavegov tolvw ott Cv^it to attioV tovto cT* iatl t6 rl ri 



I 



[117] Methode. 171 

Philosophie soll die Erscheinungen erklären ^) ; dazu darf sie aber 
nach Aristoteles, wie wir später noch finden werden, nicht blos 
ilirai B^riff und ihren Zweck, sondern sie muss ebensosehr 
auch die bewegenden und die stofflichen Ursachen in's Auge 
&s8en; und je entschiedener nun (s. u.) daran festzuhalten ist, 
im jedes aus seinen eigenthümlichen Gründen erklärt werde, 
um so weniger kann dem Philosophen eine solche Betrachtungs- 
weise genügen, welche nur das Allgemeine des Begriffs berück- 
siditigt, die nähere Bestimmtheit der Dinge dag^en vemach- 
boigt'). Daher hier diese sorgfältige Beachtung der That- 



«iV«, 6jg tinkiv XoyixdSs. 8 in* (vfotv fiiv (ari, t(vos %vtxa, , , . in* ivCojv 
i\ li hivriat TTQfSrov, Vgl. Anal. post. 11, 1 1 , Anf. : inti «f ^ inlaraa^cn 
olofii^ Srav ilStüfiBV rrjv atrtav, ah(tti 6h T^xtaqig , . . nnaai avT(t& Sia 
To» ju^i; Si(2tvwrai. 

1) S. o. S. 165. 

2) In diesem Sinn setzt Aristoteles nicht selten die logische Betrachtung 
^Qer Sache, d. h. diejenige, welche sich nur an das allgemeine ihres Be- 
gHffa h&lt, theils der analytischen, in die Eigenthümlichkeit des gegebenen 
^tHi niher eingehenden, die er desshalb anch ix rirv xtifj^vwv nennt, theils 
der physikalischen Untersuchung entgegen, welche ihre Ergebnisse nicht blos 
tos dem Begriff einer Erscheinung, sondern aus den konkreten Bedingungen 
denelben ableitet. Jenes z. B. Anal. post. I, 21, Schi, c 23. 84, a, 7 vgl. 
^ 24. 86, a, 22. c. 32. 88, a, 19. 30. Mctaph. VII, 4, 1029, b, 12. 1030, a, 
25. c. 17. 1041, a, 28. Dieses Phyg. IH, 5. 204, b, 4. 10 (vgl. a, 34. Metaph. 
^ 10. 1066, b, 21) c. 3. 202, a, 21. De coelo I, 7. 275, b, 12. Metaph. Xn, 
!• 1069, a, 27. XIV, 1. 1087, b, 20 (ähnlich (pvaixtog und xa&olov De coelo 
^ 10, Schi, c 12. 283, b, 17). Hiebe! gilt ihm aber das Logische in dem- 
"^n Haas fiir das unvollkommenere, in . dem es sich von der konkreten 
^«itimmtheit des Gegenstandes entfernt Vgl. Phys. VIII, 8. 264, a, 7: 
^ fiit ovy av t^s tos ohtioig marevaHe loyotg, olxoi xai toiovxoC xivig 
"^* loyixtis <^* imaxonovat xti^ ix riuvdf So^U rtp ravTo tovto av/U' 
f^ntf. gen. An. U, 8. 747, b, 28: Ifyio dk loyixiiv [dno^H^iv] dtct tovto, 
^u ooy ir«^loi/ fialXov no^^oniQm TtSv olxiiwy iarlv a^/a>y. Und nach- 
^«n solcher Beweif geführt ist, 748, a, 7: ovtos fikv ovv 6 loyof xaS-o- 
^ Umt xal xerog. ol yag fAr\ ix Ttav oixidov dgx^ Xoyoi xbvoI u. s. w. 
(Aebüich De an. I, 1. 403, a, 2: SuxXiXTUtmg xal xtvmg. Eth. Eud. I, 8. 
'2n, b, 21 : loytxtig xal xivtSg.) In solchen FäUen zieht er daher die 
P^ftslische Behandlung der logischen weit vor (z. B. gen. et corr. I, 2. 
^l^t ^ 10: Moi cf' ay xig xal ix tovtiov, Saov Siatp^^vaiv ol (pvaixöig 
^ ^$x£g axanovvTfg u. s. w. s. 1. Abth. S. 869, 1), wogegen ihm bei 
^ BUtephyiiichen Untersucbmifif über die Ideen Metaph. XIII, 5, Schi, die 
^^XBavri^» Xoyoi anch die dx^ip^OTegot sind. Weiteres bei Waitz Arist. 

) 



172 Aristoteles. [118.1 

Sachen, | welche dem Philosophen nicht selten sogar den Vorwi 
eines unphilosophischen Empirismus zugezogen hat^). Aristote 
ist nicht blos einer der spekulativsten Denker, er ist auch eii 
der genausten und unermüdlichsten Beobachter, einer der fle 
sigsten Gelehrten, welche wir kennen ; wie er überhaupt in c 
Erfahrung die Vorbedingung des Denkens, in der Wahmehmu 
den Stoff sieht, aus dem die Gedanken sich entwickeln (s. i 
so hat er es auch | nicht versäumt, seinem eigenen System eb 
breiten Unterbau von erfahrungsmässigem Wissen zu geben, u 
seine philosophischen Sätze durch eine allseitige Betrachta 
des thatsächUch Gegebenen zu begründen. Für die Nat 
forschimg vor allem verlangt er, dass man zuerst die Ersch 
nungen kenne, und dann erst nach ihren Ursachen sich u 
sehe^). Diejenige Sicherheit und Genauigkeit des Verfahrt 
dürfen wir allerdings bei ihm noch nicht suchen, welche < 
Erfahrungs Wissenschaft in der neueren Zeit erreicht hat; hiei 
war dieselbe in seinen Tagen noch zu jung , es fehlte ihr a« 
noch zu sehr an den Hül£smitteln der Beobachtung imd an c 
Unterstützung durch eine ausgebUdetere Mathematik; es wi 
endlich bei Aristoteles die empirische Forschung noch vielä 
von jener spekulativen und dialektischen Behandlung gekreu 
welche er zunächst aus der platonischen Schule herübergeno: 
men hat Man könnte insofern, was seine naturwissenschafUicb 



Org. II, 358 f. BoNiTZ Arist Metaph. 11, 187. Ind. arist. 432, b, i 
Rassow Arist. de not def. doctr. 19 f. 

1) So ScHLBiERMACHEBy wenii er Oesch. d. PhU. S. 120 von A. n 
„grossen Mangel an specolativem Geist kann man nicht verkennen" n, i. 
and S. 110 die älteren Akademiker als die „specolativeren*' ihm entgeg 
stellt, auf Grund des Satzes, bei dem er freilich übel wegkommen mt 
,,nie iüt einer, der eine grosse empirische Masse suerst bearbeitet hat, 
eigentlicher Philosoph gewesen." So noch Stbümpbll Theoret Phil. d. 
S. 156 mit dem Urtheil, das aber mit der S. 184 ff. gegebenen Auseinasf 
Setzung sich schwerlich ganz verträgt und noch weniger an sich selbst 
gründet erscheint, dass seine allgemeine Richtung unsem Philosophen f^ 
zur sammelnden Auffassung des Empirischen und Historischen, als zur 
feitigung metaphysischer Schwierigkeiten geneigt gemacht habe*' n. s. fr 

2) So part. an. I, 1. 689, b, 7 ff. 640, a, 14. Hist. an. I, 7. 491, a, 
Meteor. III, 2. 371, b, 21. Anal. pr. I, SO. 46, a, 17 ff. Arist. beruft 
hier (wie part. an. 689, b, 7) namentlich auf den Vorgang der Astronc 
(über den S. 344, 3 2. Aufl.) Vgl. Euckbm Methode d. arist. Forsch, r 



[119.120] Methode. 173 

Untersuchungen betriffl;, weit eher über das Zuwenig als über 
das Zuviel semes Empirismus Ellage führen ^). Das richtigere 
ist aber viehnehr, dass er beide Methoden so weit gefördert hat, 
als diess von ihm zu erwarten war. Da die griechische Wissen- 
schaft mit der Spekulation angefangen hatte, und die Erfahrungs- 
wissenschaften erst spät, hauptsächlich durch Aristoteles selbst, 
m einiger Ausbildung gelangten, so war es natürlich , dass das 
dialektische Verfahren eines Sokrates und Plato, die von der ge- 
meinen Vorstellung und der Sprache ausgehende logische Zer- 
^ederung und Verknüpfimg der Begriffe, einer strengeren Em- 
pirie den Bang ablief. Auch Aristoteles hält sich zunächst an 
dieses Verfahren, ja er bringt es theoretisch und praktisch, wie 
bemerkt, zur Vollendung. Dass die Kunst der empirischen 
Forschung bei ihm eine gleichmässige Ausbildung erfahren werde, 
Hess sich nicht erwarten, und ebenso lag ihm eine schärfere 
Unterscheidung beider Methoden noch ferne ; diese ist erst durch 
die höhere Entwicklung der Erfahmngswissenschaften , und von 
philosophischer Seite durch die erkenntnisstheoretischen Unter- 
sochimgen herbeigefiihrt worden, welche die neuere Zeit in's 
Leben gerufen hat Nur um so grössere Anerkennung verdient 
es aber, dass Aristoteles mit dem unbefangenen und um&ussen- 
den wissenschaftlichen Sinn, der ihn auszeichnet, auch der Be- 
obachtung sich zugewendet, und sie, so weit er es | vermochte, 
loit der dialektischen Verarbeitung der Begriffe verbimden hat *). 
Indem nun das dialektische Verfahren von Aristoteles auf 
einen viel umfangreicheren er£EJirungsmässigen Stoff angewandt 
^^ als von Plato, so erhält es von selbst das formal logische 
Gepräge, durch welches die aristotelischen Darstellungen sich auf 
den ersten Blick von den platonischen unterscheiden. Aristo- 
^es geht nicht auf jene rein b^riffliche Entwicklung aus, 
^dche Plato von dem Philosophen verlangt ^, wiewohl er selbst 



1) Wie diess j* auch bekanntlich schon von 15aco, und seit das obige 
<^^t niedergeschrieben wurde, von Lbwbs (Aristot. § 91. 97), und mit einer 
^ ihm nicht seltenen Einseitigkeit von Lanob Gesch. d. Mater. I, 61 flf. 
Kuehehen ist. 

2) Genaueres über die methodologischen Grunds&tze des Arist. und ihre 
Anwendung im nächsten Kapitel und bei Euckbm Die Methode d. arist. 
Forschung (1872); vgl. namentlich S. 29 ff. 122 ff. 152 ff. 

8) S. 1. Abth. S. 490 f. 516, 3, 521. 



174 Aristoteles. [120.121 

sie im Grunde doch nur in einzelnen Fällen und nur unvoB 
kommen versucht hat; sondern die begrifflichen Erörterongei 
sind bei ihm fortwährend durch Belege aus der Erfahrung, durd 
Erörterungen über vieldeutige AusdrtLckC; durch Kritik fremdei 
Ansichten durchbrochen, und je umfassender der Stoff ist, ißi 
er wissenschaftlich ^u bewlQtigen hat, um so grösseren Ward 
legt er darauf, dass jeder Schritt in seinen weitschichtigen Unter 
suchungen theils durch eine reichhaltige Induktion, theils durd 
genaues Einhalten der logischen B^eln gesichert sei. Aud 
seine Darstellungsform erscheint im Vergleidi mit der platoni 
sehen trocken imd nicht selten ermüdend; von der Fülle unc 
Anmuth, welche den aristotelischen Schriften, wie den plata 
nischen, nachgerühmt wird, geben die, welche wir noch haben 
nur selten eine Probe; jene dramatische Lebendigkeit, jeD< 
künstlerische Vollendung, jene anziehenden mythischen Bildungen 
die wir bei Plato bewundem, fehlen ihnen ^). Aber die eigen 
thümlichen Vorzüge ein^ wissenschaftlichen Sprache be 
sitzen sie in so hohem Grade, dass sich Aristoteles nadb diesei 
Seite hin, wenn wir auch nur die Darstellimg in Betracht ziehen 
nicht allein nicht als „schlechter Schriftsteller^ % sondern seinen 
grossen Lehrer sogar weit überlegen zeigt Und auch seiner 
angeblichen Formalismus, | der ohnedem in den konkreteren nator 
wissenschaftlichen und ethischen Untersuchungen bedeutend lu 
rücktritt, wird man anders beurtheilen, wenn man erwägt, wi« 
nothwendig auch nach Plato noch diese strenge logische Zudi 
war, wie viele Verwiirung in den Begriffen durch schirfer 
Unterscheidung der Wortbedeutungen, wie mancher FeUscUttf 
durch eine genauere Analyse der Schlussformen beseitigt werdei 
musste, weldies unsterbliche Verdienst sich Aristoteles dadurc 
erworben hat, dass er die imabänderlichen Ghrundlagen alk 
wissenschaftlichen Ver&hrens festgestellt und dem Denken eis 
Sicherheit in denselben verschafft hat, deren Werth wir ni 
desshalb leicht zu verkennen genei^ sind, weil sie uns zu g 
läufig ist, imi uns ab etwas grosses zu erscheinen. 

Fassen wir endUch, so weit diess hier schon geschdien kan 
die hauptsächlichsten Ergebnisse und den ganzen Standpunl 



1) Vgl. S. 110 f. 

2) Ritter III, 28. 



[121.122] Metaphysisches Princip. 175 

der aristotelischeii Weltansicht in's Auge, so werden wir auch 
hier einestheils die sokratiBch-platonische Ghiindlage nicht über- 
sehen, andererseits aber eine so bedeutende und folgerichtig 
dnrchgefllhrte Eigenthümlichkeit wahrnehmen, dass die Meinung, 
als ob Aristoteles nur ein unselbständiger Nachtreter Plato's ge- 
wesen wttre, der dessen Gedanken nur formell zu verarbeiten 
und zu ergänzen gewusst habe^), als das ungerechteste Miss- 
Terständniss erscheinen muss. Aristoteles hält nicht allein an 
dem sokratischen Satze fest, dass es die Wissenschaft nur mit 
dem Begriff der Dinge zu thun habe, sondern auch an der wei- 
teren Folgerung, welche in den Mittelpunkt des platonischen 
SjBtems fuhrt, dass nur das im Begriff gedachte Wesen der- 
selben das schlechthin WirkUche an ihnen, afles andere dagegen 
nur in dem Masse wirklich sei, in dem es an der begrifflichen 
Wesenheit theihmnmt. Aber während Plato dieses wesenhafte 
Sein als ein Ffkrsichseiendes aus der Erscheinung hinaus in eine 
Wndere Ideenwelt verl^ hatte, erkennt «ein Nachfolger, dass 
die Idee als das Wesen der Dinge von den Dingen selbst nicht 
g^nnt sein könne, imd er will aus diesem Grunde den Begriff 
iiidit als ftirsichseiende Allgemeinheit, sondern als das den Einzel- 
dingen sdbst inwohnende gemeinsame Wesen derselben gefasst 
^rissen; er verlangt statt des gegensätzUchen und ausschUessen- 
Vea^iältnisses, zu welchem die Unterscheidung des Begriffs 
der Ersch^ung | bei Plato geführt hatte, ihre positive Be- 
^nng aufdnander, ihre geg^iseitige Zusanmiengehörigkeit: das 
Sinnliche soll der Stoff, das unsinnUche Wesen die Form sein, es soll 
^ and. dasselbe Sein hier zur Wirklichkeit entwickelt, dort iment- 
^elt als blosse Anlage, gesetzt sein, und es soll desshalb der Stoff 
M innerer Nothwendigkeit zur Form hinstreben, die Form im 
^ffe sich darstellen. Man wird in dieser Umbildung der pla- 
tonischen Metaphysik den naturwissenschafUichen ReaUsmus, den 
auf die Erklärung des Thatsächlichen gerichteten Sinn des 
Pliilosophen nicht verkennen. Gerade das ist ja seine stärkste 
immer wiederkehrende Einwendung gegen die Ideenlehre, dass 
ffle die Erscheinungen, das Werden und die Veränderung, un- 
erklärt lasse; während er seinerseits die Grundbestimmungen 
«emer Metaphysik an erster Stelle aus der Betrachtung der Vor- 

1) BBASißs Gesch. d. Phil. s. Kant I, 179 ff. 207 f. 



176 • Aristoteles. [122] 

gänge gewinnt, in denen alle Hervorbringung und Veränderung, 
die natürliche wie die künstliche, besteht. Aber sein System in 
dieser Bichtung zu vollenden, verbietet dem Aristoteles jener 
begriffisphilosophische Dualismus, den er von Plato geerbt hat. 
So sehr er sich auch bemüht, Form und StoflF einander zu 
nähern, in letzter Beziehung bleiben es doch immer zwei Prin- 
cipien, von welchen sich weder eines aus dem andern noch b^de 
aus einem dritten ableiten lassen; imd so vielfach sie in den 
endlichen Dingen verflochten sind, das höchste von allem ist doch 
blos der reine, ausserweltUche, mu* sich selbst denkende Geist, 
und das höchste im Menschen die Vernunft, welche von aussen 
her in ihn eintritt und mit der individuellen Seite seines Wesens 
nie wahrhaft zur Einheit zusanmiengeht. Die aristoteli^he Phi- 
losophie ist insofern zugleich die Vollendung und das Ende des 
sokratisch-platonischen Idealismus : jenes, weil sie der tiefste Ver- 
such ist, ihn durch das ganze Gebiet des Wirklichen durch- 
zuführen, die gesammte Erscheinungswelt vom Standpunkt der 
Idee aus zu erklären; dieses, weil sich in ihr die Unmöglichkeit 
herausstellt, den Begriff und die Erscheinimg zu einer wirklichen 
Einheit zusanmienzufassen , nachdem einmal in der Bestim- 
mung der letzten Gründe ihr ursprünglicher Gegensatz ausge- 
sprochen ist. 

Wollen wir mm die weitere Ausftihrung dieses Standpunkts 
im aristotelischen System näher kennen lernen, und versuchaa 
wir es zu dem Ende, zunächst eine vorläufige Uebersicht über 
die GUederung desselben zu gewinnen, so tritt uns der Umstand 
höchst störend entg^en, dass ims weder in den aristoteUscheu 
Schriften noch in einer zuverlässigen Ueberlieferung über die 
Eintheilung, welcher der Philosoph selbst folgte, eine genügende 
Auskunft ertheilt | wird '). Wenn wir den späteren Peripatetikem 
und den neuplatonischen Auslegern trauen dürften, so hätte 
Aristoteles die ganze Philosophie in die theoretische und die 
praktische getheilt, indem er jener die Bestinmiung zuwies, den 
erkennenden, dieser, den begehrenden Theil der Seele zu ver- 
vollkommnen. In der theoretischen Philosophie hätte er dann 



1) M. Tgl. zum folgenden Ritter III, 57 fT. Brandis II, b, 130 ff 
Teichmüller Arist. Forsch. II, 9 ft*. Walter Die Lehre v. d. prakt. Vem 
537 ff. 



[123] Gliederung d. SystemB. 177 

wieder drei Theile unterschieden: die Physik, die Mathematik, 
und die Theologie, welche auch erste Philosophie oder Meta- 
physik genannt wird. Die praktische Philosophie zerfiele in die 
Ethik, die Oekonomik und die Politik ^), Auch fehlt es diesen 
Angaben nicht an Anhaltspunkten in den aristotelischen Schriften. 
Äristotdes stellt nicht selten die theoretische und die praktische 
Vernunft einander entgegen*), er unterscheidet solche Unter- 
suchungen, welche am Erkennen, und solche, welche am Han- 
dln ihr Ziel haben '), und dem entsprechend findet sich schon 
frühe in seiner Schule die Eintheilung der Wissenschaft in die 
theoretische und die praktische^); | er selbst fi:*eilich pflegt beiden 
die poietische Wissenschaft beizuftigen^), indem er das Hervor- 



1) So AioioN. in qn. toc. Porph. 7, a ff. (welcher noch die vierfache 
Eintheilnog der Mathematik in Geometrie, Astronomie, Musik nnd Arith- 
inetik beifügt), und nach ihm David Schol. 25, a, 1. Sihpl. Phjs. Anf. Categ. 
l,f. Philop. Schol. in Ar. 36, a, 6. Phys. Anf. Am atol. in Fabric. Bibl. III, 462 H. 
BrsTRAT. in Eth. N. Anf. Anon., Schol. in Arist. 9, a, 31. Die Eintheilung 
in die theoretische und die praktische Philosophie hat schon Alex, in Anal. 
pn« Anf. und Dioo. V, 28. Im weiteren theilt der letztere, theilweise ab- 
deichend Yon den andern, die theoretische Philosophie in Physik und Logik 
(welche jedoch nicht eigentlich als Theil, sondern als Werkzeug der Philo- 
^phie zu betrachten sei), die praktische in die Ethik und die Politik, die 
Mtik in die Lehre vom Staat und die Lehre vom Hauswesen. Albx. Top. 
1^9 D. nennt als philosophische Wissenschaften die Physik, Ethik, Logik 
<UKl Metophysik; aber die Logik vgl. m. aber unten S. 182, 5. 

2) De an. III, 9. 432, b, 26. c. 10. 433, a, 14. Eth. VI, 2. 1139, a, 6 
^Sl- I, 13 g. £. Polit. VII, 14. 1333, a, 24. Das nähere hierüber im 
Uten Kap. 

3) Eth. I, 1. 1095, a, 5: inH&rj ro rilog [rijs noXiTixtjg] farlv ov 
/^<f Ulla nga^S' Ebenso X, 10. 1179, a, 35. II, 2, Anf: inel ovv 17 
^«^otaa ngayfiareia ov ^icjQiag ^vfxd iariv uaneg ttl aXXai {ov yaq tv* 
(^iftff jC ioTiv jj d^Tfj <nc€nr6fji€&af dkX* iV dya&ol ysvtofjied^a, fnii 
^^"^h av iqv oiftXog avTrjs) u. s. w. 

4) Metaph. II (o), 1. 993, b, 19: OQ^dig <f' ^x^t. xal t6 xaUTa^ai, r^v 
V^Off)(av intarri^fiv rrjg alrj&ifag. d-ecjQijTixrjg /akv yd^ (zu der aber hie- 
°*^ die gesammte Philosophie gerechnet wird) r^og aAii^na, ngoxTix^g 
^ %ov. Eth. Eud. I, 1. 1214, a, 8: noXXtov <f* ovrtjv ^etogvifAdriov . . . rd 
ftif avriiv avmlvn n^og to yvtavai fiovov^, id Sk xal negl rag XTfiaag 
'«i niQi rag TtQa^tg tov ngdyfitnog. oaa filv ovv 1/«» (p$Xoao<fiav fjiovov 
^(ft^unfp u. s. w. 

5) MeUph. VI, 1. 1025, b, 18 AT.: 17 tpvaixr iniati^^rj . . . Sijlov 8ti oOte 
rpcmxif iaT$v ovJ€ noitfrixii .... war« ti ndaa J^dvota $ TtQaxrixri rj 
Z«lUr, PhUos. d. Or. D. Bd. 2. Abth. 8. Aufl. 12 



178 Aristoteles. [124 

bringen (Ttoir^aig) vom Handeln (jtqa^ig) thefls durch seinei 
Urspinng, theils durch sein Ziel unterscheidet: denn jener lie^ 
bei dem einen im künstlerischen Vermögen, bei dem andern in 
Willen % dieses bei dem Hervorbringen ausser ihm selbst in den 
zu erzeugenden Werke, beim Handeln in der Thätigkeit dei 
Handelnden als solcher^). Im Gegensatz gegen die theoretisd» 
Thätigkeit kommen aber beide darin überein, dass sie es mii 
der Bestimmung eines solchen zu thun haben , was so oder an 
ders sein kann, jene mit der Erkenntniss dessen, was nicht an- 
ders sein kann, als es ist ^). Weiter nennt Aristoteles drei dieo- 

no$fjTiXfj ^ ^etoQTiTixri, 17 tpvaixrj &€0)qtitixiJ rig av «fij. c. 2. 1026, b, 4 
(XI, 7) : oudefin^ yceg IniaTtjfiy InifjiiXkg n€Qi ainov (sc. tov avfißtßipioTo;] 
0176 TTQaxrixj ovT€ noitjTixj ovT£ &€aQriTtxy, Die gleiche Eintheilang dei 
iTnarnfin Top. VI, 6. 145, a, 15. YHI, 1. 157, a, 10. Weiter vgl. m. Eth 
N. VI, 3—5. c. 2. 1139, a, 27. X, 8. 1178, b, 20, und über den üntcnchied 
der poietischen und theoretischen Wissenschaft De coelo III, 7. 306, a, 16 
Metaph. XU, 9. 1075, a, 1 vgl. IX, 2. 1046, b, 2 und Bonitz z. d. St 
Redet Arist. hier auch nur von einer iniar^firi (nicht einer tpikoaoifi^ 
TTQaxTtxrj und nonjuxfj, so würden doch schon diese SteUen uns berechtigen, va^ 
auch des letzteren Ausdrucks zu bedienen, da (piXoaotpCa mit fniarift^ 
wenn dieses nicht blos überhaupt das Wissen, sondern specieller die WisMO 
Schaft bezeichnet, gleichbedeutend ist Und wenn er Metaph. VI, 1 (s. o 
179, 1) drei (f>iloao(fCai d-etoqfjTixal aufführt, so setzt diess unverkennba 
voraus, dass es auch eine nicht theoretische, also praktische oder poietiscb« 
Philosophie gebe. Dass nun aber mit der letzteren nicht die von der noä^ 
und Ttoirjaie handelnde Wissenschaft, die Ethik, Politik und Eunsdehr 
gemeint sei, sondern das Vermögen der nqä^i^ und nofrjai^ selbst, <ü 
(f'Q6vr}aig und die T^;^rj^ (Walter ä. a. O. 540 f.) kann ich nicht glsnbeD 
Diese Bedeutung hat (fiXoaotpCa nie, und auch inKnrifiri kann sie in dieeeo 
Zusammenhang nicht haben; wenn vielmehr von der Physik', Mathematik 
und Metaphysik, als den theoretischen Wissenschaften, andere als praktisch 
und poietische unterschieden werden, müssen diese gleichfalls wirklich 
Wissenschaften sein. Und welche andere Stelle bliebe auch für die Ethil 
u. s. f. frei? 

1) Metaph. VI, 1. 1025, b, 22: raiv fikv yäg notrjTixiov ir ry noiovrt 
^ ^QX^ V yo*^f V ^^/^ V ^vvafi^g r»?, rdiv Sk nQuxuxtav h t^ noarron 
T} nQoa(Q£a$e. Daher £th. VI, 5. 1140, b, 22: auf dem künstlerische 
Oebiet sei es besser, freiwillig, auf dem sittlichen, unfreiwillig zu fehlen. 

2) Eth. VI, 4, Auf.: h€QOv <J* larl noCriatg xai ngd^g. c 5. 1M< 
b, 3 : allo t6 yivog ngd^itog xal notrjanag .... trjg (jtkv yaq noirfl^^ 
(TiQov t6 T^Xog, rijg dk TiQu^itjg ovx av (tri' Km yag avtri i evnQob 
rikog. Ebd. I, 1, Anf. 

3) Eth. VI, 3. 1189, b, 18: inKn^firi /ukv ovv rC iartv Iml» 



(124] Gliederang d. Systems. 179 

retiache WiBsenscbaften, von denen sich die erste auf das Be- 
wegte and Körperliche beziehe, die zweite auf das Unbewegte 
am Eöiperlichen, die dritte auf das schlechthin Unkörperliche 
und Unbewegte: die Physik, die Mathematik und die erste Phi- 
losophie, wdche er auch Theologie nennt ^), und als den Gipfel 
Wissens betrachtet^). | Versuchen wir es jedoch, die hierin 



(fvffQov . . . Tittvreg yag vnolafjißavofjtiv^ o intaiafii^a fir^ ivSix^a&ai 
aU»( (x^tv. c 4, Anf.: rot; <f * itf^exo/Liivov alXtag l/ftv i<ni r« xal noiriTOv 
tfä Tiqamov u. 8. w. Vgl. c. 2. 1139, a, 2 ff. De'coelo a. a. O.: s. o. 165, 2. 
pirt. an. I, 1. e-lO*, a, 3: 17 yuQ olqxH- ''otg fikv (den Theoretikern) ro ov, 
roK ik (den Technikern) ro iaofnvov. 

1) Metaph. VI, 1. (XI, 7.), wo u. a. 1026, a, 13: ^ f^ihv yäq tpva^xii 
n^ axtoQKna (jikv aXX^ ovx dxlvrjra, rrjg Sk fia&fi/utajueijs tvia ttcqI 
fvävHJti fihv ov x^Q^^^ ^* taatg, aXV tag Iv vXrj. 17 Jk nQtJTti (sc. (piXo- 
(fo(f)ia) xal Tiegl xfOQtora xal axCvfira . . . toart TQiig av tJev fptXoaotpCai 
^itt^TlTutal, fia&fifiat&xri, (pvaixri, &€oXoyt^xii. Aehnlich XII, 1. 1096, a, 30. 
c. 6, Anf. De an. I, 1. 403, b, 7 ff. Ueber den Namen der ersten Philo- 
iopiiieTg]. auch S. 84 m.; über die Mathematik als die Wissenschaft der Zahlen 
luid Grossen, -und die ihr eigenthümliche Abstraktion, das Körperliche nicht 
Qtcb seinen physikalischen Eigenschaften, sondern nnr ans dem Gesichts- 
p&nkt der Baomgrösse zu betrachten, bei den Zahlen- und Grössenbestim- 
moogen von der näheren Beschaffenheit dessen abzusehen, an dem sie vor- 
•wmmen, s. m. Phys. II, 2. 193, b, 31 ff. Anal. post. I, 10. 76, b,3. c 13. 79, 
», 7. Anal. pri. I, 41. 49, b, 35. Metaph. XI, 4. c. 3. 1061, a, 28. VH, 10. 
1036, a, 9. XIII, 2. 1077, a, 9 — c. 3, Schi. KI, 2, 997, b, 20. Ebd. 996, a, 
^« De an. III, 7, Schi. Einzelne Aeusserungen über die Mathematik finden 
"ich noch an manchen Orten, z. B. Metaph. I, 2. 982, a, 26. De coelo III, 
1- 299, a, 15. c. 7. 306, a, 26. De an. I, 1. 402, b, 16. Vgl. Bbandis S. 135 ff. 
^ Widerspruch, welchen Rittbr III, 73 f. bei Aristoteles findet, dass der 
Mtthematik ein sinnliches Substrat bald abgesprochen, bald zugeschrieben, 
^ ihr Gegenstand bald als getrennt bald als nicht getrennt vom Sinnlichen 
^ichnet werde, lässt sich theils durch die Unterscheidung der reinen 
mathematischen Wissenschaften von den angewandten, theils und besonders 
^vth die Bemerkung beseitigen, dass Aristoteles nirgends sagt, der Gegen- 
*ted der Mathematik sei ein j^oi^^ffr^v, sondern nur : er werde als solches, 
^^ abgesehen von seiner sinnlichen Beschaffenheit, betrachtet; Metaph. 
^ 8. 1073, b, 3 ohnedem wird die Astronomie auch bei der gewöhnlichen 
^'^'vt nicht „die eigentlichste Philosophie^^, sondern die o^xciorcerij, die 
^ die Toiliegende Untersuchung wichtigste unter den mathematischen Wissen- 
*^^>»^n genannt; Bohitz jedoch liest mit Recht: Ttjg oixHordrrjg (piXo- 
^0(p(if Yory fia&tifjiaTixtliv inMnfjfitov. 

2) Metaph. VI, 1. 1026, a, 21 (und fast gleichlautend XI, 7. 1064, b, 1), 
weh dem vor. Anra. angeführten: t^v rifÄttordrfjv [intari^fifjv] <f«i mgl t6 

12* 



180 Aristoteles. [125] 

angedeutete Eintheilung auf den Inhalt der aristotelischen Schrif- 
ten anzuwenden^), so gerathen wir in vielfache Verl^enheit 
Zur poietischen Wissenschaft würde von allem, was Aristoteles 
geschrieben hat, nur die Poetik gehören; denn die Rhetorik stellt 
er selbst unter einen andern Gesichtspunkt, indem er sie als 
einen Seitenzwdg der Dialektik und der Politik bezeichnet'). 



TtfjLwrajov yivoi elvat, (Denn, wie es 1064, b, 5 heisst: ßelrCtov xdi x^^Q*'^ 
kxttOtfi liy€Ta& xarä to ofxtTov imatriTov,) al fihv ovv &itagTit$xal t£v 
aXXwv intOTfifÄth aiQiTtun^i, avrri $h rtiv ^emQfjrtxtiv, Ansfuhrlich er- 
örtert Metaph. I, 2, wesshalb die erste Philosophie den tarnen der aotpia 
vorzugsweise verdiene: weil sie als Erkennen des Allgemeinsten das am- 
fassendste Wissen gewähre; weil sie das erforsche, was am schwersten zn 
erkennen sei ; weil die Wissenschaft von den letzten Gründen die genaneste 
(axQißiOTotfj) sei nnd die vollständigste Belehrung über die Ursachen ge- 
währe; weil sie mehr als jede andere das Wissen als Selbstsweck verfolge; 
weil sie als die Wissenschaft von den Principien, und daher auch von den 
letzten Zwecken, alle andern zu beherrschen habe. Top. VIII, 1. 157, a, 9 
wird als Beispiel einer Eintheilung angeführt: Sn iniorrifjifj initftfifitig ßeX- 
iltov ri T^ äx^ßiCtiqa (7va& fj r^ ßelriortov ; dass der Werth des Wissens 
sich nach dem seines Gegenstandes richte, setzt A. auch Metaph. XII, 9. 1074, 
b, 29 f. voraus. Der allgemeine Vorrang der theoretischen Wissenschaften 
vor den praktischen und poietischen beruht aber weder hierauf noch anf 
ihrer grösseren Genauigkeit, denn einzelne derselben (die zoologischen und 
psychologischen) haben in beiden Beziehungen vor der Ethik nichts voraus ; 
sondern zunächst darauf, dass das Wissen hier Selbstzweck ist; vgl. Metaph. 
I, 1. 981, b, 17 ff. 982, a, 1. 

1) So Ravaisson Essai sur la M^taphysique d'Aristote 1, 244 ff., welcher 
die theoretische Philosophie weiter in die Theologie, Mathematik und Physik» 
die praktische in die Ethik, Oekonomik und Politik, die poietische in die 
Poetik, Rhetorik und Dialektik theilen will. 

2) Rhet. I, 2. 1356, a, 25: tSari avfißnivH r^v ^rjTOQtxriv olov na^a' 
(pvig xt Trjs dutXiXTix^g elvat xal tilg negl ra fj&ti ngayfianias ^ ^ 
öCxativ fori, TtQoaayoQivitv 7roXtr&xriv. c. 3. 1359, b, 8: onfQ yag xal 
TTQortQov et^xoreg rvyxavofiev alij&is lartv, ori fj ^toqucti avyxHrai fikr 
3fx T€ T^f avttlvjixrjg inuJTijfirig xal rrjg n€Ql rcc ij^ Trohrtxrjgy ofioCa <f* 
(arl TO fikv Tj diakexTix^ r« &k roTg aofptartxoig Xoyoig. Eth. I, 1. 
1094, b, ^: OQÖjfjitv &k xal rag (vrifiOTarag rtov Jwdfi€»v vno ravtifv [ri^v 
TioUn^v] ovaag, olov orr^aTijyix^y, oixovo/utixrjv, ^fiTOQixi^v' x^f^^vrjg Sk 
ravTfig raig Xomaig rdSv TiQaxrixäiv inKntjfitav u. s. w. Diese Aeusserungen 
scheinen mir die Stelle der Rhetorik bestimmt zu bezeichnen: Aristoteles 
sieht in ihr eine Verwendung der Dialektik für Zwecke der Politik ; nnd da 
nun der Charakter einer Wissenschaft von ihrem Zweck abhängt, zählt er 
sie zn den pnktiBchen Fächern. Wiewohl sie daher an sich selbst eine 



[126] Gliederang d. Systems. 181 

die Dialektik | ohnedem laut sich von der Analytik, unserer Lo- 
gik, nicht trennen^). Wollte man aber desshalb der Zweithei- 
long in die theoretische und die praktische Philosophie den Vor- 
zug geben, so würde man sich von den eigenen flrklärungen 
des Aristotdes wieder entfernen. Die Mathematik femer scheint 
er selbst bei der DarsteUung seines Systems nicht berücksichtigt 
zu haben; die einzige mathematische Schrift wenigstens, auf 
welche er verweist und welche ihm mit Sicherheit beigelegt wer- 
den kann, das astronomische Werk, gehört nach der obigen Be- 
stimmung eher zur Physik, von den andern ist theils die Aecht- 
heit unsicher, theils lässt das Fehlen jeder Verweisung auf die- 
sdben vermuthen, dass sie keinenfalls ein wesentliches Glied in 
der zusammenhängenden Ausführung der aristotelischen Lehre 
bildeten^). So wird auch die Physik, als ob keine Mathematik 
zwischen ihr imd der ersten Philosophie stände, die zweite, nicht 
die dritte, Philosophie genannt^). Die mathematischen Axiome 
aber, welche den Philosophen allerdings angehen, weist er selbst 
der „ersten Philosophie" zu*). Was weiter die praktische Phi- 
losophie betrifft, so theilt sie Aristoteles nicht, wie die Späteren % 
wdche durch die unächte Oekonomik dazu verleitet sind, in 
Ethik, Oekonomik und Politik^), sondern er unterscheidet | zu- 



KanBtlehre ist, und auch von Arist als solche bezeichnet wird (z. B. Bhet. 
I, 1. 1354, a, 11 f. b, 21. 1365, a, 4. 33. b, 11. c. 2. 1356, b, 26 ff.; ri^vai 
heisaen ja auch die rhetorischen Theorieen, vgl. S. 76, 2.77,1), scheint er ihr 
doch eine selbständige Stellang im System, wie sie Brandis (II, b, 147), 
und noch entschiedener Döring (Knnstl. d. Arist. 78) ihr anweisen, der 
Bhetorik nicht zuzugestehen. 

1) Aach Top. I, 1, Anf. c. 2 wird sie deutlich als eine Hülfswissen- 
schaft der Philosophie überhaupt, und namentlich der theoretischen Unter- 
«nchnngen bezeichnet. 

2) M. vgl. über diese Schriften S. 90, 1. 

3) Metaph. VII, 11. 1037, a, 14: t^^ (fvö^xijg xal Jivr^Qag (fiiloao(p(ag, 

4) Metaph. IV, 3, Anf. (XI, 4). 

5) Denen sich hierin ausser Rayaibson auch Bittbr III, 302 anschliesst. 

6) Aristoteles nennt allerdings £th. VI, 9. 1142, a, 9 neben der auf 
den Einzelnen bezüglichen (pg6vfia&g noch die olxovofila und noUreia, aber 
1141, b, 31 hat er die Politik (d. h. die Lehre vom Gemeinwesen mit Aus- 
•Chinas der Ethik) in olxovofA(a^ vofio^iaia, noUrutri getheilt, so dass dem- 
nach die Oekonomik einen Theil der Politik bildet. Bestimmter stellt Eudemus 
Eth. End. I, 8. 1218, b, 13 die noXtrunj xal o/xovofttXT) xaV <|)9ovi\Qk ^^ 



182 Aristoteles. [127] 

nächst^) die ethische Hauptwissenschaft, die er Politik genannt 
wissen will *), von den blossen Hülfswissenschaften, der Oekono- 
mik, Feldhermkunst und Rhetorik^); sodann in der Politik den 
Theil, welcher von der sittlichen Thätigkeit des Einzelnen , und 
den, welcher vom Staat handelt*). Nicht unbedenklich ist es 
endlich, dass in der obigen Eintheilung, ob wir sie nun zwei- 
oder dreigliedrig fassen, die Logik keinen Baum findet. Die 
jüngeren Peripatetiker helfen sich hier mit der Behauptung, 
welche einen Streitpimkt zwischen ihnen imd den Stoikern bil- 
det, dass die Logik nicht ein Theil, sondern nur ein Werkzeug 
der Philosophie sei^). Aristoteles selbst jedoch deutet diese 
Unterscheidung nirgends an*), wenn er auch die Logik aller- 
dings zunächst als Methodologie fiust ^), und sie würde auch nicht 
viel helfen : da er die Logik einmal mit solcher Sorgfalt wissen- 
schaftlich bearbeitet hat, muss ihr auch in dem Ganzen seiner 
Philosophie ein bestimmter Ort angewiesen werden ®). Das Fach- 

die drei Theile der praktischen Wissenschaft zusammen; diese Eintheilung 
muss mithin den ältesten Peripatetikem angehören. 

1) Eth. I, 1. 1094, a, 18 ff. VI, 9. 1141, h, 23 ff. 

2) Eth. I, 1 a. a. O. und 1095, a, 2. I, 2, Auf. und Schi. II, 2. 1106, 
a, 12. Vn, 12, Anf. vgl. I, 13. 1102, a, 23. Rhet. I, 2. 8. s. o. 180, 2. 

3) Eth. I, 1. 1094, b, 2. Rhet I, 2. 1856, a, 25. Ebenso wird in der 
Politik, B. I, die Oekonomik, soweit Aristoteles überhaupt anf sie einge- 
gangen ist, zur Staatslehre gezogen. 

4) Eth. I, 1. 1094, b, 7. So auch in der ausführlichen Erörterung 
X, 10. 

5) Dioo. V, 28. Alex, in pri. Anal. Anf., Schol. 141, a, 19, b, 25. in 
Top. 41, m. Ammon. b. Waitz Arist. Org. I, 44 med. Simpl. Categ. 1, Cy 
Schol. 39, b, u. Philop. in Categ. Schol. in Ar. 86, a, 6. 12. 15. 37, b, 46. 
Ders. in Anal. pri. ebd. 143, a, 8. Anon. ebd. 140, a, 45 ff. David in Categ., 
Schol. 25, a, 1, wo auch theilweise weitere Abtheilungen der Logik und der 
logischen Schriften. 

6) Denn dass er Top. I, 18, Schi. VIII, 14. 163, b^ 9 die logische 
Fertigkeit ein Organ der Philosophie nennt, ist ganz unerheblich. 

7) S. 185 f. 

8) Nicht stichhaltiger ist auch Ravaibbon's Auskunft (a. a. O. 252. 264 f.): 
die Analytik sei keine besondere Wissenschaft, sondern die Form aller Wissen- 
schaft. Sie ist vielmehr das Wissen von dieser Form, welches ebensogut 
ein besonderes Fach ausfüllt, wie die Metaphysik als das Wissen von den 
allgemeinen Gründen alles Seins. Marbach Gesch. d. Phil. I, 247 meint 
gar, „es könne keinem Zweifel unterliegen, dass die Mathematik, welche 
einen Theil der Philosophie ausmacht, die jetzt sog. Logik sei.^* 



[128] Gliederung d. Systems. 183 

werk, welches sich aus den oben angeführten | Aeusserungen des 
Philosophen ableiten lässt, erscheint so für den Stoff, der in 
seinen Schriften vorliegt, theils als zu weit, theils als zu eng. 
— Eine andere Eintheilung des philosophischen Systems könnte 
man auf die Bemerkung grtlnden, dass alle Sätze und Aufgaben 
theils ethische, theils physische, theils logische seien ^). Unter 
dem Logischen fasst aber freilich Aristoteles hiebei die formale 
Logik mit der ersten Philosophie, unserer Metaphysik, zusam- 
men *), was für sich allein schon beweisen würde, dass er es bei 
dieser Unterscheidung nicht darauf abgesehen haben kann, filr 
die Darstellung seines Systems, in welcher beide Fächer so klar 
geschieden sind, den Plan zu verzeichnen. — Müssen wir aber 
hiemach darauf verzichten , über diesen in bestimmten Erklä- 
rungen einen mit der Ausführung übereinstimmenden Aufschluss 
von ihm zu erhalten, so bleibt nur übrig, dass wir die letztere 
selbst darauf ansehen, welchen Gesichtspunkten sie folgt. Und 
da treten nun in den Schriften des Philosophen, nach Abzug 
dessen, was blossen Vorarbeiten, geschichtlicher und natur- 
geschichtUcher Sammlung und wissenschaftUcher Kritik gewidmet 
ist, vier Hauptmassen hervor : die logischen, die metaphysischen, 
die naturwissenschafUichen und die ethischen Untersuchungen. 
Eine ftnfte Abtheilung bildet die Kunstlehre, von der aber 
Aristoteles nur die Theorie der Dichtkunst bearbeitet hat. Diese 
verschiedenen Zweige aus dem Begriff und der Aufgabe der 
Philosophie abzuleiten, oder sie auf eine ein&chere Eintheilung 



1) Top. I, 14. 105, b, 19: flart &' tag Tvnq) m^tlaßetv reiv TtQordatwv 
xai jtSv nQoßkfjfiartov fJti^ rgia. al fikv ya^ rj^i^xal nqoraaug ita)v^ al 
Sk Xoyixai .... ofjioltog 6k xai t« n^oßkr^fiaxa .... nqog fxkv ovv (piko- 
ao(ffiav xax* aXti&€tav negl avtwv ngay/iarivriov, &iaX€xrixtJS &k tiqos 
So^av. Ziemlich unerheblich ist dagegen, dass in Beziehong anf den Unter- 
schied des Wissens ond der Vorstellung Anal. post. I, 33, Schi, bemerkt 
wird : ra dk loma nwg Jer öiavUfAai inl t€ diavoiag xal vov xal iTriOTfjf^rig 
xtä räx^rjg xal (fQoyi^aitog xal ao(f>(ag tu fxkv (pvaucrjg ra 6k rj&ixijg ^€mQ(ag 
fiälXov latlv, 

2) Als ein Beispiel logischer Sätze nennt Top. a. a. O. den Satz, welcher 
der Sftche nach ebenso zu der Methodologie oder Analytik gehört, wie zur 
Metaphysik (vgl. Metaph. IV, 2. 1004, a, 9 ff, 1005, a, 2), dass das Ent- 
gegengesetzte nnter die gleiche Wissenschaft falle. Anch in den S. 171, 2 an- 
gefahrten Fällen steht Xoyixog bald für logische bald für metaphysische 
Untersuchungen; für letztere auch £th. Eud. I, S. 1217, b, 16. 



184 Aristoteles. [129] 

zurückzuführen, hat Aristoteles, wie es scheint, unterlassen. Von 
ihnen selbst wird, wie in der Beihenfolge der wissenschaftlichen 
I Hauptwerke 0, so auch in der Darstellung des Systems das 
Logische und Methodologische voranzustellen sein, welches Aristo- 
teles selbst als eine Vorbedingung aller anderen Forschungen 
bezeichnet ^). Auf diese Erörterungen über das wissenschaftliche 
Verfahren wird die „erste Philosophie" zu folgen haben; denn 
mag auch ihre zusammenhängende Ausführung in unserer Meta- 
physik zu den letzten Arbeiten des Philosophen gehören ^), so ent- 
hält sie doch den Schlüssel für das philosophische Verständniss 
der Physik imd der Ethik, und alle jene Bestimmungen , ohne 
welche wir in diesen Wissenschaften keinen Schritt thun können, 
über die vier Ursachen, über Form imd Stoff, über das Einzelne 
und Allgemeine, über die verschiedenen Bedeutungen des Seins, 
über Substanz imd Accidens, über das Bewegende und das Be- 
wegte u. s. w., haben in ihr ihren Ort. Auch schon der Name 
der ersten Philosophie drückt aber aus, dass dieselbe der Sache 
nach allen andern materialen Untersuchungen vorangehe, weil 
sie die allgemeinsten Voraussetzungen erörtert^). An die erste 
Philosophie schUesst sich zunächst die Physik an, und erst an 
diese die Ethik, da jene von dieser vorausgesetzt wird^). Zur 

1) S. S. 15b f. 

2) Metaph. IV, 3. 1005, b, 2: oaa tf* (yx^iQOvai> riSv Ifyovrtov nrig 
7tiQ\ Tfjg ttXri^€(ag, ov xQonov dei dnodfyead'ai, di* a7Ta$&€va£av rtir 
avaXvT&xtSv tovto ^Qi5a&v' det yaQ ntgi tovrfor tfxett n^iTnarafjiivovgj 
ttkXä fitj dxovovtag Cv^iTv. Dabei ist es für die Yorliegende Frage ziemlich 
gleichgültig, ob das rovitov auf ttvaXvTuemv oder richtiger aaf die in den 
Worten 71€qI r-^t aXr^diiag n. s. f. angedeuteten Untersnchongen bezogen 
wird, da es der Sache nach auf das gleiche hinauskommt, ob ich sage: 
,,man muss mit der Analytik bekannt sein*^ oder: „man muss mit dem, was 
die Analytik zu erörtern hat, bekannt sein^* ; unzulässig ist dagegen Pbaktl^s 
Erklärung (Gesch. d. Log. I, 137), welcher das rooroif, statt der Worte, 
womit es zunächst verbunden ist, auf die a^tiftara beziehen wiU, von denen 
früher die Rede war, und welcher es nun in Folge dieser Auffassung un- 
verzeihlich findet, dass unsere Stelle als Beleg für die Voranstellung der 
Analytiken gebraucht werde. 

3) S. o. S. 80 ff. 160, I. 

4) Noch deutlicher, als der Superlativ Ti^ri; (piXoaofpia^ zeigt dieas der 
Comparativ: (p&Xoao(p(a TiQOf^Qa {tfvatxrjgj /na^Tifiari^x^g) Metaph. VI, 1. 
1026, a, 13. 30. gen. et corr. I, 318, a, 5. 

5) S. o. S. 169. 



[130] Logik. 185 

Elhik wird auch die Rhetorik zu rechnen sein ^), wog^^n die 
Lehre von der Kunst ein eigenes, mit den übrigen in keinen | 
bestimmten Zusammenhang gesetztes Fach ausfüllt, und daher 
von uns nur anhangsweise behandelt werden kann. Das gleiche 
gilt endlich von den gel^entUchen Aeusserungen des Philo- 
sophen über die Religion, da eine Religionswissenschaft als solche 
ihm noch firemd ist 

5. Die Logrik. 

Aristoteles wird von Alters her als der Schöpfer der Logik 
gepriesen, imd dieser Ruhm ist auch wohlbegründet. Indessen 
dürfen wir nicht übersehen, dass er diese Wissenschaft nicht 
selbständig, sondern nur aus dem Gesichtspunkt der Methodo- 
logie, als wissenschaftliche Technik, behandelt, dass er mit der- 
selben nicht eine vollständige und gleichmässige Darstellung der 
gesammten Denkthätigkeit, sondern zunächst nur eine Unter- 
suchung über die Formen und Gesetze der wissenschaftlichen 
Beweisftlhrung beabsichtigt Von der einen Hälfte seiner Logik, 
der Topik, sagt er diess selbst^); bei dem anderen imd wich- 
tigeren Theile, der Analytik, ergibt es sich theils gleichfalls aus 
dnzelnen Andeutimgen, welche derselben die Stellung einer 
wissenschaftlichen Propädeutik anweisen^), theils aus der Ana- 
lere der Topik, theils und besonders aus ihrer ganzen Behand- 
lung. Von den beiden Analytiken, diesen logischen Haupt- 
werken, beschäftigt sich die eine mit den Schlüssen, die andere 
mit der Beweisführung^); nur im Zusammenhang dieser Unter- 



1) 8. S. 180, 2. 

2) Top. I, 1, Anf.: 17' fi^v TiQO&iaig r^g ngayfiat^Cag /li&oSov cvQitv, 
afp* iig dw^aofA^du avXkoylC^o^ai tkqI navtcg rov n^n^irrog ngofilrj- 
ftKTog i^ ivSo^täv »al avrol Xoyov vnix^'^^S firt&kv igov/iiv vmvarrfov. 
Vgl. c. 2. c. 3 : i^fiiv $k relitag rrfv fiid-odov, otav ofioimg fx^f^^^ &oniQ 
M ^TOQiMijg xal iaTQ&xrjg xal t<üv toiovto>v öwafÄiOJV' xovxo <f * iotl xo 
h TÜ9V ivdixofi^VQtv noulv a 7fQoa$QOvfi€&a, 

3) 8. o. 184, 2. 

4) DtLB gemeinsame Thema beider wird Anal. pri. Anf. bo bezeichnet: 
n^xoy fUv €ineiv n^ql xl xai xlvog iaxlv rj ax^yßtg, 5xi niQi anodu^iv 
9m\ irxurxfififig dTXodfixxixrjg. Ebenso am Schloss, Anal, post II, 19, Anf.: 
ni^l fikv ovv avkkoyiafiov xal ano6iC^i(ag^ xC xe kxaxi^v ioxt xal nvg 
Yivtxaif (pavtQOVi afia Sk xal TXigl fntaxrififig dno&eucxixijg' xavxor 
yiiQ iariv. 



186 Aristoteles. [131] 

Buchung und nur so weit es fUr dieselbe nothwendig ist, be- 
spricht er die Sätze ^); erst später*;, wenn überhaupt, hat sich 
ihm hieraus in der Schrift vom Ausdruck eine sdbständige Er- 
örterung über dieselben entwickelt. Ebenso kommt er zur lo- 
gischen Betrachtung der Begriffe zunächst von der | Schlusslehre 
aus: die Definition behandelt er, als ein Ergebniss der Beweis- 
führung, in der Analytik ^), und die logischen Eigenschaften der 
Begriffe überhaupt werden nur aus Anlass der Schlüsse be- 
rührt^). Die Eategorieenlehre aber gehört mehr zur Metaphy- 
sik, als zur Logik , da sie nicht aus der logischen Form der 
Begriffe oder dem bei ihrer Bildung beobachteten Verfahren ab- 
geleitet, sondern durch die Unterscheidung der realen Verhält- 
nisse gewonnen wird, auf welche sich die Eategorieen ihrem In- 
halt nach beziehen*). Auch der Name der Analytik^) weist 
darauf hin, dass es sich für Aristoteles bei den Untersuchungen, 
welche wir zur formalen Logik rechnen würden, zunächst darum 
handelt, die Bedingungen des wissenschafUichen Verfahrens, und 
näher des Beweisverfehrens, zu bestimmen '). Sokrates hatte 



1) Anal. pri. I, 1—3. Anal. post. I, 2. 72, b, 7. 

2) S. o. 69, 1. 

3) Anal. post. II, 3 ff. vgl. besonders c. 10. 

4) Das wenige, was in dieser Beziehung zu erwähnen ist, wird später 
beigebracht werden. Schon die Definition des Sqos Anal. pri. I, 1. 24, b, 16 
{oQov Jh xaXto (tg ov ^taXv^icn ^ ngotaats) zeigt, dass Aristoteles auf 
analytischem Wege, wie von den Schlüssen zu den Sätzen, so von den Sätzen 
zu den BegrifTen gelangt : beide kommen nur als Bestandtheile des Schlusses 
in Betracht. 

5) Einen reiner logischen Charakter scheinen einige andere auf die 
Begriffe bezügliche Schriften gehabt zu haben, die S. 73 f. genannt sind; 
wahrscheinlich stammte aber keine derselben von Aristoteles her. 

6) Aristoteles nennt nicht aUein die beiden logischen Hauptschriften 
'AvalvTixa (s S. 70, 1), sondern der gleichen Bezeichnung bedient er sich 
(s. o. 184, 2. 180, 2) auch für die Wissenschaft, mit der sich dieselben 
beschäftigen. 

7) *AvaXv€ir heisst: ein Gegebenes auf die Bestandtheile, aus denen es 
zusammengesetzt ist, oder die Bedingungen, durch die es zu Stande kommt, 
zurückführen. In diesem Sinn gebraucht Aristoteles dvdXvaig und dvaXve&v 
stehend für die Zurückführung der Schlüsse auf die drei Figuren, z. B. Adjü. 
pri. I, 32, Anf. : f / . . . rovg yiyevfjfi^vovg [avXXoyiOfiOvg] dvaXvo^^^v c/c 
ja Ti^oH^fA^va OTjifij/uorTa, wofür unmittelbar vorher stand : ttiG; J* apa^fMev 
rovg avXXoytOfioig €te ra nqouqfifjtiva a/rffiafa. Vgl. Bonitz Ind. arist. 



[182] Logik. 187 

die I Methode der B^riffsbildung entdeckt, Plato die der Em- 
theilung hmziigef\igt; Aristoteles hat die Theorie des Beweises 
erfunden, und diese ist ihm nun sosehr die Hauptsache, dass 
ihm die gesammte Methodologie darin aufgeht. Wenn daher 
die späteren Peripatetiker die Logik ^) ah Werkzeug der Philo- 
sophie bezeichneten ^), und wenn desshalb in der Folge die lo- 
gischen Schriften des Aristoteles unter dem Namen des Organen 
zusammengefiust wurden^), so ist diess nicht gegen den Sinn 
des Philosophen^); die Behauptung freilich, dass diese Wissen- 

48, b, 16. Und da nan jede UntersachoDg darin besteht, dass die Bestand- 
theUe and Bedingungen dessen, worauf sie sich bezieht, aufgesucht werden, 
so steht dvaXvHv neben Cv^eiv in der Bedeutung : untersuchen. So Eth. N. 
m, 5. 1112, b, 15: (ßovXivtrai .... ovSeU Tifgl rov tfXovq') akXa d-^/iivoi 
TÜ.oi Jh ^^C 'ff^ ^td xCvoiv farai axonovat .... Utas av tlX^watv inl ro 
n(^xov atnov, S Iv ry ivQiau foxarov ianv' 6 yaq ßovXivofiivog iouie 
C^Tiiv xal dvaXv€iv rov BiQij/iivov rqonov diantQ Jidy^fifia, (paivirai d* 
17 fiiv C^rijffK ov naaa i?vai ßovXivOt^j olov al fiaS^rifiat^xal, ^ 6k ßovXivaig 
näaa ^r^xfia^gy xal t6 fa^arov iv ty uvaXvaH ngöHrov elvai (v rp y^vtüH, 
(Vgl. Trbndblenbürg Eiern. Log. Arist S. 47 f.) Die avaXvnxri iniarrj/nrj 
(Bhet I, 4. 1359, b, 10) bezeichnet demnach die Kunst der wissenschaftlichen 
Untersuchung, oder die Anleitung zu derselben, die wissenschaftliche Me- 
thodologie, und ähnlich rd nvnXvrtxd das, was sich auf die wissenschaftliche 
Untersuchung bezieht, die Theorie derselben; ^ Metaph. IV, 3. 1005, b, 2. 

1 ) Ueber diese seit Cicero nachweisbare Bezeichnung vgl. Praktl Gesch. 
d. Log. I, 514, 27. 535. 

2) 8. o. S. 182, 5. 

3) Bei den griechischen Auslegern bis in's sechste Jahrhundert findet 
•ich dieser Name für die Schriften noch nicht, erst später wird er für 
diese gebrauchlich (vgl. Waitz Arist Org. II, 293 f.); dagegen werden die- 
selben auch schon von ihnen o^avxd genannt, weil sie sich auf das oqyavov 
(oder das oqyavixov fiiQos) (pUoaotpCtxg beziehen; vgl. Simpl. in Categ. 1, e. 
Philop. in Cat, Schol. 86, a, 7. 15. David ebd. 25, a, 3. 

4) Prastl Gesch. d. Log. I, 136 eifert insofern #hne Grund gegen „die 
Schulmeister des späteren Alterthums", welche „inficirt von dem Blödsinn 
der stoischen Philosophie*', die Logik als Werkzeug des Wissens um jeden 
Preis voransstellen wollten. Diess ist wirklich die Stellung und Bedeutung, 
welche ihr Aristoteles anweist; dass sie ihren Zweck, ebenso wie die Physik 
und die Ethik, in sich selbst und ihrem eigenen Gegenstand habe, dass sie 
eine philosophisch begründete Darstellung der Thfttigkeit des menschlichen 
Denkens und sonst nichts sein wolle (a. a. O. S. 138 f.), ist eine Behauptung, 
welche sich weder durch bestimmte Aussagen des Aristoteles noch durch 
die Beschaffenheit seiner logischen Schriften beweisen lässt. Die „reale 
metaphysische Seite der aristotelischen Logik" braucht man deBih«\\) m<i\il 



188 Aristoteles. [133] 

achaft als Organ der Philosophie nicht zugleich ihr Theil sein 
könne ^), würde er schwerlich gebilligt haben. | 

Um nun diese Methodologie richtig aufeu&ssen, wird es 
nöthig sein, dass wir zuerst auf die Ansichten des Aristoteles 
über die Natur und Entstehung des Wissens näher eingehen; 
denn durch den Begriff des Wissens ist dem wissenschaftUchen 
Ver£Ethren sein Ziel und seine Richtung bestimmt, und die natür- 
liche Entwicklung des Wissens im menschlichen Geiste muss 
seiner kimstmttssigen Entwicklung in der Wissenschaft den Weg 
vorzeichnen. 

Alles Wissen bezieht sich auf das Wesen der Dinge, auf 
die allgemeinen, in allen Einzeldingen sich gleichbleibenden 
Eigenschaften imd die Ursachen des Wirklichen^). Andererseits 
aber lässt sich das Allgemeine nur aus dem Einzelnen, das 
Wesen nur aus der Erscheinung, die Ursacheu lassen sich nur 
aus den Wirkungen erkennen. Es folgt diess theils aus den 
metaphysischen Sätzen unseres Philosophen über das Verhältniss 
des Einzelnen und des Allgemeinen, welche uns später noch be- 
gegnen werden; denn wenn nur das Einzelwesen das ursprüng- 
hch Wirkliche ist, wenn die allgemeinen Bestimmungen nicht 
als Ideen ftlr sich sind, sondern nur als Eigenschaften den Einzel- 
dingen anhaften, so nftiss die er£Eihrungsmässige Erkenntniss des 
Einzelnen der wissenschaftlichen Erkenntniss des Allgemeinen 
nothwendig vorangehen^). Noch unmittelbarer ergibt es sich 
aber ftlr Aristoteles aus der Natur des menschlichen Erkennt- 



«usser Acht za lassen: aach als Methoilenlehre betrachtet kann sie ihre 
Worzeln in der Metaphysik haben, und auch wenn sie dieser rorangeatellt 
wird, kann sich schliesslich die Nothwendigkeit ergeben, sie auf metaphy- 
sische Principien zurückzuführen. 

1) S. o. 182, 5. ' 

2) 8. o. S. 161 f. 170 f. 

3) Aristoteles selbst weist auf diesen Zusammenhang seiner Erkenntniss- 
lehre mit seiner Metaphysik De an. III, 8. 432, a, 2: iml <f^ ov6k n^ayfia 
ov&iv ian naqa xa fnyi^, tag ^oxiif ra alafhjTä xixtoQMtfjiiror^ iv rot^ 
Miai toTg aia&riTotg ra voijrcc im, (vgl. c. 4. 430, a, 6: iv ^i rotg l/oc/<rtt' 
vktiv dvvafAU %xaar6v iari rtuv vorirah) rcc rc iv »tpaiqia^i liyofniva (die 
abstrakten Begriffe) xal oaa xtiv aia&firtuv f^c^ xal nd^. xal ^ta tovto 
ovTi fiif aia&av6fi£vog fxfid'kv oid-kv av fta^oi ovdk iwiiij ' orav n ^Mp^p, 
avayxfj äfxa (pavraafia r& OimqitV ra yäg (farrdafiara tSam^ ala^r^fiaxd 
ictri, nkr^v ävsv vkfjg. 



[133. 134] ^ Entstehang des Wissens. 189 

nisgvermögenfi. Denn so unbedenklich er zugibt, dass die Seele 
d^i Grund ihres Wissens in sich selbst tragen müsse, so wenig 
hält er es doch für möglich, dass ein wirkliches Wissen anders, 
als yermittebt der' Erfahrung, zu Stande komme. Alles Lernen 
setzt schon ein Wissen voraus, an das es anknüpft ^) ; aus diesem 
Satz entwickelt sich aber das | Bedenken, welches den Früheren 
so vid zu schaffen gemacht hatte'), dass überhaupt kein Ler- 
nen möglich zu sein scheint Denn entweder, scheint es, müssen 
wir dasjenige Wissen, aus dem alles andere abzuleiten ist, schon 
besitzen, diess ist aber eben thatsttchlich nicht der Fall; oder 
wir müssen es uns erst erwerben, dann würde aber der obige 
Satz gerade von dem höchsten Wissen nicht gelten^). Dieser 
Schwierigkeit hatte Plato durch die Lehre von der Wieder- 
erinnerung zu entgehen gesucht. Aristoteles weiss sich hiemit, 
ausser allem übrigen, was er gegen die Präexistenz der Seele 
geltend macht ^), schon desshalb nicht zu befreunden, weil es 
ihm undenkbar erscheint, dass wir ein Wissen in uns haben 
sollten, ohne ims dessen bewusst zu sein ^) ; davon nicht zu re- 
den, dass das Sein der Ideen in der Seele, wenn man es ge- 
nauer zergUedert, zu mancherlei Ungereimtheiten ftlhren würde ^). 
Die Lösung liegt vielmehr ftlr ihn in jenem Begriff, mit dem er 

1) AnaL post. I, Anf. : naaa SiSaaxaKa xal naaa fnadijais ^lavorjriXTj 
iM ngoima^x^varig yiverai yvtuaitüSf was sofort an den einzelnen Wissen- 
schaften sowohl hinsichtlich der Beweisfühning durch Schlüsse, als hinsicht- 
lich des Indnktionsheweises nachgewiesen wird. Das gleiche Metaph. I, 9. 
992, b, 30. Eth. VI, 8. 1139, b, 26. 

2) S. I, 996. n, a, 696. 

3) Anal, post II, 1 9. 99, b, 20 : Jedes Wissen durch Beweisföhmng setzt 
die Kenntniss der höchsten Principien (der agxal äfiiOoi s. u.) voraus, jüv 
(f* iifA^awv r^ yviiaiv . . . Stanoqriaeuv av r»c • • • • *fti TtortQov ovx 
ivovaai al ^ug (eben jene yvtoaig) iyyh'ovrai rj Ivovaai XiX^&aatv. ii 
uh Srj fx^fxev avtäsy axonov' avfAßaCvii yäg äxqiß^otfqag ^oiraf yrtians 
anoSil^mg lov^avHV, ii ^k Ittfißtivofiiv fiti txoviis n^ortgov, nwg av 
yvm^Co*f*iv xal fitev&tivoifAtv ix /lij TiQOvnaQxovarjg yvtüaitng; aSvvarov 
yaq . . . (pavtQov roCvw, oji ovr* ?^^*^ o*ov re, otV* dyvoovai xal fxti- 
Stftiav l;|foi;<rtr ^'|*y iyyivea&at. 

4) Vgl. S. 877 2. Aufl. 

5) Anal. post. a. a. O. und Metaph. I, 9. 992, b, 83. 

6) Top. II, 7. 113, a, 25: die Ideen müssten, wenn sie in uns wären, 
sieh auch mit uns bewegen u. s. w. Doch hätte Arist. selbst wohl diesem 
blot dialektischen Einwurf schwerlich gxoBse Bedeutung beigelegt. 



190 Aristoteles. [134. 135] 

80 viele metaphysische und naturphilosophische Fragen beant- 
wortet: dem Begriff der Entwicklung; in der Unterscheidung 
von Anlage und Vollendung. Die Seele, sagt er, muss aller- 
dings ihr Wissen in gewissem Sinn in sich tragen; denn wenn 
schon die sinnliche Wahrnehmung nicht einiach als ein leident- 
liches Au&ehmen des Gegebenen, sondern vielmehr ab eine 
durch dasselbe veranlasste Thätigkeit zu betrachten ist^), so 
muss diess von dem Denken, | welches keinen äusseren G^en- 
stand hat, noch weit mehr gelten^: da das reine Denken von 
dem Gedachten nicht verschieden ist^), so liegt in s^er Natur 
als solcher die MögUchkeit jener unmittelbaren Erkenntniss der 
höchsten Principien, die von allem abgeleiteten und vermittelten 
Wissen als Anfang und Bedingung desselben vorausgesetzt 
wird^). Die Seele kann insofern als der Ort der Ideen be- 



1) De an. II, 5. 417, b, 2 ff. Arist. sagt hier, weder die Wahmehmang 
noch das Denken dürfe ein naa/itv und eine aXkoCioaig genannt werden, 
ausser wenn man zwei Arten des Leidens und der Veränderung unterscheide : 
Ti}y T€ in\ rag oriQriTixttg diaS^^aug fieraßolriv xal ttiv inl tag %^€ig »a\ 
Ttiv (fvaiv, Aehnlich III, 5. 429, b, 22 ff. III, 7. 431, a, 5. 

2) A. a. O. 417, b, 18: xal ro xar* MqyHav [aia&avio&ai] dk o/noimg 
IfyeTtti T(ß ^€(aQ€tv' SiaifiQH Sk^ ort tov fjihv Ja TroirjTixä Tfjg ivcQyeiag 
f|cü^€v, t6 oqutov u. s.w. tttriov (f* ort riOr xaS-* 'ixaarov ^ xar* iv^^ynar 
ata^aig, ^ J* (nioriijurj raiv xa&oXov' ravia (f* iv avrj 7t(og ian rp 
V/tz/jf. cftt» vofaat fiiv In* avT^ orav ßovktirat, atad-aveod-ai <f' ovx in* 
aiiT(^* avayxaiov yicg vnftQ^uv ro aiad^fjTOv. 

3) De an. III, 4. 430, a, 2 (nach dem S. 192, 3 anzuführenden: xeä 
avTog dk [6 vovg] vorirog iar^v (Saneg rä votira, inl fikv yuQ t£v avtv 
vlrjg t6 avTo iari t6 voovv xal To^voovfÄevov' i} yuQ iTnarrJiLtfj ij d-eto^tiruni 
xal ro ovTtog imarriTov ro avro iartv. Ebd. III, 7 Anf. ro (f ' avxo iariv 
Tj xar* Iv^oyHav in&OT'^fjir} t^ nQdyfxart. Metaph. XII, 7. 1074, b, 38: 
rj in* ivioiv ri inKTr^fXfi ro nQayfxa) fnl (aIv raiv no&TiT$xtap aviv vXrig 
17 ovafa xal t6 tC f^v eJvai (hierüber S. 247, 2 g. £. 2. Aufl.), inl Sk rtir 
&ea}QtjTix(üv 6 Xoyog ro ngäyfAa xal ^ vorioig, 

4) Anal. post. II, 19. 100, b, 8: Inil 6k , . . . ovSkv ini^ntifLUig axgi' 
ßiaxiQOV äXXo yivog rj vovg, al 6* a^/al r^ anodi(U(ov yv(og€fÄtjTiQa&, 
iniarri^ri J * änaaa fjieta Xöyov fori, rtSv aqx^'^ fmanifjiTj fikv ovx av €li}, 
inel 6* ovSkv aXtjßiarsQov IvS^x^rai iJvat iTriarrifirig rj vovVy vovg av (Tri 
Twy aQX^ * ' * €i ovv (xri6kv aXXo nag* imarrifiriv yivog i/ofjiev aXri&kg^ 
vovg av (Tri fniaTi^ftrjg aQxV- ^th. VI, 6: rrjg aQX^g tov inunriTov ovr* 
av iniOTi^urj eTri ovre r^vi} oi;rf (pQOvrjOig .... XiCmrat, vovv styai rwv 
aqx^' c. 7. 1141, a, 17. b, 2. c. 9. 1142, a, 25: 6 fikv yaq vovg jiov o^mv, 
tov ovx iari Xoyog, c. 12. 1143, a, 35 (wozu Tremdelenbüro Histor. Beitr. 



[135] Entstehung des Wissens. |91 



11,375 ff. Walteb Die Lehre v. d. prakt. Vernunft u. s. w. 38 ff. z. vgL): 
6 vov^ Toir iaj(aT03V in* d/AtpoTt^a' xal ydg rdv ngoiratv SgoiV xal t<uv 
laxetjwv vovg iari xal ov loyog, xal 6 fikv xard rag änoieC^Hg rtdv axivri' 
rmv oqvtv xal nqnüToiVy 6 (T^ iv raig nQaxxixdig rov ia^aTOv xal Iv^e/O' 
fiivov n. 8. w. (Hierüber später, S. 450. 503 ff. 2. Auflage.) Diese 
Erkenntniss der Prineipien ist ein unmittelbares (afjuaov) Wissen, denn die 
Principien aller Beweisführung lassen sich nicht wieder beweisen (Anal. post. 
I, 2. 3. 72, a, 7. b, 18 ff. c. 22. 84, a, 30. U, 9, Anf. c. 10. 94, a, 9. 
Metaph. IV, 4. 1006, a, 6. c. 6. 1011, a, 13; das genauere später). Eben- 
deashalb ist sie aber auch immer wahr. Denn der Irrthum besteht nur in 
einer falschen Verknüpfung von Vorstellungen, und kann desshalb erst im 
Satz, in der Verbindung des Prädikats mit einem Subjekt vorkommen (Kateg. 
4, Schi. De interpr. 1. 16, a, 12. De an. III, 8. 432, a, ]]), das unmittel- 
bare Wissen dagegen hat es mit reinen, auf kein von ihnen selbst ver- 
schiedenes Subjekt bezüglichen Begriffen zu thun, die man nur kennen oder 
nicht kennen, hinsichtlich deren man sich aber nicht täuschen kann; De an. 
in, 6, Anf.: ri jn€v ovv raiv adiaiqijtav vorjaig Iv rovroig ttcqI a ovx fort 
t6 tffivdog' h olg dk xal ro \jfkv6og xal t6 dltj&^gf avv&eafg rig ij6ri 
rofifittjory wg IV orrav. Ebd. Schi.: J^ari 6* 17 fi^v (pdatg rl xard rtvog, 
tSan€Q 17 xardtpaatg, xa) diri&rjg rj \p€v^rig ndaa' 6 cf^ vovg ov nag, dXX* 
6 Tov t( ioTi xard t6 t( r^v ihai aJli}^;, xal ov rl xard rtvog* dlV 
waniQ t6 oq^v tov lS(ov dlriOlg^ ii S* dv^qtonog to livxov ri fxri, ovx 
dlri^kg dely oiktog ?/€* oaa dv€v vlrjg. Metaph. IX, 10: inel Sk , . .t6 . . . 
iilTi&kg rj ifffv^og . . . inl ruiv ngayfidttov inrl t^ avyxetoi^ai tj dirig^aO^at 
. . . tto't' iarlv ^ ovx tart xb dlrid^kg Xey6fj,evov rj iljevSog, .... neQt dk 
6ri rd dcvv&tra t( to ilvai ri firi dvair xal t6 dkriO-ig xal t6 tpevSog; 
. . . fi tSantQ ov^k TO dlij&kg inl TovTtov to cci/ro, oOroi^' ovü to itvai, 
dlV iOTi TO fiiv dlrjx^kg to Jk ijjfvSog, to fxhv Hyitv xal (pdvai dltjd^^g 
. . . t6 cf' dyvoiiv /ati ^^yydvnv' dnaTtf^vat ydq mgii to t( iOTtv ovx 
i(n$y dkl* rj xaTa avfxßißrixog . . . oaa Sri ioTiv on€Q %lvai ti xal iviqyiCtfy 
ntQi Taura ovx eoTiv itnaTri&rjvai dlX^ rj voelv rj fdii , , , to S^ dXrf^^g to 
rotlr avTd' to S( \pivSog ovx tOTtv^ ovd^ dndTrj, dXX^ dyvoia. Nach 
diesen Stellen würden wir auch unter den ngordaeig dfieaoij welche die 
letzten Principien ausdrücken (Anal. post. I, 2.^23. 33. 72, a, 7. 84, b, 39. 
88, b, 36), nur solche Sätze verstehen dürfen, in denen das Prädikat im 
Subjekt schon enthalten ist, nicht solche, in denen es zu einem von ihm 
verschiedenen Subjekt hinzutritt, also analytische Urtheile a priori. Ebenso 
ist der bqiafJLog TÖiv dfiiativ (ebd. II, 10. 94, a, 9) eine 9-iatg tov t( iariv 
dranoStucTog^ worin nichts über das Sein oder Nichtsein eines Begriffs oder 
seine Verbindung mit gewissen Subjekten ausgesagt wird. Wenn endlich 
Metaph. IV, 3 t 1005, b, 11. 1006, a, 3 der Satz des Widerspruchs als die 
ßtßatoTdrri dqxh ^^^^v mgl rjv diaifßevaO^rivai dSvvaTov bezeichnet wird, 
so handelt es sich auch in diesem nur um den Grundsatz aller analytischen 
Urtheile, die formelle Identität jedes Begriffs mit sich selbst. 



192 Aristoteles. [136. 137] 

zeichnet^) | und es kann von dem Denkvermögen gesagt wer- 
den, dass es an sich alles Denkbare sei'). Aber zum wirk- 
lichen Wissen kann dieser Inhalt erst in der Erkenntnissthätig- 
keit sdbst werden; es bleibt also nur übrig, dass er vor | der- 
selben blos der Möglichkeit und der Anlage nach in der Seele 
sei; und diess ist er, sofern sie die Fähigkdt hat, ihre Begriffe 
selbstthätig aus sich zu bilden^). 

Durch diese ganze Lehre zieht sich aber fireilich eine Un- 
klarheit hindurch, deren Gründe wir zwar aufiseigen, die wir 



1) De an. III, 4. 429, a, 27: xal ev cf^ ol Ifyovre^ rijy V^v/iiv ilviu 
xonov elSdSv (Plato, s. Abth. 1, 696, 4), Trlrjv oii ovre SXri aXX* 17 voi^rur^, 
ovT€ ivTikixf^if dlXa Swafiit ra iXSri, 

2) De an. III, 8, Anf. : vvv ^k mgl ^l^vx^js t« Ac/^^kt« avyx€(palaim- 
aavTig efnuifÄev ndUv ot* rj ^fvxh rd ovra ntug iari navTa. fj ydg aia&fjrd 
T« oyra rj roijrce, iari <f' ^ (jnaxrifiri fikv rd iniorriTd ttoi^, rj (f * afa&ijmg 
rd aia&tird. (Vgl. II, 5, Schi. III, 7, Anf.) 

3) De an. III, 4. 429, a, 15: dna&^g dqa 6tl ilvai (der Nns mnss, ehe 
er die Einwirkung des vorjjov erfährt, ohne nd&os sein; vgl. Bonitz Ind. 
ar. 72, a, 36 ff*.), ^exrixov (T^ tov sfÖovg xal Svvdfiit rotovrov [sc olov 
to Mos] dXXd fAfi tovTOy xcrl OfAoioig Hx^iv, tSaniQ ro alafhtjTueov ngog rd 
afadrjTtt, ot;ro> tov vovy nqog rd vorird . . . o dqa xaXov^erog rrig xpvx^g 
vovg . . . ovd-iv (fftiv ivegys^tt töÜv ovrotv nglv voetv . . . xal €v ^rj u. s. f. 
(s. o. Anm. 1). Ebd. b, 30: öuva/utt ntog iatt rd vorjrd 6 vovg, dXX* 
iVTiXexf^if ovdkv^ nqlv dv voj. ^h «f* ovTtog &a7iiq iv ygafÄ^aretq) y (bifj&^v 
vndgxii ivreXexf^ff yeygafÄfiivov. omq avfißa^va inl tov vov. Hier (b, 5) 
und II, 5. 417, a, 'Jl fi*. wird dann noch genauer zwischen einer doppelten 
Bedentang des SvvdfiH unterschieden: Svvdfiii iniOTrifjuov kann man nicht 
allein denjenigen nennen, welcher noch nichts gelernt hat, aber die Anlage 
besitzt, etwas zu lernen, sondern auch den, welcher etwas weiss, aber sich 
dieses Wissen in einem gegebenen Zeitpunkt nicht in wirklicher Betrachtung 
vergegenwärtigt. Nach der letzteren Analogie hatte sich Plato das angeborene 
Wissen gedacht, Aristoteles denkt es sich nach der erstem, und eben diess 
soll auch die Vergleichung der Seele mit dem unbeschriebenen Buch aus- 
drücken ; wogegen es ein Missverständniss war, wenn diese Vergleichung im 
Sinne des späteren Sensualismus verstanden wurde. (Vgl. Heqel Qesch. d. 
Phil. II, 342 f. Tkendelenburo z. d. St. S. 485 f.) Arist. will damit nur 
den Unterschied des ivvd^n und ive^iitf erläutern; in welcher Weise das 
potentielle Wissen zu einem wirklichen wird, gibt er hier nicht näher an; 
nach dem vorhergehenden (429, a, 15) sind es aber nicht die aiaS^rd, 
sondern die voijrcc, durch deren Einwirkung die an sich leere Tafel des vovg 
beschrieben wird, wir haben es also mit einer vom Sensualismus weit ab- 

liegenden Anaicbt zu thun. 



Das anmittelbare Erkennen. 193 

aber nicht beseitigen können, ohne den eigenen Erklärungen des 
Philosophen Gewalt anzuthun. Einerseits bestreitet Aristoteles 
die Möglichkeit eines angeborenen Wissens und behauptet , alle 
unsere Begriffe entspringen aus der Wahrnehmung ^) ; anderer- 
seits spricht er von einem unmittelbaren Erkennen derjenigen 
Wahrheiten, von denen alle anderen abhängen^), und lässt alle 
Erkenntnisse, die wir im Lauf unseres Lebens gewinnen, der Anlage 
nach von An&ng an in der Seele liegen^). Das letztere wird 
nun allerdings nicht so zu verstehen sein, ab ob die Seele jene 
Erkenntnisse ihrem Inhalt nach vor aller Erfahrung in sich 
trüge und durch die Erfahrung nur veranlasst würde, sie sich 
zum Bewusstsein zu bringen^). Denn damit kämen wir auf 
die von Aristoteles so entschieden verworfene Annahme an- 



1) Vgl. S. 188 f. 197 f. 

2) 8. 190, 4. 

3) S. 189. 3. 190, 2. 192, 1. 2. 

4) Auch die oben angeführten Stellen sind wir nicht genöthigt so aaf- 
zn&ssen. Wenn vielmehr De an. in, 8 (S. 192, 2) gesagt wird, ^e Seele 
sei gewissermassen alles, wird diess doch sofort (431, b, 28) dahin erläutert: 
dvdyxri 6* ^ airfä ^ xd Mti ilvai. avtd ^hv yag Sri ov* ov ydg 6 Ud-og 
(v Tj V'f/Öi dlXd To ildog' tSaii ij iffv^fi tSancQ i) x^^Q ^<rriy* xal ydg ij 
X^^Q o^yttvov iOTiv (j^iiv(07't xal 6 vovg Mog liSwv xal rf ala&rjaig eJ^og 
uia^Tüiv. Da die Hand die Werkzeuge zwar bildet and gebraucht, aber 
sie doch nur aus gegebenen Stoffen bilden kann, führt diese Vergleichung 
nicht aber den Gedanken hinaus, dass die Seele alles sei, sofern sie die 
Formen (oder Bilder) aller Dinge in sich zu haben fähig ist. Dass sie diese 
aus sich selbst erzeuge, wird nicht gesagt ; wie vielmehr das Wahrnehmungs- 
vermögen desshalb il^og ala&f^xtav genannt wird, weil es die Formen der 
aia^Tu in sich aufnimmt, kann auch der vovg in dem gleichen Sinn 
t7Sog liSüiv heissen, sofern er das Vermögen ist, die unsinnlichen Formen 
aufzunehmen; und dasselbe kann der xonog fiStav (S. 192, 1) bedeuten. 
Dass femer die allgemeinen Begriffe in der Seele selbst seien (S. 190, 2), 
wird De an. II, h im Zusammenhang einer Erörterung bemerkt, welche den 
Fortgang vom Wahrnehmungsvermögen zum wiildichen Wahrnehmen am 
beitpiel des Fortgangs von der in$oxjifÄTj zum d-itoQeiv erläutert (S. 417, b, 5: 
^tioQovv ydg yfyvtxai x6 //or xrjv intoxi^firivyj auf die erste Entstehung 
de« Wissens bezieht es sich nicht. Findet es endlich Arist. Anal. post. II, 1 9 
(S. 190, 4) undenkbar, dass wir zur Kenntniss der höchsten Principien 
kommen sollten, ohne vorher schon ein Wissen zu besitzen, so sucht er 
doch dieses vorgängige Wissen hier nicht in Gedanken, welche der Seele 
vor aller Erfahrung inwohnen, sondern in der Induktion. Vgl. S. 175 f. 
2. Anfl. 

ZelUr, PbiJoA d. Gr. U. Bd. 2, Ahtb. & Anü. \'^ 



194 Aristoteles. 

geboreDer Ideen zurück ^). Ebensowenig darf man aber unsem 
Philosophen zum reinen Empiriker machen, und ihm die An- 
sicht beilegen, dass das Allgemeine ,,ohne alle Einschränkung 
der Seele aus der Aussenwelt zukomme^ •). Wäre diess srine 
Meinung , so könnte er unmöglich die höchsten Begriffe, die 
Principien alles Wissens, von jenem unmittelbaren Erkennen 
herleiten, durch das sich der Nus von allen andern Formen der 
Denkthätigkeit unterscheiden soU^; denn Begriiflfe, welche wir 
erst durch das Aufsteigen von dem Einzelsten zum Allgemein- 
sten, durch eine lange Reihe sich wiederholender Abstraktionen 
gewinnen, sind nicht die Frucht eines unmittelbaren, sondern 
des alleryermitteltsten Erkennens. So gewiss er viehnehr an- 
nimmt, dass unsere Erkenntnissthätigkeit thatsächlich diesen 
Weg nehme, um zu den Principien zu gelangen, so wenig kann 
er doch die Gredanken, in denen uns die Principien zum Be- 
wusstsein kommen, fiir den blossen Niederschlag einer stufen- 
weise geläuterten Erfahrung, den Akt, durch den wir sie bilden, 
blos füi^ die letzte von den aufeinanderfolgenden Verallgemeine- 
rungen gehalten haben, deren Stoff durch die ErfiEÜlirung geKefert 
werde. Jede von diesen Verallgemeinerungen besteht ja in einem 
Induktionsschluss ^), dessen Ergebniss nur in einem Urtheil, dem 
Schlussatz, ausgesprochen werden kann, ebendesshalb aber, wie 
jedes Urtheil, entweder wahr oder falsch ist; die Erkenntniss- 
thätigkeit des Nus dagegen soll sich von allem vermittelten Er- 
kennen unterscheiden, und was wir ihr zu verdanken haben, 
soUen nicht Urtheile sein, sondern Begriffe; daher auch nicht 
solches, das wahr oder falsch sein kann, sondern solches, das 
immer wahr ist, das man wohl haben oder nicht haben, hin- 
sichtlich dessen man sich aber, wenn man es ei^mial hat, nicht 
täuschen kann ^). Da femer alle Induktion von der Wahmeh- 



1) Wie Kampe die Erkenntnisstheorie d. Arist. S. 192 nicht ohne Grund 
einwendet; Metaph. I, 9. 993, a, 7 ff. durfte er' freilich nicht dafär anführen. 

2) Kampe a. a. O., womit sich aber schlecht verträgt, dass doch zugleich 
(S. 194) die wahrste, für alles Winsen grundlegende Erkenntniss auf „das 
von Wissen und Meinen wesentlich verschiedene intuitive Denken'* zurück- 
geführt wird. 

3) Vgl. S. 190, 4. 

4) Worüber S. 167 f. 2. Aufl. 

5) Vgl. S. 190, 4. 



Das unmittelbare ErkeDnen. 195 

mang -ausgeht, und diese sich auf Sinnliches , aus Form und 
Stoff zusammengesetztes bezieht, von dem Stoff aber immer die 
Zufiüligkeit, die MögUchkeit des Seins und Nichtseins, unzer- 
trennlich ist^), so liesse sich durch sie allein niemals zu einem 
unbedingt Nothwendigen kommen; denn Begriffe, die ausschliess- 
lich auf der Erfahrung beruhen, können keine höhere Gewiss- 
heit haben, als die Erfahrungen, auf denen sie beruhen. Von 
der Erkenntniss der Prindpien dagegen behauptet Aristoteles, 
sie sei die allergewisseste ^) ; und als Prindp läAt er nur das 
Noth wendige gelten^). Jenes unmittelbare Erkennen wird da- 
her nur eine Anschauung, und im Unterschied von der sinn- 
lichen Wahrnehmung nur eine geistige Anschauung sein können. 
Da aber doch der menschliche Geist die Begriffe nicht als an- 
geborene in sich hat, wird auch die Anschauung, durch die er 
sie findet, nicht in einer Selbstanschauung, einem Akt der Selbst- 
beobachtung bestehen, durch den er sich der Principien als einer 
vorher schon in ihm hegenden Wahrheit bewusst würde*); son- 
dern darin, dass gewisse Gedanken und Begriffe jetzt erst durch 
eine Einwirkung des Gedachten auf den denkenden Geist in 
ihnlicher Weise entstehen, wie die Wahrnehmung durch eine 
Einwirkung des Wahlgenommenen auf das Wahrnehmende ent- 
steht Und an diese Analogie hält sich Aristoteles wirklich, 
wenn er sagt, der Nus verhalte sich zum Denkbaren, wie der 
Sinn zum Wahrnehmbaren^); er erkenne das Denkbare, indem 
er sich mit demselben berühre ^ ; und wie die Wahrnehmung 



1) Hierüber S. 238, 5. 253, 5 2. Aufl. 

2) Anal. post. I, 2. 71, b, 19. 72, a, 26 ff. II, 19. 100, b, 9. 

3) Anal. post. I, 6 Anf. 

4) Wie meine 2. Aafl. 8. 135 annahm. 

5) De an. III, 4. 429, a, 15 s. S. 192, 3. 

6) Metaph. IX, 10. 1051, b, 24 (s.o.S. 191 m): bei der Erkenntniss der 
iiSvv&ita ist to fikv O-iyeTv xal (pdvat alri^^kg ... ro S* ayvoetv fxrj 
^tyydveiv. XII, 7. 1072, b, 20: avrov J^ voiT 6 vovs (der göttliche Nus) 
xard fiitdlrirpiv rav vorjrov ' (indem er sich selbst als ein vorirbv ergreift.) 
voriTos ydq y^yvetai &iyydv(ov xal voaiv. Ohne Zweifel in Erinnerung an 
die erste von diesen Stellen sagt auch Theophrabt Fr. 12 (Metaph.), 25: 
Bis zu einem gewissen Grade yermögen wir, von den Wahrnehmungen aus- 
gehendy die Dinge aus ihren Ursachen zu erklären. Stuv 6k Iti* avrd rä 
ixffa ' fAiTaßa(v6ifjLiv ovx^rt Svvufx^d^a^ sei es, weil diese keine Ursachen 
haben, sei es weil unser Auge in das volle Licht zu sehen mcYkX. N«tm<s^<^. 



196 Aristoteles. 

als solche immer wahr sei, so sei es auch das Denken, sofern 
es sich auf die Begriffe als solche beziehe % Erhalten wir aber 
auch dadurch eine Theorie, welche in ihren nächsten Bestim- 
mungen verständlich und in sich einstimmig ist, so bleibt doch 
die Frage ganz unbeantwortet, was wir uns eigentlich unter 
dem zu denken haben, durch dessen Anschauung wir die Prin- 
dpien alles yermittelten Wissens, die allgemeinsten Begriffe und 
Qrundsätze gewinnen; welches Sein ihm an sich zukommt, und 
in welcher WÄse es auf unsem Geist wirkt; welcher Art end- 
lich die Prindpien sind, die wir auf diesem W^ erhalten: ob 
sie nur die formalen Gesetze des Denkens ausdrücken, wie diess 
bei dem Satze des Widerspruchs der Fall ist, oder ob uns auch 
metaphysische Begriffe, wie der des Seins, der Ursache, der 
Gotthdt, auf diesem Wege gegeben werden. In der Consequenz 
der aristotelischen Theorie würde diess vielleicht liegen; aber 
wir näherten uns damit auf bedenkliche Weise der platonischen 
Lehre von der Anschauung der Ideen; nur dass ebenso, wie die 
^Formen^ den Dingen nicht jenseitig sdn sollen (s. u.), auch 
ihre Anschauung aus einem jenseitigen Leben in das g^en- 
wärtige verlegt wäre. Den letzten Grund dieser Unklarheit 
werden wir aber darin zu suchen haben, dass der PhUoso]^ 
wie sich noch zeigen wird, von der platonischen Hypostasirung der 
Begriffe sich nur zur Hälfte befrdt hat Die Formen haben fiir 
ihn, wie die Ideen fUr Plato, als Bedingung der Einzeldinge 
eine dgene metaphysische Existenz, und so eingehend er das 
allmähliche Hervorwachsen der Begriffe aus der Erfahrung zu 
verfolgen weiss, werden diese schliesslich doch wieder, wenigstens 
da, wo sie sich am weitesten von der unmittelbaren Erfahrung 
entfernen, aus einem logischen Erzeugniss des menschlichen 
Denkens zum unmittelbaren Abbild einer übersinnlichen Welt 
und als solches zum Gegenstand einer intellektuellen An- 
schauung. 

Hatte aber schon Plato das Bild der Ideen, das in uns 
schlummert, erst an der sinnlichen Anschauung zur wirklichen 
Erinnerung erwachen, das gdstige Auge erst nach vielfi&cher 



r<ir/a (f* ixfivo dltid^^ariQov cjg avttß tat v^ rj d-eugia &ty6vTt xal olov 
De an. III, 6 Schi. s. o. S. 191 m. 



[138] Das unmittelbare Erkennen. 197 

Vorb^^tung an das Licht der Idee sich gewöhnen lassen, so 
betrachtet es Aristoteles vollends als selbstverständlich, dass wir 
am Anfang unserer geistigen Entwicklung von dem Wissen, 
welches ihr Ziel bildet, noch am weitesten entfernt sind; dass 
mithin die Erhebung zum Wissen nur in einer stufenweisen An- 
näherung an dieses Ziel, einer zunehmenden Vertiefung imserer 
Erkenntniss, im Fortgang vom Besonderen zimi Allgemeinen, 
von der Erscheinung zum Wesen, von den Wirkungen zu den 
Ursachen, bestehen kann. Das Wissen, welches uns weder ak 
ein fertiges | gegeben ist, noch aus einem höheren abgeleitet 
werden kann, muss aus dem niedrigeren, aus der Wahrnehmung, 
hervorgehen *). Die zeitliche Entwicklung unserer Vorstellungen 
steht daher mit ihrer begrifflichen Abfolge im umgekehrten Ver- 
hältniss: was an sich das erste ist, ist fiir uns das letzte; wäh- 
rend seiner Natur nach das Allgemeine grössere G^wissheit hat, 
als das Einzelne, das Princip grössere, als das, was daraus folgt, 
so hat fbr uns das Einzelne und SinnUche grössere Gewissheit ^), 



1) Anal. post. II, 19. 100, a, 10: ovt€ Stj hvnaQX^vatv dtffOQtafA^vat 
«f/ «l^fK (»• o. 189, 3), ovT* an* älXötv e^mv yivovrai yvüjaTtxwT^QfüV, 
alV ano aia&fjaetog. 

2) Anal, post I, 2. 71, b, 33: ngorega d* fori xal yvuQtfKOTiga 
S$X^S' ov yccQ ravTOV TtQOTegov r^ (pvaei xal ttqos rifidg ngoTtQov ov^k 
yytaQifiiaTiQor xal iifjLiv yvatQtfUüTeQOV liyta 6k TiQbg ^/Jiac fdkv ngoTiQa 
xai. yVMQtfxtutiqa rä iyyvTCQOV rrjs aia^aetog^ änldii dh n^tega xai 
yvu^fAtaTiQa Ja no^^toTigov icrt Sk no^^xdxfo fjikv rä xad-olov /idliaia. 
iyyvTaTu di rd xaS-^ exaara. Fhjs. I, 1. 184, a, 16: nitpvxi Sk fx ruiv 
yvmQifitatiqtav fffiiv 4 o^os xal Oatpiar^gtov inl rd aatpiarega rj (fvatt 
xai yvuQifioitiQa' ov ydq ravxd tj/niv n yvioqifxa xal dnltos. I, 5, Schi. 
Vgl. Metaph. I, 2. 982, a, 23;.V, 11. 1018, b, 29 ff. VII, 4. 1029, b, 4 ff. IX, 8. 
1050, a, 4. Top. VI, 4. 141, b, 3. 22. De an. II, 2, Anf. III, 7, Anf. Eth. 
I, 2. 1095, b, 2. (Noch stärker, aber mehr an Plato, Rep. VII, Anf., 
als an Aristoteles erinnernd, drückt sich Metaph. II, 1. 993, b, 9 aas.) Nur 
scheinbar widerspricht diesem, dass Phys. I, 1 fortgefahren wird: Htm cf* 
^fiiv n^Toy ^rjXa xal Catfif rd avyxexvfi^va ^dilov' variqov (f* ix 
Tovjünr ytvtrai yvtoQtfJia rd tnoi/itn xal al dg^al ^ta$^vai ravra, ^to 
Ix ruv xa&olov inl rd xa&* l^xaara Sti ngoiävai, ro ydg oXov xard ri^r 
ala^üiv yvo3(H^6ireQov, ro 6k xad^kov olov rC lariv nokld ydg ttc^- 
kufißdvH lug fi^(^ ro xad-olov* Denn (wie auch Tbbmdelbnbübq z. Arist. 
De an. S. 338. Bitteb III, 105 u. a. bemerken) es handelt sich hier nicht 
Ton dem logisch, sondern von dem sinnlich Allgemeinen, der noch 
unbestimmten Vorstellung eines Gegenstandes, wie wir z. U. d\Q Voxst^Wuw^ 



198 Aristoteles. [138. 139] 

und es ist uns aus diesem Ghrunde diejenige Beweisflüirung ein- 
leuchtender, welche vom Einzelnen, als die, welche vom Allge- 
meinen ausgeht^). 

Die Art aber, wie sich aus der Anlage zum Wissen ein 
wirkliches Wissen entwickelt, ist diese. Das erste ist inmier, 
wie bemerkt, die sinnliche Wahrnehmung. Ohne sie ist kern 
Denken möglich 2); wem ein Sinnesorgan fehlt, dem fehlt noth- 
wendig auch das entsprechende Wissen, denn die allgemeinen 
Grundsätze jeder | Wissenschaft lassen sich nur durch Induktion 
finden, die Induktion aber beruht auf der Wahmehmimg *). 
Die Wahrnehmung hat mm zunächst das Einzelne zum Inhalt^); 
sofern jedoch im Einzelnen immer auch das Allgemeine ent- 
halten ist, wenn auch noch nicht fiir sich abgelöst, so richtet sie 
sich mittelbar auch auf dieses^). Oder genauer: was die Sinne 
wahrnehmen ist nicht die Einzelsubstanz ab solche, sondern im- 
mer nur gewisse Eigenschaften derselben; diese aber verhalten 
sich zur Elinzelsubstanz selbst bereits wie das Allgemeine, sie 
sind nicht ein „Dieses" {zode), sondern ein „Solches** (zoiotde)] 
wiewohl sie daher in der Wahrnehmung nie unter der Form 
der Allgemeinheit, sondern immer nur an einem Diesen, in einer 
individuellen Bestimmtheit angeschaut werden, so sind sie doch 
an sich ein Allgemeines, und es kann sich aus ihrer Wahrneh- 
mung der Gedanke des Allgemeinen entwickeln^). Diess ge- 



eines Körpers früher haben, als wir seine Bestandtheile deutlich anterschei- 
den. An sich sind aber immer die einfachen Elemente früher, als das, was 
aas ihnen zusammengesetzt ist; De coelo II, 3. 286, b, 16. Metaph. XIII, 2. 
1076, b, 18. c. 3. 1078, a, 9. 

1) Anal. pr. II, 23, Schi.: (fvaei fjikv ovv ngoregog xai yvat^fjimTfQoi 
6 cfi« Tov fjiiaov aukloyiCftog, rffitv d* (vaQy^(fT€Qog 6 Sia rijs inayoyy^g. 

2) De an. III, 8. 432, a, 4 (s. o. 188, 3). De sensa c. 6. 445, b, 16: 
ov^k voH 6 vovg T« ixTog firi fiix^ alaS-i^aetüg ovra. 

8) An. post. I, 18. 

4) An. post. I, 18. 81, b, 6: tcuv xad-' exaatov ^ atad-rja^g. Dasselbe 
oft, z. B. An. post. I, 2 (s. o. 197, 2). c. 31 (s. Anm. 6). Phys. I, 5 Schi. 
De an. III, 5. 417, b, 22. 27. Metaph. I, 1. 981, a, 15. 

5) De an. III, 8, s. S. 188, 3. 

6) An. post. I, 31, Anf. : ovdk (F&* ata&riattog (Oriv Iniaraa^m. tl yaq 
xai ioTiv ri afad-riaig tov xoiovSi xaX /Ltfi tov^^ tivog (nur das TO^t 
aber ist Einzelsnbstanz : ovSiv arjfiah'et TtSv xoivy xaxriyoQovfi^vtov xodi r» 

aAAa rotorJi, Metaph. VII, 13. 1039, a, 1; weiteres unten), alV aia&dysa&ai 



\ 



[139] Entstehung des Wissens. 199 

schiebt nun so: schon in der sinnlichen Wahrnehmung selbst 
werden die einzelnen sinnlichen Eigenschaften, also die relativ 
allgemeinen Bestinmiungen, welche der Einzelsubstanz anhaften, 
unterschieden ^) ; aus der Wahrnehmung erzeugt sich sofort mit- 
telst des Gedächtnisses ein allgemeines Bild, indem dasjenige 
festgehalten wird, was sich in vielen Wahrnehmungen gleich- 
mlUsig wiederholt, ' und es entsteht so zimächst die Erfahrung, 
weiterhin, wenn viele Erfahrungen zu | allgemeinen Sätzen zu- 
sammenge&sst werden, die Kunst und die Wissenschaft'); bis 

ye ttvayxalov rode ri xal nov xal vvv, t6 ■ J^ xad^kov xaX inl naaiv 
ü9vvaiov aia&aviaS'tu, ov yuQ rode ov^^ vvv ov yccQ av ^v xaHoXov . , . 
htl ovv at ij.lv anodd^iig xad-oXov, xavra d* ovx f^ariv aiad-dvead-at , 
ffMffghv oji ovJ' infaraa&ai cf*' uia&i^aetüs ^artv, II, 19. 100, a, 17: 
ala&av€Ttti fjilv tb xa&* ixaatov, ij cf' ata&ijats rov xa&okov iglv, 
olov ävOQwnovj dXX* ov KaXKa dvdqunov (die Wahrnehmung hat zwar 
ein bestimmtes Individuum, Kallias, zu ihrem unmittelbaren Gegenstand; 
aber was sie uns liefert, ist^das Bild eines Menschen mit diesen bestimmten 
Eigenschaften, dass dieser Mensch Kallias ist, hat auf ihren Inhalt keinen 
Einflnss). Vgl. weiter De an. II, 12. 424, a, 21 ff. Phys. I, 5. 189, a, 5. 
Die Uebereinstimmung dieser Stellen mit der sonstigen Lehre des Aristo- 
teles, deren Herstellung noch Heyder (Vergl. der Aristotel. und Hegerschen 
Dialektik I, 160 ff.) zu viel zu schaffen macht, wird das im Text gesagte 
d&rthun. Auch Metaph. XIII, 10. 1087, a, 15 ff. steht mit derselben nicht 
wie Kampe (Erkenntnissth. d. Ar. 85) glaubt, im Widerspruch. Das Wissen 
als dvya/AHj heisst es hier, sei rov xa&olov xal aogtarov, 17 J' iv^Qyeia 
i^Mfxivfi xal üjQiafiivov t6^€ TL ovaa rouJ/ rivog. Damit ist aber doch 
nur geaagt: die Anlage zum Wissen gehe auf das Erkennbare überhaupt, 
jedes wirkliche Erkennen dagegen sei Erkennen eines bestimmten Gegen- 
standes; ob dieser Gegenstand ein Einzelding oder ein allgemeiner Begriff 
ist, kommt nicht in Betracht. Das xa^olov bezeichnet hier das Unbe- 
stimmte; vgl. XII, 4. 1070, a, 32. gen. an. II, 8. 748, a, 7. Eth. II, 7. 
1107, a, 29. 

1) De an. III, 2. 426, b, 8 ff. Daher wird die ala&riaig An. post. II 
19. 99, b, 35 ygl. De an. III, 3. 428, a, 4. c. 9, Auf. eine ^vva/ms av/jupviog 
x^iTueif genannt. 

2) AnaL post II, 19. 100, a, 2: ^x ^h oiv aia&riat(og yivixai fiyr^fAti, 
ioTiiQ XfyofjLiv^ (x Si fdvi^firjg noXXdxig rov avxov yivofi^rig ijuneiQ^a. at 
ya^ TtoXXal fiv^^ai t^ aQt&fi^ i/uneigia /lia itnCv. ix S* l/nneiQfag fj ix 
navrog fj^ifiiiaaVTog rov xa&oXov iv Tjf V/1//5, roiJ ivog nagä xd noXXd^ 
av iv anaa^v iV iv^ ixi(voig to avxby x^^vr^g dgxh *«^ irrtoxrjfirig^ idv 
fth TifQl y^vfCiv, T^yi^f, idv Sk mgl x6 oy, iniaxi^firig, Metaph. I, 1. 
980, b, 28: yiyvexai <f' ix x^g fAVrifjLrig ifxnuQCa xotg dvd^Qionotg' al ydq 
TtoXXai fÄV^fiai rov avxov ngay/naxog fiiäg i/jtneiQiag ^vva^iv anoTtlo^- 



200 Aristoteles. [140] 

man am finde zu den allgemeinsten Gründen gelangt, deren 
wiiBflenschafdiche Erkenntniss desshalb (s. u.) nur^durch die me- 
thodische Nachbildung desselben Ver&hrens, durch die Induk- 
tion möglich ist. Während also Plato dadurch zur Idee hin- 
führen will, dass er den Blick von der Erscheinungswelt ab- 
kehrt, in der seiner Meinung nach höchstens eine Abspieglung 
der Idee, nicht diese selbst, angeschaut wird, so besteht nach 
aristotelischer Ansicht die Erhebung zum Wissen vielmehr darin, 
dass wir zimi Allgemeinen der Erscheinung als solcher vor- 
dringen ; oder sofern beide die Abstraktion vom unmittelbar Ge- 
gebenen und die Reflexion auf das ihm zu Grunde li^ende 
Allgemeine verlangen, so ist doch das Verhältniss dieser Ele- 
mente hier und dort ein vers<*'hiedenes: bei dem einen ist die 
Abstraktion vom Gegebenen das erste, und nur unter Vcnraus- 
Setzung dieser Abstraktion hält er ein Erkennen des allgemeinen 
Wesens für möglich, bei dem andern ist die Richtung auf das 
gemeinsame Wesen des empirisch Gegebenen das erste, und nur 
eine nothwendige Folge davon ist es, dass vom sinnlich Einzel- 
nen abstrahirt wird. Aristoteles nimmt desshalb auch die Wahr- 
heit der Sinneserkenntniss gegen ihre Tadler in Schutz : er zeigt, 
dass trotz ihrer Widersprüche und Täuschungen doch eine rich- 
tige Wahrnehmung möglich sei, und trotz ihrer Relativität die 
Wirklichkeit der Dinge, die wir wahrnehmen, sich nicht be- 
streiten lasse, dass überhaupt die Zweifel an der sinnlichen 
Wahrnehmung nur von mangelnder Vorsicht in ihrer Benützung *) 
herrühren*); ja er behauptet sogar, die Wahrnehmung fiihre 



<r»y . . . . dnoßafvii cf * imarrj^r} xal rfyvri ^$f\ rijs ifjne&Q(as roTg upd-Qm- 
notg . . , . yiviXM Sk r^/vri, Srav fx nolkfov rijc i^mi^fag (pvorifiarmv 
fiCa xaS-olov yivfjTai niQl rtuv QfAoitov vTiolrjiffig, t6 fikv yäg fx^iv VTroXfitptv 
Ott Kalliq xifivovxi iriv&k rtiv voaov toSX auvT^nyxe xat JStaxgatsi xal 
xa&^xaOTOv ovtio nolloigj IfÄmiQiag iarh* t6 d^ &ri nom^ xoig xoiotaii 
xar* €?«fof iV a(f)OQtad'eiai, xufivovai riyvcfl lijiv voaov, cwr^v^yrnv^ . . . 
r^X^njg. An denselben Orten findet sich anch das weitere. Phys. VII, 3. 247, b. 
20: ix ya{i Ttjg xara fii^oi ifAniiQ^ag rriv xa&okov Xafißdvofjt^v intmiifiitr, 

1) Hierauf bezieht sich Metaph. IV, 5. 1010, b, 8 ff. 14 ff. XI, 6. 1062, 
b, 13 ff. 

2) Vgl. Metaph. IV, 5. 6. 1010, b, f., wo nnter anderem (1010. b, 30 ff.) 
ausgeführt wird: wenn man anch in gewissem Sinn sagen könne, ohne die 
wahrnehmenden Wesen gäbe es keine aia&rixa als solche, so sei doch nn- 
denkbar, dass die vnox€igA€Vaj S nont xf\v ata&fjatVf ohne die atad^aig 



(Ml] Entstehung des Wissens. 201 

uns für aick genommen niemals irre, erst in unsem Einbildimgen 
und uns^m Urtheilen seien wir dem Irrthum ausgesetzt^). Er 
hat somit im wesentlichen dasselbe unbe£Emgene Zutrauen zu der 
Wahrheit der sinnlichen Wahrnehmungen, welches dem un- 
kritischen Bewusstsein überhaupt so natürlich ist; was sich bei 
ihm um so leichter begreift, da er so wenig, wie die andern 
griechischen Philosophen, den Antheil unserer subjektiven Thä- 
tigkdt an ihrer Erzeugung näher untersucht, sondern sie ein&ch 
auf eine Wirkung der Objekte zurückführt, durch welche diese 
der Seele ihr Bild aufprägen^); und auch die von einzehien 
seiner Vorgänger gegen die Zuverlässigkeit der Sinne erhobenen 
Cmwürfe hat der Philosoph, welcher der Beobachtung einen so 
i&ohen Werth beil^, der Naturibrscher, der einer so breiten 
Onmdlage von erfahrungsmässigem Wissen bedarf, nicht ge- 
rrügend zu würdigen gewusst'). Die Sinnestäuschungen will er 

■^icht Torhanden sein sollten, ov yaq Sri fj y* ata&fiais avrri iavr^g iarir, 
^Jüi (OTt T* xal hegoi' na^a ttiv aXa^mvy o dvdyxti tiqot^qov dvtu Tijg 
^^Ma^rjoiiüs' 76 ydg xivovv tov xtvovfiivov TtQongov iari» Ebenso Kat. 
^- 7. 7, b, 86: to ydg aia^iov 7iq6t€qov jijs aiad-r^aitag Soxel elvat. 
^^ fihv ydg alathirbv dvaiQi&kv avvttvatget riiv afa&Tjaiv , 17 d« 
Mo&iiaig TO aic&fiTov ot üvritva&geT , , . ^t^v ydg avaiQi&ivrog ata^aig 
h äraiQ€TTa&^ aiaihjrov Sk ^<rra», olov atofia, d'eQfjiov^ ylvxvy niXQOv xat 
^^IXa 6aa iarlv aia^rixd, 

1) De an. III, 3. 427, b, 11 : 19 iaIv ydg ata^aig rtuv iSttov atl dlrj^g 
^«tl naOiv vndgx^^ "^ois Cv^^^St Siavoiia9ai cT' ivS^x^rai xal tpivSmg xal 
^ vS€rl vnoQx^^ 4^ M '«^ loyoq. Ebd. 428, a, 11: al /ntv (die ala^aitg) 
^l^i^irg aUl, al dk (favtaatai yhovtai al nX€(ovg iptvS^tg. Aehnlich II 6. 
-^18, a, 11 ff. Metaph. IV, 5. 1010, b, 2: ovS* 17 ata^aig xjßivSrig toi iS(ov 
^crXVi d)J.* ij (forwaata ov ravrov r j aic^oet. 

2) Vgl. 8. 416 f. 2. Aufl. 

S) Es ist 8. 200, 2 gezeigt worden, wie Arist. Kat. 7 gerade diejenigen 

«ianlichen Eigenschaften, die Demokrit für etwas blos subjektives erklärt 

hatte (s. Tb. I, T?2, 1. 783, 2), einfach als objektiv gegeben behandelt. 

Aehnlich halt er Phjs. VIII, 3 der Ansicht (des Parmenides), ndvra rJQ€- 

ftuVf neben der treffenden Bemerkung, dass sie schon die <fo{a und (pat" 

raaim, als Bewegungen der 8eele, (genauer wäre: den Wechsel der Vor» 

Menungen) nicht erklären könne, entgegen (254, a, 30): diess heisse Cv^etv 

loyor mv ßilriov fxofi^v ^ Xoyov Siic&ai, es sei ein xaxtug xQiveiv ro 

jiunow xal ro firi rnarov xal dqxh^ *ft\ fxri dqx^^- ^<^ gleiche gelte gegen 

die Annahme, dass alles beständig bewegt sei, oder das eine immer, das 

andere nie bewegt, ngbg anavra ydg ravta Ixavri fila nUntg' ogtofiiv 

yiiQ Jhfia ork fihv xivovfjuva ork S* rjgifjtovvta. Denn, wie et ^. ^b^, t^^^'i 



202 Aristoteles. [141] 

trotzdem freilich nicht läugnen ; er glaubt nur, dass nicht unsere 
Sinne ab solche daran schuld seien : das eigenthümliche, sagt er, 
was jeder Sinn wahrnimmt, die Farbe, den Ton u. s. f. stdlen 
sie immer oder fast immer getreu dar; eine Täuschung entstehe 
erst in der Beziehung dieser Eigenschaften auf bestimmte Gegen- 
stände und in der Bestimmung dessen, was nicht immittelbar 
wahrgenommen, sondern nur aus dem Wahrgenommenen ab- 
strahirt werde ^). 

Diesen Ansichten über die Natur und Entstehung des Wis- 

der Meinung, navt^ ^gt^Hv, entgegenhält: tovtov ^lyrfry Xoyov atpiviag 
TTiv tttadTiaiv, a^^foatUt T(g iaxi öiavoCag^ es erscheint ihm ungesund und 
naturwidrig. Solche Fragen vollends, wie die, woher wir wissen, ob wir 
wachen oder schlafen, ob wir bei gesunden Sinnen seien a. s. f., halt Arist. 
für ganz unzulässig: navxutv yag Xoyov a^iovaiv ovto& elvai . . . Xoyov yuQ 
CriTOvaiv (üV oix iaxi loyog' anodiC^itag yäg aQxV ^^^ anodii^tg iativ 
(Metaph. IV, 6. 1011, a, 8 ff. vgl. unten S. 172 2. Aufl.) Ihm gilt es för 
selbstverständlich, dass man über die sinnlichen Eigenschaften der Dinge 
ebenso, wie über Gut und böse, Schön und Uässlich, nur bei normaler Be- 
schaffenheit der Sinne und des Geistes entscheiden könne. 

\^ In diesem Sinn erläutert Arist. selbst seinen Satz. De an. III, 3. 428, 
b, 18: ij ata&riaig tdSv fikv iSCtav akrid-ijg iariv tj ort oUyiajov f}(Ovaa tb 
\pevdog. divTtQOV dk rov avußißrixivtti tavxa* xal fituv^a Ijdri ^vJ^frir* 
Siaxpivdiad-ai' oti ^aIv yitQ Uvxov^ ov \pevSiTM, ei ^k tovto t6 Xcvxbv, 
fj aXXo 11 (ob das Weisse z. B. ein Tuch oder eine Wand i8t'\ ifffvditat. 
(Ebenso c. 6 Schi.) tq(tov Sk twv xotvHv xal inofxivtav roTg ovfißißrixoaiy, 
olg vnnqx^^ <'<* tditt' Xiycu d^ oioy xlvriaig xal fiiyidag^ u avfißißrixi tol^ 
aia&rjToi'g, negl a fiaXiara rjdrj ^ariv unaTri&ijvai xara r^r afad-ficiv. 
(Ueber diese xoirä auch De sensu c. 1. 437, a, 8.) De sensu 4. 442, b, 8: 
TiiQl fikv lovxtav (die ebengenannten xotva) anar^vTni mgl dk twv iSCmv 
ovx dnttToivTa&y olov oxpig negl /^(u/iaro; xal axori n€Q\ xpotptov, Mets^h. 
IV, 5. 1010, b, 14: auf die Aussagen jedes Sinns können wir uns sunächat 
nur in Betreff seiner eigenthümlichen Gegenstände verlassen, auf die des 
Gesichts in Betreff der Farben n. s. w. iv [ata&rianüv] ixuairj iv T(ß avrt^ 
XQOvtfi niQi To «iJto ovSinoti (prjaiv äfia oOtw xal ov^ ovratg l/c«r. ail* 
ovd^ fv iT^Qtf) XQ^^V ^^Q^ ^^ r^d&og rjfitfiaßi^Tfjaevy uXXa ticqI to (p avfiß^" 
ßrjxe TO ndd-og. Derselbe Wein kann uns einmal süss ein andermal nicht 
süss schmecken; dXX' ol to ye yXvxv olov i<rnv orav j, oudeTttonore 
fiitißttXiv^ dXX^ d^X dXrjd-evn thqX avrov xal iariv i^ dvtiyxfis r6 iaoftevov 
yXvxv TOiovTOV, Die Wahrnehmung zeigt uns zunächst, wie schon S. 198 
bemerkt wurde, nur gewisse Eigenschaften ; die Subjekte, denen diese £igen> 
Schäften zukommen, werden nicht unmittelbar und ausschliesslich durch die 
Wahrnehmung bestimmt, und ebensowenig die Eigenschaften, welche aus dem 
wahigenommenen erst erschlossen werden. 



[142] Das wissenschaftliche Verfahren. 203 

sens entspricht nun die Richtung der aristotelischen Wissen- 
schaftslehre, der Analytik. Die Wissenschaft soll die Erschei- 
nungen aus ihren Gründen erklären, welche näher in deii allge- 
meinen Ursachen und Gesetzen zu suchen sind. Ihre Aufgabe 
ist mithin die Ableitung des | Besonderen aus dem Allgemeinen, 
der Wirkungen aus den Ursachen, oder mit Einem Wort, die 
Beweisftthrung, denn in dieser Ableitung besteht eben nach 
Aristoteles der Beweis. Aber die Voraussetzungen, von denen 
die Beweise ausgehen, lassen sich nicht wieder auf demselben 
Weg finden; ebensowenig sind sie jedoch unmittelbar, in einem 
angeborenen Wissen, g^eben; nur von den Erscheinungen aus 
können wir zu ihren Gründen, nur vom Besonderen zum All- 
gemeinen vordringen. Diess kunstmässig zu leisten, ist das Ge- 
schäft der Induktion. -Der Beweis und die Induktion sind dem- 
nach die zwei Bestandtheile des wissenschaftlichen Verfahrens 
und die wesentUchen G^enstände der Methodologie. Beide 
setzen aber die aUgemeinen Elemente des Denkens voraus, und 
können ohne ihre Kenntniss nicht dargestellt werden. Aristoteles 
lässt desshalb der Lehre vom Beweis eine Untersuchung über 
die Schlüsse vorangehen, und im Zusammenhang damit sieht er 
sich genöthigt, auch auf das UrtheiT und den Satz, als die Be- 
standtheile der Schlüsse, näher einzugehen. Zu ihrer selbstän- 
digen Bearbeitung kam er aber, wie bemerkt, erst später, und 
auch da blieb dieser Theil der Logik ziemUch unentwickelt. 
Noch mehr gilt diess von der Lehre vom Begrifft). Nichtsdesto- 
weniger müssen wir mit der letzteren beginnen, um von da zum 
ürtheil und weiter zum Schluss fortzugehen, da die Erörterungen 
über diesen doch immer gewisse Bestimmungen über jene vor- 
aussetzen. 

Mit dem Aufsuchen der allgemeinen Begriffe hatte die Philo- 
sophie in Sokrates jene neue Wendung genommen, welcher nicht 
allein Plato, sondern auch Aristoteles im wesentlichen gefolgt 
ist Hieraus ergibt sich von selbst, dass er im allgemeinen die 
flokratisch-platonische Ansicht von der Natur der Begriffe und 
der Aufgabe des b^rifflichen Denkens voraussetzt *). Aber wie 
wir ihn in seiner . Metaphysik der platonischan Lehre von der 

1) Vgl. 8. 185 f. 

2) Vgl. S. 161 f. 169 /. 



204 Aristoteles. [143] 

selbständigen Wirklichkeit des Allgemeinen, was im Begriffe ge- 
dacht wird, widersprechen hören werden, so findet er, im Zu- 
sammenhang damit, auch für die logische Behandlung der Be- 
griffe einige nähere Bestinmiungen nothwendig *). Hatte auch 
schon Plato verlangt, dass bei | der Begriffsbestimmung die 
wesentlichen, nicht die zu^Qligen Eügenschaften der Dinge in's 
Auge gefieusst werden % so hatte er doch zugleich alle allgemei- 
nen Vorstellungen zu Ideen verselbständigt, ohne dabei die 
Eigenschafts- und die Substanzb^riffe genauer zu sondern'). 
Aristoteles thut diess, da ihm eben nur das Einzelwesen für eine 
Substanz gilt (s. u.). Er unterscheidet nicht blos das Zu&Uige 
von dem Wesentlichen^), sondern auch innerhalb des letztem 
das Allgemeine von der Gattung und beide von dem B^;riff 
oder dem begrifflichen Wesen der Dinge^). Ein Allgemei- 
nes ist alles, was mehreren Dingen nicht blos zufälligerweise, 
sondern vermöge ihrer Natur gemeinschafUich zukommt^. Ist 



1) M. vgl. zum folgenden ausser Frantl Gesch. d. Log. I, 210 ff. und 
den übrigen allgemeinen Werken: Kühn De notionü d^/inüione qwil. Aritt. 
conttituerit, Halle 1844. Kassow Aritt, De notionü deßnüione doetrina. BerL. 1843. 

2) S. 1. Abthlg. S. 518 f. 

3) Ebd. 584 ff. 

4) Ueber den Unterschied des avfißißrixog von dem xad-' avro vgl. m. 
Anal. po8t. I, 4. 73, a, 34 ff. Top. I, 5. 102, b, 4. Metaph. V, 7. c 9, Anf. 
c. 18 1022, a, 24 ff. c. 30. 1025, a, 14. 28. c. 6, Anf. Waitz zu Kateg. 5, 
b, 16. Anal. post. 71, b, 10. Diesen Stellen zufolge kommt einem Gegen- 
stand alles das xa&* avro zu, was mittelbar oder unmittelbar in seinem Be- 
griff enthalten ist, xarä avfißißfixog dasjenige, was nicht aus seinem Begriff 
folgt: zweibeinig zu sein kommt dem Menschen xad-* auTo zu, denn jeder 
Mensch als solcher ist diess, gebildet zu sein, »ara av/ißißijxoc* Ein 
avfAßißfixog ist (Top. a. a. O.) S Mi/irai vndgj^iiv 6t(i)Ovv ivl xttl r^ 
avT^ xal firi vnaqxiiv. Was daher xa&* avro von einem Ding ausgesagt 
wird, gilt von allen unter diesen Begriff fallenden Dingen, was x, Gvfdßf- 
ßfjXoSf nur von einzelnen, und desshalb sind alle allgemeinen Bestimmungen 
ein xa&* avro. Metaph. V, 9. 1017, b, 35: rä yuQ xai^olov xa&* avte 
vTTaQX^iy Ta dk avjußeßrixoTa ov xad-* avra all* (nl riSv xaS-* ^xaara 
anltig Ifyirai. Vgl. Anm. 6. Weiteres fiber das avfißtßrixos S. 252 f. 2. Aufl. 

5) So Metaph. VII, 3, Anf.: unter der ovaia pflege man vielerlei zn 
verstehen: t6 rC r^v tJvai xal ro xa&olov xa't t6 y(vog . . . xal riragrov 
rofjTojy t6 vTioxiifievor» 

6) Anal. post. I, 4. 73, b, 26: xa&olov ^k Ifyoi S av xata navtoq u 
v/ra^/f^ xal xa&^ avro xa\ ij alxo. (farCQOV a^ ort oaa xa&olov i^ 



[143. 144] Der Begriff. 205 

diesee Oemeinsame eine abgeleitete WesensbestiimnuDg^ so ist das 
Allgemeine ein Eigenschaftsbegriff, es bezeichnet eine wesentliche 
Eigenschaft^); | ist es das Wesen der betreffenden Dinge selbst, 
so wird das Allgemeine zur Gattung*). Treten zu den ge- 

avayxiig vnaQX^'' ^^^^ n^ay/Ätcaiv. part an. I, 4. 644, a, 24 : ra äk xa&olov 
xoiya' TU yäg nXeCoaiv vnaQ/oVTa xaSolov Xiyo/Ä(v, (Ebenso Metaph. 
Vn, 13. 1038, b, II.) Vgl. vorletzte Anm. 

1) Eine solche wesentliche Eigenschaft nennt Arist ein xa&* avrd 
maqxovy ein na^ng xad-* avrbj oder av/ußtßrixoe xa&* avTO, indem er im 
letzteren Fall nnter dem avfißtßrixoej von dem vorhin erörterten Sprach- 
gebiaach abweichend, überhaupt das versteht, o öv/ußaivH nvl, die Eigen- 
schaft; vgl. Metaph. V, 30, Schi. c. 7. 1017, a, 12. III, 1. 995, b, 18. 25. 
c. 2. 997, a, 25 flF. IV, 1. IV, 2. 1004, b, 5. VI, 1. 1025, b, 12. VH, 4. 1029, 
b, 13. AnaL post I, 22. 83, b, 11. 19. c. 4. 73, b, 5. c. 6. 75, a, 18. c. 7. 75, 
a, 42. Phys. I, 3. 186, b, 18. U, 2. 193, b, 26. c 3. 195, b, 13. ni, 4. 203, b, 
33. De an. I, 1. 402, b, 16. Rhet I, 2. 1355, b, 30. Waitz zn Anal. post. 71, 
\ 10. Tbbmdblbkbubo De an. 189 f. Bonitz zu Metaph. 1025, a, 30. 

2) Top. I, 5. 102, a, 31 : yivoe J' iarl t6 xara nUi6vwv xai dia- 

ffiffovrnv T^ ilSn iv r$ tC iari xarriyo^ovfievov, iv rtp rC iart äk xartj" 

yofitia^t. ja toiaOttt Xiy^ad-to, Saa otQ/iorm anodovvai i^eatti^ivTa il 

^^u j6 TiQOxei/jievov (z. B. bei einem Menschen: r/ iari; C^v)- Metaph. 

^^ 28. 1024, a, 36 ff., wo unter den verschiedenen Bedeutungen von yivos 

Mgefuhrt wird: ro vnoxiffjievov TuTg ^ia<f0^ig, ro nQwxov ivvndgx^v o 

^yaat iv- rfp rC iar^ ,,. ol äunpogal liyovjat at Tto^on^ng. (Dass diese 

beiden Beschreibungen auf dieselbe Bedeutung des yijfog gehen, zeigt Bonitz 

t d. St). Ebd. X, 3. 1054, b, 30: Hydrat dk yivog o aft(pio ravTo Xiyovrai 

xna Ttiv ovaCav tu diatpoga. X, 8. 1057, b, 37 : th yag roiovtov yivog 

xtUtSt tp äfiffü) fy Tat;ro Xiy€Tt($j /uri xara av/ußeßrixbg ^X^^ 6ta(fOQav, 

Top. VII, 2. 153, a, 17: xairiyogürai J* iv t^ x( lart ta yivri xai at 

Siatpogaf, Jedes yivog ist mithin ein xa&oXov^ aber nicht jedes xa9-oXov 

ein yivogy vgl. Metaph. III, 3. 998, b, 17. 999, a, 21. XII, 1. 1069, a, 27 

0. a. St. mit I, 9. 992, b, 12. VII, 13. 1038, b, 16. 35 f. Bonitz z. Metaph. 

299 f. Auf den Unterschied der Gattung von der Eigenschaft bezieht sich 

theilweise auch die Bestimmung (Kateg. c. 2. 1, a, 20 ff. c. 5), dass alles 

entweder 1) xa^* vnoxiiiuivov tivog Xfyiraiy Iv vnoxetjtiivifi Jk oviivC 

UniVj oder 2) iv vnoxit/nivtp fxiv iart xad-* vnoxufiivov dk oMtvog 

Uyitat'f oder 3) xad-* vnoxH/nivov t6 Xfyirai xai iv vnoxHfiivtp iariv, 

oder 4) ovT* iv vnoxufiiv^ iailv ovre xat>* vnoxiifiivov Xiytxat, Wenn 

nimlich die vierte von diesen Klassen die Einzelwesen umfasst, so sind mit 

der ersten die Gattungen, mit derselben aber auch (c. 5. 3, a, 21) die art* 

bildenden Unterschiede, mit der zweiten die Eigenschaften, Thätigkeiten und 

Zustande, Oberhaupt also die avfißißrixora bezeichnet; in die erste gehört 

der Begriff des Menschen, in die zweite der Begriff der Grammatik, in die 

rierte der Begriff des Sokrates. Zugleich kommt aber das \3iu&cYi«t« ^«t 



206 Aristoteles. [144. 145] 

meinsameD im Gattungsb^riff enthaltenen Merkmalen für einen 
Theil seines Umfangs noch weitere wesentliche Merkmale hinzu, 
durch welche sich derselbe von dem übrigen in der gleichen 
Gattung enthaltenen | unterscheidet, so entsteht die Art, welche 
demnach aus der Gattung und den artbildenden Unterschieden 
zusammengesetzt ist ^). Wird endUch ein Gegenstand auf diesem 



ganzen Eintheilung in der Bestimmung der dritten Klasse zum Vorschein, 
denn wenn es Begriffe gibt, welche zugleich xn^' imoxufjiivov und Iv 
vnoxitfiiv^ prädicirt werden, d. h. Gattungs- und Eigenschaftsbegriffe zu- 
gleich sind (als Beispiel nennt A. den Begriff der Wissenschaft, welche in 
der Seele als ihrem vnoxfC/nevov sei und von den einzelnen Wissenschaften 
prädicirt werde), so verhalten sich die Gattungen und Eigenschaften nicht 
als coordinirte Arten des Allgemeinen. Wie fliessend die Grenze zwischen 
Gattungs- und Eigenschaftsbegriffen ist, wird sich uns auch in der Lehre 
von der Substanz (Kap. 7, 1) ergeben. 

1) Metaph. X, 7. 1057, b, 7: ix yciQ tov yivovg xai rtov Staifo^r 
rä €l6ri (die Artbegriffe schwarz und weiss z. B. entstehen, wie im folgen- 
den erläutert wird, aus dem Gattungsbegriff j^^cu^a und den unterscheiden- 
den Merkmalen dtax^irtxos und avyx^irixogi das Weisse ist das XQ^H-^ 
diaxQiTixov, das Schwarze das ;|fpfi)/ua avyxQinxov). Top. VI, 3. 140, a, 
28: S(i yuQ ro fulv yivog dno rtiv alltav ^^QiCtiv (der Gattungsbegriff 
unterscheidet das zu Einer Gattung gehörige von allem andern) r^y dk dia- 
(ponäv anlt rtvog iv t^ avrip yivH, Ebd. VI, 6. 143, b, 8, 19.« (Weitere 
Beispiele über den Sprachgebrauch von Suapoqä gibt Waitz Arist. Org. 

1, 279. BoNiTz Ind. ar. 192, a, 23.) Diese Unterscheidungsmerkmale der 
Arten nennt Arist. ^laqioga ei^onowg (Top. VI, 6. 143, b, 7. Eth. X, 3. 
1174, b, 5.) Von andern Eigenschaften unterscheidet er sie dadurch, dass 
sie zwar von einem Subjekt prädicirt werden (xa^* vnoxufA^vov Xfyotrai), 
tiber nicht in einem Subjekt seien (iv VTToxeiftivtp ovx etaOt d. h. sie sub- 
sistiren nicht in einem solchen Subjekt, das vor ihnen da wäre oder unab- 
hängig von ihnen gedacht werden könnte, sondern in einem solchen, wel- 
ches nur durch sie dieses bestimmte Subjekt ist (Kat. 5. 3, a, 21 f. vgl. c. 

2. 1, a, 24 f.), sie sind nicht accidentelle , sondern Wesensbe^timmungen 
(Metaph. VII, 4. 1U29, b, 14. 1030, a, 14. Top. VI, 6. 144, a, 24: ovdefiia 
yctQ ^laifioga tcSv xara avfißißrjxog vnaQXovttov iori, xadan^Q ovSh to 
yivog' ov yuQ iviix^rai r^y diatpoQav v;r«^;^€*r rivl xal /itj vnaQx^iv), 
sie gehören zum Begriff des Subjekts, von dem sie ausgesagt werden, alles 
daher, was in ihnen enthalten ist, gilt auch von den Arten und den Einzel- 
wesen, denen sie zukommen. (Kateg. c 5. 3, a, 21 ff. b, 5.) £• kann 
desshalb von ihnen gesagt werden, dass sie (zusammen mit der Gattung) die 
Substanz bilden (Metaph. VII, 12. 1038, b, 19 vgl. folg. Anm.), dass sie 
etwas substantielles aussagen (Top. VII, 2. s. o. 205, 2); sie selbst jedoch, 
für sich genommen, sind nicht Substanzen, sondern Qualitäten, drücken nicht 



[145. J46] Der Begriff. 207 

W^e durch seine sämmtlichen unterscheidenden Merkmale so 
bestimmt, dass diese Bestimmung als Ganzes auf keinen an- 
deren Gegenstand anwendbar ist, so erhalten wir seinen Be- 
grifft). Der Gegenstand des Begriffs ist mitliin die | Substanz, 
und zwar genauer die bestimmte Substanz oder das eigenthüm- 
liche Wesen der Dinge*), und der Begriff selbst ist nichts | 



ein ri, sondern ein nowv r« aus (Top. IV, 2. 122, b, 16. c 6. 128, a, 26. 
VI, 6. 144, a, 18. 21. Phys. V, 2. 226, a, 27. Metaph. V, 14, Anf.) Der 
anscheinende Widerspruch dieser beiden Bestimmungen, welchen Trbnjdelbn- 
BirsG Hist. Beitr. z. PhiL I, 56 f. Bonitz z. Metaph. V, 14 hervorheben, 
wird sich in der angedeuteten Weise heben lassen; vgl. Waitz a. a. O. 

1) Anal. post. II, 13. 96, a, 24: Manche Eigenschaften der Dinge 
kommen auch noch anderen zu derselben Gattung gehörigen zu. Ta cT^ 
TOMcvra Irinrfov (bei der Begriffsbestimmung) fiiXQ^ rovrov, lEtjg xoOavja 
Xriip&if n^tSrovy (ov 'ixaatov (jlIv inl nlelov vTraQ^i (auch noch anderen 
zukommt), anarra 6^ /uri ijrl nXioV TavTtiv yag avayxrj ovaCav fJvai tov 
jiQayfioTO^y was dann im folgenden weiter erläutert wird. Ebd. 97, a, 18: 
den Begriff (loyog Trjg ovaCas) eines gegebenen Gegenstandes erhält man, 
wenn man die Gattung in ihre Arten zerlegt, :ebenso die Art, welcher er 
angehört, in ihre Unterarten, uid damit so lange fortfährt, bis man zu dem 
kommt, tov fifixiri iari ^ttapogicj d. h. was in keine weiteren entgegen- 
gesetzten Arten, von denen der fragliche Gegenstand der einen oder der 
anderen angehörte, zerfällt (Ueber die sachliche Haltbarkeit dieser Sätze 
Tgl. BoKiTZ Arist. Metaph. II, 346, 1.) Metaph. VU, 12. 1037, b, 29: 
oi^^lv yag IhiQov lariv Iv ry oQta/n^ nkrv i6 t€ ttqiotov Xeyoftsvov yi" 
voq Ttai al dmfpogai (oder wie es 1038, a, 8 heisst: 6 oQtOfiog iartv 6 ix 
TW dtaipogdiv loyog)' Die Gattung wird in ihre Arten, diese in ihre 
Unterarten getheilt und hierin so lange fortgefahren, ^tog av tH&rj €fg rar 
dduiffOQa (ebd. Z. 15), und da nun hiebei jedes folgende Unterscheidungs- 
merkmal das vorangehende in sich schliesst (das dinovv z. B. das vn6novv\ 
die zwischen der Gattung und der untersten Artbestimmung liegenden 
Zwischenglieder mithin in der Definition nicht wiederholt zu werden brau* 
eben (vgl. auch part. an. I, 2, Anf.), so folgt (Z. 19. 1038, a, 28), oti 17 
Ttlivraitt iunfoga 17 ohala tov nqayfiaTug ^arai xal 6 oQtOfiog: wobei 
aber unter der Tileura^a d&atpogä nicht blos das letzte specifische Merk- 
mal als solches, sondern der durch dasselbe bestimmte Artbegriff zu ver- 
stehen ist, welcher die höheren Arten und die Gattung in sich begreift. 

2) Zur Bezeichnung dieses im Begriff Gedachten bedient sich Aristoteles 
verschiedener Ausdrücke; ausser ovaCa und iJäog, von denen in der Meta- 
physik weiter zu sprechen sein wird, gehört hieher die Hervorhebung dessen, 
was ein Wort ausdrückt, durch ein ihm vorangestelltes onegj z. B.. 07T€q 
oy, ojr€g ^v (Phys. I, 3. 186, a, 32 ff.): das Seiende als solches, das Eins 
tls solches (m. vgl. hierüber Bonitz Ind. arist. 533, b, 3^ ff.Vi liMsv«tL1\\0^ 



208 Aristoteles. [147] 



aber das tlvai mit beigefügtem Dativ (z. B. ro dv&Qtontp ilvai und dgl., 
ro ivl elvai t6 adia&Q^t(p iarlv elvm Metaph. X, 1. 1052t b, 16. ov yitp 
lOTt ro aol elvai ro fiovaix^ €2va$ ebd. YII, 4. 1029, b, 14 vgl. Ind. ar. 
221, a, 34) und t6 tC v^v dvat. In dem ersten von diesen zwei Ausdrücken 
wird der Dativ (mit Tbbndelbnbubo Rh. Mos. 1828, 481. Schwbolbb Ar. 
Metaph. IV, 371) possessiv zu fassen sein, so dass av&qtontf^ (Jvat so viel 
ist als: flvai roirro 5 iariv avd-Qtant^y dasjenige sein, was dem Menschen 
zukommt, ro ard-^ntp ilvai das dem Menschen eigenthtimliche Sein, das 
Wesen des Menschen bezeichnet; av&Qtonov (Ivai dagegen nur den Znstand 
dessen, welcher Mensch ist, die thatsächliche Theilnahme an der mensch» 
liehen Natur. Zur Unterstützung dienen dieser Erklärung Ausdrucke wie: 
t6 elvat avTtß €T€^v, ro dv rots (füöi ro elvai ianv (Bomitz Ind. ar. 
221, a, 42. 54 f. Arist Stud. IV, 377), und dass nie der Artikel. vor dem 
Dativ steht (dass Ar. nicht sagt: ro r^ avB'fftontp elvai), steht ihr meines 
Erachtens nicht im Weg; denn theils wäre das r^ in diesem Fall hinter 
ro sprachlich unbequem, theils wird gerade durch die Weglassung des Ar- 
tikels stärker hervorgehoben, dass es sich bei dem avO^gtantp ilvai um das 
einem Menschen als solchem zukommende Sein handelt. Auch das r£ ^ 
dvat wird nun in der Hegel mit dem Dativ des Gegenstandes constmirt 
iro ri r^v elvat ixdartp u. s. w. vgl. Ind. ar. 764, a, 6U f.); denn es ist 
(wie Alex. Top. 24 ro. Schol. 256, b, 14 sagt) »= o r/ iari ro ihtu 
itvrtp 6riXmv Xoyoc. Dazu kommt dann aber der eigenthümliche Gebranch 
des Imperfekts, welches wohl dazu dienen soll, dasjenige an den Dingen zu 
bezeichnen, was nicht dem Moment angehört, sondern in dem ganzen Ver- 
lauf ihres Daseins sich als ihr eigentliches Sein herausgestellt hat, das 
Wesentliche im Unterschied von dem Zufälligen und Vorübergehenden. (Vgl. 
Fl ATD Theaet. 156, A: Die Herakliteer behaupten, e^c t6 näv xlvr^aig jy 
xal äXXo ovdkv und andere Beispiele bei Schwbolbb a. a. O. 373 f.) To 
r£ ^ thai avl^qtontp bedeutete demnach eigentlich: dasjenige was für den 
Menschen sein eigentliches Sein war, das wahre Wesen des Menschen, das 
an ihm, was auch die nqtorri^ ova(a Miog ixdartp genannt wird (Metaph. 
VII, 13. 1038, b, 10. VII, 7, s. n. Vn, 5, Schi.). Diess ist aber nur sein 
ideelles Wesen, dasjenige, was wir denken, wenn wir von dem Zufälligen 
seiner Erscheinung und dem Stofflichen, worauf diese Zufälligkeit beruht, 
absehen; vgl. Metaph. VII, 4. 1029, b, 19: iv ^ aga firi Mar tu Zo/^ 
ai^ro, Xiyovri avrb, ovrog 6 loyog rov rl ^v eJva& ixdartp, c 7. 1032, b, 
14: liyio J' ovGiav av€v vXris ro ri tjv ilva^. Ebd. XII, 9. 1075, a, 1: 
fnl fikv rtov notriitxwv äv€u vXrie V ovaCa xaX ro rC ^v iJvai (sc. ro 
nQayfxd lari), c. 8. 1074, a, 35: ro dk rl t^ elvtu ovx i^it Shiv ro 
TtQÖirov' ivrelix^^tt y^Q» ^t^ ^^ V' ^^* ^^' daher mit dem eMo; zusam- 
men ; Metaph. VII, 7. 1 032, b, 1 : fldoe ^^ ^fyto rb rl r^v dvai ixdarov 
xal rriv nqtoripf ovalav. c. 10. 1035, b, 32: c/Joc ik liyta ro rl ^v tlptt^* 
Phys. II, 2. 194, a, 20: rot; Movg xcCi tov rl ffv iJvM. Ebd. c. 3. 194, b, 
26: eine der vier Ursachen ist ro eJSog xal rö na^d^HyfAa' rovro <f* 



[147] Der Begriff. 209 

anderes, als der Gedanke dieses Wesens ^) ; und dieser konunt | 



(<n)v o Xoycii 6 tov xC ffv tlvat xal rä tovrov y^, das gleiche, was 
Arist. Metaph. 1, 3* 983, a, 27 r^ ovaiav xal td xi r^v elvcuy zugleich aber 
auch Tov loyov nennt, wie denn überhaupt alle diese Ansdrücke bei ihm 
bestandig wechseln. Vgl. z. B. De an. 11, 1. 412, b, 10, wo ovaCa ri 
mra tov loyov durch ro tC ^v ihm erkl&rt wird. Metaph. VI, 1. 1025, 
b, 28: t6 tI ijiv elvai xal tov loyov, VII, 5. 1030, b, 26: ro t. ^. eh xal 
b^iOfio^ (ahnlich part. an. I, 1. 642, a, 25 Tgl. Phys. II, 2 a. a. O.). 
£th. n, 6. 1107, a, 6: xaxa filv rrpf ovaCav xal xbv loyov xov xi r^v 
(Tyai Hyovra. Zu. dem einfachen xC iin$ verhält sich das xi ^v ilvai, wie 
das Besondere und Bestimmte zum Allgemeinen und Unbestimmten. Wäh- 
rend das ri liV elvat nur die Form oder das eigenthümliche Wesen eines 
Dings bezeichnet, kann auf die Frage: xi iaxiv; auch durch Angabe des 
Stoffs oder des aus Stoff und Form Zusammengesetzten, ja selbst einer 
blossen Eigenschaft geantwortet werden; und auch wenn sie durch Angabe 
der begrifllichen Form beantwortet wird, muss die Antwort nicht nothwendig 
den ganzen Begrifi der Sache umfassen , sondern sie kann sich auch auf 
die Gattung oder andererseits auf die Artunterschiede beschränken (den 
Nachweis gibt Schwsolbr Arist. Metaph. IV, 375 ff.). Das xi ^v tlvat ist 
mithin eine bestimmte Art des xi iaxt (daher De an. III, 6. 430, b, 28: 
TOV il iaxi xaxa x6 xi r^v iivaty das Sein nach der Seite des Wesens), und 
(< kann desshalb dieses, wie diess bei Arist. sehr häufig ist, in der engeren 
Bedentnug des xi ^v etvat gebraucht werden, wogegen das letztere niemals 
in der umfassenderen des xi iaxt steht, so dass es auch den Stoff oder die 
blosse Eigenschaft oder das Allgemeine der Gattung, abgesehen von den 
artbiJdenden Unterschieden, bezeichnete. Kbonso verhält sich auch das 
iifui mit dem Dativ zn dem tlvai mit dem Accusativ. To Itvx^ eJvat 
baeichnet den Begrifi des Weissen, x6 livxov tJvat die Eigenschaft, weiss 
ZV sein. Vgl. Schweoleb a. a. O. 370. Phys. lU, 5. 204, a, 23 u. a. St. 
-^ Die Formel ro xi rjv eJvai hat ohne Zweifel Aristoteles aufgebracht: 
venn sich Stilpo wirklich ihrer bedient hat (s. 1, Abth. 233, 3), so wird er sie 
von ihm entlehnt haben. Auch das blosse xi rjv hat schwerlich schon Anti- 
i'thenes zur Bezeichnung des Begriffs gebraucht; aus dem wenigstens, was 
1. Abth. 252, 1 angeführt wurde, folgt diess nicht — Ausführlich hajideln 
ober das xi r^v ilvat und die verwandten Ausdrücke: Tbendblbnbubo (der 
diesen Gegenstand zuerst gründlich untersucht hat), Rhein. Mus. v. Niebnhr 
und Brmndis II (1828), 457 fi*. De anima 192 ff. 471 ff. Histor. Beitr. I, 
34 ffl ScHWEGLBR a. a. O. 369 ff. und die von ihm weiter angeführten. 
Hestliuo Mat. u. Form b. Arist. 47 f. 

1) AnaL post. II, 3. 90, b, 30. 91, a, 1: oQWfioc filv yäq xov xi 
(axi xal ovniag ... o fikv ovv OQiafAog xi ioxi drjlot. Ebd. II, 10, Auf.: 
offu/fiog ... Ifyixat fhai loyog xov xi iaxi. (Dasselbe ebd. 94, a, lt.) 
Top. VII, 5. 154. a, 31: o^utfiog iaxt loyos 6 x6 xi r^v dvat arifiaivwv. 
Metaph. V, 8. 1017, b, 21 : x6 xi ^ slvai ov o loyog o^iOfiöc, xo^ lovno 
Zeller, Pbilot. d. Gr. JX Bd. 2. Äbib.8. Anß. \4 



210 Aristoteles. [148] 

dadurch zu Stande, dass das Allgemeine der Gattung durch die 
sämmtlichen unterscheidenden Merkmale nidier bestinmit wird ^). 
Das Wesen der Dinge liegt aber nach Aristoteles nur in ihrer 
Form *) ; nur mit dieser hat es daher der B^riff zu thun , von 
den sinnlichen Dingen als solchen dag^en lässt sich kein Be- 
griff aufstellen ^), und { auch wenn eine bestimmte Beziehung 



ova(a Ifytrat ixdarov. Ebenso VII, 4. 1030, a, 6 vgl. Z. 16. b, 4. c. 5. 
1030, b, 26. part an. I, 1. 642, a, 25. Arist. bezeichnet desshalb den Be- 
griff (im subjektiven Sinn) ancb mit den Ausdrücken: 6 Xoyos 6 oQfCt^ 
Trjv oiaCav (part. an. IV, 5. 678, a, 34), 6 Xoyos 6 r( laxi Ifytov (Metaph. 
V, 13. 1020, a, 18) und fthnliche. {Aoyog oder loyog r^g ovaftcg steht 
aber auch, der objektiven Bedeutung von Xoyog entsprechend, für die Form 
oder das Wesen der Dinge z. B. gen. an. I, 1. 715, a, 5. 8. De an. I, 1. 
403, b, 2. II, 2. 414, a, 9 u. ö. vgl. vor. Anm.) Der Sache nach gleich- 
bedeutend mit oQiafiog steht oQog z. B. Top. I, 5, Anf. : tlart d** Sgog jukr 
loyog 6 t6 iC r^v eJvai arifAa(vtov, c 4. 101, b, 21. c. 7. 103, a, 25. Anal, 
post. I, 3. 72, b, 23. II, 10. 97, b, 26. Metaph. VH, 5. 1031, a, 8. c. 13. 
1039, a, 19. VIII, 3. 1043, b, 28. c. 6. 1045, a, 26. poSt. c. 6. 1449, b, 23. 
Das gleiche Wort bezeichnet aber auch im weiteren Sinn jeden der beiden 
Satztheile (Subjekt und Prädikat), und es ist insofern der stehende Aus- 
druck für die drei Termini der Schlüsse; Anal. pri. I, 1. 24, b, 16: oq^n- 
Sk xal(o eig ov SialviTui ^ Ttgoraaig u. s. w. c. 4. 25, b, 32. c. 10. 30, b, 
31. c. 34. 48, a, 2. Anal. post. I, 10. 76, b, 35 u. o. 

1) Vgl. S. 206, 1. 207, 1. Das Verhältniss dieser beiden Elemente druckt 
Aristoteles auch so aus, dass er die Gattung als den Stoff, die Artnnter- 
schiede als die Form des Begrifis bezeichnet, und eben hieraus erklärt er 
es, dass beide im Begriff Eins sind. Die Gattung ist das an sich noch un- 
bestimmte, welches erst im Artbegriff seine Bestimmtheit erhält, das Sub- 
strat {v7iox€(fAivov\ dessen Eigenschaften, der Stoff, dessen Form die unter- 
scheidenden Merkmale sind. Das Substrat existirt aber in der Wirklichkeit 
nie ohne Eigenschaften, der Stoff nicht ohne Form, die Gattung daher nicht 
ausser den Arten, sondern nur in denselben: sie für sich genommen ent- 
hält erst die allgemeine Voraussetzung, die Möglichkeit dessen, was in der 
untersten Art zur Wirklichkeit kommt; Metaph. VIII, 6 vgl. c. 2. 1043, a, 
19. V, 6. 1016, a, 25. c. 28. 1024, b, 3. VII, 12. 1038, a, 25. X, 8. 1058, 
a, 23 vgl. c. 3. 1054, b, 27. Phys. II, 9, Schi. gen. et corr. I, 7. 324, b, 6 
(part. an. I, 3. 643, a, 24 gehört nicht hieher). 

2) Vgl. S. 207, 2. Weiteres in der Metaphysik. 

3) S. S. 209, 1 und Metaph. VII, 11. 1036, b, 28: roi yaq na^olov 
xal Tov it^ovg 6 o^uifiog, c. 15, Auf.: unter Substanz versteht man bald 
den loyog allein, bald den loyog avv r^ vlvj awHltififxivog (das avvolov\. 
oaai fikv ovv (sc. ova(ai) ovron (im Sinne des avvolov) Ifyovrai, Tourtitr 

ju^r ItoTi (f^oQtt* utai yäg yiviOig' tov dk loyov oCx llot$v odrtK &rr€ 



{149] Der Begriff. ^ 211 

der Form auf den Stoff zu dem eigenthümlichen Wesen und 
also auch zu dem Begriff eines Gegenstandes mitgehört^), lässt 
sich doch nicht dieser sinnUche Gegenstand selbst, sondern nur 
diese bestimmte Weise des sinnUchen Daseins^ nur die allge- 
meine Form des G^enstandes, definiren'). Folgt nun schon 



Mf^efQiö^tt^' ov6k yoQ yivtaig (oi» yciQ ylyvsxat to oixiff (lva$ älXii ro r^^i rjf 
olx(q) . . • Sut TOVTO dk xal tav ovattiv twv ala^jäv rthf ara^' htaora ov!^* 
OQiafMO^ out' dnodititg iariv, or^ Kx^vatv vjliyy rig ij (pvOig rotavtri mar* 
ivSix^a&tu xal iJvai xal firj' 6t6 ipBagrta navra tu xa^* ^xaora avTiSv, 
€i oifv ri r* änoSii^ig rdiv dvayxattav xal 6 oQ^a/ÄOC InKJrrifjiovixog , xal 
ovx Ivd^x^To&i tSane^ oi5<f* imarrifiriv otk fihv imarrj/ntiv ork <f* ayvoiav 
e2ra&^ alkd <fJ|ia t6 toiovtov iaT$v (s. o. 8. 162), ovt(os ouJ' dno^ei^tv 
ovS^ o^afiovj dXld S6^ iarl tov M^x^fiirov akkmg IjjffAy, J^Zor ort ovx 
av cfij avxwv ovt€ dno^tt^g. Sobald man sie nicht mehr wahrnehme, 
wisse man ja nicht mehr, ob sie noch so seien wie man sie sich denke. 
(Hiezu Tgl. Top. V, 3. 131, b, 21. Anal. pri. II, 21. 67, a, 39.) c. 10. 
1035, b, 34: rot; loyov /ni^ rit rov Movg fiovov iarlv, 6 dk loyog Iarl 
tov xa&olov ' to yaQ xvxlqt iJvat xal xvxXog xat ipvxj tlvat xal ^vjfy 
ravrd. tov ^k avvolov ijdri, olov xvxlov tovdlf ttSv xad-ixa<nd tivog ^ 
aio^tov ^ vorfTov {Xiyto J^ voriToitg fikv olov tovg fAa&rjfiaTUCoifg, aiO' 
^iftoi/g 6k olov tovg /alxovg xal tovg ^vUvovg — auch die ersteren haben 
aber eine vlri, nur eine vXrj roritti 1036, a, 9 ff.), tovttov dk ovx tdnv 
oQiöfiog dXXtt fjiftä vorjaemg ^ ala^aeatg yvio^tCoirai, aniX^vtag (-ta) «f * ix 
tqg ivtiXkx^lag ov d^Xov note^ov note lialv rj ovx tialv^ dXX* dil Xfyov- 
tat xal yvtoQlliiovtai r^ xa&oXov Xoyq)' Tf (f* vli] ayvtaatog xa&^ at/rijv. 

1) Wie bei dem Begriff des Hanses (Metaph. VII, 15, s. vor. Anm.), 
der Seele, der Axt (De an. I, 1. 403, b, 2. II, 1. 412, b, 11), des aifior 
(Metaph. VII, 5 u. ö.), überhaupt bei allen Begriffen von materiellen und 
natürlichen Dingen. Vgl. Phys. II, 9, Schi.: wenn auch die materiellen 
Ursachen den begrifflichen oder Endursachen dienstbar sind, hat doch der 
Natorforscher beide anzugeben ; tatjg dk xal iv ttp Xoyt^ iotl to dvayxalov 
(die physikalischen, materiellen Ursachen gehören mit zum Begriff der 
Dinge). OQtaafiivip yitQ to i^ov tov ngUiVt oti itaC^atg toiaöC' avtri 
J* ovx Harai, ei fiti 'i^et oSovtag totovgdC* ovtot <f' o(/, ft fiV at6riQovg. 
Hati yaQ xal iv t^ Xoyip fvuc fiogta log vIti tov Xoyov, Vgl. Metaph. 
VII, 10. 1035, a, 1. b, 14. c. 11. 1037, a, 29. 

2) Wenn man einerseits läugnet, dass der Stofi zum Begriff des Dings 
gehöre, andererseits aber doch zugeben muss, dass sich unzählige Dinge 
ohne Angabe ihres Stoffes nicht definiren lassen, so erscheint diess zunächst 
als ein Widerspruch. Aristoteles sucht nun in der angeführten Stelle 
Meti^h. Vn, 10 diesem Widerspruch dadurch zu entgehen, dass er sagt: 
in solchen Fällen werde doch nicht dieser einzelne, durch die Verbindung 
einet Artbegriffs mit diesem bestimmten Stoff entstandene Oe^enStexi^ ^^o 

\4* 



212 Aristoteles. [150] 

hieraus, dass sich der Begriff nicht auf | die sinnlichen Einasel- 
wesen als solche bezieht^), so muss eben dieses von dem Ein- 
zelnen überhaupt gelten: das Wissen geht ja immer auf ein All- 
gemeines^), auch die Wörter, aus denen die Begriffsbestimmimg 
zusammengesetzt ist, sind allgemeine Bezeichnungen ^) ; jeder Be- 
griff umfasst mehrere Einzelwesen, oder kann wenigstens m^- 
rere um£Eussen^), und weim wir auch bis zu den untersten Arten 
herabsteigen, erhalten wir doch inmier nur allgemeine Bestim- 
mungen, innerhalb deren sich die Eiinzelwesen nicht mehr der 
Art nach, sondern nur noch durch zui^ige Merkmale unter- 
scheiden ^). Zwischen diesem Zufälligen imd den artbildenden | 



finirt, sondern nur seine Form, nicht dieser Kreis, sondern der Kreis, 
oder das xvxXqt elva^, nicht diese Seele, sondern die Seele, das tffvx^ 
tJvat. Gelöst ist aber die Schwierigkeit damit freilich darchaos nicht. 
Wenn z. B. die Seele die Entelechie eines organischen Leibes (De an. n, 
1), das ri ^v (2vm r^ to&^i atofiaji (Metaph. a. a. O. 1035, b, 16) ist, 
so gehört eben ein so nnd so beschaffener Stoff mit zu ihrem Begriff. 

1) Metaph. Vn, 15. 1039, b, 27 s. o. 210, 3. 

2) S. o. 161, 4. 

3) Metaph. a. a. O. 1040, a, 8: nicht allein die sinnlichen Dinge lassen 
sich nicht definiren, sondern anch die Ideen; jüv yaQ xa&* txamow if 
iSia, (uc tpaol, Ttai x^Qitnrj. dvayxatov if' i^ Svofidrmv ilvai rar Xoyow' 
ovofta (f* ov noiriou 6 6qiX6fM€voi, ayvtaatov yä^ Üarai, tit äk xtffitva 
xoivä naöiv. avayxri aqa vnaQX^^^ ^^^ aXltp Tovra' olov it rtg ok 6^- 
aa^ro, Cff^'y ^p<^ laxvov rj Xtvxitv ti ^t€q6v ti o xal aXXtp vTid^et. 

4) A. a. O. Z. 14 lässt sich A. einwenden: f^rj^kv xttXvuv X^9^ M^ 
ndvra noXXoT^, ufia 4k ficvtp rovrtp vnd^x^w (was bei der Begriffiibestiiii- 
mung wirklich der Fall ist, s. o. 207, 1), nnd er entgegnet darauf neben 
anderem (worüber Bonitz z. d. St. z. vgl.) Z. 27: wenn auch ein Gegen- 
stand der einzige in seiner Art sei, wie die Sonne oder der Mond, so könnte 
doch sein Begriff immer nur solches enthalten, Saa in* aXXov hfdix^^h 
olov litp hiQoc yirnTai roiot/rocy (f^ior ort ^JUoc iartti' xotvog uqu 6 
Xoyog n. s. w. Aehnlich De coelo I, 9. 278, a, 8 : gesetzt es gibe anch nur 
Einen Kreis, ov^-kv ffttov aXXo Ikna^ ro xvxXtp ihai xaü r^i r^ xvxl^^ 
xdi t6 fikv ildo(, t6 (f' eldof iv ry vXtf xal rtop xa^* htaawov. Ebd. b, 
5: es gibt nur Eine Welt, aber doch ist das ovgavfp ilviu und das rf^t 
r$ ovQttviß elvai zweieriei. 

5) Metaph. VU, 10 (s. o. 210, 3): 6 Xoyog itnl tov xa&oXov, Anal, 
post. II, 13. 97, b, 26: ahl <f' iarl nag Sgog xa^oXov. Die Begrifb- 
bestimmung lässt sich zwar so lange fortsetzen, bis alle Artnnterechiede er- 
schöpft sind, nnd die riXivraia d^afpoqd erreicht ist, unter dieser bleiben 
lisuan aber immer noch die Einzelwesen, welche sich nicht mehr der Art 



[151] Der Begriff. 213 

UnterBchiedeii li^en diejenigen Eigenachaften, welche den Dingen 
dner gewissen Art ausschliesslich zukommen, ohne doch uli- 
mittelbar in ihrem Begriff enthalten zu sein; Aristoteles nennt 
dieadben Eigenthümlichkeiten (Ydia) ^); im weiteren Sinne be- 
fiust er aber unter diesem Namen einerseits auch die artbilden- 
den Unterschiede und andererseitB zufiülige EigenschaJften ^). 

nach tmtencheSden (m. s. hieraber Metaph. X, 9. 1058, a, 34 ff. nnd oben 
207, 1), und infofem o/jiota sind (Anal. post. II, 1^. 97, a, 37. b, 7), welche 
Aber doch immer eine Vielheit, ja eine anbestimmte Vielheit bilden, und 
ebendeshalb nicht Gegenstand der Wissenschaft und des Begriffs sein kön- 
nen; Metaph. III, 4, Anf.: ttre yag fiif tari ri nuQa xa xaS-^xaara, tä «fi 
Ma&6tafna aneiga, t<Sv d' dmlQmv niof Mixittu laßetv in$(nTififiv; 
yr^. n, 2. 994, b, 20 ff. Top. II, 2. 109, b, 14. Anal. post. I, 24. 86, a, 
3 ff. und ebd. c. 19—21 den Nachweis, dass die Beweisführung weder nach 
oben noch nach unten in's unendliche fortgehen könne. Aristoteles folgt 
hierin ganz Plato; s. 1. Abth. S. 524, 3. 587, 1. — Die Einseidinge be- 
seichnet Arist. mit den AusdrÖcken: rä xa^' hutora (oder x, ixuarov), ro 
dqi&fA^ tv (Metaph. III, 4. 999, b, 34. Kateg. c. 2. 1, b, 6 u. o. s. Waitz 
a. d. St.), ja Ttva, 6 rlc av9-qmnog u. s. w. (Kat. a. a. O. 1, 4, b. Anal. 
post. I, 24. 85, a, 34. Metaph. VII, 13. 1038, b, 33), rocTc r« (Kat. c. 5. 
3, b, 10. Metaph. IX, 7. 1049, a, 27 u. o. s. Waitz zu d. St der Eate- 
gorieen), auch xa ärofia (z. B. Kat. c. 2. 1, b, 6. c. 5. 3, a, 35. Metaph. 
m, 1. 995, b, 29; ebenso heissen zwar auch die untersten Arten, die nicht 
wieder in Unterarten zerfallen — die atfiaipoga s. o. 207, 1 — doch steht 
ia diesem Fall, sofern diese Bedeutung nicht schon aus dem Zusammenhang 
eriieüt, nicht rä arofia schlechtweg, sondern arofia Mri und ähnliches; ' 
T|^ Metaph. III, 3. 999, a, 12. V, 10. 1018, b, 6. VH, 8, Schi. X, 8. 9. 
1058, a, 17. b, 10. XI, 1. 1059, b, 35) oder rä Haxonra, weil sie beim 
Herabeteigen Tom Allgemeinsten zuletzt kommen (Metaph. XI, 1. 1059, b, 
26. Eth. K. VI, 12. 1143, a, 29. 33. De an. lU, 10. 433, a, 16. De mem. 
e. 2. 451, a, 26). 

1) Top. I, 4. 101, b, 17 unterscheidet er yipocy l&tov und avfißeßrixos; 
nachdem er sodann das l&iov wieder in den oqo^ und das läiov im engem 
8iim getheilt hat, definirt er das letztere c. 5. 102, a, 17: fd$ov <f* iarlv 
o fMTf ^fiXol jukv t6 tC ^v slvai, ftovtp S* vnuQx^^ *^^ dvrixenrriyoQiitat 
Tov JiQayfjiarof (sich als Wechselbegriff zu ihm yerhält), olov li$ov dv^gto' 
nov ro YQafxfjiarixr^ ilvai dixrtxov u. s. w. 

2) Schon a. a. O. unterscheidet er Ton dem dnXiog tdtov das nork rj 
ngof XI fS$ov, nnd im 5ten Buch, welches Ton der topischen Behandlung 
der tS$m handelt (c. 1), das fcTfor xa&* avto von dem tdiov ngog liregov, 
das dfi M. von dem Tror^ f<f. Von dem fif. ngoc htgav bemerkt er aber 
selbst (129, a, 32), und von dem ttot^ t&, gilt ohnedem, dass es zu den 
CufißißiptSta gehöre, als Beispiele des M. xa^* avtb nnd «eV f^tt «t 



214 Aristoteles. [152] 

Was unter Emen Begriff fidlt, ist, so weit diess der Fall ist, 
identisch^), | was nicht unter Einen Begriff fiült, verschieden^); 
zur vollständigen Identität gehört aber allerdings auch Einheit 
des Stoffes: solche Einzelwesen, zwischen denen kein Artointer- 
schied stattfindet, sind doch noch der Zahl nadi verschieden, 
weil sich in ihnen derselbe B^riff in verschiedenem Stoffe dar- 
stellt ^). Der begriffliche Unterschied ergibt in seiner Vollendung 
den conträren, die blosse Verschiedenheit den contradictorischen 
G^ensatz. Deum conträr entg^engesetzt {ivavziov) ist das- 
jenige, was innerhalb derselben Gattung am weitesten von ein- 
ander abliegt^): | der conträre Gegensatz ist nichts anderes, als 

andererseits wesentliche Merkmale an, wie C^pov a^dyaroy, Ctfiov ^vriiov, 
t6 ix ^vx^s xnl atofAaxoi auyxeifjtivov (128, b, 19. 35. 129, a, 2). VgL 
vor. Anm. 

1) Arist. sagt diess nicht mit diesen Worten, aber es ergibt sich ans 
seinen Erörtemngen über die verschiedenen Bedeutungen des tuvrov, Top. 
h 7 (▼gl* ^ni, 1. 151, b, 29. 152, b, 31) werden deren drei unterschieden: 
yivet ravTov ist, was Einer Gattung, ffJct rott/rov, was Einer Art angehört 
(hierüber vgl. Metaph. X, 8. 1058, a, 18), uQ^d'/jitp ravtov, tav bvo/dara 
nXiCto TÖ dk Tt^ayfia l^v. Diese letztere Art der Identität lasst sich wieder 
auf verschiedene Weise ausdrücken: xv^uirara ^hv xal n^turmg oiav ovo- 
fiOTi f o^^ t6 ravtov ano^oS-y, xa&dn^Q Ifidriov Xioni(p xal C^<>^ ^<~ 
Cov dlnovv dv&^fontp, divrtQov cf' orav riß /(f/^, xaSaneg rb intcFTfififig 
dexrtxov dvd^Qiontf}, . . . tqCxov cT* otav dno tov cvfißfßrixotoCf olov ro 
xa&ii/Ä€vov ^ ro fiova&xov ^ax^drii. Etwas anders wird Metaph. V, 9 ein- 
getheilt: Arist. unterscheidet hier zuerst die raviä xara avfißißijxos und 
ravta xa&* avrä, sodann das rovrov Mh und dgi^^^, welche beide 
theils von dem ausgesagt werden, was Einen Stoff, theils von dem, was 
Ein Wesen habe. (Genauer X, 3. 1054, a, 32 : der Zahl nach identisch sei, 
was sowohl dem Stoff als der Form nach Eins ist.) Im aDgemeinen wird 
die Bestimmung aufgestellt, welche sich auf die obige leicht zurückfuhren 
lässt: 19 Tavtoirig ivotric rtg iariv ij nXnovtav tov t7va$ rj orav XQ^''^^ ^ 
nXhloa^v (wie in: ttvto avr^ Tavrov). Da aber (c. 10. 1018, a, 35) die 
Einheit und das Sein verschiedene Bedeutungen haben können, müsse sich 
die des ravthi; 'h(^v u. s. f. nach der ihrigen richten. 

2) Metaph. Y, 9. 1018, a, 9: htQU 6k Ifytrai ojv J^ rä Mri nX^Cia n 
17 vXfi iq 6 Xoyoq tijs ova(ag' xal oXiog dvtixHfjifvug tt^ ravr^ Xfyerai ro 
'ixi^v, Ueber das M^i und yiv€i he^ov vgl. ebd. X, 8. V, 10. 1018, a, 
38 ff. c. 28. 1024, b, 9. 

3) S. vor. Anm. und 212, 5. Dass die individuelle Verschiedenheit der 
Dinge ihren Grund im Stoff haben soll, wird auch später iS. 257 f. 2. Aufl.) 
noch gezeigt werden. 

4) Diese Definition fahrt Arist. Kateg. c. 6. 6, a, 17. Eth. N. II, 8. 



[153] Der Begriff; der Gegensatz. 215 



1106, b, 33 als eine überlieferte an {ogiCwrtu)] Metaph. X, 4, Anf. tragt 
er tie jedoch in eigenem Namen Tor, und begründet die Beatimmnng, dass 
die Entgegengesetzten derselben Gattung angehören müssen, ausdrücklich 
mit der Bemerkung: ra fjtlv yag y^vet ^&wp4QOVta ovx !/<» oäov ds al- 
iijZa, all* itnixH nXiov aral aavfißXfira (ein Ton und eine Farbe z. B. 
sind sich nicht entgegengesetzt, weil sie überhaupt nicht verglichen werden 
können, aavfißlfita sind). Dagegen lesen wir Metaph. V, 10. 1018, a, 25: 
hwf(a XfyiTou rd le firi dwara Sfia r^ avri^ naqüvai Tiav dia<peg6v- 
rmv xard yirosy xal ra nliiOTOV äiatfigovra riSv iv r^ auT^ yivH, xa\ 
Ttt nXiiffTOv ^latpiQovra rtSv iv ravTiß tftxnxtp (dass die havrCa Eminem 
and demselben tfexTucbv zukommen, bestätigt Metaph. X, 4. 1055, a, 29. 
De Bomno 1. 453, b, 27), xal ra nXeltnov diafpigovra roJy vno ttjv avrrjv 
Svrafiiif, xal thv fj duttpo^a fniyiarri fj anltSg { xara yivog rj xar* iJdog, 
r« (f* alXa ivavrCa XfyeTa& ra fikv r^ ta Toiavra ^x^tv^ tu dk r^ JtX" 
juttt tivat^ tnv toiovTtJV u. s. w. (Dieses auch X, 4. 1055, a, 35.) Auch 
Kateg. c. 11, Schi, heisst es: dvdyxrj ^k ndvra ra ivavtia rj iv r^ avr^ 
y(m iivai (wie weiss und schwarz), q Iv rols fvavrCoti y^veaiv (wie ge- 
recht und ungerecht), rj aurd yivri ilvat (wie gut und böse). Aehnliches führt 
SmPL. in Categ., Schol. 84, a, 6 (Ar. Fr. 1 1 7) aus der Schrift n, ItivrixHfA^vtov 
tn, über welche S. 74, 2 zu vergleichen ist. Die reifere und richtigere 
Darstellung ist aber die Metaph. X (gut und böse z. ß. könnten sich nicht 
entgegengesetzt sein, wenn sie nicht unter denselben Gattungsbegriff, den 
des sittlichen Verhaltens, fielen), und Aristoteles selbst führt (1055, a, 23 ff.) 
die früheren Bestimmungen auf den hier aufgestellten Begriff des IvttvrCov 
soruck. Nur aus diesem erklärt sich auch der Grundsatz (Metaph. III, 2. 
996, a, 20. lY, 2. 1004, a, 9. 1005, a, 3. XI, 3. 1061, a, 18. An. pri. I, 
36. 48, b, 5. De an. III, 3. 427, b, 5. u. o. s. Bonitz u. Schweolsr zp 
Hetaph. III, 2 a. a. O.) : rüv ivavr(tav fiia intarrifiri. Dieselbe Wissen- 
schaft ist die, welche es mit Dingen derselben Guttung zu thun hat; was 
Terschiedenen Gattungen angehört, wie Ton und Farbe, fällt insofern auch 
unter verschiedene Wissenschaften. Vgl. a. a. O. 1055, a, 31. Aus jenem 
Begriff des ivavrlov wird femer (a. a. O. 1055, a, 19 vgl. De coelo I, 2. 
269, a, 10. 14. Phys. I, 6. 189, a, 13) der Satz abgeleitet, dass jedem nur 
£ines conträr entgegengesetzt sein könne. Zwischen conträr Entgegen- 
gesetzten können unbestimmt viele Zwischenglieder in der Mitte liegen, 
welche dann aus ihnen zusammengesetzt sind (wie die Farben aus hell und 
dunkel) ; doch finden sich solche Mittelglieder nidft zwischen allen, sondern 
nur zwischen denen, von welchen dem dafür empfänglichen Subjekt nicht 
Qothwendig das eine oder das andere zukommt, bei welchen ein allmählicher 
Uebergang von dem einen zu dem anderen stattfindet (Metaph. X, 7. Ka- 
teg. c. 10. 11, b, 38 ff. 12, b, 25 ff. vgl. Sixpl. Categ., Schol. in Ar. 84, 
I, 15 ff. 28 ff.); wie es denn hauptsächlich die Veränderungen in der Natur 
lind, welche Aristoteles bei der Lehre vom havrCov im Auge hat, denn 
jede Veränderung ist Uebergang aus einem Zustand in den entgegengesetzten ; 



216 Aristoteles. [153. 154 J 

der absolute Artunterschied ^). In contradictorischem G^ensatz 
stehen dagegen diejenigen B^riffe, welche sich zu einander als 
Bejahung und Verneinung verhalten^), zwischen denen dahar 
nichts in der Mitte Hegt'), und von denen jedem g^ebenen 
Gegenstand der eine | oder der andere zukommen muss ^) ; diese 
Art des Gegensatzes entsteht, mit anderen Worten, wenn alles 
das, was in einem Begriff nicht enthalten ist, in einem vemä- 
nenden Ausdruck ^) zusammengefasst, die G^sammtheit der mög- 
lichen Bestimmungen nach ihrer Identität oder Verschiedenheit 
mit einer gegebenen Bestimmung getheilt wird. Zwischen dem 
conträren und dem contradictorischen G^ensatz steht nach 
Aristoteles der des Besitzes und der Beraubung ^ ; indessen will 
es ihm nicht recht gelingen, den Unterschied dieses Verhält- 
nisses von den baden anderen festzustellen^). Als eine vierte 



PhjB. V, 3. 226, b, 2. 6. I, 4. 187, a, 31. c. 5. 188, a, 31 ff. gen. et corr. 
I, 7. 323, b, 29. — Der obigen Definition des et^et ivavriov entspricht die 
des ivavT^ov xara r'nov Meteor. II, 6. 363, a, 80; Phys. V, 3. 226, b, 32. 
— Ueber die richtige sprachliche Formolirnng der Gegensätie handelte die 
Schrift n, ^AvxixH^ivtav (s. o. 74, 2.) Simpl. a. a. O. 83, b, 39 ff. (Ar. Fr. 116). 

1) Die ^latfOQa rilHog Metaph. X, 4. 1055, a, 10 fl. 22 ff. Da dieier 
Gegensatz nur zwischen den abstrakten Begriffen, nicht zwischen konkreten 
Dingen stattfindet, wollte die Schrift n, ^AvjixufUvtav nur solche Begriffe 
(z. B. (f^vri<tig und aifqoovvri) anXtaq fvavrla genannt wissen, nicht aber 
das daran theilhabende (wie (fQovifioi und a(fiQtov), Simpl. a. a. O. 83, b, 
24 ff. vgl. Plato Phädo 103, B. 

2) Die stehende Bezeichnang für diese Art der Entgegensetzung ist da- 
her: log xataifadtg xai anoif'ttatg dvTix€ia^ai; bei den Urtheilen (s. n.) 
heisst sie avt(ffaaiq, und unter demselben Namen wird Phys. V, 3. 227, 
a, 8. Metaph. IV, 7, Anf. V, 10, Auf. auch der Gegensatz der Begriffe 
mitbefasst. 

3) Metaph. IV, 7. XI, 6. 1063, b, 19. Phys. a. a. O. vgl. was S. 220 
über das contradictorische Urtheil zu sagen sein wird; die Art der Ent- 
gegensetzung ist nämlich dort dieselbe, wie hier; Kat. c. 10. 12, b, 10. 

4) Kateg. c. 10. 11, b, 16 ff. 13, a, 37 ff. Metaph. X, 1057, a, 33. 

5) Einem ovofia odl^ (^^^^ a6Qnnov\ s. u. S. 221, 4. 

6) %^ig und arigriaigj z. B. sehend und blind. Zum folgenden vgl. 
Tbbndblbnbcbg Hist. Beitr. I, 103 ff. 

7) Metaph. V, 22 (und hierauf zurückweisend X, 4. 1055, b, 3) unter- 
scheidet A. drei Bedeutungen der ar^^aig: \) av firj f^V ^' '^'^ niipv" 
xorav Hx^ad-at, xav fjtri avro r^v mq'vxoe ^X^iVy olov ipvtov ofifidxmp 
iariQrja&M Uyejai, 2) av 7tt(pvx6s ^;|f«iv, fj avro tj t6 yiyog, /u^ f^^; 
3) äv n€<pvx6c xftl 0T€ n^tpvxev ^/ar fiii iX9- Allein in der «rslen Be- 



[154.155] Der Betriff; der Gegensatz. 217 

Art der Entgegensetzung | wird die der Verhältnissb^riffe an- 



dentmig wäre die Privation gleichbedentend mit der Negation (blind =» 
nichtsehend) , und es könnte von den xata ar^Qrjatv xal ^iv entgegen- 
getetxften gesagt werden, was auch nach Kat c 10. 13, b, 20 ff. (freilich 
den Postprädicamenten) nicht von ihnen gesagt werden kann, jedes Ding 
>ei entweder das eine oder das andere von ihnen (entweder sehend oder 
bUnd), das Verhältniss der atf^an und cl«; würde sich mithin auf das der 
artlffaaiq zaräckHIhren. Bei den zwei andern Bedeutungen ist diess aller- 
dings nieht der Fall, denn bei ihnen drückt die mi^fffftg^ wie auch Metaph. 
IV, 12. 1019, b, 3 ff. zugegeben wird, selbst wieder etwas positives, eine 
Art l|^ aus; dafür fallt aber, wenn wir die Beraubung in diesem Sinn 
ndiinen, ihr Gegensatz gegen die 'i^g unter den Begriff des ivarriov. Der 
Unterschied beider wird in den Postpradicamenten, Kat. c 10. 12, b, 26 ff. 
darin gefunden, dass von den ivavr^a, wenn es zwischen ihnen kein Bütt- 
lerei gebe (wie zwischen gerade und ungerade), nothwendig jedem dafür 
cmpfiinglichen Ding das eine oder das andere zukommen müsse (jede Zahl 
iit e&tweder gerade oder ungerade) ; wenn es dagegen ein Mittleres zwischen 
iluMD gebe, diess niemals der Fall sei (es kann nicht gesagt werden: jedes, 
vu für die Farbe empfänglich ist, muss entweder weiss oder schwarz sein) ; 
bö der m^Qviats und ^^ts dagegen finde weder das eine noch das andere 
*^: man könne nicht sagen, ,Jedem dafür Emptänglichen muss das eine 
^ das andere der Entgegengesetzten zukommen'*, denn es könne eine Zeit 
B^ben, wo ihm noch keins von beiden zukomme, t6 yäq fAifna neipvxog 
^^9 ^Hv oÖTi rvipXov oiire oipiv t^ov Xfyerai; man könne die so Ent- 
S<seQgesetzten aber auch nicht zu dem rechnen, zwischen dem es Mittel- 
P«d«r gebe, orav ya^ ij^ti ntfpvxog y oipiv (x^tVy rore rj rvfpXov ^ oiptv 
h^ ^H^r^aira^. Allein so lange etwas noch nicht netpvxos oifßiv ^x^iv ist, 
^ M eben auch noch kein dexrutov oi//<aiff, dieser Fall gehört also gar 
QKlU hieher, und andererseits liegt zwischen dem Besitz und der Beraubung 
^erdiogs vieles in der Mitte, nämlich alle Grade des theilweisen Besitzes: 
^ |ibt nicht Mos Sehende und Blinde, sondern auch Halbblinde. Ein wei- 
^f Unterschied der ivarrfa von dem xarä axi^ria^v xal i^$v entgegen- 
S**<ttten atM (Kat. c. 10. 13, a, 18) darin liegen, dass bei jenen der Ueber- 
^^ von dem einen zum andern gegenseitig sei (das Weisse kann schwarz 
'^^ das Schwarze weiss werden), bei diesen nur einseitig, vom Haben zur 
^^'^obong, nicht umgekehrt. Diess ist aber gleichfalls nicht richtig: es 
^^ nicht blos der Sehende blind oder der Reiche arm, sondern auch der 
^^ sehend und der Arme reich werden, und wenn diess nicht in allen 
'"Hen möglich ist, so gilt das gleiche auch von den ivavria : es kann auch 
^^ jeder Kranke gesund, alles Schwarze weiss werden. Für das logische 
erbiiioigf der Begriffe wäre dieser Unterschied überdiess ganz unerheblich. 
^Üch wird Metaph. X, 4. 1055, b, 3. 7. 14 bemerkt: die arfQfiaig sei eine 
^ der aniipaOK, nämlich die avt(ipaa$g (v T(ß dixrtx^y die lvavTi6rf\g 
^ Art der tnigfiaii (so auch XI, 6. 1063, b, 17), so dass dernuaiCL^ ^\«&« 



218 Aristoteles. [155. 156] 

geftOirt^). Von allen diesen | Arten der Entgegensetzung gilt 
der Satz, dass das Entgegengesetzte unter dieselbe Wissenschaft 
falle ^). 



drei Begriffe eine Stufenfolge vom Höheren zum Niederen bilden würden. 
Auch diess kann man aber nur dann sagen, wenn der Begriff der m^Qfjais 
nicht genauer bestimmt wird; sobald diess geschieht, fallt das Verhaltniss 
der aT^^rjOte und F|i^ entweder unter die avtCi^aai^ oder unter die lyor- 
jtoTfig. Auf die letztere fuhrt auch Anal. post. I, 4. 73, b, 21: Im-i y^ 
tb ivavrtov tj or^Qfiatg rj uvrCipaatg iv ry avT^ yivu^ olov agr^ov rb /Ar 
TTiQtTTov iv aQi^fiotg; denn um ein kvaviCov sein zu können, muss die 
migriatg einen positiven Begrif! ausdrücken, und zwar nicht blos indirekt, 
wie die avxdpaati^ von der sie ja hier unterschieden wird. Das gleiche gilt 
von Stellen, wie Metaph. VII, 7. 1083, a, 7 ff., wo das Kranke, nach an- 
dern Stellen das ivavrCov des Gesunden, als seine arigriatg angeführt ist; 
ebd. XII, 4. 1070, b, 11 : cuc fih eläog [airia rdSv a&t/idTtfv^ ^6 ^€gubv 
xal aXXov TQonov rb ifjvxQbv 17 atigtiaig^ denn das Kalte bildet zum War- 
men einen conträr«n Gegensatz, und wenn es ein ^Idog ist, kann es keine 
blosse Verneinung sein; wird es daher auch mit andern analogen Begriffen 
für eine solche ausgegeben (z. B. De ooelo II, 3. 286, a, 25), so erkennt 
doch Arist selbst anderswo an, dass es in gewissen FäUen eine natürliche 
Eigenschaft, kein blosser Mangel sei (part an. II, 2. 649, a, 18), nnd dass 
es die Kraft habe, zu wirken (gen. et corr. II, 2. 329, b, 24), die einer 
blossen axi^a^s unmöglich znkonunen kann. Vgl. Trbkdblbmbcrg a. a. 0. 
107 ff. Strümpbll Gesch. d. theor. Phil. 227 f. — Von der arigffiig und 
^^ig hatte auch die Schrift n, IdvrtxH/iivtav gehandelt; Sixpl. Schol. in 
Ar. 86, b, 41. 87, a, 2 (Ar. Fr. 119). Ueber die metaphysische Bedeutung 
der ar^grjöi'g und ihr VerhiUtniss zur vXi^ wird später zu sprechen sein. 

1) Kat c. 10. 11, b, 17. 24 ff. Top. II, 2. 109, b, 17. c. 8. 113, b, 15. 
114, a, 13. V, 6. 135, b, 17. Metaph. X, 4. 1055, a, 38. c. 3. 1054, a, 23. 
Wenn Metaph. V, 10 noch zwei weitere Formen der Entgegensetzong ge- 
nannt sind, so zeigt Bonitz z. d. St. Waitz Arist Org. I, 308, dass diese 
unter die vier sonst allein genannten fallen. Umgekehrt nennt Phys. V, 3. 
227, a, T nur die avxltfaa^g und IvavTiorrfg. Beispiele solcher Verhalt- 
nissbegriffe (Kat. a. a. O. und c. 7. Metaph. V, 15) sind: das Doppelte 
und das Halbe, überhaupt das Vielfache und sein Theil, das vntQ^j^ und 
vTtegexofjiivov ; das Wirkende und das Leidtode; das Messbare and das 
Mass, das Wissbare und das Wissen. 

2) S. S. 215 m., und was die Ausdehnung des obigen Satzes auf alle 
avjtxtCfAiva betrifft, Metaph. IV, 2. 1004, a, 9. Top. I, 14. 105, b, 33. II, 
2. 109, b, 17. VIII, 1. 155, b, 30. c. 13. 163, a, 2. Die Begründung dieses 
Satzes liegt im allgemeinen darin, dass von den Entgegengesetzten keines 
ohne das andere gewusst werden kann, dieses selbst aber hat in den ver- 
schiedenen FäUen verschiedene Ursachen: beim contradictorischen Gegen- 
salz rührt es daher, dass der negative Begriff Non a* A den positiven A 



[15«. 157] Das Urtheil. 219 

Die Begriffe fiir sich genommen geben aber noch keine 
Rede, sie sind weder wahr noch falsch ; eine bestimmte Aussage, 
mid ebendamit Wahrheit imd Lrthum, findet sich erst im Satze ^). 
Durch die Verbindung des Nennworts mit dem Zeitwort, der 
Subjekts- und der Prädikatsbezeichnung ^) , erhalten wir eine 
Rede (i^yog)^\ hat diese Rede die Form der Aussage, wird in 
ihr etwas bejaht oder verneint, so entsteht, im Unterschied von 
aoderen Redewdsen^), der Satz^), oder das Urtheil {ctftoqxiv' 
ifig)^y als dessen | Grundform Aristoteles das ein&che kate- 
gorische Urtheil betrachtet'). Ein Urtheil ist wahr, wenn das 
Denken, dessen innere Vorgänge durch die Sprache bezeichnet 
werden % dasjenige flir verknüpft oder getrennt hält, was in der 



QBmittelbar voranssetst and enthält, bei den Ck>rrelatbegriffen daher, dasa 
ne rieh gegenseitig -voraussetzen , beim contraren Gegensatz nnd bei der 
9t(^ria$g nnd ^{»c, so weit sie anter diesen fäJlt, daher , dass die Kennt- 
niM der entgegengesetzten Artanterschiede die der gemeinsamen Gattung 
Toranssetzt. 

1) S. o. S. 191. De interpr. c. 4. c 5. 17, a, 17. Metaph. VI, 4 vgl. 

1. Abth. S. 527, 5. 528, 1. 

2) M. 8. über ovofAU and ^^a, welches letztere aber Copnla nnd Prä- 
<iikat zn^eich in sich begreift, De interpr. c. 1. 16, a, 13. c. 2. S. c. 10. 
19, b, 11. Pogt. c. 20. 1457, a, 10. 14. Rhet. III, 2. 1404, b, 26. Anch 
<iieu ift platonisch; s. 1. Abth. 527, 5. 532, 2. 

3) De interpr. c. 4. Rhet. a. a. O. 

4) Wie Wunsch, Bitte u. s. w. Die Frage wird Anal. pr. I, 1. 24, a, 
^2. Top. I, 10. 104, a, 8 (vgl. Waitz Arist. Org. I, 352) zwar anter den 
B^ff der n(ß6Tatus gesteUt, aber als ngoiaaig SiaXixrixri Ton der ano- 
'«xrian^ so unterschieden, dass diese A^^»; d-ux^^ov fAoqlov irjs avt^tpa- 
^ttf lei, sie dagegen i^tittiaig dvTKpaaftos. Aehnliche Definitionen der 
^^uaig De interpr. 11. 20, b, 23. Anal. post. 1,2. 72, a, 8 vgl. soph. 
^ 6. 169, a, 8. 14. 

5) n^QüTaan', über den Ansdmck ygl. m. Biese Phil. d. Arist. I, 128. 

2. Waitz AiSst Org. I, 368. Bonitz Ind. ar. 651, a, 33 ff. 

6) De interpr. c. 4. 17, a, 1. Anal. pr. I, 1. 24, a, 16. 

7) De interpr. c 5. 1 7, a, 20 : ^ fjilv anXrj iariv dnotpavaig ... rj dk 
^ TovTtoV avyxHfJkivfi . . . loTi dh ^ fxlv dnky\ dnotpavoig (ptoini arifjiavTUtri 
^iffX Tov vnaQX^tv r» ij ftri vndgx^iVf de ol X9^°^ cTi^^i^yrai. 

8) Ueber die Sprache als av/jßolov rwv iv i^ ^l^v/j na^fxdjmv s.m. 

De interpr. c. 1. 16, a, 3. c. 2, Anf. c. 4. 17, a, 1. soph. el. c. I. 165, a, 

6. De sensu c. 1. 4d7,,a, 14. Rhet. III, 1. 1404, a, 20. Die Vorgänge in 

der Seele, welche die Worte ausdrücken, sind nach diesen Stellen bei allen 

Menschen die gleichen, ihre sprachliche Bezeichnung dagegen \«t ^^« 



220 Aristoteles. 

Wirklichkeit verknüpft oder getrennt ist, fiilsch, wenn das 
G^geniheil stattfindet^). Der ursprünglichste Unterschied unter 
den Urtheilen ist daher der der bejahend^i und der verneinen- 
den ^). Jeder Bejahung steht eine Verneinung gegenüber, welche 
mit ihr einen ausschliessenden (contradictorischen) Gegensatz 
(avtiq>aaig) bildet, so dass entweder die eine oder die andere 
wahr sein muss, und kein drittes mö^ch ist^); daneboi stehen 
aber gewisse bejahende Sätze zu { gewissen verneinenden (die 
allgemein bejahenden nämlich zu denen, welche das gleiche all- 

der Uebereinkunft und desshalb bei verschiedenen verschieden, wie die 
Schriftzeicben. 

1) Metapb. VI, 4. IX, 1, Anf. 

2) De interpr. c. 5, Anf. : lori 6k ilg TtQtaTog Xoyog dnofpamxof »ara- 
ipaatg iha an6<faaig' 61 <f* alXot navng avyöiüfAt^ elg. Weiteres ebd. 
c. 5. 6. AnaL pr. I, 1. 24, a, 16. Anal. post. I, 25. 86, b, 39. Di« n^ 
raaig xttTttfparuefi heisst auch xarriyogucriy die aTrotpartxii auch on^ffTi*^, 
Anal. pr. I, 2. c 4. 26, a, 18. 31. c. 6. 2b, a, 20. b, 6. 15. c. 13. 32, b, I. 

3) De interpr. c. 6. c. 7. 17, b, 16. Anal. post. I, 2. 72, a, 11: a/to- 
ipavoig 6k ttVTitfdaetjf onoTtgorovv fioQiov. avrtfpaatg 6k dvri&iaig ly; 
ovx l<iri /Li€Ta^v xa^* avrriv. ftOQtov 6* dvTtipdoitttf rc fikv rl xard rivog 
xardipaa^f t6 6k tI dno rtvot dnotfaais. Weiterei 8. 216, 2. 3. lieber 
den Satz des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten wird tpaler 
noch weiter zu sprechen sein. Eine Ausnahme von der obigen Regel machen 
nach De interpr. c. 9 solche Di^unktivsätze, welche sich auf einen 
zukünftigen Erfolg beziehen , der zuf&llig ist oder vom freien Willen abhangt 
Von ihnen kann man, wie hier bemerkt vrird, überhaupt nichts vorher sagen, 
weder dass sie eintreten, noch dass sie nicht eintreten werden, von ihnen 
gut (gen. et corr. II, 11. 337, b, 3) nur ori fiilln, aber nicht on, iaratf 
denn dieses schliesst die Möglichkeit des Andersseins aus ; es ist daher bei 
ihnen nur der disjunktive Satz wahr: „sie werden entweder eintreten oder J 
nicht eintreten,'* von den zwei kategorischen Sätzen dagegen: „sie werden 
eintreten*', und: „sie werden nicht eintreten**, keiner. Die letztere Behaup-| 
tung hat für uns etwas auffallendes; wir würden eher sagen, die eine voi 
beiden Aussagen sei wahr, nur erfahre man erst durch den Erfolg, wdehi 
Allein Arist. betrachtet nur diejenige Aussage als wahr, welcher die Wü 
lichkeit entspricht; da nun diese in dem angenommenen Fall selbst 
unbestimmt ist, kann nichts bestimmtes mit Wahrheit von ihr 
werden : wenn es gleich möglich ist, dass etwas geschieht und dass es ni^ 
geschieht, so ist die Behauptung, es werde geschehen, weder wahr m 
falsch, sondern sie wird das eine oder das andere erst dadurch, dass 
ihr entsprechender oder widersprechender Thatbestand eintritt. Vgl. Si 
Categ. 103, ß Bas.: nach peripatetischer Lehre sei nur der Disjnnktti 
wmhr, „A wird entweder sein oder nicht sein**; welcher Thett dieeer 



[158] Dag Urtheil. 221 

gemein verneinen) in dem Verhältmss des conträren Gegen- 
satees, welcher ein^i dritten möglichen Fall nicht ausfidüiesst ^). 
Eine reine Darstellung dieser Verhältnisse dürfen wir aber frei- 
lich bei Aristoteles nicht erwarten. Da er die Copula noch nicht 
bestimmt vom Prädikat unterscheidet^, weiss er auch die rich- 
tige Beziehung der Negation noch nicht zu finden : er spricht es 
nirgends aus, dass sie in WirUichkeit nur der Copula gilt, nur 
die Verbindung des Subjekts mit dem Prädikat, nicht das Sub- 
jekt oder Prädikat selbst verneint^), und im Zusammenhang 
damit führt er die Sätze mit negativem Prädikat oder Subjekt 
als dne besondere Form auf ^), während dazu doch eigentlich 
kein Grund vorliegt*). | 



junhion dagegen wahr, welcher falsch sein werde, altinxov i2va$ Tjf (pvait 
nü amaxov. Alle derartigen Aussagen daher ^<fi; iihv ovn hntv ri aXij&fj 
i \fffv$fj ^OTttt Sk fj Tola TJ Tota. — Zu der Aporie, welche Arist a. a. O. 
ooitert, haben ihm wohl die Megariker den Stoff geliefert; vgl. 1. Abth. 
»0, 1. 

1} De interpr. c. 7. 17, b, 20 vgl. was S. 214 aber die ivavTiorrjf be- 
merkt wurde. Anch die partikolär bejahenden nnd partikulär Tcmeinenden 
Satie, welche sich nach späterer Terminologie subamtrarie entgegengesetzt 
lind, werden Anal. pr. II, 8. 59, b, 10 zn den ivavrftttc dvTutefinevai ge- 
rechnet; A. bemerkt jedoch (c 15, Anf.), sie seien diess nnr den Worten, 
nicht der Sache nach. 

2) S. o. 219, 2. De interpr. c. 10. 19, b, 19 wird nun allerdings auch 

der FaU in's Auge gefasst, Srav ro iar^ tqlxov TiQogxarriyo^Ta^ , wie in 

dem Sats fori S(»utog äv&^toTiog. Diess bezieht sich aber nicht auf die 

Trennung der Copula vom Prädikat, sondern nnr darauf, dass in den £xi- 

stentialaätzen : lor^y av^qwnog, ovx tfar$v a, n. s. w. das Subjekt durch 

ein adjektivisches Epitheton erweitert sein kann, welches sich seinerseits 

wieder affirmativ (dtxaiog o.) oder negativ (ou diteaiog a.) fassen lässt: 

km dtn, a. heisst: es gibt einen gerechten Menschen, was etwas anderes 

ist, als: av^^nog dixatog iarit der Mensch ist gerecht Dass jeder Satz, 

selbst der Existentialsatz, logisch betrachtet aus drei Bestandtheilen besteht, 

saf^ A. nirgends, und die Schrift n, *JEQ/Liriv€iag nimmt ihre Beispiele sogar 

mit Voriiebe von den zweitheiligen Existentialsätzen her. 

3) AnaL pr. I, 46, Anf. c. 3. 25, b, 19 zeigt er wohl, dass zwischen 
uii tlptu toSl und ilvat /ari rovto, fAti itvat Uvxöv und eJvm fxri levxov 
ein Unterschied sei, indem die Sätze der letzteren Art die Form bejahen- 
der Satze haben, aber den eigentlichen Grund davon deckt er nicht auf, 
anch nicht De interpr. c. 12, worauf Bra»dib 8. 165 verweist. 

4) De interpr. c. 3. 16, a, 30. b, 12 sagt er: ovx'avd-qwnog sei kein 
owofta, mtX'vyiatvH kein ^/i«, will dann aber jenes ^o^o oo^MTrov^ ^\«B«a 



222 Aristoteles. [159] 

I Weiter zieht Aristoteles die Quantität der Urtheile in Be- 
tracht, indem er zunächst zwischen den auf eine Mehriidt und 
d^i auf Einzelne bezüglichen , und sodann unter den erster^ 
zwischen den allgemeinen und den partikulären, im ganzen also 
zwischen allgemeinen, partikulären und individuellen Urtheilen 
unterscheidet ^). Auch hier drängt sich aber in den sogenannten 
imbestunmten Urtheilen eine ELategorie ein, welche eigentlich 
nicht die logische Form der Gedankenverknüpfung, sondern nur 
das Ghrammatische des Ausdrucks betrifft^). Sehr wichtig ist 

^^fia aoQtOTov nenDen, und bringt c. 10 neben den Sätzen fartv avO-gtonog^ 
ovx I. a. n. 8. w. anch die entsprechenden aus negativen Begriffen zusammen- 
gesetzten : tfOTiv ovx-av&Qtonog, ovx forty o '*-«., ^anv ov-ölxai^og ovx-av&Q,<, 
ovx ÜOTiv ov'6(x, ovX'ävd^Q. u. 8. w. Theophrast nannte diese Satxe: ix 
fi€Ta&^ae(oc (Ammon. De interpr. 128, b, u. 129, a, u. Fhilop. Schol. in 
Ar. 121, a, u.) oder xarä fAitad-iOiv (Albx. Analyt 134, a, m.). 

5) Denn das, worin die Form des Urtheils liegt, diese bestimmte Ver- 
bindung des Subjekts mit dem Prädikat, bleibt sich gleich, ob nun Subjekt 
und Prädikat positive oder negative Begriffe sind; und Aristoteles selbst 
gibt Anal. pr. 1, 3. 25, b, 19 vgl. c. 13. 32, a, 31 zu, dass Ausdrücke, wie 
tvd^X^Tat fifjäivl ü7ra^/«*y, lartv ovx aya&ov^ ein ox^fia xaTa(f>ttTtxor 
haben. 

1) Doch geschieht diess nur De interpr. c. 7. Die allgemeinen Urtheile 
werden hier als solche bezeichnet, welche (nl itiv xa&oXov anofpairovrtu 
xa&oXov, die partikulären, welche auch iv fJiiQH oder xara fiiQog genannt 
werden (Anal. pr. I, 1. 24, a, 17. c. 2. 25, a, 4. 10. 20 u. ö.), als solche, 
die in\ liov xad-oXov fxkv fiij xa&oXov ök anoipaivovrai , d. h. in beiden 
ist das Subjekt ein xa&oXov^ o Inl nXeiovotv nitpvxt xarriyo^itadiu , aber 
in den einen wird das Prädikat von diesem Subjekt seinem ganzen Umfang 
nach ausgesagt, in den anderen nicht. Die Analytik dagegen erwähnt der 
Einzelurtheile noch nicht (vgl. folg. Anm.); und sind sie auch allerdings 
für den Hauptgegenstand dieser Schrift, die Schlusslehre, ohne Bedeutung, 
so müsste man doch erwarten, dass Arist., wenn er zur Zeit ihrer Ab- 
fassung auf diese Form des Urtheils bereits aufmerksam geworden war, aus- 
drücklich gesagt hätte, warum er sie hier übergeht. Wenn daher die Schrift 
TT. igfifiveias wirklich von ihm herrührt, müsste er erst nach der Abfassung 
der Analytik die Eigenthümlichkeit der £inzelurtheile in's Auge gefasst 
haben. 

2) Während De interpr. von den unbestimmten Urtheilen nicht mehr 
gesprochen wird, sagt AnaL pr. I, 1. 24, a, 16 (vgl. c. 2. 25, a, 4. c. 4. 
26, b, 3 u. ö.): nqoxaotg ... ^ xad^oXov ^ h fiiQii rj aStog^aro^. Die 
Beispiele jedoch, welche hier angeführt werden: r(uv ivavritov ilvui xift 
avTfjv iTTfOtii/ii^r, Tfiv ^dovTiv firi iivtu aya&ov, gehören logisch betrachtet 
zu den allgemeinen Sätzen, andere, die man herziehen könnte, wie $am 



[160] D»8 Urtheil. 223 

endlidi nnserem Philosoph^i, wegen ihrer Bedeutung ftlr die 
Syilogistik^ | die Modalität der Urtheile; er unterscheidet solche^ 
die ein wirkliches, ein nothwendiges, und ein mögliches Sein 
anasagen ^); diese Unterscheidung fkllt jedoch mit der jetzt üb- 
lidien zwischen assertorischen, apodiktischen imd problematischen 
ürtheQen nicht zusammen, denn sie bezieht sich bei Aristoteles 
nicht auf den Grad der subjektiven Gewissheit, sondern auf die 
objektive Beschaffenheit der Dinge, und unter dem Möglichen 
will er dabei ttberdiess nicht alles, was sein kann, sondern nur 
dasjenige verstanden wissen, was sein kann, ohne nothwendig 
zu sein, was mithin sowohl sein als nicht -sein kann^). Den 
Folgesätzen, welche er aus seinen Bestimmungen ableitet, haben 
zum Theil schon Theophrast und Eudemus widersprochen'). 

urS^Qionos dCxaiog, sind partikuläre. Arist. selbst macht auch in der Ana- 
lytik von den nqoraang ddiogtaroi keinen weiteren Gebrauch; Theophrast 
bezeichnete mit diesem Namen die partikulär verneinenden (Alex. Anulyt. 
21, b, m.), oder wie Ammon. De interpr. 73, a, m angibt, die partikulären 
Sitse überhaupt. 

1) Anal. pr. I, 2, Anf. : näaa ngoTaatg lartv ^ rov vna^^eir ^ tov 
ii dvdyxtig vndqx^tv ^ toi; iv^^x^ad-M VTiaQ/eiv. 

2) Anal. pr. I, 13. 32, a, 18: Ifyfo J' ivö^x^a&ai xai t6 MixofJi^vov, 
ov fiii ovTOs dvayxttiovy ri^ivroi cT* vnttQx^^Vi ovdlv ^<nai <fi« tout* 
dSuvarov. Z. 28: lora^ äga t6 iv^exo/nevov ovx dvayxaiov xal t6 juri 
drayxaiov iv6txofd€vov, Metaph. IX, 3. 1047, a, 24: iart^ Jl dwajov tovto, 
f idv vndQ^g 17 iv^Qyna, ov liyerai f^^tv Trjv Jvvufjuv, ov&^v farai 
odvraTOv. Ebenso c. 4. 1047, b, 9. c. 8. 1050, b, 8: näaci ^vvufm dfjLa 
f^S dyTHpdaews ianv . . . to uqu dvvaxov ilvai^ ivd^x^tai xal elrai xal 
fiii fJvtu' to avTO aqa dwarbv xal ilvat xal fjiri €?vai, IX, 9, Anf.: 8aa 
ya^ xarä to dvvaad'at Xfyerai, raviov fort öwarov jdvaviCai was ge- 
sund sein kann, kann auch krank sein, was ruhen kann, kann sich auch 
bewegen, wer bauen kann, kann auch niederreissen. 

3) Arist. sagt, in der Möglichkeit sei zugleich auch die Möglichkeit des 
Gegentheils enthalten (s. ror. Anm. und De interpr. c. 12. 21, b, 12: doxel 
6k TO avTo Svvaad-ai xal ilvat xal firi iJvai' näv ydg to 6uvaTov t^/ä' 
nad-ai t\ ßaSl^HV xal fAti ßadiC^iv xa\ fAfi Tifiivea&a& dwaTOv u. s. w.), 
indem er für die Bestimmung dieses Begriffs von derjenigen Bedeutung der 
ivpafiif ausgeht, womach sie ein Vermögen zu thun oder zu leiden be- 
zeichnet (Metaph. IX, 1. 1046, a, 9 ff. V, 12, Auf.); und dass diese Mög- 
lichkeit des Gegentheils nicht immer eine gleich starke ist, dass das IvSe^o- 
fitvoif oder ^warov (denn diese beiden Ausdrücke sind der Sache nach 
{gleichbedeutend) bald ein solches bezeichnen soll, was in der Regel, aber 
doch nicht ausnahmslos, eintritt, bald ein solches, was gleicb. ^\, ^VoLtco^Au 



224 Aristoteles. [161] 

Der sog. Relation der | UrtheQe schenkt Aristoteles so wenig, 
als den hypothetischen und disjunktiven Schlüssen , Beachtung; 

und nicht eintreten kann (Ana], pr. a. a. O. 82^ b, 4 C), ist unerheblich. 
Br behauptet daher Anal. pr. I, 13. 32, a, 29 (vgl. De coelo I, 12. 282, a, 4), 
aus'dem MixiO^ai vnagx^iv folge immer auch das Mix^a^ai fiti wia^x^*^* 
ans dem navti Mix^a&ai das ivJ^x€aBa$ fAtf^evl nnd /n^ navrl (die Mög- 
lichkeit, dass das fragliche Prädikat keinem, oder nicht allen zukomme — 
Pbantl Gesch. d. Log. I, 267 erklärt die Worte unrichtig); denn da das 
Mögliche kein Nothwendiges sei, könne von allem, was (blos) möglich ist, 
auch das Gkgentheil stattfinden; and aus demselben Grunde läugnet er (ebd- 
c. 17. 36, b, 35) für die Möglichkeitssätze die einfache Conversion dar 
allgemein verneinenden Urtheile; denn da das verneinende Urtheil: t^es ist 
möglich, dass kein B A ist'*, ihm zufolge das bejahende: „es ist mög- 
lich, dass jedes B A ist,** in sich schliesst, so würde die einfache Con- 
version des ersteren die einfache Conversion eines allgemein bejahenden 
Urtheils in sich schliessen, allgemein bejahende Urtheile können aber nicht 
einfach convertirt werden. Theophrast und Eudemos widersprachen diesen 
Behauptungen, indem sie unter dem Möglichen all^s das verstanden, was 
stattfinden kann, die Bestimmung dagegen, dass es zugleich auch mfisse 
nicht-stattfinden können, aufgaben, und somit das Nothwendige mit zu dem 
Möglichen rechneten (Alex. Analyt. pr. 51, b, m. ö-l, b, u. 72, a, u. b, m. 
73, a, u.). Aristoteles selbst (Anal. pr. I, 3. 25, a, 37. De interpr. c 13. 22, 
b, 29 vgl. Metaph. IX, 2, Auf. c 5. 1048, a, 4. c. 8. 1050, b, 30 AT.) gibt 
mit Rücksicht auf die Naturkräfte (Ji/va/ufi^), die nur in Einer Richtung 
wirken, zu, dass auch das Nothwendige ein Mögliches {Swarov) genannt 
werden könne, und dass unter dieser Yoraossetzung die allgemein verneinen- 
den Möglichkeitssätze einfach convertirt, und von der Nothwendigkeit anf 
die Möglichkeit geschlossen werden könne, aber er sagt zugleich auch, von 
seinem Begrifi* des Möglichen gelte diess nicht. — Zwei weitere Streitpunkte 
zwischen Aristoteles und seinen Schülern, über die Alexander eine eigene 
Schrift verfasst hatte (Alex. Anal. 40, b, m. 83, a, o.), entstanden bei der 
Frage über die Modalität der Schlussätze in Schlüssen, deren Prämissen 
verschiedene Modalität haben. Aristoteles sagt, wo die eine Prämisse ein 
Möglichkeits-, die andere ein Wirklichkeitssatz ist, ergebe sich nur in dem 
Fall ein vollkommener Schluss, wenn der Obersatz ein Möglichkeitssatz sei; 
sei es dagegen der Untersatz, so erhalten wir theils einen unvollkommenen 
Schluss, d. h. einen solchen, dessen Schlussatz nur durch dedudiö ad mh- 
mrdum^ nicht unmittelbar aus den gegebenen Prämissen, gewonnen wird, 
theils müsse die Möglichkeit, wenn es ein verneinender Schluss ist (rich- 
tiger: in allen Fällen) im Schlussatz uneigentlich (nicht von dem, was sein 
und nicht sein kann) verstanden werden (Anal. pr. I, 15). Theophraat 
und Eudemus dagegen waren der Meinung, auch in diesem Fall entstehe ein 
vollkommener Schluss der Möglichkeit (Alex. a. a. O. 56, b, o. u.). Beide 
Theile von ihrem Begriff des Möglichen aus mit Recht. Versteht man unter 
dem^ Möglichen alles, was sein kann, auch das Nothwendige mit einge- 



[162] Das Urtheil. 225 

nur in dem^ was er vom | aosfichliessenden Gegensatz sagt^), 
hegt der Keim zu der Lehre vom disjunktiven Urtheil. Da- 
gegen handelt er eingehend, aber nur im Zusammenhang der 
SchluBslehre, von der Umkehrung der Urtheile*), für welche er 
die bekannten Segeln^) feststellt 

Ausführlicher hat Aristoteles die Lehre von den Schlüssen 



schlössen, so sind die Schlüsse ganz richtig und einfach: f,Jedes B ist A, 
jedes C kann B sein, also kann jedes C A sein*'; „kein B ist A, jedes C 
kann B sein, also ist es möglich, dass kein C A ist.*' Soll dagegen möglich 
nur das heissen, dessen Gegentheil gleichfalls möglich ist, so kann man solche 
Schlüsse nicht machen, weil unter dieser Voraussetzung der Untersatz : , Jedes C 
kann B sein", den -verneinenden Satz mit enthält: ,gedes C kann nicht- B* sein." 
Und wie Theophrast und Endemus in diesem Fall einfach daran festhielten, 
dass die Modalität des Schlussatzes sich nach der schwächeren von den 
Prämissen richte (Alex. a. a. O.), so behaupteten sie nach demselben Grund- 
satz, wenn die eine Prämisse assertorisch, die andere apodiktisch ist, sei der 
Schlnssatz assertorisch (Alex. a. a. O. 40, a, m. 42, b, u., aus ihm wohl 
Philop., Schol. in Arist. 158, b, 18. 159, a, 6), während er nach Aristoteles 
(Anal. pr. I, 9 ff.) dann apodiktisch ist, wenn es der Obersatz ist. Auch in 
diesem Fall lässt sich, je nach der Bedeutung, welche der Modalität der 
Sätze beigelegt wird, beides behaupten. Sollen die Sätze: „B muss A sein*', 
.,B ki^nn nicht A sein*', das ausdrücken, dass zwischen B und A nicht 
zufälliger- sondern nothwendigerweise eine Verbindung stattfinde, oder nicht 
fitattfinde, so folgt, dass auch zwischen jedem in B Enthaltenen und A 
rermöge derselben Nothwendigkeit eine Verbindung stattfindet oder nicht 
stattfindet (wenn alle lebenden Wesen kraft einer Natumothwendigkeit sterb- 
lich sind, so gilt dasselbe auch von jeder Art lebender Wesen z. B. den 
Menschen); wie diess Aristoteles a. a. O. 30, a, 21 ff. ganz klar zeigt. Sollen 
dagegen jene Sätze besagen, dass w i r genöthigt seien, A mit B verbunden 
oder nicht Terbnnden zu denken, so lässt sich der Satz : „C muss (beziehungs- 
weise: kann nicht) A sein*', aus dem Satze: ,3 muss (oder: kann nicht) 
A sein" nur dann ableiten, wenn wir uns C unter B subsumirt zu denken 
genöthigt sind ; wissen wir dagegen nur thatsächlich (assertorisch), dass C B 
ist, so wissen wir auch nur thatsächlich, dass C das ist oder nicht ist, was 
wir uns mit B verbunden oder nicht verbunden denken müssen. 

1) S. o. S. 220. 

2) Anal. pr. I, 2. 3 vgl. c. 13. 32, a, 29 ff. c. 17. 86, b, 15 ff. II, 1. 
53, a, 3 ff. 

3) Einfache Umkehrung der allgemein verneinenden und partikulär be- 
jahenden, partikuläre (die später sogenannte eonvertio per aetidetu) der allge- 
mein bejahenden, gar keine Conversion der partikulär verneinenden Urtheile 
— denn die etmeertio per eotUrapotüümem kennt er noch nicht. 

ZtUtr, Philof. d. Gr. U. Bd, 2, Abth. 3. Xn± \^ 



226 Aristoteles. ' [163] 

entwickelt, und sie gerade ist auch seine eigenste Entdeckung ^). 
Wie I er den Namen des Syllogismus in die Wissenschaft ein- 
geführt hat ^y so ist er auch der erste, der es bemerkt hat, dass 
jeder Zusammenhang und Fortschritt unseres Denkens auf. der 
syllogistischen Verknüpfung der Urtheile beruht Ein Schluss 
ist eine Gedankenverbindung, in welcher aus gewiss^i Annah- 
men, vermöge ihrer selbst, etwas weiteres, von ihnen verschie- 
denes, mit Nothwendigkeit hervorgeht ^) ; dass es sich hiebei im- 
mer zunächst nur um zwei Annahmen, oder genauer, um zwei 
Urtheile handle, aus denen ein drittes abgeleitet werden soll, 
dass daher kein Schluss mehr als zwei Vordersätze haben könne, 
zeigt Aristoteles am Anfang seiner Schlusslehre nicht ausdrück- 
lich, wenn er es auch später ^) an derselben nachweist. Die Ab- 
leitung eines dritten Urtheils aus zwei gegebenen wird aber nur 
in der Verknüpfung der in diesen noch unverbundenen Begriffe 
bestehen können^), und eine solche ist nur dann möglich, wenn 
sie durch einen mit beiden verbundenen Begriff vermittelt wird ^). 
Jeder Schluss muss daher nothwendig drei Begriffe, nicht mehr 
und nicht weniger, enthalten ^), von denen der mittlere in dem 



1) Wie er selbst sagt soph. el. c. 34. 183, b, 34. 184, b, 1. 

2) Vgl. Pkantl Gesch. d. Log. I, 264. 

3) Anal. pr. I, 1. 24, b, 18: avXloyia/Äog Si laxt loyog Iv ^ ti&fvrmv 
r&viüv ^TtQOV T» Twv XHfJiivwv f$ avayxTig avfxßaCvH rtp ravra €tvai. 
(Ebenso Top. I, 1. 100, a, 25 vgl. soph. ei. c. 1. 165, a, 1.) Xfyfo Sk fyTq» 
ravia ilvai.** ro dia tuOto avfißaCvitv, rb ök y^diä ravTa avfjißa(vHV^*^ tb 
(Afldivbg t^d-iv oQOv ngogJetv ngbs tb y^v^a&at rb avayxalov. 

4) Anal. pr. I, 25. 42, a. 32. Was die Terminologie betrifft, so heissen 
die Vordersätze gewöhnlich n^otaastg, Metaph. V, 2. 1013, b, 20: vno^iOHq 
Tov avfineQaa/ÄttToCf der Untersatz Eth. N. VI, 12. 1143, b, 3. VII, 5. 1147, 
b, 9: ij ir^Qa (oder nXivraCa niJOTaais), der Schlnssatz stehend ovfi- 
n^QttOfjia. Anal. pr. II, 1. 53, a, 17 ff. jedoch steht aifjmiq. vom Subjekt 
des Schlussatzes. 

5) Ein Satz, den Arist allerdings nicht in dieser Form ausspricht, der 
aber aus seiner Definition des Urtheils unmittelbar folgt, wenn wir dieselbe 
auf den vorliegenden Fall anwenden. 

6) Vgl. AnaL pr. I, 23. 40, b, 30 ff., namentlich aber 41, a, 2. 

7) A. a. O. c. 25, Anf. Ebd. 42, b, ] «. über die Zahl der Begriffe und 
Sätze in ganzen Schlussreihen. Von den drei Begriffen (Bqoi s. o. 209, 1, 
Schi.) eines Schlusses heisst der, welcher in beiden Vordersätzen vorkommt, 
fiiaog, der, von welchem dieser umfasst wird, der höhere {ji^i^ov oder 
TTptoTov axQOv)^ der, welcher von ihm umfasst wird, der niedrigere {fkarjor 



[163. 164] Der Schlnst. 227 

einen Vordersätze mit dem ersten, in dem andern mit dem 
dritten in einer Weise verbunden ist, welche die Verbindung 
des ersten mit dem dritten im Schlussatz herbeiführt Dieses 
selbpt I aber ist auf dreierlei Art möglich. Da nämlich jedes 
ürtheil in der Verknüpfung eines Prädikats mit einem Subjekt 
besteht (die hypothetischen und disjunktiven Urtheile lässt ja 
Aristoteles ausser Rechnung), und da die Verbindimg zweier Ur- 
theile zum Sdduss, oder die Ableitung des Schlussatzes aus den 
Vordersätzen, auf der Beziehung des Mittelbegrifis zu den bei- 
den andern beruht, so wird die Art und Weise jener Verbin- 
dung (die Form des Schlusses) von der Art abhängen, in wel- 
cher der Mittelbegriff auf die andern bezogen ist^). Hiefkir 
zeigen sich aber nur drei Möglichkeiten. Der Mittelbegriff kann 
entweder Subjekt des höheren und Prädikat des niedrigeren Be- 
grife sein, oder Prädikat von beiden, oder Subjekt von beiden *); 
den vierten möglichen Fall, dass er Subjekt des niedrigeren und 
Prädikat des höheren B^rifib sei, fasst Aristoteles nicht aus- 
drücklich in's Auge ; wir werden ihn aber desshalb um so we- 
niger zu tadeln haben, da dieser Fall wirklich bei einem reinen 
und strengen Verfahren nicht vorkommen kann ^). Wir erhalten 

ax^v oder ia^uTov), Anal. pr. I, 4. 25, b, 35. 32. 26, a, 21. c. 38, Auf. 
0. o. Anal. pr. II, 23. 68, b, 33 f. wird der Oberbegriff schlechtweg axgort 
der Unterbegriff tqCtov genannt. 

1) Anal. pr. I, 23. 41, a, 13, am Schlass des Abschnitts über die Schlnss- 
figoren, fährt Arist., nachdem er die Nothwendigkeit und Bedeatong des 
Mittelbegriffs, als Verbindongsglied zwischen nuy'd^ und minor, entwickelt 
hai, fort: f/ ovr dvayxrj fiiv rt laßflv n^g afiffxo xotvöv, tovto (f* 
Mix^^ (? y«P Tb A Tov r xa\ To F tov B xartiyo^tiaavTag, rj t6 F 
Mrr* afiffotVj ij afAif»^ xaric tov JT), Tavra (f* larl tu iiorifiiva ax^fiarar 
tpuviQOV &Tt navja avlloytOfdov avayxri yiViaStu iTia rovTtav Tivog t(ov 
cxilfiarmv. Vgl. c 32. 47, a, 40 ff. und die eingehende Erörterung von 
Ukbbrweo Logik §. 103, S. 276 ff. 

2) Die Stellung der Sätze ist bekanntlich für die Form des Schlusses 
gleichgültig; die seitdem übliche Voranstellung des Obersatzes ergibt sich 
aber für Aristoteles natürlicher, als für uns. Er beginnt nämlich bei der 
Darstellung der Schlüsse nicht, wie wir es gewohnt sind, mit dem Subjekt, 
sondern mit dem Prädikat des Obersatzes: A vjraQXii navTl rct B, B 
vna^X^'' Ttavrl t^ Fy so dass also bei ihm auch im Ausdruck ein stetiges 
Herabsteigen vom höheren zum Mittelbegriff und von diesem zum niedrigeren 
stattfindet. Vgl. Ueberweo a. a. O. S. 276. 

3) Was hier allerdings nicht nachgewiesen werden kanw« 



228 Aristoteles. [164.165] 

demnach drei Schlussfiguren {axtjf^oeva) j welche sämmtlich der 
kat^orifichen Schlussfonn angehören; für die Bogenannte vierte 
Figur der späteren Logik ^) läfist Aristoteles, wie bemerkt, kei- 
nen Raum, und den hypothetischen Schluss hat er so wenig, ,wie 
den disjunktiven, als eigene Form behandelt^). | 

Fragt man nun, was für Schlüsse in diesen drei I^iguren 
möglich sind, so ist zu beachten, dass in jedem Schluss ein all- 
gemeiner, und ebenso in jedem ein bejahender Satz vorkomm^i 
muss'); dass femer der Schlussatz nur dann allgemein sein 
kann, wenn es beide Vordersätze sind ^) ; dass endlich in jedem 
Schluss sowohl hinsichtUch der Qualität als hinsichtlich der Mo- 
dahtät mindestens einer der Vordersätze dem Schlussatz ähnlich 
sein muss ^). Doch hat Aristoteles diese Bestimmungen nicht in 
allgemeiner Weise aus der Natur des Schlussverfahrens abgdeit^ 

1) M. Tgl. über sie Th. III, a, 738 2. Aufl. besoDders aber Pbamtl 
Gesch. d. Log. I, 570 f. 

2) Ob diess ein Mangel, oder wie Frantl Gesch. d. Log. I, 295 wiD, 
ein Vorzug der aristotelischen Logik ist, haben wir hier gleichfalls nicht za 
untersuchen; wenn jedoch dieser Gelehrte mit Biesb (Phil. d. Arist. I, 155) 
die von andern vermisste Berücksichtigung der hypothetischen Schlüsse in 
den Bemerkungen über die Voraussetzungsschlüsse {aviloyi'afxol i^ vnod^^a€t»g) 
Anal. pr. I, 23. 40, b, 25. 41, a, 21 ff. c. 29. 45, b, 22. c. 44 sucht, so 
vermischt er zwei verschiedenartige Dinge. Aristoteles bezeichnet als hypo- 
thetische Schlüsse diejenigen, welche von einer unbewiesenen Voraussetzung 
ausgehen (vgl. Waitz z. Anal. 40, b, 25); wir verstehen darunter solche, 
deren Obersatz ein hypothetisches Urtheil ist; dieses beides faUt aber gar 
nicht nothwendig zusammen : eine unbewiesene Voraussetzung kann auch in 
einem kategorischen Satz ausgedrückt, umgekehrt ein hypothetischer Satz 
vollständig erwiesen sein, und die gleiche Behauptung kann möglicherweise 
ohne Aenderung ihres Sinnes sowohl kategorisch als hypothedseh gefasat 
werden. Unsere Unterscheidung des Kategorischen und Hypothetischen 
betrifft ausschliesslich die Form der Urtheilsbildung, nicht die wissenschaft- 
liche Gewissheit der Sätze. 

3) Anal. pr. I, 24, Anf.: hi re h anavrt (sc. avlloyiOfiip) ^it xaTti" 
yoqutov riva tiSv oq(ov (hai xal ro xa&olov vnuQXftv* Das erstere wird 
nicht weiter bewiesen, indem Arist wohl voraussetzt, dass es aus der voran- 
gehenden Darstellung der Schlnssfiguren erhelle; zum Beweis des zweiten 
fährt er fort: aviv yaq tov xa&oXov ^ ovx ^arai avlloyia/aos, ^ ov n^g 
t6 xi(fjitvov, fj To i^ fXQXV^ ttirtiaiTai, was im folgenden näher ausge- 
führt wird. 

4) A. a. O. 41, b, 23. 

5) A. a. O. Z. 27. 



[165. 166] Der Schlufis. 229 

sondern erst aus seiner Uebersicht über die einzelnen Sdüuss- 
weisen abstrahirt 

Diese selbst ist bei ihm sehr sorgfältig ausgeflihrt. Er weist 
nicht allein ftbr die drei Figuren die bekannten Schlussformen 
nach ^\ sondern er untersucht auch mit eingeh^ider Genauig- 
keit, welchen Einfluss die Modalität der Vordersätze, sowohl in 
reinen als in | gemischten Schlüssen, auf die des Schlussatzes 
nnd auf das ganze Schhissverfahren ausübt ^). Als vollkommene 
Schlüsse betrachtet er aber nur die der ersten Figur, weil bei 
ihnen allein, wie er glaubt, die Nothwendigkeit der Schluss- 
fblgerung unmittelbar aus ihnen selbst erheUt; die beiden andern 
dag^en liefern unyoUkommene Schlüsse und müssen durch die 
erste vollendet werden: ihre Beweiskraft beruht darauf und ist 
dadurch zu erweisen, dass sie durch Umkehrung der Sätze, oder 
•auf apagogischem Wege auf die erste Figur zurückgeäihrt wer- 
den^). Die gleichen Schlussformen kommen selbstverständlich 
auch bei dem apagogischen und überhaupt bei dem voraus- 
setzungsweisen Verfahren in Anwendung*). 

Wie nun diese Formen für den wissenschaftlichen Gebrauch 
zu handhaben, und welche Fehler dabei zu vermeiden sind, hat 
Aristoteles gleichfalls ausflihrlich erörtert. Er zeigt zuvörderst, 
was für Sätze schwieriger zu erweisen und leichter zu wider- 
legen sind, und umgekehrt^); er gibt sodann R^ehi ftb: die 
Au£Sndung der Vordersätze, welche den Schlüssen zu Grunde 
gel^ werden sollen, mit Rücksicht auf die QuaUtät und Quan- 



1) Für die erste Figur (om die scholastiBchen Bezeichntiiigen zu ge- 
brauchen) die Modi : Barbara^ Darii, Oelarentf Ferio (Anal. pr. I, 4) ; für die 
zweite: Cmot«, Cmneitre$, Fettino, Baroco (ebd. c. 5); ftir die dritte: DarapH^ 
Füt^ion^ DiMMW, BatUi, Bovardo, Frenton (e. 6). 

2) A. a. O. c. 8-23, vgl. die Bemerkungen S. 223, 3. 

3) M. 0. die angeführten Abschnitte, namentlich c. 4, Schi. c. 5, Schi. 
c 6, Schi. c. 7. 29, a, 30. b, 1 ff. c. 23, vgl. c. 1. 24, b, 22: xiUuiv fikv 
ovv xalw avUaytOfiov rov fxridivoi Sllov nqo^diofAtvov ntcgic ra eUrifi' 
fdivtt n^oc t6 (pavifvai ro dvayxatov, anXrj Sk lov nqogSiOfx^voiß rj ivög 
fj nlitortm^, a fati /akv dvityxuTa Sid xüv vno»€ifxivtov SQtov, ov furiv 
Mfpirat 6uc nQorda^tov, Die Prüfung der aristotelischen Ansicht darf ich 
mir auch hier ersparen. 

4) A. a. O. c. 23. 41, a, 21 ff. vgl. oben S. 227, 1. 

5) A. a. O. c. 26. 



280 Aristoteles. [166.167] 

tität der zu beweisenden Sätze ^), nicht ohne bei diesem Anlass 
auf die platonische Methode der Eintheilung ^) emen tadehden 
Blick zu werfen ') ; er handelt | eingehend darüber, was man zu 
beobachten imd wie man zu verfiEihren hat, um den so gefim- 
denen Stoff der Beweise in die r^elrechte Schlussform zu fas- 
sen^). Er bespricht femer die Tragwdte d^ Schlüsse in Be- 
ziehung auf den Umfang des du^rch sie Erschlossenen^), die 
Schlüsse aus isJschen Vordersätzen*), den Zirkelschluss^) und 
die ümkehrung des Schlusses % die Widerlegung aus den Folge- 

1) A. a. O. c. 27 — 29, auch hier (c. 29) mit der ausdrücklichen An- 
wendung auf die apagogischen und Voraussetzungsschlüsse. 

2) M. 8. über diese: 1. Abth. 523 ff. 

3) Die Begriffe mittelst fortgesetzter Eintheilnngen bestimmen zu woHen, 
sagt ^ c. 31, sei verfehlt, denn gerade die Hauptsache, das zu beweisende, 
müsse man dabei voraussetzen. Wenn es sich z. B. um den Begriff dei« 
Menschen als eines Cffiov dyrixov handle, so würde aus den Sätzen : „aUe 
lebenden Wesen sind entweder sterblich oder unsterblich, der Mensch ist 
ein lebendes Wesen*' nur folgen, dass der Mensch entweder sterblich oder 
unsterblich sei, dass er ein ^t^ov ^ritbv sei, ist blosses Postulat. A. sagt 
desshalb von der Eintheilung, sie sei olov aa&evri^ (nicht bündig) avllo- 
yiüfÄOS, Aehnlich Anal. post. II, 5. Auch part. an. I, 2 f. wird das pla- 
tonische Verfahren getadelt, weil es (der 8. 207, 1 besprochenen BÜegel 
zuwider) die Zwischenglieder unnöthig vervielfältige, dasselbe unter ver- 
schiedenen Gattungen aufführe, negative Merkmale aufstelle, nach allen 
möglichen sich kreuzenden Gesichtspunkten theile u. s. w. V^l. Meyer Arist. 
Thierkunde 71 ff. 

4) A. a. O. c. 32—46. 

5) Anal. pr. II, 1. 

6) Ebd. c. 2, Anf. (vgl. Top. VIII, 11 f. 162, a, 9. b, 13): n dXri»tip 
fjihv ovv ovx toTi xpivdog avXXoyCaaa&ai<, ix \pivdtiv cT* taxiv alrid-lg^ nXriv 
ov cfioft oilil' Oft* toi; yctQ diOTi ovx Üariv ix \ptv^t5v avXXoy$a^6g (weil 
nämlich falsche Vordersätze eben die Gründe, das «f^or/, falsch angeben, 
vgl. S. 170, 2). Unter welchen Bedingungen diess in den einzelnen Figuren 
möglich ist, erörtert c. 2-^. 

7) To xvxXqt xal i^ aXXiiXiov ^itxvva&at. Dieses besteht darin, dass 
der Schlussatz eines Schlusses, welcher dann aber natürlich anderweitig 
feststehen mnss, in Verbindung mit der umgekehrten einen Prämisse zum 
Erweis der anderen gebraucht wird. Ueber die Fälle, in welchen diess 
möglich ist, s. m. a. a. O. c. 5 — 7 ; gegen den fehlerhaften Zirkel im Beweis 
Anal, post I, 3. 72, b, 25. 

8) Aufhebung der einen Prämisse durch die andere in Verbindang mit 
dem oontradictorischen oder conträren Gegentheil des Schlussatzes; a. a. 0. 



[167. 168] Der Schlnss. 231 

Sätzen ^)y die Schlüsse, welche sich ergeben, wenn die Vorder- 
sätze eines Schlusses in ihr Gegentheil umgesetzt werden ') , die 
mancherlei Fehler im Schliessen und die Mittel, ihnen zu be- 
gegnen^). Er untersucht endlich diejenigen Arten der Beglau- 
bigung, welche nicht zur BeweisAlhrung im strengen Sinn ge- 
hören^), um auch an ihnen das einer jeden eigenthümliche 
I Schlussver&hren nachzuweisen ^). Wir können auf diese Unter- 
sachungen hier nicht näher eintreten, so viel ihnen auch die 
Anwendung des syllogistischen Verfahrens ohne Zweifel zu ver- 



1) Die Deduetio ad absurdum^ 6 öw rov advvaxov avXXoyiOfÄog c. 11 — 14, 
vgl. Top. Vin, 2. 157, b, 34. c. 12. 162, b, 5 und Anal. post. I, 26, wo 
bemerkt wird, dass die direkte Beweisfiihning höheren wissenschaftlichen 
Werth habe. 

2) A, a. 0. c. 15. 

3) Die p^tüio principii (to h dgx^ ahtta^ai) c. 16 vgl. Top. VIII, 13; 
(las firj TtaQß tovto av^ßaCviiv ro \pevdog c. 17; das nq^rov xpevöo^ c. 18 
vgl. Top. VllI, 10; daraus abgeleitete Regeln für das Dispntiren c. 19 f.; 
über die Täuschung durch voreilige Voraussetzungen c. 21; über die Prü- 
fnug gewisser Voraussetzungen durch Umkehrung der in einem Schluss 
enthaltenen Sätze c. 22. 

4) Die Induktion c. 23; das Beispiel c. 24 (vgl. Anal. post. I, 1. 71, 
a, 9. Khet I, 2. 1356, b, 2. 1357, b, 25. II, 20); die anaytoyri (Zurück- 
fahrung einer Aufgabe auf eine andere, leichter zu lösende) c. 25 ; die Instanz 
(fvinaa^g) c. 26 ; den Schluss aus dem Wahrscheinlichen {fixog) oder gewissen 
Anzeichen (atifieia), welchen A. Enthymem nennt, c. 27. Das wichtigste 
von diesen ist die Induktion, über die wir auch später noch zu sprechen 
haben werden. Sie besteht darin, dass der Obersatz mittelst des Unter- und 
SchluBsatzes bewiesen wird. Wenn z. B. apodiktisch zu schliessen wäre* 
,,alle Thiere, die wenig Galle haben, sind langlebig; der Mensch, das 
Pferd n. s. w. haben wenig Galle, also sind sie langlebig*', so schliesst die In- 
duktion: „der Mensch, das Pferd u. s. f. sind langlebig, der Mensch u. s. f. 
haben wenig Galle, also sind die Thiere, die wenig Galle haben, langlebig", 
was aber nur angeht, wenn der UnterbegrifT (Thiere die wenig Galle haben) 
mit dem Mittelbegriff (der Mensch u. s. f.) gleichen Umfang hat, wenn 
lomit der Untersatz („der Mensch u. s. f. haben wenig Galle*^ einfach um- 
gekehrt und dafür gesetzt werden kann: „die Thiere, welche wenig Galle 
haben, sind der Mensch u. s. w." (A. a. O. c. 23). 

5) Das nähere über diese Erörterungen s. m. b. Pbaktl S. 299 — 321. 
In der Auswahl und Reihenfolge der einzelnen Abschnitte lässt sich keine 
strenge Disposition wahrnehmen, wenn auch das verwandte zusammengestellt 
ist. Ueber die Gliederung der ersten Analytik im ganzen vgl. m. Bramdis 
S. 204 f. 219 ff. 



232 Aristoteles. [168. 169] 

danken hat, und so entschieden auch sie die SoigMt beweisen^ 
mit welcher der Philosoph an seiner Ausbildung arbeitete. 

Auf der Grundlage der Syllogistik erbaut sich nun die 
Lehre von der wissenschaftUchen BeweisftQirung, welche Aristo- 
teles in der zweiten Analytik niedei^egt hat Jeder Beweis 
ist ein Schluss, aber nicht jeder Schluss ein Beweis; sondern 
allein der wissenschaftliche Schluss yerdient diese Bezeichnung ^). 
Das Wissen besteht aber in der Erkenntniss der Ursachen^ und 
Ursache einer Erscheinung ist dasjenige, woraus sie mit Noth- 
wendigkeit hervorgeht*). Ein Beweis und ein Erkennen durch 
Beweis findet daher nur da statt, wo etwas aus seinen ursprüng- 
lichen I Ursachen erklärt wird *), und Gegenstand der Beweis- 
fiihrung ist nur das Nothwendige: der Beweis ist ein Schluss 
aus nothwendigen Vordersätzen*); nur bedingter Weise kann 
man auch das, was in der Regel, aber nicht ausnahmslos, statt- 
findet^ in seine Aufgabe mit aufiiehmen^). Das ZufiQlige da- 
gegen kann nicht bewiesen und überhaupt nicht gewusst wer- 



1) Anal. post. I, 2. 71, b, 18: dno^ei^v Jk kfyto avXloytOfjibv ijuarfi' 
(novixov. Und nachdem die Erfordernisse eines solchen aufgezählt sind: 
avXloyiOfjiog fikv yuQ Vorrat xal ävev Tovrmv, ano^H^tg <f* ovx Karat' oi 
yaQ noti^aei in^an^fitiv, 

2) A. a. O. c. 2, Anf.: intaraa&ai dk otofiiB-^ txaatov anltig . . . 
Srav Ti{r t' alxlav oitofii&a yvtocxHv cTt' ^v ro ngay/nd iariVj Srt ixeirov 
alrCa iarl, xal fiti ivSij^sa^ai rovr^ aXXotg ^x^iv. Weitere Belegstellen 
S. 162, 1. 

3) A. a. O. 71, b, 19: if roCvvv iorl ro intotaa&ai. oJov f^fHVy 
avdyxfi xal rijv dnodi^xrixiiv iTTumifAriv i( ällf^tSv t' elvai xal nQmrw 
xal dfi^amv (hierüber später) xal yvtoQifKarigtav xal ngoriQwv roC ffv/A- 
TifQuOfiarog' ovrw yäg taovrat xal al dgx^^ oixtTai rov 6iixvv/Äirov. 
Z. 29 : atrid le . . . <ff i dvtu (sc. das, woraus ein Beweis abgeleitet wird) . . ., 
8rt TOTf iniardfui^xt orav rriv aitlav ildto/jiev, 

4) A. a. O. c. 4, Anf.: intl cf* dJvvarov allutg Kx^tv ov iarlv int^mifi^ 
dnXmg, avayxalov dv ttti ro intarrirov ro xard rriv dnodttxrtxriv inioni- 
(jirfv, dno6tixrixrj cT* iarlv fjv Ü^ofHr r^ K^^tv dnodet^&v' /| dpayxaimr 
dga avlXoyiafJLog iartv ^ dnoJet^ig. VgL S. 233, 2. 

5) Metaph. XI, 8. 1065, a, 4 : iniarrifiri fxkv yaQ näaa tou dil ovrog 
ri tag (nl ro nolv^ ro 6k avfußeßijxog Iv ou^triptp rovrmv lartv. Aoal. 
post. I, 30: nag yäg ovlloyiafiog ij 6i* dvayxaimv rj dia rtar ng iirl rö 
nolv ngordoettv' xal il fikv al ngordoeig dvayxaUch xal ro avfinigaafia 
dvayxalov, (t 6* tig inl ro nolv, xal ro avfjinigaOfia roiovrop. Vgl. 
& J66, 1. 



tl69. 170] Der Beweis. 283 

den ^). Und da nun ein nothwendiges nur das ist, was sich aus 
dem Wesen und dem Begriff des G^nstandes ergibt, alles an- 
dere dagegen ein zu&lliges, so kann auch gesagt werden: alle 
BeweiBfiihrung besdehe und gründe sich ausschliesslich auf die 
Wesensbestimmungen der Dinge, der Begriff jedes Dings sei 
das, wovon sie ausgeht und welchem sie zustrebt'). Je reiner 
und vollständiger uns daher ein Beweis über das b^riffliche 
Wesen und die Ursachen eines Gegenstandes unterrichtet, um 
80 höheres Wissen gewährt er; der | allgemeine Beweis verdient 
unter gleichen Umständen vor dem particulären , der positive 
7or dem n^ativen, der direkte vor dem apagogischen, der, wel- 
che uns die Einsicht in das Warum gewährt, vor demjenigen 
den Vorzug, welcher blos das Dass feststellt ^) ; und sofern es 
sich um die Beweisführung im grossen, die Gestaltimg eines 
wissenschaftliehen Systems handelt, gilt die R^el, dass die Er- 
kenntniss des Allgemeinen der des Besonderen vorangehen 
müsse ^). Aus derselben Erwägung folgt aber andererseits auch 
der Grundsatz, welcher in das ganze Verfahren unseres Philo- 
sophen so tief eingreift, dass sich jedes nur aus seinen eigen- 
thümlichen Gründen beweisen lässt, und dass es unstatthaft ist, 
die Bewdse aus einem fremden Gebiete zu entnehmen; denn 
der Beweis soll von den wesentlichen Bestimmungen des Gegen- 
^ds ausgehen, was dagegen einer andern Gattung angehört, 



1) Anal. post. I, 6. 75, a, 18. c. 30 vgl. c. 8. c. 33 u. a. St S. o. 162, 5. 

2) A. a. O. c. 6, Anf. : ei ovv iarlv ^ anodeixrtxri fniaTri^ri i^ ävay- 
*a(tn a^/«>r (o yäg indnarai ov dvvaxov äXltag l/fiv) rit 6k xad-* avrä 
t^ap/orra avayxaia rotg nQuyfiaaiv . . . ipaveqov ott tx xotovT(ov xtvmv 
'y </i} 6 &7ro6etxTtx6i OvXXoyiüfjiog' Snav yaq ^ ovjtag vnaqx^^ U xara 
^Hßfßnt^Sj rä Sk avfxßeßfixoxa ovx dvayxata. Ebd. Schi.: inel (f* /^ 
^pfflf vTTUQx^i n€Ql txaarov yivog oaa xa&* avra vnaQX^'^ *«^ 5 %xa(nov, 
y^vfpoy Ott Tiegl xAv xad-* avrä vnagxovrtov al inKnrifÄOVixol dno6ei^€ig 
*«l U tth roiovTtav iia{v. to fnkv ydg avfußcßrixoTit ovx ävayxaiUt <5ot* 
^^ itvayxn ^^ OvfiniQeta/na eidivat diori vnuQx^h ^^^* ^^ ^^^ '^'7> f*V 
*■** «iTo dk, olov ol Sid ünfAiCtav avlloyiafnoL to ydg xad-^ avTo ov 
'"^ coro intOTfiaeTat'y ovdk cTior». to <f^ diori (niaraad-at far^ to äta 
^^^ tttUov inCaraaS-M, «fi* «vto Squ dit xal to fiioov t^ t^/t^ xai to 
'e«iToif T^ fjLiaip vna^x^iv. Vgl. S. 204, 4. 

3) Anal. pott. I, 14. c. 24—27. 

4) Phys. III, 1. 200, b, 24: vmiqa yaq 17 negl xmv idCiav &ivi^(a rtj^ 
^^^^ TÄjr xocFftii' iatCv. 



234 Aristoteles. [170.171] 

kann ihm immer nur zu&Uigerweise zukommen, da es kdnen 
Theil seines Begriffs bildet ^). Alle BeweisAihrung dreht sich so 
um den Begriff der Dinge : ihre Aufgabe besteht darin, dass sie 
nicht allein die Bestimmungen, welche jedem Gegenstand ver- 
möge seines Begriffs zukommen, sondern auch die Vermittlungen 
nachweist, durch welche sie ihm zugebracht werden, sie soll das 
Besondere aus dem Allgemeinen, die Erscheinungen aus ihren 
Ursachen ableiten. 

E^n aber die Reihe dieser Vermittlungen in's unendliche 
fortgehen, oder hat sie eine nothwendige Grenze? Aristoteles | 
behauptet das letztere in dreifacher Hinsicht. Mögen wir nun 
von dem Besonderen zum Allgemeinen, von dem Subjekt, wel- 
ches nicht mehr Prädikat ist, zu inmier höheren Prädikaten auf- 
steigen, oder mögen wir umgekehrt von dem Allgemeinsten, d^i 
Prädikat, welches nicht Subjekt ist, zum Besonderen herab- 
steigen: immer müssen wir doch an einen Punkt komm^i, wo 
diese Bewegung stUlesteht, da es sonst nie zur wirklichen Be- 
weisftlhrung oder Begriffsbestimmung kommen könnte'); eben- 
damit ist aber auch der dritte Fall ausgeschlossen, dass zwischen 
einem bestimmten Subjekt und einem bestimmten Prädikat eine 
unb^renzte Zahl von Vermittlimgen in der Mitte li^e*). Ist 



1) Anal. post. I, 7, Anf.: ovx a^a tariv i^ ällov yfvovq furaßarra 
öit^i, olov xo yeaifietQixov uQi^firiTix^. xQla yag (ari ta iv raig ano- 
SiC^MWy tv filv 10 dnodeuevvfievov t6 ovfAniqaafia' rovto cf' fori ro 
vnaqxov yivu tivX »ad-* avro, ^v dk tu a^uofiaxa* d^uafiara 6' iffrlv /| 
fuy [sc. al dnodeiUts eMv], xqIxov xb yivog xo vnoxeifievov, ov xd nd^ 
xal xd x«^' avxo av/aßfßfixoxa ^rilol ^ dnodii^ig. i$ tuv (ikp ovv ^ dnlr 
Sn^ig, M^x^xai xd avxd iJvai' iv dk xo yivog he^ov^ Sane^ d^&fÄijxutiig 
xal yewfitxQtag, ovx toxi xtpf aQi^fifixiXTfV dnoScifiv ffpa^fdocm inl xd 
xoig fiiyi&iCi avfißißffxoxa . . . iotn* ? dnXtog dvdyxtj xo avxo tlrai yivog 
rj n^f il fiiXXfi 4 dnodH^ig fi€xaßa(i'€iv, allwg <f' oxi ddvvaxov, ^iflov' 
ix ydq xov avxov yivovg dvdyxrj xd axga xal xd fiiaa dvau il ydg fni 
xa^* avxdf avfißfßrixoxa iaxai. ^id xovxo . . . ovx ian ^ti^at . . . dlly 
tTnaxfifirji xo ixigag, all* fj oaa ovxug !/€» ngog dllrila tSax* iiput 9di€go» 
vno d-dxi^v, c. 9, Anf.: fpaviQov oxt Ixaaxov dnoSii^ai ovx taxiv all* 
ri ix xüv ixdaxov uqx^v n. s. w. Weiteres später. 

2) Denn (83, b, 6. 84, a, 3) xd anei^a ovx iaxi ^if^f l&tiv voouvxa. 
Vgl. S. 286, 2. 

3) A. a. O. c. 19—22. Das einselne dieser theilweise sienüicli no — 
darcbMJchtigen AnsHihning kann hier nicht wiedergegeben werden. 



[t71. 172] Das unmittelbare Wissen. 235 

aber die Reihe der Vermitdungen nicht unendlich, so kann es 
audi nicht von allem em vermitteltes Wissen, einen Beweis ge- 
ben'); wo yiehnehr die Vermittlmig aufhört, da tritt nothwendig 
das unmittelbare Wissen an die Stelle des Beweises. Alles zu 
beweisen, ist nicht möglich, da man mit dieser Forderung ent- 
weder zu dem ebenberührten Fortgang in's unendliche geführt 
würde, welcher als unvollziehbar jede Möglichkeit des Wissens 
und Beweisens aufhebt, oder zu dem Zirkelschluss, welcher ebenso- 
wenig einen bündigen Beweis gibt ^). Es bleibt mithin nur übrig, 
dass I die Beweise in letzter Beziehung von solchen Sätzen aus- 
gehen, die als unmittelbar gewiss eines Beweises weder fkhig 
nodi bedürftig sind '), und diese Principien der Beweise *) müssen 



Arist. eine Grenze der Begriffsreihen nach oben wie nach unten annimmt, 
iit schon S. 212, 5 gezeigt worden. 

1) C. 22. 84, a, 30. Metaph. III, 2. 997, a, 7: negl ndvtiov yuq 
iihvatov uTio^i^iv elvaf dvayxrj yitQ Ix tiviov iJvai xal thqI r» xat 
nmv tfiv anoSn^v, 

2) Nachdem Arist Anal. post. I, 2 gezeigt hat, das« die Beweiskraft 
der Schlüsse durch die wissenschaftliche Erkenntniss der Vordersätze bedingt 
i«ii fahrt er c 3 fort: Manche schliessen nun hieraus, dass überhaupt kein 
Witten möglich sei, andere, dass sich alles beweisen lasse. £r bestreitet 
jedoch beide Behauptungen. Von der ersteren sagt er: ol fih yaq vno" 
^^jutvoft fiii (7vai oXiog in^araa^aif ovroi tig tcnHQov d^oöaiv dvdyead'tti 
Of ovx av fTriOTttfi^vovg tu vare^a Siä id Tt^&rtQa, tov ^ri i<ni n^dUray 
^^^^ Uyontgy d^vvaxov ydq tu dnnqa duX^ilv, (X t€ taraTai xal iialv 
"?jpal, ravtag dyvtaarovg elvai dno^iCUfog yt fjiri ovarii avTiov, Sneg (paalv 
""«» To (7i{(na<fdai juovov el dk firi lar* r« nQmxa lidivai^ ovSk rd ix 
roiTtt»ir (2ya$ iniataa^ai, dnltSg ov^k xv^ioig, dll^ i$ vno^ianogj ti (xtivd 
^<fttv. £|. gelbst gibt zu, dass das Abgeleitete nicht gewusst werde, wenn 
die Principien nicht gewusst werden, und dass es von diesen kein Wissen 
S^K wenn das vermittelte Wissen, durch Beweisführung, das einzige sei; 
^ eben diese läugnet er, a. a. O. 72, b, 18 vgl. Metaph. IV, 4. 1006, a, 6: 

'^* ydQ dntudivala ro fiii yiyvtoöxnv, rCvtav dti C^tnv dnoSn^iv xal 
"Hwr ot; «f«f • SXotg fih ydq dndvrtov ddvvatov dnodu^v ehai ' cig anHQOV 
^? ftv ßadlioiy tSare /arid* oüiaag tJvai dnods^^iv. Die zweite Annahme 
v^ttn«»y ilv^i dnodii^iv ovdh xtalveiv ivSix^adtu ydg xvxltp yCvta&fu 
'^ inodki^v xal /| dXliiXtav 72, b, 16) widerlegt Arist. a. a. O. 72, b, 
^ ^> unter Hinweisung auf seine früheren Erörterungen Aber den Zirkel- 
■«^^ttas (8. o. 230, 7.) 

3) A. a. O. c. 2. 71, b, 20: dvdyxtj xal t^v dnodetxrutfiv inunrifiriv 
^ >li}^y r* ilvtti xal Ttqtüttov xal dfi^Cuv xal yvwgifitaj^gotv xal nqo^ 

^^^ xal aititav xov avfini^ajuatog. , . , ix tt^toiv d* avaTCodiCxxwv^ 



236 Aristoteles. [172. 173] 

noch eine höhere Gewissheit haben, als alles das, was aus ihnen 
abgeleitet wird*); es muss daher auch in der Seele ein Ver- 
mögen des unmittelbaren Wissens geben, welches höher steht 
und grössere Sicherheit gewährt, als alles mittelbare Erkennen. 
Und ein solches findet ja Aristoteles wirkUch in der Vernunft, 
und er behauptet von ihm, dass es sich nie täusche, dass es 
seinen Gegenstand nur habe oder nicht habe, aber nie auf fiEdsche 
Art habe^). | Bewiesen hat er aber fi:^ch weder die Unfehl- 
barkeit noch auch nur die MögUchkeit dieses Wissens. 

Näher ist jenes unmittelbar gewisse ein doppeltes. Wenn 
nämlich in jeder Beweisführung dreierlei yorkommt: das, was 
bewiesen wird, die Grundsätze, aus denen, und der Gegenstand, 
von dem es bewiesen wird ^), so ist das erste von diesen Stücken 



oTi ovx iniatrjacTa& firi ^^tov anoSn^tv avToÜv' (weil man sie sonst, wenn 
sie nicht avanodeiXToi wären, gleichfalls nnr durch Beweis erkennen könnte;) 
to yuQ In^araa&ai ittv dnoS^i^lg iati fiti xara aufißeßrixogf ro ix^iv ano- 
Sat^lv (OTiv, c. 3. 72, b, 18: rifAtts 3i <pafji€v ovta näaav (ntOTTJfirjv avro- 
^€ixTixfiv elvai, alXa rf^v rdSv dfi^aiuv dvanoSuxxov. . . . xai ov fiovor 
iTnarrjfAriv dlXd xal dQXfiv intorrifiti^ dval x^vd (pafitv, y rovc ^^i;; 
yva}o(Cofiev. Vgl. S. 190, 4. 201, 3 Schi. Dagegen ist der Umstand, dass 
etwas immer so ist, noch kein Grund, sich des Nachweises der Ursachen 
zu entschlagen, denn auch das Ewige kann seine Ursachen haben, dnrch die 
es bedingt ist; gen. an. II, 6. 742, b, 17 ff. 

4) ltiQ)[a)y dgxnl dno^ef^etag, d^x^'^i avlXoyiOuxaij d, afnaot, n^ 
xdam dfieaoi a. a. O. 72, a, 7. 14. c. 10, Anf. {Ifyto S^ dgxds iv ixdmiii 
yivH xavxagy ag oxi Icrr» fiti (v^^vexai ^ei^ai), II, 19. 99, b, 21 vgl. S. 190,4. 
gen. an. II, 6. 742, b, 29 ff. Metaph. V, 1. 1013, a, 14. III, 1. 2. 995, b, 
28. 996, b, 27. IV, 3 u. a. vgl. Ind. arist. 111, b, 58 ff. — Anal, post I, 2. 
72, a, 14 will Arist. den unbewiesenen Vordersatz eines Schlusses ^^aig 
nennen, wenn er sich auf etwas Besonderes bezieht, d^ttofiUj wenn er eine 
allgemeine Voraussetzung aller Beweisführung ausdrückt; enthält eine S^a$g 
eine Aussage über Sein oder Nichtsein eines Gegenstandes, so ist sie eine 
vnod'eatg, andernfalls ein o^iafiog. In weiterem Sinn wird ^^a&g Anal, 
pr. II, 17. 65, b, 18. 66, a, 2. An. post. I, 3. 78, a, 9 gebraucht, in engerem 
Top. I, 11. 104, b, 19. 35. (Weiteres Ind. ar. 327, b, 18 ff) Ueber d^w/na, 
das aber gleichfalls auch in weiterer Bedeutung vorkommt, s. m. Anal. post. I, 
7. 75, a, 41. c. 10. 76, b, 14. Metaph. III, 2. 997, a, 5. 12. Von der vn6&>iafg 
wird noch das atxrifia unterschieden Anal. post. I, 10. 76, b, 23 ff. 

1) A. a. O. c. 2. 72. a, 25 ff. vgl. S. 235, 8. 

2) S. o. S. 190 ff., wo auch gezeigt ist, wie sich Arist. dieses unmittel- 
bare Wissen näher denkt. 

3) Anal. post. I, 7; s. o. 234, 1. c. 10. 76, b, 10: nä<ra yug dnodHxiutii 




[173] Das unmittelbare Wissen. 237 

nicht Sache des unmittelbaren Wissens, denn es ist aus den zwei 
anderen abgeleitet Diese selbst aber unterscheiden sich da- 
durch, dass die Axiome verschiedenen Wissensgebieten gemein- 
sam, die auf den bestimmten Gegenstand bezüglichen Sätze da- 
gegen jeder Wissenschaft eigenthümUch sind ^). Nur auf diese 
dgenÜiümUchen Voraussetzungen jedes Gebiets lässt sich ein 
btindiger Beweis gründen ') ; sie selbst aber lassen sich so wenig, 
als die aUgemeinen Axiome, aus einem höheren ableiten^), son- 
dern die Kenntniss des bestimmten G^enstandes, auf den sie 
sich beziehen, muss sie an die Hand ^eben^). Sie sind somit 



hiOTrifirj Tregl TQta (arlv, Saa rt elvai riderat {ravTa (f* iari t6 yivog 
ov xm xad"* avra na&nfidriov taxl t^coi^ijrMr^), xaX xa Xiyofi^va xoiva 
ih^fiara i^ otv ngtjTtov anodefxvuaif xal i^Ctov ra nafhi .... TQta raöra 
/ort, tkqI T€ ^aCxwai xaX a iilxwat xal i^ iv, Metaph. III, 2. 997, a, S : 
ftyoyx}} yaq fix Tiva>v ilvat xal nigC rt xal nviov xrpf anoön^iy, wofiir 
Z. 6 in anderer Ordnung yivog vnoxilfjuvov, Tia&ijy a^uofiara steht. 

1) Anal. post. 1,7, s. o. 234, 1. c. 10. 76, a, 37: lar» cf' iv /^cüirai 
^f Talg ano^^tXTixdig iniOTrjfjtaig ra fikv t^ia kxaOxriq Iniati^fifig ra dk 
wt^a . . . fcT*« fikv olov yQafjLfjLTpf flvai roiav^l xal t6 evd-v, xoiva dk olov 
fo Ua anb ttstov av a(piXy Sri taa xa Xomd. c. 32, Anf.: rag cf' avräg 
*^PX^S undvTtov ilvai rtov avlloyiOfiiüv dduvaroVt und nachdem diess auS' 
ßbrlich bewiesen ist, ebd. Schi.: al ydg dQX**l ^irral, i( av re xal nc^l 
0* al fih oifv i^ ti3V xoival, al cf^ n€Ql o fJiai, oiov aQi&fÄog, fiiyid-og. 
Weiteres über die dnodiixrutal dgxal oder die xoival do^ai i^ aiv dnavTeg 
^iutfvovair in den S. 235, 4 angefahrten Stellen. 

2) S. o. 234, 1. gen. an. II, 8. 748, a, 7: ovTog fikv ovv 6 loyog 
'^^olov Uav xal xtvog, al yuQ fjtr^ ix riSv oixUtov a^/aiy Xoyot xcyol, 
°^e doxovaiv tlvai rtSv nqay^djütv ovx ovrtg. Vgl. S. 171, 2. 

3) Anal. post. 1, 9. 76, a, 16 (nach dem S. 234, 1 Schi, angeführten): ei 6k 
9^«v<pov rovro, tpavtQOV xal ori ovx iart tag kxdaxov idlag dqxdg dno' 
''*'ft»r iaovrai ydq (denn es würden) ixeivat dndvrtav ce^/al xal im* 
^M V Ixeivwr xv^la ndvrtov. c. 10, s. o. 236, 3. 

4) Anal. pr. I, 30. 46, a, 17: fcT««» 6k xa^* kxdmtiv [iinaTr^fAriv] at 
^ittoiai [a^/al rtov avlloy^a/i^v], 6t6 tag (aIv dqx^^ ^^^ ^'^ ^xaatov 

H^H{iiai iarl naoadovvai, X4yt} cT* olov triv darQoXoyixriv fikv ifineiQiav 
^ff MxQoXoyixrjg iniarrifirig. Xtitpd'ivTtov yaQ Ixavmg teSv (paivofiivarv ovrtag 
^9^aav al aOrqoXoyutal dnoSiliHg. Uist anim. I, 7, Anf. : zuerst wollen 
^ die Eigenthümlichkeiten der Thiere beschreiben, hernach ihre Ursachen 
•Mortem, oirroi ydg xatd (fvaiv iarl noiela^at rriv fii^oSov^ vnaqxoiioiig 
'^c UfroQ(ttg tfjg mql txaatov ' negl atv te ydg xal i^ otv ilvat Sei triv 
'^'^mi^v, ix rovxtav yCverai tpavegov. 



238 Aristoteles. [173] 

im allgemeinen Sache der Beobachtung, der Erfahrung^). Wie 
aber diese Er£Edirung zu Stande kommt, untersucht der Philo- 
soph nicht genauer : er behandelt nicht allein die sinnliche Wahr- 
nehmung als etwas einüach g^ebenes, dessen Elemente er nicht 
weiter zergliedert, sondern er rechnet auch solches zu dem un- 
mittelbar Gewissen, worin wir nur ein Urtheil über das Gegebene 
sehen können ') ; macht es sich aber dadurch jä:^ch unmöglich, 
über die Seelenthätigkeiten, denen wir jene unmittelbaren Wahr- 
heiten yerdanken, eine klare und genügende Rechenschaft zu 
geben ^). Die spedellen Voraussetzungen der verschiedenen 



1) Vgl. vor. Anm. und Eth. VI, 9. 1142, a, 11 ff. die Bemerkang: 
jonge Leate können es wohl in der Mathematik zu einem Wissen bringen, 
aber nicht in der Naturforschung oder der Lebensweisheit, Sri rä fifv (die 
Mathematik) cfi' dtfai^ia^tog ianv (eine abstrakte Wissenschaft ist), ro/r 

3) So heisst es Eth. III, 5. 1112, b, 33: die praktische Ueberlegung 
QßovX^vatg) beziehe sich nicht auf la xad-^ ^xaara, olov et ogros tovto { 
ninenrai <og in' afa&iiaetog yccQ tavra. Ebd. VI, 9. 1142, a, 23 ff. fuhrt 
A. aus: im Unterschied von der ini'tTTijfiri sei die (pgovriaig ebenso, wie der 
vovg, ein unmittelbares Erkennen; aber während dieser auf die ogoi gehe, 
(ov ovx toTi Xoyog (die obersten Principien, in diesem Fall praktische Prin- 
cipien), sei sie Erkennen rov ia/drov^ ov ovx Icrrty (niartifiri all* afad^atg, 
ovx fi TtSv iSliav (der sinnlichen Eigenschaften der Dinge) all * oXtt ala&avo' 
fii&ttf Sri t6 (v ToTg fiad^ri/iiaTtxoTg for/arov TQ(yiovov (dass das letzte bei 
der Zerlegung einer Figur sich ergebende ein Dreieck ist). Hier wird also 
das Urtheil : „diess ist ein Dreieck'' fUr Sache der atadijaig erklärt (ebenso 
Anal. post. I, 1. 7], a, 20 s. u. 240, 4); und ähnlich werden die Untersätze 
der praktischen Schlösse (hierüber S. 504 2. Aufl.), also Sätze, wie: „diese 
Handlung ist gerecht,*' „diess ist nützlich'* u. s. w., auf eine ata&rimg 
zurückgeführt. Ebenso c. 12, wo 1143, b, 5 mit Beziehung auf die gleichen 
Sätze gesagt ist: rovTtov ovv f^^iv cffr afa^oiv, avtrj 6* iarl rovg. Ist 
nun auch die afa&rjaig hier freilich (wie auch c. 9 Schi, andeutet) ebenso, 
wie Polit. I, 2. 1253, a, 17, in der weiteren Bedeutung: „Bewnsstsein" zu 
fassen, so ist doch inmier damit ein unmittelbares Wissen, im Unterschied 
von der imatiißÄq, gemeint. Wenn Kampe Erkenntnissl. d. Ar. 220 f. in 
den obigen Stellen einen Beweis dafür findet, dass B. VI der nikomachischen 
Ethik ursprünglich zur eudemischen gehöre, so zeigt schon Polit. I, 2, wie 
wenig dieser Schluss begründet ist. Ebensowenig folgt aus Eth. VI, 3. 1139; 
b, 33, wo das: et fjikv yaQ ntag ntaxevrji u. s. f. nicht besagt: „mau weiss, 
wenn man irgend eine Ueberzeugung hat,** sondern: ,,das Wissen besteht 
in einer bestimmten Art der Ueberzeugung aus erkannten Principien." 

3) Wie diess S. 504 f. 2. Aufl. nachgewiesen werden wird. 



[174] Satz d. Widerspraclis. Indnktion. 239 

Wissenschaften aufaizühlen, ist natürlich nicht möglich. Auch 
eine Uebersicht der allgemeinen Axiome hat aber Aristoteles 
nirg^ids gegeben. Nur darnach fragt er, welches der unbestreit- 
barste, anerkannteste und unbedingteste von allen Grundsätzen 
sei, über den desshalb kein Irrthum möglich ist*); und diesen 
findet er in dem Satze des Widerspruchs^). An diesem Grund- 
satz kann niemand im Ernste zweifeln, wenn es auch manche 
sagen mögen; gerade desshalb aber, weil er der höchste Grund- 
satz ist, Ifisst er sich auch nicht beweisen, d. h. aus einem an- 
deren ableiten ; dagegen ist es allerdings möglich, ihn gegen Ein- 
wendungen jeder Art zu vertheidigen, indem diesen nachgewiesen 
wird, dass sie theils auf Missverständnissen beruhen, theils auch 
ihrerseits ihn voraussetzen und mit ihm sich selbst aufheben^). 



1) Metaph. IV, 3. 1005, b, 11: ß^ßatoxarri J* «Qxh nnamv ntqi nv 
iutipevad^TJvai a^vvarov' yvtüQi^toTttTrjv t€ yccQ avayxatov elvai rjjy roiaviriv 
[mgl yicQ a firj yvtoQl^ovatv anax^vraL navt^g) xai avvnod-nov. ^V yaQ 
Kfayxaiov f;|f€*v t6v otiovv ^vvtivra rtuv 6vr(oVj tovto ovx vno&faig, 

2) A. a. O. Z. 19 (XI, 5 Anf.): ro yaQ avtö ttfia vnaQXftv t€ xal 

fik VTtttQxftr dSvvarov r^ alrtp xal xara ro avjo' xal oaa alla n^o^ 

^to^iaaifii^* avy iaxtt nQogdiotQiOfA^va ngog ras Xoyixag Svgx^Qilag. avrri 

H Tittdtov ioTt ßeßaiotaTij töüv aQX<uv. Nor ein anderer Ausdruck dafür 

i*t der Satz, dass demselben in derselben Beziehung nicht entgegengesetztes 

nkommen könne, womit der weitere, dass ihm niemand solches zuschreiben 

könne, wieder in der Art zusammenfällt, dass bald dieser aus jenem, bald 

jener aus diesem bewiesen wird; a. a. O. Z. 26: «/ <f^ /urf iv^^^tTai afiä 

^nttqX^t,^ rp avT^ lavavria (ngog^iw^iadio cf' fjfÄtv xal TavTTj r^ ngo- 

^'^^'fi ro €/ft»^Ta), IvavxCa 6* iarl cfo^a <fol27 V ^4^ dvTKfaattog, (paviQov 

**T* ndwuTov ttfjia vnoXa/jißaviiv xov axnov itvai xal firj elvai ro avro • 

^M*i yuQ av fx^*' ''**f fvavriag (fo|o{- 6 6iix\}ivafiivo^ mgl tovtov. C. 6. 

'Oll, b, 15: iml cf* advvarov xtfv avrlifaaiv alri&tvea&at afjLa xaia xov 

"vrov [wofür Z. 20: afia xaratfavai xal anotfavai dXfj9(oi]f (faviQov ori 

^^k tdvavria a^a vnaQxf^y ivd^x^tai t^ avr^) .... all* rj nj njLiqto, 

3) In diesem Sinn widerlegt Arist. Metaph. IV, 4 f. die Behauptung, 

^^che er freilich in einige der älteren Systeme erst durch Folgerungen 

^Qeinlegt (vgl. Th. I, 600 f 910, 4), dass ein Gegenstand dasselbe zugleich 

"^Q Qnd nicht sein könne, indem er nachweist, dass jede Rede den Satz 

^ Widerspruchs voraussetze. Auf die gleiche Behauptung führt er c. 5 Anf. 

'^^ ^ (»gl. c. 4. 1007, b, 22. XI, 6 Anf.) den Satz (worüber Th. I, 982, 1. 

^^) 2) zurück, dass für jeden wahr sei, was ihm so erscheine; und er hält 

iHem Satz neben anderem, worin er sich zum Theil mit dem platonischen 

*^tet berührt, namentlich auch die Bemerkung (1011, a, 11 ff, V), 4^^ ^xvV 



240 Aristoteles. [174. I75j 

Dass er aber nicht sophistisch gemissbraucht werde, um das Zu- 
sammensein yerschiedener Eigenschaften in Einem Subjekt oder 
I das Werden und die Veränderung zu bestreiten, dafür hat 
Aristoteles durch die näheren Bestimmungen hinreichend gesorgt, 
womach er es nicht schlechthin ftir unmöglich erklärt, dass dem- 
selben entgegengesetztes zukonmie, sondern nur, dass es ihm in 
derselben Beziehung und zugleich zukomme^). In ähnlicher 
Weise, wie der Satz des Widerspruchs, wird der des ausgeschlos- 
senen Dritten') als ein unbestreitbares Axiom nachgewiesen'), 
ohne dass er doch ausdrücklich aus jenem abgeleitet wtlrde. 

So entschieden es aber Aristoteles ausspricht, dass alles 
durch Beweis vermittelte Wissen in doppelter Beziehung durch 
eine unmittelbare und unbeweisbare Ueberzeugung bedingt sei,, 
so ist er doch weit entfernt, diese darum für etwas zu erklären, 
was keiner wissenschaftlichen Begründung Mng wäre. Be- 
weisen lässt sich das, wovon jede Beweisftihrung ausgeht, aller- 
dings nicht, d. h. es lässt sich nicht aus einem andern als seiner 
Ursache ableiten; wohl aber lässt es sich im Gregebenen als seine- 
Voraussetzung nachweisen: an die Stelle des Beweises tritt 
hier die Induktion^). Es sind nämlich überhaupt zwei Bieh- 

gegen: da jedes (paivofiivov ein rifl fpaivo/xirov sei, mache er aUes la 
einem ngog n. 

1) 8. vorl. Anm. 

2) Ov^k fjifta^v avTifpaaciog Mix^tai iJpai oviiv. Vgl. 8. 220. , 

3) Metaph. IV, 7; in die yerschiedenen Wendangen seiner Beweisfuhrang 
hat Arist. hier auch solche Gründe aafgenommeni welche von der Verände- 
rung in der Natur hergenommen sind, indem er eben seinen 8atz nicht blos 
als logisches, sondern zugleich als metaphysisches Princip beweisen wiU. 

4) M. 8. über dieselbe, ausser dem folgenden, was 8. 231, 4 angefBhit 
wurde. Der Name inaymyri bezeichnet entweder das Herbeibringen der 
einzelnen Fälle, aus denen ein allgemeiner Satz oder BegrifT abstrahirt wird 
(Trsndblenburo Elem. Log. Arist. 84. Hbydbr Vergl. d. Arist. u. Hegel.- 
Dialektik S. 219 f.), oder das Hinführen des zu Belehrenden zu diesen FäUen 
(Waitz Arist. Org. II, 800). Für die letztere Erklärung sprechen einige — 
Stellen, in denen das Iniyuv sein Objekt an der erkennenden Person hat; 
wie Top. VIII, 1. 156, a, 4: inayovra fih itnb rtiSv xa&^aajov inl rä 
xa&oXov, namentlich aber Anal. post. I, 1. 71, a, 19: ort fikv yaq nSv 
TQlytovov ix^i ^vfsXv oQ&tttg iaagj ngo^^eij Sti ^k ro^i . . . TQiywor iotiVf^ 
Sfitt inayo/Ltevog iyvw^iaev .... n^lv J ' (nttx9ijvai rj laßetv avlloytofiovr 
tqonov fiiv rivut tatus tpatiov iniarao^ai n. s. w. c. 18. 81, b, 5: ^7ro/^i}y«^^^ 
di juf) fj^ovtag ata&riatv a^uvuTov, *Enay€^v bedeutet dann aber auch^=^ 



[175. 176] Satz d. Widerspruchs. Induktion. 241 

tuDgen des wissenschaftlichen Denkens zu unterscheiden: die^ 
welche zu den Principien hinführt, und die, welche von den 
Prindpien herabführt ^), der Fortgang vom Allgemeinen zum 
Einzelnen, von dem, was an sich gewisser ist, zu dem, was es 
uns ist, und der umgekehrte von dem Einzelnen und uns Be- 
kannteren zu dem an sich Gewisseren, dem Allgemeinen. In 
dar ersteren Richtung bewegt sich der Schluss und Beweis, in 
der zweiten die Induktion *). Entweder auf dem einen oder auf 
dem andern von diesen Wegen kommt alles | Wissen zu Stande. 
Was mithin seiner Natur nach keines Beweises fähig ist, das 
muss durch Induktion festgestellt werden^). Dass dieses Un- 



dturch Induktion beweisen, wie in inayeiv to xadolov Top. I, 18. lOS, b, 
10. soph. el. 15. 174, a, 34. 

1) £th. N. I, 2. 1095, a, 30; vgl. Abth. I, 491, 2. und oben S. 197, 2. 

2) Neben der Induktion findet Hevder Vergl. d. arist. und begel. Dial. 
232 f. bei Aristoteles (Phys. I, 1. 184, a, 21 ff.) noch ein anderes Verfahren 
angedeutet, vermöge dessen vom Allgemeinen der sinnlichen Wahrnehmung 
^lun Begriff, als dem besonderen und bestimmten, ebenso fortgegangen werde, 
*ie dort vom Einzelnen der Wahrnehmung zum Allgemeinen des Begriffs. 
Indessen bemerkt er selbst ganz richtig, dass diess nur die (von Arist. ge- 
wöhnlich nicht besonders hervorgehobene) Rückseite der Induktion sei. Indem 
^ine tUgemeine Bestimmung als das vielen Einzelnen gemeinsame heraus- 
gehoben wird, wird sie zugleich aus dem Complex, in welchem sie sich der 
Wahrnehmung darbietet, ausgeschieden; nur diess ist es, was Arist. a. a. O. 
Jn» Auge hat. S. o. S. 198 f. 

3) Anal. pri. Il, 23. 68, b, 13: unavta yuQ TuaTivo/xiv ^ 6iä avlloyia- 
fiov ij (Ti* inaytoyiig. Ebd. Z. 351; «• o. 198, 1. Eth. I, 7. 1098, b, 8: toiv 
^X^ <f' at fiiv inaytpy^ &iaiQovvTaij al «f* aia&^aet u. s. w. VI, 8. 1139, 
"> 26: ix nQoyiVtaaxofxivoiV dk näaa ^i^aaxctUa' ... 17 fji^v yaq dir* 
^«y«oy^f, ri Sk avlloyiafitT), ij fikv 6ri inayayyii olqx^ ^^fi' xal xov xa^okov, 
° «»^ avlloyiOfids ix rtav xa&oXov, €talv aga «('/ol i( iüv 6 avXloyiCfihgy 
^^ oint tau avXXoytafiOS' liraytayri uga. (Trends lenburg Uist. Beitr. II, 
^ t and BRikNois II, b, 2, 1443 wollen diese zwei Worte streichen, weil 
*^^ nicht alles unbewiesene Erkennen auf Induktion gründe; allein sie 
^^Q nicht allgemeiner, als die andern hier angeführten Erklärungen, und 
^^rden mit diesen durch das im Text bemerkte ihre Erledigung finden.) 
Sehnlich Anal. post. I, 1, Anf. Anal. post. I, 18: fiavi^avo/Liev ^ inaytjyrj 
^ j7io^i{^H, itni «y* rj fxkv ttTTodii^is ix tiSv xttd-olov, tj J' inaytüyq ix 

^ *ßTa fx^QOs' ttdvvaxov öh ra xa&oXov ^'HcDQfjaat jurj Jt* inaytoyijs, 
'^ II, 19. lOü, b, 3: drjXov J^ ort rifAiv r« TtQdSra inaytoy^ yvo>Q(^tv 
^^^yxaior, Top. I, 12: toxi 6k xo ^tv [tldog Xoyiov diuXexxtxdv] inayojyrj, 
^ ^^ avXXoyiOfiog . . . ijiayioyi) Jf rj anb Xiuv xa^ixaojov ln\ itc xaO-oXoxj 
Zell er, Philw. d. Gr. U. Bd. 2, Aliii. 3. Aufl. \^ 



242 Aristoteles. [176. 177) 

beweisbare darom nicht nothwendig erst aus der Erfahrung ab- 
strahirt sein soll, dass vielmehr die allgemeinen Ghimdsätze nach 
Aristoteles durch eine unmittelbare Vemunftthätigkeit erkannt 
werden, ist schon bemerkt worden ^ ; aber wie sich diese Ver- 
nunftthätigkeit in den Einzelnen nur allmählich, an der Hand der 
Erfahrung, entwickelt, so können wir uns, wie er glaubt, auch 
wissenschaftlich ihren Inhalt nur dadurch sichern, dass wir ihn 
durch eine um&ssende Induktion bewähren '). 

Diese Forderung ist nun aber nicht ohne Schwierigkeit. 
Der Induktionsschluss beruht, wie früher gezeigt wurdet, auf 
einem solchen Verhältniss der Begriffe, welches die Umkehrung 
des allgemein bejahenden Untersatzes gestattet: er setzt yoraus, 
dass der unterste und der Mittelbegriff des Schlusses den glei- 
chen Umfang haben. Eine beweiskräftige Induktion findet, mit 
anderen Worten, nur dann statt, wenn eine Bestimmung an allen 
I^zelwesen der Gattung, von der sie ausgesagt werden soll, 
aufgezeigt ist^). Eine schlechthin vollständige Eenntniss alles 
Einzelnen ist aber unmögUch^). Es scheint | mithin alle In- 
duktion unvollständig, und jede Annahme, die sich auf Induktion 
gründet, unsicher bleiben zu müssen. Um diesem Bedenken zvu 
entgehen, muss eine Abkürzung des epagogischen Verfahrenst 
angebracht, für die Unvollständigkeit der Einzelbeobachtung eixm^ 
Ersatz gesucht werden. Diesen findet nun Aristoteles in der— 



itpoSog . . . Htni S^ f\ fikv inayayyfi ntOttvtoTigov xal aaipfax^Qov »a\ xarv 
xfiv ato^aiv yvoi^fioiregov xal Totg noXioTg xo&v6v, 6 dk avlXoyiafi6§ 
ßittCfTtxwTfQOV xtd ngog Tovg dvrtXoyixovs ivaqyiaxfqov. Ebd. c. 8, 
Rhet. I, 2. 1856, a, 35. Vgl. S. 197 f. 

1) S. S. 190 fr. 235 f. 

2) M. 8. hierüber auch, was S. 243, 2 ans Top. I, 2 angeführt ist. 

3) S. 231, 4. 

4) Vgl. Anal. pr. II, 24, Schi. : {jo nagaSeiyfia) ^tatpigei rifg Innytay^ 
or* "ti fi^y H ctndvroiv Ttav drofitov t6 uxqov i^etxvvev dndoj^Hv tg 
^iatfi . . ., rö J^ . . . ovx i( dnavTtov SiCxvvaiv. Ebd. c. 23. 68, b, 27 : 6. 
dk voetv t6 r (den untersten Begriff des Indnktionsschlnsses) tö i$ an« 
rtov Ttav xa&ixaarov avyxe(fi€iov' ^ yeiQ inayofyrj Sid navrtov. 

5) Wem auch aUe bisher vorgekommenen Fälle einer bestimmten A 
bekannt wären, der könnte doch nie wissen, ob nicht die Zukunft and 
hievon abweichende Erfahrungen bringen werde; aber auch jenes l&sst si 
der Natur der Sache nach nie annehmen, und noch weniger könnte man 

jenuÜB beweisen. 





77] Wahrscheinlichkeitsbeweis. 243 



oder dem Wahrschemlichkeitsbeweise ^), dessen Theorie 
r in seiner Topik niedei^^ hat. Der Nutzen der Dialektik 
)eBteht nämlich nicht allein in der Denkübung, auch nicht blos 
n der Anleitung zur kunstmässigen Streitrede, sondern sie ist 
EQ^eich ein wesentliches Hül&mittel der wissenschaftlichen Unter- 
suchung, indem sie uns die yerschiedenen Seiten, von denen ein 
Gegenstand betrachtet werden kann, au&uchen und abwägen 
Idirt Sie dient insofern namentlich zur Feststellung der wissen- 
schaftlichen Principien, denn da sich diese als ein erstes nicht 
durch Beweisführung aus etwas gewisserem ableiten lassen, 
bleibt nur übrig, sie vom wahrscheinlichen aus zu suchen^). 
Huren Ausgang nimmt eine solche Untersuchimg von den herr- 
schenden Annahmen der Menschen; denn was alle, oder doch 
die er&hrenen und verständigen glauben , das yerdient immer 
Beachtung, da es die Vermuthung ftlr sich hat, auf einer wirk- 
lichen Erfahrung zu beruhen ^). Je unsicherer aber diese Grund- 

1) Ueher diese engere Bedeutang des „Dialektischen" bei Aristoteles 
«• m. Waitz Arist Org. II, 435 IT.; ygl. die folgenden Anmm. 

1) Top. I, \: *JI fikv ngo^taie rijs n^aYfiar^lag^ /u^&qSov €vqhv, atp^ 
m dvrtiaofAfS-tt avlloy{Cfo&tt$ ntgl navxbg rov nQorc&ivrog ngoßliifitciog 
^ Mo^apy, xal avrol loyov v7r//oiT«ff firj^kv igoCfiev vmvavxlov, . . . 
i^ttixog dl avlloyia/jiog 6 ^| Mo^tov auXloyi^o/itvos . . . ivSo^a Si ra 
ionvna näaiv { roig nXiiaroig rj totg aotpoi;^ xal rovroig ij naOiv fj xoig 
^UUnois ^ TOtg fiaXiota yvMqCfjioiq xal ivdo^oig, c 2: fort' <f^ nQog xqla 
\x^^fiog 17 nQaY(Aaxila\t ngog yvfjtvaaCav, nQog xag ipxtvieig^ ngog xag 
>«ra (piloaoipiav inioxiifiag . . . ngog ik xag xaxa (piloaoipiav ijnaxtifiag^ 
hi ivvafi€Vo& ngog a/itpoxega ^ianoQtjaat ^^ov h ixaaxoig xaxoxpofie&a 
^^Hg xt xal x6 if/ivdog, ^xi ^k ngog xa ngtoxa xaavixiQl ixdaxiir 
*^itft^fifiy agx^'^- ^* f*^^ y^Q ^^•' olxUtav xtSv xaxa xr^v nQOxed-itaav 
*vun^liriy agxwv advvfsxov ilmtv xi 7X€qI auxtSv, ineiSri n^toxai at a^/ol 
•*«n*w £/crl, <fi« Si rwv mgl %xaaxa Mo^v avayxri negl avxtav diel- 
*'*>. Torro <f' fcftoy ^ /uaXiaxa oixelov xrjg ^talixxuc^g iaxiv' i^exaaxixri 
T^ ov<ya Ttgog xicg anaaiüv x(3v ^id-odmv aqxttg 66 ov ^/€«. Den dialek- 
^en Schluss nennt Arist. imx^CQrifia Top. VIII, II. 162, a, 15. Die 
^Qiehiedenen Aensserangen des Arist. über die Aufgabe und den Nutzen 
^ Dialektik stellt Thurot ^tudes s. Arist. 20 1 ff. zusammen ; doch hat er 
^ theilweise Ungenauigkeit seiner Ausdrücke etwas zu stark betont Vgl. 
^ <öe Topik auch oben 8. 72. 

)) Diyin. in s. c. 1, Anf.: niQl 6k xrjg fiavxixtjg xtjg Iv xoTg vnvoig 
y^t^im^ . , . oöxi xaxafpqovrjaai ^^6iov ovxe neia&rjvat. x6 fikp yaq nav- 
^^ 4 n^klovf vnoXafißdvHV fx^iv xi atifiuiS^ig xd ivvTxvia Tra^^/frac 
*^ ik i{ ifiniiQlag Uyofievov u. s. w. Eth. 1, 8 Anf. VI, \^. \\4:i, \>, U'. 

\6* 




244 Aristoteles. [178] 

läge ist, I um so mehr drängt sich auch Aristoteles das Bedürf- 
niss auf, aus welchem schon die sokratische Dialektik entsprungen 
war, ihre Mangelhaftigkeit dadurch zu verbessern , dass die ver- 
schiedenen in der Meinung der Menschen sich kreuzenden Ge- 
sichtspunkte zusanmiengebracht und gegen einander ausgeglichen 
werden. Daher die Gewohnheit des Philosophen, seinen dogma- 
tischen Untersuchungen Aporieen voranzuschicken , die ver- 
schiedenen Seiten, von denen sich der Gegenstand fassen lässt, 
au£suzählen, die hieraus sich ergebenden Bestimmungen an m- 
ander und an dem, was sonst feststeht , zu prüfen , durch diese 
Prüfung Schwierigkeiten zu erzeugen , und in der Lösung der- 
selben die Grundlagen der wissenschaftlichen Darstellung zu g^ 
winnen^). Diese dialektischen Erörterungen dienen den posi- 
tiven wissenschaftlichen Bestimmungen zur Vorbereitung, indem 
sie die Fragen, um die es sich handelt, klar stellen, die Ergeb- 
nisse der Induktion unter gewisse allgemeine Gesichtspunkte zu- 



noSUxtoig (pdosai xal do^aig ou/ tjttov ruiv ano(fff^€tüv, X, 2. 1172, bf 
35: ot J' hiOTttfA^voi tog ovx aya&ov ov navx* iipUiai^ firj ov^kv )JyvaiV' 
o yuQ näai SoxeT^ tovt* ilvaC (pafjiiv. lihet. I, 1. 1355, a, 15 (s. u. S. 59T, ^ 
2. Aufl.). Aus demselben Anlass beruft sich Eth. VII, 14. 1153, b, 27 ao^ 
Hesiod ("jE. x. iJ^. 763): (prifJLii cT* ov rl yt ndfinav dnollvratj fjt' «rß 
Xaol nolXol , . und Sykes. calv. enc. c. 22 (Ar. Fr. Nr. 2) fahrt als aristo- 
telisch an: 8t& (sc. at 7taQ0ifjL(ai) naXiuds iloi tf>iloaoif(as fv raig fiiyi(f^'^ 
dvd^()(untttv (f^ogalg dnoXofxivfis fyxttraXfi'fifiaTa neQiato&ivra ^id avno' 
fjilav xdi ife^wTtiTa, Vgl. auch Polit. II, 5. 1264, a, 1. Eth. Eud. 1, 6. Auf- 
und unten S. 627. 332, 3. 359, 4 2. Aufl. Damit hängt auch die Vorliebe 
des Aristoteles fdr sprüch wörtliche Redensarten und Gnomen zusammen^ 
worüber auch S. Iü9, I {üaQoifjiCai) z. vgl. 

1) Metaph. III, l,Anf.: ^ffr* dk roig (VTiOQrjaat ßovXofjLivoiq nqovQp^ 
10 ^lanoQrjaai xaXtüg' ^ yuQ vtniQov evnogfa Xvais t(uv TiQorfQOV dno^v 
fiivtov iorlf XvHV cf ' ovx HoTiv dyvoovvias rov diOfiov u. s. w. Eth. N. 
VII, 1, Schi.: Sti <f', djan€Q inl rdiv aXXon'j Tt&ivrag td (paivofjiiva *(t\ 
ngöjTOV dianftQriaavrag ovtta dnxvvvai fjLdXima fiiv ndvra td ^vdo^a ni^ 
raCra td tt«^, f / J^ /htJj r« nXeTara xal xvQitorata ' Idv ydq Xvritai ^f 
td övgx^Qfi y-iii xaraXf^TiTjtai rd fvdo^Uy öiduyfifvov dv etrj txavais. Anal- 
post. II, 3, Auf. und Waitz z. d. St. Phys. IV, 10, Anf. Meteorol. 1, 13, Auf- 
De an. I, 2, Anf. longit. vit. c. 1, 464, b, 21 u. a. St. Top. VIII, 11. 162, 
a, 17 wird das dnoQrjfza als avlloyiaiuog ^taXfxtixog nvx^tfda^tog definirt- 
Diese aristotelischen Aporieen dienten den Scholastikern als Vorbild tnr di^ 
äüputoHo pro et contra^ 



[178] Wahrscheinlichkeitsbeweis. Induktion. 245 

sammenfassen, diese durch einander bestimmen und sie zu einem 
Gesammtergebniss verknüpfen; in ihnen versucht sich das Den- 
ken an den verschiedenen Aufgaben, deren wirkliche Lösung 
zur philosophischen Erkenntniss fiilu*t^). | 

Den strengeren Anforderungen der heutigen Wissenschaft 
kann nun freilich weder die Theorie noch das eigene Verfahren 
des Aristoteles gentigen; mögen wir vielmehr die Ableitung der 
wissenschaftlichen Sätze und BegriflFe aus den Thatsachen oder 
die Feststellimg der Thatsachen als solche in's Auge fassen, so 
stossen wir auf erhebUche Lücken und Mängel. Was die erstere 
anbelangt, so soll die Induktion nach Aristoteles darin bestehen, 
dass aus den sämmtlichen Einzelfällen einer bestimmten Klasse 
ein Satz abgeleitet wird, der als allgemeines Gesetz ausspricht, 
was in allen jenen Fällen vorkam ^). In Wahrheit besteht sie 
aber darin, dass ein solcher Satz aus den uns bekannten 
Fällen abgeleitet wird; wenn es sich daher um das Princip des 
Induktionsschlusses handelt, ist die Hauptfrage die: was uns be- 
''echtigt, aus den uns bekannten Fällen auf alle gleichartige Fälle 
^u schhessen? Wenn Aristoteles diese Frage noch nicht auf- 
^'^arfi kann man ihm diess allerdings um so weniger zum Vor- 
"^"luf machen, da auch von s^en Nachfolgern keiner vor 
Stuart Mill sie scharf gestellt, und auch dieser sie nur ungenü- 
gend und widerspruchsvoll zu beantworten gewusst hat. Aber 
^ine unvermeidliche Folge davon war es, dass seine Theorie der 
ioduktion das Bedürfiiiss unberücksichtigt lässt, welches hier 
"^'orliegt, dass sie uns keine Auskunft darüber gibt, wie die 
üichtigkeit der Induktion trotz der UnVollständigkeit der Er- 
^^^^Jmmgen, von denen sie ausgeht, sichergestellt werden kann, 
-t'liatsächlich hat der Philosoph allerdings diese Lücke, wie so 
^l>en gezeigt wurde, durch den WahrscheinUchkeitsbeweis und 
^i^ dialektische Erörterung der Aporieen auszufüllen versucht, 
-^her so glänzend auch in der letzteren nicht allein sein Scharf- 
**^, sondern auch seine wissenschaftliche Umsicht an den 
^^ tritt, so kann sie doch für eine erschöpfende und mit me- 
^^^discher Sicherheit anstellte Vergleichung der Beobachtungen 



f. 1) Metaph. IV, 2. 1004, b, 25: ^ati cf^ rj ^lalixrixff ntiQatntxri TTCQi 
* 4 ifiXoaofpia yvtoarixii. 
2) Vgl S. 231, 4. 242. 



2^6 Aristoteles. 

schon desshalb keinen ausreichenden Ersatz gewähren ^ weil sie 
eben nicht von der Beobachtung als solcher ausgeht, sondern 
von dem i'vdo^ov, von Annahmen, in denen sich mit den wirk- 
lichen Erfahrungen Vermuthungen, Folgerungen und Einbildungen 
aller Art vermischt haben oder doch vermischt haben können. 
Aber auch' da, wo sich Aristoteles auf wirkliche Beobachtungen 
bezieht, bleibt er doch hinter den Ansprüchen, welche wir an 
die wissenschaftliche Beobachtung zu stellen gewohnt sind, in 
vielen Beziehungen zurück. Ueber die Bedingungen einer zu- 
verlässigen Beobachtung, die Mittel, deren man sich zu bedienen 
hat, um die Richtigkeit eigener Beobachtungen sicherzustellen, 
die Zuverlässigkeit fremder Angaben zu prüfen, findet sich bei 
ihm nur die eine und andere gel^entliche Bemerkung; da er 
zu wenig darauf achtet, in welchem Umfang unsere eigene 
Geistesthätigkeit bei unsem Wahrnehmungen betheiligt ist^), so 
ist es natürhch, dass seine Theorie auch keine genügende Vor- 
sorge getroffen hat, um der Verunreinigung der Beobachtungen 
durch dieses subjektive Element zu begegnen. Und auch sdn 
eigenes Verfahren gibt in dieser Beziehung zu mancher Aus- 
stellung Anlass. Er hat allerdings, vor allem in seinen zoolo- 
gischen Schriften, eine ungemein grosse Masse thatsächlicher An- 
gaben zusammengebracht , von denen sich die überwiegende Mehr— 
zahl, so weit sie überhaupt bis jetzt controlirt werden konnten ■)^ 

als richtig bewährt hat; und wenn die meisten von diesen An^ 

gaben der Wahmehmimg offen genug lagen, so finden sich dod^v 

auch manche darunter, die eine soi^fältigere Beobachtung er- 

forderten*). Auch den wissenschaftUchen Versuch hat er nich^^ 



1) Vgl. S. 201 und S. 416 f. 2. Aufl. 

2) Diess ist nämlich nicht immer möglich : theils weil oft nicht feststeht 
welches Thier mit diesem oder jenem Namen gemeint ist, theUs weil ni 
auch nicht alle von Arist. erwähnten Thiere ausreichend bekannt sind. 

3) So sieht man aus part an. III, 4. 665, a, 33 ff. (^vgl. Lbwbs 
§. 394), dass er über die Entwicklung des Embryo im Ei Untersuchungen^ 
angestellt hatte, wenn er hier bemerkt, man finde in den Eiern oft schoi 
am dritten Tag Herz und Leber als gesonderte Punkte. Gen. an. 11, 6 
er Bemerkungen über die Reihenfolge des Hervortretens der verschieden« 
Körpertheile, von denen auch Lbwbs (§ 475) anerkennt, man sehe danxL^^f 
dass A. Entwicklung studirt habe. Eine lange für fabelhaft gehaltene Am^ 

gBbe über das Vorkommen einer Placenta bei einer Haiflschart (H. an. Y^% 



Induktives Verfahren. 247 

ganz vernachlässigt ')• ^ err^ ebenso durch den Um£Euig und 
die Sorgfalt seiner geschichtlichen Studien unsere höchste Be- 
wunderung'). Er verhält sich femer kritisch genug zu den 
Ueberiieferungen, um manche falsche Angabe zu berichtigen ^)y 
auf die Unzuverlässigkeit eines Zeugnisses aufinerksam zu ma- 
chen^), und selbst allgemein verbreitete Annahmen zu bestrei- 



10. 565, b, 1) ist durch Job. Müllbb (Abh. d. Berl. Ak. 1840. Phys.math. 
KI. 187 vgl Lewes a. a. O. § 205) bestätigt worden; ähnlich verhält es 
sich (vgl. Lbwes § 206 — 208) mit A.s Angaben über den Embryo des 
Tintenfisches (gen. an. m, 8. 758, a, 21), über Fische, die ein Nest bauen 
(H. an. VIII, 30. 607, b, 19), über die Angen des Maulwurfs (De an. III, 1. 
425, a, 10. H. an. I, 9. 491, b, 28 ff.)* über eine Drüse, die eine Art Hirsche 
unter dem Schwanz hat (H. an. II, 15. 506, a, 23 vgl. W. Rapp in Müller's 
Archiv f. Anat. 1839, 363 f.). lieber seine Beschreibung der Cephalopoden 
bemerkt Lewbb (§ 340 f.), sie könne nur yon einer grossen Vertrautheit mit 
ihren Formen herrühren, man sehe in ihr die unverkennbaren Spuren einer 
persönlichen Kenntniss. Um so seltsamer lautet es aber, wenn er darin die 
frische Brise des Meeres, das entzückende Spiel der Wellen u. s. w. ver- 
misst; d. h. wenn er Aristoteles darum tadelt, dass er nicht die Geschmack- 
losigkeit gehabt hat, aus einer streng sachlich gehaltenen zoologischen Be- 
schreibung heraus in den Feuilletonstyl zu verfallen, und Leuten, die das 
Meer tagtäglich vor Augen hatten, vorzuerzählen, was sie alle längst wussten. 

1) Beispiele gibt Edcken Meth. d. arist. Forsch. S. 168 ff. aus Meteor. II, 

^« 359, a, 12. 358, b, S4 (H. an. VIII, 2. 590, a, 22). H. an. VI, 2. 560, 

^ 30. (gen. an. III, 1. 752, a, 4). De an. II, 2. 418, b, 16. De respir. 3. 

-^"71, a, 31. H. an. VI, 37. 580, b, 10 ff. (wenn diess wirklich ein Versuch 

^^Xid nicht vielmehr eine zufällige Beobachtung ist). Dazu noch die mit einem 
"^^^yovaiv angeführten gen. an. IV, 1. 765, a, 21 (von ihm selbst im folgenden 
*=^"^8tritten) und H. an. II, 17. 508, b, 4 (während gen. an. IV, 6. 774, b, 31 
s gleiche in eigenem Namen behauptet wird). Einige von diesen Versuchen 
^:3id aber freilich von so bedenklicher Art, dass man zweifeln kann, ob 
ist. sie selbst angestellt hat, und im ganzen beruft er sich so selten auf 
ersuche, dass man deutlich sieht, wie wenig er und die griechische Wissen- 
überhaupt ihre Bedeutung erkannte. 

2) Ausser den zahllosen Nachrichten aus der Geschichte der Staaten, 
Philosophie, der Poesie, der Rhetorik, welche die uns erhaltenen Werke 

^^ die Hand geben, gehört hieher namentlich, was aus den Politieen und 
^^^dem verlorenen Werken mitgetheilt wird; vgl. S. 105, 3. 77, 1. 65, 5. 
^1, 1. 108 f. 

3) So in den von Kücken a. a. O. 124 namhaft gemachten Fällen gen. 
^iL ni, 5. 755, b, 7 ff. 756, a, 2. c. 6. 756, b, 13 ff. 757, a, 2 ff. IV, 1. 765, 
^ 16 ff. 21 ff. H. an. VHI, 24. 605, a, 2 f. 

4) Wie Bist. an. VHI, 28. 606, a, 8. II, 1. 501, a, 25, vio A^iääxv ^^% 



248 Aristoteles. 

ten^). Wo es ihm an ausreichenden Beobachtungen fehlt, 
er mit seinem Urtheil noch zurückhalten *), wo man zum i 
eiligen Abschluss einer Untersuchung geneigt sein könnte, w{ 
er uns, indem er verlangt, dass man erst alle von dem G^ 
stand dargebotenen Instanzen erwäge "). Er zeigt sich mit Eii 
Wort nicht nur als einen unermüdUchen , dem Kleinen i 
Grossen mit imersättlichem Wissensdurst^) nachforschenden, $ 
dem auch als einen sorgfältigen und besonnenen Beobacli 
Aber trotzdem finden wir bei ihm nicht ganz selten au&U 
imrichtige Angaben auch in solchen Fällen, wo das richtig 
selbst mit den einfachen Hülfemitteln, auf die er sich beschrä 
sah, unschwer zu finden gewesen wäre^). Und noch viel 1 



Ktesias wegen seiner geringen' Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen wen 
gen. an. III, 5. 756, a, 33: die Fischer überselien den in Bede stehet 
Vorgang nicht selten : ovMg yhq avtwv ov&kv ttjqh Toioi/iov tov yvt 
XttQtv, H. an. IX, 41. 628, b, 8: aVTOTiTy J* ovTito ivr^rv^xa^iv. 
gekehrt beruft er sich c. 29. 37. 618, a, 18. 620, b, 23 auf Augenzeuge 

1) Diess that er bei seinen Zweifeln gegen die Aechtheit der orphis< 
Gedichte und die Existenz ihres angeblichen Verfassers, worüber Bd. I, 

2) Vgl. S. 167, 1. 

3) De coelo I, 13. 294, b, 6: nlV iofxaai fi^xQt rwog Cfjniv, all 
fi^XQ'' ^^9 ^^ Svvmbv trig clnoQfag' näai yaQ rifjuv xovro avvri^ig, 
TTQÖg t6 TiQayfia noieiad^ai xiiv fiiTi;a*v allä nQog tov Tavavrta Xfyoi 
xal yaQ avtos iv avTtp C^l^et fiixQ^ ^fQ «v ov fiTjx^rt ^XV <*»^*^^ 
avToe avTtß' (f«6 ^et tov fAillovra xalcSg Ci}rii<T£iv ivaTUTixor eivai 
Ttiv oixilonf ivaraaetav t^ y^vei, tovto <f * IotIv Ix tov naffag r£^£ft»^x 
Tccg ^$a(poQdg. 

4) To (fUo(fo(fCag cTii/^Jr s. o. 167, 3. 

5) Vgl. EucKEN a. a. O. 155 ff. Dahin gehört, dass nach Arist. 
männliche Geschlecht mehr Zähne haben soll, als das weibliche (H. an 
8. 501, b, 19; über den mnthmasslichen Anlass zu diesem Irrthum Le 
a. a. O. § 332, A. 19), jenes beim Menschen drei Nähte am Schädel, di 
nur Eine rings herum gehende (ebd. I, 8. 491, b, 2); dass der Mensch 
acht Bippen auf jeder Seite habe (ebd. I, 15. 493, b, 14 — eine in 
damaligen Zeit, wie es scheint, allgemeine Annahme, welche sich durch 
Voraussetzung erklärt, es liegen ihr nicht anatomische Untersuchui 
menschlicher Leichen, sondern nur Beobachtungen an Lebenden su Grunde ; 
S. 93, 1); dass die Linien in der Hand lange oder kurze Lebensdauer anze 
(ebd. 493, b, 32 f.); dass der hintere Theil der Sch&delhöhle leer sei (H. a 
8. 491, a, 34. part. an. H, 10. 656, b, 12. gen. an. V, 4. 784, b, 35). Wei 
Beispiele bei Lbwbb Arist. § 149 ff. 154 ff. 315. 332. 347. 350. 352. 3( 
398. 400. 411. 486. Wenn dagegen behauptet wird, nach Ariat. part. an. 



Induktives Verfahren. 249 

figer b^egnet es ihm , dass er aus ungenauen und unvollstän- 
digen Beobachtungen viel zu gewagte und zu weitgreifende 
Schlösse, ableitet, nach einer allgemeinen, auf keine ausreichende 
Erfahrung gestützten Theorie sich die Thatsachen zurechtlegt. 
Er ver&hrt bei seinen Induktionen nicht selten viel zu rasch 
und gibt ihnen an dem allgemein Angenommenen eine unsichere 
Grundlage. Er zeigt sich noch wenig geübt in der Kirnst, die 
Erschemungen methodisch in ihre Elemente zu zerlegen, jedes 
von diesen auf seine Wirkungsgesetze und Ursachen zu unter- 
suchen und die Bedingungen ihrer Verbindung auszumitteln. Er 
ist mit dem fruchtbarsten Hülfsmittel flir die Feststellung und 
Zergliederung der Thatsachen, flir die Prüfling der Beobach- 
tungen und der Theorieen, mit dem wissenschaftlichen Versuch, 
nicht einmal in dem Grade vertraut, der an sich selbst mit der 
dürftigen Technik der Griechen sich hätte erreichen lassen. Er 
bleibt mit Einem Wort in jeder Beziehung hinter den Anforde- 
ningen zurück, welche imsere Zeit an den Naturforscher stellt. 
Aber diess kann uns so wenig befiremden, dass wir uns viel- 
niehr nur wundem könnten, wenn es sich anders verhielte. 
Aristoteles hotte nicht etwa nur über seine Zeit noch viel weiter, 
*k diess wirklich der Fall war, emporragen, sondern er hätte 
geradezu einer andern und viel späteren Zeit angehören müssen, 
^enn er von den Mängeln frei bleiben sollte, die uns an seiner 
Theorie und seinem Verfahren in's Auge gefallen sind. Jene 
^^cherheit, Vielseitigkeit und Genauigkeit der empirischen For- 
*^iuDg, welche unsere Wissenschaft vor dem Alterthum voraus 
^**> konnte nur dadurch gewonnen, die Bedingungen derselben 
^^ dadurch deutlich gemacht werden, dass auf allen Gebieten 
^^ Natur- und Geschichtsforschung die Thatsachen gesammelt 
^d gesichtet, die mannigfaltigsten Versuche angestellt wurden; 

' ^% ti, 19 habe nur der Mensch Herzklopfen (Lewss § 399 c mit dem 

'^i^atz : „nach dieser Stelle möchte man glauben, dass Arist. niemals einen 

^el in der Hand hielt." Eugken 155, 2), so ist diess ungenau. A. unter- 

^^eidet De respir. 20. 479, b, 17 den afpvyfibg^ den Herzschlag, der immer 

^^eht, von der nfjdriaig Ttjg xaqdtag^ dem starken Klopfen des Herzens 

^ Affekt. Auch die letztere beschränkt er aber nicht auf den Mensöhen, 

^«Qn er sagt a. a. O«, sie werde bisweilen so stark, dass die Thiere daran 

sterben, und auch part. an. heisst es nur: Iv av&Qtttnt^ t€ yicg avfißaivn 

/<oVov lüg fInttVf sie komme fast nur bei ihm vor. 



i 



250 Aristoteles. 

dass man zunächst ftbr einzelne Klassen von Erscheinungen Ge- 
setze au&uchte und diese allmählich verallgemeinaiey zur Er- 
klärung bestimmter Vorgänge Hypothesen aufstellte ^und die- 
selben immer aufs neue an den Thatsachen prüfte und berich- 
tigte. Nicht allgemeine methodologische Erwägungen, sondern 
nur die wissenschaftliche Arbeit selbst konnte zu ihr hinflihren. 
So lange nicht die Erfahrungswissenschaften weit über den Stand- 
punkt hinausgekommen waren, auf dem wir sie zur Zeit des 
Aristoteles finden, konnte weder die Methodologie noch die Me- 
thode des er&hrungsmässigen Erkennens wesentlich über die Ge- 
stalt, die sie bei ihm hat, hinauskommen. Nach der damaligen 
Sachlage wart es schon ein grosses , wenn die Beobachtungen so 
massenhaft imd so sorgfältig gesammelt wurden, wie von ihm; 
dass sie sofort auch mit gleicher Sorgfalt geprüft, die eigenen 
Wahmehmimgen von fremden Aussagen scharf unterschieden, 
die Glaubwürdigkeit der letzteren genau untersucht werden werde, 
Uess sich nicht erwarten. Wie manche Angabe aber, die une 
zum Anstoss gereicht, mag Aristoteles von andern in gutem 
Glauben angenommen und einfach desshalb kein Bedenken bei 
ihr gehabt haben, weil ihm seine Naturkenntniss noch keine ge- 
nügenden Gründe an die Hand gab, um* sie für unmöglich zu 
halten! Wenn man femer die Voreiligkeit oft fast unbegreif 
lieh findet, mit der die Griechen nicht selten Hypothesen und 
Theorieen auf Thatsachen bauen, deren Falschheit uns beim 
ersten Blick einleuchtet, so bedenkt man in der Begel viel zu 
wenig, in welchem Grad es ihnen an allen Hül&mitteln ein» 
genauen Beobachtung fehlte, und wie sehr ihnen ebendadurcli 
auch jeder brauchbare Versuch erschwert werden musste. Zeit- 
bestinmiungen ohne Uhr, Temperaturvergleichungen ohne Thermo- 
meter, astronomische Beobachtungen ohne Femrohr, meteorolo- 
gische ohne Barometer — dieses und ähnliches waren die Auf 
gaben, die der griechischen Naturforschung gestellt waren. Wo 
es aber an der Grundlage einer genauen und sicheren Beobach- 
tung fehlt, da ist auch die wissenschaftliche ZergUederung dei 
Erscheinungen, die Auffindung der wirkUchen Naturgesetze, die 
Prüfung der Hypothesen an der Er&hrung in einem so hohen 
Ghrade erschwert, dass man sich nicht wundem kann, wenn die 
wissenschaftliche Forschimg sich nur sehr imvollständig und 



[179] Induktives Verfahren. Definition. 251 

langsam über die unwissenschaftlichen Vorstellungen erhebt. 
Welches Verdienst sich Aristoteles trotzdem durch Beobachtung 
und Sammlimg der Thatsachen erworben, mit welchem Scharf- 
siiin er dieselben zu erklären versucht hat, das wird man zu 
Mrürdigen wissen, wenn man ihn nach dem Masstab beurtheilt, 
den das Wissen und die wissenschaftlichen Hülfsmittel seiner 
Zeit an die Hand geben. 

I Auf das Einzelne der aristotelischen Topik kann ich hier 
so wenig, als auf die Widerlegung der sophistischen Trugschlüsse 
iiäjher eingehen, da die wissenschaftlichen Grundsätze des Philo- 
sophen dadurch kdne Erweitenmg, sondern nur eine Anwen- 
dung auf ein ausser den Grenzen der eigentlichen Wissenschaft 
liegendes Gebiet erfahren ^). Dagegen müssen die Untersuchungen 
Über die Begrifibbestimmung hier noch berührt werden, welchen 
^^nr theib in der zweiten Analytik, theils in der Topik begeg- 
r^en *). Wie der B^riff den Ausgangspunkt aller wissenschaftr 
liehen Untersuchungen bildet, so ist umgekehrt die vollständige 
^Elrkenntniss desself^n, die Begrifl^bestimmung, das Ziel, dem sie 
^lustrebt. Das Wissen ist ja nichts anderes, als die Einsicht in 
^ie Ghünde der Dinge, und diese Einsicht vollendet sich im Be- 
griffe: das Was ist dasselbe, wie das Warum, wir erkennen den 
begriff eines Dings, wenn wir seine Ursachen erkennen ^). Die 
^Begriffsbestimmung hat insofern die gleiche Aufgabe, wie die 
IBeweisftihrung : in beiden handelt es sich darum, die Vermitt- 
lung au&uzeigen, durch welche der Gegenstand zu dem gemacht 
"wird, was er ist*). Nichtsdestoweniger fallen sie nach Aristo- 
teles nicht unmittelbar zusammen. | Für's erste nämlich liegt am 
"Tage, dass nicht von allem, was sich beweisen lässt, eine Be- 
^ri&bestinmiung möglich ist; denn beweisen lassen sich auch 
"verneinende, partikuläre und Eigenschaft -Sätze, die Begriffis- 
l)estimmung dagegen ist immer allgemein und bejahend, und sie 
l)ezieht sich nicht auf blosse Eigenschaften, sondern auf das sub- 



1) Eine Uebenicht über beides gibt Brandis S. 288—345. 

2) M. Tgl. znm folgenden ausser den bekannten umfassenderen Werken 
die S. 204, 1 angeführten Schriften von Kühn und Rabbow, Hsydbr Vergl. 
d. arist u. hegel. Dialektik S. 247 ff., Kajipb Erkenntnissth. d. Arist. 195 ff. 

8) S. o. 162, 1. 2. 170, 2. 
4) S. o. 170, 2. 



252 Aristoteles. [18( 

fitantielle Wesen '). Ebensowenig lässt sich umgekehrt alle 
woYon es eine Begriffsbestimmung gibt, beweisen ; wie man scho 
daran sehen kann, dass die Beweise von unbeweisbaren Begriff 
bestimmungen ausgehen müssen ^). Ja es scheint sich überhau] 
der Inhalt einer Begriffsbestimmung nicht durch Schlüsse b< 
weisen zu lassen. Denn für den Beweis wird das Wesen d( 
Gegenstands als bekannt vorausgesetzt, bei der Begriffsbestin 
mimg wird es gesucht; jener zeigt, dass einem Subjekt eii 
Eigenschaft als Prädikat zukomme , diese will nicht einzeln 
Eigenschaften, sondern das Wesen angeben; jener fragt nac 
einem Dass^), diese nach dem Was*); um aber anzugeben w£ 
etwas ist, müssen wir vorher wissen, dass es ist*). Indesse 
ist hier zu unterscheiden. Eine Begriffsbestimmung lässt sie 
allerdings nicht durch einen einfachen Schluss ableiten; w 
können das, was in der Definition von einem Gegenstand aui 
gesagt wird, nicht zuerst im Obersatz eines Schlusses zum Pri 
dikat eines Mittelbegrifis machen, um es durch denselben ii 
Schlussatz auf den Gegenstand, welcher definirt werden soll, z 
übertragen; denn wenn auf diesem Wege nicht blos die ein 
und andere Eigenschaft, sondern der vollständige Begriff des 
selben gefunden werden soll, so müssten Obersatz und Untei 
satz gleichfalls Definitionen, jener des Mittelbegrifis, dieser da 
niedersten B^rifis sein ; und da nun eine richtige B^riffsbestin 
mung nur die ist, welche auf keinen andern als diesen bestimn 
ien Gegenstand Anwendung findet^), da daher in jeder Defin 
tion das Subjekt den gleichen Inhalt und Umfang hat, wie di 
Prädikat, imd | desshalb der allgemein bejahende Satz, der di 
Definition ausspricht, sich einfach umkehren lässt, so wäre ai 
diese Art nur dasselbe durch dasselbe bewiesen^), man erhiell 



1) Anal. post. II, 3. 

2) A. a. O. 90, b, 18 flf. (vgl. oben S. 234 flf.). Einen anderen verwandte 
Grund, der bier angegeben wird, übergebe ich. 

3) oTi fi l(n-f TOffc xarä rov^i rj ovx ^ortv. 

4) A. a. O. 90, b, 28 ff. vgl. c. 7. 92, b, 12. 
6) A. a. O. c. 7. 92, b, 4. 

6) S. o. S. 207. 

7) Anal. post. II, 4. Znr Erläuterung dient hier die Definition der See] 
als einer sich selbst bewegenden Zahl. Wollte man diese mittelst d< 
Schlusses begründen: „alles was sich selbst Ursache des Lebens ist, das i 



[181] Definition. 253 

dne Worterklänmg, aber keine Begri^Gsbestiminung '). Ebenso- 
wenig lässt sich der B^riff mit Plato durch Eintheilung finden, 
da auch diese ihn schon voraussetzt ^). Das gleiche gilt femer 
auch gegen den Versuch % eine Begriffsbestimmung voraus- 
setzongswase anzunehmen und ihre Richtigkeit nachträglich im 
einzdnen nachzuweisen; denn wer verbürgt ims, dass jenes hy- 
pothetiBch angenommene wirklich den Begriff des Gegenstandes 
und nicht blos eine Anzahl einzelner Merkmale ausdrückt^)? 
Wollte man endUch die Ableitung der Definition dem epago- 
gischen Verfahren zuweisen, so wäre zu entgegnen, dass auch auf 
diesem Wege immer nur das Dass, nicht das Was gefimden 
wird^). Lässt sich aber auch die Begriffsbestimmimg weder 
durch Beweis noch durch Induktion gewinnen, so lange jede 
von beiden Verfehrungsarten flir sich allein genommen wird , sa 
hält es Aristoteles doch flir mögUch, durch eine Verbindung 
beider zu ihr zu gelangen. Wenn wir (zunächst durch Erfah- 
rung) von einem Gegenstand wissen, dass ihm gewisse Bestim- 
mungen zukommen, und nun die Ursache derselben oder den 
Mittdbegriff | suchen, durch den sie mit dem betreffenden Sub- 
jekt verknüpft sind , so stellen wir ebendamit das Wesen des 
Gegenstandes durch Beweis fest^); und wenn wir mm diese» 



^ine sich selbst bewegende Zahl, die Seele ist sich selbst Ursache des Lebens 
°< «• w/\ so wäre diess ungenügend, denn aaf diese Art wäre nur bewiesen, 
<^U8 die Seele eine sich selbst bewegende 2^hl ist, aber nicht, dass ihr 
gtnzes Wesen, ihr Begriff, in dieser Bestimmung aufgeht; um diess zu 
2^'geii miisste vielmehr geschlossen werden : der Begriif dessen, was sich 
*«Ib6t Ursache des Lebens ist, besteht darin, eine sich selbst bewegende Zahl 
^ sein, der Begriff der Seele besteht darin, sich selbst Ursache des Leben» 
'•* »ein u. 8. w. 

1) A. a. O. c. 7. 92, b, 5. 26 ff. vgl. c. 10, Anf. I, 1. 71, a, 11. Top. I, 
^ Anf. MeUph. VII, 4. 1030, a, 14. 

2) S. o. S. 230, 3. 

3) Welchen wohl gleichfalls einer der damaligen Philosophen angestellt 
"*tte, wir wissen aber nicht, wer. 

4) A. a. O. c. 6 u. dazu Waitz. 

5) A. a. O. c. 7. 92, a, 37: die Induktion zeigt, dass sich etwas im 
^S^meinen so oder so verhalte, indem sie nachweist, es verhalte sich in 
^^*n einzelnen Fällen so: diess heisst aber doch immer nur ein ort ^arir 
^ ou toTiVj nicht das tC fari beweisen. 

6) A. a. O. c. 8. 9J, a, 14 ff. 



I 



254 Aristoteles. [H 

VerSBthren so lange fortsetzen ^ bis der Gegenstand allseitig l 
stimmt ist^), so erhalten wir seinen B^riff. So wenig dal 
auch der Schluss und Beweis zur Begriffsbestimmung ausreic 
so dient er doch dazu, sie zu finden'), und sie kann insofe 
sogar als ein Beweis des Wesens in anderer Form*bezeichi 
werden ^). Nur bei den Dingen ist dieser Weg imzulässig, dei 
Sein durch keine von ihm selbst verschiedene Ursache vermitt 
ist; ihr Begriff kann nur ab unmittdbar gewiss gefordert oc 
durch Induktion klar gemacht werden^). 

Aus diesen Erörterungen über das Wesen und die I 
dingungen der Begriffsbestimmung ergeben sich nun einige ni< 
unwichtige Regeln ftlr das Verfahren, wodurch sie gewonc 
wird. Da sich das Wesen eines Gegenstandes^) nur geneti» 
durch I Au£seigung seiner Ursachen, bestimmen lässt, so mi 
die Definition die Bestimmungen enthalten, durch welche d 

1) Ich ergänze hier die allza kurzen Andeutungen der aristoteliscl 
Darstellung nach dem, was S. 207, 1 aus Anal. post. II, 13 angeführt wui 

2) Anal. post. II, 8, Schi.: avlloyia/nog fAiv xov tl iar^v ov yfrt 
ovd* dno^ti^iSj ^-qXov fjiivToi Sia auXloyia/nov xal di ano^ef^emg* «( 
ovT* äviv ttnodtCUfog ^^ti yvtovai ro r/ i(nt>v ov lariv aUiov aXXoy o 
l(XT«y ano^tt^is avrov. 

3) A. a. 0. c. 10. 94, a, 11: fcrriv uga oqiafAog elg (aIv Xoyog rov 
ioTiv avanoäiixTog, dg Sk avXkoyiafÄog rov jl iarif nrtoaei diatpigtav 
dnodd^fotg, tgCiog 6k Tijg rov rl lariv dnodei^ftog avfjmfqaafia, woxu 
nähere Erläuterung im vorhergehenden. Dass jedoch Definitionen der letzte 
Art nicht genügen, sagt Arist. De an. II, 2; s. o. 170, 2. 

4) A. a« O. c. 9 : lore öh tdiv fihv heQov ti atriov^ rtSv d*' ovx ^a\ 
warf 6riXov or» xnl rdiv rl lart, rä fjikv Ofdida xal dg^»^ (Idv, a xal i2 
xal %( (ariv vnod-iad^ai ött rj akXov xqonov (pavigd noi^aai. Vgl. i 
Anm. und a. a. O. 94, a, 9: 6 6k rdSv dfiiatov oQifJfiog ^iatg (ml rov 
(ariv dvan66eiXTog. Metaph. IX, 6. 1048, Hi 35: 6^kov 6* inl tdiv xa&ixm 
rj ijiayatyj o ßovkofiid-a Xfyuv, xai ov 6€i navrog Sgov Cv^^^f aXXd . 
10 dvdXoyov avvogav, und oben S. 241. Zur Induktion gehört auch < 
Verfahren, welches De an. I, 1. 402, b, 16 beschrieben wird: ioixt 6* 
fÄOVov ro r/ ^ot» yvtovai /^ifai^or dvai nqog ro ^ewgrjaai rag ah 
Ttov av/jßfßrixoTtov raig oifoiaig . . . dXXd xal dvdnaXiv xd avfjtßißijxi 
avfjtßdXXtrai fx^ya /nfgog ngog t6 tiöivai ro t( (oriVf weil nämlich e 
Definition nur dann richtig ist, wenn sie die sämmtlichen avfißißfixi 
(d. h. die xa<9 * avro avfißißrjxoTat die wesentlichen Eigenschaften s. o. 205, 
des Gegenstandes erklärt. Ueber das unmittelbare Wissen S. 234 ff. 190 

5) Natürlich mit Ausnahme der eben erwähnten a/iiaa^ d. h. dessen, ^ 
durch keine von ihm selbst verschiedene Ursache bedingt ist. 



[183] Definition. 255 

selbe in der Wirklichkeit zu dem gemacht wird, was er ist; sie 
mu88, wie Aristoteles verlangt^ dmx^h das fiühere und bekann- 
tere vermittelt sein, und es darf diess nicht blos ein solches sein, 
was Air uns, sondern ein solches, was an sich fiiiher und be- 
kannter ist; nur dann mag man jenes yorziehen, wenn die Zu- 
hörer dieses zu verstehen nicht im Stande sind, aber dann er- 
hüi man auch keine Begrüüsbestimmung, welche das Wesen 
des G^enstandes in's Licht stellt ^). Es folgt diess übrigens 
schon aus dem Satze, dass die BegrifiGsbestimmung aus der Gat- 
tong und den artbildenden Unterschieden besteht; denn die Gat- 
tung ist firüher imd gewisser, al^ das, was unter ihr begriffen 
^ und die Unterschiede früher, als die Arten, die durch sie 
gebildet werden*). Ebenso aber auch umgekehrt: besteht die 
fi^rifisbestimmung in der Angabe der sämmdichen Vermitt- 
Inngen, durch welche der Gegenstand in seinem Wesen und Da- 
sein bedingt ist, so wird sie die Gattung und die Unterschiede 
^xithalten müssen, da ja diese nichts •anderes sind, als der wissen- 
^ohaftliche Ausdruck fiir die Ursachen, welche in ihrem Zu- 
fifitmmentreffen den Gegenstand hervorbringen*). Diese selbst 
^-iDcr stehen zu einander in einem bestimmten Verhältniss der 
trüber- und Unterordnung: die Gattung wird zuerst durch das 
von den unterscheidenden Merkmalen näher bestimmt, der 
gebildete Artbegriff dann weiter durch das zweite und. so 
ft>Tt; und es ist ebendesshalb nicht gleichgültig, in welcher Auf- 
^uuinderfolge die einzelnen Merkmale in der Definition anein- 
^lüdergereiht werden*). Es handelt sich demnach bei einer Be- 
S^nffsbestimmung nicht allein um die Aufzählung der wesent- 
liohen Merkmale *), sondern auch um die Vollständigkeit *) | und 



1) Top. VI, 4 vgl. 8. 197, 2. 

2) A. a. O. 141, b, 28 vgl. S. 206, 1. 207, 1* 

3) Diess ergibt sich aus dem S. 170, 2 angeführten, verglichen mit 
^- 206, 1. 213, 2. Wegen dieses Zusammenhangs lässt die Topik VI, 5 f. 
^^mittelbar auf die Bemerkungen über die n^rtQ« xal yvtoQifitortQa Regeln 

*"" ^ie richtige Bestimmung der Definition durch y^vog und ^i^atpoQoi folgen. 

4) Anal, post II, 13. 96, b, 30 vgl. 97, a, 23 ff. 

5) Tii iv r^ r/ (an xuTtjyoQovfieva, al rov yivovg JuitfOQal. Dass 
^^ aolche in der Definition vorkommen können, versteht sich von selbst; 

^^ mach S. 207 ff. Anal. post. II, 13. 96, b, 1 ff. I, 23. 84, a, 13. Top. VI, 6 
^* *- St Waitz zu Kuteg. 2, a, 20. 



256 Aristoteles. [184] 

die richtige Ordnung derselben ^). Hiefiir ab^ ist das beste 
Hülfemittel beim Herabsteigen vom Allgemeinen zum Besondem 
die stetig fortschreitende Eintheilung, beim Aussteigen zum 
Allgemeinen die ihr entsprechende stufenweise Zusammenfassung ^, 
so dass demnach die platonische Methode, welche Aristoteles als 
eine beweiskräftige Ableitung der B^rifisbestimmung allerdings 
nicht gelten lassen konnte, fllr ihre Aufsuchimg doch wieder in 
ihrem Werth anerkannt und noch genauer bestimmt wird'). 

Denken wir uns nun das ganze Gebiet der begrifflichen 
Erkenntniss nach dieser Methode bestimmt und vermessen, so 
würden wir in ähnUcher Weise, wie diess Plato verlangt hatte*), 
ein System von Begriffen erhalten, welches von den obersten 
Gattungen durch die sämmtlichen ZwischengUeder zu den unter- 
sten Arten stetig herabftihrte; und da die wissenschaftliche Ab- 
leitung eben in der Angabe der Ursachen zu bestehen hat, da 
somit jeder weitere Artunterschied eine weiter hinzutretende Ur- 
sache voraussetzt imd jede jsolche einen Artunterschied begrün- 
det, so müsste dieses logische Gebäude der realen Abfolge und 
Verkettung der Ursachen genau entsprechen. Hatte aber schon 
Plato die einheitliche Ableitung alles Erkennbaren, welche ihm 
allerdings als höchstes Ziel vorschwebt, in der Wirklichkeit nicht 
unternommen, | so hält Aristoteles eine solche überhaupt nicht 
ftlr möglich: die obersten Gattungsb^riffe lassen sich ja ihm 



6) Dass nämlich die Zahl der Mittelglieder eine begrenzte sein mnss, ist 
schon S. 234 bemerkt worden. Vgl. auch Anal. post. II, 12. 95, b, 13 ff. 

1) A. a. O. c. 13. 97, a, 23: eis ^^ t6 xaTaaxtvaCciv 8qov diu rtHv 
diaiqiaktov XQitiv 6u atoxnC^o&My jov laßetv t« xairiyoQovfitra Iv tm f 
iarif xal Tavra rcclnc t/ ngiSrov ^ devifQOv, xal oti raOra navra, 

2) Aristoteles fasst beides, ohne schärfer zu trennen, unter dem liegst 
der Eintheilung zusammen; eingebende Regeln dafür ertheilt er Anal. post. ^ 
13. 96, b, 15—97, b, 25. Top. VI, 5. 6. part. anim. I, 2. 3. Das wichtige« 
ist auch ihm, wie Plato (1. Abth. S. 524 f.), dass die Eintheilung Ei^ 
fortschreite, kein Mittelglied überspringe, und das einzutheilende voUstan^^ 
erschöpfe; dass sie endb'ch (was Plato weniger beachtet hatte) nicht 
abgeleiteten oder zufälligen, sondern in den wesentlichen Unterschieden ^^ "- 
bewege. Vgl. vor. Anm. 

3) Die weiteren Regeln, welche namentlich das 6. Buch der Topik ^^ 
hält, indem es die beim Definiren vorkommenden Fehler ausfuhrlich aufz^ ^ 
muss ich hier übergehen. 

4) S. 1. Abth. S. 525. 588. 




[185] Oberste Gattungsbegriffe. 257 

zufolge 80 wenig, als die eigenthümlichen Principien der beson- 
deren G^ebiete aus einem höheren ableiten^), es findet zwischen 
ihnen keine volle Gemeinschaft, sondern nur eine Analogie statt ^), 



1) AnaL post. I, 32. 88, a, 31 ff. n. a. St. s. o. S. 234 ff. Dass namentlich 
die Eategorieen sich weder ans einander, noch aus einer höheren gemein- 
Samen Gattung herleiten lassen, sagt Arist. Metaph. XII, 4. 1070, b, 1 (nagä 
yao Tfjv oiaCav xal xaXka xa xaTtiyoQovfiiva oud-ip iart xoivov). V, 28. 
1024, b, 9 (wo das gleiche auch von Form und Materie). XI, 9. 1065, b, 8. 
Phys. ra, 1. 200, b, 34. De an. I, 5. 410, a, 13. Eth. N. I, 4. 1096, a, 19. 
23 ff.; Tgl. Trendelenbuso Hist. Beitr. I, 149 f. Die Begriffe, welche man 
sm ehesten für höchste Gattungen halten möchte, das Seiende und das Eine, 
sind keine y^iy: Metaph. III, 3. 998, b, 22. VIII, 6. 1045, b, 5. X, 2. 1058, 
b. 21. XI, 1. 1059, b, 27 ff. XU, 4. 1070, b, 7. Eth. N. a. a. O. Anal, post II, 
". 92, b, 14. Top. IV, 1. 121, a, 16. c. 6. 127, a, -26 ff. Vgl. Trbndelen- 
BCBQ a. a. O. 67. Bonitz und Schwboler zu Metaph. III, 3. (Weiteres 
S. 260, 3.) Der Satz, welchen Strümpell Gesch. cf. theor. Phil. d. Gr. 
8. 193 für eine Behauptung des Aristoteles ausgibt, dass schliesslich alles 
nater einem einzigen höchsten Begriff als gemeinsamem Gattungsbegriff ent- 
luilten sei, ist hiernach strenggenommen nicht aristotelisch. 

2) Metaph. V, 6. 1016, b, 31 werden vier Arten der Einheit unterschieden 

(etwas anders lautet die gleichfalls viergliedrige AuMhlung Metaph. X, 1, in 

welcher die Einheit der Analogie nicht vorkommt) : die Einheit der Zahl, der 

^ der Gattung, der Analogie. Jede frühere von diesen Einheiten schliesst 

^i^ folgenden in sich (was der Zahl nach eins ist, ist es auch der Art nach 

^ >. w.), aber nicht umgekehrt; die Eänheit der Analogie kann daher auch 

^Qter solchem stattfinden, was in keine gemeinschaftliche Gattung gehört. 

(^Sl. part. an. I, 5. 645, b, 26: tn ^kv yuQ e/ovai ro xoivov xar* dva- 

^^(av, T« 6k xtna y^vog, rä ßk xai* eldos.) Sie kommt bei allem vor 

^^* fx^i tag allo ngog aXXo, sie besteht in der Gleichheit des Verhältnisses- 

i^o^ori^f X6ymv\ und setzt daher mindestens vier Glieder voraus (Eth. N. V, 

1131, a, 31); ihre Formel. ist: tug xovxo iv Tovrq) ^ ngdg tovto, toJ* iv 

''*>€ fi noog To^e (Metaph. IX, 6. 1048, b, 7 vgl. Poet. 21. 1457, b, 16). 

^^ findet sich nicht blos im Quantitativen als arithmetische und geometrische 

^^th. N. V, 7. 1131, b, 12. 1132, a, 1) Gleichheit, sondern auch im QuaU- 

^fcivcn als Aehnlichkeit (gen. et corr. II, 6. 333, a, 26 ff.), oder als Gleich- 

^it der Wirkung (vgl. part. an. I, 5. 645, b, 9: t6 avteXoyov t^v avrrv 

^o» dvvafAiv, Ebd. I, 4. 644, b, 11. II, 6. 652, a, 3), überhaupt in allen 

**«gorieen (Metaph. XIV, 6. 1093, b, 18); Beispiele geben, ausser den 

^«enangefuhrten Stellen De part. anim., auch Anal. pri. I, 46. 61, b, 22. 

_J*^t. m, 6, Schi, Was sich von keinem anderen mehr ableiten lässt, die 

^^listen Principien, das muss durch Analogie erläutert werden; so z. B. 

,j^ Begriffe der Materie, der Form u. s. w. Metaph. IX, 6 (s. o. 254, 4). 

. 4. 1070, b, 16 ff. Phys. I, 7. 191, a, 7. (Das vorstehende nach Tre^- 

ZelUr. Philoe. d. Gr. IL Bd. 2. Abth. S. Anfl. \1 



258 Ariitoteles. ''"^ , 

und eben desshalb gibt | es nicht blos Eine Wissenschaft, son- 
dern mehrere, weil jeder Gattung des Wirklichen dne ihr eigen- 
thümliche Wissenschaft entspricht^). Wenn daher auch unter 
diesen eine Wissenschaft von den letzten Grtinden (die ,,er8te 
Philosophie") vorkommt, so wird sie doch zum voraus darauf 
verzichten müssen, ihren Inhalt aus einem einzigen Prindp zu 
entwickeln ; jeder weiteren Untersuchung wird vielmehr die Frage 
nach den allgemeinsten Gesichtspunkten, aus denen sich das 
Wirkliche betrachten lässt, den höchsten Gattungsb^riffen, vor- 
angehen mf&ssen. 

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Eategorieenlehre, welche 
im aristotelischen System das eigentliche Bindeglied zwischen der 
Logik und der Metaphysik bildet. 

6. Die Metaphysik. A. Einleitende UntersaehaDiren. 

1. Die Kategorieen^). 

Alle Gegenstände imseres Denkens fallen nach Aristotele» 
unter einen der folgenden zehen Begriffe: Wesenheit, Grösse, 
Beschaffenheit, Beziehung (Substanz, Quantität, Qualität, Rela- 
tion), Wo, Wann, Lage, Haben, Wirken, Leiden'). Dies^ 

DELEHBURO Hist. BeitT. I, 151 ff.) Yon besonderer Bedentang ist die Ans-* 
logie unserem Philosophen für seine natorgeschichtllchen Untersnchangen^ 
8. n. nnd Mbysr Arist. Thierknnde 334 ff. 

1) Anal. post. I, 28, Anf.: fiCa J' imarrifiri iarlv ^ ivog yivovg • . ^ 
higa 6* in&arrj/jrf iarlv higagj oatov al agx^l f*^T* ix rtäv avrw fi'i^^ 
tttqai ix TtSv krfQtiv. Metaph. III, 2. 997, a, 21: nsgl ovv ro avro yt^ti^ 
T« avfAßtßrixora xa&* avrä tilg avrrs [intartifÄrig] itnl ^emg^aai ix xm^ 
aCrav (fofoiy. Ebd. lY, 2. 1003, b, 19: anavrog Sk yirovg xal ufaBfiat^ 
/dia ivog xal inuntjfjuj. Ebd. 1004, a, 3: toaavra fi^Qti tpiloaofpiag imli^ 
8aa$ntg al ovaCai . . . vndqx^^ y^Q (v9ifg yivti l;)royra xo fy xal ro Zv^ 
dio xal al inior^fiai dxokov&rjaovai rovroig. Wie sich damit der Begriff 
der ersten Philosophie rertragt, wird sogleich näher nntersncht werden. 

2) Tbendblbnburo Gesch. d. Kategorieenlehre (Hist Beitr. I. 1S46>9 
S. 1—195. 209—217. Bonitz üb. die Kateg. d. Arist. Aristotel. Stnd. VI S^ 
(inerst Sitsongsber. d. Wiener Akad., Hist.-philol. Kl., 1853, B. X, 591 ff^> 
Pbastl Gesch. d. Log. I, 182 ff. 90 f. Schuppe Die arist. Kategorieei»' 
(Gymn. progr. Gleiwitz 1866.) Brbntako Von der mannigftiehen Bedentaia^ 
des Seienden nach Ar. (1862). 

3) Kateg. c 2 Anf.: rtiSv Xtyofjiivwv rd fikv xarä avfinkoxifv liytTtr^ 
rd <f* ttViv avfATiloxflg, c. 4 Anf. t tcov xaid fjiridffiiav avfmXoxfjfV liy^^ 



:,T.» 



l 



l 



i 



[187] Kategorieen. 259 

obersten | B^riffe oder E^tegorieen ^) bezeichnen für ihn weder 
blo6 sabjektive Denkformen, welche seinem Realismus von Hause 



fttpuv heaarov fjroi' ovaCav OTjfiaivei' rj noaov ij Ttoiov ^ ttqos ti ij nov ^ 
Ttoxk ri xiia9ui rj ^x^iv $ noittv rj Traüxeiv. Top. I, 9 Auf. : fxträ xoCvw 
Tmrta dil dioglaaad-ai ta yivri riov xarriyoQiiiv, iv ols UTrap/oir^iy at 
^HOttt HrraQis [oQoSt y^^os, föiov, av/jßißfixog], lau Sk tavra xov 
a^i&liov dixa, ri Ion, noaov^ noiov, nqog t&, nov, norhy xeta&aiy Ix^iv, 
nouif, naaxii'V. 

]) Aristoteles bedient sich zn ihrer Bezeichnung verschiedener Ans- 

<iiöcke (vgl. Tbendelbnbuso a. a. O. 6 ff* Bonitz a. a. O. 23 ff. Ind. arist. 

378, a, 5 ff.); er nennt sie t« y^vij (sc rov ovrog^ De an. I, 1. 402, a, 22), 

r« Ti^a (Metaph. VII, 9. 1034, b, 7), auch ßiaiq^aug (Top. IV, 1. 120, 

\ S6. 121, a, 6) and nttoacts (Metaph. XIV, 2. 1089, a, 26 vgl. £th. End. I, 

^' 1217, b, 29), Tff xotvä ngtüva (Anal. post. II, 13. 96, b, 20. Metaph. VH, 

9* 1034, b, 9), weit am häufigsten jedoch xarriyoqlai^ xatrjyogiifiaTa, yivrj 

^^ ff/ij/UffTa Tolv xaTfiyoQi4üf' (rrjs xaTtiyoQias), Den letzteren Ausdruck 

^'i^lire ich mit Bonitz (dem auch Luthb Beitr. z. Logik II, 1 ff. zustimmt) 

^i dass xatriyoQia einfach ,^ussage*^ bedeutet, y^vrj oder ax^^artt t. xar* 

^thin: „die Hauptgattungen oder Grundformen der Aussage*', „die ver- 

'^^edene^ Bedeutungen, in welchen von einem Gegenstand gesprochen 

^«rden kann*'; dasselbe besagt das kürzere xarnyogtai („die verschiedenen 

•^^sen des Anssagens*') odef xairjyogiai rov ovjog (Phys. III, 1. 200, b, 28. 

Metaph. IV, 28. 1024, b, 13. IX, 1. 1045, b, 28 XIV, 6. 1093, b, 19 u. ö.); 

^^« letztere, sofern jede Aussage auf ein Seiendes geht. Die Bedeutung: 

'*^Hdikat*', welche xarriyogla sonst oft hat, und welche Brentano (a. a. O. 

' v^ f.) und Schuppe ihm auch hier geben, passt nicht auf die aristotelischen 

^^4egorieen, denn diese bezeichnen die Bedeutungen xöHv xaia firiöffAtav 

^^nioxifv liyofiivtov, während das Prädikat als sfolches nur im Satze vor- 

^^<tiBmt; man braucht daher auch nicht die Frage aufzuwerfen (mit der sich 

^^^DPPE a. a. O. 21 f. mehr als nöthig abmäht), inwiefern die Substanz, 

^^« doch kein Prädikatsbegriff ist (s. u. S. 228 2. Aufl.)> unter die Kate- 

^^^*^ieen gehöre. Zum Prädikat wird ein Begriff dadurch, dass er von etwas 

^^^geaagt wird, und diess kann auch mit Substanzbegriffen geschehen (vgl. 

^^taph. VII, 3. 1029, a, 23: xa /nkv yag alla xijg ovaCag xuxriyogtirtu 

^^^i; (fi xijg vlrjg). In dem Satze z. B.: „dieser Mann ist Sokrates**, ist 

^^^>kiate« Prädikat. Aber ans dieser logischen Funktion, die ein Sub- 

^^Bzbcgriff im Satz übernimmt, folgt nicht, dass er auch ausser diesem 

^^^rhältniaa, seinem Inhalt nach betrachtet, ein auf anderes bezügliches, 

^^^le Eigenschaft, ein avfißeßrjxog bezeichnet. Wenn daher Strüxpell Gesch. 

^« theor. Phil. b. d. Griechen 211 sagt, es handle sich bei den Kategorieen 

^^^^ die Arten der Prädicirung, die Unterschiede in den Verbindungen der 

^^riffe, so kann ich ihm hierin nicht beitreten, so richtig er auch im übrigen 

^«n blos formalen Charakter der Kategorieen erkannt hat. 



) 



260 Aristoteles. [187] 

aus fremd sind, noch überhaupt blos logische Verhältnisse; es 
sind viehnehr die verschiedenen Bestimmungen des Wirklichen, 
welche sie ausdrücken^). Aber nicht alle Bestimmungen des 
Wirklichen sind Eategorieen oder Unterarten derselben, sondern 
nur diejenigen, welche die vei*8chiedenen formalen Gresichtspunkte 
darstellen, unter denen es sich betrachten lässt; es werden da- 
her weder diejenigen Begriffe zu den Eategorieen gerechnet, die 
so allgemein sind, dasä sie von den ^yerschiedenartigsten Dingea 
prädicirt werden können, und je nach der Beziehung, um die 
es sich hiebei handelt, eine yerschiedene Bedeutung erhalten, wie 
die des Seienden und des Einen'), noch auch andererseits die 

1) Metaph. V, 7. 1017, a, 22: xa^* avra J^ elvai Uyerai oaane^ 
arifjialvH ra a^^fiara rrjg xaTrjyoQfag' daa^oig yaq Xiy^rai, roaavrax^^ 
To elvai ar^fiaCvH (vgl. Eth. N. I, 4. 1096, a, 23). Die Kategorieen heisseja 
daher xarriyogiai' tov ovros (s. vor. Anm.), es ist das cv, dessen verschied- 
dene Bedeatungen sie darstellen (Metaph. VI, 2, Anf. IX, 1. 1045, b, ^2. 
De an. I, 5. 410, a, 13: hi Sh nolkaxdSs Uyofifvov tov ovxog, arj^iotp^^i 
yuQ TO fjihf ToSi Ti u. s. w.) vgl. Ind. arist. 378, a, 13 ff. ; die logisch ^=n 
Verhältnisse der Begriffe dagegen, wie Sqos, y^vog, tdiov, avfißißrjxog, SLsimd 
in den Kategorieen nicht ausgedrückt, sondern sie ziehen sich durch sie a-iZUe 
hindurch; anf die Frage nach dem t^ lern z. B. kann je nach UmstanA^n 
eine ovaia, ein noabv u. s. f. genannt werden, Top. I, 9 ; und ebensoweKKig 
gehört der Gegensatz des Wahren und Falschen, welcher sich nicht auf -cKe 
Beschaffenheit der Dinge, sondern auf unser Verhalten zu den Dingen bezi^sht 
(Metaph. VI, 4. 1027, b, 29), zu den Kategorieen. Wirklich macht j» 
auch Arist. Ton den letzteren eine ontologische Anwendung, wenn er Sw ^' 
die verschiedenen Arten der Veränderung daraus ableitet, dais dm^*^ 
die Dinge entweder ihrer Substanz oder ihrer Qualität oder ihrer Quants^ 
oder ihrem Orte nach betreffe; vgl. folg. Anm. 

2) Diese beiden Begriffe, welche xcitci ndvTtov /nakiüTa Uytrai «"^ 
orrwr, sind nach Metaph. III, 3. 998, b, 22 ff. X, 2. 1053, b, 16 ff. V:^3I, 
16. 1045, b, 6 vgl. S. 257, 1 keine y^vri^ sondern Prädikate, die allem möglie^^^^^ 
zukommen. Dass sie keine Gattungen sein können, beweist A. Metaph. III, 3 ^^""^ 
der Bemerkung: eine Gattung könne nie von dem Merkmal prädicirt werc^^ 
das als artbildender Unterschied zu ihr hinzutrete, das Sein und die Eiik.'^^^ 
dagegen müssten jedem Merkmal, welches dem ov und der ova(a beige^^^ 
würde, gleichfalls zukommen. Beide Begriffe werden in verschiedenen ^^' 
deutungen gebraucht: für das Seiende zählt Metaph. V, 7 deren vier, IX^ ^^ 
vgl. XIV, 2. 1089, a, 26 (indem das xutcc avfAßtßrixdg Uyofjtevov ov ^^f' 
gangen wird) drei, darunter auch die x«t« ra axVM"^^"^ ^'^^^ xaTtiyoQt^^r 
derzufolge jeder Kategorie eine bestimmte Art des Seins entspricht, welche 
ebeudesshalb an sich selbst mit keiner einzelnen Kategorie zusammenfällt 



[187. 188] Kategorieen. 261 

bestimmteren Aussagen, welche die konkrete Beschaffenheit eines 
6eg^[istands, seine physikalischen oder ethischen Eigenschaften 
betreffen ^) ; | ebenso werden solche metaphysische Begriffe aus 
ihrer Zahl ausgeschlossen, welche dazu dienen, die konkreten 
Eigenschaften und Vorgänge zu erklären, wie die Begriffe des 
Wirklichen und Möglichen, der Form und des Stoffes, der vier 



kann. Das gleiche gilt von der Einheit: t6 Jiv Iv navjl y^VH (arC ns 
(fioi^y xat ov^evhg rouro y* avro ^ (pvais, ro iv (es giht nichts, dessen 
Wesen in der Einheit als solcher bestände); es kommt ebenfalls in allen 
Kategorieen TOr, fügt aber zn dem Begriff des Gegenstandes, von dem es 
pndicirt wird, kein neues Merkmal hinzu; and Arist. schliesst hieraas, Srt 
Tailro Ofifiaivai ntog to ^v xa\ xo 6v (Metaph. X, 2. 1054, a, 9 ff-), dass 
ro tv xcd TO ov ravTov xal fi(a (pvatg r^ dxoXovd'Stv dlXrikoig . . . dlX^ 
ovx tag iyl loyti) drilovfAiVa (Metaph. IV, 2. 1003, b, 22), dass beide den 
gleichen Umfang haben {avrtOTQiipu XI, 3. 1061, a, 15 f. vgl. VII, 5. 1030, 
\ 10. c. 16. 1040, b, 16). Weiteres aber die Einheit S. 257, 2. Metaph. X, 
^ f. (wo namentlich die Masseinheit besprochen wird) and bei Hertlino 
^ Arist. notione nnius. Berl. 1864; über das ov bei Brentano Von der 
'^'«nnigfachen Bedeatang des Seienden. 

1) Aas diesem Grande wird z. B. der Begriff der Bewegung (oder Ver- 

^derong) nicht anter den Kategorieen aafgeführt; er ist vielmehr nach A. 

^ti physikalischer Begriff, der seine nähere Bestimmung als Sabstanzver- 

^<ldemng, qualitative, quantitative, raumliche Bewegung durch verschiedene 

^tegorieen erhält (Phjs. V, 1, Schi. c. 2, Anf. ebd. 226^ a, 23. III, 1. 200' 

^» 32. gen. et corr. I, 4. 319, b, 31. De coelo IV, 3. 310, a, 23. Metaph. 

^11, 2. 1069, b, 9; weiteres hierüber später); und mag er selbst auch für 

^ch genommen unter die Kategorie des Thuns und Leidens zu stellen sein 

(top. IV, 1. 120, b, 26. Phys. V, 2. 225, b, 13. III, 1. 201, a, 23. De an. III, 

^. 426, a, 2. Tbsndelbnbubg Hist. Beitr. I, 135 ff.), und insofern Metaph. 

Vq, 4. 1029, b, 22 als Beispiel dafür gebraucht werden, dass auch die 

andern Kategorieen, ausser der der Substanz, ihr Substrat haben, so wird 

^ doch dadurch nicht selbst zur Kategorie, und ebenso wenig wäre er es, 

^enn er nach der gewöhnlichen (durch Metaph. V, 13. 1020, a, 26 nicht 

gerechtfertigten) Annahme der späteren Peripatetiker (Sihpl. Categ. 78, J. 

{. 29 Bas.) unter die Kategorie des noaov^ oder wie andere wollten (Simpl. 

%. a. O. 35, (f. § 38), unter das n^g rt gehörte. Wenn daher Ecdbmub 

(Eth. End. 1217, b, 26) die Bewegung an der Stelle des Thuns und Leidens 

unter den Kategorieen nennt, ist diess schwerlich aristotelisch; richtiger 

tagten andere, wie namentlich Thsophrast, sie ziehe sich durch viele 

Kategorieen hindurch (Simpl. a. a. O. 35, <f. § 38. Phys. 94, a, m). Ebenso 

findet sich das Gute innerhalb verschiedener Kategorieen (Eth. N. I, 4. 

1096, a, 19. 23). 



262 Aristoteles. [1S8. 189] 

Ursachen ' ). Die Kategorieen wollen die Dinge nicht ihrer wirk- 
lichen Beschaffenheit nach beschreiben, und auch nicht die hie- 
ftlr erforderlichen allgemeinen Begriffe au&tellen, sie begnügen 
sich vielmehr damit, die verschiedenen Seiten anzugeben, welche 
bei einer solchen Beschreibung in's Auge gefasst werden kta- 
nen: sie sollen ims nach der Absicht ! des Philosophen nicht 
reale Begriffe, sondern nur das Fachwerk geben, in welches alle 
realen Begriffe einzutragen sind, mögen sie nun auf eines dieser 
Fächer beschränkt sein, oder durch mehrere hindurchgehen ^). 



1) Keiner dieser Begriffe wird den Kategorieen beigeiählt pder einer 
derselben untergeordnet, yielmehr wird ausdrücklich da, wo es sich um die 
verschiedenen Bedentangen des Seienden handelt, neben dem Unterschied 
des Wahren und Falschen auch der des Swafin und ivrelix^^ff als ein 
solcher bezeichnet, welcher zu den durch die Kategorieen ausgedruckten 
Unterschieden noch hinsukomme (Metaph. V, 7. 1017, a, 7. 22. 31. 35. VI, 
2, Anf. IX, 10, Auf. c. 1. 1045, b, 32. XIV, 2. 1089, a, 26. De an. I, 1. 
402, a, 22 Tgl. Tbbndblbnbübo a. a. O. 157 ff. Bonitz a. a. O. 19 t, und 
durch die yerschiedenen Kategorieen hindurchgehe (Phys. III, 1. 200, b, 26. 
Metaph. IX, 10 Auf.: ro (fi xtxra Stra/Aiv Mal Mgyiujiv rovresv). Wees- 
halb sie nicht unter die Kategorieen aufgenommen werden konnteOf sagt 
uns Aristoteles nicht; der Grund scheint aber der oben angedeutete zu sein, 
dass diese Begriffe sich nicht wie die der Substanz, Qualit&t u. s. w. Uo» 
auf den formalen Charakter und die formalen Unterschiede dessen besiehen, 
was unter sie föllt,* sondern bestimmte reale Verhältnisse des Seienden be-^ 
zeichnen. 

2} So auch Brandis II, b, 394 ff. Dagegen erklärt Tbbkdblbnbubc^ 
a. a. O. 162 f. das Fehlen des Möglichen und Wirklichen unter den 
rieen daraus, dass diese „abgelöste Priidikate^ seien, jene dagegen 
reales Prädikat" ausdrücken. Mir scheint gerade das umgekehrte der 
zu sein : die Kategorieen sind nicht selbst unmittelbar Prädikate, sondern 
bezeichnen nur den Ort für gewisse Prädikate; dagegen liegen der Unter- 
scheidung des Möglichen und Wirklichen bestimmte reale Anschauungen 
Grrunde, im Einzelnen der Gegensatz zwischen den Tersehiedmien Entwick-^^ 
lungszuständen der Dinge, im Weltganzen der Gegensatz des Körperlicfaei^^ 
und Geistigen, und jene Unterscheidung ist nur der abstrakte, metaphjsiseh^^ 
Ausdruck für dieses Reale. Auch mit Bohitz kann ich aber nicht 
übereinstimmen, wenn er S. 18. 21 sagt, die Bedeutung der Kategorieen 
nur die, den Ueberblick über den Inhalt des eriahrungsmässig Gegebenen zi^^ 
vermitteln, solche Begriffe daher, welche über die Auffassung des erfahrungs^'^ 
massig Gegebenen zu seiner Erklärung hinausgehen, seien davon auage^^ — ' 
schlössen. Denn der Begriff der Bewegung ist ebensogut in der Er&hmn^^ 
gegeben wie der des Wirkens und Leidens, der Begriff der Substanz* ebens«^ 



[189] Kategorieeti. 263 

Von der Vollständigkeit dieses Fachwerks ist Aristoteles über- 
seogt^); wie er aber dazu gekommen ist, gerade | diese und 



zur Elrklämng des Gegebenen gebildet, wie die der Form und des Stoffes, 

des Wirklichen und des Möglichen. Noch viel weniger kann ich aber 

Brshtavo (a. a. O. 82 ff.) einräomen, dass die Kategorieen reale Begriffe 

seien, wenn wenigstens nnter diesem Ausdruck solche Begriffe verstanden 

werden sollen, welche den gemeinsamen Inhalt einer Reihe von Erfahrungen 

beseichnen, wie etwa die Begriffe der Schwere, der Ausdehnung, des Denkens 

u. s. w.; denn gerade diejenigen Kategorieen, von denen die häufigste und 

allgemeinste Anwendung gemacht wird, Substanz, Quantität, Qualität, Re- 

latioii, Wirken und Leiden, bezeichnen blos formale Verhältnisse, und können 

desshalb den verschiedenartigsten Inhalt in sich aufnehmen; und wenn diess 

von andern, dem nov, Trori, xeTaS^ai, nicht ebenso unbedingt gilt, so beweist 

diess nur, dass Arist den Gesichtspunkt, von dem er bei seiner Kategorieen- 

Idire ansgieng, nicht bei allen Kategorieen streng durchzuführen vermochte. 

Mass doch auch Brentano S. 131 f. anerkennen, dass „die Verschiedenheit 

der Kategorieen nicht nothwendig eine reeUe Verschiedenheit sei'^ 

1) Pbaktl Gesch. d. Log. I, 204 fi. bestreitet zwar, dass Arist. eine 

fest bestimmte Zahl von Kategorieen angenommen habe ; es erheUt jedoch 

unter den S. 258, 3 angeführten Aufzählungen und dem S. 266, 3 beige- 

brtchten auch aus vielen anderen Aeusserungen. So soph. el. c. 22, Aof.: 

IxilntQ fyofUv rä yirri rtSv xartfyo^uoVf nämlich eben die zehen Top. I, 9 

i«%esählten, auf welche auch c. 4. 166, b, 14 nach Erwähnung des rl 

(rt^o), notoVf noaov, noMvv^ ndaxov, diax^lfiBvov (eigentlich nur eine 

^ des noutv^ die 6id^€aig s. Kateg. c. 8. 10, a, 35 ff. Metaph. V, 20) 

^t den Worten: juti rdlka S* tug di^gtirm n^rcQov zurückweist. De an. 

^ !• 402, a, 24: nortgov rode ri xal ova(a f noiov ^ noabv ^ xa( rtg 

'^^ TfSv SuitQt^nanv xarriyo^USv, Ebd. c. 5. 410, a, 14: ar^fiaCvu yäq 

'^ f^^Tf TMfs r« to 6h noahfv ^ 7to$6v ^ xaC riva alXriv rtov 6iaiQt&eiauv 

''^Yo^*mP. Anal. pri. I, 37: ro 6* vTtd^x^*'^ roJf t^( . . . toaavraxfog 

^Vttio9 oaax^g «^ xaTtjyogiai' 6$^QTivTai, Metaph. XII, 1. 1069, a, 20: 

^9^w ^ owjlay tha ro notov, elxa t6 noaov. VI, 2. 1026, a, 36: ta 

^Xlfitrra Trjg »crriy^o^ac, olov ro fikv rl, t6 di notov, ro 6k noaov, ro äk 

^^f TO 6k norkf »al il ri aXXo ati/nafvei rov^TQonov rovrov. VII, 4. 1030, 

^ IB: xal ydg ro ri iartv iva fxkv rgonov arifuaivei rtiv ovaCav xal ro 

'^< fi, allov 6k €xaarov rtov xarriyoqovfjiivmVy noadv, notov xal 8aa 

^^ TOiaura. XII, 4. 1070, a, 33 : es fragt sich, noregov higat rj at avral 

*9J[fti xal arotx^ia rmv ovai(ov xal raiv ngog r», xal xad"* ixdanjv 6k ruv 

*^^r^t5v ofioitog. Ebenso wird Metaph. VII, 9. 1034, b, 9. XIV, 2. 1089, 

^ 7> Phjrs. IIL, 1. 200, b, 26, nachdem einige Kategorieen genannt sind, auf 

^ Übrigen, wie auf etwas bekanntes, mit einem einfachen: at aZila» xarr}' 

y^^(mt verwiesen, und Anal. post. I, 22. 83, b, 12. a, 21 die Unmög- 

^^eit einer in's unendliche gehenden Beweisführung damit bewiesen, dass 



264 Aristoteles. [190j 

keine anderen Kategorieen au&ustellen, sagt er uns nirgends ^)y 
und auch an ihnen selbst will sich ein festes Princip ftir ihre 
Ableitung so wenig zeigen % dass wir nur vermuthen können, | 



die Zahl der Kategorieen auf die dort genannten beschränkt sei. Die VoU- 
ständigkeit der Eategorieentafel setzt auch der S. 260, 1 Schi, berührte Beweis, 
dass es nur drei Arten der Bewegung (im engeren Sinn), die qualitative, 
quantitative und räumliche gebe, Fl.j-s. V, 1 f., voraus, indem dieaer auf 
dem Wege der Ausschliessung geführt wird: da die Bewegung in den Kate- 
gorieen der Substanz u. s. f. nicht vorkomme, sagt Arist., so hleihen nur 
jene drei Kategorieen für sie übrig. 

1) Auch in den verlorenen Schriften scheint diess nicht geschehen zu 
sein, sonst würden die alten Ausleger sich darauf berufen, statt dass Simpl. 
Schol. in Ar. 79, a, 44 sagt: oltug ovdafAOv nf^l Tfjg rd^eajg rdav yfviov 
ov&€fi{av aittttv 6 'uiQiaToriirjs dnetprivaro, 

2) Es ist Tbendelbmburo's Verdienst, in seiner Dissertation De Arist 
Categoriis (Berl. 183d) und den Elementa Logices Aristotelicae S. 54 sich 
zuerst um ein solches bemüht zu haben. Dass es ihm jedocli wirklich ge- 
lungen sei, es aufzuzeigen, davon hat mich auch die wiederholte Auseinander- 
setzung Hist. Beitr. I, 23 ff. 194 f. nicht überzeugt, es scheinen mir viel- 
mehr die Bedenken, welche schon Ritter III, 80 und in erschöpfenderer 
Weise Bonitz a. a. 0. 35 ff. gegen seine Ansicht geltend gemacht hat, 
vollkommen berechtigt. Trendelekburo (und nach ihm Biese Phil. d. 
Arist. I, 54 f.) glaubt, der Philosoph lasse sich bei seinem Entwurf der 10 
Geschlechter zunächst von grammatischen Unterschieden leiten: die ovü(a 
entspreche dem Substantiv, das noaov und noiov dem Adjektiv; für das 
TiQos Ti seien Ausdrucks weisen, wie die Kateg. c. 7 angeführten, massgebend; 
das nov und nork werde durch die Adverbien des Orts und der Zeit dar- 
gestellt; die vier letzten Kategorieen finden sich im Verhum wieder, da 
durch das noitTv und 7ida;(€i>v das Aktiv und Passiv, durch das xita^ai eia^ 
Theii der Intransitiven, durch das f^nv die Eigenthümlichkeit des griechi-^ 
sehen Perfekts in einen allgemeinen Begriff gefasst werde. Allein fär*8 
deutet Aristoteles selbst, wie Bonitz S. 41 ff. eingehend zeigt, nirgends »i 
dass er gerade auf diesem Wege zu seinen Kategorieen gekommen sei; 
er vielmehr die Redetheile noch gar nicht in der Art unterscheidet, wel<^^^^ 
nach Trendelenbcro den Unterschieden der Kategorieen entsprechen wi 
da er die Adverbien nicht ausdrücklich hervorhebt, und das Ac^ektiv 
^fjfia mit dem Zeitwort zusammenfasst, überhaupt ausser dem Artikel 
der Conjunktion nur das ovofia und ^ijfia nennt, so ist es nidit 
scheinlich, dass sprachliche Formen, die er als solche gar nicht beachtet 
ihn bei der Scheidung der Begriffsklassen geleitet haben.. Sodann entapreo^^^ 
sich aber auch in der Wirklichkeit beide nicht in dem Masse, wie diess n^^^ 
Trbndblbnbübo*8 Annahme der Fall sein müsste: Quantität und Quali^^*^ 
z. B. lassen sich ebensogut durch Hauptwörter (z. B. Xivxorrig, ^i^fAO^ 



[191] , Kategorieen. 265 

er habe sie empirisch, durch ZusammensteUung der Haupigesichts* 
punkte gefonden, unter denen sich das Gegebene thatsächlich 
betrachten liess. Ein gewisser logischer Fortschritt findet dabei 
immerhin statt: mit dem SubstantieUen, dem Ding, wird an- 
gefiEuigen; hieran reiht sich die Betrachtung der Eigenschaften, 
zuerst (m dem Ttoaov und noiov) derer, welche jedem Dinge 
tor sich, sodann (in dein TtQog ri) derer, welche ihm im Ver- 



Q. A. Eat c. 8. 9, s, 29) nnd Zeitwörter (leXevxüjrat u. s. f.) ausdrücken, 
wie durch Beiwörter, das Wirken und Leiden ebensogut durch Hauptwörter 
(3T^|f;, nad-os n. s. f.), wie durch Zeitwörter, Zeitbestimmungen nicht blos 
dnrch Adverbien, sondern auch durch Adjektive (xd^iCöSt ^evregatos u. dgl.) ; 
sehr viele Hauptwörter bezeichnen keine Substanz (Kat c. 5. 4, a, 14, 21); 
foT die Relation will sich eine entsprechende grammatische Form nicht finden. 
Auf einem anderen Wege sucht Brentano a. a. 0. 148 fF. die aristotelischen 
Kategorieen gegen den Vorwurf zu schützen, dass es ihnen an einer wissen- 
schafdichen Ableitung fehle. Arist., glaubt er, unterscheide hier zunächst 
die Substanz von den Accidentien, unter den letzteren dann wieder absolute 
^d relative, und unter den absoluten 1) Inhärenzen (a. materielle: noaoVy 
b' formelle: noiov)^ 2) Affectionen {noulv und naax^i'V^ eine Zeit lang auch 
*Xiiv\ 3) äusserliche Umstände (nov und noik^ anfangs auch xtlaStti). Allein 
^c Pnge ist ja nicht die, ob es überhaupt möglich ist, die 10 Kategorieen 

• 

^^ irgend eine logische Disposition einzutragen (diess kann man am Ende 

^^ jeder nicht ganz verworren zusammengestellten Reihe, z. B. den Zahlen 

^n 1 — jo^ vornehmen), sondern ob Aristoteles auf dem Weg einer 

'Aschen Deduktion zu ihnen gekommen ist. Und hiegegen spricht zweierlei : 

^'^Uiial, dass Arist. selbst bei der Besprechung der Kategorieen nie auf eine 

'^Iche Deduktion hinweist, und sodann, dass sich keine finden lässt, welcher 

"^ sich ungezwungen fugten. Auch bei der Brentano's ist diess nicht der 

^. Wären die 10 Kategorieen auf diesem Weg entstanden, so müssten 

^^ doch auch in der ihm entsprechenden Ordnung von Arist. aufgezählt 

^<^en. Statt dessen drängt sich das ttqos rt, welches nach Br. die letzte 

^Ue einnehmen mässte, in allen Aufzählungen (s. S. 258, 3. 266, 3) zwischen 

^^ anderen ein, und zwar regelmässig (nur Phys. V, 1 macht eine Aus- 

^Hme) unmittelbar hinter den „Inhärenzen**; und nach ihm kommen gleich- 

^^la nicht, wie sie nach Br. sollten, die „Affectionen**, sondern die „äusser- 

, ^Uen Umstände**. Die Unterscheidung der Inhärenzen und Affectionen 

^^ aber auch an sich selbst nicht aristotelisch. Sofern es sich um eine 

^^^8che Disposition der Kategorieen handelt, schiene mir die S. 272 

^^^ebene näher zu liegen; aber ich glaube nicht, dass Arist. seine Kate- 

^^tieentafel dadurch gewonnen hat, dass er sich vor ihrer Aufstellung dieses 

^^«r irgend ein anderes durch die Kategorieen auszufüllendes Schema aus- 

'^^cklich vergegenwärtigte. 



266 Aristoteles. [191. 192] 

hältniBB zu anderem zukommen; von da wird zu den äusseren 
Bedingungen des sinnlichen Daseins, dem Ort und dem Zeit- 
punkt fortgegangen, und endlich mit den BegrifEsn geschlossen^ 
welche Veränderungen imd die dadurch herbeigeftthrten Zustände 
ausdrücken. Eine Ableitung im strengen Sinn kann man diess 
aber nicht nennen, wie denn auch eine solche, nach aristoteliseben 
Grundsätzen, für die obersten Gattungsbegriffe nicht möglich 
war *). Wirklich bleibt auch die Ordnung der Kategorieen sich 
nicht gleich^); ebenso erscheint ihre Zehnzahl ziemlich willkür- 
lich, und Aristoteles selbst hat diess dadurch anerkannt, dass er 
die Kategorieen des Habens und der Lage in seinen späteren 
Schriften auch an solchen Orten übergeht, wo er, wie es schdnt, 
eine vollständige Aufeählung geben will'). Möglich, dass der 
Vorgang der Pythagoreer*) und die von ihnen auch zu den 
Platonikem | übergegangene^) Liebhaberei ftlr die Zehnzahl ihn 
zuerst veranlasste, für seine Kategorieen nach dieser Bundzahl 
zu suchen; an einen weiteren Zusamm^ihang seiner Ldire mit 
der pythagoreischen^) kann freilich nicht wohl gedacht werden, 

1) S. o. S. 235. 257. 

2) Beispiele im folgenden und S. 263, 1. Am »nfifallendsten ist in dieser 
Besiehnng, dass Eat. c. 7, von der sonst immer eingehaltenen, anch c. 4 
angenommenen Reihenfolge abweichend, das ngos xt dem nowv voraageht. 
Einen genügenden Grund weiss ich nicht dalfir anzugeben, aber gegen die 
Aechtheit der Schrift möchte ich nichts daraus schliessen, da ein Spaterer, 
soUte man meinen, sich eine Abweichung von der hergebrachten Ordnung 
weniger erlaubt haben würde, als Aristoteles selbst zu einer Zeit, wo diese 
noch nicht feststand. 

3) Anal, post I, 22. 83, a, 21: &aji ij h r^ U faxtv [*atnyo^ttm£[ 
^ Ihi notov fj nocov fj ngos ti fj noiovv ^ naa/ov ^ nov tj nork, orm 
tv xa&* Wc xoTf/yo^v^. Ebd. b, 15: rä yivr^ twv xatftyoQWV ntniQtivnu* 
ri yitQ noibv rj noaov rj nQog Ti rj noiovv rj naaj^ov ^ nov fj noti (die 
ovüla^ der diese als avfißtßrixora entgegengestellt weiüen, ist schon vorh 
genannt). Phys. V, 1, Schi.: €t ovv al xatriyoQlai ^t^gtivtat ovaUf. 
noiotrjTi xal i(ß nov xal r^ Tror^ xal r^ n^os ri xal r^ noüfß xal 
noatv ti naax^tVi avdyxri rgeie ilvat xtvi^otig (vgl. S. 263, 1 SchL). Metaph. 
8. 1017, a, 24: rdSv xttif\yoqovfjiivwp ta fjikv rl iari otifiaivH, rä dk 
Ttt <f^ TioabVy rä dk nqog n, tcc dk noiHv rj naax^v, ra dk noVj 
dk noti, 

4) S. Th. I, 325. 

5) S. 1. Abth. 8. 857 f. 

6) Wie ihn Petersen annahm Philos. Chrysipp. fundamenta S. 12. 



[192] Kategorieen. 267 

und nicht viel wahrscheinlicher ist die Vermuthung ^) , dass er 
seine Kat^orieen aus der platonischen Schule entlehnt habe*). 
Selbst dem Umstand, dass diese fast alle in Plato's Schriften 
vorkommen '), dürfen wir desshalb kein zu grosses Gewicht bei- 
legen, weil sie bei diesem eben nur gelegentUch gebraucht wer- 
den, ohne dass der Versuch einer vollständigen Au&ählung der 
sämmtUcben Kat^orieen gemacht würde. 

Unter den einzelnen Kat^orieen.ist weit die wichtigste die 
der Substanz, von welcher demnächst ausführlicher zu sprechen 
sein wird. Die Substanz im strengen Sinn (s. u.) ist Einzel- 
sabstanz. Was sich in Theile zerlegen lässt, ist ein Quantum^); 



1) BosE Arist libr. ord. 23S ff. 

2) Denn theils fehlt es an jeder Spur der zehen Kategorieen bei den 

Platonikem, während es doch nicht wahrscheinlich ist, dass von einer so 

merkwürdigen Thatsache weder durch die Schriften dieser Männer noch 

durch einen Chrysippns und andere Gelehrte der alexandrinischen Zeit zu 

den spateren Peripatetikern und durch sie zu uns eine Kunde gelangt sein 

sollte; theils häng^ auch die Kategorieenlehre mit den sonstigen Ansichten 

des Aristoteles zu eng zusammen, als dass sie auf einem anderen Boden 

gewachsen sein könnte. Man nehme nur z. B. die Grundbestimmungen über 

die ovata und ihr Verhältniss zu den Eigenschaften, auf der die ganze 

Scheidung der Kategorieen bei Arist. ruht. Platonisch sind diese gewiss 

nicht: gerade das ist ja ein Hauptstreitpunkt des Arist. gegen seinen Lehrer, 

diS8 dieser die Eigenschaftsbegriffe hypostasirt, das noiov zur ovaia gemacht 

hatte. Weit eher konnte man mit Uebbrwbo Logik § 47, S. 100 vermuthen, 

^ritt sei zu seiner Kategorieenlehre durch den Widerspruch gegen die 

Ideenlehrei und naher durch die Erwägung gefuhrt worden, dass die Ideen 

^e Dinge nur unter der Form der Substantialität darstellen, während sie 

iD der Wirklichkeit verschiedene Existenzformen zeigen. Da aber diese Er- 

^^QQg die Unterscheidung der Substanz von den Eigenschaften u. s. f. 

Khon voraussetzt, möchte ich auch auf diesen Zusammenhang kein grosses 

^^cht legen. 

3) M. s. darüber Trendblbkbcro Hist. Beitr. I, 205 ff. Bomitz a. a. O. 
^- Pbamtl Gesch. d. Log. I, 73 f., und unsere 1. Abth. S. 589. 
^ 4) Metaph. V, 13, Anf. : noaov IfyiToi t6 diaiQixov etg IvvnaQ/ovray 
^^JtttTfQov rj IxaOTov ?y ti xal rode r« niffvxev eJvai. Die ivunag^^ovra 
"^^ aber die Bestandtheile im Unterschied von den Momenten des 
^•Piffg. So wird z. B. Metaph. III, 1. 995, b, 27. c. 3, Auf. gefragt, ob 
^ yivil oder die IvvnaQj^ovra oberste Principien seien ; ebd. VII, 1 7, Schi. 
*^ das tno^x^iov als das definirt, «/,* o diMQeTrat (sc. rl) ivunaQ^ov 
^^^') fug {llijy. AehnUch Vni, 2. 1043, a, 19. Vgl. gen. an. I, 21. 729, b, 3: 
*? hvnu^]^oy xal uoqiov 8v evd-vs rov ytvo^ivov aiofiaxos fiiyvvfjitvov 



268 Aristoteles. [193] 

sind diese Theile | getrennt, so ist das Quantum ein diskretes, 
eine Menge, sind sie zusammenhängend, so ist es ein stetiges, 
eine Grösse ^) ; sind sie in einer bestimmten Lage (S-eaig)^ so ist 
die Grösse eine räumliche, sind sie nur in einer Ordnung (zd^ig)^ 
ohne Lage, so ist sie eine xmräumliche ^). Das Ungetheilte oder 
die Einheit, mittelst deren die Grösse erkannt wird, ist das Mass 
derselben, und eben diess ist das unterscheidende Merkmal der 
Grösse, dass sie messbar ist, und ein Mass hat'). Wie die 
Quantität dem substantiell theilbaren Ganzen zukommt, so drückt 
die Qualität die Unterschiede aus, durch welche das b^ri£Fliche 
Ganze getheilt wird; denn unter der Qualität im engeren Sinn^) 
versteht Aristoteles nichts anderes, als das unterscheidende Merk- 
mal, die nähere Bestimmung, in welcher ein g^ebenes Allge- 
meines sich besondert; und als die beiden Hauptarten der Qua- 
litäten bezeichnet er diejenigen, welche eine Wesensbestimmimg, 



tJ ilAj. Ebd. c. 18. 724, a, 24: Saa (os i^ vXrjs yfyvea&ai rä yiyvofjieva 
Xfyoßiiv, tx Tivog ivvnuQxovTog . . . iarCv, Kat. c. 2. 1, a, 24. c. 5. 3, a, 32 
u. a. St. (Ind. arist. 257, a, 39 ff.) ^Das 7ro(7oV ist mithin ein solches, was 
aus Theilen besteht, wie ein Körper, nicht ans logischen Elementen, wie ein 
Begriff. Da aber anch die Zahl und die Zeit noaa sind, darf man bei 
diesen Theilen nicht blos an materielle Theile denken, und auch Metaph. V, 
13 ist das rocfe rt nicht von der Einzelsubstanz, sondern allgemeiner von 
allem numerisch bestimmten {aQi&fn^ l'y) zu verstehen. 

1) Metaph. V, 13 (wo auch über das noaov xa&* avro und xata 
avfißeßrjxos)' Kat. 6, Anf. Weiteres über diskrete und stetige Grösse, nach 
Kat. 6. Phys. V, 3. 227, a, 10 ff. Metaph. a. a. 0., bei Trendelbmburo S2 ff. 

2) Kat. c. 6, Anf. ebd. 5, a, 15 ff. Den Gegen'-^cz des Käumlichen und 
Unräumlichen drückt aber Arist. hier nicht allgemein, sondern nnr durch 
Beispiele (dort: Linie, Fläche, Körper, hier: Zeit, Zahl, Wort) ans. 

3) Metaph. X, 1. 1052, b, 15 ff. Kat. c. 6. 4, b, 32. Es ergibt sich diess 
unmittelbar aus der obigen Definition des noaov : was sich in Theile zerlegen 
lässt, das lässt sich auch umgekehrt für die Vorstellung aus Theilen zusam- 
mensetzen und an ihnen messen. -:- Als weitere Merkmale des noaov nennt 
Kat. c. 6. 5, b, 11 ff., dass ihm nichts entgegengesetzt sei, und dass es das, 
was es ist, nicht mehr oder weniger sei, wogegen der Begriff der Gleichheit 
und Ungleichheit ihm eigenthümlich zukomme. 

4) Im weiteren werden theils auch die Gattungsbegriffe (die divn^tu 
ovaiai) notov, genauer jedoch noia ovatu genannt (Kat c. 5. 3, b, 13 vgl 
Metaph. VII, 1. 1089, a, 1), theils die avfißeßrixora mit darunter befasst 
CAnal. post. I, 22. 83, a, 36). 



[194] Kategorieen. 269 

und die, welche eine Bewegung oder Thfttigkeit ausdrücken^). 
Anderswo nennt er vier qualitative Bestimmungen als | die haupt- 
^U^hlichsten *), dieselben lassen sich jedoch unter jene zwei ein- 
ordnen*). Als eigenthümliches Merkmal der Qualität wird der 
Gegensatz des Aehnlichen und Unähnlichen betrachtet *). Uebri- 
gens kommt Aristoteles selbst mit der Abgrenzung dieser Kate- 



1) Kat. c. 8 wird der Begriff der tioiotijs theils nnr sprachlich, theils 
durch Beispiele erläutert; dagegen fasst Metaph. V, 14. 1020, b, 13 eine Auf- 
zahlung der verschiedenen Bedeutungen dieses Ausdrucks dahin zusammen: 
^X^^ov dri xara ^vo TQonovg IfyoiT* av t6 noiov, xal tovtcjv ?v« tov 
»v^ujTttToV ngt^ti fjthv yaQ noicTrjs tj ttjs ovafas ^latpooa . , . t« cT^ 
^«V^ Ttuv xivovfiii'cav tji xivovfisva xal at toSv xtvi^oetov äia(fOQa(, Zu der 
^i^ten lUasse gehören unter anderem auch die qualitativen Unterschiede der 
^hlen, zu der zweiten die agerr] und xaxCa. Ueber die Sia(fOQa S. 206, 1. 
-L>ie Qualität drückt daher eine Formbestimmung aus, denn die diatpoga ist 
^*«i€ solche; Metaph. VIII, 2. 1043, a, 19: ^oix€ yng 6 fih <T*a toJv 
^^-tutpogtiv Xoyog tov et&ovs xal ttjs ivigyfCas tlvai, 6 <T' ix roJy ivvnccQXov- 
'^•**T Tfjg vXrjg fjtaXXov. 

2) Kat. c. 8. Die vier ef<fi} noKJTfjTos^ neben denen aber (10, a, 25) 
^^ch noch andere vorkommen mögen, sind diese: 1) J^^tg und dia&iüig, welche 

^ide sich dadurch unterscheiden, dass die i^^g einen dauernden Znstand, die 
^^&€aig theüs jeden Zustand überhaupt, theils namentlich einen vorü her- 
fallenden ausdrückt (vgl. Metaph. V, 19. 20. Bonitz und Schweglbr z. d. St. 
^^^BNDELENBCBG Hist. Bcitr. I, 95 f. Waitz Arist. Org. I, 303 f.). Beispiele 
^^T e^ig sind die Iniarrjfiai und a^£ra/; der blossen d&a&eaig Gesundheit 
^^d Krankheit. 2) "Oaa xara övvafjii>v (pvaixriv rj aSvvafiiav XiyeTui (frei- 
^^^h von den ?|ck und dia*9iaHg nicht streng zu unterscheiden; s. Tben- 
^^^LEicBCRO a. a. 0. 98 f. Näheres über die dvvaf^ig später). 3) Die leident- 
^^^hen Eigenschaften, na&rjrixal notOTtiTegt auch nad^og im Sinn der nowTtjg 
^^^x&* ^v ttXXoioia&ai ivd^x^Tai, (Metaph. V, 21) genannt, und von den unter 
^^e Kategorie des ndax^iv gehörigen nä^ri durch ihre Dauer unterschieden; 
.riflt. versteht aber darunter nicht blos die Qualitäten, welche durch ein 
ttd-og entstehen, wie weisse oder schwarze Farbe, sondern auch die, welche 
ndd-og oder eine tiXXoCtoaig in unseren Sinnen bewirken (vgl. De an. II, 
^, Anf.). 4) Die Gestalt (a/^/i« xal fioQtffi). 

3) Die zwei ersten nämlich und ein Theil der dritten drücken Thätig- 
leiten und Bewegungen, die übrigen Wesensbestimmungen aus. 

4) Kat. c. 8. 11, a, 15; dagegen kommt (ebd. 10, b, 12. 26) die IvavT^OTrjg 
^nd der Gradunterschied des fjLuXXov xal tjttov nicht allen Qualitäten zu. 
XJebcr den Begriff der Aehnlichkeit vgl. Top. I, 17. Metaph. V, 9. 1018, 
^, 15. X, 3. 1054, u, 3, und unten S. 270, 5. 



270 Aristoteles. [195] 

gorie g^en andere in Verlegenheit ^). Zu dem Relativen *) \ ge- 
hört alles das, dessen eigenthümUches Wesen in einem bestimmten 
Verhalten zu anderem besteht^), und insofern ist das Relative 
diejenige Kategorie, welche die geringste ReaUtät entspricht^); 
im besonderen unterscheidet Aristoteles drei Arten desselben^), 
welche sich aber weiterhin auf zwei zurückfuhren lassen ^. Doch 



1) Einestheils nämlich würtle die Bemerkung a. a. 0. 10, a, 16, dass die 
Begriffe des Lockeren und Dichten, Rauhen und Glatten nicht eine Qualität, 
sondern die Lage der körperlichen Theile (also ein xfiad^m) hezeichnen, 
nach Trendelembcro*8 richtiger Wahrnehmung (a. a. O. 101 f.) noch manches 
treffen, was A. zur Qualität rechnet; andemtheils tritt die Unmöglichkeit 
einer festen Abgrenzung der Kategorieen darin hervor, dass dieselbe Be- 
schaffenheit in ihrem Gattungsbegriff (z. B. iTncftrifitj) zum n^e ri, in ihrem 
Artbegriff (^yQafifxaTtxii) zum notov gehören soll ^Kat. c. 8. 11, a, 20. Top. 
IV, 124, b, 18, wogegen Metaph. V, 15. 1021, b, 3 die laxQixri zum Relativen 
gerechnet wird, weil der Gattungsbegriff ^niaTfifAri ein solches sei). 

2) Dass das Relative Kateg. c. 7 der Qualität vorangeht (s. o. 266, 2), 
widerspricht dem natürlichen Verhältniss beider, wie es nicht blos in aflen 
übrigen Aufzählungen und in der bestimmten Erklärung Metaph. XIV, 1. 108S, 
a, 22, sondern mittelbar auch a. a. O. darin hervortritt, dass das ofio&ov 
und taov, die qualitative und quantitative Gleichheit, 6, b, 21 zum tt^o; ri 
gerechnet werden; vgl. Top. I, 17. Trendblekburo 117. 

3) So Kat c. 7. 8, a, 31 : ^tni rä ttqos ta olg t6 eJvai tavrov ian r^ 
TTQog t( n(og l/f »y» indem die früheren, blos vom sprachlichen 'Ausdruck her- 
genommenen, Bestimmungen am Anfang des Kapitels ausdrücklich für un- 
genügend erklärt werden. Top. VI, 4. 142, a, 26. c. 8. 146, b, 3. 

4) Metaph. a. a. O. : t6 <fi ngos ft navitov (Alex. naatiSv) rjx&<na ipvoig ns 
rj ola(a Twv xatriyoQiwv Itrn, xai vOrfqa rov noiov xal noaov u. s. w. b, 2 : ro 
<f^ nqog Ti> ovte ^wa/nH ovaCn ovte fviQy(f(f. Eth. N. I, 4. 1096, a, 21: 
naqa(f)vaSi yäg tovt* toixt xaX avfAßißrixoxt rov ovjog. 

5) Metaph. V, 15: das ngo? ri kommt vor 1) xar* itgi^fiöv xal aQ^^fiot 
na&rj (und zwar unter verschiedenen näheren Bestimmungen); dahin gehört 
auch das taovt o^oiov, tuvtov, sofern es sich auch bei diesen um ein Ver- 
hältniss zu einer gegebenen Einheit handelt: ravta fihv yaQ ojv fA(a 17 ovata^ 
ofioia S* iv fi noiorrjg fxia, taa ^k (ov ro noaov ^v (diess auch gen. et 
corr. II, 6. 383, a, 29); 2) xarä dvvafxiv noirjTtxrjV xal na&rjrunfv, wie 
das &(QfiavTix6v und das &€QfiavT6v ; 3) in dem Sinn, in welchem etwas 
fjiixqrixov, i/riOTTiTOVy diavorirov heisst. Die zwei ersten Arten auch Phjs. 
III, 1. 200, b, 28. 

6) A. a. 0. 1021, a, 26: Bei den zwei ersten von den angeführten 
Fällen heisst das nqog xi so r^j omq iaxlv aXXov Hyiad-ai^ avxo o iarlP 
(das Doppelte ist ijfi^aiog dmXaotov^ das Erwärmende &eQfiavTov ^i^fiur- 
Xix6v\ bei dem dritten r^ aXlo nqog alxo Xiyta&ai (das Messbare oder 



k 



[195. 196] Eategorieen. 271 

Udbt er sich hierin nicht ganz gleich^), und ebensowenig weiss 
er mancherlei Vermischung mit andern Kategorieen zu vermei- 
den*), oder sichere Merkmale der vorliegenden zu | gewinnen'). 
Die übrigen Eategorieen werden in der Schrift von den Kate- 
gorieen, und wurden wohl auch von Aristoteles selbst so kurz 
bdiandelt, dass auch wir nicht ausfiihrlicher auf sie eingehen 
können *). 

Die wesentliche Bedeutung der Kategorieenlehre Hegt darin, 
dass sie eine Anleitung gibt, um die verschiedenen Bedeutungen 



Denkbare hat sein eigenes Wesen unabhängig davon, dass es gemessen oder 
^ gedieht wird, zn einem Relativen wird es nur dadurch, dass das Messende 
Qiul Denkende zu ihm in Beziehung tritt). Ebenso Metaph. X, 6. 1056, b, 
34. 1057, a, 7. 

1) Eine andere Eintheilung findet sich Top. VI, 4. 125, a, 88 ff. 

2) So wird Kat c. 7. 6, b, 2 die ^|»^, &id&eaig, ata&rimsy iTnarrj^tjy 
^9iq zum TtQOi Ti gezogen, von denen doch die vier ersten zugleich zur 
Qualität, die letzte zur Lage gehören; das noutv und ndax^v sind nach 
Metaph. y, 15. 1020, b, 28. 1021, a, 21 Vcrhältnissbegnffe; die Theile eines 
^*Azen (nijddXiov^ xitpalrj u. dgl.) sollen ein Relatives sein (Kat. c. 7. 6, 

^ 36 flF. vgL jedoch 8, a, 24 ff.); ebenso die Materie (Phys. II, 2. 194, b, 8), 

•'Od warum dann nicht auch die Form? 

3) Die verschiedenen Eigenthümlichkeiten des Relativen, welche Kat. c. 7 

^'^^nnt werden, finden sich alle, wie ebendaselbst bemerkt wird, nur bei 

^^'^em Theil desselben; so die lyavrioTfjs (6, b, 15 vgl. Metaph. X, 6. 1056, 

7 35. c. 7. 1057, a, 87 und dazu Trbndelbnburo 123 f.), das fiäXkov xal 

^''''or, die Eigenschaft, dass die auf einander Bezogenen gleichzeitig sind 

^^^t. 7, b, 15), welche bei dem Relativen der zweiten Klasse (dem iniorri- 

''^^ u. 8. f. s. 270, 6) sich nicht findet. Nur das ist ein allgemeines Merk- 

'^^J alles Relativen, dass ihm ein Correlatbegriff entspricht (to nQog arr»- 

^^i^ifovra liyia&at Kat. 6, b, 27 ff.), was im Grunde mit der zuerst (c. 7, 

'^^^O aufgestellten und auch später (8, a, 33) wiederholten Bestimmung 

immenfallt, ein ngog n sei ooa avtä antq iailv hiQtav dvai liyuai, 
jimgovv akXtog nqog etigoVf nur dass diese minder genau ist. Einzel- 
mzen (n^tat ovaCai) können kein Relatives sein, wohl aber Gattungs- 
riffe ((f€i/r<oat ovoiai) Kat. 8, a, 18 ff. 

4) In dem rasch abbrechenden Schluss der Kategorieen c. 9 (s. o. S. 69) 
^"^"^^Xl nur über das noulv und nuax^tv bemerkt, es sei des Gegensatzes und 

^^ Mehr und Minder fähig, in Betreff der andern Kategorieen wird auf das 
^^liere verwiesen. Ausführlicher bespricht gen. et corr. I, 7 das Thun und 
^^^den, aber im physikalischen Sinn, wesswegen dieser Erörterung später zu 
^^'^'ähaen ist. Das Haben wird Metaph. V, 15. Kat c. 15 (in den Post- 
^^^Mlictmenten) lexikalisch erörtert. 



272 Aristoteles. [196. 191 

der Begriffe und ihnen entsprechend die verschiedenen Bc 
Ziehungen des Wirklichen zu unterscheiden. So wird hier zu 
nächst das Ursprüngliche an jedem Ding, sein unveränderliche 
Wesen oder seine Substanz, von allem Abgeleiteten unterschic 
den^). Innerhalb des letzteren sondern sich dann wieder di 
Eigenschaften, die Thätigkeiten und die äusseren Umstände 
Die Eigenschaften sind theils solche, welche den Dingen an sie 
zukommen, und sie drücken in diesem Fall bald eine quantita 
tive bald eine qualitative Bestimmtheit aus, d. h. sie beziehe] 
sich entweder auf das Substrat, oder auf die Form*); theil 
solche, welche den Dingen nur im Verhältniss zu | anderem zu 
kommen, ein Relatives^). In Betreff der Thätigkeiten ist de 
eingreifendste Gegensatz der des Thuns und Leidens, wog^ei 
die Kategorieen des Habens und der Lage, wie bemerkt*), nu 
eine unsichere Stellung haben, und von Aristoteles selbst spätes 
stillschweigend aufg^eben werden. Bei den äusseren Umstän 
den endlich handelt es sich theils um die räumlichen, theils iin 
die zeitlichen Verhältnisse, um das Wo und das Wann; str^ 
genonmien hätten aber beide freiUch unter die Kategorie de 
Relativen gestellt werden müssen, und vielleicht ist es diese Ve 
wandtschaft, welche den Philosophen bestimmt, sie ihr in <L 
Hegel unmittelbar folgen zu lassen^). Alle Kat^orieen fUhr-« 
aber immer wieder auf die Substanz als ihren Träger zurück 

1) Vgl. Anm. 6. 

2) Das Qnale ist, wie Tbendelenburo S. 103 richtig bemerkt, mit 
Form, das Quantum mit der Materie verwandt; s. o. 267, 4. 268, 3. 269, 1 vgl. 

S. 210, 1. So wird auch die Aehnlichkeit, welche nach Arist in der qis^ 
tativen Gleichheit besteht (270, 1. 5), anderswo als Gleichheit der F^ 
definirt (Metaph. X, 3. 1054, b, 3: ofioia ^k iäv fjiri tuvrä anXtig ovra ^ 
xarä t6 tldog ravTcc 5), Metaph. IV, 5. 1010, a, 23 f. wird noaor "• 
noiov mit noabv und ildog vertauscht, und Metaph. XI, 6. 1063, a, 27 
noibv zur (pvaig djQiafji^vrit das noabv (wie die Materie s. n.) zur ao^it^' 
gerechnet 

3) Alle Verhältnissbegriffe beziehen sich ja auf das Abgeleitete, diel^ ^ 
stanzen sind kein nQog ri, s. o. 271, 3. 

4) S. o. 266, 3. 

5) Dass diess nicht ausnahmslos geschieht, wird ans S. 266, 3 erhel^^ 

6) Anal. post. I, 22. 83, b, 11: navra yaQ ravra (das noihv n. s. ^ 
avfiß^ßrjxc xal xara t(Sv ova&tov xttTtjyoQettai (Ueber das av/ußeßrixoc ^ 
diesem Sinn s. m. S. 205, 1). Aehnlich Z. 19. ebd. a, 25. c. 4. 73, bf • 



I 



[197.198] Kategorieen. 273 

und so wird es zunächst die Untersuchung über die Substanz, 
das Seiende als solches, sein, von welcher die Erforschung des 
Wirklichen auszugehen hat. 

1 Die erste Philosophie als die Wissenschaft des Seienden. 

Wenn die 'Wissenschaft überhaupt die Aufgabe hat, die 
Gründe der Dinge zu erforschen ^), so wird die höchste Wissen- 
schaft die i sein, welche sich auf die letzten und allgemeinsten 
Gründe bezieht : denn sie gewährt das umfassendste Wissen, da 
unter dem allgemeinsten alles andere begriffen ist; dasjenige 
femer, welches am schwersten zu erlangen ist, da die allge- 
meinsten Principien von der sinnlichen Erfehrung am weitesten 
abliegen; das sicherste, weil sie es mit den einfachsten Begriffen 
imd Grundsätzen zu thun hat; das belehrendste, weil sie die 
obersten Grtlnde aufzeigt (alle Belehrung aber ist Angabe der 
Gründe); dasjenige, welches am meisten Selbstzweck ist, weil 
^ sich mit dem höchsten Gegenstande des Wissens beschäftigt; 
das, welches alles andere Wissen beherrscht, weil es die Zwecke, 
denen alles dient, feststellt ^), Soll aber eine Wissenschaft die 



ys. I, 1. 185, a, 31: ov&iv yag rdtv alXtov x^'^giarov iari naqa rijv 

^'^alav' navxa yaq xa&' vnoxHfJiivov rijs ovatag Xfytrai Qwas aber xa&* 

^^^^ottifjiivov ansgesagt wird, ist ein av/aßeßrixog im weiteren Sinn; Anal. 

I^^^t I, 4. 73, b, 8. Metaph. V, 80, Schi. u. a.). c 7. 190, a, 34: xal yicQ 

^»■«iffoy xal nouiv xal ngog Unqov xal nox^ xal nov yfverai vnoxHfx^vov 

'"''■^ Sia t6 fiovriv r^r ovoiav /nrj^evog xar* äkXov Xfyeo&ai vnoxHfiivov 

^«* (f* alXa navra xaxa tijg ovaCag. III, 4. 203, b, 32. Metaph. VII, 1. 

^^ a, 13. Ebd. Z. 32: navtiov ij ovota n^xov xal XCyt^ xa\ yvtjaei 

^^^JCQOvtfi (vgl. das ganze Kap.). c. 4. 1029, b, 23. c. 13. 1038, b, 27. IX, 

^» Auf. XI, 1. 1059, a, 29. XTV, 1. 1088, b, 4: varegov yaQ [tijg ovoiag] 

'•"^«tt^ er/ xarriyogia^, gen. et corr. I, 3. 317, b, 8. Daher steht in allen 

^''^hlnngen die ovaia voran. Vgl. auch unten S. 227 ff. 2. Aufl. 

1) S. o. S. 162 f. Es gehört hieher namentlich Metaph. I, 1, wo mit 
^^^üpfung an die herrschenden Vorstellangen über die Weisheit gezeigt 
^*^ (981, b, 30): 6 fih tfAnnQog rafr bnoiavovv i;r6vT(ov afa^riaiv elvai 
^^^i aoffXOTfQog, 6 ^h tfxvCttig ttav ifji7ii(Q0iv^ x€&qot^vov ^k uQxiTixTioVj 

<^i ^tof^T&xal Twy noirfTpctov /uäXXov. Daher: ot» /Likv ovv ij aoffCa 
^9^ Tivag ahCag xal aqx^S iariv IniOtrifiri^ ^rjXov, 

2) Metaph. I, 2, wo das obige 982, b, 7 dahin zusammengefasst wird: 
^ «brayrciir ovv rtov flqrifiiviov Inl t^v avTTjv fniairi/LiTiv nCnrn x6 ^riiov' 
'***otr ovofia (der ao(pCa) ' <f«r yäg raviriv twv nqtoTfav a^/wj' xal ahuav 
•*^«t ^«»ei?T«fi/y. Vgl. III, 2. 996, b, 8 ff. Eth. N. VI, 7. Metaph. VI, 1. 

Zeller« Fhiloi. d. Gr. IL Bd. 2. Abth. 3. Aafl. . 18 



274 Aristoteles. 

letzten Gründe angeben, so muss sie alles Wirkliche schlec 
umfassen, denn die letzten Gründe sind nur die, welche 
Seiende als solches erklären *). Andere Wissenschaften 
Physik und die Mathematik, mögen sich auf ein besonder« 
biet beschränken, dessen Begriff sie nicht weiter ableiten 
Wissenschaft von den höchsten Gründen muss auf die Gesa 
heit der Dinge eingehen, und sie hat dieselben nicht auf 
liehe Prindpien, sondern auf ihre ewigen Ursachen und in L 
Beziehung auf das Unbewegte und Unkörperliche zurückz 
ren, von dem alle Bewegung und Gestaltung im Körperl 
ausgeht 2). Diese Wissenschaft ist die erste Philosophie, w 



1026, a, 21 : Tr}V rifAKüTuiiiv [iniaTtjjurjv] Set ntQl t6 xtfjumarov 
eJvai, (tl jukv 0V7' d-stuQrjTixal rdSv kXXojv ^niOTti^Civ aiQerdrfQai, a[ 
Ttov &eo)Qr]TixtJV, 

1) Metaph. IV, 1: ^ariv ijuarrifirj rtg rj &i(OQ€t t6 Sv rf oif x 
TOvTtp vnccQXovT tt xaO^^ avro, avTi] cf* iarlv ovSefii^ rdiv fv fi^Qd 
fui^viov Tj avrrj ' ov6(fji(tt yaQ ttiv aXlatv (nioxonu xa&oXov 71€q) tol 
rj üVf ttlXu {jL^Qog avTOv ri, anoxifjiofjifvai neql rovrov &i(oQovai ro 
ßrjxog . . . inf) (T^ rag uqx^S xal rag axQOTarag ah^ag C^TovfieVy dfjJi 
(fva€(6g Tivog avrctg avayxaTov tlvai Xtt&^ uvti^v. . . . Sto xal rjfii 
ovTog y ov tag nqwTag aix(ag Xfjnriov. Vgl. Adid. 2 und S. 162, 2 

2) S. vor. Anm. u. Metaph. VI, 1 : at ct()/a^ xal tu aXna Cviiia 
ovT(ov, Sijlov Jk oTi> y oVTu. Jede Wissenschaft nämlich hat es m 
wissen Principien und Ursachen zu thun. dXXa naaai avrai [ia 
^ad^rifiauxri u. s. w.] ntgl 'iv r* xal yivog ti negiygaipd/nevat niQl t 
TiQayfiaxivovTah dXX* ov/l mqi ovtog änXfog ovdk 9 ov, ovdk 1 
iaxtv ovd-ivtt Xoyov notovvrai' uXX* (x tovtov al fjilv alaS^OH noiri 
avto S^Xovy al cf' vno^eaiv Xaßovaai t6 t( lariv ovrto td xa9-^ 
vnaQXOVTtt T(p yivH ntql o eiaiv dnoduxvvovatv rj dvayxaiorti 
fiaXaxcireQOV. . . . 6fjio(oig dh oi'd' ei ^ariv ^ fjtrj iari t6 yivog n 
nQayfjtarevovrai ovdhv Xfyovoi Sid ro rrig ttvjiig eJvai di>avo(ag ro 
iati SrjXov noielv xal ei Hariv. So die Physik, so die Mathematik, 
hinsichtlich des Bewegten, bei welchem die Form vom Stoff nicht ge 
ist, diese im besten FaU hinsichtlich eines solchen, bei dem von Stoi 
Bewegung abstrahirt wird, das aber nicht als ein stoffloses und unbe^ 
für sich existirt (vgl. S. 179, 1). et Sk U iariv dtSiov xal dxlvifto 
Xto^i'OToVy (favegöv Sri ^'^etJQtiTixijg ro yvfSvai. ov fifyroi (pvaixijg yi 
ovSh ima&7}fiaTixrjg, dXXd ngoT^qag dfAtpotv, Gegenstand dieser Wissen 
sind die xf^giard xal dxivtira, dvdyxri Sk Ttdvxa fxkv rce atTia dtdia 
fidXiara Sk ravta' ravxa ydq afria rotg (paveQolg rwv 9e(tov. In i 
wenn irgendwo, ist das ^eiov zu suchen; mit ihnen steht und fa] 



[199.200] Aufgabe d. ersten Philosophie. 275 

Aristoteles | auch Theologie nennt ^). Die erste Philosophie hat 
somit die Aufgabe, das Wirkliche überhaupt und die letzten 
Gründe desselben zu untersuchen, die als die letzten nothwendig 
auch die allgemeinsten sind, und sich auf alles Wirkliche schlecht- 
hin, nicht blos auf einen Theil desselben, beziehen. 

Gegen die MögUchkeit dieser Wissenschaft liessen sich nun 
frdBch manche Bedenken erheben. Wie kann Eine und die- 
selbe Wissenschaft die verschiedenerlei Ursachen behandeln, die 
überdiess gar nicht bei allem sämmtlich mitwirken? Wie könnte 
andererseits, wenn njan die Ursachen jeder Gattung einer be- 
sonderen Wissenschaft zuweisen wollte, eine von diesen darauf 
Anspruch machen , die oben gesuchte zu sein , deren Eigen- 
schaften sich vielmehr in diesem Fall an jene besonderen Wissen- 
schaften vertheilen würden*)? Soll femer die erste Philosophie 
auch die Grundsätze des wissenschaftlichen Verfahrens in ihren 
Bereich ziehen, und können diese überhaupt einer bestimmten 
WJBsenschaft angehören, da sich alle Wissenschaften ihrer be- 
^enen, und da sich kein bestimmter Gegenstand angeben lässt, 
ärf den sie sich beziehen 3)? | Soll es eine einzige Wissenschaft 
sein, welche sich mit allen Klassen des Wirklichen beschäftigt, 
^er mehrere? Sind es mehrere, so fragt es sich, ob sie alle 
^on derselben Art sind, oder nicht, und welche von ihnen die 
^'^ Philosophie ist; ist es nur Eine, so müsste diese, wie es 
sdiemt, alle Gegenstände des Wissens umfassen, die Mehrheit 
'^«sonderer Wissenschaften wäre aufgehoben*). Soll sich end- 
U<^ diese Wissenschaft nur auf die Substanzen beziehen oder 
^gleich auch auf ihre Eigenschaften? Jenes scheint unzulässig, 
^^ sich dann nicht sagen liesse, welche Wissenschaft es mit 
den Eigenschaften des Seienden zu thun hat; dieses, weil die 



Möglichkeit einer ersten Philosophie: wenn es keine andern als die natür- 
^^hen Substanzen gibt, ist die Physik die erste Wissenschaft; d d' (gtC 
'**■ ova(a dx{pfjT0Sy ai/rrj TtQotiQti xaX ifiloao(f(a nQtüTTj xal xa^Xov ovrag 
^* nqmri' xal mgl rov ovjog J ov Tttvrrjs ttv ifrj &((oQfjaai xal rC iari 



««i 



r V 



ro VTtftQj^ovTa 5 ov. 

1) Metaph. a. a. O. u. a. St. s. o. 179, 1. 

2) Metaph. III, 1. 995, b, 4. c. 2, Anf. 

3) A. a. O. c. 1. 996, b, 6. c. 2. 996, b, 26 vgl. oben S. 234, 1. 237,1.3. 

4) A. a. O. c. 1. 995, b, 10. c. 2. 997, a, 15. 

18* 



276 Aristoteles. [200] 

Substanzen nicht auf dem Wege der Beweisführung ^kannt 
werden, wie die Eigenschaften^). 

Auf diese Fragen antwortet Aristoteles mit der Bemerkung, 
dass nicht blos dasjenige Einer Wissenschaft angehöre, was unter 
den gleichen B^riff Mit, sondern auch das, was sich auf den 
gleichen Gegenstand bezieht^); da nun eben dieses bei dem 
Seienden der Fall sei, da ein Seiendes nur dasjenige genannt 
werde, was entweder selbst Substanz ist, oder sich irgendwie 
auf die Substanz bezieht, da alle jene Begriffe, um die es sich 
handelt, entweder Substantielles bezeichnen, oder Eigenschaften, 
Thätigkeiten und Zustände der Substanz, da sie alle sich am 
Ende auf gewisse einfachste Gegensätze zurückführen lassen, 
das Entgegengesetzte aber unter dieselbe Wissenschaft fidle'), 
so werde es Eine und dieselbe Wissenschaft sein, welche alles 
Seiende als solches zu betrachten habe^). Das Bedenken aber, 
dass diese Wissenschaft den | Inhalt aller andern in sich auf- 



1) C. 1. 995, b, 18. c. 2. 997, a, 25. Zu den avftßeßrixoTa rai^ ovalaig 
werden auch die 995, b, 20 aufgezählten Begriffe des juvrov, tteqovy ofioior- 
ivKvrCov u. 8. f. zu rechnen sein; vgl. lY, 2. 1003, b, 34 ff. 1004, a, 16 ff. 
Die weiteren Aporieen des dritten Buchs, welche nicht blos den Begriff 
der ersten Philosophie, sondern das Materielle ihres Inhalts betreffen, werden 
später angeführt werden. 

2) Metaph. IV, 2. 1003, b, 12: ov yaQ fiovov rdiv xa&* fv Uyofjiipw 
intarrifiTis iarl &€io^aai fnäsy alXa xal Ttov ngos /nCav XeyofÄ^ven' ipvffw. 
Ebd. Z. 19. 1004, a, 24 vgl. Anm. 4 und über den Unterschied von xa»* tv ' 
und TT^o; fr Metaph. VII, 4. 1030, a, 34 ff. 

3) Hierfiber s. m. S. 214, 4. 

4) Metaph. IV, 2: ro dk ov XfytTat ^Iv noXXax^Sy dlXä ttqos fv xal 
fiiav xiva (fvatv (wofür nachher: anav TiQoe fxCay «(>/^y) xa\ oix Ofitm' ^ 
fitog . . . . ra fikv yaq ort ovaCat ovra Xfyeraif tä <f * ot# nd^ ovoiag, rä - 
<f ' Sri odos its ovaiavj ij (f&OQal rj aTeQrjaeig ^ noioTtiresTi noirittxa tj yerrtiruta ^ 
ova(ag, rj ra>r n^og rrjv ovalav Xeyofiivtov, tj roiTtov rivos ano<faom ^ % 
ovaiag' öto xal ro firi ov eJvai fi-^ ov ifUfiiv» Auch die Betrachtang des-^ 
Einen gehört dieser Wissenschaft an, denn das %v und das ^ sind (etKL^- 
1003, b, 22) javTov xal fji(a (fvOig rtp uxoXov^HV, SaniQ aQ^V ^''^ afttor- ^ 
dXX* ovx (og ivl Xoytp ^TiXov/ueva, . . . ^ijXov ovv Sri xal ta orra fuu^BP 
^etoQtjaai y ovra, navTa^ov cT^ xv^Ctog rov nqfotov ^ iniOTrifATi xai i^ ot^^ 
Ta aXXa rJQTrjtai xal d*' o Xiyovra^. sl ovv rovr' iatlv ij ovala^ 
ovaidSv dv diot rag a^/a; xal rag ah(ag ^;jffiv xor (piXoCotpov. . . . «f** 
xal rov ovrog StJa it^ri d-totQtjaai fiiäg iariv ImotfifAfig r^ y^vH xd r 
Mri TtSv elSfov. Weiteres 1004, a, 9 ff. 25. b, 27 ff. 



[201.202] Aufgabe d. ersten Philosophie. 277 

nehmen müsste, hebt sich im Sinne des Aristoteles durch die 
Unterscheiduiig der verschiedenen Bedeutungen des Seienden. 
Wenn es die Philosophie überhaupt mit dem wesenhaften Sein 
zu thun hat, so wird es so viele Theile der Philosophie geben, 
ab es Gattungen des wesentlichen Seins gibt^), und wie sich 
das bestimmte Sein von dem allgemeinen unterscheidet, so unter- 
scheidet sich die erste Philosophie als die allgemeine Wissen- 
schaft von den besondem Wissenschaften: sie betrachtet auch 
das Besondere nicht in seiner Besonderheit, sondern nur als ein 
Seiendes, sie sieht von dem Eigenthtimlichen ab, wodurch es 
sidi Yon anderem unterscheidet, um nur das an ihm in's Auge 
zu fassen, was allem Seienden zukommt *). Noch weniger wird 
unsem Philosophen die Einrede stören dürfen*), dass die Sub- 
stanz selbst in anderer Weise behandelt werden müsste, als das, 
^as ihr abgeleiteterweise zukommt, da ja das gleiche von den 
Grundbegriffen jeder Wissenschaft gilt *). Wird endlich gefragt, 
ob die erste Philosophie auch die allgemeinen Grundsätze des 
^wissenschaftlichen Verfahrens zu erörtern habe, so bejaht Aristo- 
^löB diese Frage unbedenklich, | weil auch diese sich auf das 
Seiende überhaupt, nicht auf eine bestimmte Erlasse desselben 
**^ehen^); und er geht demgemäss sofort auf eine ausftlhrliche 
Untersuchung über den Satz des Widerspruchs und des aus- 
S^echlossenen Dritten ein, deren wir wegen ihrer methodologi- 
schen Bedeutung schon in einem filiheren Abschnitt^) erwähnen 



1) Metaph. IV, 2. 1004, a, 2 u. ö. vgl. S. 179, 1. 

2) Metaph. IV, 2. 1004, a, 9 ff.: Da sich die B^riffe des Einen nnd 
^iden, der Identität, der Verschiedenheit u. s. w. auf EUnen nnd denselben 
^^enstand beziehen, hat sich auch Eine und dieselbe Wissenschaft damit 
^ befassen; 1004, b, 5: inel ovv tov ivbg y Hv xec^ rov ovros if Sv Tttvru 
*<^^' avrd ioji nad^y dlV ov^ y ccQi&fiol rj y^afifial rj TiVQy dijkov tag 
*3e«/n7f '^f ImaxfifArig xal tI lari yrto^Caai x«i t« avjußißrixor* uvrolg. 
^ie die mathematischen nnd die physikalischen Eigenschaften der Dinge ein 
^igenthumliches Gebiet bilden, ovrto xal r^ ovri y ov itni nva fffüx, xal 
"^ttvr* iorl negl tiv rov fp&Xoaofpov iTnax^aO&ai rdlrid-^g. Ebd. 1005, a, 8. 
Leiter erläutert wird diess XI, 3. 1061, a, 28 ff. 

3) Welche in der Metaphysik gar nicht ausdrücklich beantwortet wird. 

4) 8. o. S. 234 ff. 

5) Metaph. IV, 3. 

6) S. 239 f. 



278 Aristoteles. [202 

mussten; Aristoteles selbst fireilich fasst sie zunächst ontologisc^ 
als Aussagen über das Wirkliche, und bespricht sie desshalb h 
der ersten Philosophie. 

3. Die metaphysischen Grundfragen und ihre Behandlung 

bei den früheren Philosophen. 

Für die metaphysische Untersuchung selbst hatten unserei 
Philosophen seine Vorgänger eine Reihe von Aufgaben hintei 
lassen, ftb: die er eine neue Lösung nöthig fand. Die wichtigste 
unter denselben und diejenigen, aus deren Beantwortung di 
Ghrundbegriffe seines Systems zunächst hervorgehen, sind diese 

1) Vor allem fragt es sich, wie wir uns das Wirkliche üb« 
haupt zu denken haben? Gibt es nur KörperUches, wie diec 
die vorsokratische Naturphilosophie im allgemeinen voraussetzte 
oder neben und über demselben ein Unkörperlidies, wie Anaxfi 
goras, die Megariker, Plato annahmen? Sind daher auch di 
letzten Ghiinde nur stofflicher Natur, oder ist vom Stoffe di 
Form als ein eigenthümliches und höheres Prindp zu unta 
scheiden? 

2) Hiemit hängt weiter die Frage nach dem Verhältnis 
des Einzelnen und des Allgemeinen zusammen. Was ist da 
Wesenhafte und ursprünglich Wirkliche: die Einzelwesen od« 
die allgemeinen Begriffe, oder ist vielleicht gar in Wahriieit nv 
Ein allgemeines Sein anzunehmen? Das erste ist die gewöhi 
liehe Vorstellung, wie sie zuletzt noch in dem Nominalismus di 
Antisthenes mit aller Schroffheit hervorgetreten war; das ai 
dere hatte Plato, das dritte Parmenides und nach ihm Euklide 
behauptet. 

3) Wenn uns in der Erfahrung sowohl Einheit als Mannif 
faltigkeit des Seins gegeben sind, wie lassen sich beide zusammei 
denken? Kann das Eine zugleich ein vielfiu^hes sein, eine Mein 
heit von Theilen und Eigenschaften in sich schliessen, das Viel 
zu einer wirklichen Einheit zusammengehen? Auch auf dies 
Frage | lauteten die Antworten sehr verschieden. Parmenidc 
und Zeno hatten die Vereinbarkeit beider Bestimmungen g< 
läugnet, und desshalb die Vielheit fUr eine Täuschung erklär 
derselben Voraussetzung bedienten sich die Sophisten f)ir ihi 



I 



[203] Metaphysische Probleme. 279 



Eristik^), Antisthenes fiir seine Erkenntnisstheorie ^). Die ato- 
mistische und empedokleische Physik beschränkte die Ver- 
knüpfiing des Vielen zur Einheit auf eine äusserliche, mecha- 
nische Zusammensetzung. Die Pythagoreer Hessen in den Zah- 
len, mit bestimmterem wissenschaftUchem Bewusstsein Uess Plato 
in den Begriffen eine Mehrheit unterschiedener Bestimmungen 
ach zu innerer Einheit verbinden, während das gleiche Verhält- 
niss in den sinnlichen Dingen dem letzteren zum Anstoss ge- 
reichte. Und wie über das Zusammensein des Vielen in Einem, 
so lauteten 

4) auch über den Uebergang des Einen in ein anderes, 
über die Veränderung und das Werden, die Ansichten sehr ver- 
schieden. Wie kann das Seiende zum Nichtseienden oder das 
Nichtseiende zum Seienden werden, wie kann etwas entstehen 
oder vergehen, sich bewegen oder verändern? so hatten Par- 
menides und Zeno zweifelnd gefragt, und Megariker und So- 
pUsten hatten nicht gesäumt, ihre Bedenken zu wiederholen. 
Oie gleichen Bedenken bestimmten Empedokles und Anaxa- 
&>TB», Leucipp und Demokrit, das Entstehen und Vergehen auf 
die Verbindung imd Trennung unveränderUcher Stoffe zurück- 
^^lAlhren. Auch Plato hatte ihnen aber noch so viel eingeräumt, 
^^^ er die Veränderung auf das Gebiet der Erscheinung be- 
^^^hränkte, das wahrhaft WirkUche dag^en davon ausnahm. 

Aristoteles fasst alle diese Fragen scharf in's Auge. Auf 

^^ zwei ersten beziehen sich ihrer Mehrzahl nach^) die Apo- 

'^^^ mit denen er sein grosses metaphysisches Werk nach den 

^^^eitenden Erörterungen des ersten Buchs im dritten (B) er- 

^^et Sind die sinnlichen Dinge das einzige wesenhafte Sein, 

l^^cr gibt es neben Urnen noch ein anderes? und ist dieses letz- 

von einerlei Art oder ein mehrfaches, wie die Ideen und 

Mathematische bei | Plato ^)? Gegen die Beschränkung des 

^^ins auf die sinnlichen Dinge sprechen dieselben Gründe, auf 



1) 8. B. I, 985. 987, 2. 

2) S. ]8te Abth. S. 251 f. 

3) Mit Aasoahme der so eben besprochenen, welche die Aufgabe der 
^^^•ten PhiloBophie im allgemeinen betreffen. 

4) Metaph. UI, 2. 997, a, 34 ff. (XI, 1. 1059, a, 38. c. 2. 1060, b, 23.) 
^ 6. VII, 2. 



280 Aristoteles. [204] 

welche schon Plato seine Ideenlehre gebaut hatte : dass das sinn- 
lich Einzelne in seiner Vergänglichkeit und Unbestimmtheit nichl 
G^enstand des Wissens sein kann^), und dass alles Sinnliche 
als vergänglich eine ewige, als bewegt eine unbew^te, als ge- 
formt eine formende Ursache voraussetzt*); aber den platoni- 
schen Annahmen stehen, wie wir sogleich finden werden, die 
mannig&chsten Schwierigkeiten entgegen. Das gleiche Problem 
wiederholt sich in der Frage * j, ob die letzten Gründe der Dinge 
in ihren Gattungen oder in ihren Bestandtheilen zu suchen seien: 
denn diese sind eben der Grund ihrer stofflichen Beschaffenheit 
jene ihrer Formbestimmtheit*). Für beide Annahmen läast sid 
scheinbares anfUhren: einerseits die Analogie des Körperlichen, 
dessen Bestandtheile wir nennen, wenn wir seine Beschaffenheil 
erklären wollen; andererseits die Anforderungen des Wissens, 
das durch Begriffsbestimmung, durch Angabe der Gattungen und 
Arten, gewonnen wird. Auch zwischen diesen erhebt sich aba 
freilich sofort die Streitfrage, ob die obersten Gattungen oder die 
untersten Arten als die eigentlichen Principien zu betrachten sind: 
jene sind das Allgemeine, was alle Einzelwesen um£Busst, wie 
diess ein letztes Princip soll; diese das Bestimmte, aus wel- 
chem sich das Einzelne in seiner Eigenthümlichkeit allein her 
leiten lässt^). Auf den gleichen Erwägungen beruht das Be- 
denken, welches Aristoteles mit Recht besonders hervorhebt*), 



1) Metaph. VII, 15. 1039, b, 27. IV, 5. 1009, a, 36. 1010, a, 3 vgL I, 6 
987, a, 34. XITI, 9. 1086, a, 37. b, 8. 

2) Ebd. III, 4. 999, b, 3 ff. 

3) Metaph. III, 3: noregov 6€i ra yivn aroix^ta xal ^QX^S vnolttfA' 
fldvHv ij fJtäXlov i^ (ov ivvna^x^vTOfv iarlv ^xaarov ngtSrov. (XI, l 
1059, b, 21.) 

4) S. o. 267, 4. 269, 1. 272, 2. 

5) Metaph. a. a. O. 998, b, 14 ff. (XI, 1. 1059, b, 34.) Aas den ver 
scbiedenen und oft etwas verwickelten Wendungen der aristotelischen Dia 
lektik kann ich natürlich hier nnd im weiteren nur die Hauptgründe heraus 
heben. 

6) Metaph. lU, 4, Auf. c. 6, Schi. (vgl. VTI, 13 f.) XUI, 6. XI, 2, Anl 
ebd. 1060, b, 19. In der erstem Stelle wird dies« Aporie die ntttriti 
XakenüitaTri xal dvayxaiotarri &imQ^aai genannt, ähnlich XIII, 10. 1066 
a, 10, und wir werden später finden, dass ihre Wichtigkeit und ihre Schwierig 
keit nicht blos auf dem Gegensatz unseres Philosophen gegen Flato, sond^n 



205J Metaphysische Probleme. 281 

sb Bur die Einzelwesen ein Wirkliches' sind, oder neben | ihnen 
noch das Allgemeine der Gattungen'); jenes, wie es scheint, 
desshalb zu verneinen, weil das Gebiet der Einzelwesen ein un- 
b^renztes, von dem Unbegrenzten aber kein Wissen möglich 
ist, weQ überhaupt alles Wissen auf das Allgemeine geht; dieses 
wegen aller der Einwürfe, von welchen die Behauptung eines 
{tannchbestehenden Allgemeinen, die Ideenlehre, getroffen wird*). 
Eine Anwendung dieser Frage auf den besonderen Fall ist die 
weitere, ob die Begriffe des Einen und des Seienden etwas Sub- 
stantielles oder nur Prädikate eines von ihm selbst verschiedenen 
Subjekts bezeichnen : jenes müsste annehmen, wer überhaupt das 
Allgemeine, namentlich wer die Zahl fiir ein Substantielles hält, 
ftr dieses spricht neben der Analogie aller konkreten Gebiete 
die Bemerkung, dass man das Eine nicht zur Substanz machen 
kann, ohne mit Parmenides die Vielheit als solche zu läugnen ^. 
Ebeadahin gehört es, wenn gefragt wird, ob die Zahlen und 
Rgoren Substanzen seien oder keine, und auch hier sind ent- 
gegengesetzte Antworten mögUch. Denn da die Eigenschaften 
der Körper blosse Prädikate sind , von denen wir die Körper 
wlbrt ab ihr Substrat unterscheiden, diese aber die Fläche, die 
linie, den Punkt und die Einheit als ihre Elemente voraus- 
setzen, so scheinen die letzteren etwas ebenso Substantielles sein 
zu müssen, wie jene; während sie doch andererseits nicht flir 
öeh, sondern nur am Körperlichen ihren Bestand haben, imd 



Auch anf dem inneren Widersprach in den Grundlagen seines eigenen 
Systems bemht. 

1) Dass diese Aporie mit der S. 279, 4 angeführten zusammenfällt, sagt 
^t selbst Metaph. III, 4. 999, b, 1 : ti fih ovv fAfj&^v iari Tiaga xa 
*«** Uaata^ ov9-lv av (ftj vorirov dXlä ndvta ulad-rßa^ und er bringt 
^^halb auch hier die Gründe, welche schon S. 280, 2 erwähnt wurden, 
^ sie nicht vom Begriff des Einzelwesens, sondern von dem des sinn- 
Bchen Wesens hergenommen sind. 

2) Meuph. III, 4. c. 6. 1003, a, 5 vgl. S. 161, 4. Nur ein anderer 
Amdmck für das obige ist die Frage (Ili, 4. 999, b, 24. XI, 2, SchL), ob 
^ ^«^ Mh fv oder UQi&fitp ^v seien: ro yit^ aQ^&fjiqi IV ^ ro xa&ixu' 
••» UyHV Siaif^Qti ov&iv (999, b, 33 vgl. c. 6. 1002, b, 30). 

S) Metaph. III, 4. 1001, a, 3 ff. und darauf zurückweisend X, 2. XI, 1. 
^•^•t b, 27. c 2. 1060, a, 36. 



282 Aristoteles. [206] 

nicht wie Substanzen entstehen und vergehen *). Auf | das Ver- 
hältniss des Einzehien und des Allgemeinen fiihrt femer auch 
die Schwierigkeit zurück, dass die Principien einerseits , wie es 
scheint, ein potentielles sein müssen, weil die Möglichkeit der 
Wirklichkeit vorangeht, andererseits ein aktuelles, weil sonst 
das Sein zu etwas zu&Uigem würde ^); denn das Einzelne exi- 
stirt aktuell, der allgemeine Begriff, sofern er nicht in Einzel- 
wesen Dasein gewonnen hat, nur potentiell. Wird endUch neben 
dem Körperlichen auch UnkörperUches , neben dem Vergäng- 
hohen Unvergängliches zugegeben, so lässt sich die Frage nicht 
umgehen, ob beide die gleichen Gründe haben ^), oder nicht? 
Wird sie bejaht, so scheint es unmögUch, ihren Unterschied zu 
erklären; wird sie verneint, so wäre zu sagen, ob die Ghünde 
des VergängUchen ihrerseits vergängUch oder unvergängUch sind. 
Wenn jenes, so müsste man sie auf andere Principien zurück- 
führen, bei denen sich die Reiche Schwierigkeit wiederholte, 
wenn dieses, so müsste gezeigt werden, wie es kommt, dass aus 
dem Unvergänglichen in dem einen Fall VergängUches, in dem 
andern UnvergängUches hervorgeht^). Das gleiche gilt aber von 
den verschiedenen EJassen des Seienden überhaupt: wie ist es 
mögUch, das, was unter ganz verschiedene Eategorieen fällt, wie 
z. B. Substantielles imd Relatives, auf dieselben Ghründe zurück- 
zuführen *) ? 

Auch die weiteren Fragen jedoch, welche wir oben berührt 
haben, über die Einheit des Mannigfaltigen und die Verände- 
rung, hat sich unser PhUosoph mit aUer Bestimmtheit vorgelegt 
und in den Grundbegriffen seiner Metaphysik ihre Lösung ver- 
sucht. Die Verbindung des MannigfiJtigen zur Einheit beschäf- 
tigt ihn hauptsächhch aus Anlass der Untersuchung, wie die 

1) Ebd. in, 5 (vgl- XI, 2. 1060, b, 12 flF. und zu S. 1002, b, 32 : VIII, 
5, Anf. c. 3. 104.8, b, 15). Weitere Gegengründe gegen jene Annabme werden 
uns in der Kritik der pythagoreischen und platonischen Lehre begegnen. 

2) Ebd. III, 6. 1002, b, 32 vgl Bonitz und Sciiweoleb z. d. St 

3) Wie diess Plato, gerade der aristotelischen Darstellung nach, an- 
nahm; s. Iste Abth. S. 628 f. 805 f. 

4) Metaph. III, 4. 1000, a, 5 ff. (XI, 2. 1060, a, 27). 

5) Ebd. XII, 4. Die Antwort des Arist. (a. a. O. 1070, b, 17) ist: die 
letzten Gründe seien nur der Analogie nach die gleichen für alles. Vgl. 
S. 257, 2. 



[207] Metaphysische Probleme. 283 

Gattung und die unterscheidenden Merkmale im Begriff eins sein 
können % die gleiche | Frage iiesse sich aber überall aufwerfen, 
wo verschiedenartiges verknüpft ist^, imd die Antwort ist nach 
Aristoteles, wie wir finden werden, in allen diesen Fällen im 
wesentlichen die gleiche: sie beruht auf dem Verhältniss des 
Möglichen und des Wirklichen, des Stoffs imd der Form^). 
Noch wichtiger ist jedoch für das aristotelische System das Pro- 
blem des Werdens und der Veränderung. Wird das, was ent- 
steht, aus dem Seienden oder dem Nichtseienden , das was ver- 
geht, zu etwas, oder zu nichts? ist die Veränderung ein Wer- 
den des Entgegengesetzten aus dem Entgegengesetzten oder des 
Selbigen aus dem Selbigen? das eine scheint unmöglich, weil 
nichts aus nichts oder zu nichts werden, oder die Eigenschaften 
seines G^entheils (die Wärme z. B. die der Kälte) annehmen 
kann; das andere umgekehrt, weil nichts zu dem erst werden 
kann, was es schon ist^). Und ähnlich verhält es sich mit der 
verwandten Streitfi'age, ob das Gleichartige oder das Entgegen- 
gesetzte auf einander einwirke *). In allen diesen Fragen treten 

1) Diese Frage, schon Anal. post. 11, 6. 92, a, 29. De interpr. c. 5. 
17, a, 13 aufgeworfen, wird Metaph. VII, 12 ausführlicher erörtert, VIII, 3. 
1043, b, 4 fr. 1044, a, 5 wieder berührt, und VIII, 6 in der angegebenen 
^^V^eise erledigt Vgl. S. JIO, 1. 

2) So in Betreff der Zahlen (Metaph. VIII, 3. 1044, a, 2. c. 6, Anf.) 
^■^«1 des Verhältnisses von Seele und Leib (a. a. O. c. 6. 1045, b. 11. De an. 
^» !• 412, b, 6 ff.); ebenso aber noch in vielen Fällen; vgl. Metaph. Vm, 
^- 1045, b, 12: xairoi 6 avrog Xoyog inl navxfav u. s. w. 

3) Vgl, Phys. I, 2, Schi., wo Lykophron u. a. getadelt werden, dass sie 
'ich dnrch die Folgerung, Eines müsste zugleich Vieles sein, in Verlegenheit 

^^'^gen liessen, wanfQ ovx ivßix^fiivov javrov %v re xal nolla slvai^ firj 
^'^'^uedfievtt cf^' Iot« ya^ rö ?y xal SvvafiH xai fvTtkfx^iq. 

4) Vgl. Phys. I, 6. 189, a, 22. c. 7. 190, b, 30. c. 8, Anf. ebd. 191, b, 
'^ ff. gen. et corr. }, 8, Anf. ebd. 317, b, 20 ff. Metaph. XII, 1, Schi. 

5) M. 8. hierüber gen. et corr. I, 7. Phys. I, 6. 189, a, 22. c. 7. 190, b, 
^' c. 8. 191, a, 84. Diese Frage fällt für Arist. mit der über die Ver- 

J^^erung zusammen, da das Wirkende das Leidende sich ähnlich macht, 

^^* «vttyxri t6 ntia/ov (fg to noiovv fi€TaßdlX(i>v (gen. et corr. I, 7. 324, 

^1 9). Efl gilt daher auch hier, dass einerseits das, was sich nicht entgegen- 

^«setit ist, nicht auf einander wirken kann: ovx l^^crrrjat yag aXXf\Xa Ttjg 

^'^«»«Wff 8att fjLTix" ivavUa fdfJT" ^| ivavHav larl (a. a. O. 823, b, 28); 

^^ererseits aber das blos Entgegengesetzte gleichfalls nicht: vn* aXliilo}v 

y«9 naaxttv xavarrCa advvaTov (Phys. I, 7. 190, b, 83). 



284 Aristoteles. [207. 208] 

Schwierigkeiten zu Tage, welche sich nur durch eine wieder- 
holte Untersuchung der philosophischen Grundb^riffe lösen 
lassen. 

Denn was seine Vorgänger zu ihrer Lösung gethan hatten, 
diess genügt Aristoteles keineswegs 0. Der Mehrzahl der vor- 
sokratischen | Philosophen macht er zunächst schon ihren Ma- 
terialismus zum Vorwurf, der es ihnen unmöglich mache, die 
Gründe de& Unkörperlichen anzugeben ^) ; einen weiteren Mangel 
sieht er darin, dass sie die begrifflichen und die Endursachen 
so gut wie gar nicht berücksichtigt haben'). — An den älteren 
Joniem tadelt er neben den Schwierigkeiten, von denen jede 
einzelne ihrer Annahmen gedrückt wird*), das Uebersehen der 
bewegenden Ursache *) und die Oberflächlichkeit, mit der sie ein 
beliebiges einzelnes Element zum Grundstoff gemacht haben, 
während doch die sinnlichen Eigenschaften und die Verände- 
rungen der Körper durch den Gegensatz der Elemente bedingt 
seien ^). Das gleiche gilt auch von Heraklit, sofern er durch 
Aufstellung eines Grundsto% mit jenen übereinkommt ') ; ebenso- 
wenig ist aber Aristotdes mit den Lehren, welche ihm eigen- 
thümlich sind, vom Fluss aller Dinge und von dem Zusammen- 
sein des Entgegengesetzten , zuineden : die erste , behauptet er, 
sei theils nicht genau genug gefasst, theils übersehe sie, dass 
jede Veränderung ein Substrat voraussetze, dass im Wechsel des 
Stoffs die Form sich erhalte, dass nicht alle Veränderungen ohne 
Unterbrechung fortgehen können, dass man aus der Veränder- 
lichkeit der irdischen Dinge nicht auf die des Weltganzen 



1) M. vgl. znm folgenden Stsümfbll Gesch. d. theor. PhU. d. Gr. 
157—184. Brandis II, b, 2, S. 589 ff. Ich ziehe hier übrigens die aristo- 
telische Kritik der früheren Philosophen nur so weit in Betracht, als sie sich 
auf ihre allgemeinen Grundsätze bezieht. 

2) Metaph. I, 8, Anf. ygl IV, 5. 1009. a, 36. 1010, a, 1. 

3) Metaph. I, 7. 988, a, 84 ff. b, 28. gen. et corr. II, 9. 335, b, 83 ft. 
gen. an. V, 1. 778, b, 7. 

4) Hierüber s. m. De coelo III, 5. Metaph« I, 8. 988, b, 29 ff. 

5) Metaph. I, 8. 988, b, 26. gen. et corr. II, 9. 335, b, 24. 

6) Gen. et corr. II, 1. 329, a, 8. De coelo III, 5. 304. b, 11 vgl. ebd. 
3. 270, a, 14. Phjs. I, 7. 190, a, 13 ff. in, 5. 205, a, 4. 

7) Arist stellt ihn ja gewöhnlich mit Thaies, Anaximenes n. s. w. 
sammen; s. nnsem Th. I, 585, 1. 



[208.209] Kritik seiner Vorgänger. 285 

achUesseii dürfe ') ; aus der zweiten folgert er, dass Heraklit den 
Satz des Widersprachs läugne ^). — Empedokles irrt nicht allein 
in yiden Einzelheiten seiner Naturerklünmg, auf die wir hier 
nicht eingehen, sondern auch in den Grundlagen seines Systems. 
Seine Voraussetzungen tlber die Unwandelbarkeit der Grund- 
stoffe machen die qualitative Veränderung, den | erfahrungs- 
mSasigen Uebergang der Elemente in einander, ihre einheitliche 
Verbindung in den abgelöteten Stoffen, und auch Üas, was er 
selbst behauptet, die quantitative Gleichheit der Elemente und 
ihr Zusammengehen zum Sphairos, unmögUch'); die Elemente 
selbst sind nicht abgeleitet und auf die ursprünglichen Unter- 
ichiede des Stofflichen, welche in diesen bestimmten Stoffen 
(Feuer, Wasser u. s. f.) sich nur unvollständig darstellen^), zu- 
rückgeführt^); der Gegensatz des Schweren und Leichten wird 
nicht erklärt ®) ; flir die Wechselwirkung der Körper in der Lehre 
von d^ Poren und den Ausflüssen eine Erklärung gegeben, die 
folgerichtig zur Atomistik ftlhren müsste^). Die zwei bewegen- 
den Ursachen femer sind weder genügend abgeleitet, noch ist 
ihr Unterschied rein durchgeführt, da die Liebe nicht blos einigt, 
^dem auch trennt, der Hass nicht blos trennt, sondern auch 
^oigt^); und da kein Gesetz ihres Wirkens aufgezeigt ist, so 
'iiQss dem ZuSall in der Welt ein übermässiger Spielraum ge- 
^*88en werden^). Die Annahme wechsehider Weltzustände ist 
^^Ülküriich und unhaltbar ^^); die Zusanunensetzung der Seele 

1) Metaph. IV, 5. 1010, a, 15 ff. Phys. VHI, 3. 253, b, 9 ff. 

2) S. Th. I, 600 f. 483, 1. 

3) Meteph. I, 8. 989, a, 22—30. gen. et corr. II, 1. 329, b, 1. c. 7. 334, 
^ 18. 26. c. 6, Anf. ebd. I, 1. 314, b, 10. 315, a, 3. c. 8. 325, b, 16. Be- 
'^^'^dcrs eingehend wird aber De coelo HI, 7, Anf. die empedokleisch- 
^^cnistiflche ZnrückfÜhmng der dXlo((oaig auf IxxQtais bestritten. 

4) Die Gegensätze des Warmen, Kalten n. s. w., auf welche Arist. seine 
Ton den Elementen gründet 

5) Gen. et corr. I, 8. 325, b, 19. U, 3. 380, b, 21. 

6) De coelo IV, 2. 309, a, 19. 

7) Gen. et corr. I, 8 vgl. Th. I, 695, 3. 

8) S. Th. I, 698, 2. Metaph. in, 8. 986, a, 25. 

9) Gen. et corr. II, 6. 833, b, 2 ff. (vgl. Th. I, 703, 1). Part. an. I, 1. 
^O, a, 19. Phjs. VIU, 1. 252, a, 4. 

10) Phys. Vin, 1. 251, b, 28 ff. De coelo I, 10. 280, a, 11. Metaph. III, 
^ 1000, b, 12. 



286 Aristoteles. [209.210] 

aus den Elementen verwickelt in Schwierigkeiten aller Art^). 
Auch Empedokles endlich muss sich, wie Aristoteles glaubt'), 
zu einem Sensualismus bekennen, der alle Wahrheit unsicher 
machen würde. — . AehnÜch ist über die atomistische Lehre zu 
urtheilen. Diese Ansicht hat allerdings ihre sehr scheinbare Be- 
gründung. Geht man von den eleatischen Voraussetzungen aus 
imd will man doch zugleich die Vielheit und die Bewegung 
retten, so ist die Atomistik der | geeignetste Ausweg; und er- 
wägt man die Unmöglichkeit, dass ein Körper in Wirklichkeit 
schlechthin getheilt sei, so scheint nur übrig zu bleiben, dass 
wir imtheilbare Körperchen als seine letzten Bestandtheile an- 
nehmen^). Allein so wenig Aristoteles jene eleatischen Voraus- 
setzimgen einräumt (s. u.), ebensowenig gibt er auch zu, dass 
die Theilung der Körper jemals vollendet sein könne*), und 
dass die Entstehung der Dinge als eine Zusammensetzung aus 
kleinsten Theilen, ihr Vergehen als eine Auflösung in solche zu 
betrachten sei^). Untheilbare Körper sind vielmehr unmögHch, 
weil sich jede stetige Grösse immer nur in solches theilen llLsst, 
was selbst wieder theilbar ist ^) ; Atome, die qualitativ nicht ver- 
schieden sind und nicht auf einander einwirken, können die 
Eigenschaften und die Wechselwirkung der Körper, den üeb«r- 
gang der Elemente in einander, das Werden und die Verände- 
rung nicht erklären^). Wenn femer die Atome der Zahl und 
Art nach unendlich sein sollen, so ist diess verfehlt, da sich die 
Erscheinungen auch ohne diese Voraussetzung erklären, die 
Unterschiede der Eigenschaften wie die der Gestalt sich auf ge- 
wisse Grundformen zurückftihren lassen, imd da auch die natür- 
lichen Orte und Bewegungen der Elemente der Zahl nach be- 



1) De an. I, 5. 409, b, 23-410, b, 27. Metaph. III, 4. 1000, b, 3. 

2) Metaph. IV, 5. 1009, b, 12 vgl. Th. I, 727, 1. 

3) Gen. et corr. I, 8. 824, b, 35 ff. c 2. 316, a, 13 ff. vgl. Th. I, 764 ff. 

4) Gen. et corr. I, 2- 317, a, 1 ff. Genauer, aber ohne ausdrückliche 
Beziehung auf die Atomistik, äussert sich Arist. über diesen Gegenstand 
Phys. in, 6 f. 

5) Gen. et corr. I, 2. 317, a, 17 ff. 

6) Phys. VI, 1. De coelo III, 4. 303, a, 20. 

7) Gen. et corr. I, 8. 325, b, 34 ff. c. 9. 327, a, 14. De coelo III, 4- 
303, a, 24. Ebd. c. 7. c. 8. 306, a, 22 ff. £s wird hierüber noch später sn 

sprechen sein. 



[210. 211] Kritik seiner Vorgänger. 287 

grenzt sind; eine begrenzte Anzahl von Urwesen ist aber immer 
einer unendlichen vorzuziehen, weil das Begrenzte besser ist, als 
das Grenzenlose^). Die Annahme des leeren Baums ist für die 
Erklärung der Erscheinungen und namentlich der Bewegung, so 
wenig nothwendig^), dass sie vielmehr die eigenthtimliche Be- 
wegung der Körper imd die Unterschiede der Schwere unmög- 
lich machen würde, denn im Leeren hätte keiner einen be- 
stimmten Ort, I dem er zustrebt , imd alles müsste sich darin 
gleich schnell bewegen*). Aber die Bewegung und die ver- 
schiedenen Arten derselben werden von der Atomistik überhaupt 
nur vorausgesetzt, nicht abgeleitet*); die Naturzwecke vollends 
übersieht sie gänzlich: statt die Gründe der Erscheinimgen an- 
zugeben, verweist sie uns auf eine unbegriffene Nothwendigkeit 
oder auf die Thatsache, dass es immer so gewesen sei ^). Wei- 
tere Einwendungen, gegen die unendliche Menge nebeneinander- 
bestehender Welten*^), gegen Demokrit's Erklärung der Sinnes- 
empfindungen ^}, gegen seine Bestimmungen über die Seele®), 
will ich hier nur bertlhren, und ebenso hinsichtlich des Vor- 
wurfs, dass er die sinnliche Erscheinung als solche fUr wahr 
hahe, auf früheres verweisen ®). — Mit der atomistischen und 
empedokleäjschen Physik ist die des Anaxagoras nahe verwandt, 
oJid so treffen sie grossentheils die gleichen Einwürfe, wie jene. 
I^e unendliche Menge seiner Grundstoffe ist nicht allein entbehr- 
**^, da wenige das gleiche leisten, sondern sie ist auch verfehlt, 



1) De coelo UI, 4. 303, a, 17 ff. 29 ff. b, 4; vgl. Phys. I, 4, Schi. VIII, 
^- 259, a, 8. 

2) Phys. IV, 7—9 vgl. c. 6. Näheres hierüber später. 

3) Phys. IV, 8. 214, b, 28 ff. De coelo I, 7. 275, b, 2<*. 277, a, 38 ff. 
^> 13. 294, b. 30. III, 2. 300, b, 8. Ueber Demokrit's Ansichten von der 
^Hwcre s. m. weiter De coelo IV, 2. 6 ; über den Einfluss des aristotelischen 
^^^orfs auf Epikur's Abänderung der atomistischen Lehre Th. III, a, 378. 

4) Metaph. XII, 6. Iu71, b, 31. 

5) S. Th. I, 788 f. und gen. an. V, 8, g. £., wo sich Aristoteles über 
^ mechanische Naturerklärung des Demokrit ganz ähnlich äussert, wie 

^to im Phädo über die des Anaxagoras. 

6) De coelo I, 8. S. Th. I, 797, 2. 

7) De sensu c. 4. 442, a, 29. 

8) De an. I, 3. 406, b, 15 vgl. c. 2. 403, b, 29. 405, a, 8. 

9) Th. I, 822. 



288 Aristoteles. [211. 

denn sie würde jede Erkenntniss der Dinge unmöglich mad 
da femer die Grundunterschiede der Stoffe von begrenzter ! 
sind, müssen es auch die Grundstoffe sein; da alle Körper 
natürliches Mass haben, können ihre Bestandtheile (die sog. 
möomerieen) nicht von beliebiger Grösse oder Kleinheit 
und da alle begrenzt sind, können nicht, wie diess Anaxag 
behauptet und folgerichtig behaupten muss, in jedem Ding T' 
von allen den unendlich vielen Stoffen sein*); wenn endlicli 
Urstoffe in den ein&chsten Körpern zu suchen sind, so köi 
von den Homöomerieen die wenigsten | für Urstoffe gehalten 
den*). Die Veränderung der Dinge, welche Anaxagoras ( 
anerkennt, wird durch die Unveränderlichkeit ihrer Best 
theile, die Continuität der Körper, trotz der Bestreitung 
leeren RaumSr welche unzureichend genug bewiesen ist*), d 
die unendUche Anzahl derselben au%ehoben^); die Unterscl 
der Schwere hat Anaxagoras so wenig, als Empedokles, erklfi 
Die ursprüngliche Mischimg aller Stoffe, so wie er sie dars 
undenkbar^), würde bei richtigerer Fassung dazu flihren, 
eigenschaftslose Materie an die Stelle der unendUch vielen 
Stoffe zu setzen^). Ein Anfang der Bewegung nach endlos 
ger Bewegungslosigkdt des Stofiä, wie Anaxagoras und an 
ihn annehmen, würde der Gesetzmässigkeit der Naturordi 
widerstreiten ^. Selbst die Lehre vom Geist, deren hohen "W 
Aristoteles bereitwillig anerkennt, findet er doch nicht genüg 
theUs weil sie für die Naturerklärung nicht recht fruchtbai 



1) Phys. I, 4. 187, b, 7 ff. De coelo III, 4. Eine weitere Bemerl 
das räumliche Beharren des Unendlichen betreffend, Phys. III, 5. 205, 

2) De coelo III, 4. 302, b, 14. 

3) Phys. IV, 6. 213, a, 22. 

4) Gen. et corr. I, 1. Phys. III, 4. 203, a, 19. Weitere Einwurfe 
wandter Art, welche nur nicht speciell gegen Anaxagoras . gerichtet 
werden uns S. 314 ff. 2. Aufl. begegnen. 

5) De coelo IV, 2. 809, a, 19. 

6) Neben den physikalischen Einwürfen, welche Metaph. I, 8. ge 
corr. I, 10. 327, b, 19 dagegen erhoben werden, behauptet ja A. auch 
dieser Bestimmung und von der entsprechenden, dass fortwährend all« 
allem sei, sie heben den Satz des Widerspruchs auf; s. Th. I, 911. 

7) Metaph. I, 8. 989, a, 30. 

8) Phys. VIII, 1. 252, a, 10 ff. 



[212.213] Kritik seiner Vorgänger. 289 

macht werde, theils weil Anaxagoras im Menschen den Unter- 
schied von Geist und Seele verkenne '). — An den Meaten, 
anter denen er aber Xenophanes und Melissus geringe Bedeu- 
tung beilegt^), tadelt er zunächst schon diess, dass ihre Lehre 
kein Princip zur Erklärung der Erscheinungen enthalte *). Wei- 
ter zeigt er, dass ihre ersten Voraussetzungen an einer bedenk- 
lichen Unklarheit leiden. Sie reden | von der Einheit des Seien- 
den, ohne die verschiedenen Bedeutungen der Einheit und des 
Seins auseinanderzuhalten, und sie legen desshalb dem Seienden 
fligenschaften bei, welche seine unbedingte Einheit wieder auf- 
beben, Parmenides die B^enztheit, Melissus die Unbegrenzt- 
Heit; sie bedenken nicht, dass jede Aussage die Zweiheit des 
Subjekts und des Prädikats, des Dings imd der Eigenschaft, in 
sieh scUiesst, dass wir nicht einmal sagen können: das Seiende 
ist, ohne von dem substantiellen Sein das ihm als Eigenschaft 
kommende Sein zu unterscheiden, welches, wenn es nur Ein 
gibt, nur ein anderes als das Seiende, ein Nichtseiendes 
aein könnte *). Sie behaupten die Einheit des Seins imd laug- 
ten das Nichtsein, während doch das Sein niu-ein allen Einzel- 
dingen gemeinsames Prädikat ist, und das Nichtseiende als Ne- 
gation eines bestimmten Seins (ein Nichtgrosses u. dgl.) sich 
''^ohl denken lässt*). Sie bestreiten die Theilbarkeit des Seien- 
^^^ und beschreiben es doch zugleich als etwas räumlich aus- 
S^ehntes *'')• Sie läugnen das Werden und in Folge dessen die 
Vielheit der Dinge, weil alles entweder aus dem Seienden oder 
^^ dem Nichtseienden werden mlisste, beides aber gleich un- 
'^Öglich sei; sie tibersehen den dritten mögUchen Fall, welcher 



1) S. Th. I, 887, 4. 893, 2. De an. I, 2. 404, b, 1. 405, a, 13. 

2) MeUph. I, 5. 986, b, 26. Phys. I, 2. 185, a, 10. I, 3. Anf., auch De 
'^«lo II, 13. 294, a, 21; dagegen wird Parmenides immer mit Achtung 
****^iidelt 

3) Metaph. I, 5. 986, b, 10 ff. Phys. I, 2. 184, J>, 25. De coelo IH, 1. 
^S» b, 14. gen. et corr. I, 8. 325, a, 17. Vgl. Sext. Math. X, 46. 

4) Diess das wesentliche ans der Terwickelten dialektischen Auseinander- 
^^UBg Phys. I, 2. 185, a, 20 — c. 3, g. E. Zu der zweiten Hälfte dieser 

■'^»^mngcn (c 3) vgl. m. Plato Parm. 142, B f. Soph. 244, B ff. und 
^^"^^re 1. Abth. S. 562 f. 

5) Phys. I, 8. 187, a, 3 vgl. 1. Abth. 563 f. 

6) MetapK in, 4. 1001, b, 7 vgl. Th. I, 541 m. 

ZelltT, Philoi. d. Gr. U. M. 2. Abtb. 8. Aufl. \^ 



290 Aristoteles. [ 

das Werden nicht blos begreiflich macht, sondern au 
wirklichen Hergang allein entspricht, dass zwar nichts i 
schlechthin Nichtseienden, aber alles aus einem beziehui 
NichtSeienden werde ^). Auf ähnlichen Missverständnif 
ruhen Zeno's Einwürfe gegen die Bewegimg: er behan< 
Baum und die Zeit nicht als stetige, sondern als diskrete < 
er folgert aus der Voraussetzimg, dass dieselben aus ^ 
vielen aktuell getrennten Theilen bestehen, während s 
diese Theile nur potentiell in sich enthalten^). Noch 
ringere Beweiskraft | -haben die Gründe des Melissus für 
begrenztheit und Bewegungslosigkeit des Seienden^). \^ 
sich endlich behaupten, dass alles Eins sei, wenn man e 
Unterschiede imter den Dingen aufheben und auch i 
gegengesetzteste für Ein imd dasselbe erklären will*)? Ai 
haben wir daher in der Hauptsache imbewiesene Annahi 
keine Lösimg der wichtigsten Fragen. — Ebensowenig 
solche von den Pythagoreem zu erwarten. Diese Phil 
gehen auf eine Naturwissenschaft aus, aber ihre Principi 
chen die Bewegung und die Veränderung, diese Grundla 
natürlichen Vorgänge, nicht begreiflich *). Sie wollen das 
liehe erklären, indem sie es auf die Zahlen zurückführe: 
wie soll aus den Zahlen das räumlich Ausgedehnte, ai 
was weder schwer noch leicht ist, das Schwere und Leic 
stehen^? wo sollen überhaupt die Eigenschaften der Dil 
stammen^)? Wie kann bei der Bildung der Welt das 



1) Phys. I, 8 vgl. Metaph. XIV, 2. 1089, a, 26 ff. (Das nähere 
2. Aufl.) Dagegen werden gen. et corr. I, 8. 325, a, 13 die Gri 
Eleaten nur mit einer Verweisung auf die entgegenstehenden Er 
thatsachen beantwortet. 

2) Phys. VI, 9. c. 2. 233, a, 21 vgl. Th. I, 545 ff. 

3) Phys. I, 3, Anf. vgl. Th. I, 554, 3. 

4) Phys. I, 2. 185, b, 19 ff. 

5) Metaph. I, 8. 989, b, 29 ff. 

6) Metaph. I, 8. 990, a, 12 ff. III, 4. lOül, b, 17. XIII, 8. 108 
XIV, 3. 1090, a, 30. De coelo III, 1, Schi. 

7) Metaph. XIV, 5. 1092, b, 15. Die Stelle geht auf Piaton 
Pythagoreer gemeinschaftlich. Andere Bemerkungen, welche sich 
auf Plato und seine Schule beziehen, aber die Pythagoreer mit trefl 
gehe ich hier. 



[214.215] Kritik seiner Vorgänger. 291 

körperliche Grösse der Kern gewesen sein, welcher Theile des 

Unbegrenzten an sich zog^)? Wenn femer verschiedene Dinge 

durch Eine und dieselbe Zahl erklärt werden, sollen wir wegen 

der Verschiedenheit des damit bezeichneten verschiedene Erlassen 

von Zahlen unterscheiden, oder w^en der Gleichheit der Be- 

zdchnung die Verschiedenartigkeit der Dinge läugnen*)? Wie 

können allgemeine Begriffe, wie das Eins imd das UnendHche, 

etwas substantielles sein^)? Fragen wir endhch, wie die Py- 

thagoreer ihre Zahlenlehre anwenden, so stossen wir auf grosse 

Oberflächhchkeit und | Willkür ^) \ schon die Zahlen werden nur 

unvollständig abgeleitet^), und in ihrer Physik findet Aristoteles 

mancherlei unhaltbare Vorstellungen zu rügen ^). 

Es sind aber nicht allein die alten Naturphilosophen, deren 
Annahmen Aristoteles bestreitet: auch die jüngeren Lehren be- 
itirfen seiner Ansicht nach einer gründUchen Verbesserung. Hier 
tommt indessen im Grunde nur Eine von den späteren Schulen 
ttx Betracht. Von den Sophisten kann in diesem Zusammen- 
t^ttig kaum die Hede sein. Ihre Kimst gilt dem Aristoteles für 
eine Scheinweisheit, die es mit dem Zufälligen, Wesenlosen und 
Unwirkhchen zu thun haf). Bei ihnen hat er m'cht metaphy- 
siache Sätze zu prüfen, sondern nur die Skepsis, welche alle 
W^ahrheit in Frage stellt, zu bekämpfen, und die Unhaltbarkeit 



1) Metaph. XIII, 6. 1080, b, 16. XIV, 3. 1091, a, 13 vgl. Th. 1,881 f. 
349, 4. 

2) Metaph. I, 8. 990, a, 18 (vgl. Th. I, 362, 1). VII, 11. 1036, b, 17 
^gl. XIV, 6. 1093, a, 1. 10. 

3) In Betreff des Einen nnd des Seienden wird diess (gegen Plato and 
^« Pythagoreer) Metaph. III, 4. 1001, a, 9. 27. vgl. X, 2 ansgeführt, und 
^^bei namentlich bemerkt, dass die Snbstantialität des Einen die Vielheit 
^^ Dinge aufheben würde; über das änUQOV vgL m. Phys. III, 5 und dazu 
^- < 203, a, 1. 

4) Metaph. I, 5. 986, a, 6. 987, a, 19. 

5) 8. hierüber Th. I, 367, 2. 

ß) Wie die Gegenerde (Th, I, 383, 4), die Sphärenharmonie (De coelo 
^^ ^), eine Bestimmung über die Zeit (Phys. IV, 10. 218, a, 38 vgl. Th. I, 
*^» 3 f.), die Vorstellungen über die Seele (De an. I, 2. 404, a, 16. c. 3, 
^^- vgl. Anal. post. H, 11. 94, b, 32). 

T) S. Th. I, 968. 



292 Aristoteles. [215.216] 

ihrer Trugschlüsse au£suzeigen ^). Sokrates' Verdienst um die 
Philosophie wird zwar in keiner Weise geschmälert, aber za- 
gleich seine Beschränkung auf die Ethik hervorgehoben, mit der 
es unmittelbar gegeben war, dass er kein metaphysisdies Prindp 
aufstellte^). Unter den kleineren sokratischen Schulen werden 
nur die Megariker und die Cyniker, jene wegen ihrer Behaup- 
tungen über das MögUche und das Wirkliche'), diese wegen 
ihrer erkenntnisstheoretischen und ethischen Lehren^), berührt. 
I Um so eingehender beschäftigt sich unser Philosoph mit 
Plato und der platonischen Schule. Aus dem platonischen Sy- 
stem ist das seinige zunächst herausgewachsen; mit diesem muss 
er sich vor allem vollständig auseinandersetzen und die Gründe 
darlegen, welche ihn darüber hinausführen. Es ist daher nicht 
Ehi*geiz und Verkleinerungssucht, wenn Aristoteles immer wie- 
der auf die platonische Lehre zurückkommt, und die Mängel 
derselben unermüdUch von allen Seiten her auseinandersetzt! 
diese Kritik seines Lehrers ist fUr ihn unerlässlich, um dem be- 
wunderten Vorgänger und der blühenden akademischen Schule 



gegenüber seine philosophische Eigenthümlichkeit und sein Bechi 
zur Begründung einer eigenen Schule zu vertheidigen*). Näh< 
richtet sich dieselbe, wenn wir auch hier untei^eordnetes 
Seite lassen, auf drei Hauptpunkte : auf die Ideenlehre als solchem» 
auf die spätere, pythagoraisirende Fassung dieser Lehre, un^^^ 
auf die Bestimmungen über die letzten Gründe, das fjins un«».^ 
die Materie^). 

1) Jenes Metaph. IV, 5 vgl. c. 4. 1007, b, 20. X, 1. 1053, a, 35. XI, » 
Anf., dieses in der Schrift über die Trugschlüsse. 

2} M. Tgl. die Stellen, welche Abth. I, 94, 2. 114, 3. angefahrt sin^^^ 
Dass aach die sokratische Ethik einseitig sei, aeigt Arist. Eth. N. n[, 
ins, b, 14 ff. c. 11. 1116, b, 3 ff. 1117, a, 9. VI, 13. 1144, b, 17 ff. 

3) Metaph. IX, 3 (vgl. 1. Abth. 220, 1). Ariat widerlegt hier d-^ - 
megarischen Satz, nur das Mögliche sei wirklich, mit dem Nachweis, dasf 
nicht allein alle Bewegung und Veränderung, sondern auch jeden Besits 
Kunstfertigkeit oder eines Vermögens aufheben würde: wer eben jetst ni< 
hört, wäre taub, wer nicht gerade baut, wäre kein Baukünstler. 

4) lieber die ersteren äussert sich Metaph. V, 29. 1024, b, 32. VUI,....^ ^ 
1043, b, 23 (1. Abth. 252 f.); gegen die Uebertreibungen der cjmisc^^ei 
Sittenlehre erklärt sich Eth. N. X, 1. 1172, a, 27 ff. 

5) Vgl. auch S. 16, 3. 58, 2. 161. 

6) M. vgl. zum folgenden meine Piaton. Studien S. 197 ff. 




[216. 217] Kritik seiner Vorgänger: Plato. 298 

Die platonische Ideenlehre ruht auf der Ueberzeugnng, dass 
nur das allgemeine Wesen der Dinge Gegenstand des Wissens 
sein könne. Diese (Jeberzeugung theilt Aristoteles mit Plato ^). 
Ebensowenig bestreitet er ihm den Satz ron der Wandelbarkeit 
aDer sinnlichen Dinge, welcher den zweiten Grundpfeiler der 
Ideenlehre ausmacht, und die Nothwendigkeit, tlber dieselben zu 
einem Bleibenden und Wesenhaften hinauszugehen ^). Hatte mm 
aber Plato hieraus geschlossen, dass auch nur das Allgemeine 
als solches ein Wirkliches sein könne, und dass es mithin ausser 
d^ Erschemung als etwas substantielles ftlr sich sein müsse, so 
weiss sich Aristotdes diese Bestimmung nicht mehr anzueignen; 
und eben dieses ist der Mittelpunkt, um welchen sich seine ganze 
Bestreitung der platonischen Metaphysik dreht. Jene Voraus- 
setzung entbehrt seiner Meinung nach nicht allein aller wissen- 
schaftlichen B^ründung, sondern sie verwickelt sich auch an sich 
selbst in die unauflöslichsten Schwierigkeiten und Widersprüche, 
und statt die Elrscheinungswelt zu erklären, macht sie dieselbe 
onmögUch. — Die Annahme von | Ideen ist nicht begründet 
Denn unter den platonischen Beweisen ftir dieselbe ist keiner, 
der nicht ron den entscheid^idsten Einwürfen getroffen würde ^); 
Qnd was durch die Ideen erreicht werden soll, das muss auch 
ohne dieselben zu erlangen sein: ihr Inhalt ist ja ganz derselbe, 
Me der der diesseitigen Dinge, im Begriff des Menschen-an-sich 
sind dieselben Merkmale enthalten, wie im Begriff des Menschen 
überhaupt, er unterscheidet sich von diesem nur durch das Wort 
Ansicht). Die Ideen erschien daher unserem Philosophen als 



1) S. o. S. 161 f. 280, 1. 

2) S. o. S. 280, 2. 

3) Man vgl hierüber Metaph. I, 9. 990, b, 8 ff. XIII, 4. 1079, a. 

4) Metaph. III, 2. 997, b, 5: noklax^ <f* ^x^rrtov dvaxollav^ ov&tvog 
^Toy aroTTov ro (pavai fikv dval rivag (fvCds naqa rag iv r^ ovgav^ 
^^vrag 6k rag avräg (pava& rotg aiaSijTOtg nkriv on rä fjtkv atSia tu Sk 
^P^^tt ' avto yaq avd-qtonov ipaa$v klvai xai Unnov xaX vyliutv^ aiko J * 
^^^y, naQanXi^aiov noiovvtig Tolg &iovg fikv ilvai (pdaxovatv dvd^QfO' 
^o^tditg J/' OUT« ydg ixiivo^ ov&kv alXo inolow^ ri dv&Qoinovg aiSlovg^ 
^^' ovtoi, ra Mfi äXX" ^ ata^rd dtSta. Aehnlich Metaph. VU, 16. 1040, 
N 92: noMvaiv ov¥ [tdgl8(ag'\ rag aixdg x^ Mh roig (f-d-agroTgj avwodv' 
^hf^mov xal avTOiTnroVj ngoari&ivTig xolg atad-rixoTg rb ^rjfia x6 avxo. Ebd. 
^ill, 9. 1086, b, 10. Vgl. Eth, N. I, 4. 1096, a, 34. Eud.I,ft. \^\%, «., \^. 



294 Aristoteles. [217.218 

• 

eine ganz überflüssige Verdopplung der Dinge in der Welt, un< 
zur Erklärung der letzteren Ideen vorauszusetzen, kommt ihn 
nicht weniger verkehrt vor, als wenn jemand, der die kleiner 
Zahl nicht zählen kann, es mit der grösseren versuchen wollte *] 
— Aber auch abgesehen von diesem Mangel an B^ründungis 
die Ideenlehre schon an sich selbst unhaltbar; denn die Sub 
stanz — und in diesem Satze ist wieder der ganze Unterschiec 
des aristotelischen und platonischen Standpunkts zusanmien 
gefasst — kann nicht von dem getrennt sein, dessen Substan 
sie ist, der GattungsbegriflF nicht von dem, welchem er als eil 
Theil seines Wesens zukonunt^); will man dieses aber dennod 
annehmen, so geräth man von einer Schwierigkeit in die andere 
Denn während es der Natur der Sache nach nur von dem Sub 
stantiellen Ideen geben könnte, und der platonischen Lehre zu 
folge nur von Naturdingen welche geben soll, müssten sie doch 
wenn das allgemeine Wesen einmal überhaupt vom EinzeJnei 
getrennt gesetzt wird, auch fiir verneinende und Verhältniss 
b^rifFe und für Kimsterzeugnisse | angenommen werden^); ji 
iiuch von den Ideen selbst müssten die meisten andere über siel 
haben, zu denen sie sich als Abbilder verhielten, so dass das 
selbe Urbild und Abbild zugleich wäre*); es müsste ebenso voi 
jedem Ding, da es unter mehrere einander unter- und über 
geordnete Gattungen Mit, mehrfache Ideen geben ^); die allge 
meinen Merkmale, welche zusammen den Begriff bilden, müsster 
gleichfalls besondere Substanzen, und es müsste so eine Idee 
aus mehreren Ideen, eine Substanz aus mehreren, ja auch aui 
entgegengesetzten realen Substanzen zusammengesetzt 8ein^)i 



1) Metaph. I, 9, Anf. XHI, 4. 1078, b, 32. 

2) Metaph. I, 9. 991, b, 1 : So^fuv av a^vvuTov, alvai x^^ ^ 
ova^av xal ov rj ovaCa. XIII, 9. 1085, a, 23. Vgl. VII, 6. 1081, a, 31. 
14. 1039, b, 15. 

8) Metaph. I, 9. 990, b, 11 ff. 22. 991, b, 6. XHI, 4. 1079, a, 19. c. 
1084, a, 27. Anal, post I, 24. 85, b, 18; vgl. 1. Abth. 587, 2. 

4) Metaph. I, 9. 9M, a, 29. XIII, 5. 1079, b, 34. An der ersteren t*«: 
diesen Stellen lese man: oiov t6 yivog^ tug y^vog^ fMwv (sc. naQadfty^^ 

5) Metaph. I, 9. 991, a, 26. 

6) Metaph. VH, 13. 1039, a, 3. c. 14; vgl. c. 8. 1033, b, 19. I, 9. 99i, 
a, 29. XUI, 9. 1085, a, 23. 



[218.219] Kritik seiner Vorgänger: Plato. .295 

Wenn femer die Idee Substanz sein soll, so könnte sie nicht 
zugleich allgemeiner Begriff sein ^) ; sie ist nicht die Einheit der 
vielen" Einzeldinge, sondern ein Einzelding neben den andern«), 
es müssten denn umgekehrt die Dinge, von denen sie prädicirt 
wird, keine Subjekte sein^); es lässt sich daher auch von ihr 
80 wenig, als von einem anderen Einzelwesen, eine Begriffiä- 
bestimmung geben*); wenn die Idee der Zahl nach eins ist, 
wie das Einzelwesen, so muss ihr auch von den entgegengesetzten 
Bestimmungen, durch welche der Gattungsbegriff getheilt wird, 
je dne zukommen, dann kann sie aber nicht selbst die Gattung 
sein ^). Sollen weiter die Ideen das Wesen der Dinge enthalten, 
und doch zugleich unkörperliche, flir sich bestehende Wesen- 
heiten sein, so ist dieses ein Widerspruch; denn theils redet 
f lato, nach der Darstellung des Aristoteles, auch von einer Ma- 
terie der Ideen, was sich damit nicht vereinigen lässt, dass sie 
ausser dem Räume sein sollen ^), theils gehört bei allen | Natur- 
S^nständen die Materie und das Werden mit zu ihrem Wesen 
^d Begriff, dieser kann daher nicht getrennt von demselben für 
^ch sein ') ; auch die ethischen Begriffe lassen sich jedoch nicht 
^hlechthin von ihren Gegenständen trennen: es kann keine für 
*icih bestehende Idee des Guten geben, denn der B^riff des 
^uten kommt in allen mögUchen Kategorieen vor, und bestimmt 
®i^h je nach den verschiedenen Fällen verschieden; wie sich da- 
^^f verschiedene Wissenschaften mit dem Guten beschäftigen, 
*^ gibt es auch verschiedene Güter, und unter diesen selbst 
findet eine Stufenfolge statt, die an sich schon ein fiir sich exi- 
^^i^endes Gemeinsames ausschHesst ®). Dazu kommt, dass die 

1) Metaph. XIII, 9. 1086, a, 32. VII, 16. 1040, a, 26 ff. vgl. IH, 6. 
1003, a, 5. 

2) Metaph. I, 9. 992, b, 9. XIII, 9 a. a. O. 

3) Metaph. VII, 6. 1031, b, 15; vgl. Bonitz und Schweoleb z. d. St. 
^nd was S. 205, 2 aus Kateg. c. 2 angeführt wurde. 

4) Metaph. VII, 15. 1040, a, 8—27. 

5) Top. VI, 6. 143, b, 23: Die Länge an sich müsBte entweder dnXaThs 
^^er nldros ^or, die Gattung also zugleich eine Art sein. 

6) Phys. IV, 1. 209, b, 88 ; vgl. indessen Abth. 1, 556 f. 628 f. 

7) Phyß. II, 2. 193, b, 35 ff. 

8) £th. N. I, 4 (Eud. I, 8), vgl. Anm. 5, und über den Grundsatz, 
^UB sich dasjenige, was sich als nQoreQOv und vaieQov verhält, auf keinen 



296 Aristoteles. * [219. 220] 

Annahme von Ideen folgerichtig zum Fortgang in's unendliche 
flüiren würde; denn soll überall eine Idee angenommen werden, 
wo mehrere in einer gemeinsamen Bestimmung zusammentreffen, 
so würde auch zu der Idee und der | Erscheinung das dies^ 
gemeinsame Wesen als drittes hinzukommen^). — Wäre die 
Ideenlehre indessen auch begründeter und haltbarer, als sie ist, 
so könnte sie doch, nach der Ansicht des Aristoteles, der Auf- 
gabe der Philosophie, welche die Gründe der Erscheinungen auf- 
zeigen soll, in keiner Weise genügen. Denn da die Ideen nicht 
in den Dingen sein sollen, so können sie auch nicht ihr Wesen 
bilden, und mithin zu ihrem Sein nichts beitragen ') ; ja man 
kann sich das Verhältniss beider gar nicht klar denken — denn 
die Bestimmungen der Urbildlichkeit und der Theilnabme, auf 
die es Flato zurückführt, sind nichtssagende Metaphern^). Das 
bewegende Princip vollends, ohne das doch kein Werden und 
keine Naturerklärung mögUch ist, fehlt ihnen gänzlich^), und 



gemeinsamen Gattungsbegriff* zurückführen lasse, Folit. 111, 1. 1275, s, 34 ff. 
(Abth. 1, 571 nnt folg.) Nach demselben Grundsatz wird £th« N. a. a. O. 
gegen die Idee des Guten bemerkt: die Anhänger der Ideenlehre aelbst 
sagen, dass es von dem, was im Verhältniss des Vor and Nach stehe, 
keine Idee gebe; eben diess sei aber beim Guten der Fall, es finde sich in 
allen Kategorieen: ein substantielles Gutes sei z. B. die Grottheit und die 
Vemnnft, ein qualitatives die Tugend, ein quantitatives das Mass, ein rela- 
tives das Nützliche u. s. w.; und da nun das Substantielle {^aher sei als 
das Relative n. s. f., so stehen diese verschiedenen Q^er im VeriUUtoiss 
des Vor und Nach, sie können mithin unter keinen gemeinsamen Gattungs- 
begriff; keine Idee, fallen, sondern (1096, b, 25 ff*.) nur in einem Verhältniss 
der Analogie (s. o. S. 257, 2) stehen. 

1) Metaph. I, 9. 991, a, 2. VII, 13. 1039, a, 2 vgl. VII, 6. 1081, b, 
28. Aristoteles drückt diese Einwendung hier auch so ans, dass er sagt 
die Ideenlehre führe auf den tgitos av^qtono^. Vgl. Fiat Stnd. S. 257. 
1. Abth. S. 623, 5. Den Paralogismus des r^irof av^gomos, der aber ebenso 
von den Ideen selbst gilt, findet er soph. el. e. 22. 178, b, 36 in der Ver^ 
wechslung des Allgemeinen mit einem gleichnamigen Einzelnen. 

2) Metaph. I, 9. 991, a, 12 (XIH, 5, Anf.). 

3) Metaph. I, 9. 991, a, 20. 992, a, 28. (XUI, 5. 1079. b, 24.) I, 6. 
987, b, 13. Vm, 6. 1045, b, 7. XII, 10. 1075, b, 34. 

4) Metaph. I, 9. 991, a, 8. 19 ff*, b, 3 ffl (XIU, 5) 992, a, 24 ff. b, 7. 
c. 7. 988, b, 3. Vn, 8. 1033, b, 26. XH, 6. 1071, b, 14. c. 10. 1075, b, 
16. 27. gen. et corr. II, 9. 335, b, 7 ff. vgl. Eth. Eud. I, 8. 1217, h, 23. 



[226.221] Kritik seiner Vorgänger: Flato. 297 

ebensowenig ist die Endursache in ihnen enthalten ^). Auch für 
die Erkenntniss der Dinge leisten aber die Ideen nicht das, was 
YOB ihnen gehofit wird ; denn wenn sie ausser den Dingen sind, 
so sind sie nicht das Wesen derselben, ihre Erkenntniss gewährt 
uns mithin über dieses keinen Aufschluss '). Wie sollten wii' 
aber überhaupt zu dieser Erkenntniss kommen , da sich doch 
angeborene Ideen nicht annehmen lassen')? 

Diese Bedenken werden noch in hohem Grade vermehrt, 
wenn man mit Flato und seiner Schule die Ideen zu Zahlen 
macht, und zugleich zwischen sie und die sinnlichen Dinge das 
Hathonatische einschiebt. Die Schwierigkeiten, welche sich hier- 
aus argeben | würden, hat Aristoteles mit einer fiir uns höchst 
ennüdenden GründUchkeit auseinandergesetzt; in jener Zeit mag 
»e aDerdings nöthig gewesen sein, um der pythagoraisirenden 
Scholastik eines Xenokrates und Speusippus jeden Ausw^ ab- 
zuschneiden. Er fragt, wie wir uns die UrsächUchkeit der 
Zahlen denken sollen*), und welchen Nutzen sie den Dingen 
bringen*); er zeigt, wie willkürlich und widerspruchsvoll die 
Zahlen auf die Gegenstände angewandt werden^); er weist den 
Verschiedenen Charakter der Begriflbbestimmungen, welche qua- 
litativer, und der Zahlbestimmungen, welche quantitativer Natur 
sind, in der Bemerkung nach, dass zwei Zahlen Eine Zahl, 
^dit aber zwei Ideen Eine Idee geben, imd dass es unmöglich 
^ unter den Einheiten, aus denen die Zahlen bestehen, quali- 
^tive Unterschiede vorauszusetzen, wie diess doch bei der An- 



1) Metaph. I, 7. 988, b, 6. c. 9. 992, a, 29 (wo statt (fio zu lesen ist: 
^^^ S). 

2) Metaph. I, 9. 99], a, 12. (XIII, 5. 1079, b, 15.) Vn, 6. 1031, a, 
^ fir. YgL Anal. post. I, 22. 83, s, 32: rä yäg «f<fi} /ai^^rcu* xiQixCafAatd 
^^ yaq ioTt u. 8. w. 

3) S. o. S. 189. 

4) Metopb. I, 9. 991, b, 9 mit der Antwort: wenn die Dinge gleich&lls 
^^en seien, so sehe man nicht, was die Idealzahlen für sie leisteten; seien 
^^ererselts die Dinge nur nach Zahlenbestimmungen geordnet, so mfisste das 
^^'^che Ton ihren Ideen gelten, diese wären nicht Zahlen, sondern loyot iv 

^f*^fiOis urtov (vnoxnfxivoiv), 

h) Metaph. XIV, 6, Anf. ebd. 1093, b, 21 vgl. c. 2. 1090, s, 7 ff. 
6) A. s. O. Ton 1092, b, 29 an, vgl. die Commentare z. d. St. 




298 Aristoteles. 

nähme von Idealzahlen geschehen müsste^); er widerl^ di< 
verschiedenen bei Plato und seinen Schülern aufgetretenen Vor 
Stellungen über das Verhältniss der mathematischen zu dei 
Idealzahlen, und die Wendungen, deren man sich bediener 
konnte, um einen begrifflichen Unterschied' der Zahlen und dö 
sie bildenden Einheiten zu behaupten ^) , mit der eingehendster 
Sorgfalt % wobei aber der Hauptgrund doch immer der ist, dasi 
jene Artunterschiede der Natur der Zahl widersprechen — un 
solche Einwürfe, welche der Zahlenlehre mit der Ideenlehre ge 
mein sind*), hier nicht zu wiederholen. Nimmt man aber dn 
mal Ideen imd Idealzahlen an, so verlieren, wie Aristoteles 
weiter bemerkt, die mathematischen Zahlen ihre Berechtigung 
da sie nur die gleichen Bestandtheile, und in Folge dessen auct 
nur die gleiche Natur haben könnten, | wie die idealen *). Ebensc 
unsicher ist aber auch die Stellung der Grössen, welche theib 
als ideale den idealen, theils als mathematische den mathema 
tischen Zahlen folgen sollen^), und aus der Art, wie sie ab 
geleitet werden, ergibt sich die Schwierigkeit, dass entweder di 
Fläche ohne Linie und der Körper ohne Fläche müsste sei 
können, oder alle drei dasselbe wären'). 

Was endlich die obersten Gründe betrifft, in denen PI 
und die Platoniker die letzten Bestandtheile der Zahlen 
Ideen, und weiterhin auch der abgeleiteten Dinge gesucht 
ten®), so findet es Aristoteles zunächst schon unmöglich, die 
standtheile alles Seienden zu erkennen, weil diese Erkennt 
aus keiner früheren hergeleitet werden könnte^); er bezw( 
dass alles die gleichen Bestandtheile haben könne *^), dass 



1) A. a. O. I, 9. 991, b, 21 ff. 992, a, 2. 

2) Vgl. 1. Abth. S. 668 f. 854. 867 f. 884. 

3) Metaph. XIII, 6—8. 

4) Wie Metaph. XIII, 9. 1085, a, 23 und was XIV, 2. 1090, 
c. 3. 1090, a, 25 — b, 5 gegen Speasippns eingewendet wird. 

5) A. a. O. I, 9. 991, b, 27. XIV, 3. 1090, b, 32 ff. 

6) Metaph. I, 9. 992, b, 13. XIV, 3. 1090, b, 20. 

7) A. a. O. I, 9. 992, a, 10. XIII, 9. 1085, a, 7. 31. 

8) Vgl. 1. Abth. 628 f. 805. 

9) Metaph. I, 9. 992, b, 24, wogegen freilich seine eigene Uj 
düng zwischen demonstrativer und induktiver Erkenntniss zu kel 



[222. 223] Kritik seiner Vorgänger: Plato. 299 

der Verbindung derselben Elemente das einemal eine Zahl, das 
anderemal eine Grösse entstehen sollte ^) ; er bemerkt, dass sich 
solche Bestandtheile nur von den Substanzen, und unter diesen 
nur von denjenigen angeben lassen, welchen Stoffliches bei- 
gemischt ist*); er zeigt endlich, dass dieselben weder als ein 
Einzelnes gedacht werden dürften (weil sie dann nicht erkenn- 
bar und nicht die Bestandtheile mehrerer Dinge oder Ideen sein 
könnten), noch als ein Allgemeines (weil sie dann nichts Sub- 
stantielles wären) ^). Weiter nimmt er an der Verschiedenheit 
der Bestimmungen über das materielle Element Anstoss^); noch 
weniger kann er natürlich Speusipp's Annahme mehrerer ur- 
sprünglich verschiedener Principien gut heissen ^). Indem er so- 
daim auf die beiden platonischen Urgründe, das Eine imd das 
Qrossundkleine, näher eingeht, erklärt er beide fiir verfehlt. 
Wie kann das Eine, fragt er, etwas für sich bestehendes sein, 
da doch kein Allgemeines eine Substanz ist? Der Begriff der 
Einheit drückt nur eine Eigenschaft, und näher eine Mass- 
bestimmung aus; eine solche setzt aber immer ein gemessenes 
voraus, und selbst dieses muss nicht einmal nothwendig ein Sub- 
stantielles, sondern es kann auch eine Grösse, eine Beschaffen- 
höt, ein Verhältniss, es kann überhaupt von der verschiedensten 
Art sein, und je nachdem es beschaffen ist, wird auch das Eine 
dnrch diesen oder jenen Subjektsbegriff näher zu bestimmen 
8ein'% Wer diess läugnen wollte, der müsste das Eine mit den 
Qeaten ftlr die einzige Substanz erklären, ebendamit aber ausser 



10) Otine Plato zu nennen, geschieht diess Metaph. XII, 4. 1070, .a, 
^3 ff. vgl. was S. 282 angeführt wurde. 

1) Metaph. III, 4. 1001, b, 17 ff. 

2) Ebd. I, 9. 992, b, 18. XIV, 2, Anf. 

3) Metaph. XIII, 10. 1086, b, 19—1087, a, 4. 

4) Metaph. XIV, 1. 1087. b, 4. 12. 26. c. 2. 1089, b, 11 vgl. 1. Abth. 
^- 628, 3. 

5) Ihr gilt Metaph. XFV, 3. 1090, b, 13 ff. die Bemerkung, die Natur 
^ mcht fn€igo^Uü^rig wancQ fJioy&riQa tQay(p^(a<, und XII, 10, Schi, das 
^^■^ tiya^ov noXvxoiQavirj. Weiter vgl. m. Abth. 1 , 851 f. und die dort 
*^eführten Stellen. 

6) Metaph. X, 2. XIV, 1. 1087, b, 33 auch XI, 2. 1060, a, 36; vgl. 
^- ^91, 3. 257, 2. 



300 Aristoteles. [223. 2! 

allem andern auch die Zahl selbst unmöglich machen 0- Se 
man überdiess mit Plato das Eine dem Guten gleich, so ei 
stehen bedeutende Unzuträglichkeiten ^) ; keine geringeren al 
freilich, wenn man es mit Speusippus als ein eigenthtimlict 
Princip von ihm unterscheidet^). Was das Grossundkleine 1 
trifft, so bezeichnet dieser B^riff fllr's erste gleich&lls bla 
Eigenschaften, ja sogar blosse Beziehungen; mithin ein solch 
was am allerwenigsten für ein Substantielles ausg^eben werd 
kann, imd am augenscheinlichsten eines Substrats bedarf, d« 
es zukommt Wie können aber Substanzen aus dem besteh* 
was nichts substantielles ist, wie können andererseits Bestai 
theile zugleich Prädikate sein^)? Wenn si(*'h sodann die 
zweite Princip näher zu dem ersten verhalten soll, wie < 
Nichtseiende zum Seienden, so ist diess durchaus schief. PI 
glaubt nur durch die Annahme des Nichtseienden der parmc 
deischen Einheitslehre entgehen zu können; allein dazu ist di 
Annahme nicht nöthig, da das Seiende an sich selbst nicht l 
von einerlei Art ist^), und sie würde auch nicht | ausreich 
denn wie soll die Mannigfaltigkeit des Seienden aus dem € 
fachen Gegensatz des Seins und Nichtseins erklärt werden 
Aber Plato hat sein Seiendes und Nichtseiendes gar nicht . 
nauer bestimmt, und bei dem Mannig&ltigen, was er daraus ; 
leitet, nur an die Substanzen gedacht, nicht zugleich an 
Eigenschaften, Grössen u. s. w. ''), und ebensowenig an die 1 
wegung; denn wenn das Grossundkleine die Bewegung herv 
brächte, müssten ja die Ideen, deren Stoff es ist, gleichfalls I 
wegt sein^). Der Hauptmangel der platonischen Bestimmung 
liegt jedoch darin, dass überhaupt entgegengesetztes als sold 
das erste und der ursprüngUchste Grund von allem sein 8< 
Entsteht auch alles aus entgegengesetztem , so ist es doch ni< 



1) A. a. O. III, 4. 1001, a, 29. 

2) Metaph. XIV, 4. 1091» a, 29. 36 ff. b, 13. 20 ff. 

3) A. a. O. 1091, b, 16. 22. c. 5, Anf. 

4) Metaph. I, 9. 992, b, 1. XIV, 1. 1088, a, 15 ff. 

5) A. a. O. XIV, 2. 1088, b, 35 ff. vgl. 8. 213. 

6) A. a. O. 1089, a, 12. 

7) A. a. O. Z. 15. 31 ff. 

8) Metaph. I, 9. 992, b, 7. 



[224. 225] Kritik seiner Vorgänger: Plato. 301 

das entg^engesetzte rein ak solches, die Vemeinimg, aus der 
es entsteht, sondern nur ein beziehungsweise entgegengesetztes, 
das Substrat, welchem die Verneinung anhaftet: alles, was wird, 
setzt einen Stoff voraus, aus dem es wird, und dieser Stoff ist 
nicht ein&ch das Nichtseiende , sondern ein Seiendes, welche 
nur das noch nicht ist, was es werden soll Diese Natur des 
Stoffes hat Plato verkannt: er fasst nur seinen Gegensatz gegen 
das formende Princip in's Auge, er macht ihn zum Bösen und 
NichtSeienden, die andere Seite der Sache, dass er das positive 
Substrat aller Formthätigkeit und alles Werdens ist, übersieht 
er^). Damit verwickelt er sich aber in den Widerspruch, dass 
der Stoff seinem eigenen Untergang, das Böse dem Guten zu- 
streben und es in sich au&ehmen müsste^); dass femer das 
Grossundkleine, wie oben das Unbegrenzte der Pythagoreer, 
etwas fursichbestehendes, eine Substanz sein müsste, währen^ es 
doch als eine Zahl- oder Grössenbestimmung diess unmögUch 
^ kann; und dass es ak Unbegrenztes aktuell gegeben sein 
müsste, was gleichfalls undenkbar ist^). Fragen wir schUesslich, 
^e sich die Zahlen aus den Urgründen ableiten lassen, so fehlt 
^ an jeder klaren Bestimmung. Sind sie aus jenen durch 
Mischui^g, oder durch | Zusammensetzung, oder durch Erzeugung, 
oder wie sonst entstanden? Wir erhalten darauf keine Ant- 
wort*). Ebensowenig wird uns gesagt, wie sich aus dem Einen 
^ dem Vielen die Einheiten bilden konnten , aus denen die 
Zahlen bestehen^), und ob die Zahl begrenzt oder unbegrenzt 
ist^); die erste ungerade Zahl wird nicht abgeleitet, von den 
Ändern nur die zehn ersten^); es wird nicht nachgewiesen, wo 
die Einheiten herkommen, aus denen die unbestimmte Zweiheit 
^^mmengesetzt ist, welche mit dem Eins zusammen alle 



1) Metaph. XIV, 1, Anf. c. 4. 1091, b, 30 ff. XII, 10. 1075, a, 82 ff. 
^hyg. I, 9 vgl. 1. Abth. S. 614. 

2) Phjs. I, 9. 192, a, 19. Metaph. XIV, 4. 1092, a, ]. 
S) Pbye. m, 5. 204, a, 8—34 vgl. c. 4. 203, a, 1 ff. 

4) Metaph. XrV, 6. 1092, a, 21 ff. XIII, 9. 1086, b, 4 ff. vgl. c. 7. 
^082, a, 20. 

5) Metaph. Xni, 9. 1085, b, 12 ff., zunächst gegen Speusippns. 

6) A. a. O. 1085, b, 23. c. 8. 1083, b, 36 ff. XII, 8. 1073, a, 18. 

7) 8. I. Abth, 591, 3. 



302 Aristoteles. [225. 226] 

übrigen Einheiteii erzeugen soll^); es wird nicht gezeigt, wie 
die Zweiheit des Grossen und Kleinen mit dem Eins auch solche 
Zahlen hervorbringen kann, welche nicht durch Verdopplung 
des Eins entstehen ^). Noch mancher weitere derartige Einwurf 
liesse sich aus Aristoteles beibringen, doch wird es an dem an- 
geführten mehr als genug sein. 

Diese Einwendungen gegen die platonische Lehre sind nun 
allerdings von imgleichem Werthe, und nicht ganz wenige von 
ihnen beruhen wenigstens in der Fassung, welche ihnen Aristo- 
teles zunächst gibt, unverkennbar auf einem Missverständniss ^). 
Nichtsdestoweniger lässt sich nicht läugnen, dass er die Blossen 
jener Lehre mit scharfem Auge bemerkt und ihre Mängdi er- 
schöpfend dargethan hat. Er hat nicht allein der Zahlentheorie 
ihre Unklarheit und Ungereimtheit auf's vollständigste nach- 
gewiesen, sondern er hat auch die Ideenlehre und die platoni- 
schen Bestimmungen über die Urgründe für immer widerlegt. 
Unter den Gründen, mit denen er sie bekämpft, treten aber vor 
allem zwei als entscheidend hervor, auf die alle andern mittel- 
bar oder unmittelbar zurückführen: erstens, dass die allge- 
meinen Begriffe, wie die des Einen, des Seienden, des Grosserr«^ 
und Kleinen, des Unbegrenzten, und ebenso alle in dqp Ideer — = 
niedergelegten Begriffe, nichts substantielles seien, dass sie nu== 
gewisse Eigenschaften und Verhältnisse und besten Falls nur di-*^ 
Gattungen und Arten , | nicht die Dinge selbst bezeichnen -^ 
zweitens, dass es ihnen an der bewegenden Kraft fehle, 
sie den Wechsel der Erscheinungen, das Entstehen und V( 
gehen, die Veränderung und die Bewegung, und ebendamit 
hierauf beruhenden natürlichen Eigenschaften der Dinge ni( 
blos nicht erklären, sondern geradezu unmögUch machen *). 



1) Metaph. I, 9. 991, b, 31. 

2) Metaph. XIV, 3. 1091, a, 9. 

3) S. Plat. Stud. 257 ff. 

4) Welches Gewicht Aristoteles diesem Einwurf beilegt, sagt er sei 
wiederholt Vgl. z. B. Metaph. I, 9. 991, a, 8: namov 6i ^dXiara 6 
TtoQrjatuv av rig, tC noxE avfißakX6Ta$ rä ttSri roig iüdioig rcoy aiaSt^T 
ri tolg yiyvofi^vois xal (p-d-eigofÄivois' ovre yuq xivr^Oitog o{jt€ fi^raßol ^=7^ 
oi6€fiiäg fariv atna avTotg. Z. 20: xo 6h Ifyetv naQa^iiyfiaja avra ilir"^^ 
xal juer^/eiv avtüv rakXa xivoloyetv iari xal /xewatfOQttS Xfy€t>v nonjTi ^' 




^r/ 



[226. 227J Kritik seiner Vorgänger: Plato. 308 

wird in dieser Kichtung seiner Polemik den naturwissenschaft- 
lichen, auf die volle Bestimmtheit des Wirklichen uD,d die Er- 
klärung des ThatsächUchen ausgehenden Geist des Aristoteles 
nicht verkennen. An der Ejraft der Abstraktion lehlt es ihm 
zwar so wenig, als Plato, ja er ist diesem an dialektischer He- 
bung entschieden überlegen; aber er will nur solche Begriffe 
gelten lassen, die sich an der Erfahrung bewähren, indem sie 
dne Reihe von Erscheinungen zur Einheit zusammen&ssen oder 
auf ihre Ursache zurückfuhren: mit Plato's logischem IdeaUsmus 
v^kntipfl sich bei ihm der Realismus des Naturforschers. 

Je mehr aber dessen ist, was unser Philosoph an seinen 
Vorgängern zu tadeln hat, um so begieriger werden wir, seine 
ögenen Antworten auf die Fragen zu vernehmen, deren Lösung 
üun bei den Früheren nicht genügt. 

7. Fortsetzung:. B. Bio metaphysisohe Hauptontersuoliungr. 

Es sind drei Hauptpunkte, um die es sich hier handelt. 

^enn es nämlich die erste Philosophie mit dem Wirkhchen 

Oberhaupt, dem Seienden als solchem zu thun hat^), so wird 

)^er anderen Untersuchung die Frage nach dem ursprünglichen 

Wesen des WirkUchen, nach dem Begriff der Substanz voran- 

S^hen müssen. Diese Frage hatte nun Plato in seiner Ideen- 

^^hre dahin | beantwortet, dass das wahrhaft und ursprünglich 

'Wirkliche nur in dem gemeinsamen Wesen der Dinge, in den 

Gattungen zu suchen sei, deren Ausdruck die allgemeinen Be- 

ß^lffe sind. Aristoteles ist damit, wie wir wissen, nicht ein- 

^^i-standen. Niu* um so wichtiger ist aber fiir ihn gerade dess- 

*^^b das Verhältniss des Einzelnen und des Allgemeinen : in der 

^unrichtigen Fassung dieses Verhältnisses liegt der Grundfehler 

^^» platonischen Ansicht, von seiner Bestimmung wird jede Be- 

^ehtigung derselben ausgehen müssen. Das erste ist daher hier 

^« Untersuchung über den Begriff der Substanz, oder über das 



^^ Y»Q ioTi t6 lQy((C6fi€vov nqog rag i^^ag anoßlinov; ebd. 992, a, 24: 
*^^«K ^l C^jovarfg tilg (piXoootpUtg negi xtüv (favegav t6 ahiov xovto 
f^^v (iaxafiiv (ovöiv yaq Kyofitv n^gl t^g aixiag o&lv ij aQX'l '^'?f /i«ra- 

^^^iO U. 8. W. 

1) S. o. 8. 273 ff. 



304 Aristoteles. [227. 228] 

Verhältniss des Einzelnen und des Allgemeinen. Indem nun 
aber Aristoteles dieses Verhältniss so bestimmt, dass die wesent- 
liche Wirklichkeit auf die Seite des Einzelnen ftllt, so löst sich 
ebendamit auch die Form, oder das Eidos, welches Plato dem 
Allgemeinen gleichgesetzt hatte, von dem letzteren ab, und er- 
hält eine veränderte Bedeutung. Die Form ist das Wesen als 
bestimmtes, zur vollen Wirklichkeit entwickeltes, und ihr tritt 
die unbestimmte Allgemeinheit, die MögUchkeit eines so oder so 
bestimmten Seins, als der Stoff gegenüber. Das Verhältniss der 
Form und des Stoffes bildet mithin den zweiten Hauptgegeix- 
stand der Metaphysik. Die Form aber ist wesentlich auf d&n 
Stoff, der Stoff auf die Form bezogen, jenes Verhältniss dahe?r 
das Bestimmtwerden des Stoffes durch die Fonn, die Bewegung 
Alle Bewegung setzt aber einen ersten Grund der BeweguMiÄg 
voraus, und so ist die Bewegung und das erste Bew^ende (l..as 
dritte Begriffspaar, mit dem es die Metaphysik zu thun hat. E^^h 
versuche im folgenden, ihren wesentUchen Inhalt unter dieaien 
drei Gesichtspunkten darzustellen. 

1. Das Einzelne und das Allgemeine. 

Plato hatte das Allgemeine, welches im Begriff gedacht wijrd, 
fiir das Wesenhafte in den Dingen erklärt, er hatte ihm allein 
ein ursprüngUches und volles Sein beigelegt. Nur durch eine 
Beschränkung dieses Seins, eine Verbindung von Sein und NicJit- 
sein, sollten die Einzelwesen entstehen, welche desshalb die ^" 
gemeinen Wesenheiten, oder die Ideen, als ein anderes au»^^ 
und über sich haben. Aristoteles kann sich diese Vorstellung? 
wie wir gesehen haben, nicht aneignen : gerade in der TrennuJ^ 
des begrifflichen Wesens von den Dingen liegt seiner Ansicht 
nach der | Grundfehler der Ideenlehre *). Ein Allgemeines i^* 
dasjenige, was mehreren Dingen gemeinschaftlich zukommt*) u^^^ 



1) S. o. S. 294, 2. Metaph. XIII, 9. 1086, b, 2: tovto cT' (die Ide««' 
lehre) . . . Mvriai ftlv 2taxQaTr\g diä rovg OQiOfiovgy od fjiriv i^^iuQiff/ 7'^ 
tdiv xa&* 'ixaarov' xai tovto OQOdSg ivoriaev od }^toQ(aag . . . a-nv jah Y^^^ 
Tov xa&oXov ovx ÜOTtv (maTrjfjiriv laßetv, t6 <f^ ;^ai^^Cc»y atTtov ToJy tfvu' 
ßttiv6vT(ov övgx^QW» niQi Tag idiag iariv. Vgl. c. 4. 1 078, b, 30 ff. 

2) Metaph. VIT, 13. 1038, b, 1 1 : ro J^ xa&olov xowov' tovto yn^ 
XfyiTttt xa&oXov o TiWooiv vnaQx^iv 7i4ipvx€v, III, 4. 999, b, 34: ovrv 



[228] Das Einzelne und das Allgemeine. 305 

näher das, was ihnen vermöge ihrer Natur, und daher immer 
und nothwendig zukommt ^) ; alle allgemeinen Begriffe bezeich- 
nen daher immer nur gewisse Eigenschaften der Dinge, sind nur 
Prädikats- nicht Subjektsb^riffe ; und auch wenn eine Anzahl 
solcher Eigenschaftsbegriffe zum Gattungsbegriff zusammengefasst 
wird, erhalten wir nur ein solches, das allen zu dieser Gattung 
gehörigen Dingen zukommt, nicht ein neben ihnen bestehendes 
Allgemeines: Plato's tv naqa tcl uoXXa verwandelt sich in das 
iV xoTo noXXwv ^). Ist aber das Allgemeine nichts ftü* sich be- 
stehendes, so kann es auch nicht Substanz sein. Denn wenn 
Äuch der Name der Substanz ^) in verschiedenem Sinne gebraucht 
wird*)j gebtlhrt er doch ursprtingUch nur demjenigen, was we- 
der als Wesensbestimmung von einem andern ausgesagt werden 
kann, noch als ein Abgeleitetes einem andern anhaftet^), mit 
Änderen Worten: dem, was nur Subjekt und nie Prädikat ist^); 



y^ Xfyofiiv To xa^ixaajov 16 ccQiü^fdtß ^v, xa&oXov ^k to inl tovrmv, 
^e interpr. 7. 17, a, 39. part. an. I, 4. 644, a, 27 u. o. 

1) Anal. post. I, 4. 78, b, 26: xad'oXov 6i Xfyo) o av xarä navtog re 
^Tsct^/Y} xai xa^* avTO xal y avTO, (paviQOV ilga ort oaa xu^olov i^ 

'uyxric vnaQXit foli ngayfiaaiv. c. 31. 87, b, 32: to yuQ dtl xai nav^ 
tjrov xa&oXov fpafifv thai. Metaph. V, 9. 1017, b, 35: r» yoQ xad-oXov 

^«^* avra vnoQx^t, Weitere belege bei Bomtz Ind. arist. 356, b, 4 ff*. 

^iOfPE Erkenntnissth. d. Arist 160 f. 

2) AnaL post. I, 11, Anf.: dSn fih ovv ilvat fj %v t« naqu ra noXXa 
^«Jje avayTnif €i dno^et^tg taxw ' tlvai fjiivroi ^v xarä noXXdiv dXrid-kg iimTv 
^^ayxTi. De an. III, 8 (s. o. 188, 3). 

3) So übertrage ich sowohl hier, als sonst, das aristotelische ovaCa^ und 
^^b finde es seltsam, diese Uebersetzung (mit Strümpell Gesch. d. theor. 
^hil. b. d. Qr. 213 f.; vgl. 1. Abth. 555, 1) desshalb zu tadeln, weil von 
Aristoteles unter der oitaCa nirgends „der unbekannte, beharrliche, reale 
Präger der wechselnden Merkmale verstanden werde*^ Man kann doch nicht 
^«rlangen, dass wir fiir einen aristotelischen Ausdruck das seit anderthalb- 
^nsend Jahren dafiir übliche Wort desshalb nicht gebrauchen sollen, weil 
^erbart mit diesem Wort einen anderen Begritt' verbindet. 

4) Es wird tiefer unten (8. 260 2. Aufl.) von den verschiedenen Be- 
«teutungen der ova(a zu sprechen sein. 

5) Kat c 5 : oiaCa di ionv 17 xvQmraTii t€ xai nQWTtog xai fiaXiara 
Aiyo^iptj, fj fi^ti xad-* vnoxtifi^vov Tt>v6g Xfyfjai^ /w^t' h vnoxeif4.ivii) 
TtW iariVf olov 6 xlg dv^qmnog rj 6 rlg tnnog. Vgl. 205 unt. Trendelen- 
BUBO Hist. Beitr. I, 53 fl*. 

6) 80 bestimmt Arist selbst den Begriff anderwärts. Metaph. V, 8. 10-17, 
Z«ll«r. PhUoi. d. Gr. IL Bd. 2. Abth. 8. Aufl. 20 



306 Aristoteles. [228.229] 

die Substanz ist das Seiende im ursprünglichen Sinn, dieUDte^ 
läge, von der alles andere Sein getragen wird^). Solcher Art 
ist aber nach Aristoteles nur das | Einzelwesen. Das Allgemdne 
ist ja, wie er gegen Plato nachgewiesen hat, nichts Ftimci- 
bestehendes: jedes Allgemeine, auch das der Gattung, hat sein 
Dasein nur an dem Einzelnen, von dem es ausgesagt wird, es 
ist immer an einem andern, es bezeichnet nur eine bestiminte 
Beschaffenheit, nicht ein Dieses; das Einzelwesen allein gehört 
nur sich selbst an, ist nicht von einem andern getragen, ist das, 
waa es ist, durch sich selbst, nicht blos auf Grund eines andern 
Seins ^). Nur abgeleiteterweise können auch die Gattungen Sub- 

b, 13: anavTK 6h ravttt Ky^rai ovaCa ort ov xad-* vnoxufiivov Uyfrtu, 
aXXtt xarä jovtojv t« SlXa. VII, 3. 1028, b, 36: t6 6* vnox€{fi€v6v ku 
x«^' ov tä nkXa XfyiTai, fxeTvo 6h atro fir]xiT$ xar' aXXov. 6trO n^tov 
ntQl TovTov dioQiot^ov* fAttXiara yaq doxH elrai ova(a tb V7rox({fierov 

7tQ(OTOV. . . . VVV fxhv OVV TVTtt^ afQTJTttl tC TIOT* IotIv TJ OVOitt^ Otl TO Hf\ 

xa^* vnoxnfjiivov aXXä xa^* •ov r« äXXa. Vgl. Anal. pri. I, 27. 43, »,25. 
longit. y. 3. 465, b, 6. 

1) Metaph. VII, 1. Anf.: t6 Sv X^yerm noXXax^i (nach den ver- 
schiedenen Eategorieen) . . . qavfgov oti tovztav itqwtov ov t6 ri /fftif, 
^TTiQ arifjia(v(i rr^^v ova(av . , . la J* aXXa Xfytrai ovra t^ tov ovt6H 

ovros T« fihv noaoTTjtag etvaif ra 6h noiorriJag u. s. w «lo« ro 

nQfOTtog ov xal oi rl ov (was kein von ihm selbst verschiedenes ist, kein^ 
andern zukommt, vgl. Anal.^post. I, 4« folg. Anm.) aXX* ov anXiiSg 17 ovaie 
av fffi. c. 7. 1030, a, 22: t6 tC iariv änXöjg 75 ovo{(f vnttQxet' Weiteres 
S. 272, 6. 

2) Kat. c. 5. 2, a, 34: ra 6^ uXXa navra rjtot xa&^ vnoxHfiivtir 
XfycTat Tcor TtQmTtav ovamv ^ Iv vnoxn^ivaig uvratg larfv . . . juij ovöüf 
OVV Tfjjv 7iQWT(ov ovcfitSv tt6vvaTov titiv aXX(ov tt ilvctt. Anal. po8t> I, 4. 
73, b, 5: Aristoteles nenne xa^' avrb dasjenige, o fiti x«^* vnoxiifiifov 
Xfyerai aXXov nvo?, oiov ro ßa6(iov etCQov it ov ßa6(Cov iml xal Xfvxof, 
fi 6* ov(S(a,xa\ oaa toJ« t», ov^ ^TiQOV rt ovra larlv SniQ ffn(v* ra ftkf 
6r\ firi x«^* ifnoxH^ivov [seil. Xiyofiiva] xad-* avrä Xfyatf ra 6h w* 
vnoxftfi^vov avfißtßrjxora, Metaph. VII, 1. 1028, a, 27: der Trigcr «ner 
Eigenschaften sei ij ovaia xa) ro xa^* ^xaGrov . . . r(Sv fihv yag «U^f 
xarriyoQrj/Liarcov ov&hv x^Qiarov, avrti 6h fiovTj, c. 3. 1029, a, 27: ro 
XtoQtarov xal ro r66e rt> ynag/eiv 6oxet fj-aXiara tj oicffq. c. 4. 1030, a, 19! 
rijv ova(av xa\ ro rocFf t*. clO. 1035, b, 28: xa^oXov 6* ovx l^arw ovola- 

c. 12. 1037, a, 27: i) ova(a *iv rt xal r66€ t* aijfiaivei (og tfafiiv. c, 13. 
1038, b, 10: TiQwrTj ovaCa l6iog ixaarq) ij ov/ VTia^x^i aXXfp, ro 6h xa^^ov 
xoivov. ebd. Z. 34 : ^x re 6r} rovrtov S-ftoQovai (fuvsQov ort oi^h '•' 
xa&oXov vnagxovroav ova(a (cfrl, xal ori ov&hv arjfAalvei twv xoivj tttttf 



[229.230] Das Einzelne und das Allgemeine. 307 

stanzen genannt werden^ sofern sie das gemeinsame Wesen ge- 
wisser Substanzen darstellen^); und das mit | um so grösserem 
Rechte, je näher sie der Einzelsubstanz stehen, so dass demnach 
die Arten jenen Namen in höherem Grad verdienen, als die 
Gattungen*); nach dem strengeren BegriiBF der Substanz jedoch 
kommt er ihnen überhaupt nicht zu, da sie von den Einzelwesen 
ausgesagt werden^), und da auch von ihnen, wie von jedem 
Allgemeinen gilt, dass sie nicht ein Dieses, sondern ein Solches, 
nicht die Substanz, sondern die Beschaffenheit der Substanz aus- 
iröcken *). So lassen sich auch die weiteren Merkmale der Sub- 



yo^vfUvoiv TO(f« Tif akktt Totovde. c 16. 1040, b, 23: xoivov fitj&kv olala' 

ov^ivX yaq vjiugxfi' V <>va{a äJil* rj avTJ te xal r(p txovri avtriv ov Itnlv 

ow/a. ebd. Schi.: rdSv xad-olov Xeyofi^vojv ov&h ovaCa. XII, 5, Anf. Inii 

^ iarl Ttt fjtkv /(OQitrra, ra J* ov /(OQi^aräj ovaCai ix€iva. xal Jt« tovto 

^ttrrtov alria TffCrrr. TII, 6. 1003, a, 8: ov&lv yctg roh' xotvwv Toda ti 

^fdiävHf aXXtt Totov^tj ff J' ova(a roJ« ti. soph. el. c. 22. 178, b, 87 

v^gl. ebd. 179, a, 8): t6 yitQ äv^Qtunog xal anav t6 xoivov ov rdJf ri, 

**^ff T0$6v^€ Ti rj npos tt i] ntag ij töjv TOiovrtov t$ arifiaivH. (Selbst von 

^^U sinnlichen Eigenschaften der Dinge gilt diess, s. o. S. 198) gen. an. IV« 

^- 767, b, 33: tö xad-ixatnov' tovto yciQ rj ova(a. Blosse Accidentien 

^^i^fißtßrixoTa) der Substanz bezeichnen alle anderen Kategorieen; vgl. 

^- 272, 6 Arist. findet es desshalb Metaph. VII, 16. 1040, b, 26 f. ganz in 

^^T" Ordnung, dass die Ideen zu einem x^Qi^^ov gemacht werden, wenn 

'^^^a sie einmal für Substanzen halte, der Fehler der Ideenlehre liege nur 

^^lin, dass das Allgemeine eine solche substantielle Idee sein solle. (Hert- 

^^»o Mat. und Form 44, 1 hat diese Aeusserung missverstanden.) 

1) Kat c. 5. 2, a, 15: ^ivTiQat ^k ovaiai XiyovTai Iv olg atdeaiv at 
^^^moßs ova(ai Xtyo^evat vnuQxovai^ TuvTa T€ xal tu töSv lidiuv tovt(üv 
y^Wri . . . olov o T€ avd-Qfonog xal t6 C^ov, Ebenso im weiteren. Sonst 
^ommt der Ausdruck (ffi;r^i^a ovaia bei Arist nicht vor; da er aber doch 
'^■V' ,,Substanz im ursprünglichen Sinne^* auch anderwärts tiqcjtt} oiaCa, für 
»^iritte Klasse von Substanzen^' tq^tt) ovüla sagt, so ist diess, wie schon 
^- 68 nnt. bemerkt wurde, unanstössig. 

2) Kat.c. 5. 2, b, 7 ff. Das Gegentheil scheint Arist. freilich Metaph. 

^m, 1. 1042, a, 13 zu sagen: ht äXltog [gvftßa^vii] to yivog fiällov twv 

ctdeSr [ova(av alvai] xal t6 xad-olov twv xad^ixama. Allein damit will er 

^cht seine eigene Ansicht aussprechen; vgl. VII, 13. Bonitz u. Schweoleb 

^ d. St 

3) Kat c. 5. 2, a, 19 ff. b, 15—21. 

4) S. S. 306, 2. Kat c. 5. 3, b, 10: näau 6i ova(a öoxei To<fe Tt 
^^ftalvHV. Von den ngtSrai ovalat gilt diess auch unbedingt; ^ttI ^k rtüv 
^^vtiffwp ovaitov (faCvETat [xiv bfjioCuig t^ a/ij^ar* Tijg nqogtiyoqCag ToSe 

20» 



308 Aristoteles. [230. 231] 

stanz, welche Aristoteles angibt, so weit sie wirklich diesem Be- 
griff eigenthümlich sind, nur an der Einzelsubstanz nachwdsen ^). 
Kann daher die sog. zweite Substanz auch nicht | schlechthin 
der Qualität gleichgesetzt werden, so ist sie doch eigentlich auch 
nicht Substanz zu nennen : sie bezeichnet die Substanz, aber nur 
nach der Seite ihrer QuaUtät, sie ist die Zusammen&asung d^r 
wesentlichen Eigenschaften einer bestimmten Klasse von Sub- 
stanzen^); jenes Selbständige und Fürsichbestehende dag^en^ 



yaQ 'iv lOTi^ t6 vnoxi£fjiivov SonfQ fj 7iqwxr\ ovoia, aXXtt xcera ttoXXwv 6 
avd-Q(o7iog Xfyerai xal ro ^otov, 

1) Das erste Merkmal der Substanz war ro /u^ xad-* vnoxHfiivov Xfyia9-^xi. 
Dass dieses nur von der Einzelsubstanz gilt, ist gezeigt worden. — M^ 
zweites (a. a. O. 3, a, 6 ff. u. oben 305, 5) ist t6 ^rj iv vnoxu^ivtfi et9^4tu 
Dieses kommt nun allerdings auch der Gattung zu; aber nicht ihr alL^siSt 
sondern ebenso (Kat. c. 5. 3, a, 21 C s. o. 206, 1) dem artbildenden Vms^^' 
schied, denn dieser ist gleichfalls in dem Begriff dessen, dem er zukonc^kJiDt, 
enthalten, während iv vnoxitfi^vtp nach Arist. a. a. O. nur dasjenige i^^ 
was nicht zum Begriff dessen gehört, von dem es ausgesagt wird, 



m 



einem von ihm selbst unabhängigen Substrat ist; so dass also z. B. in ^^^em 



in 



Satze: „der Körper ist weiss** das levxov iv vnox€tfi4v(^ ist, dagegen! 
dem Satz: „der Mensch ist zweibeinig** das SCnow nicht iv v7iox€t/4^ -^^V- 
— Eine weitere Eigenthümlichkeit der Substanz ist (Kat. c. 5. 3, b, 24^ ^^ 
fiTi^kv avtaTg ivavxCov ilvat. Indessen bemerkt Arist. selbst, das gl9^^ 
finde sich bei den GrÖssenbestimmungen und vielen andern Begriffen; '■^^ 
dasselbe Hesse sich einwenden, wenn (a. a. O. Z. 33) gesagt wird, die ^^ob- 
stanz sei keiner Gradunterschiede (keines Mehr und Minder) fähig, da ^'W 

• 

vielleicht gesagt werden könnte, einer sei mehr oder weniger Mensch al^ ^ 
anderer, keinenfalls aber, er sei mehr oder weniger zweibeinig. — l^inl 
endlich (a. a. O. 4, a, tO. b, 3. 17) als die entschiedenste Eigenschaft ^^^ 
Substanz bezeichnet: ro ravjov xal Tiv aQt&fjit^ Sv rdSv ivavxiwv t/*'« 
dexTixoVy TO xara ti,v iavrrjs /jaraßoX^v SexttxriV rdSv ivavxCtov €haSy ^ 
gilt diess theils nur von der Einzelsubstanz, denn die Gattung ist keine 
Zahleinheit und keiner Veränderung fähig; theils liegt darin eine bedenk- 
liche Gleichstellung der Substanz mit dem Stoffe, auf die wir sjMUer noch 
zurückkonmien müssen. 

2) Kat. c. 5. 3, b, 18 (nach dem S. 307, 4 angeführten): ovx nnlm 
(fl noiov tt afifAa£v€&, uansQ ro Itvxov. ov6kv yaQ aXXo tnifiaCvn ^^ 
Xivxov dXX* rj noiov. to 6k eldog xal ro yivog niQl ovaiav tb noiof 
dipoQiCei ' noiäv ydg tiva ovaiav arifiaCv^i, Vgl. Sikpl. Kat. 26, ß Bah 
welcher die noid tig ovaia durch noioTijg ovauidrjg erklärt. 



[231. 232] Das Einzelne and das Allgemeine. 809 

welcbem der Name der Substanz ursprünglich zukommt ^ sind 
nur die Einzelwesen. 

Diese Bestimmung ist nun aber nicht ohne Schwierigkeit. 
Wenn es alles Wissen mit dem Wirklichen zu thun hat^), so 
wird nur das Wirkliche im höchsten und ursprüngUchen Sinn 
den höchsten und ursprüngUchen Gegenstand des Wissens bil- 
den können ; wenn das Wissen Erkenntniss des Wesens ist % 
80 wird es sich zunächst auf das wesenhafte Sein, die Substanz 
der Dinge, beziehen müssen '). Ist daher jede Substanz Einzel- 
substanz, so folgt, dass alles Wissen in letzter Beziehung auf 
das Einzelne geht, dass die Einzelwesen nicht allein seinen Aus- 
gangspunkt, sondern auch seinen wesentlichen Inhalt und Gegen- 
stand bilden. Diess zieht jedoch Aristoteles aufs entschiedenste 
in Abrede. Die Wissenschaft bezieht sich seiner Ueberzeugung 
iiach nicht auf das Einzelne, sondern auf das Allgemeine, und 
Aach wo sie am tiefeten zum Besonderen herabsteigt, richtet sie 
sich doch nie auf die Einzeldinge als solche, sondern immer nur 
*uf allgemeine Begriffe *). Diesem Widerspruch lässt sich auch 
lücht durch die Bemerkung'^) entgehen, nur im Gebiete des 
luitürlichen Seins sei das Einzelne, im Gebiete des Geistigen da- 
gegen das Allgemeine das erste. Denn Aristoteles selbst weiss 
I nichts von dieser Unterscheidung; er sagt ohne jede Be- 
schränkung : das Wissen gehe nur auf's Allgemeine, und ebenso 
unbedingt: nur das Einzelwesen sei ein Substantielles, und er 
^ählt für beide Sätze die Beispiele, mit denen er sie belegt, 
gleichsehr aus der natürlichen wie aus der geistigen Welt^). 
Selbst die Gottheit ist ja Einzelsubstanz. Dass aber die Sub- 
stanz auch wieder der Form gleichgesetzt wird, kann nichts hie- 

1) S. o. 8. 161. 

2) Ebd. und 209, 1. 

3) Metaph. VII, 4. 1030, b, 4: ixeivo ök (favegov oti 6 ngartog xal 
^Img oQKJfiog xal t6 rC ^v elvai rwy ovottov iariv. Weiteres S. 209, 1. 

4) 8. 8. 161, 4. 163, 1. 210, 3. 212. Vgl. Anal, post I, 24. 85, a, 20 ff 
^^ Nachweis, dass die allgepeine Beweisführung vorzüglicher sei, als die 
^utikiüäre, and ebd. c. 14. 79, a, 28: t6 dk rC iari Tüh xa&oXov ^axiv. 

5) Biese Philos. d. Arist I, 56 f. 

6) M. Tgl. in Betreff des ersten Metaph. XIII, 10. 1086, b, 33 ff. I, 1. 
^1, a, 7. Anal. post. I, 31, in Betreff des zweiten Kat. c. 5. 3, b, 14 f. 
Metaph, VII, 10. 1035, b, 27. c. 16. 1040, b, 21. XII, 5. 1071, a, 2. 



310 Aristoteles. [232. 233] 

gegen beweisen, da sich in der Bestimmung dieses B^rifiGs, wie 
wir finden werden, die gleiche Schwierigkeit wiederholt, welche 
uns gegenwärtig in Betreff der Substanz beschäftigt Einen an- 
dern Ausw^ scheint Aristoteles selbst, welcher diese Schvderig- 
keit in ihrem vollen Grewicht anerkannt hat^), mit der Bemer- 
kung 2) anzudeuten, die Wissenschaft als Vermögen betrachtet 
sei unbestimmt und gehe auf das Allgemeine, in der Wirklich- 
keit dagegen gehe sie immer auf etwas bestimmtes. Auch di^ 
Auskunft reicht aber nicht entfernt aus. Denn das Wissen des 
Besonderen entsteht nur durch Anwendung allgemeiner Sätase, 
von deren Gewissheit die seinige abhängt, und es hat ebendess- 
halb, wie diess Aristoteles ausdrücklich anerkennt^), nicht das 
Einzelne als solches zum Gegenstand, auch das Einzelne wird 
vielmehr nur in der Form der Allgemeinheit*) erkannt; soll da- 
gegen das Einzelne das ursprünghch Wirkliche sein, so müsste 
es gerade als Einzelnes den eigentlichen G^enstand des WissesB 
bilden, und das Wissen des Allgemeinen müsste hinsichtlich 
seiner Wahrheit und Gewissheit von ihm abhängen: nicht das 
Allgemeine, wie Aristoteles lehrt*), sondern | das Einzelne wäre 
an sich bekannter und gewisser®). Wollte man aber, diess zu- 



1) Metaph. III, 4, Anf. ^'Eart cf * f^^f^^^ ^^ xovrioy dnoQ{a xal naawf 
XaliTKOTarrj xal dvayxaioTaTfi ^eojQrjaai, nsgl t^g 6 loyos iipiarfixB vvr' 
ein yäg fir] l^aii ti naqä rce xad-ixacra^ tä 6k xa&^xaara arreiQa, jiSv S* 
dnfCQtav ntSg M^j^srai laßstv iniaTrifjirjv ; c. 6, Schi.: €t fikv ovv xa&olov 
al n^/al, ravta avfißaCvei' (nämlich, wie es vorher heisst: ovx Haortai 
ovatav ol&kv yäg tcHv xoivdiv rode ti arifialvH^ dXXä roiovSi, fj (f* oCaia 
Tode Ti) ii 6k fiT] xa&olov, dXl* tag xd xad^^xaara, ovx taomai in&mtiTtU' 
xa^oXov ydg al inKnijfiat navtatv. Vgl. Metaph. XI, 2. 1060, b, 19. XIH» 
10, aach VII, 13. 1039, a, 14. 

2) Metaph; XIII, 10; s. o. 165, 1. 

3) S. o. namenüich S. 210, 3. 

4) Tip xa»6lov loytpy wie es Metaph. VII, 10 (s. o. 210, 3. 211, 2) heisst. 

5) S. o. 197, 2. 

6) Aus diesem Grande genügt mir auch die Lösung von Bassow (Aristot. 
de notionis definitione doctrina S. 57) nicht, welcher mit Berufung ^^ 
Metaph. VII, 10. 1035, b, 28 (wo übrigens zu den Worten tug xa^Xovy ^ 
im Gegensatz zu dem folgenden xad^* ^xaarov stehen, einfach ein elmly *" 
suppliren ist) und c. 4. 1029, b, 19 den Widerspruch durch die BemerkuDÄ 
zu heben sucht, dass in der Definition und überhaupt in der Wissensch^ 
das Einzelne nicht als Einzelnes, sondern nach der allgemeinen Seite sein^ 



[233. 234] Das Einzelne und das Allgemeine. 311 

gebend, sagen, an sich sei die Gattung mehr Wesenheit, als die 
Art, für uns dagegen sei es die Art mehr als die Gattung % so 
würde man sich mit den bestimmten Ei*klärungen des Philo- 
sophen in Widerspruch setzen, welcher schlechtweg behauptet, 
dass jede Substanz im strengen Sinn Einzelsubstanz sei, nicht 
dass sie uns so erscheine. Nur in Einem Fall Uesse sich diesem 
Bedenken entgehen: wenn es ein Princip gäbe, welches als Ein- 
zelnes zugleich das schlechthin Allgemeine wäre, denn ein sol- 
ches könnte zugleich als ein Substantielles Grund der Wirklich- 
keit, und als ein Allgemeines Grund der Wahrheit sein. Ein 
solches Princip scheint sich nun bei Aristoteles im Schlusstein 
«dnes ganzen Systems, in der Lehre vom reinen Denken oder 
der Gt)ttheit, zu finden. Sie ist als denkendes Wesen Subjekt, 
als der Zweck, der Beweger und die Form der Welt zugleich 
ein schlechthin Allgemeines; ihr Begriff existirt nicht blos zu- 
fiüligerweise ^), sondern seiner Natur nach nur in Einem Einzel- 
wesen, während in allem Endlichen das Allgemeine sich in einer 
Mehrheit von Einzelnen darstellt oder doch darstellen könnte^). 
Von hier aus könnte man die oben angeregte Schwierigkeit so 
2U lösen versuchen, dass man sagte, in Gott als dem höchsten 
Princip falle die absolute Gewissheit für das Denken mit der 
absoluten Wirklichkeit des Seins zusammen, im abgeleiteten Sein 
falle die grössere Wirklichkeit auf die Seite des Einzelnen, die 
grössere Erkennbarkeit auf die Seite des Allgemeinen. Allein 
dass I diess nach aristotelischen Voraussetzungen mögUch ist, 
wäre damit nicht bewiesen. Aristoteles, selbst macht diese Unter- 
scheidung eben nicht. Er sagt ohne jede Beschränkung, dass 
Alles Wissen in der Erkenntniss des Allgemeinen bestehe, und 
ebenso unbedingt, dass nur dem Einzehaen SubstantiaUtät zu- 



^csens betrachtet werde. Gerade damit müsste es sich anders verhalten, 
^^n das Einzelne das Sabstantielle wäre. 

1) B^AKDis II, b, 568, dessen Antwort auf unsere Frage mir überhaupt 
^cht recht klar ist. 

2) Wie etwa der der Sonne oder des Mondes, s. o. 212, 4. 

3) Metaph. XII, 10. 1074, a, 33: oaa agi^/nt^ nolln (alles, wovor es 
^^hrere Exemplare innerhalb derselben Gattung gibt) vlriv e/ei' eis yaQ 
^yog xal 6 avTog noXXdiv, oiov av&Qtünov, 2^(axQaTfig ^h eig' rö <T^ ri rjv 
***««♦ ovx Hx^i vkriv. j6 TTQtüTOVf ivTsUx^ia yaq. 



312 Aristoteles. [234} 

komme. Und wenn man sich auch mit der ersten von diesen 
Aussagen auf die Sinnenwelt beschränken wollte ^) , würde ihre 
Unvereinbarkeit mit der zweiten dadurch nicht gehoben. Das 
Wissen soll ja nicht desswegen auf das Allgemeine gehen, weil 
wir imfHhig sind, das Einzelne als solches vollständig zu er- 
kennen; das Allgemeine soll vielmehr umgekehrt, trotzdem, 
dass das Einzelne und Sinnliche ims bekannter ist, desshalb 
den alleinigen G^enstand des Wissens im strengen Sinn bilden, 
weil es an sich selbst ursprünglicher und erkennbarer ist, weil 
ihm allein die Unwandelbarkeit zukommt, welche dasjenige haben 
muss, was G^enstand des Wissens sein soll '). Dann läast sich 
aber der Folgerung nicht ausweichen, dass ihm im Vergleich 
mit dem sinnlichen Einzelding auch die höhere Wirklichkeit zu- 
kommen müsste. Und wir werden ja auch finden *), dass jene» 
nur durch die Verbindung der Form mit dem Stoffe entstehen 
soll. Wie aber dem, was aus Form und Stoff, aus Wirklichem 
und aus blos Möglichem zusammengesetzt ist, eine höhere undL 
ursprünglichere Realität zukommen könnte, als der reinen Form 
wie diese in den aUgemeinen Begriffen erkannt wird, dem Wirk 
liehen, das durch kein blos Mögliches beschränkt ist, lässt sie? 
nicht absehen*). Es bleibt daher schliesslich doch nur übrij 
an diesem Punkte nicht blos eine Lücke, sondern einen höct» 
eingreifenden Widerspruch im System des Philosophen anx^ 
erkennen *»). Die platonische Hypostasirung der aUgemeinen 



1) So G. V. Hertli^io Mat. o. Form b. Arist 43 f. mit der BemerkniK^ 
die Form der Allgemeinheit sei nicht auf allen Gebieten die anerlässli^:^^ 
Bedingung des Wissens, sondern nur wo es sich am die Erkenntniss ^^ 
Körperwelt handelt, sei sie das Mittel, welches die theilweise Unerkennb^v 
keit alles Materiellen hiefiir allein übrig liess. 

2) S. o. 8. 197, 2. 210, 3. 

3) S. 257 ff. 2. Aufl. 

4) Und auch Hertlino macht diess nicht begreiflich; wenn er viehn^^ 
a. a. O. sagt: Objekt des Wissens sei nur das, was die Dinge an bleibend^ 
Gehalt aufweisen, dieser sei aber im Bereiche des Sinnlichen niemals c9 
ganze Ding, sondern in ihm verwickelt mit alle dem Zufälligeii, welcS' 
seinen Ursprung in der Materie habe, so legt auch er uns die Frage na^S* 
wie das Ding, in dem der bleibende Gehalt mit dem ZufEIligen verquickt ^^ 
etwas Substantielleres sein könne, als die Form, die ihn rein darstellt 

5) Nachdem schon Ritter III, 180 auf diese Schwierigkeit Bjxfmnkm^^ 
gemacht hatte, ist sie von Ubtder Vergl. d. arist und hegel. Dial. ISO. \%3 ^ 



[234.235] Form und Stoff. 313 

griffe hat er beseitigt^ aber ihre zwei Voraussetzungen: dass nur 
das Allgemeine Gr^enstand des Wissens sei, und dass die Wahr- 
heit des Wissens mit der Wirklichkeit seines Gegenstandes glei- 
chen Schritt halte ^), lässt er stehen; wie ist es möglich, beides 
in widerspruchsloser Weise zu vereinigen? 

Auch von den weiteren ßestimmimgen werden wir diess 
nicht erwarten dürfen, mittelst deren Aristoteles die Fragen zu 
lösen sucht, welche die Ideenlehre und die mit ihr zusammen- 
hängenden Lehrbestimmungen unbeantwortet gelassen hatten. 

2. Die Form und der Stoff, das Wirkliche und das 

Mögli che. 

Zunächst müssen wir auch hier auf die platonische Lehre 
zurückgehen. Plato hatte in den Ideen das unsinnliche Wesen 
der Dinge von ihrer sinnlichen Erscheinung unterschieden. Aristo- 
teles weiss sich dasselbe als ein ausser den Dingen fttr sich be- 
stehendes Allgemeines nicht zu denken. Aber jene Unterschei- 
dung selbst will er darum nicht aufgeben, und seine Gründe 
daflir sind die gleichen, auf welche schon Plato sie gestützt 
Hatte: dass die unsinnliche Form allein Gegenstand der Erkennt- 
Diss, sie allein das Bleibende im Wechsel der Erscheinungen sein 
könne. So gewiss die Wahrnehmung etwas anderes ist, als das 
bissen, sagt er mit Plato, so gewiss muss auch der Gegenstand 
des Wissens ein anderer sein, als die sinnlichen Dinge. Alles 
Sinnliche ist vergänglich und veränderlich, es ist ein Zufälliges, 
^ so oder anders sein kann; das Wissen dagegen bedarf eines 
Gegenstandes, der ebenso unveränderlich und nothwendig ist, 
^e es selbst, und sich ebensowenig in sein Gegentheil ver- 
kehren kann, als es selbst sich jemals in | Unwissenheit ver- 
kehrt: von den sinnhchen Dingen gibt es weder einen Begriff 
^och einen Beweis, die Form allein ist es, worauf sich das 
*^J88en bezieht*). Sie ist aber auch die unentbehrliche Be- 



*"** in unserer ersten Anfl. S. 405 ff. weiter besprochen worden, welcher 
^^^^z Arift Metaph. 11, 569. Schweolbr Arist. Metaph. III, 133 beitreten. 
^' «och Strümpell Gesch. d. theor. Phil. 251 f. 
1 ) Vgl. 1. Abth. S. 541 f. 

^) Heuph. Y1I, II. 15 (s. o. 210, 3), wozn m. vgl., was 1. Abth. S. 541 f. 
"* ^lato angeführt wnrde. Ebd. III, 4. 999, h, 1: ei filv ovv /ntj&iv lati 



314 



Aristoteles. 



[235] 



dingung alles Werdens; denn alles Werdende wird aus etwas 
und zu etwas, das Werden besteht darin, dass ein Stoff mne 
bestimmte Form annimmt; diese Form muss daher vor jedem 
Werden als das Ziel desselben g^eben sein, imd gesetzt auch, 
im einzelnen Fall wäre sie selbst erst entstanden, so kann diess 
doch nicht in's unendliche so fortgehen, da es dann gar nie zimi 
wirklichen Werden kommen könnte: das Werden überhaupt 
lässt sich nur erklären, wenn allem Gewordenen die ungewor- 
dene Form^) vorausgeht*). 



g 

In 





naga r« xad-^ exatJTtty oi&kv äv dri vor^rbv aXla ndvxa aia&rjTa xal ini^ 
arrifirj ovO^evog^ et fir^ ng flvai kiyn T^vafaO-tjaiv ^TrianjftTiv. hi <f* oiJcf* atdiov^ 
ovd-iv ov6^ axivrjrov IV, 5. lOlU, a, 25: xara t6 ddog anavTa yiyv(aaxotitv^~' 

1) Elöog, fiOQifri, Xoyos (hierüber S. 209, 1) ovaia (S. 260 2. Aufl.)^ 
To r/ riv tlvai. (S. 207, 2). 

2) Metaph. III, 4. 999, b, 5: allä firjv et ye aidiov ov&^v iariVf ov<f^^ 
yivtavv elvaC dvvarov dvtiyxrj ydg tlvaC rt rb ytyvofievov xal ^| oC--=^ 
yCyvirai, xai Tovrtov t6 ^a/arov ayivvrjTOV iXneQ taraxal t€ xal (x fi 
ovTog yev^afkai aSvvaTOv , . , , tri J' flneq ^ vXr^ iarl Ji« ro oy^WTiro 
elvai, noXv ht fiäXXov euXoyov ilvat r^y ovafav 6 tioti ixiivr] yiyv€xat> 
(die ohala als dasjenige, was jene wird) tl ydq firjre tovto tatat /ijji 
ix€(vtjy ov^^v tarai, to naqdnav. el cff tovto «Jüvaror, avdyxfj rt elva> 
naqd to avvoXov ttjv fiOQifT]v xal tö ilSog. VIT, 8, Anf.: inhl dh vn 
Tivog T€ yCyveTai to ytyvo/jsvov . . . xal tx Tivog (z. B. aus Erz) . . , xa 
o yCyviTai, (z. B. eine Kugel) . . . £aneo ovSk to vnoxsifjievov no&ii to 
XaXxbv, ovT(og ov6k ttiv atpaigav si /uri xard av/xßißtjxog .... läyw J * 6t 
Tov xaXxov OTQuyyvXov noaiv fatlv od to OTQoyyvXov iq ttjv afpaTga 
noiHV, dXX^ ereQov r*, olov to eldog tovto iv aXXqi, Die Form könnte j 
wieder nur aus einer andern entstehen und so in's unendliche, da alle £n 
stehung Einbildung einer Form in einen Stoff ist. ifaviqov aga oti ov 

TO Mog ... Ol) y{yv€Tai, . . . ovdk to tC tjv dvai or* to f^kv (ug *7cf( 

fj ovaia Xiy6fA6vov ov yCyviTai, 17 dk ovvoSog ij xaTv TavT^v leyofi 
yCyvtrai^ xal oti Iv navTl r^ yevof^ivtp vXij iveOTi, xal lort to fikv to 
TO J^ ToJ«. c. 9. 1034, b, 7: ov /.lovov ök tkqI T^g ovaCag 6 Xoyog 6ijX 
TO /uij yiyvead-ai ro <?Jof, uXXd nfgl navTtav OfAoCtag tosv ngoirtov xotp 
6 Xoyog^ olov noaov noioi u. s. w. Nicht die Kugel und nicht das E 
entsteht, sondern die eherne Kugel, nicht das noiov, sondern das xro« 
|Jjloy. Xn, 3, Anf. 2 ov yCyvtTat ovre rj vXii ovt€ to elSog, Xfyo) Sk 
taxaTa. ndv yicQ fjttTußdXXei tI xal vno Tivog xal efg ti. v(p* ov fniv, t 
7tQ(JüT0v xirovvTog* o 6ki fj vXrj' eig o «T^, to tldog, tig annQov ovv ( 
€l firi juovov 6 ^aXxog yiyreTai OTQoyyvXog, dXXa xal to OTQoyyvXor 5 
XaXxog' dvdyxri U aTrjvat. Ebd. 1070, a, 15. VUI, 3. 1048* b, 16. c» 5. 
1044, b, 22. 



[236] Form und Stoff. 315 

Aus demsdbeii Grunde muss aber der Form der Stoff 
gegenüberstehen, und das Verhältniss beider darf nicht (mit 
Plato) I ein&ch als ein gegensätzUches bestimmt werden, so dass 
alles Sein ausschliesslich auf die Seite der Form fiele und ftir 
den Stoff nur die Bestimmung des Nichtseienden übrig bliebe. 
Es handelt sich auch hier um die alte Frage nach der MögUch- 
keit des Werdens ^). Aus dem Seienden scheint nichts werden 
zu können, denn es ist schon, aus dem Nichtseienden nicht, 
denn aus nichts wird nichts. Dieser Schwierigkeit lässt sich 
nach Aristoteles nur dadurch ausweichen, dass wir sagen, alles, 
was wird, werde aus einem solchen, das nur beziehimgsweise ist 
und beziehungsweise nicht ist. Dasjenige, woraus etwas wird, 
kann nicht schlechthin ein Nichtseiendes sein, es kann aber auch 
i^och nicht das sein, was erst daraus werden soll, es bleibt also 
J^ur übrig, dass es dieses zwar der Möglichkeit, aber noch nicht 
der Wirklichkeit nach ist. Wenn z. B. der Ungebildete ein 
Q^ebildeter wird, so wird er dieses allerdings aus einem Nicht- 
S^bildeten, zugleich aber aus einem Bildungsfähigen; nicht das 
ungebildete als solches wird ein Gebildetes, sondern der un- 
gebildete Mensch, das Subjekt, welches die Anlage zur Bil- 
^Uiig hat, aber in der Wirklichkeit noch nicht gebildet ist. 
-^Jles Werden ist ein Uebergang der Möghchkeit in die Wirk- 
**<ihkeit; das Werden überhaupt setzt daher ein Substrat voraus, 
^^öaen Wesen eben darin besteht, die reine Möglichkeit zu sein, 
^^che noch in keiner Beziehung zur Wirklichkeit geworden 
*^*). Alles wird das, was es wird, aus seinem | Gegentheil; 



1) Vgl. S. 283. 289 f. 

2) Dieser Zusammenhang ist Phys. I, 6 — 10 ausführlich entwickelt. 
^^ nicht den ganzen Abschnitt abzuschreiben, will ich die folgenden Stellen 
J^^'^usheben. C. 7: (pa^kv yäq y£v€a&ai i( allov aklo xal i$ hiqov 
^^^Qov ^ To uTika liyovT€g ^ avyxeifjtava (jenes, wenn ich sage : der Mensch 
^^^ gebildet, oder: der Ungebildete wird gebildet, dieses, wenn ich sage: 

^^ ungebildete Mensch wird ein gebildeter Mensch), rdiv dk yivouivatv loe 

•* anXtt X^yofiev yiviad-ai^ to fihv vnofji^vov Ifyofiet yhecd-at'j to <f* 

^y;^f* vnofiivov' 6 fjikv yäq avd-Qtonog vnofiivH fjiovatxos yivofievoi ay^^a»- 

'^^^C xal toxi, x6 äk fifi fiovaixov xal to äfiovaov ovie anldSg ovt€ oi/vti- 

^fAfvov i/nofjtivei. Sujguffiävtov dk tovtojv, i$ änavrtov ttiv yi^yvofjL^vwv 

^oOto eati Xaßetv iav t^c intßX^y/tji, oianeQ Kyofiiv^ ort du ti «fi vno^ 

**MT^at TO yivojuivov, xal xovxo €i xal dgid^fx^ iaxtv ^V, dXX* etdei y€ 



316 Aristoteles. [237] 

was warm wird, muss vorher kalt, wer ein Wissender wird, 
muss vorher unwissend gewesen sein^). Aber das Entgegen- 
gesetzte als solches kann sich nicht in sein Gegentheil verwan- 
deln oder auf sein G^entheil einwirken: die Kälte wird nicht 
zur Wärme, die Unwissenheit nicht zum Wissen, sondern jene 
hören auf, wenn diese eintreten; das Werden ist nicht Ueber- 
gang einer Eigenschaft in die entgegengesetzte Eigenschaft, son- 
dern Uebergang aus einem Zustand in den entg^engesetzten 
Zustand, Vertauschung einer Eigenschaft mit einer andern. Alles 



Ol;/ ?y . . . ov yaQ ravrov t6 dv&gwntp xal t6 afxovüt^ ilvat. xal rb fih 
vnofx^vity To <f* ovx vTiofiivei'' t6 fxlv firi dvJix({fji(vov vnou^vti (o yaq 
av&QOjnos vTtofji^v fi) t6 fjovtrixbv (f^ xttl rb ufjiovaov oi^ vnoju^vet. Ebd. 
190, a, 31: bei allem anderen, was wird, ist die ovaCn das Sobstrat der 
Veränderung; ort ^h xal at ovatttt xal oaa aXXa anltSs ovra i^ vnoxH' 
^ivov rivbg y^veruh fniffxonovm y^voir* av (pave^ov. Diess wird sofort 
am Beispiel der Pflanzen, der Thiere, der Knnstprodukte, der chemischen 
Veränderungen (alloioiaetg) nachgewiesen, und dann fortgefahren: ütau 
Jfjlov ix T(Sv elQTjfi^voDVj oTc To yivo/LKvov anav «fl avvd-ixov /oT*, xci 
^axi fjL^v Ti yivofievov, ^ari <f/ ri o tovto ytverat, xal tovto ^iiror' i| 
yaQ rb vnoxiCfJKVov ^ rb dvrixet/nevor. Xfyio <f^ dvtixsla&ai filv xb nfAOvOov^ 
vTioxetaS-ai J^ rbv avd-QtonoVj xal ttiv fjilv daxrjfdoavvrjv xat t^v dfAOQiflav 
V] Tr]v dxa^Cav xb dvxtx€(f4€vov, xbv^k ;^«Ax6y rj xbv Xi&ov ^ xbv /^v<foy 
xb vTxoxiifievov. (fave^bv ovv . . . ort y£yv€xa& ndv %x xe xov vnoxufiivov 
xal XTJs fiOQ(pijg , . faxt <f^ to InoxiCfjt^vov aQ^d^fit^ fikv Fv, «ftf«« dk dvo, 
nämlich 1) der Stoff als solcher und 2) die Negation der Form (die axigfiOic) 
als Eigenschaft {avfißeßtixbs) des Stoffes. Eben diese Unterscheidung, fahrt 
nun c. 8 fort, löse auch die Bedenken der früheren Philosophen gegen di^ 
Möglichkeit des Werdens. Diese nämlich haben das Werden ganz geläagnet ^ 
ovx€ ydq xb uv yivea&ai (elvat ydg tj^ri) ix x€ fir\ ovxog ov^lv uv yivio^it-^^ 
. . . r^fiilg ßl xal avxoC (fafiiv yfyvtad'ai fxlv ovdkv dnXtig ix firj ovxoC'^ 
Ofi(os fi^vxoi yiyviaf^ai fx fxri ovxog, olov xaxä avfdßeßrixog ' ix yaQ xif ^ 
(rr«^(J€(ü;, o iax^ xaB-^ avxb /ufi oy, ovx ivvndgxovxog yiyvexaC r* (d. 
ein Ding wird das, was es nicht ist, aus der Negation, welche an und 
sich ein Nichtteiendes ist, der Mensch z. B. wird das, was er nicht is^ 
gebildet, aus einem Ungebildeten) , , , Hg /Jtkv J^ xgonog ovxo^^ äXXo^ 
oxi ivd^x^a^ xavxd Xfyetv xaxä xriv ^vvafitv xal T^y iviQynav, Gen. 
corr. I, 3. 317, b, 15: xgonov fxiv xiva ix firj ovxog dnliSg y{viTai, XQont 
Sk aXXov i^ ovxog diC, xb yäq dwdfift ov ivxiXix^Ctf 6k firi ov dvd^ 
nQovnaQx^v Xeyofjttvov d fjupoxiQttg, VgL Metaph. XII, 2 (eine mit 
der Physik ganz übereinstimmende Auseinandersetzung); ebd. c. 4. 1070, 
11. 18. c. 5. 1071, b/8. IV, 5. 1009, a, 30 und oben 314, 2. 
1) S. u. und Phjs. II, 5. 205, a, 6. 



[237.238] Form und Stoff. 317 

Werden setzt daher ein Sein voraus, an welchem dieser Ueber- 
gang sich vollzieht, welches den wechselnden Eigenschaften und 
Zuständen als ihr Subjekt zu Grunde liegt, und sich in ihnen 
erhält Diese Unterlage ist in gewissem Sinn allerdings das 
Gegentheil dessen, was sie werden soll, aber sie ist diess nicht 
in sich selbst, sondern abgeleiteter Weise: sie hat die Eigen- 
schaften noch nicht, die sie erhalten soll, und hat statt ihrer 
die entgegengesetzten, sie steht insofern zu dem , was aus ihr 
werden soll, im Verhältniss der Verneinung; aber dieses Ver- 
häliniss betrifft nicht ihr eigenes Wesen, sondern nur die Be- 
stimmungen, I welche ihr zukommen^). Als die Voraussetzimg 
^es Werdens kann dieses Substrat niemals entstanden sein; 
und da alles, was vergeht, sich zuletzt darein auflöst, ist 
es unvergänglich*). Diese ungewordene Grundlage des Ge- 

1) M. vgl. ausser den letzten Anmm. und S. 300 f. Phys. I, 6. 189, a, 20 : 

es können zur Erklärung der Erscheinungen nicht blos zwei Principien 

wgenommen werden, welche sich rein gegensätzlich verhielten, anogrjaiu 

y^Q ttv ng TTflSf rj fi nvxvoTTjg i^y /uardn^ra notetv ti n^tfvxiv ij avTij 

^^ nvrifOTriTa, OfioCtog dk xdi alltj onoiaovv ivavTioTtjg u. s. w. c. 7. 

l%)b, 29: ^i6 eari fikv log dCo Xsxräov elvai rag aqx^^t ^^^ ^^ ^^ "^Qf^S' 

*"i Wri fikv wf xavavrCa^ oiov et rtg Xiyoi x6 fiovaixöv xal t6 äfjLovaov 

^ "^^ ^iQfihfV xai To ifßvxQov rj to rjQfioafiävov xal ro dvagfioarov taiv d* 

•f Oü' ITT* alXfiXütv yäq naax^^v ravairtia advvajov. Drei Principien 

^'^ält man (a. a. O. 191, a, 12), wenn man ausser dem vnoxei/Aevov und 

^^m Xoyog die atiqria^g besonders zählt, andernfalls nur zwei; das Ent- 

^^engesetzte ist Princip, sofern der Stoff mit der ar^Qfja^Si ^em Gegentheil 

^^ Form, welche er erhalten soll, behaftet ist, ein anderes als das Ent- 

^^engesetzte, sofern er an sich selbst der einen Bestimmung so gut, wie der 

^^«lern, fähig ist. c. 9. 192, a, 16: Plato fehlt, wenn er die Materie einfach 

^^ NichtSeienden gleichsetzt ovro; ycig rtvog d^eiov xal dya&ov xal 

^V>€roi?, TO fjikv ivavriov avTt(} tpafAkv eJvai, to dk o nätpvxev iipUad-at xal 

^W^€a^» avrov xarä ttjv iavtoi (pvaiv. totg dk ffvfißaCvti ro ivavr^ov 

^^fyiO^ui i^g iavtoi tp&ogäg, xa(to& ovre avro iavvoi olov t£ i(fUoda$ 

^ e2So^ diä TO firi elvat Mikg^ ovre ro ivairiov, tf^aqtixd yaq aXXriXtitv 

^ irovria, dXXd toCt* taxiv 17 vXi?, Saneg av et ^Xv a^^evog xal alax^v 

"^^lov. (S.o.S.301,2.) Phys. IV, 9. 217, a, 22: laxlv vXrj fi(a roiv ivav- 

^n»y, O-iQfjiot xal yjvxQoi xal rtSv aXXtav rwv (pvaixuiv havtmaitoVy xal 

^ dvrd/LUtr ovTog iye^eCtf ov yCvettu^ xal oi /oi^^or^ fxkv [sc. Tojy ivav 

^*%KJ«ftw] ij vXrif T(ß <f* ilvai ^reQOv, 

2) S.o. 314, 2. Phys. 1,9. 192, a,i28: atpd'aqjov xal ayiwritov dvdyxri 
^^rp^ elvat. ilre yäq iyiyvero, vn6xua^aC t* deX n^eÜTov, to i^ ov ivv' 
^^QX^^^^^^ • • • ^^"^^ ifd'UQextu^ ets roi/ro atfC^eta^ taxotrov» 



318 Aristoteles. [288J 

wordenen*) ist die Materie*): zu der Form kommt als zweites 
der StoflF3). 

Hiemach bestimmt sich nmi der Begriff und das Verhält- 
niss dieser beiden Principien näher dahin, dass die Form das 
Wirkliche ist, der Stoff das Mögliche*). Beide Begriffe 



1) Tb v7ioxt(fi€voVy to dexnxoyy s. folg. Anm., S. 315, 2 und gen. et 
corr. I, 10. 328, b, 10: &aT€QOV /uh d^xjixbv ^dxkQov <f* Mog, De an. II, 
2. 414, a, 9: f^oQffrj xai Mog ri xal Xoyos xal olov Mgyna rov ^axrixov. 
Ebd. Z. 13: tSare Xoyog tig av etri [ri ^vx^l] xai Mog, aXl* oi/ vXfj xal 

TO vnoXlCfJLiVOV, 

2) Phys. a. a. O. Z. 81 : Xiyfo yuQ vXtjv t6 ngdÜTOv vnox^CfÄ^vov ixaartp, 
i( ov yCvixaC xi ivvnd^x^^^^^ f^V xaxa nvjußeßrixog. Gen. et corr. I, 4, 
Schi.: Haxi 6k vXrj fidXiaxn fikv xal xvqitog x6 vnox€(fifvov y€v^<fetug x<ci 
(fyd-OQag diXJirXov, XQonov 64 xiva xal x6 xaTg aXXatg fifxaßoXaig. Metaph. 
I, 3. 983, a, 29: h^Quv 6k [alx^av (fnfjikv ehat] xrjv vXriv xal x6 vnoxei- 
fjievov. Vgl. die vorigen Anmm. 

3) Vgl. die vorhergehenden und die nächstfolgende Anm. Neben Form 
und Stoff wird die ax^^riatg^ da sie kein selbständiges Prineip, sondern nur 
etwas dem Stoff als solchem, dem noch ungeformten Stoff, zukommendes ist, 
nur mit einem gewissen Vorbehalt, und nur in dem kleineren Theil der 
hergehörigen Stellen besonders aufgeführt; so Phys. I, 7 (S. 317, 1) Metaph« 
XII, 2. 1069, b, 32, c. 4. 1070, b, 10. 18. c. 5. 1071, a, 6. 16. 

4) De an. II, 1. 412, a, 6: Xiyofiev yivog ?v r* Twy ovxtov xriv ovafav^ 
xavxrig 6k x6 fxhv tog vXrjv, o xad-* avxo /jIv ovx €(Txi^t66€ t*, 1ex€qov 6k 
fjLOQ(friv xal fZcfof, x«i>* rjv 7J6ri XiyiXtti x66€ t» xal tq(xov t6 (x xovxmv, 
toxi 6* ri fxkv vXrj 6vvafng, xb 6* (16og (vxeX^x^ta. Ebenso c. 2. 414, a, 
14 ff. gen. et corr. n, 9. 335, a, 32: tog fikv ovv vXri xolg yBwr\xoTg iaxtv 
afiiov x6 6vvaT6v ilyat xal fjtri elvai. Metaph. VII, 7. 1032, a, 20: anavxa 
6k xä yiyv6fi€va rj (fvaei rj x^^vri ?/€* vXriv, 6vvaxbv yag xal elvai xal 
firi sh'ai exaaxov avitSv, xoixo 6* X'^^ ^^ ^^^^ ^^^^ nicht sein kann) 
i<nlv h ixdaxtü vXrj. c. 15 (s. o. 210, 3). Vm, 1. 1042, a, 27: fflTjv 6k 
Xfyto f) /li^ x66i XI ovaa h*€Qyi{qi 6wdfji(i toxi x66€ xi. c. 2. 1042, b, 9: 
inel 6* ri /ukv (og vnoxnfiivri xal mg vXrj ova(a ofioXoyeTxaiy avtri d* i<n\f 
rj 6vvttfl€i, Ebd. 1043, a, 12: 17 (v^Qyeia aXXrj äXXrig €Xrig xal 6 Xoyog. 
Z. 20: xov €t6ovg xal xrjg (vegyetag. Z. 27: 17 fikv yag tog vXrj [ovata imlr] 
17 (f ' (og fiog(pT) ort MgyHa, c. 3, Anf. : xriv higyeiav xal xrjv fjtogtprpf . . . 
XTig ivegytiag xal xoC tl6ovg. c. 6. 1045, a, 23: et cT' iaxlv . . . t6 /i^y vXfi 
xb 6k juoQCfTjj xal x6 /nkv 6vvdfiH xb 6k (vegye^q, IX, 8. 1050, a, 15: ^ vi^ 
(axl 6vvdfi€t, oxi eX&oi av eig xb €76og' Sxav 64 y* ivigye^tf 5, raxe h 
x^ Met iaxtv. b, 2. 27 : 17 ovaia xal xb fl6og Mgyeid i<niv ... 17 ovaia 
[x(ov (f^^agxtSv] iJXri xal 6vva/Liig ovaa, ovx ivigyeia, XII, 5. 1071, a, 8: 
iv€gy€((jt fxkv yag x6 il6og . . . 6vvdfiei 6k r vXrj. Z. 18: ndvxttv 6fi 
ngtjxat dgxal xb iv€gyif($ ngtaxoVf xb et6€t, xal äXXo o 6vvdfi€i, D« 



[239. 240] Das Wirkliche und das Mögliche. 31^ 

fflnd ja nur | dadurch gewonnen worden, dass die zwei Grenz- 
punkte unterschieden wurden, zwischen denen jedes Werden und 
jede Veränderung | sich bewegt ^). Abstrahiren wir in einem 



6wdfUt ov fallt nach diesen Erklärungen, deren Zahl sich leicht vermehren 
liesse, mit der vIt]^ das (vtQyetq ov mit dem eJ^og der Sache nach durch- 
aas zusammen, und nicht einmal das scheint mir richtig, dass bei der vkri 
mehr an die ngtorrif bei dem dvvdfiH ov mehr an die ia^ttTt] vlrj (s. S. 320, 2) 
gedacht werde ^Bositz Arist. Metaph. II, 398). Will auch Aristoteles 
Metaph. IX, 7 die Frage: non övvdf^H iarlv '(xntnov ; zunächst durch die 
Angabe der (a/arri vXrj beantworten, so müsste er doch ebenso auf die 
Frage nach der vXri ixdatovy dem Stoff dieser bestimmten Dinge, antworten : 
wenn die Erde nicht 6vvdf4H av&QOjnog genannt werden soll, ist sie nach 
MeUph. VIII. 4. 1044, a, 35, b, ] ff. auch nicht der Stoff des Menschen zu 
nennen, und was unsere Stelle ^vvdjuii oixla nennt, bezeichnet dieselbe 
1049, b, 8 fi*. als vir]. Die TiQtjrrj vkij umgekehrt ist das ^vvd/Liei ov 
schlechthin. Sofefn daher zwischen den beiden Begriffspaaren noch ein 
gewisser Unterschied übrig bleibt, betrifft er doch nicht sowohl ihren Inhalt, 
ils den Gesichtspunkt, unter den er gestellt wird. Den Gegensatz von Form 
und Stoff erhalten wir zunächst dadurch, dass wir verschiedene Bestand- 
thfiile, den des (vegyei^ und ^wd/uei dadurch, dass wir verschiedene 
Zastände der Dinge unterscheiden. Jener bezieht sich auf das Yerhältniss 
des Substrats zur Eigenschaft, dieser auf das Yerhältniss der früheren Be- 
schaffenheit zu der späteren, des Unvollendeten zum Vollendeten. Da aber 
das Wesen des Stoffes nach Aristoteles darin besteht, das Mögliche, das 
Wesen der Form darin, das Wirkliche zu sein, so lässt sich kein Fall 
denken, in dem mehr, als eine Aenderung in der grammatischen Form, nöthig 
^ve, um jenen Ausdruck mit diesem zu vertauschen ; und auch das umge- 
^^hrte, dass statt des Möglichen und Wirklichen Stoff* und Form gesetzt 
^^> ist weit in den meisten Fällen zulässig, nur dann macht es Schwierig- 
keit, wenn nicht von zwei Dingen die Rede ist, welche sich als Mögliches 
^"^ Wirkliches verhalten, sondern von Einem und demselben Ding, welches 
^<^n der MögUchkeit zur Wirklichkeit übergeht, wie z. B. Phys. II, 3. 195, 
^^^' VUI, 4. 255, a, 33. De an. II, 5. 417, a, 21 ff", gen. an. II, 1. 735, a, 9; 
■och hier wird sich aber immer zeigen, dass ein Ding nur insofern ^vva^n 
"*' *l8 es die vlt] an sich hat. Wiewohl daher das Swu^ni und friQys^if 
^*th. betrachtet einen weiteren Umfang hat, als vXrj und el^og (denn 
'•«ej drückt nur ein Yerhältniss zweier Subjekte zu einander aus, jenes 
''^H ein Yerhältniss Eines Subjekts zu sich selbst), so ist doch in meta- 
^ ^•ischer Beziehung zwischen beiden kein Unterschied. 

1) Dass der aristotelische Begriff des Stoffes, und ebendamit die Unter- 
redung von Form und Stoff, auf diesem Wege, als eine Yoraussetzung 
^ Erklärung des Werdens, gefunden worden sei, liegt auch in der Be- 
^^nng: nur das habe einen Stoff*, dem ein Werden zukommt; Metaph. YIII, 



^20 Aristoteles. [240] 

gegebenen Falle von allem dem, was ein Gegenstand erst wer- 
den soll, so erhalten wir einen bestimmten Stoff, welchem dne 
bestinmite Form fehlt, welcher mithin erst die Möglichkeit der- 
selben enthält; abstrahiren wir schlechthin von allem, was &• 
gebniss des Werdens ist, denken wir uns ein G^enständliches, 
welches noch gar nichts geworden ist, so erhalten wir den reinen 
Stoff ohne alle Formbestimmung, dasjenige, was nichts ist, aber 
alles werden kann, das Subjekt oder Substrat, dem von all^ 
denkbaren Prädikaten keines zukommt, das aber ebendesshalb 
für alle gleichsehr empfänglich ist: mit anderen Worten, das, 
was alles der Möglichkeit und nichts der Wirklichkeit nach ist, 
das rein potentielle Sein^j ohne alle und jede Aktualität*). | 
Abstrahiren wir umgekehrt bei einem Gegenstand von allem, 
was an ihm noch unfertig und erst auf dem W^eg zur Voll- 



5. 1044, b, 27: ouJt jiavTog vkrj lariv dkV oatav yivia(g iari xai fitraßol^ 
eis akXrjka. oaa J* avtv rov fi^iaßaHtiv fartv ^ fiti^ ovx ion roviuf 
vlri. Vgl. VII, 7 (vor. Anm.). 

1) To dwttinH öv., Eine etwas andere Bedeutung liat Jvvafug, wenn 
es die Kraft oder das Vermögen im Sinn der aQ^h /n^TaßXrjnxii bezeichnet, 
mag es sich nun um ein Vermögen zu wirken oder ein Vermögen zu leiden, 
eine vernünftige oder eine vernunftlose Kraft handeln (m. s. hierüber Mettpb* 
IX, 1 — 6. V, 12); Aristoteles vermischt aber beide Bedeutungen auch wieder 
(vgl. BoNiTz z. Metaph. 379 f. und oben S. 223, 3). Au die zweite derselben 
schliesst es sich an, wenn övvafitg auch für den Stoff steht, dem eine 
bestinmite Kraft inwohnt, wie part. an. II, 1. 646, a, 14 ff*., wo das Feuchte, 
Trockene, Warme und Kalte, gen. an. I, 18. 725, b, 14, wo gewisse SafKi 
Meteor. II, 3. 359, b, 12, wo Salze und Laugen, De sensu 5. 444, a, 1, vo 
Wohlgerüche övvd^ug genannt werden. 

2) Diesen reinen Stoif, der aber (s. u.) nie als solcher vorkommt, nenn' 
Arist. die nQtarri vXri, Ihm steht als die vlrj ia^ntri (fJ^o;, oixkta ixaotoi' 
derjenige Stoff gegenüber, welcher sich mit einer bestimmten Form unmittel 
bar, ohne noch weiterer Zubereitung zu bedürfen, verbindet: die nQtkti vi 
ist die Materie, wie sie den elementarischen Unterschieden vorangeht, di 
la/arri vltj der Bildsäule z. B. ist das Erz oder der Stein, die ia^aTii t/i 
des Menschen sind die Katamenien. Metaph. V, 4. 1015, a, 7. c. 24, Ai 
VIII, 6. 1045, b, 17. c. 4. 1044, a, 15. 34, b, 1. IX, 7. 1049. a, 24. Eini| 
Verwirrung bringt es hicbei für den Sprachgebrauch hervor, dass der Ao 
druck TiQtjTTi vkrj sowohl für den schlechthin ersten als für den relativ erst 
Stoff (die olojs nQüirri und die n^og avrö ngtüiri vltj) vorkonmit; s. Mecap 
V, 4 a. a. O. Vni, 4. 1044, a, 18. 23. Phys. II, 1. 193, a, 28 vgl i 
Metaph. V, 4. 1014, b, 26. Vgl. Bonitz Ind. arist. 786, b, 10. 



[241] Das Wirkliche and das Mögliche. 321 

endimg b^riffen ist, denken wir uns das Ziel des Werdens 
sdüechüiin erreicht, so erhalten wir die reine und vollkommene 
Verwirklichung seines B^rifiB, welcher nichts ungeformtes, kein 
erst zu gestaltender Stoff mehr anhaftet: die Form oder das be- 
griffliche Wesen eines Dings fkUt mit seiner vollkommenen Ver- 
wirklichung, und die Form überhaupt mit der Wirklichkeit^) 
zusammen. Wie eine Bildsäule in dem unbearbeiteten Stoff erst 
der Möghchkeit nach enthalten ist, zur Wirklichkeit dag^en nur 
durch die Form kommt, welche der Künstler dem Stoff ein- 
bildet, so versteht Aristoteles überhaupt unter dem Möglichen 
das Sein ab blosse Anlage, das unbestimmte, unentwickelte An- 
»ch, welches zu einem bestimmten Sein zwar werden kann, 
aber es noch nicht ist, unter dem Wirklichen dag^en dasselbe 
Sem als entwickelte Totalität, das Wesen, welches seinen In- 
halt zum Dasein herausgearbeitet hat; und wenn er die Form 
dem Wirklichen, den Stoff dem Möglichen gleichsetzt, so heisst 
di€88: jene sei das Ganze der Eigenschaften, welche dieser ftir 
sich genonunen nicht hat, aber anzunehmen fähig ist*). Der 
Stoff als solcher, die sogenannte erste Materie % \ ist das Form- 



1) *Ev^QyiM oder (vTil^x^ta (konkreter: to ivegyedf Sy, t6 iyrelexiiq 
^^^)i welche beide Ausdrücke sich zwar eigentlich so unterscheiden, dass 
*»^^fia die Wirksamkeit oder Verwirklichung, Imlix^ia den Vollendnngs- 
^^Mtand oder die Wirklichkeit bezeichnet, welche aber von Arist. gewöhnlich 
^^tenchiedslos gebraucht werden. Vgl. S. 264 2. Aufl. 

2) Metaph. IX, 6. 1048, a, 80: fari d* rj M^eia ro vnaQxeiv to 

^^yfia {Afi ovrtiq toaniQ Xfyofzev Swafm, ifyofiiv dk dwafÄk$ olov iv 

^%» IvJt^i *EQfirjv xttX iv ry SXri rtiv iqfiiattav, ort dtpa&Qtd^eitj ar, xal tni" 

^'^jHwo xal t6v fiTj d'&ejgovvTa, av övvaxog J &ft»^aat' t6 (f* iy^^yett^. 

^^lof if' (nl räp xad-ixatna rgf inay<oyy o ßovXofi^&a Hyitry xal ov «f«»" 

'*«fnof ogoif Cv^iiVy dklä xal to avdXoyov avvoqqVy ot» wf t6 otxodo/novv 

^^ ro oixo^Ofji&xoVf xal ro iyQriyoQog ngos to xad^tvSoVf xal to oQtSv 

^^Of TO fivov filv otp&v (fi I^X^'^i ^"^^ ^^ dnoxfXQ^fi^ov ix Tfjg vXrjg nQog 

'^ vXfiif, xal TO dnii^aOfiivov n^os to dvi^aarov. Tavrris ^k ttjs dut- 

^P^g ^oTegov fioq^ov Jknto rj iyi^na d(f9iQtßfi4yri, d-aTiqt^ 9k to Svva- 

^^' c. 8. 1060, a, 21. Phys. I, 7. 191, a, 7: ^ rf' vnoxHfÄ^VTj tfvaig 

*^*«Ti^ «OT* dvaXoyCav. tag ydq nQog dväQidvTa /oAxo; ^ n^og xXivrjV 

*^h9 rj n^g TiSr aXXtrv it tiuv i^ovreav fiOQfpriv rj vXri xal to afiOQfpov 

X[U ji^i^ Xaßiiv TtfV fioQffffiVt ovTwg aikri n^bg ovaCav J^x^i xal to Todi 
^* ««l t6 or. Ebd. HI, 1. 201, a, 29. 

3) S. o. 320, 2. 

Zell er. Philo«, d. Gr. H. Bd. 2. Abth. 8. Aufl. 21 



322 Aristoteles. [242] 

und Bestimmungslose, denn er ist eben das, was allem Werdoi 
und aller G^taltong vorangeht, das Weder -Noch aller Ocgen- 
Sätze und Bestimmungen, die Unterlage, welcher noch k^e Ton 
allen den Eigenschaften zukommt, in denen die Form d^ Dinge 
besteht ^) ; er ist insofern auch das Unbegrenzte oder Unendficite^ 
nicht im räumlichen Sinn (denn dn räumlich Unendliches gibt 
Aristoteles, wie später gezeigt werden wird, nicht zu), sonden 
in der weiteren Bedeutung dieses Begriffes, womach er übet- 
haupt das bezeichnet, was durch keine Formbestimmung begrenzt 
und befestigt, zu keinem Abschluss und keiner VoUendong ge- 
langt ist ^). Und da das Bestimmungslose nicht | erkannt wer- 
den kann, so ist die Materie als solche unerkennbar: nur duidi 



1) Metaph. VII, 3. 1029, a, 20: lfy(o ^*IvXt)v rj xa&" aixtiv ^lirf ri 
/iiJTf noabv fii^n älko fjirj&^v Uynai olg toQimai t6 ov. C. 11. 1037, a, 27: 
/LUtä fjtkv yuQ tijg vXrig ovx taxiv [Xoyog^ dS^itnov yag, IX, 7. 1049, a, 24: 
el J^ i£ lOTi TiQiOTOVy o fAr\xiti xar' allov Xiyerai (xe^vtvov (so and so 
beßchafTen), tovto nqtotri vlij. VIII, 1; s. o. S. 318,4. IV, 4. 1007, b, 2S: 
TÖ yuQ dvvdfji€i, $v xal firj Ivrelexf^q ro aogufrov itni. Phys. I, 7; 8.0. 
321, 2, Schi. IV, 2. 209, b, 9: die Ausdehnung ist das ^re^^/o^froi' vno rot 
Movg (der Gestalt) xal oj^tafi^vov . . . iari <f^ toiovtov tj vlrj xal w 
doQtaTov. De coelo III, 8. 306, b, 17: actJ^c xal afioQfpov 6h ro vnoüi' 
fisvov flvat' fidUara yccQ'av ovtw Svvaao ^vd-fitCsad-ai, xaSdneQ h^f 
TifLtaiq) yiyQUTrfat, ro navSex^s. 

2) Aristoteles versteht unter dem anttgov zunächst das räumlich IIb* 
begrenzte, und in diesem Sinn untersucht er diesen Begriff in einem S. 294 ff. t 
Aufl. noch zu besprechenden Abschnitt, Phys. III, 4 ff. Indem er nun aber fioö^ 
dass es in der Wirklichkeit keinen unendlichen Raum geben könne, so fiHt 
fiir ihn das Unbegrenzte schliesslich mit dem äogiOrov oder der vlri ^' 
sammen. Vgl. c. 6. 207, a, 1 : man habe vom Unendlichen gewöhnlich €^ 
falsche Vorstellung; ov yäg ov fjtrj^kv l|ai, dXV ov d^C xi «^ ^(TtI, rovf 
anUQOv iartv (hiezu 296, 2 2. Aufl.) . . . dneiQOV ftkv ovv ioriv ov xara nooo' 
lafxßdvovatv d^C t* laßüv tajiv l^w. ov Sk fir^^hv l|«, xovr* iaxl xiUiov x^ 
okov (De coelo II, 4. 286, b, 19 wiederholt) .... xii^iov 6* ovdh fAn Ix^ 
xiXog* x6 91 xiXoi TtiQag . . . . ov ydq Uvov XCvt^ awdmiiy iaxl x^ anaf^* 
xal oX(p x6 dneiQOV .... iaxi ydq ro djreiQov xijg xov fjtsyiO-ovg xeXeionir^* 
vXti xal x6 dvvdfiH SXoVy hx^Xi^iCq rf' ov . . , xal ov m^i^x^* ulX^ 
nigt^X^xaif tj dneigov. <f«o xal äyvotarov rf dnei^ov Mog ydq ovx tjC^* 
17 vXfi .... axonov dk xal ddvvaxov^ xo ayvtatrxov xal x6 doQUSxov m^x^^ 
xal oqC^hv. c. 7. 207, b, 35 : ipave^ov oxi (og vXtj x6 dnHQov lariv afxUJ^^ 
xal oxi x6 fihv elvai avxt^ or^Qr^aig, x6 dk xa&* avxo vnoxilfJLfvof '^ 
Ovvex^S *ß^ ala&rixov. IV, 2 s, vor. Anm. 



(243] Form und Stoff. 323 

einen Analogieschluss gelangen wir zu ihrem Begriff^ indem wir 
für das Sinnliche überhaupt ein Substrat voraussetzen, welches 
sich ebenso zu ihm verhält, wie der bestimmte Stoff zu den 
Dingen, die aus ihm gemacht sind ^). Auf die Seite der Form 
dag^en &llen alle Eigenschaften der Dinge, alle Bestimmtheit, 
Begrenzung und Erkennbarkeit. Form und Stoff bedürfen dess- 
lialb auch keiner weiteren Vermittlung, um Ein Ganzes zu bil- 
den, sondern sie sind unmittelbar vereinigt: die Form ist die 
B&here Bestimmung des an sich unbestimmten Stoffes, die Ma- 
terie nimmt die ihr fehlende Formbestimmung unmittelbar in 
sich auf; wenn das Mögliche zu einem Wirkliöhen wird, stehen 
sich beide nicht als zwei Dinge gegenüber, sondern Ein und 
dasselbe Ding ist seinem Stoff nach betrachtet die Möglichkeit 
dessen, dessen Wirklichkeit seine Form ist*). 

So wenig wir uns aber den Stoff und die Form in ihrem 
gegenseitigen Veriiältniss wie zwei verschiedenartige Substanzen 
denken dürfen, ebensowenig dürfen wir uns auch jedes einzelne 
dieser Principien nach Art einer einheitlichen Substanz denken, 
w dass Ein Stoff und Eine Form die Grundbestandtheile bil- 
deten, aus deren verschiedenen Verbindungen die Gesammtheit 
^ Dinge herzuleiten wäre. Kennt auch Aristoteles in dem 
götüichen Geiste ein Wesen, welches reine Form ohne Stoff ist, 
^ betrachtet er doch dieses Wesen nicht als den Inbegriff aller 
Formen, die iJlgemeine geistige Substanz aller Dinge, sondern 
^ ein Einzelwesen, neben dem alle andern Einzelwesen als 
^bensoviele Substanzen ihr Dasein haben. Kennt er anderer- 
^ts Einen Ghimdstoff, welcher in den Elementen und allen be- 
^deren Stoffen überhaupt zwar | verschiedene Formen und 



1) VhjB. Uly 6; 8. vor. Anm. Ebd. I, 7. MeUph. IX, 6; 8. S. 321, 2. 
^«taph. VU, 10. 1036, a, 8: ij (f üjli? äyvoxnog xa&" avr^v. M. vgl. hiezu 
^' 210, 3 and was Abth. 1, S. 621, 2 aus Plato angeführt wurde. 

2) Metaph. YIII, 6. 1045, b, 17: man hat gefragt, wie die Bestandtheile 
^^ Begrifis oder einer Zahl eins sein können. Die Antwort liegt darin, 
^^ sie sich als Stoff und Form zu einander verhalten (s. o. 210, 3): Icrri 

Cam^ et^firat xal 17 taxarri vXrj (hierüber S. 320, 2) xa\ tj fioQifii 
'**''r6 xal fv t6 fihv äwa/aet rö Jl iviQyeftf, (So Bonitz z. d. St Bekker 
^: ravrd xal dvvdfiH t6 iv.) , , , Hv yag ri exaorov xal t6 6vva^H xal 

21* 



324 Aristoteles. [244] 

Eigenschaften annimmt, an sich selbst ab^ in allen Körpern 
Einer und derselbe ist ^) : so ist doch theils dieser Urstoff nie ab 
solcher, sondern immer nur in einer bestimmten dementarischen 
Form gegeben % und es kann diess auch gar nicht and^s sein, 
da d^ reine bestimmungslose Stoff nur ein Mögliches, aber in 
keiner Beziehung ein Wirkliches ist; theils ist mit diesem körper- 
lichen Grundstoff der Begriff des Stoffes noch nicht erschöpft, 
sondern Arieitoteles redet auch von einer unsinnlichen Materie, 
welche er z. B. in den Begriffen und den mathemataschen Fi- 
guren findet; dahin gehört alles, was sich, ohne ein Körperlidies 
zu sein, zu einem andern ähnlich verhält, wie im Körperlichen 
der Stoff zur Form % Jeder dieser Begriffe bezeichnet daher 
nicht blos Ein Wesen oder eine bestimmte Klasse von Dingen; 
sondern wiewohl sie zunächst unverkennbar vom KörperUchoi 
abstrahirt lund^), werden sie doch überall gebraucht, wo ein 
analoges Verhältniss stattfindet, wie das, welches sie ursprüng- 
lich ausdrücken^). So gibt Aristoteles von den zwei Bestand- 
theilen des B^riffs der Gattung die Bedeutung des Stoffes, | 



1) Die Behauptung, dass der Aether und die aus ihm bestehendexi. 
Körper „keine substantielle Materie haben'S wird S. Sd2 2. Aufl. geprfkf^ 
werden. 

2) Fhys. III, 5. 204, b, 32: ovx ttm toiovtov atSfia ala9^x6v ntt^^ 
xä OTOi/ita xaXovfdtvat sonst müssten die vier Elemente sich in dies-^*^ 
Stoff auflösen, was doch nicht der Fall sei. Gen. et corr. 11, 1. 329, a^ ^• 
Ebd. Z. 24: TjfieTg ^k ipafjihv fihv eJvaC riva vXriv raiv aenfiaTtav -m'^^ 
ala&rir^v, aXXa ravtriv ov xtagiarrfy, all* del /nir* ivavTttoaivyg, f^ ^^ 
yivitai r« xaXov^eva aroi/ita. Ebd. I» 5. 320, b, 12 ff. 

3) Metaph. VIII, 6. 1045, a, 33: iati äk riig vXrig rj fihf vorirrj if ^* 
aia&TiTri, xal atl tov Xoyov to fikv vXri t6 cT* M^Ha iariv, VII, ^^' 
1036, b, 35: l(rra* yciQ vXri ivioDV xal fifi ala&uxwf' xai navtog yaq m)^^ 
T(g iOTiV o firi iiJTi tC riv ilvai xal iJäos avrhr xa&* avro dXXa ro<fc r*. ' * ' 
ioT^ yäg ij vXri ^ fxkv ala&fßti 17 ^k voTjTii. Ebd. c. 10. 1036, a, 9: üXif^ ^ 
1) fihv aia&titrj lanv tj dk ifOfjTri . . . voijr^ ^k rj iv rote ala$^ols %ir^^ 
Xovaa fjiri rj ala&f\xd^ olov xä fia^fjiaxixd. 

4) Man sieht diess aus den Beispielen, an denen sie Aritt. xu erlftniP^^^ 
pflegt; Tgl. S. 314, 2. 315, 2. 318, 4. Von dem Stoffe bemerkt er auch ^^' 
et corr. I, 4. 320, a, 2, man verstehe darunter fidXtaxa xai xv^ttg ^^ 
vnox€(fiivpv yeviaitog xal ipS^ogas ^€xtix6v» 

5) Metaph. XII, 4: xä ^* atxia xal al a^/ctl aXXa aXXtav loriy t^* 
(<ni <f* wV, dv xa&oXov Xfyij x^g xal xax' dvaXoyCav, xavxd ndvtmw . . • ' 



[245] Form und Stoff. 325 

den Artonterscfaieden die der Form^); im Weltgebäude sollen 
sich die oberen Sphären und Elemente zu den unteren ^), in den 
lebenden Wesen die Seele zum Leibe'), in der Thierwelt das 
Männliche zum Weiblichen^), in der Seele die thätige Vernunft 
zur ladenden ^) als ihre Form verhalten. Das gleiche gilt selbst- 
verständlich von den Begriffen des MögUchen und des Wirk- 
lichen: auch sie drtlcken nur ein bestimmtes Verhältniss aus, 
wdches sich zwischen allen mögUchen Qegenständen finden kann, 
mid welches am besten durch Analogie klar gemacht wird^), 
und sie werden von Aristoteles ganz in derselben Weise an- 
gewendet, wie die der Form und des Stoffes; z. B. um die Ver- 
knüpfung der Gattung mit den unterscheidenden Merkmalen und 
überhaupt die Möglichkeit zu erklären, dass Demselben mehrere 
Bestimmungen zukommen ^), od^ um das Verhältniss des leiden- 
den Verstandes zum thätigen zu bezeichnen ^). Ein und das- 
selbe Ding kann desshalb in der einen Beziehung als Stoff, in 



o*ov f(ra>c roiy ai(f!hixwv aatfAdrotv tos fihv eldog to ^iQfiov xai äHov 

^^nov TO yjvxQov tj ar^^rjatg, vXrj ^k to dwafiu tavra nQÜxov xa&* 

"''»^6 . . , ndvxmv 6k ovt(u (jlIv ifmtv ovx Icrr^v, r^ ävaloyov cT^, aaniQ 

*' Uff ilnoi ori ce^/a/ «f<r* tQitg, th Mog xaX ^ oriQriatg xai i} vjli?. all* 

«««aroir tovTiov friQov n€^ IxatfTov y^vog iar^v. c. 5. 1071, a, 3: hi cT* 

^Hov xQonov T^ dvaloyov a^/al ai avral, olov iviqywit xai dvvafug, 

^^^ xal ravra alXa n älX<ng xal älXtog. Z. 24: alXa dk alkotv atria 

^^fTuüv, noaorrjTogf nl^v t^ dvdloyov' xal rw/v iv tavr^ yivH ttiqay ovx 
^'**€*, all* ort TWf xa^ txaotov aklo rj re <ni Dlri xeil to xivrjaav xal ro 
*«ao^ xal Ti ifiky T^ xa&okov äk Xoytp raurd* 

1) S. o. 210, 1. 

2) De coelo IV, 3. 4. 310, b, 14. 312, a, 12. gen. et corr. I, 3. 318, b, 
*2. II, 8. 335, », 18. 

3) De an. II, 1. 412, b, 9 ff. c. 2. 414, a, 13 ff. u. ö. 

4) Gen. an. I, 2, Anf. II, 1. 732, a, 3. H, 4. 738, b, 20 n. ö. Metaph. 
^ «. 988, a, 6. V, 28. 1024, a, 34. 

5) De ao. UI, 5. 

6) MeCaph. IX, 6; 8. o. 321, 2. Ebd. 1048, b, 6: Ifyirai <f ipi^iiq 
*^^ ^drra ofiotttg, dlk* fj ro opdXoyov, ng rovro iv rovtfp ^ nqog tovtOj 
^^ ^* h v^t ^ TiQog Toät* rd filv ydg tug xCvriaig nqtg dvvafjuv, td <f' 
•^ oiaCa nQog tiva vXfjv. XII, 5. 1071, a, 3; s. S. 324, 5. 

7) Metaph. VIII, 6. 1045, a, 23. b, 16. Phys. 1,2, Schi.; s. o. 210, 1. 
*^ 2. 283, 1—3. 

8) De an. III, 5. 



326 Aristoteles. [245. 246] 

der andern als Form, in jener als Mögliches, in dieser als Wirk- 
liches zu betrachten sein; die Elemente z. B. , welche d^i Stoff 
aller andern Körper enthalten, sind Formen des Ursto£b, das 
Erz, welches der Stoff einer Bildsäule ist, hat als dieses Metall 
seine eigenthümliche Form; während die Seele im allgemeinen 
als die Form ihres Körpers zu betrachten ist, werden dock selbst 
in ihrem höchsten und von d^ Materie entferntesten Theile wie- 
d^ zwei Elemente imterschieden, die sich wie Form und Stoff 
zu einander verhalten ^) ; ja wir werden finden, dass alles, ausser 
den I ewigen unkörperlichen Substanzen, etwas stoffliches an sich 
hat'), während andererseits, wie wir bereits wissen'), die Ma- 
terie in der Wirklichkeit nur als geformte gegeben ist. Es sind 
daher in der fktwicklung des Stoffe zur Form verschiedene 
Stufen zu unterscheiden. Wie die erste, schlechthin formlose 
Materie allen Dingen zu Ghimde li^, so hat andererseits jedes 
Ding seinen eigenthümlichen letzten Stoff, und zwischen beiden 
liegen alle die stofflichen Gestaltungen in der Mitte, welche der 
Grundstoff durchlaufen muss, um der bestimmte Stoff zu wer- 
den*), mit dem sich die Form des Dings unmittelbar ver- 
bindet ^). Und das gleiche gilt von dem Vermögen. Wir können 
ein potentielles Wissen nicht blos dem Gelehrten beilegen, wd- 
eher nicht eben in wissenschaftlicher Thätigkeit begriffen ist, 
sondern auch dem Lernenden, oder auch dem Menschen über- 
haupt, aber in verschiedenem Sinne®); wir müssen imterschei- 
den, ob die Möglichkeit der Wirklichkeit näher oder femer 
steht ^). Jedes Ding gelaugt nur allmählich zur Verwirklichung 



1) Vgl. gen. et corr. U, ]. 329, a, 32. Fhys. III, ]. 201, a, 29; Ober 
die Seele S. 375 f. 440 2. Aufl. 

2) Vgl. S. 324, 3. 

3) S. o. 324, 2 TgL m. 320, 2. 

4) M. vgl. die Stellen, welche S. 320, 2 angeführt wurden, z. B. Metaph« 
VIII, 4. 1044, a, 20: yiyvovTM dk nli(ovg vXat tov avToO, Srap dtn^^v 
rj kriga ^, olov (pXfy^a ix Xinagov xal ylvxiog, €i ro Una^ov (x tov 
yXvxäog, ix (Ti /oA^ff Tip dyaXviO&ai iig triv nqmriv vktfi* r^v Z^^' 

5) Hierüber s. m. S. 323, 2. 

6) Phyg. VIII, 4. 255, a, 33. De an. II, 5. 417, a, 21 ff. 

7) Gen. an. II, 1. 735, a, 9: iyyvriQto 6k xal no^^tnfqto auro nvroO 
ivSixifat tlvat dwafiii, üianiQ 6 xa&iv^oiV yito^irqriq tov iygifyogorog 
no^^tar^QOi xal ovtog tov d-itogovvTog, 



[246. 247] Die vier Ursachen. 327 

dessen, was es zuerst nur der Anlage nach war, und in der Ge- 
sammtheit der Dinge li^en unendlich viele Zwischenstufen 
zwischen dem blos Potentiellen oder der ersten Materie und dem 
sdilechthin Wirklichen, der reinen Form oder der Gottheit. 

Die Form stellt sich nun in der Erscheinung imter der Ge- 
stalt emer drei£Eu^hen Ursächlichkeit dar, im Stoffe liegt der 
Gnmd alles Leidens und aller Unvollkommenheit, der Natur- 
nothwendigkeit und des Zu&lls. 

Aristoteles nennt gewöhnlich viererlei Gründe oder Ur- 
Bachen ^): I die stoffliche, die begriffliche oder formale, die be- 
wegende und die £2ndursache ^). Diese vier Ursachen kommen 



1) !^^/a/. lieber die Bedeatnng dieses Ausdrucks vgl. m. Metaph. V,tl 
nebst den Commentaren von Schwbgler und Bokitz. XI, 1, Schi. gen. et corr. 
I, 7. 324, a, 27. Phys. I, ö. 188, a, 27. Vm, 1, ScW. gen. an. V, 7. 788, 
<^ 14. Poet. c. 7. 1450, b, 27. Waitz Arist. Org. I, 457 f. Ind. arist n. 
d. W., auch oben S. 235, 4. ^QX^ bezeichnet das erste in jeder Reihe, 
und insbesondere die ersten Ursachen, d. h. diejenigen, welche aus keinen 
böheren abzuleiten sind, und es wird in diesem Sinne von allen Arten von 
Ursachen gebraucht. Vgl. Metaph. Y,!. 1013, a, 17: naa<Sv fihv ovv xoivov 
^^ «p/wv To nQtoTov iJv^i o^tv rj Martv ^ yiyvfrai rj yiyvtjoxirai ' 
rovttay dk al fikv iwnaqxovaaC elatv al dk ixrog» Anal. post. I, 2. 72, a, 
6. Top. IV, 1. 121, b, 9. 

2) Phys. II, 3. Id4, b, 23: ?ya fih ovv xQonov atriov Xfyerai ro i^ 

^*^ ylnxaC T&